Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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Kapitel 13

Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinüber bog in die Marktgasse, war ein schweigsames Leutgedränge. Frauen und Mädchen guckten aus allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkündete den Lauschenden: Zum ersten, dass jeder Untertan, so vom Aufenthalt der hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Außerlandsfahrt des irrgläubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wäre, dies unversäumt, zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekannt geben müsse. Zum anderen, dass die Untertanen, ausgenommen den sonntäglichen Kirchgang, jede Rottierung auf der Straße, wie jedes herumtragen von Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitägiger Inhaftierung zu vermeiden hätten. Zum dritten, dass nach gerechtem Spruch der Jäger Leupolt Raurisser wegen Ausschwätzung eines geheimen Amtsbefehls zu Pfahl und Eisen gesprochen wäre und kommenden Sonntags nach dem Hochamt seine schuldige Buß in loco hujus vor aller Leut Augen und zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden würde. Die Trommel rasselte. Und die fürsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das Leutgedränge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah nur manchmal ein müdes Lächeln oder einen Zorn funkelnden Blick. Von den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mädchenschöpfe, die Straße wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem kühlsonnigen Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schönsten Landfriedens. Dennoch sprangen Missmut und Erbitterung, Aberglaube und Geflüster, Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus.

Für die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares. Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des Landgerichts. Dr. Willibald Hringghh war sehr beschäftigt. Ruhelos hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem gefährlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele, die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas wussten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der aufgenommen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, dass er scharf eine Wahrheit erkannte: "Schier sechzig Bogen! Und nichts steht drin." Zur Beendigung seines staatsbeschützenden Tagewerkes erteile er noch die menschlich angehauchte Ordre: Den Christl Haynacher aus der Verwarnungshaft zu entlassen.

Seit dem Morgen hatte der stumm gewordene Verkünder vom heiligen Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie er verstand, dass jedes Wort über den frommen Tod seiner gutgläubigen Martle ein Verbrechen wäre, für das er, wenn er es nur ein einziges Mal noch beginge, so schwer wie für Diebstahl oder Brandstiftung zu büßen hätte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verändert, in seinem unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst und Wirrsinn. Obwohl er fürchtete, dass ein Bübl in der Wiege seit dem Morgen hatte hungern müssen, schlug er nicht den geraden Weg zu seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und spähte suchend über die Mauer des Gottesackers: Ob da nicht irgendwo ein frisch gehügeltes Doppelgräbchen zu sehen wäre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur große Gräber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes.

Immer den Kopf schüttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er heimkam, fand er sein Bübl zufrieden und gesättigt, fand alle Arbeit im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief er zur Nachbarin hinüber. Die musste ihm verlegen sagen, dass sie den ganzen Tag nicht Zeit gefunden hätte, nach seinem Bübl zu schauen. Als Christl durch die farbige Dämmerung zurückwanderte zu seiner Haustür, murmelte er wie ein Träumender: "Die Unsichtbaren sind barmherzige Leut! Was wahr ist, müsst einer sagen dürfen." Er trat ins Dunkel seines Hauses. Für sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig. Er hob das schläfrige Bübl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen Lodenmantel und ging mit ihm hinüber zum Gerstenacker. Als er sah, dass vom schwarzen Grabhügel seines Weibes das Kreuz verschwunden war - irgend ein Strenggläubiger oder ein Gottesmusketier hatte es herausgerissen und verworfen - da knirschten ihm zuerst die Zähne. Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind umklammert und erzählte dem schlafenden Bübchen leise vom gottseligen Tod der 'lieben, herzguten Mutter'. Während er so flüsterte, spähte er immer in der sinkenden Dämmerung umher, ob nicht einer erlauschen könnte, dass der Christl Haynacher erzählen musste, was ihm bei schwerer Strafe zu erzählen verboten war. Als er das Bübl heimgetragen hatte, wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer Übelkeit befallen wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen stärken. Immerhin war es unmöglich, dass der Zustand, der den Christl Haynacher befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter ähnlichen Erscheinungen erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute.

Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort hatte hören müssen: "Der Jud!" - häufig auch in der Zusammensetzung mit einer unreinlichen Silbe - wagte sich nimmer auf die Straße, schützte seine Haustür und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung an den roten Tauftag vor fünfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute früher nicht das geringste Zeichen von Kränklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor Anbruch des Dunkels ließ er sich wegen Unpässlichkeit von der auf die siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung der vier überflüssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den man im Verdacht hatte, dass er aus bedenklichen Gründen die über die schwarzweiße Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwänzen möchte, schlürfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glühwein, dessen lieblicher Zimtgeruch die Stube frühlingsähnlich durchduftete. Seine Pein verbeißend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden Herren freundlich zu begrüßen. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und angstvoll brüllte er die taube Schwester an: "Franziskaaa! Schnell! Es kommt schon wieder - salva venia, Ihr guten Herren -" Er fuhr mit den langen mageren Beinen aus dem Bett.

Fluchtartig verließen Jesunder und Dr. Willibald Hringghh die gefährliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur anderen Tür hinaus, kleidete sich hastig an, öffnete einen Schrank und zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern gebändert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen seines Krankenbettes holte er einen großen, von Rost zerfressenen Schlüssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den Bewegungen eines völlig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an die Mauer gedrückt und spähte hinaus.

In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern durch den Abend glänzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier überflüssigen Buchstaben über den weiten Hof zum Stift hinüber. Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht völlig überzeugt, war noch immer misstrauisch. Doch unter dem Barett des Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Gärungsprozess zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. "Nein, Reverende," sagte er, "in diesem Fall tut Ihr ihm unrecht. In contrario naturae versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier arbeitet das organon humanum ganz nach eigenem Gutdünken. Nein, Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender." Barmherzig fügte er bei: "Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer, verlorener Mann!"

Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte über die Diffizilitäten der ungetauft-getauften Missliebigkeit schon in leidenschaftlichem Gang. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der Fürst war abwesend, um bei der Allergnädigsten zu speisen. von Stunde zu Stunde ließ er sich Botschaft über den Verlauf der Debatte senden. nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde, schicke der dem Grafen Tige mit dem Befehl: Die Kapitularen müssten bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Nötige noch vor Mitternacht erledigt werden könnte und der anbrechende Sonntag nicht bedroht wäre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Fürsten als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung missglückte. Schließlich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg, als die verschiedenen Vorschläge auf Zettel zu schreiben und den Grafen Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind, das Los erküren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in graziösester Form den Schicksalsspruch aus der Urne und las: "Anatomische Trennung, Begräbnis der weißen Heilhälfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen, ewig verlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger." In Wahrheit sagte dieses durch die Wirkung der Unschuld verkündete Gottesurteil keinem der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man musste sich mit ihr versöhnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten bis elf.

Man ließ den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissär, der Landrichter zum Protokollisten ad usum juris ernannt, zwei Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schläfrig war, schloss sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackelträger bewegt sich der würdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu. Jesunder, der den Schlüssel in Verwahrung hatte, wollte das Türschloss aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. Dr. Willibald Hringghh verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darüber: Dass erstens nur ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher Schlüssel vorhanden sei; dass zweitens jede Möglichkeit eines Missbrauchs dieses Instruments als absurd zu gelten hätte, und drittens die Türe noch ordnungsgemäß versperrt, das Fenster noch undurchdringlich vergittert und somit die Tatsache, dass kein menschlicher Fuß die Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit festgestellt wäre.

Alle Punkte wurden mit gründlichster Genauigkeit erforscht und zu Protokoll genommen. "Jetzt!", sagte Dr. Willibald gnädig zum Chorkaplan. Jesunder öffnete die versperrte Tür, wissbegierig drängten die Herren heran, die Fackelträger traten voraus in den finsteren, sonderbarerweise ein bisschen nach Zimt duftenden Raum, und da erhob sich nach stummer Verblüffung ein fürchterliches Geschrei des abergläubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der fassungslosesten Gemütszustände. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit den vier entbehrlichen Schriftzeichen musste als unbestreitbares Faktum erkennen: Dass jener arme kleine schwarzweiße Doppeltod, der so viel gefährliche rumores erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt hatte, völlig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten, fest verschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf und unter dem Totenbrett, sucht ein der Fensternische, sucht ein jedem Winkel, und der Freimann musste sogar auf Befehl des Landrichters mit einem eisernen Schürhaken in alle Mauslöcher hineinstochern.

