Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 7

Pfarrer Ludwig musste im Korridor vor dem Fürstenzimmer noch immer auf seine Vorlassung warten, weil der Haarkräusler beim Allergnädigsten war. Die hundert Locken einer fürstlichen Perücke verlangen ihre Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte der Hochwürdige ein ruhiges Gesicht. Je heißer in ihm die Sorge wühlte, um so gleichmütiger sah er über die Wände hin, an denen zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, großen Jagdgemälden und pröpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophäen hingen: Die Eisenhüte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schärpen zweier schwedischer Kürassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreißigjährige Krieg aus dem verwüsteten Deutschen Reich hereingespült hatte in die Stille des Berchtesgadnischen Landes.

Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung. Die Hälfte der Deutschen erschlagne, versunken und verfault. Handel und Wohlstand vernichtet. Alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt. Eine Kluft des Misstrauens und des Hasses zwischen Nord und Süd. Ein für ewige Zeiten unlösbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem Katholizismus und deutschem Lutheranertum. Ein entzwei gekeiltes, an Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk, das seine nationale Erneuerung wieder beginnen musste, wie ein Kind nach dem Windelschmutz seine Menschwerdung anfängt in den ersten Schuhen - und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen Geschehens hingen im Fürstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische Kürasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschält.

Nur ein einziges mal in jenen dreißig Jahren hatte Berchtesgaden für wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Während die deutsche Welt in Jammer und Elend sank, hätte das 'Ländl' in seiner Abgeschlossenheit gedeihen können, wenn ihm, angesteckt durch Seuchenkeime der Zeit, die Zermürbung nicht im kleinen erwachsen wäre, wie draußen dem Volk der Deutschen im großen.

Aus dem Fürstenzimmer huschte ein spitznäsiges Männchen heraus, der Perückenmeister, den man aus Paris verschrieben hatte. Ein deutscher Bartscheer brachte doch so was Himmlisches nicht fertig, wie es jetzt die Herren auf ihren Köpfen trugen. Pfarrer Ludwig tat einen tiefen Atemzug und ging zur Tür. Bevor er sie erreichte, vollzog sich ein Ereignis, das störend in den Gang der Berchtesgadnischen Regierung eingriff. Am Pfarrer rannte einer vorüber und ihm voraus, der auf der Schwelle des Fürstenzimmers den Vortritt sogar vor den fremden gesandten hatte. Der Wildmeister. Er brachte die aufregende Nachricht, dass die Stiftsjägerei bei den Untersteiner Sümpfen drei kapitale hauende Schweine bestätigt hatte. Die Keiler lagen unentrinnbar fest, und die Netze waren schon gezogen, nicht zu einem 'Großen Jagen', nur zu einem kleinen 'Eingestellten Treiben', das flink zu erledigen war. Bei solcher Sachlage hatten die Wildschweine den Vorrang vor dem Landswohl und der Fürsorge für den unverfälschten Glauben. In den Korridoren sprangen Lakaien und Jägerknechte hin und her, im Stiftshof wurden vier zierliche Schlitten aus den Remisen gezogen, und zwei bunt gekleidete Läufer, mit weißen Straußenfedern auf den grünen Samtkappen, surrten unter dem Brausen des Föhnwindes durch die Marktgasse, um die edle Aurore de Neuenstein und den Kanzler von Grusdorf zum Eingestellten Treiben zu laden. Der Onkel Kanzler musste zur Wahrung der guten Sitte immer den Regierungstisch verlassen, wenn die allergnädigste Nichte sich beteiligte and en winterlichen Weidmannsfreuden ihres maître adoré.

