Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Das große Jagen

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         Das große Jagen
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Kapitel 3

In den Schneekristallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen.

Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen. "Hörst Du?", flüsterte Pfarrer Ludwig. "Die Allergnädigste ist noch munter."

Simeon schwieg.

Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: "Hast Du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße Mitternachtsfährten! Und der Allergenädigste trägt die Unkosten. Maîtresse en titre heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet, der allen Lebensdreck in eine höfische Finess verwandelt. Wer's von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen Hof nit alles nachschustert: Die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen, die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei, den ganzen Jägerschwindel à la mode und das 'Große Jagen' auf die haufenweis zusammen gehetzte Kreatur - Mensch oder Vieh!" Der Pfarrer verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte. "Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfass voll Heuchelei und Sinnbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem deutschen Acker?"

Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere Schritte.

Ein bisschen lachend, zürnte der Pfarrer: "Allweil bist Du wie eine Maus. So scheu, so flink, so lautlos."

Simeons Stimme war wie ein Hauch. "Der Schnee verschärft jeden Laut. Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren."

"Recht hast Du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat."

Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Häuserzeile entlang, die im schwarzen Mondschatten lag. Außerhalb des Dunkels funkelte der Schnee im bleichen Licht, und die weißen Mauern der anderen Häuserseite sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich schieden, reichten sie einander die Hände. Jeder flüsterte die zwei gleichen Worte: "Mensch bleiben!" Dann der Pfarrer: "Das wird mich nit schlafen lassen heut."

"Die Sorg um den Niklaus?"

"Auch. Und was Du uns fürgelesen hast."

Nun lächelte Lewitter. "Du hast doch gesagt, Dich rührt's nit an."

"Ob das allweil so ist? Bei den neuen, tiefen Gedanken? Es ist wie ein Funken, den man nit fallen spürt in sich. Und gählings wärmt er und wird ein Feuer, das leuchtet! - Ich will mir's heut in der Nacht noch aufschreiben. Guten Morgen, mein Simmi!" Lautlos ging der Pfarrer durch den funkelnden Schnee davon. Lewitter zappelte in die enge Gasse hinein, in der nur die Giebel noch Mondschein hatten. Nun schrak das Männchen heftig zusammen, weil es auf der Steinschwelle seiner Haustür ein zusammen gekrümmtes Mannsbild sitzen sah. "Wer bist Du? Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!"

Der junge Bauer antwortete, vor Frost mit den Zähnen schnatternd: "Von nun an bis in Ewigkeit, Amen! Der Christl Haynacher bin ich."

Lewitter schien aufzuatmen. "Kommst du wegen Deines Weibes?"

"Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim Feldscher gewesen. Der hat nit raus mögen aus dem warmen Bett. Aber das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen."

"Ich komme gleich." Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff er leis, und die Tür öffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur, in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerüchen einer Apotheke und eines Gewürzlagers. Hinter ihm wurde die Tür verriegelt. "Eil Dich, Lena," flüsterte Simeon in das Dunkel, "hol mir die braune Tasch!" Während er über eine steile Stiege hinaufhastete, glänzte ein matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Türe schob Lewitter die Füße in zwei große Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war.

Ein großer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken Innenläden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten Glastulpe umhüllt war. Zierliche Stühlchen und ein Tisch, an dem die eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengerät, Haubenstöcke und Kochgeschirr, ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel, ein kleiner Webstuhl und ein Gewürzmörser. An den Wänden waren hohe Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angeräumt, dass die Stube fast aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude.

Während Lewitter in dem roten Lampenlicht huschend umherging und alles Nahe mit zärtlicher Hand berührte, brannte in seinen Augen eine dürstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Glätte verloren und war durchwühlt von einer schmerzenden Erschütterung. So oft er diese Stube betrat, seit fünfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde das Glück in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer musste er jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorübergetaumelt war und unter den Fäusten wahnwitziger Menschen geschrieen hatte: "Ich glaube, ich glaube, ich lass mich taufen!"

Müd und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Stühlchen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen, saß unbeweglich und fuhr erschrocken auf, wie geweckt und gerüttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend ließ er die Augen hingleiten über das verstaubte Spielzeug, hatte wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lächeln, murmelte ein Segenswort seines unverlorenen Väterglaubens und verließ die Stube. Als er die Treppe hinunter stieg, erlosch das Licht im Flur. "Hast Du die braune Tasch?" Er fühlte sie vor seinen Händen und trat in den Schnee hinaus. "Komm, Christl!"

"Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!"

Simeon lächelte: "Heut sagst Du: 'Guter Herr!' Am Weihnachtsabend, wie ich auf vereistem Weg an Dich angestoßen bin, da hast Du 'Saujud' gesagt."

Verlegen stammelte der junge Bauer: "Ein Mensch im Ärger ist dumm. Mein armes Weibl wird's nit entgelten müssen. Selbigs Mal, am heiligen Abend, hab ich einen schiechen Verdruss hinunterschlucken müssen. Ein Mensch, der Unrecht leidet, wird allweil ein Lümmel."