Nichts.

Der Wildmeisterknecht und die Fackelträger flüsterten gleich von einem Höllenstreich. Ein paar Verständige unter den Kapitularen nahmen das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bisschen schadenfroh, in Gelächter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen, als wäre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren, und unter sämtlichen Augenzeugen des unerklärlichen Rätsels befand sich nur ein einziges, restlos glückliches Menschenkind: Der Dr. Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewusster Ahnung aller Möglichkeiten keine Formalität versäumt hatte und außer obligo war. Da gab es kein Deuten und Rütteln. Alles war formaliter erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann zu verhören, zu untersuchen, zu protokollieren. "Da bin ich neugierig, was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt!", flüsterte Graf Saur einem der Herren zu. "Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir der Wahrheit am nächsten."

Den Fürstpropst konnte man aus höflichen Gründen im Verlauf dieser Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn herausgeläutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztöpfen über den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erließ, war das unerklärliche Wunder, nein, dieses gottverwünschte Teufelswerk schon ausgeschrieen bei allen Lakaien, Jägerknechten und Musketieren. Wie Flugfeuer hinhüpft über trockenes Heu, so sprang die Erregung noch während der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grad dabei der Respekt vor den Regierungsgewalten flöten ging, das musste Dr. Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustür unter dem schönen Frühgeläut ein Gedränge von Menschen vor, die, in auffälligem Gegensatz zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien gespaltet waren, sondern in einträchtiger Heiterkeit sich erlustigten. Als Ursache ihres Vergnügens erwies sich ein großer gelblicher Papierbogen, der an der Haustür des Landrichters befestigt war und in plumpen, fast kindlichen Schriftzügen die Verse trug:

"Ein Richter, so ein falsches Urtl fällt,
Ist eine Missgeburt auf Gottes Welt,
Halb Leben, halb Tod,
Halb Lachen, halb Not,
Halb weiß, halb schwarz,
Halb Kot, halb Farz,
Halb Skorpion und halb ein bös Kamel,
Doch sunst ein Menschenkindl ohne Fehl!"

Während das Hringghhische Perückenantlitz immer länger wurde, quirlte im Morgengrau ein fröhliches Leutgekicher. Alle lachten. Ohne Ausnahme. Jeder von diesen wohltuend Erheiterten, ob gutgläubig oder unsichtbar, hatte schon irgend einmal die schmerzhafte Wahrheitsforschung der weiß gelöckelten Sauermilch am eigenen Leib erfahren.

Dr. Willibald löste mit blassen, etwas tintenfleckigen Fingerspitzen das kleine Volkslied von der Türe, ohne die Wahrheit zu erkennen, die ihm da schwarz auf gelb übermittelt wurde. So leicht man an die Einfalt der anderen glaubt, so schwierig ist es, sich von der eigenen Dummheit zu überzeugen.

Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein schadenfrohes Gelächter, ein lärmendes Durcheinanderschwatzen. Immer größer wurde im wachsenden Frühschimmer das Leutgedräng. Noch ehe die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshöfe und alle Gassen von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefüllt, das an die viertausend Köpfe zählte. In der Sonne, die über das Dächergezack herunterglänzte, blitzten die Messingknöpfe auf den schwarzen Gewändern der Salzknappen, leuchteten die Farben der ländlichen Trachten und schimmerten die Silberschnüre der Bauernhüte und das zinnerne Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen und die kirschfarbenen oder gelben Mädchenmieder erschienen wie tausend leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit über das Knie reichenden Sonntagsröcken der Bäuerinnen waren die weißen Wadenstrümpfe wie rührsame Schneeflecken. Das bunte Gewühl dieser straff gewachsenen, fest gefügten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebräunten Gesichtern wäre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die Erregung der Stunde, das spähende Misstrauen und die gereizte Heiterkeit einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bild etwas Beängstigendes gegeben hätte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die einen Masse von Tausenden empor reißen zu schöner Begeisterung oder sie verführen zu sinnlosen, verbrecherischen Dingen.