Pfarrer Ludwig, der sonst auf das neumodische Jagdgepränge nicht gut zu sprechen war, segnete an diesem Tag zum ersten Mal den 'französischen Schwindel'. Aufatmend um des Zeitgewinnes willen, eilte er heim und brüllte der Schwester ins Ohr: "Kommt der Niklaus, so sag ihm, dass ich vorausgegangen bin zu seinem Haus!" Dann schoss er davon, um zwei nötige Dinge zu erledigen. Er musste das fromme Klostervögelchen zum Singen bereden, musste zu erfragen suchen, was Luisa dem Chorkaplan Jesunder gesagt hatte. Und mit Lewitter, den er seit dem gestörten Schachspielabend nicht mehr gesehen, musste er das gemeinsame Verhalten vor dem Fürsten bereden. Ungeduldig trommelte er mit dem Klöppel an Lewitters Haustür. In dem dunklen Flur, in dem die Gewürze dufteten, kam für den Pfarrer eine schwierige Unterhaltung mit der alten Lena, deren Zeichensprache er nur halb verstand. "Gut sind wir aufgerichtet, der Simmi und ich! Die meine hört nit, und die seine kann nit reden!" Dem wahren Gott zuleibe hatte man der Magd vor fünfzehn Jahren in Salzburg die Zunge kürzer gemacht, weil sie die Obrigkeit belogen hatte, um Weib und Kinder ihres Herrn zu retten. Nur mit den Händen konnte sie noch reden.

Ungefähr verstand der Pfarrer, dass Simeon nicht daheim wäre. Man hätte ihn am verwichenen Abend wieder zu einem kranken Weib geholt, das seit drei Tagen in den Wehen läge und nicht gebären könne. Lewitter wäre wieder die ganze Nacht außer Haus gewesen und auch am Morgen nicht heimgekommen. "Ach, das Leben! Könnt ein Gärtl des lieben Gottes sein und wird ein Saustall des Teufels! Und da plagt sich jetzt der hilfreiche Simmi, um einem neuen Leidgesellen der Menschheit den Eintritt ins Leben zu erleichtern!" Den Kopf gegen den Südwind bohrend, eilte Pfarrer Ludwig dem Haus des Freundes entgegen, immer grübelnd: "Wie muss ich es machen, dass ich das Mädel zu Verstand bring? Zu einem Herzschlag, der menschlich ist?"

Ein Weiberschrei voll Sorge machte ihn aufblicken. Vom Zauntor kam die Sus gelaufen: "Wo bleibt der Meister? Ist was geschehen?"

"Nichts, gute Sus! Wo ist das Luisichen?"

"Die Haustochter hab ich nimmer gesehen, seit sie heimgekommen ist von der Frühmess. Der Meister ist ganz von Sinnen gewesen. Und da bin ich allweil beim Zaun gestanden, hab gewartet und bin nur ein paar Mal hineingesprungen zum Herd, dass mir das Fleisch nit aus dem Sieden kommt."

"Recht so, liebe Sus! Dein Herr und Dein Herd!" Der Pfarrer sagte scherzend: "Gelt, Mädel? Dich plagen keine Seelenzweifel und Glaubenskämpf?"

"Mich nit!", antwortete sie ehrlich. "Ob des leiben Herrgotts Kittel grün oder rot ist, das ist mir eins. Kittel her oder hin, der Herrgott ist drin. Mir ist das Leben recht, so lang der Meister seine Ruh hat und schaffen kann. Und weil man schon nimmer weiß, wie man beten muss, drum bet ich am Morgen katholisch, am Abend evangelisch. Eins muss dem Meister allweil nutzen."

"Betest Du nit auch für Dich?"

Sus schüttelte den Kopf und trat in den Flur. "Ich zähl doch nit." Als sie dem Pfarrer den Mantel abnahm, sagte sie: "Eh der Meister fort hat müssen, ist die Haustochter bei ihm gewesen." Sie öffnete die Tür der Werkstatt. "Kindl? Bist Du noch da?" Auch der Pfarrer war über die Schwelle getreten. Nun sahen die beiden im gleichen Augenblick die Holzplatte mit dem formlos auseinander gequetschten Wachs. Die Sus bekam ein Gesicht, so weiß wie Kalk. Und der Pfarrer stammelte: "Gotts Not! Das hat doch der Meister nit selber getan! Mädel? Ist ein Chorkaplan im Haus gewesen?" Sus hörte nicht. Immer sah sie die Reste des vernichteten Werkes an, als wäre das der Untergang einer kostbaren Welt. Den Mund von Tränen überkollert, lispelte sie: "Wie heilig und schön ist das gewesen!" Unbeweglich blieb sie vor dem Gewirr des roten Wachses stehen, als Pfarrer Ludwig hinaus sprang in den Flur.