Die beiden überschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach entgegen. Die beiden mussten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften. Der junge Bauer, ärgerlich über den Aufenthalt, knirschte zornig vor sich hin: "Gescheiter, er tät den Unsichtbaren nach springen, eh dass er einem gutgläubigen den Weg verstellt. Wie ich herauf gelaufen bin, ist überall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch allweil blinde Augen."

"Die brauchst Du ihnen nit zu öffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist mit Deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, dass sie gesegnet ist. Wär's an der Zeit mit ihr? Hat Dich die Hebmutter geschickt?"

Der junge Bauer schüttelte den Kopf. "Ich bin selber gelaufen, aber ich weiß nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin -"

Lewitter wiederholte rasch: "Die Hasenknopfin?"

Zögernd sagte der junge Bauer: "Wohl! Die Hebmutter von Unterstein."

"Dein Lehen gehört zum Markt. Warum musst du die Hebmutter von Unterstein haben?"

"Die vom Markt," erwiderte Christl scheu, "die mag mein Weib nit. Es ist ein Kreuz, Herr!"

Mehr brauchte Simeon nicht zu hören. Nun wusste er, dass die Haynacherin eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter nicht berühren ließ. "Dein Weib muss leiden?"

"Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist wie unsinnig gewesen."

"Ein natürlich Ding, Christl!"

Wieder schüttelte der junge Haynacher den Kopf. "Vor anderthalb Jahren hat mir meine Martle ein Bübl geboren. Sie sagt, da wär's anders gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wär schon drei Wochen über die Zeit. In mir ist eine Angst -"

"Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?"

"Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt."

"So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, dass Du kochendes Wasser hast, bis ich komme."

Der Bauer fing zu rennen an, dass ihm der schnellste Läufer des Fürstenpropstes nicht nachgekommen wäre. Diese straffe, gesunde Gestalt, die noch was Jünglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Hals weg, und das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt. So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der gutgläubige Christl Haynacher musste seine Martle, obwohl sie eine Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die Dampfwolken, die das Frauenreuter Salinenhaus umdunsteten. Über eine Holzbrücke hinüber, durch ein kleines Gärtl und in das niedere Haus. "Tu Dich getrösten, Martle!", rief er atemlos in die Schlafkammer, in der das stöhnende Weib die Hände nach ihm streckte. "Gleich kommt der Jud. Der ist geschickter als der Feldscher. Jetzt muss ich zum Herd. Der Jud will haben, dass ich Wasser sied." Er sprang zur Küche.

Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, dass der Mann eine falsche Pfanne nehmen könnte. Angstvoll schrie sie ihm nach: "Nit das neue Kupferpfändl. Das müssen wir aufheben fürs Kind. Nimm den alten Blechhafen!"

Christl dachte: 'Sie sieht nit, was ich nimm.' Er hasste das kommende Kind, das sein Weib so schreien macht ein Schmerzen, und für seine Martele war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wär' eine silberne im Haus gewesen, der Christl hätte sie genommen. Eine Minute, und das Feuer züngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing darüber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes springen. Am Türpfosten zwischen den beiden Wohnräumen hing eine qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das Bübchen schlief. Es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart des Vaters als Perücke zu tragen. Christl warf einen zärtlichen Blick auf das klein Bürschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses neue kommende Leidwesen, das er hasste. Als er hineinsprang in die kleine Kammer, die nicht viel größer war als das plumpe Doppelbett, kam er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die verkrampften Hände zu lösen. Seine Nähe schien sie ruhiger zu machen. Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeißend, umklammerte seine braunen Fäuste. Ihr hübsches Gesicht war entstellt, und das wirre Blondhaar hing um die von Schweiß überglitzerten Wangen. Kaum verständlich stöhnte sie: "Mann, ach Mann, ich tu nit gebären, ich glaub, dass ich sterben muss."

Er bettelte: "Herzweibl, magst Du nit ein bissl christliche Besinnung haben? Magst Du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen Helfern?"

Heftig wehrte das Weib: "Sterben, wenn's sein muss. Nit lügen! Täten die Soldaten Gottes kommen, jetzt tät ich es sagen, dass ich eine Unsichtbare bin."

Er klagte in Gram und Zorn: "Der Himmel tut Dich büßen. Not und Elend will kommen über uns, weil Du weit bist von meinem Herrgott und Dich versündigst am rechten Glauben."

"Elend und Not kommt über mich, weil Du fern bist von meiner Seligkeit. Du bist so weit von mir - schier sehen Dich meine Augen nimmer." Nach diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual.

Nicht dieser Schrei erschütterte ihn. Was ihm das Herz bedrückte, war der Blick der Liebe, der nach ihm dürstete aus ihren verstörten Augen. Wie ein Wahnwitziger keuchte er: "Schick mich den Höllenweg! Ich tu's, Martle, nur dass ich Dich nimmer leiden seh! Soll ich Dir einen holen von den Deinigen? Dass er Dich tröstet?"

Sie zog seine Hände an ihren Hals. "Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, haben mich verstoßen. Von den anderen, die meine Geschwister sind in Gott, därf ich keinen beim Namen nennen. Magst du mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradisgärtl und tu mir's unter das Kissen legen. Dann ist mir leichter."

