Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Gewitter im Mai

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         Gewitter im Mai
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            Die Fuhrmännin
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Die Fuhrmännin

   „Na, so was! Das is schon aus der Weis! So sind ja net einmal d’ Viecher untereinander! Und so was heißt sich ein Menschen! Schamen möcht ich mich! Ich schon, ich! Pfui Teufel!“

   So schloss die alte Lentnerin den Erguss ihrer Entrüstung und schlug das kleine Fenster zu, dass es klirrte. Dabei warf sie durch die blanke, grünlich schillernde Scheibe noch einen bitterbösen Blick über die Straße, und es war ein Ausdruck in ihren kleinen, Zorn funkelnden Augen, als hätte sie mit diesem Blick das ganze reiche, stattliche Bauernhaus da drüben, mit all seinen Ställen und Scheunen, in die tiefste Tiefe der Erde schmettern mögen – ganz besonders aber den graubärtigen, kahlköpfigen Bauer, der in seiner beneidenswerten Wohlgenährtheit inmitten des weiten Hofraumes unter der hellen Sonne stand, mit gespreizten Beine, in Hemdärmeln, die Fäuste tief in den Hosentaschen vergraben. Die zwinkernden Augen nach dem kleinen Fenster des Lentnerhauses gerichtet, so stand er da wie eine Mauer, an der die laute Entrüstung und die flammenden Zornblicke der alten Lentnerin wirkungslos verpufften, oder zum mindesten nicht jene Wirkung übten, die der Lentnerin als die gebührende hätte erscheinen mögen. Denn während sie in ihrem niederen Stübchen vor Unmut am ganzen rundlichen Leib zitterte, wackelten dem Bauer da drüben die Schultern unter endlosem Gelächter, dessen höhnischer, wiehender Klang die atemlos gewordene Entrüstung der Lentnerin aufs Neue zu energischer Kundgebung zu reizen drohte.

   „No wart, wann noch net gnug hast, nacher will ich dir’s aber jetzt sagen!“ Sie blies die Backen auf, als begänne sich hinter ihnen schon ein reichhaltiges Material für die neue Standrede zu sammeln, und griff nach dem Fensterriegel. Doch ehe sie die Scheibe zu öffnen vermochte, stutzte sie, denn das höhnische Gelächter, das von da drüben herüber scholl, hatte hinter ihr in der Stube ein merkwürdig lustiges Echo gefunden.

   Mit einem streitbaren „Ja was is denn jetzt …“ kehrte sie sich vom Fenster ab; doch jählings löste sich die erregte Spannung ihrer Züge; wie schweres Öl auf unruhige Wellen, so besänftigend wirkte auf die Hochflut ihres Zornes der Anblick des hageren, alten Mannes, der lachend unter der offenen Stubentür stand, die qualmende Pfeife zwischen den weißen Zähnen, eine große, mit Spagat verschnürte Holzschachtel unter seinem rechten, einzigen Arm.

   Ein paar Sekunden lang zuckte und grollte die überstandene Erregung noch um die Brauen der alten Lenternin; dann schob sie sich hinter den blank gescheuerten Tisch und begrüßte den Ankömmling mit einem freundlichen und dennoch seufzenden: „Grüß dich Gott, Klammerer!“

   Und lächelnd näherte sich der so Genannte. Obwohl er seit mehr als sechzig Jahren den schönen Namen Bonifazius Hinterhuber führte, ließ er sich doch gerne von jung und alt im Dorf Ruhpolding den nichts weniger als wohlklingenden Spitznamen „Klammerer“ gefallen – gleichsam zum Austausch für die vielen Späße und Neckereien, die sich jung und alt hinwieder von ihm gefallen lassen musste. Doch erst in den letzten Jahrzehnten war dieser Name zu allgemeinem Gebrauch gelangt, denn in früheren Zeiten hatten ihn die Leute den „Griechenfazi“ genannt, wobei sie mit seinem Taufnamen die Erinnerung an eine erfahrungsvolle Episode seines Lebens vereinigten. Als ein blutjunger, schmucker Soldat war Bonifazius Hinterhuber in den dreißiger Jahren mit dem jugendlichen Bayernprinzen Otto nach Griechenland gezogen und hatte der Hellenenpolitik von Anno dazumal seinen linken Arm und ein gut Teil seiner jungen Gesundheit zum Opfer gebracht. Aber die Speckknödel, die Käslaibe und die gute Luft der lieben Heimat hatten ihn nach und nach wieder tüchtig herausgearbeitet, so dass er jetzt trotz seiner hohen Jahre der Gesündesten einer war. Den in einem Scharmützel mit einer Klephtenbande verlorenen Arm hatte ihm diese sonst wundermächtige Dreifaltigkeit freilich nicht wieder ersetzen können, und da war es für ihn in der ersten Zeit mit der Arbeit und dem redlichen Fortbringen ein schweres Ding gewesen. Aber die Not hatte es ihn gelehrt, allmählich seine Zähne und die beiden Füße zu guten Gehilfen seines einschichtigen Armes zu erziehen und schließlich hatte er einen Beruf gefunden, der sich auch mit einem Arm prächtig üben ließ und ihm bei seinen winzigen Bedürfnissen ein sorgenfreies Leben gewährte. So fühlte er sich in seinem kleinen, von den Eltern ererbten Häuschen am Waldsaum draußen so wohl wie der liebe Herrgott in Frankreich. Während er in den langen Wintermonaten gefangene Singvögel für den Handel zähmte und in manchen niedlichen Künsten erzog, beschäftigte er sich im Sommer damit, allerlei Vogelfutter, besonders die den kleinen Sängern wo wohlschmeckenden Eier der großen Waldameisen, die der Volksmund „Klammern“ nennt, in reicher Menge zu sammeln, um sie ins „Stadtl“, nach Traunstein hinaus, auf den Markt zu schicken. Das letztere machte sich auf eine leichte Weise; an jedem Freitag Morgen füllte der Klammerer den Ertrag seines unermüdlichen Fleißes in eine große Holzschachtel und überbrachte sie der „Kleinfuhrmännin“, der Lentnerin, zur weiteren Beförderung, um anderen Tages den Erlös seiner Ware, ein paar Marktstücklein, ausgefolgt zu erhalten, davon die Hälfte den bescheidenen Bedarf der Woche deckte, während die zweite Hälfte in die Winterkasse floss. Eine andere, „happige“ Sache war es, wenn um die Osterzeit der Vogelhändler aus München kam. Da wurde aus dem sonst so lustigen und gutmütigen Alten plötzlich ein eigensinniger Keifer und Zänker, der den „Vogeljudas“ am liebsten aus dem Haus geworfen hätte, statt ihm nur einen einzigen der gefiederten Lieblinge zu überlassen. Aber der Handelsmann verstand sein Geschäft und hatte im Laufe der Jahre den Klammerer zu behandeln gelernt. Wenn kein Gebot und keine Überredung mehr fruchten wollte, dann heiß es: „Gut, Hinterhuber, bhalt diene Vögel, lass dich andudeln den ganzen Tag, und auf d’ Nacht geh betteln bei die Bauern umeinand!“

   Betteln! Dieses eine Wörtlein, mit Vorsicht gebraucht, wirkte beim Klammerer alles. Wenn aber der Vogelhändler mit lachendem Gesicht und gefüllten Käfigen zum Dorf hinausgefahren war, dann kamen für den verwaisten Alten bittere, traurige Wochen. In solchen Zeiten wurde er vom ganzen Dorf mit besonders weichen Händen behandelt; wo er nur immer ging, hielten ihn die Leute an, ließen sich von ihm die Geschichte seiner geraubten Kinder erzählen und suchten ihn mit gut gemeintem Trost zu beschwichtigen. Aber seine alte Heiterkeit kehrte erst zurück, wenn die nachwachsende Brut und neuer Fang die stummen Lücken in seinem Stübchen mit zwitscherndem Ersatz gefüllt hatten. Dann ging von Haus zu Haus mit Schmunzeln die Nachricht: „Er lacht schon wieder.“ Und lustig nickten ihm die Leute zu, wenn er in seiner leicht gebückten Haltung durch das Dorf einher gewandert kam, in den ungetümen Nagelschuhen, in der langen, verwetzten Lederhose, in dem groben Leinenhemd mit dem verblichenen braunen Janker darüber, an dem der linke Ärmel baumelte, während die verbliebene Rechte den mächtigen, weißen Schnurrbart wichste oder grüßend den mürben, mit allerlei Federwerk geschmückten Filzhut über dem weißen Kraushaar auf und nieder rückte.