"Luisichen!", rief er, während er hinaufhastete über die Treppe. "Luisischen!" Er stieß die Wohnstube vor sich auf. "Luisischen! Luisichen!" Er rüttelte an des Mädels verschlossener Kammertür. "Aber Kind! So tu doch reden! Bist Du da drin?" Er vernahm einen Laut War's ein lallendes Beten? Ein Stöhnen im Schmerz? Mit aller Kraft seiner Sorge warf sich der Greis gegen die Tür. Der Riegel klirrte in die Stube hinein, Pfarrer Ludwig taumelte über die Schwelle und tat im ersten Schreck einen heiseren Schrei. Erstarrt hing Luisa vor ihm an der weißen mauer, wie eine Gekreuzigte, umwoben von der Sonne. Ihre Arme, von denen die leinenen Ärmel zurückgefallen waren, hatten eine gedunsene Form und waren so rot wie das Mieder, unter dem die junge Mädchenbrust in heftigen Stößen atmete. Oberhalb der schnürenden Tuchschlingen waren die Hände dunkelblau, mit gespreizten, leblosen Fingern. Und der Kopf mit den schweren Haarflechten hing entkräftet vornüber. Ein paar lallende Laute noch. Dann schien eine Ohnmacht die Sinne der Büßerin zu umschatten.

Pfarrer Ludwig schrie den Namen der Sus, sprang auf Luisa zu, riss das Messer heraus, das er wie ein Bauer an der Hüfte trug, umklammerte die Bewusstlose mit dem linken Arm und schnitt die gestrafften Tuchschlingen von den Holzzapfen. "Da möcht man doch verzweifeln an der Menschheit!", keuchte er und trug die Ohnmächtige hinüber zum Bett. Als er die Sus kommen hörte, befahl er: "Lauf, was Du laufen kannst, und bring einen Becher Kirschwasser!" Er zerrte die Tuchschlingen von Luisas Handgelenken, begann ihre starren Arme zu kneten und rieb ihre Hände, bis die blaue Färbung verschwand und der Blutlauf wieder in Gang geriet. Nun brachte die Sus den Becher und stammelte: "Was ist denn geschehen?"

"Nit viel!" Er konnte lachen. "Ein bissl Dummheit geht um in den Menschköpfen. Wer weiß, wozu es gut ist! Ein Holländer hat mir neulich gesagt: 'Kein Ding, das dem Leben nit dienen könnt, auf dass die Menschenkinder teilhaftig werden des Glückes!'" Mit dem Becher beugte der Pfarrer sich über das Bett und flößte einen festen Guss des Kirschwassers in Luisas Mund. Sie schluckte. "Soooo, Kindl! Gelt, das ist gut!" Er stellte den Becher fort und rückte den Fußteil des Bettes von der Mauer weg. "Flink, Sus! Auf die ander Seit hinüber! Mach dem Mädel das Mieder und den Rockbund auf. Wir müssen schauen, dass wir sie unter die Deck bringen." Hurtig rieb er die Hand der Ohnmächtigen. "Dann nimm ihren anderen Arm und tu mir alles nachmachen, fest und flink!"

"Was ist denn, Hochwürden?"

"Ach, so dumme Mädelgeschichten! Da ist sie ein bissl krämpfig worden."

Während Sus das rote Miederchen der Haustochter aufnestelte, klagte sie vor sich hin: "Um Gottes willen!"

"Nein, gute Sus! Gott ist da nit dabei. Nur Überfluss an jungem Blut und ein bissl Mangel an gesundem Verstand."