Es gärte seit langer Zeit in diesen Bedrückten. In ihnen brannte das wühlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige Unzufriedenheit über geistliche und weltliche Unerträglichkeiten, die dürstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem neuen und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht. zu gutmütig, um sich in Aufrührer zu verwandeln, wurden sie Träumer und Schwärmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange, und war in den beiden letzten Jahren, seit dem großen Auspeitschen der Dreißigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter ihren Stirnen gewachsen. Die Behörden waren blind. Und an diesem bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als würde von der Seele des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versäumte Nachtruhe bei Sonnenaufgang nachholen musste. Sogar der einzige Musketier, der vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien saß er schlummernd auf dem sonnbeschienenen Wächterbänkl, ohne geweckt zu werden von dem wachsenden Stimmenlärm.

Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen waren, hatte das Bild des sonntäglichen Kirchgangs einer heißen Suppe geglichen, in der man rührt mit einem groben Löffel. So, wie an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnächten der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das schwarzweiße Unglück im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren mussten, die leidende Geduld des Volkes bis zum äußersten gespannt? Und sollte nun die mit Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen vernommene Kunde von dem unerklärlichen Mirakel der Armeseelenkammer zum letzten Anstoß werden, der das voll geschüttete Geduldfass zum Bersten und Überlaufen brachte?

In der Morgensonne, die um alle Dächer, um das weite schöne Tal und um die weißen Berge einen mit tiefem Blau verbrämten, silber glitzernden Mantel wob, fingen auf drei Kirchtürmen die sieben Glocken zu läuten an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das lärmende Gewühl der Menschen begann sich zu schieben und strömte nach drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger, der allem Aufruhr dieses morgens entzogen blieb. Das war gerade der Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrünen Bauernhut drei schwarze Trauerbänder herunterhängen hatte. Wäre Christl Haynacher nicht das unglückseligste Mannsbild der Welt gewesen, so hätte er sich an diesem morgen beinah als einen Glücklichen fühlen können. Beim ersten Wort, das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es für ihn eine ausgemachte Sache, das sein gottseliges Martle mit treuen Mutterhänden aus dem Himmel herunter gegriffen, ihr liebes Päarl aller irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen hinauf gehoben hatte in den ewigen Glanz. Und das zu erzählen, das war ihm polizeilich nicht verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkündete er das gottschöne Wunder seiner in die Seligkeit empor geflogenen Kinder. "Gelt, so was Heiliges macht die Mutlosen wieder gutgläubig! Schau, jetzt bin ich nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und dass ich kein Wörtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem Erlösungswunder, nit von ihrem schönen und heiligen Tod? Gelt, Mensch, das kannst Du bezeugen und tät's einen kreuzweis geschworenen Eid vor dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet."

Während Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in den Augen, hatte immer ein Lachen des Glückes um den von Schmerzen zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tief gebeugt auf den Knien kauerte, fühlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen. Und für die schwere Sünde, die er gleich nach dem Hochamt begehen musste, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken? Freilich, das war nicht gutgläubig und war verboten. Aber der Christl musste das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und muss es verzeihen.

Alle Kirchen waren schon dicht gefüllt, Schulter an Schulter, und noch immer strömten lange Menschenzüge heran, die nimmer Einlass fanden und vor den Toren sich anstauten zu großen Gruppen, in denen die letzten Nachzügler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltöne, aber nimmer die Worte der Predigt vernehmen konnten.

Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle Haustüren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt. Auch der Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und frühstückte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerfließenden Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das Brunnenrauschen.

In dieser schweigsamen Öde erschien am Ende der Marktgasse ein Stiftslakai, spähte an den Häusern hin und verduftete wieder. Nach einer kurzen Weile kehrte er zurück und schritt einer reich mit Silber verschnörkelten Sänfte voran, die von zwei Jägerknechten getragen wurde und zugezogene Gardinen hatte.

Als die Sänfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rücksicht auf die Kirchenzeit.

Wenige Minuten später, unter der Brennschere und Puderquaste des parisischen Perückenmeisters, musste Herr Anton Cajetan, welcher gut ausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem Ärger, aber in bestem Deutsch:

"Welcher Schafskopf hat mir denn das schon wieder angerichtet?"

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