   Worin nun lag beim Klammerer die Ursache dieser allgemeinen Teilnahme und Freundschaft, der nicht einer im Dorf sich entschlagen konnte?

   Ja, er war ein lustiger, herzensguter Alter; aber gut und fröhlich sind ja auch andere, ohne sich deshalb so allgemeiner Beleibtheit zu erfreuen. Er war auf sich allein gestellt und belästigte niemand mit einer Sorge oder einem Verlangen; aber das ist unter arbeitenden Menschen eine selbstverständliche Pflicht und keine Tugend. Er war den Leuten gerne gefällig, soweit es seine Zeit, seine alte Kraft und sein einschichtiger Arm gestatteten, und gab ihnen gerne guten Rat, wo er zu raten wusste; aber solche kleine Gefälligkeiten sind unter Bauern noch lange keine Anwartschaft auf dauerndes Wohlwollen. Auch mit seinen Geschichten aus dem Griechenland lockte er keinen mehr auf den Leim; die Bilder aus jener Zeit hatten in dem Gedächtnis des alten Mannes bedenklich nachgedunkelt, so dass ihm außer blassen Erinnerungen nur noch eine auf jene abenteuerliche Fahrt bezügliche Redensart verblieben war; wenn er irgendeine Leistung oder Arbeit als vergebene Mühe, als nutzloses Opfer bezeichnen wollte, pflegte er zu sagen: „Lass gut sein, das is fürs Griechenland!“ Und wenn auch sein steter Verkehr mit der Natur manche eigenartige Anschauung in ihm erweckte und ihm manches kluge Wort in den Mund legte, so waren seine Gemüts- und Geisteseigenschaften doch nicht von so hervorragender Art, dass er allein um ihretwillen eine besondere Respektsstellung im Dorf hätte einnehmen können.

   Womit er alle und jeden zwang, das war ein Etwas, das mit ihm schon in der Wiege gelegen, mit ihm gewachsen, aber nicht gealtert war: Sein Blick und sein Lachen. Es war eine so unaussprechliche, sorglose, frische Herzlichkeit in dem Blick dieser funkelnden, wasserblauen Augen, dass vor ihm kein Ärger und keine Feindseligkeit bestehen konnte. Und wenn er einen mit tief gehaltenem Kopf so anlachte, dass seine Zähne blinkten und sein weißer Schnurrbart zitterte, dann hatte sein Lachen einen so jugendlich frischen, Herz bezwingenden Klang, dass es den tobendsten Zorn entwaffnete und den Traurigsten zu einem Schmunzeln verführte.

   Mit diesem Blick und Lachen machte er sich die Leute zu Freunden, ob sie wollten oder nicht – mit diesem Lachen und diesem Blick brachte er sogar etwas zuwege, was außer ihm kein einziger im Dorf vermochte. Denn während in dem alten Hader zwischen der „Kleinfuhrmännin“ und dem „Großfuhrmann“ alle Einwohner des Dorfes streng gesonderte Stellung nahmen und nehmen mussten – während die ärmeren Leute kein gutes Haar am alten „Bohnerlenz“ ließen und durch dick und dünn mit er alten Lentnerin gingen, weil sie geringeren Botenlohn nahm – während die reicheren Hofbesitzer aus bäurischem Protzentum, die Wirte und Handwerksleute aus Zwang und geschäftlicher Rücksicht zur Fahne des Großfuhrmanns schworen und dafür die alte Lentnerin mit allerlei Nörgeleien verfolgten, war der Klammerer der einzige, der lachend zwischen den hadernden Parteien stand und mit der verwittibten Bötin und Kleinhäuslerin Rosalie Lentner auf gleich vertraulichem Fuß verkehrte wie mit dem reichen Großfuhrmann und Gemeinderat Valentin Bohner. Dieser Stellung entsprechend gestaltete er auch seinen geschäftlichen Verkehrt mit den beiden: Was er nach Traunstein hinaus zu schicken hatte, übergab er der Fuhrmännin, der Lentnerdirn, zur Beförderung – was er sich aber von Traunstein kommen ließ, das musste ihm der Vinzenz, der Sohn des Großfuhrmanns, besorgen. Wenn er alte Bohner manchmal in einer schlecht gelaunten Stunde gegen diese Geschäftsteilung aufmuckte, lugte ihn der Klammerer von der Seite an und meinte mit seinem Lachen: „Jawohl, ich werd mein Zeiserl hungern lassen, weil mein Star den größeren Schnabel hat! Lass mich aus … dein Reden is fürs Griechenland!“ Und dann lachte er, bis auch der Bohner ins Schmunzeln kam und seine wankend gewordene Großfuhrmannswürde mit einem halblaut gebrummten: „Alter Kalfakter!“ nur notdürftig noch zu stützen vermochte.

   Und wenn der Klammerer mit seinem Lachen schon bei dem rauen, gewalttätigen Bohner solche Wirkungen erzielte, was Wunder, dass sich auch die stürmische Entrüstung der sonst gar gutmütig gearteten Lentnerin schnell verflüchtigte, als sie den Klammerer mit diesem Lachen unter der Türe stehen und sich nähern sah.

   Jetzt stellte er seine Holzschachtel auf den Tisch, nahm die Pfeife aus den Zähnen und lachte: „Ja was is denn, alte Bratschen? Könnts denn ihr zwei zu gar kein Fried net kommen! Was hat’s denn schon wieder geben, dass du gar so räsonierst! Hab dich ja schon kanzeln hören, gwiss fünf Häuser weit!“

   „Weil’s jetzt bald einmal z’arg wird mit dem da drüben und mit seiner Bosheit, ja, kannst mir’s glauben!“, jammerte die Lentnerin, während sich der Klammerer ihr gegenüber hinter den Tisch schob und das Fenster aufstieß, als wäre ihm die Luft in der Stube nicht frisch genug. „Weißt doch, was er eim alles antut, dass er mir ’s Leben sauer machen kann! Aber was er jetzt wieder austüftelt hat, das is schon ’s Höchste! Da sollt man net denken, dass eim bei der heutigen Ziffalasazion so was noch passieren könnt! Weißt, eine Stund kann’s her sein, ja, da is meine Gabi mit’m Schecken auffi zum Schmied, weil ihm ein Eisen zum abfallen war, dem Rösserl! Aber was meinst, dass er gsagt hat, der Schmied? Er könnt nimmer arbeiten für uns, hat er gsagt, weil ihm der Bohnerlenz androht hat, dass er ihm sonst aus der Kundschaft geht. Was sagst jetzt da dazu?

   „Jetzt, das is arg, das muss ich sagen!“, bestätigte er Klammerer, während er die Schultern rührte, als verspürte er ein Jucken auf dem Rücken. „Aber wart, da muss halt ich wieder einmal dazwischen fahren! Z’erst will ich dem da drüben sein dicks Köpferl ein bissl waschen und nacher wird hintern Schmied eingruckt. Lass gut sein, ich will ihnen schon den Standpunkt klar machen, denen zwei!“

   Ein Schimmer von Hoffnung leuchtete in den Augen der Lentnerin auf; dennoch schüttelte sie den Kopf und erwiderte mit stolzer Zurückhaltung: „Ah na, ich dank dir schön für dein guten Willen. Aber brauchst dich net verstrappazieren! Es is mir gar net drum! Der da drüben soll sich net denken …“ Da stockte sie, als wüsste sie es nicht in Worte zu bringen, was sich der da drüben nicht denken sollte; und unter allen Anzeichen tiefer Kümmernis fuhr sie sich mit beiden Händen in die grauen Zöpfe.