Unter den vier kräftigen Fäusten wurden die zwei starren Mädchenarme heiß und beweglich. Auch das verschluckte Kirschwasser wirkte mit, um das junge Blut seinen vernünftigen Weg wieder finden zu lassen. Luisa öffnete die Lider wie eine Schlaftrunkene. In schwimmendem Glanz glitten unter den langen Wimpern die langsamen Augen. "Guck!" Der Pfarrer ließ auf seiner Wange die große Warze tanzen. "Wie munter das leibe Kindl schon wieder ins Leben blinzelt! Lauf, gute Sus! Und spring hinüber zu mir! Da wartest Du auf den Meister. Kommt er, so bring ihn heim und sag ihm: Das Kindl hätt einen Purzelbaum gemacht. Aber sag's nit so, dass der Meister erschrecken muss. Sag's lieber so, dass er lachen kann." Die Sus, aufatmend, surrte in den Flur hinaus. Aller Schreck der verwichenen Minuten erlosch ihr in dem Gedanken, dass sie hinlaufen durfte, wo der Meister war. "So, Luisichen, komm, jetzt nimm zur Aufmunterung noch ein kleines Schlückl!" Pfarrer Ludwig schob den Arm unter Luisas Nacken und führte den Becher an ihren Mund.

Gehorsam, wenn auch noch immer ein bisschen duselig, öffnete sie die Lippen und trank. Nach dem ersten Schluck erweiterten sich ihre Augen wie in Entsetzen. Mit beiden Händen versuchte sie sich zu wehren und lallte: "Jesu mein, Ihr gießt mir ja die Höll ins Leben!"

"Umgekehrt! Ich lösch in Dir die unsinnige Höll mit einem nötigen Lebenstrunk! Tu schlucken! Fest!" Er hob und goss, bis der Becher leer war. Weil sie nicht schlucken wollte, presste er die linke Hand auf ihren Mund, fasste mit der rechten den feinen Mädchenhals und rüttelte die widerspenstige Kehle. "Schluck, mein Luisichen! Schluck!" Ob Lusia wollte oder nicht, sie musste schlucken. Die brennende Kirschwasserhölle war drunten. Daraus ergab sich eine sehr sonderbare Wirkung. Obwohl von Zorn und Ekel die Tränen in Luisas Augen traten, konnte sie die kühlen Greisenfinger an ihrem Hals nicht ertagen, musste aufkreischen, musste lachen wider Willen. "Ooooh, Luisichen?" Der Pfarrer wurde lustig. "Muss man Dich kitzeln, damit Du das menschliche Lachen lernst? Das kann ich besorgen. Lach, mein Luisichen, lach! Wie mehr, so gesünder ist es!" In der Art, in der man schäkert mit einem zappelnden Buben, begann er sie am Hals zu kitzeln, am Kinn, an den Ohren, an den Ellbogen und unter den Armen.

Sie wollte sich wehren und wurde hilflos, wand sich und kreischte, schüttelte die sich lösenden Zöpfe von ihrer Stirn herunter und schrie und lachte. Immer wollte sie betteln: "Hör auf, hör auf!" Und konnte nicht reden, weil sie lachen musste, immer lachen und lachen.

"Brav, mein Kindl! Netter bist Du noch nie gewesen, als jetzt in Deinem zappligen Übermut! Gelt, ich hab recht? Bloß ein Lachender merkt, wie munter und kostbar das irdische Leben ist!"

Es gelang ihr, sich seinen Händen zu entwinden. Halb noch lachend, halb von Jähzorn befallen, fasste sie eines von den zwei weißen Kissen ihres Bettes und warf es dem Pfarrer Ludwig an den Kopf.

Er haschte das linde Geschoss, umschlang es an seiner Brust und sagte fröhlich: "Gott sei Dank! Eine menschliche Regung! Kindl, jetzt kann man bei Dir auf Genesung hoffen!"

