Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 6

Der Föhn brauste über die Schornsteine von Berchtesgaden und verbündete sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdächer fielen Tropfen, die wie Goldkörner funkelten. In der Gasse war kein allzu emsiges Leben. Die Frauen, die aus den Kaufläden kamen, huschten flink an den Häusern hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft lenkte einer plötzlich schräg über die Gasse hinüber. Immer war's wie der Wunsch, einem andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und grüßte der andere spöttisch: "Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!" - dann guckte der Ausweichende über die Schulter und antwortete noch viel lauter: "Von nun an bis in Ewigkeit Amen!" Man konnte, bevor man in der Marktgasse vom Pflegeramt bis zum Brunnen kam, ein paar Jährchen Fegfeuer von seiner Seele ablösen.

Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwühlte, vergaß ein paar Mal des vorgeschriebenen Grußes. Er wollte schon in das Gässelchen hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine heiter schwatzende Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen Domizellaren, in weltlicher Tracht, umflattert von dem pelzverbrämten Seidenmänteln, mit dreispitzigen Hütchen über den gepuderten Frisuren, begleiteten unter französischem Scherzgeplänkel eine junge Dame, die zwischen den behandschuhten Händen ein winziges Gebetbuch hielt. Auf hoch gestöckelten Schuhen trippelte sie zierlich durch den Schnee. Der Föhnwind blähte den himmelblauen Samtmantel auseinander und bewegte den reich gebänderten Steifrock wie eine Glocke. Mit einem Busch aus Reiherfedern saß ein Pelzkäppl schief über dem großen Lockenbau, von dem der Puder davonstäubte. Das reizvolle Grübchengesicht hatte ein rosiges Kreuzermäulchen, hatte schwarz gezeichnete Brauenbogen über den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte Schönheitspflästerchen, das eine neben dem linken Mundwinkel, das andere hoch auf der rechten Wange. Vor dieser Dame salutierten die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten. Das fröhliche Fräulein, dem sie diese fürstliche Ehre erwiesen, war die Nichte des Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war Aurore de Neuenstein, die "Allergnädigste", des Fürstpropstes standesgemäße Freundin en titre.

Neben der französisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die Bürgersleute in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die sich verspätet hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergnädigste achtete bei ihrem heiteren Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder Vorübergehende mit genügender Ehrerbietung grüßte und jede Bürgersfrau und jedes Mädchen bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste. Meister Niklaus weckte bei der jungen Dame ein munteres Verwundern. Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit ihrem Kinderstimmchen in französischer Sprache: "Schon wieder von den Rebellen einer, die ohne Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!"

Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in die weiße Stube des Pfarrers trat, saß der Hochwürdige beim Frühstück und tunkte die gerösteten Weißbrotschnitten in die Milch. "Herzbruder? Sturm unter dem Haardach?"

Niklaus sah die Türen an. "Hört uns niemand?"

"Bei mir kannst Du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist feinhöriger als meine Schwester."

"Weißt Du, wer uns den Muckenfüßl ins Haus geladen hat?"

"Das merkst Du erst heut?" Der Pfarrer lachte. "Die übermäßig Frommen sind im Leben wie ein Pulverfäßl. Nie weiß man, wann die Bescherung in die Luft geht."

Kummervoll nickte der Meister. "Mein töriges Mädel hat heut den Namen des Leupolt ausgeschwatzt."

Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. "Das ist hart." Dann fragte er, als wäre das eine Hoffnung. "Meinst du, sie war im Beichtstuhl?"

"Das weiß ich nit."

Pfarrer Ludwig riss eine Tür au fund brüllte: "Franziskaaa!" Er kam zurück. "Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie beichten. Um mich unverdächtiger vor Gott und den Chorkaplänen zu machen. Bei Gott gelingt es ihr, bei den Kaplänen nit."

Eine sechzigjährige Frau, halb Bäuerin, halb bürgerlich, kam in die Stube. Ein bisschen misstrauisch grüßte sie den Meister und sah erwartungsvoll ihren hochwürdigen Bruder an. Durch die Muschel der Hände fragte der Pfarrer, ob das Luisischen heut wieder gebeichtet hätte? Franziska schüttelte den Kopf. "Heut nit. Heut nach der Frühmess ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesudners alte Mutter hat am Fenster genäht. Gählings ist sie vom Fenster weg. Und wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flinke einen Weg gemacht. Zum Pfleger." Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus, so laut, dass es auch die Schwester Franziska hörte. Erst guckte sie flink in der Stube herum, ob da nicht irgend was Verdächtiges läge, dann ging sie, um die Flurtür zu öffnen.

"Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslasst mit der Allwissenheit," sagte der Pfarrer, "da braucht er nur meine Schwester fragen."

In Unruh stammelte der Meister: "Man muss dem Buben ein Wörtl schicken, dass er sich fürsieht."

"Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor Wasser und Feuer nit ausweichen. Sonst könnt man ihm beibringen: Er soll sich ausreden auf sein Wohlgefallen an Deinem Mädel, soll sagen, er hätt die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisischen zu finden. Aber der Bub wird das Eisenköpfel schütteln und die Wahrheit sagen. Verschweigt er was, so tut er es nur, um Dich nit auch noch einzutunken. So oder so, man muss versuchen, ihm beizuspringen."

Da kam Franziska. "Der Höchwürdige soll zum Fürsten hinüber, gleich!"

Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. "Herzbruder, die Kanon ist geladen." Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte er: "Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!"

"Das ist doch eine gut Katholische?"

"Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem braven, gottesfrommen Weibl kannst Du Dich anvertrauen ohne Scheu. Dann such mich wieder auf!" Der Pfarrer umfasste mit festem Druck die Hand des Freundes. "Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel! Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs. Lass uns den rechten suchen!"