   Lächelnd wiegte der Klammerer den weißen Kopf über den Schultern. „No, jetzt weiß …“ hub er zögernd an, verstummte aber wieder, duckte hastig den Kopf und kraute sich mit der Pfeifenspitze das Genick. Darauf führte der den Stummel zurück an die Lippen, tat einen tiefen Zug und paffte sinnend den Rauch gegen die Stubendecke. Ernst nickte er vor sich hin, stützte den Ellbogen auf den Tisch und machte mit der Pfeifenspitze eine wunderliche Bewegung in die Luft, gleichsam ein Anführungszeichen der sicher bedeutungsvollen Rede, die er nun beginnen wollte.

   Im gleichen Augenblick aber öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle erschien ein Mädel von etwa dreiundzwanzig Jahren. Ein kurzer, brauner Wollrock und eine eng passende, graue, miederartige Jacke umschlossen die hohe, von Jugend, Kraft und Gesundheit strotzende Gestalt; unverhüllt hob sich der schlanke Hals aus den vollen Schultern; zwei dunkle, bewegliche Augen blitzten in dem runden, sonnverbrannten Gesicht mit den kirschroten, trotzig aufgeworfenen Lippen; kurze Zaushärchen ringelten sich über die Schläfe und verschleierten die Stirn, über der das feste Geflecht der Zöpfe anzusehen war gleich einer schweren braunen Krone. Ein sanftes, freundliches Lächeln erhellte ihre ernsten Züge, als sie des alten Mannes am Tisch ansichtig wurde. „Grüß dich Gott, Klammerer! No, schau, das freut mich, dass da bist!“, rief sie ihn mit hell klingender Stimme an, während sie, die Hand streckend, auf ihn zuging; und trotz der schweren Pantoffel, die sie trug, war ihr Gang elastisch und leicht. „Ich hab schon gmeint, du kommst heut gar nimmer!“

   „Wär net übel!“, lachte der Alte, schob die Pfeife zwischen die Knie und klatschte seine Hand in die Rechte des Mädels. „Weißt, wenn ich auch nix zum Mitgeben ghabt hätt, kommen wär ich dengerst, grad dass ich dich wieder einmal zum sehen krieg, du saubere Dingin, du! Ja, is schon wahr, so vierzig Jahr jünger wann ich wär und meine gsudnen Glieder hätt, nacher müsst sich was machen mit uns zwei … ich sag dir’s, gar nimmer auslassen tät ich, bis d’ Ja gsagt hättst.“

   „Geh, geh, geh!“, lachte das Mädel und befreite errötend die Hand. „Dich kenn ich schon, weißt! Jetzt redst halt so, weil dich einschmeicheln willst bei mir, und dass ich deiner Schachtel ein guten Platz in meim Wagen aussuchen sollt. Aber sorg dich net, ich gib schon Obacht drauf.“ Mit wohlwollendem Bliznlen nickte sie dem kichernden Alten zu und zog dabei die Holzschachtel vom Tisch. „Ja, und nacher wär ich grecht zum Fahren, Mutter!“

   „Aber Gabi, kannst denn überhaupts fahren?“, fragte die Lentnerin in seufzender Besorgnis. „Musst halt bloß den Bräundl einspannen … aber da wird ihm nacher der Wagen wieder z’schwer sein!“

   „Es geht schon, Mutter, es geht schon. Ich hab mir halt gholfen, wie’s gangen is, und hab dem Schecken ’s alte Eisen so überhops wieder auffignagelt. Die Stund lang bis nach Eisenärzt aussi wird’s ihm schon halten, und draußen lass ich ihn nacher frisch bschlagen, wenn…“ Sabis Brauen furchten sich, und ein herber Zug legte sich um ihre Lippen, „wenn der draußere Schmied net am End auch schon drin is in dem freundschäftlichen Bruderbund, den der da drüben gstiftet hat gegen uns.“ Mit einer kaum merklichen Bewegung des Kopfes nickte sie gegen das Fenster, warf einen kurzen, finsteren Blick hinüber nach dem Gehöft des Bohnerlenz und verließ die Stube.

   „Jetzt das wenn wahr wär, nacher … Aber wart, hinter den will ich einrucken!“, grollte der Klammerer, während er sich mit dem Pfeifenkolben die rechte Hüfte kraute. „Na, so was! Net gnug, dass so ein arms Madl schaffen muss wie ein richtiger Knecht … jetzt soll’s auch d’ Rösser noch selber bschlagen müssen!“

   „Ja, ja, so macht’s uns der da drüben!“, seufzte die Leutnerin. „Gott sei Dank aber, dass meine Sabi ’s Zugreifen versteht und sich überall gleich zum helfen weiß. Und gar kein Arbeit net verdrießt’s, gwiss wahr, und ’s Arbeiten geht ihr doch net aus von in der Fruh bis auf d’ Nacht. Mit meiner Sabi bin ich besser aufgrichtet wie mit’m besten Knecht. Freilich, halten tät ich mir schon gern ein. Aber mein Gott, weißt ja, wie’s steht bei uns. Einen Knecht wann ich auch noch füttern müsst, nacher könnten wir zwei an die Steiner beißen. Ja, ja … den Lentner selig, den hat’s halt ein bissl gar z’fruh griffen … für mich und für d’ Sabi! Aber no, wie’s der Herrgott will, so muss man’s haben!“

   „No schau, geh, gar so schlecht hat’s dir unser Herrgott auch net gmeint!“, tröstete der Klammerer. „Dein Auskommen hast ja dengerst, hast ein netts Häuserl und zwei gsunde Rösser. Und mit deim Madl kannst dich sehen lassen überall, und schau …“ Er verstummte, schob die Pfeife hastig zwischen die Zähne und fuhr mit der Hand an der Brust unter die Jacke. „Schau, wer weiß, vielleicht macht d’ Sabi einmal ihr Glück!“ Er kehrte sich nach dem offenen Fenster um und streifte ein winziges Etwas, das er mit geschicktem Griff unter der Jacke hervorgeholt hatte, achtsam von den Fingern zwischen das Laub der wilden Reben, die den Kreuzstock draußen umrankten. „Eine Schafferin, wie d’ Sabi, die tauget in jeden Bauernhof … und wann’s der größte wär. Und ’s Mald wird ja säuberer mit jedem Tag. Was is denn, rührt sich noch gar nix?“

   „Jesses, lass mich aus! Es wär mir gar kein Freud net! Was fanget ich denn an ohne d’ Sabi? Und ihr Glück machen? Du mein Gott! Von die Bauern, was ein richtiger is, fragt jeder z’erst nach’m Geldsack. Und ehvor ich ’s Madl in so eine Noterei einiheiraten lass, da bhalt ich’s schon lieber bei mir. Und überhaupt … d’ Sabi is schon gar net darnach. Die hat vor lauter Arbeit gar kein Zeit, auf solchene Sachen z’denken. Kannst mir’s glauben, die hat noch kein Burschen drum angschaut … und ich mein’ auch schier, es wär im Ort gar keiner, der ihr anstehn möcht.“