Christl sagte wie ein Gefesselter: "Ich tu mich versündigen für alle Ewigkeit. Wo hast du das Büchl?"

Sie spähte gegen die Stubentür und lauschte. Dann zog sie ihn an sich und flüsterte an seinem Ohr: "In der Milchkammer steht die Kleienkist. Tief musst du unter die Klei hinunter greifen. Ganz unten ist das Mehlsäckl versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben Lodenflech sind drum gewickelt." Ihre Augen begannen zu glänzen. "Da drinnen ist das heilige Büchl."

"Martle, ich muss es bringen." Er sah ihr in die glücklichen Augen. So hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rot gesattelten Brautschimmel. Und während er hinaustaumelte durch die Stube, raunte er wie ein Verzweifelter: "Im Mehlsäckl! Jetzt hat sie's im Mehlsäckl. Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem gottverfluchten Teufelsgut!"

Als er das Buch - das evangelische Paradiesgärtlein des Johann Arndt - gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, musste er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und sein Weib in Freude die Hände strecken sah, das quälende Gefühl: Dass er nicht hätte beschimpfen sollen, was seinem Weib heilig war. Sie selber schob das Buch unter das vom Schweiß ihrer Schmerzen durchnässte Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hände und sprach mit lächelnder Innigkeit die leisen Worte: "Vergelts Gott, Du Lieber! So viel wohl ist mir jetzt. Gott verlasst die Seinen nit, die zu ihm stehen in Treu und Redlichkeit." Während Christl stumm sein lächelndes Weib betrachtete, als geschähe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: "Martle! Die Hilf ist da!" Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschälen und auf dem Herd die Hände in heißem Wasser zu waschen.

Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zündete, während er freundlich zu der Leidenden redete, eine hell brennende Kerze an. Dann schloss er die Türe. Christl musste in der Stube bleiben. In qualvoller Erwartung saß er auf der Ofenbank. Um einen Trost für sein hämmerndes Herz zu haben, nahm er sein Büberl aus der Wiege und sang mit erwürgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem festen Kinderschlaf gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des Lieds stammelte er seine Stoßgebete, immer eines, mit dem er die Heiligen um Hilfe anbettelte für sein leidendes Weib, dann eines, mit dem er Gott um Verzeihung bat für die Todsünde, die er durch Förderung der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da öffnete Lewitter die Kammertür. Er schien erregt zu sein. "Ich hab Deinem Weib was geben können, was die Schmerzen lindert. Aber man muss die Hasenknopfin holen. Allein möcht ich auch nicht bleiben. Kannst Du nit einen Nachbar drum anreden, dass er zur Wehmutter geht?"

"Wohl!" Christl presste die Wange an das schlafheiße Gesicht seines Bübchens und legte das Kind in die Wiege. "Ich spring, was ich springen kann." Durch den Schnee und über den Zaun hinüber. In dem Haus, an dem er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das auch solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? Über die Straße zum nächsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte in der Fensterlucke: "Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus."

"Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin."

"So musst Du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie." Der alte Bauer schloss das Fenster und sagte in der Stube zu seinem Weib: "Jetzt muss der Haynacher auch nimmer rechtgläubig sein. Er hat den Fegfeuergruß versagt." Christl hatte der gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und während er sich besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte Christl den Jäger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem Radmantel. "Jesus, Christbruder, was hast Du für einen Weg?"

"Zum Königssee."

"Gott sei Lob und Dank. Da musst du durch Unterstein. Magst Du nit der Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst Du es tun?"

"Gern, Bauer!"

"Vergelts Gott tausend Mal!" Das sagte Christl, während er schon davon sprang. Dann fiel ihm ein, dass er den Ablassgruß vergessen hatte. Im Springen schrie er über die Schulter: "Gelobt sie Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!"

Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er durch den Mondschein, aufwärts an der Ache. Der Schnee knirschte unter seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Sümpfen kam, an ihm vorüber und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder zu offenem Feld, kam zu den ersten Häusern von Unterstein. Das Haus der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Straße. Leupolt pochte. Es rührte sich was in der Stube, das Fenster wurde geöffnet, und eine leise Mädchenstimme fragte: "Was willst Du?"

"Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen."

Ein misstrauisches Zögern. "Die Mutter ist auswärts."

"Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?"

Das Mädel schwieg, weil es den Jäger im dunklen Mondschatten nicht erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flüsterte: "Es ist ein heilig Ding. Ist Deins und meins. Tu reden, Schwester!"

"Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen müssen."

Leupolt sprang über die Straße, hastete den verschneiten Wiesenhang hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bäumen nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weißes Leinenbündel heraus, schlüpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte den Sack, das Hütl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bäumen vernahm er das Schnalzen eines Eichhörnchens - das Wächterzeichen. Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in dieser weißen Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. Überall wanderten die Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hören.

Die geschulter Jägerei des Stiftes zählte in ihren Bezirken jedes hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. doch unter den fürstpröpstlichen Jägern wusste nur Leupolt Raurisser, wie viele Eichhörnchen in den Berchtesgadnischen Wäldern schnalzten.

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