Mit hämmernden Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. "Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!"

"In Ewigkeit Amen!", antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken. Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde Türchen zu. Auch alles andere Metall and en Wänden funkelte. Dieser Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem Häubchen hervor schwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. "Soooo!", sagte sie und wandte sich. "Ooh, der Meister Niklaus!" Ein leises Lächeln. "Durchs Hintertürl?"

"Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muss ich Dir als unguten Danke ein Sorg bringen."

Ganz ruhig blieb sie. "Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden."

"Ist einer von Deinen Mannsleuten daheim?"

"Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der Leupi ist am Königssee, in Barthelmä."

Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost das Eis wieder härtete. "Gott sei Dank!" Er zog die Gartentüre zu, schloss auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben.

"Das nit!", wehrte Mutter Agnes. "Die Magd ist in der Tenn beim Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein bissl Lärm machen." Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer, als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musektenscharmützel ausgefochten. "Da ist ein Bänkl. Tu Dich hersetzen! Und red!"

Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. "Mein verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen, den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die Sorg um Deinen guten Buben."

Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte. Sie wusste: Das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, presste sie die Hände an ihre Schläfen. "Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen, ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpflte sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben in die Kindersupp."

Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. "Weißt Du einen Rat?"

Sie trocknete mit den Handballen die Augen. "In der Nacht geht ein Bierschlitten über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel schicken. Den will ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem Kränzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: Es ist eine Botschaft drin. Nur dass er weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige, der wissen muss, dass es der Bub nit schlecht gemeint hat. Dass er's tun hat müssen, begreif ich."

"Weißt Du, warum?"

"Ich müsst keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt. Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden." Mutter Agnes hob die flehenden Augen. "Sag mir's!"

"Was, Mutter?"

"Ist mein Bub -" Ihre Stimme brach. "Ist der Leupi schon ganz da drüben?" Sie wollte sagen: "Auf der falschen Seit!" Weil sie fürchtete, dass es den Meister kränken könnte, sagte sie: "Wo die anderen sind, diem an nit sieht." Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten, fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als hätte sie etwas Glühendes berührt. "Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir."

"Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüsst, ich dürft es nit sagen."

Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie rinnendes Blut erschienen. "Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen Händen. Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner Kinderstimm. Ist fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang. Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich weiß nit, wie, und ich weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen Menschen?"

"Wie dort die Funken fliegen auf Deinem Herd. Im Schornstein droben verlöschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiter brennen. Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen kann oder Unrecht leiden muss." Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen der Mälzmeisterin hin.

"Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat."

"Ist Dir alles recht, was sie tun und predigen?"

"Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich noch nie den richtigen Weg verloren."

"Die den besseren suchen? Verwirfst Du die?"

Sie sah ihn mit großen Augen an. "Soll ich mein Kind verwerfen? Ich? Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin, so muss ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch. Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und Schwestern gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit halten mit ihnen."

Der Meister nahm ihre Hand. "Täten alle denken wie Du, so wär nit Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen, gelt? Hast Du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, der weil Du den Teig für den Krapfen rührst."

"Wahr ist's: Helfen ist besser als reden." Frau Agnes sprang zur Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und Bleifeder. "Kannst Du denn schreiben mit Deiner Linken?"

"Muss einer, so lernt er's."

Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer hölzernen Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken: "Ach, Du barmherziger -" Sie riss das kupferne Türchen des Backofens auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: "Der erste, der mir verbronnen ist!" Frau Agnes lächelte ein bisschen. "Bin ich jetzt eine schlechte Hausfrau? Jede Nachbarin tät's glauben." Si schob das verdorbene Gebäck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. "Man darf die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen lassen." Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene Backwerk in fliegende Feuerfunken. "So geht's mit einem Backofen! Und jedes Menschenkind hat drei: Einen im Blut, einen in der Seel und einen im Hirnkästl. Ach, der leibe Herrgott! Auf wie viel verbronnene Zöpf muss er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die Bäcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verrußen lassen!" Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen die Knie und begann mit beiden Händen hurtig zu rühren.

Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen, die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren. Während er kritzelte, musste er immer an den Hochwürdigen denken. Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und Sorge. -

Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer bringen musste, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag. Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch musste Leupolt einen langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen, aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel heraus quoll. Alle Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen. Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der buchen war wie ein wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte mit Millionen farbig blitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen im weißen Wald schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten. Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen musste, war noch keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht. Die Not des Winters zähmt die Wildesten, aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig sein und der Schwäche den Vortritt lassen.

In flinker Arbeit schleppte Leupold die Heubündel aus der Scheune, füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge. Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm, der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Lucke guckte nach Bartholomä und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der Jäger und Fischer enthielt. Dahinter das lang gestreckte Jagdschlösschen der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte, blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt, und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren, galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinander drängenden Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen. Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an jedem Wintermorgen. 'Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muss sie schon wieder daheim sein.' Er hat sie noch nie im Haus und bei der Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht. Doch immer sieht er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt, so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren. Wie wunderlich das ist: So oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat, war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu einem frohen und zärtlichen Glück.

'Ob sie nit spüren muss, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!' Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: 'Denkt sie wohl auch an mich?' Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müsste für jeden, den sie für einen Irrenden hält? Und wenn sie hinauf ruft zu einem ihrer vielen Heiligen? Flüstert sie da nicht manchmal ein leises "Bitt für ihn?" Wie eine Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele:" Bitt für ihn - bitt für ihn -" Dabei sieht er sie in der kalten Kirche Knien, ein bisschen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände hervorlugen.

Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum.

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