   „Geh weiter, Alte, wie kannst denn jetzt so was reden!“, lachte der Kammerer, während er sich an der Brettkante des Fenstergesimses die Schultern rieb. „Kannst vielleicht einischauen in dein Madl, wie’s ausschaut drin? Lass mich aus! Die stillen Wasserln sind allweil die tiefsten. Und wenn auch bei der Sabi bis heutigen Tags noch alles richtig is, deswegen bleibt’s ihr dengerst net aus, das selbige Stünderl, wo ’s Herzl den gwissen Schnackler macht. Weißt, so ein Madl is akrat wie eins von meine Vogerln, die ich eingfangt hab beim ersten Schnee. Den ganzen Winter über hockt das Tierl hinter die Stangerln drin, so mäuserlstad, als hätt’s in seim ganzen Leben noch nie nix verstanden vom Schlagen und Singen. Aber auf einmal im Fruhjahr, weißt, wann’s draußen aper wird, da blitzt nacher d’ Sonn durch ’s Fenster, so recht licht und warm, grad übern Käfig hin … und da kommt’s dir über das Viecherl … grad allweil d’ Flügel rührt’s und hupft un tut … und ancher auf einmal, da hebt’s zum schlagen an … ich sag dir’s: Grad eine Freud kannst haben! Ja, meinst leicht, das Vögerl fragt mich erst, ob ich ihm ’s Singen verlaub! Ah na! Und wirst es sehen, Alte, wirst es sehen, mit deim Madl geht’s dir auch net anders! Und da erfahrst auch nix, ehvor dir net ’s fertige Gsangl in d’ Ohren klingt!“

   „Jetzt das glaub ich dengerst net!“, meinte die Lentnerin. „D’ Sabi is keine solchene Duckmäuserin net. Der wann einmal einer gfallt, die fragt mich schon z’erst um Rat!“

   „Natürlich! Weil du’s bist!“, lachte der Klammerer und fuhr mit der Faust nach dem Rücken.

   „Ja, grad weil ich’s bin! Denn ich hab mein Madl zogen darnach! Und das kannst mir glauben…“ Was er glauben sollte, bekam der Klammerer jedoch nicht zu hören, denn verstummend beugte sich die Lentnerin mit gerunzelten Brauen über den Tisch. „Bringst aber auch überall dein Ziefer mit hin!“, grollte sie und streckte schon den Finger, um die Ameise zu zerdrücken, die sich ihr in flinkem Lauf über die blanke Tischplatte näherte.

   „Aber geh, wirst mir doch net einmeinigen Brotvater derdrucken!“, schmollte der Alte und schob die Hand der Lentnerin beiseite. „Was hast denn davon, wenn so ein Tierl um sein kleins Leben bringst! Hat auch sein Freud an der Sonn!“ Dabei hatte er der Ameise den Daumen vorgestellt, und als sich das kleine Ding an dem braunen Finger in die Höhe zappelte, spedierte es der Klammerer vor das Fenster in das Weinlaub. Kaum aber hatte er das mitleidige Werk zu Ende geführt, a fuhr er sich schon wieder mit der Hand unter den Hemdkragen.

   „No also, da hast dein Dank davon!“, kicherte die Lentnerin. „Zwickt dich schon wieder eine!“

   „Ja, so ein Teuferl!“, lachte der Alte, dass ihm der Schnurrbart zitterte.

   „Sag, wird dir denn das netz wider auf d’ Läng, das ewige Zwicken und Beißen?“

   „Gott bewahr! Hab ja mein Brot davon! Und da muss jeder was leiden drum! Der Fischer muss nass vertragen, der Feldbauer muss d’ Hitz leiden, der Almen schnauft sich hart beim Steigen … no, und ich lass mich beißen! Bin’s auch schon gwohnt, und es is mir allweil noch wohler dabei, wie eim, den ’s Gwissen beißt! Ja, du, ’s Gwissen soll sakrische Zangerln haben.“

   „Was sagst denn mir so was!“, erwiderte die Lentnerin. „Das musst schon dem da drüben sagen. Ich mein’, der könnt so eine Warnung brauchen! Der wird’s schon noch einmal verspüren, wann er vor seim Herrgott alles verantworten muss, was er uns antut. Lang leben wann er noch tut, wird er vor Brotneid sowieso noch gelb als ein ganzer … wie eine Pomeranzen!“

   „Aus Brotneid? Meinst?“, kicherte der Klammerer. „No, wer weiß … leicht is ein alte Eifersucht dabei!“

   Der Lentnerin schoss das Blut bis unter die grauen Haare, während sie mit scharfer Stimme drohte: „Du, ich sag dir’s, so was redst mir fein net!“

   Da legte der Alte den Kopf auf die Seite und lachte mit zwinkernden Augen: „Is leicht net wahr, dass er dir nachgstiegen is als ein Junger?“

   „Ja, und dass ich ihm nie nix mögen hab, ’s sell is auch wahr!“, grollte die Lentnerin, wobei sie die Wahrheit ihrer Aussage durch einen klatschenden Handschlag auf die Tischplatte zu erhärten suchte.

   „Geh, geh, tu net so, hättst ihm schon was mögen, wann er ’s Kurasch ghabt hätt, die Sach mit seim bockbeinigen Vatern ausz’fechten! Aber no, er hat sich halt gschwinder dreingeben, als von ihm recht und dir lieb gwesen is, gelt? Und verkehrte Lieb, sagen d’ Leut, treibt’s allweil ärger als der Hass!“

   Die Lentnerin rührte die Finger, als wandle sie die Lust an, dem lachenden Alten ins weiße Kraushaar zu fahren; die Lippen zitterten ihr vor Erregung, aber ehe sie noch mit einer Antwort zustande kommen konnte, betrat Sabi die Stube.

   Verwundert betrachtete das Mädel die hoch gerötete Stirn er Mutter. „Was is denn? Was habts denn ghabt miteinander? Der Klammerer … und streiten? Das kann ich doch schier net denken! Was is denn?“

   „Nix, Sabi, gar nix Bsonders!“, lachte der Alte. „Mein Bscheidenheit halt, weißt! Deine Mutter hat mir ein Glasl Bittern antragen, und weil ich net gleich Ja gsagt hab, das hat d’ Mutter völlig in d’ Hitz bracht. Aber no, da kann ich halt dengerst net anders, gib halt ’s Flaschl her, Sabi!“ Dabei zwinkerte und lachte er über den Tisch hinüber, dass auch der Lentnerin wieder das Schmunzeln kam.

   „So hol’s ihm halt!“, nickte sie der Tochter zu und schmollte, während Sabi sich dem Schrank näherte, zu dem kichernden Alten hinüber: „Du Gauner, du weißhaariger!“

   „Wer hat denn den Stopsel gar so fest einigschoben?“, fragte Sabi, als sie mit Glas und Flasche zum Tisch kam. „Der is ja gar nimmer zum aussibringen!“

   „Nur her damit, das wird gleich geschehen sein!“, rief der Klammerer, während er die Pfeife in die Brusttasche des Jankers schob und die Hand nach der Flasche streckte.

   „Natürlich, du mit deine ungraden Finger wirst es gleich haben?“, zweifelte die Lentnerin.

   „Meinst?“ Und im Nu hatte der Alte mit Hand und Zähnen die Flasche entkorkt. Nicht viel länger währte es, so war das Gläschen voll eingeschenkt und auch schon wieder geleert.

   „Kreuzsakra, bei dir geht’s aj wie im Akkord!“, meinte die Lentnerin, während sie mit besorgtem Blick den Inhalt der Flasche maß.

   „D’ Übung halt!“, lachte der Klammerer, schnalzte mit der Zunge und spitzte den Mund. „Aber woltern ein schöns Tröpferl, das muss ich sagen1“ Und während er das Gläschen aufs neue füllte, begann er die Vorzüge des „schönen Tröpferls“ genau zu detaillieren, wobei er die Schnapsbrennerkünste der Lentnerin ins schönste Licht zu setzen wusste.

   Inzwischen war Sabi hinter dem mächtigen, dunkelgrünen Kachelofen verschwunden. Als sie wieder zum Vorschein kam, trug sie sauber glänzende Röhrenstiefel an en Füßen, einen schmalkrempigen, dunkelgrünen Filzhut über den Zöpfen, auf dem linken Arm einen grauen Wettermantel aus grobem Loden und in der Hand eine langstielige Peitsche.