Zitternd fiel sie zurück und presste den Arm über die Augen. Der Pfarrer setzte sich auf den Bettrand hin, behielt das weiße Kissen auf seinem schwarzen Schoß und betrachtete unter freundlichem Lächeln das stumme, glühende, um Atme ringende Menschenkind, das die Augen vor ihm versteckte. Einmal versuchte Luisa den Arm zu heben, ließ ihn wieder auf die Augen fallen und lispelte: "Ich weiß nit, was das ist - alles tut sich drehen um mich herum."

"Kindl," sagte der Pfarrer vergnügt, "da hast Du einen Schwips. Vom Kirschwasser. Ja, Luisichen, wer anderthalb Jahrzehnt das kühle Brunnenwasser im Kloster genossen hat, vertragt was Wärmeres nit aufs erste Mal." Er lächelte. "Lernen brauchst Du das nit: Dass Du Kirschwasser vertragen kannst wie Geißmilch. Heut ist's nötig gewesen. Sorgen brauchst Du Dir wegen des kleinen Räuschls nit zu machen. Das verschlafft Du wieder!" Seien Stimme bekam einen zärtlichen Klang. "Auch ist das so: Dass alles Schönste im Leben mit einem Räuschl anfangt, sei es im Hirnkästl oder sei es im jungen Blut." Luisa blieb stumm. Während die Morgensonne herglänzte über das weiße Bett, ging ein schmerzvolles Zucken um den heißroten Mädchenmund. Manchmal überrieselte noch ein Nachschauer des Lachens den zierlichen Körper, und unter dem Arm, der die Augen verhüllte, quollen die Tränen hervor, kollerten über die glühenden Wangen und versanken im braunblonden Schimmerkissen der gelösten Zöpfe. Sich vorbeugend, sagte der Pfarrer langsam: "Kindl, wie bist Du leib und schön! Was tät der Leupolt geben drum, wenn er an meinem Plätzl sitzen dürft. Und morgen oder übermorgen muss er am Schandpfahl hängen. Der redliche Bub!" Ein knirschender Laut. Luisa warf sich herum und vergrub das Gesicht in die Fülle ihres Haares. So lag sie lautlos, während ein heftiges Schüttern ihren Nacken und ihre Schultern befiel. Als sie ruhiger wurde, gab sie Antwort auf jede Frage. Alles sagte sie, ehrlich und ohne Rückhalt.

Der Pfarrer fröstelte ein bisschen. Obwohl die Sonne durchs Fenster hereinfiel und draußen der laue Föhnsturm brauste, war es mehr als kühl in der ungeheizten Stube. Und Pfarrer Ludwig hatte schwitzen müssen. Als er vom Garten herauf die Stimme des Meisters hörte, erhob er sich, legte das Kissen über Luisias Füße und zog ihr die wollene Decke bis an das Kinn. "Versuch zu schlafen! Die heilige Mutter Marie, an der wir hängen in treuem Glauben, Du und ich, die soll Dich erwachen lassen zu einem wärmeren Leben! Von dem kindischen Narrenstückl, das ich sehen hab müssen, soll Dein Vater nichts erfahren. Der tät das nit so gut verstehen, wie ich alter Pfarrer." Er strich mit der Hand über den Scheitel der lautlos Zuckenden. "Was ich erfahren hab müssen, das ist gebeichtet, gelt? Ich, Kindl, ich schweig in heiliger Pflicht. Wärst Du am Morgen in Deiner Herzensnot zu mir gekommen, so hätt die Mutter Jesunder Dich nit umtragen müssen im Tratschkörbl, und der Pfleger hätt nichts erfahren vom Leupolt." Er hob die zwei zerschnittenen Tüchelchen von den Dielen auf, löste die Schlingen, die nach am Zapfenbrett hingen, und schob sie schmunzelnd in die Tasche. Forschend guckte er über die Schulter nach dem Bett, verließ die Stube und schloss hinter sich die verbogene Tür, so gut sich das noch erledigen ließ.