   „Ja Sabi, jetzt da schau, so gfallst mir ja noch besser wie z’erst!“, rief der Klammerer, stellte das zum dritten Mal geleerte Gläschen auf den Tisch und betrachtete mit schiefem Kopf und lustig glänzenden Augen das Mädel, das in der Tat ein gar schmuckes Bild gewährte, in dem sich junge, mädchenhafte Schönheit mit trotziger Kraft zu eigenartiger Wirkung vermischte.

   „Geh, du Planer, du“, lächelte Sabi, „wann noch en Glasl willst, nacher musst d’ Mutter loben und net mich!“ Und während sie der Lentnerin mit ausgestreckter Hand entgegenging, sagte sie herzlich: „Jetzt fahr ich halt nacher! Bhüt dich Gott, Mutter, und unser Herrgott soll dich in seiner Hut halten über Nacht.“

   „Bhüt dich Gott, Madl! Gelt, gib mir schön Obacht, bsorg mir alles in der Ordnung und fahr net z’gach, dass d’ es net am End am Wagen oder an die Rösser büßen musst!“

   „Wird sich nix fehlen, Mutter!“

   „No also, in Gottsnamen!“, seufzte die Lentnerin und tauchte die Finger in das neben der Türe hängende irdene Kesselchen, um Sabis Gesicht mit geweihtem Wasser zu besprengen. Dann nickte sie dem Klammerer zu: „Meintwegen, trink halt derweil noch ein Glasl.“

   „Ah na, jetzt lassen wir’s gut sein!“, lachte der Alte, während er sich flink erhob und den Weibsleuten in den Flur folgte. „Das lass ich mir net nehmen, das muss ich schon sehen, wie d’ Sabi aussifahrt zum Hof.“

   Als die junge Fuhrmännin ins Freie trat, schüttelten die beiden Pferde, die vor den plump gebauten, mit einer weißen Blache überspannten Leiterwagen gespannt waren, die zottigen Köpfe, dass die Messingplatten der Geschirre klapperten. Es waren zwei nicht allzu stattliche, aber gut genährte und sauber gehaltene Tiere.

   Peinliche Sauberkeit war überhaupt das Gepräge aller Dinge, die hier das Auge traf. Weißer Kies, in der hellen Sonne glänzend, deckte den schmalen Hofraum, der von dem Nachbargehöft durch eine hohe, lebende Hecke getrennt war und in einen lang gestreckten Wiesengarten überging, in welchem schütter stehende Weichsel- und Zwetschgenbäume ihre kugeligen Schatten auf die kurz gemähte Grasfläche warfen. Kein Strohhalm lag auf dem Pflasterwege vor dem niedern Stall; der war an das Wohnhaus angebaut, dessen weiß getünchte Wände bis zur Fensterhöhe von lichtgrünem Weinlaub übersponnen waren. Zwischen der Giebelseite des Hauses und der Straße lag ein kleiner Gemüsegarten mit mancherlei blühenden Blumen. Das Haus zeigte nach dieser Seite nur drei Fenster, von denen die beiden ebenerdigen zur Stube und zur Schlafkammer der Lentnerin gehörten, während das dritte, inmitten des hohen, spitz verlaufenden Giebels, in Sabis Dachstübchen führte. Vor diesem Fenster war ein grün bemaltes Lattengestell angebracht, auf dem ein Dutzend Nelken-, Geranien- und Rosenstöcke in zierlicher Ordnung prangten.

   Im Garten plätscherte ein von roten Wicken überwachsener Brunnen, Schwalben umschossen das sonnige Haus, in den Obstbäumen des Gartens schlugen die Finken, und süßer Heuduft wehte von den nahen Wiesenhängen her, welche die Vorstufe der waldigen Berge bildeten.

   „Gwiss wahr, je öfter als ich herkomm, so besser gfallt’s mir da!“, sagte der Klammerer, während er zwinkernd in die helle Sonne hinaustrat. Prüfenden Blickes schaute er rings umher; dabei verirrten sich seine Augen über die Straße, in das gegenüberliegende Gehöft, in dem ein junger Bursch an einem riesigen, schwer beladenen Wagen sich zu schaffen machte, was den Klammerer zu der Bemerkung veranlasste: „Du, Sabi, da schau, der Vinzenz richtet sich auch schon zum Fahren her!“

   Sabi schweig und begann die verschlungenen Zügel der Pferde auseinanderzunesteln. Die Lentnerin aber erwiderte in nicht besonders freundlichem Ton: „Soll sich richten, wie er mag … was geht’s denn uns an!“

   „Geh weiter, jammerst allweil über den da drüben und bist selber auch so eine Bissguren, die gleich mit’m gwetzten Schnabel bei der Hand is.“

   „No ja, wär eine schöne Müh, wann man sich um jeden Loder kümmenr müsst!“

   „Du, über’n Alten kannst schimpfen, wie d’ magst, aber über’n Vinzenz sagst mir fein nix!“

   „Lass mich aus! Der is um kein Haar net besser!“

   „Natürlich, jetzt das is gwiss, wenn sich der Alte gegen Enk auf d’ schiefe Seiten stellt, kann der Bub allein net den barmherzigen Bruder spielen. Und ein bissl ein Hitzköpfl is er halt auch … müsst er net Bohner heißen! Im übrigen aber is er ein Bursch, dass keiner im Ort net aufsteht gegen ihn. Und soviel kann ich dir sagen …“

   „Mutter, ich mein’, es wär an der Zeit! Mach mir den Gatter auf!“, so wurde der Klammerer in seiner eifrigen Verteidigung plötzlich von Sabis Stimme unterbrochen. Und diese Stimme klang so scharf und unwillig, dass sich der Alte flink und verdutzt gegen das Mädel kehrte.

   „No, no, was is denn auf einmal? Wo brennt’s denn?“, lachte er, als er in diese finster blickenden Augen sah; aber sein Lachen wollte ihm nicht so herzlich wie sonst gelingen; nun verstummte es ganz und wurde zu einem leisen, merkwürdigen Lächeln; es war auch ein gar eigen forschender Blick in seinen Augen, als er begütigend beifügte: „Geh, auf die paar Minuten wird’s dir dengerst net ankommen. Traunstein draußen lauft dir net davon, heut holst es leicht noch ein!“

   Sabi erwiderte keine Silbe; dem Alten den Rücken kehrend, legte sie auf dem schmalen Bocksitz des Wagens die beiden Pferdedecken und ihren Wettermantel zurecht; dann nahm sie die Peitsche zur Hand, fasste die Zügel und klatschte sie mit einem unwilligen: „Hüo, Scheck! Hüh, Bräundl!“ den beiden Pferden über den Rücken.

   Die Rösslein zogen an, und knarrend rollte der Wagen über den Kiesgrund und durch das Gattertor, das die Lentnerin inzwischen weit geöffnet hatte.

   Zögernden Ganges folgte der Klammerer dem Wagen auf die Straße; dort stand er und blinzelte dem Mädel nach, das, mit sicheren Händen die Zügel führend, gemessenen Schrittes neben den Pferden einherging und keinen Blick zur Rechten oder Linken wandte. Als das Gefährt hinter einer Biegung des Weges verschwand, nickte der Alte bedächtig vor sich hin und während er einen halblauten, gedehnten Pfiff vernehmen ließ, fuhr er mit der Hand an eine Stelle des Rückens, an der sich wohl wieder eines der kleinen „Teuferln“ verspüren ließ; leise rührte dabei der Wind den leer hängenden linken Ärmel der verblichenen Jacke.

   Nun machte er Miene, in den Hofraum des Lentnerhauses zurückzukehren; doch er sah das Gatter schon wieder geschlossen, und eben verschwand die Lentnerin in der Tür. Er richtete sich auf, als wollte er der Alten noch ein paar Worte zum Abschied nachrufen; dann aber schüttelte er den Kopf, wandte sich kurz ab, und ein leises Kichern klang von seinen Lippen, als er quer über die Straße dem offenen Tor des Bohnerhofes entgegen schritt. Mit musternden Blicken überflog er das große, zweistöckige Wohnhaus, an dem die Wohlhabenheit aus allen Fenstern guckte. Schließlich blieben seine Augen prüfend an dem jungen Burschen haften, der in Hemdärmeln und mit gespreizten Füßen auf den Leitern des mit Säcken, Koffern, Kisten und Schachteln beladenen Wagens stand, eine schwere Leinenblache über die bogenförmig gespannten Reifen zog und dazu mit halblauter Stimme eine muntere Weise sang. In der sicheren Leichtigkeit, mit der der Bursche da droben hantierte, verriet sich eine Kraft, die man dem schlanken, schmächtigen Körper vielleicht nicht zugetraut hätte. Er mochte das sechsundzwanzigste Jahr kaum überschritten haben. Glatte, lichtblonde Haare, die sorgfältig gescheitelt waren, umrahmten das leicht gebräunte, hübsche Gesicht. Um Kinn und Wangen sprosste ein schüchterner Flaum, während sich das braune Schnurrbärtchen durch seine keck in die Höhe gedrehten Spitzen bereits ein gewisses Ansehen zu geben versuchte. Sorglose Fröhlichkeit war der Ausdruck dieses Gesichtes, und frisch und redlich schauten die hellblauen Augen in die Welt.

   „Grüß dich Gott, Vinzenz!“, rief der Klammerer im Näherkommen den Burschen an. „Allweil lustig bei der Arbeit?“

   „No natürlich!“, gab Vinzenz, seinen Gesang unterbrechend, in munterem Ton zur Antwort. „Wann einer net lustig wär dabei, wär ’s Arbeiten eine bittere Sach.“

   „Hast recht! Traurige Leut müssen sich schinden, bei die Lustigen aber geht d’ Arbeit über’n Tanz!“

   „Ah na, jetzt das is doch ein bissl übertrieben!“, meinte der Bursch. „Ein Landlerischer is mir dengerst lieber wie ’s Wagenpacken. Aber sag, wie geht’s denn bei dir allweil?“

   „Schön stad auf zwei alte Füß. Aber dass dich da drum so gar viel sorgen tust, das scheint mir net! Hast dich ja eine Ewigkeit nimmer anschaun lassen bei mir draußen.“

   „Mein, weißt es ja selber, d’ Sommerzeit, die bindt eim Händ und Füß. Wie steht’s denn mit deine Vögel?“

   „Woltern gut! Die Bruten hab ich alle sauber durchbracht, und auch sonst bin ich z’frieden. Meine Staren pfeifen drauf los, den Wendelstein, die Wacht am Rhein und den Neubayrischen, dass’s grad eine Freud is! Und meine Drossel erst, du, die sollst sehen, die lernt schon so fleißig, ja … seit acht Tagen schon holt sie sich’s Wasser selber!“

   „Geh, is wahr? No, das muss ich mir schon bald einmal anschaun und – – Kreuzsackra, gehst net rüber!“ Diese letzten Worte galten der widerspenstigen Blache, die sich nicht über die Krümmung des alten Reifens ziehen lassen wollte; aber dem Willen dieser jungen, kräftigen Arme musste sie sich fügen.

   Schweigend schaute der Klammerer eine Weile dem Burschen zu, dann zog er das erloschene Pfeiflein aus dem Janker hervor, klopfte es an der Wagendeichsel aus und begann es frisch zu stopfen, wobei er seinen „ungraden Fingern“ mit Knien und Zähnen zu Hilfe kam. Vinzenz hatte inzwischen seine Arbeit auf dem Wagen vollendet; nun sprang er zur Erde, und während er die Blachenzipfel an den Leitern befestigte, pfiff er die Weise jenes Liedes vor sich hin, in dem die Ankunft des Klammerers ihn unterbrochen hatte.

   Da schaute der Alte schmunzelnd auf, und während er dem Burschen mit den Augen folgte, fiel er halblaut in die Weise ein:

„Wie mehr d’ Sterndln funkeln,
So lichter is d’ Nacht, ja Nacht –
Und ich hab auf mein Schatzerl
A wenig an Verdacht!

Und ein Anterl im Weiher
Macht ’s Wasserl so trüb, so trüb,
Und ohn ein Eifersucht
Is dir kein Lieb!“

Und als er mit einem hellen Zungenschlag geendet hatte, trat er lachend auf Vinzenz zu. „Was is denn, sag, dass dir das Liedl gar net aus die Gedanken will, dass d’ es blad singst und bald wieder pfeifst? Schau, schau, solchene Sachen gehen dir im Kopf umeinander! Gelt, Hallodri, bist halt verliebt!“

   „Ich, und verleibt?“, erwiderte der Bursch in einem Ton, der nicht harmloser und unverdächtiger hätte klingen können. „Das ging mir grad noch ab! Ah na, da hab ich schon an andere Sachen z’denken!“

   „Geh weiter, lüg mich net so an!“

   „Wär schon eine Lug wert, so eine Dummheit! Aber was hast denn auf einmal, dass dich d’ Neugier gar so plagt?“

   „Neugier? Ah na, gewiss net! Aber ich denk mir halt, es wär allweil schon an der Zeit, dass dich umschaust um eine Gsellin.“

   „Umgschaut hab ich mich schon gnug, aber gfunden hab ich noch nix!“

   „Jetzt is schön! Und sind doch saubere Madln grad gnug im Ort … zum Beispiel ’s Kramerlieserl?“

   „Die is mir z’klein!“

   „Oder ’s reiche Müllerlenei?“

   „Die is mir wieder z’groß!“

   „No, aber nacher dem Posthalter die seinig? Die hat zu der Schönheit noch ein richtigen Geldsack?“

   „Aber z’viel Haar auf die Zähn! Bei der hätt ich ja ein Leben wie der Spatz im Grillenhäusl!“

   „Jetzt bist du einer, du bist ja mit gar nix z’frieden!“, lachte der Klammerer, schob die Pfeife zwischen die Zähne und holte das Feuerzeug aus der Tasche. „a is dir freilich net z’raten! Aber halt … die junge Hinterbrandtnerin! Die wär so in der mittleren Größ … und so viel sanft! Die kann keine Fliege net betrüben!“

   „Da fehlt’s bei der Schneid wieder ein bissl z’viel! Die lauft ja schon davon, wann s’ im Krautacker ein Hasen nießen hört!“

   „Jetzt is gut! Du hast ein heikligen Gusto! Wo treibt man denn nacher für dich einmal eine auf? Für dich muss ja rein unser Herrgott eine ganz extrige erschaffen! Aber sag …“ Der Alte verstummte, presste das Feuerzeug zwischen die Knie und rieb ein Streichholz an. „Hast dich denn auch … schon umgschaut … so in der nächsten Nachbarschaft? Wieder schwieg er und blickte in den knisternden Schwefelbrand, bis die helle, gelbe Flamme von dem Hölzchen aufging; dann fing er zu ziehen und zu paffen an, und plauderte, während er keinen Blick seiner blinzelnden Augen von dem Burschen verwandte: „Ja, weißt … d’ Lentnersabi mein’ ich! Die wär bildsauber beinander, schön groß und dengerst net z’lang, schön rund und dengerst net übergwichtigt, sanft und freundlich wie ein Täuberl und dengerst bei der Schneid wie der Tauernwind im Fruhjahr! Und was ihr an die Batzen fehlt, das wiegt s’ mit ihre riegelsamen Arm gut zehnmal auf! Kreuzstarenkobel, das gäb dir ein Paarl: Du und d’ Sabi! Der könnt sich sehen lassen, der so was füreinand brächt! Ja! Was meinst?“

   Da schwieg der Alte und guckte mit seinem gewissen Blick und Lachen den Burschen an, der vor ihm stand, die Beine gespreizt, die Daumen in die Hosenträger eingehenkt. Mit einer halb verblüfften, halb belustigten Miene hatte Vinzenz die ruckweise vorgebrachten Worte des Klammerers angehört; und nun, da der Alte zu Ende war, brach der junge Bursch, die Arme breit auseinander schlagend, in schallendes Gelächter aus. „Ja Klammerer! Was is denn mit dir! Mir scheint, bei dir geht’s um … im Heuboden droben!“ Ein Fingerzeig nach der Stirn des Alten erläuterte dieses Gleichnis. „Na, na, jetzt gehst mir aber weiter! Was du net daherreden kannst, wenn der Tag lang is! Ich und … und – – da legst dich doch gleich nieder!“ Und in Gelächter erstickten ihm die Worte.