Da kam der Meister über die Stiege heraufgehastet, Sorge in den Augen. "Was ist denn mit dem Kind?"

"Nichts, lieber Nick! Oder doch nichts Böses. Im Gegenteil. Dein Kind hat einen Sprung aus dem Kalten ins Warme getan. Das geht nit ab ohne festen Beutler. Jetzt müssen wir dem kleinen Weibl ein bissl Ruh vergönnen und müssen sie schlafen lassen."

In den Augen des Meisters wollte die Sorge nicht erlöschen. "Schlafen?"

"Aufs erste Kirschwasser schlaft man allweil. In späteren Jahren mindert sich die gute Wirkung. Komm! Wir gehen hinunter in die Werkstatt!" Er wurde ernst. "Da hab ich gesehen, was mir arg missfallen hat. Mensch bleiben, heißt bauen und schaffen, nit in Scherben schlagen."

Drunten im Flur stand die Sus mit seitwärts gespreiteten Armen an der Mauer, zitternd, im Blick den Ausdruck einer qualvollen Angst. Etwas Tierisches und dennoch etwas Schönes war in ihren Augen. Der Pfarrer ging an der Magd vorüber, ohne sie zu gewahren. Meister Niklaus blieb stehen und sah sie an, verwundert, als sähe er etwas na ihr, was er noch nie gesehen hatte. "Sus!" Sie neigte vor seinem Blick die Stirn: "Jetzt muss ich zum Herd. Das Wasser wird eingesotten sein und das Fleisch wird schlecht." Ein müdes Lächeln. Dann ging sie davon. Er sah ihr nach und blieb noch immer stehen, obwohl die Sus in der Küche schon verschwunden war.

Der Pfarrer stand in der Werkstätte vor dem roten zerquetschten Wachsklumpen. "Herbruder Nick? Was hast Du denn da getan?"

"Fast weiß ich es selber nit." Meister Niklaus fasste erregte in breites Messer und schnitt die formlose Wachsmasse von der hölzernen Platte. "Es ist mir, als hätt ich's im Zorn getan." Mit der Linken knüllte er das Wachs zu einem Ballen. "Oft ist's wie ein Fremdes, was man tut. Kann sein, ich hab Platz machen müssen für ein Ding, das besser ist." Er wurde ruhig. Und während er mit dem Pfarrer sprach - von Luisas Heimkehr am Morgen, von seinem jähzornigen Hammerstreich, von der Mutter Agnes, vom Eis auf dem Königssee und von dem süßen Krapfen - presste er eine Wachsflocke um die andere auf das Holz, schnitt mit dem Daumennagel und formte mit den Fingern. Und plötzlich, die Arbeit unterbrechend, sah er den Pfarrer an. "So sag mir doch die Wahrheit! Was ist mit dem Kind?"

"Das ist schnell gesagt. Sie hat den Leupolt gern und weiß es noch nit. Da rumort das Neue ein bissl hitzig in ihrem kühlen Klosterstübl."

Aufatmend flüsterte Niklaus: "Das wär ein Glück! Da tät's wieder heller werden in meinem Haus."

Ein Summen an den Fensterscheiben. Man hörte rasch nacheinander aus weiter Ferne her den Hall und das Echo von fünf Gewehrschüssen. "Hörst Du?", lachte der Pfarrer ingrimmig. "Derweil die Herzensnot der Menschen umlauft im ganzen Ländl, erlustigt sich die Allergnädigste an den Untersteiner Wildsauen. Ein Gutes hat auch das. Die Sorg um den Leupolt ist aufgeschoben. 'Tod ist Tod,' sagt meine Schwester allweil, 'aber besser morgen als heut.' Dein Mädel tu schlafen lassen, bis es von selber aufwacht. Nach dem Quantum Kirschwasser, das ich dem blinden Klosterspatzen eingegossen hab, wird's lang dauern, bis er wieder piepsen kann. Und Du bleib bei der Arbeit, Nick! Sie ist von allem Lebenstrost der beste."

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