   Über das Gesicht des Klammerers zuckte was wie Enttäuschung oder Verstimmung; das war aber nur ein Moment; dann blitzte wieder der alte, lustige Blick in seinen Augen auf, und er stimmte in das Gelächter des Burschen mit einem Lachen ein, das so fröhlich und offen klang, dass man hinter den Worten, die er darin mischte, wirklich nichts anderes hätte suchen mögen, als was sie sagten: „Gelt, jetzt kannst lachen! Ja, schau, und das freut mich, dass doch auch ein Gspaß verstehst. Ein anderer hätt mir so was schon lang verübelt! Aber du, natürlich … ich sag’s ja allweil: Über’n Vinzenz steht keiner net auf!“

   „Ich dank dir schön … dank dir für dein Lob! Aber …“ Wieder versagte dem Burschen vor Lachen die Sprache, bis er nach einer Weile halb seufzend, halb stöhnend auffuhr: „Na so was! So was! Grad weh tut mir alles in mir drin!“ Und die Fäuste in die Hüften pressend, wandte er sich kopfschüttelnd dem Wagen zu.

   Der Klammerer kicherte noch eine Zeitlang vor sich hin, dann nahm er die Pfeife aus dem Mund, fuhr mit der Spitze nach dem Genick und sagte in lustigem Plauderton: „Gelt, so was Dummes fallt doch keim andern net ein als mir! Das heißt …“ dabei nahmen seine Züge einen bedächtigen Ausdruck an, „weißt, was ich von der Sabi gsagt hab, das is ja net glogen! Da brauchst ja das Madl bloß selber einmal drum anschaun!“ Und wieder lachte er. „Aber so was is ja gar net zum Denken, das is ja zum Lachen! Was möcht dein Vater sagen! Und dir selber … wie könnt denn dir so was einfallen! Aber weil wir grad von deim Vatern reden … wo is er denn?“

   „Drin in der Stuben, denk ich. Was willst ihm denn?“

   „Was auskarteln muss ich mit ihm. Denn wenn ich auch zu dir und deim Vatern der bessere Freund bin als zu die zwei Weiberleut da drüben … mein Gott … Menschen sind s’ dengerst, und erbarmen können s’ ein auch. Drum hab ich halt gmeint, ich will mit deim Vatern ein Wörtl reden, von wegen der Gschicht mit’m Schmied.“

   Verwundert schaute Vinzenz auf. „Was is jetzt das schon wieder? Was für eine Geschicht?“

   „Ja weißt denn du nix davon, dass dein Vater dem Schmied androht hat, er steht ihm mit der Kundschaft aus, wenn er ’s Arbeiten für die Lentnerischen net bleiben lasst?“

   „Na, da weiß ich nix davon!“, erwiderte Vinzenz halb unwillig und halb gelangweilt. „Und wenn er mir das gsagt hätt, der Vater, hätt ich ihm auch graten, dass er so was bleiben lasst. Mit solchene Sachen schadet er sich mehr an der Ehr, als er die andern ärgert. Ich sag’s ihm allweil: Ich wär schon z’stolz dazu, dass ich mir mein Unmut allweil so merken ließ. Das is ja grad, wie wenn ein Drescher mit’m Flegel nach eim Spatzen schlagt, der in’ Stadel einifliegt; auf die paar Körndln kommt’s dengerst ent an, wenn der Haber schaffelweis am Boden liegt. Ja, ja, geh nur eini zu ihm und red ihm ein bissl zu! Von dir hört er’s am ehndesten noch an! Aber…“ und da zerfloss der Ernst des Burschen in ein gutmütiges Lächeln, „gelt, denselbigen Gspaß därfst fein am Vatern net probiern. weißt, der is net so gut eingrichtet aufs Gspaßverstehn. Da könntst leicht eine Luftreif’ machen … aus der Tür auf d’ Straßen aussi … bei aller Freundschaft. Ja, und somit bhüt dich Gott, Klammerer, bhüt dich Gott!“ Freundlich nickte er dem Alten zu und rief dann mit lauter Stimme gegen die Stallung hin: „He! Seppei!“

   „Aho! Was is?“, klang ein dumpfer Bierbass zur Antwort.

   „Einspannen! Zeit is!“ Und prüfend umwanderte Vinzenz den Wagen.

   Indessen ging er Klammerer auf die Haustür zu; als er sie erreicht hatte, wandte er sich noch einmal, guckte nach dem Burschen, kraute sich den Rücken und murmelte verdrießlich: „Mir scheint, da bin ich einmal aufgsessen mit meiner Gscheitheit!“

   Bald nach ihm betrat auch Vinzenz das Haus; im Flur verhielt er sich einen Augenblick und lauschte lächelnd den streitenden Stimmen, die sich aus der Stube vernehmen ließen; dann stieg er die Treppe zum oberen Stock empor.

   Kaum waren seine Schritte verhallt, als die Stubentür aufgerissen wurde und der Bohner mit puterrotem Gesicht und fuchtelnden Armen ins Freie stürmte. „Lass mir mein Ruh, Klammerer! Lass mir mein Ruh, sag ich dir, oder ich werd grob! Jetzt will ich nix mehr hören!“

   „Du bockbeiniger Giftnickel, du gachzorniger!“, schalt der Klammerer, während er den Bauer flink verfolgte. „Sei froh, dass dir einer ins Gwissen redt!“

   „Meim Gwissen braucht keiner z’raten als ich selber! Und jetzt lass mir mein Ruh, sag ich!“

   „Na! Nix! Net auslassen tu ich, und da hältst mir jetzt stand!“ Dabei wollte der Alte den Bohner, der sich breitspurig vor den beladenen Wagen hingestellt hatte, beim bauschigen Ärmel fassen; aber mit einem zornigen „Klammerer, ich sag dir’s, ich werd grob!“, riss sich der Bauer los und schritt, die Hände hinter dem Rücken kreuzend, quer über den weiten Hofraum dem Grasgarten zu. So ging es dahin, ein Stück durch die baumreiche Wiese, rings um die riesige Scheune, hinter das Haus und wieder dem Hof entgegen; der Bohner immer voraus, der Klammerer unverdrossen hintendrein, lachend und kichernd, schmollend und scheltend, bald das Genick, bald die Hüften krauend.

   „Aber schau, Bohner, so lass dir doch sagen … ich will dir ja alle Grechtigkeit zukommen lassen! Ich weiß ja, vor Zeiten hast ja ein bissl Ursach ghabt. Den Lentner selig hast halt net leiden können, und spöttisch gnug is er auch gwesen! No ja, und deine Bäuerin, solang s’ glebt hat, die hat auch allweil hinter dir dreinghetzt … natürlich, es is halt so eine Sach mit der Eifersucht!“

   „Was! Eifersucht! Das ging mir grad noch ab! Du, ich sag dir’s, mit so was wann anfangst, da kann dir was passieren, wo dir dein Lachen auch nimmer hilft!“

   „No, jetzt das wirst mir doch zubsthen müssen, dass d’ Rosl drüben den Lentner net ehnder gnommen hat, eh du net verheirat warst, so wie’s deim Vatern selig taugt hat. D’ Rosl hat’s halt dir nachgmacht … aber so eine arge Sünd war das dengerst net, dass in deim Recht gwesen wärst, wann hinther in deim Gift und Gall den Lentner schiergar um Hau sund Hof bracht hast.“

   „Net wahr is! Net wahr is! Ein Loder is er gwesen, der nie was vom Hausen verstanden hat! Und wenn ich die Grundstückeln net kauft hätt, um die er kommen is, hätt s’ ein anderer kauft. Aber natürlich, das hat ihn halt nacher gwurmt, dass ’s grad der Bohnerlenz is, der auf seine verkauften Wiesen und Äcker umeinander steigt! Und weil ihm schon nix mehr eingfallen is, mit was er mich hätt giften können, drum hatt er ’s Botenfahren angfangt … der Haderlump!“

   „Aber geh, Lenz! So ein gscheiter Kerl wie du und kann so dalket dischkrieren! Mir wirst doch net einreden wollen, dass der Lentner d’ Fuhrwerkerei grad aus Bosheit angfangt hat! So ein Reden is ja fürs Griechenland!“

   „Lass mich nur grad mit deim Griechenland in Ruh!“

   „Der Lentner is halt in der Not gwesen um ein Verdienst und ums Leben, und allweil er gsehen hat, dass du ’s Botengschäft für alle die Ortschaften umeinander nimmer zwingen kannst allein, da hat er sich denkt: Was den ein fett macht, wird den andern auch noch speisen.“

   „Kann sich denkt haben, was er mag! Aber deswegen hat er noch kein Recht net ghabt zum Botenfahren!“

   „Kein Recht? Das Recht hat ein jeder!“

   „Was? Ein jeder? Gar keiner! Das wär schön, wenn da ein jeder treiben dürft, was er möcht! Und dass kein Brauch mehr gelten soll und kein Herkommen. Botenfahren, natürlich, das wär leicht! Aber der Fuhrmann von Ruhpolding, der bin ich! Der Bohner! Und der is mein Vater gwesen und mein Ahnl und Urahnl! Und hinter meiner kommt mein Bub! Das is mein Recht von Herrgotts wegen! Und was sich einer zuzieht, der so was anrührt, das hat er schon erfahren, der Lentner, wie ihn der Botenwagen derdruckt hat!“

   „Jesses Maria, Bohner, wie kann man denn gar so gottssträflich daherreden! So ein Unglück … und so eine Nachred! Ich mein’, der Jammer wär groß gnug gwesen, dass er die Ursach hätt geben sollen, wenigstens die zwei armen Weiberleut da drüben in Ruh z’lassen!“

   „Was! So kommst mir jetzt! Hab ich leicht der Lentnerin selbigs Mal net sagen lassen, dass ich d’ Hand zum Frieden biet, wann sei ’s Botenfahren aufgeben will!“

   „Ja, schön, und nacher hätt s’ verhungern mögen mit ihrem Madl?“

   „Sie hätten ja im Taglohn arbeiten können!“

   „Natürlich, sonst nix mehr! Du Ruech, du alter! Hast alle Kasten voll Gold und machst ein solchen Unfried her ins Ort von wegen die paar Markstückeln, die sich die armen Hascher da drüben mit Not und Müh erprasten! Schamst dich denn net!“

   „Mein Ruh lass mir! Mir is net ums Geld! Meintwegen schenk ich ihnen alle Jahr den Bettel, den s’ derrackern! Aber mein Recht will ich haben! Und das soll mir keiner net anrühren!“

   „Das fallt auch keim andern net ein! Da hast schon gsorgt dafür!“

   „Ja! Und mit dene zwei da drüben werd ich auch noch fertig! Und wenn s’ in der Güt net nachgeben, nacher geht’s mit der Gwalt! Denn was ich mir einmal in Kopf gsetzt hab, das früh ich auch durch, und wenn alles z’grund geht drüber! Und drum sag ich ir, es hilft dir nix, was d’ reden magst, und kein Rast net gib ich und kein Ruh, ehvor net wieder ein einziger Fuhrmann im Ort is! Seit gestern is der Schmied auf meiner Seiten, und über kurz oder lang wird’s mit’m Wagner grad so sein!“

   „Mach nur so zu, ja! Aber gelt, gib fein acht, du Hartschädel, du bockbeiniger, dass net unser Herrgott einmal d’ Langmut verliert … und da könnt’s nacher leicht sein, dass blad wieder ein einziger Fuhrmann im Ort is, der aber anders heißt als du!“

   „Ja Himmelkreuz …“ fuhr der Bohner mit kreischender Stimme auf; das Gesicht übergossen von dunkler Zornröte, wandte er sich mit erhobenen Fäusten gegen den kichernden Klammerer.

   Der Alte aber duckte sich nicht um eine Linie. Die Hand am Kolben der qualmenden Pfeife, so stand er, lugte aus schief gehaltenem Kopf lustig zwinkernd zu dem Bauern auf und lachte, dass ihm der Schnurrbart zitterte. „No also, schlag halt zu!“ Und je höher dem andern an Stirn und Schläfen die Adern schwollen, desto heller klang das Lachen des Klammerers.

   Da sanken dem Bohner die Fäuste, und ein merkwürdiges Zucken ging über sein furchiges Gesicht, während er den Alten anbrummte: „Jetzt machst aber, dass mir aus den Augen kommst, du Kratzteufel, du ewiger!“ Dann schob er die Hände in die Hosentasche und bog um die Hausecke in den Hof. Hier war inzwischen der beladene Wagen mit zwei prächtigen, schwarzen Hengsten bespannt worden. Wiehernd scharrten die Pferde auf dem Grund und peitschten ihre Flanken mit den langen buschigen Schweifen. Die reich mit Messing beschlagenen Geschirre funkelten in der Sonne, und ein metallener Glanz lag auf den Dachsfellen, die den bäuerlichen Schmuck der ledernen Kummete bildeten.

   Als der Bohner des Gefährtes ansichtig wurde, begann er mit grober Stimme zu schelten: „Was is denn? Wird denn heut gar nimmer gfahren! Geht denn gar nix füreinand! Das war mir ’s Wahre! Wo is er denn, der Sackrabub!“

   „Öhö, Vater, da bin ich schon!“, ließ sich Vinzenz aus dem Flur vernehmen, und gleich darauf erschien er auf der Schwelle. Er machte eine prächtige Figur in dem Sonntagsstaat, mit dem er sich bekleidet hatte: In der hellgrauen Tuchhose mit den handbreiten grünen Streifen, in der dunkelgrünen Weste mit der schweren Silberkette, an der ein faustgroßes Charivari baumelte und klapperte, und in der kurzen Kochlerjoppe mit den großen Hirschhornknöpfen. Um den aufgestellten Hemdkragen trug er ein rot und blau gesprenkeltes Seidentuch geschlungen, dessen Zipfel durch einen mit Hirschzähnen geschmückten Silberring gezogen waren. Schief über seinem blonden Kopf saß der kleine schmalkrämpige Filzhut mit dem Spielhahnstoß, und in der Rechten trug er die Staatspeitsche mit dem Silber beschlagenen Griff und dem bunten Seidenquästchen an dem dünnen Ende, von dem die lange Geißelschnur niederzüngelte wie ein weißes, unruhiges Schlänglein. „So, jetzt kann’s dahingehen! Bhüt dich Gott, Vater; Bhüt dich Gott, Klammerer!“ Dabei nahm er dem Knecht die Zügel aus den Händen und schwang die Peitsche, dass ihr helles Knallen von der Hauswand widerhallte. „Hüo! Munter füreinand, ihr Teufeln, ihr schwarze!“

   Der Bohner knurrte und brummte noch immerzu; als aber Vinzenz mit einer scharfen, tadellos ausgeführten Schwenkung durch das Zauntor auf die Straße lenkte, erschien auf seinem finsteren Gesicht ein zufriedenes Lächeln, und mit breitem Stolz nickte er dem Klammerer zu: „Ja, gelt? Botenfahren? Botenfahren wär leicht! Aber ein Fuhrwerkl so am Fleck herstellen wie’s meinige … was? Das soll mir einer nachmachen!“

   Vinzenz hörte diese Worte nicht mehr. Er hatte seien ganze Aufmerksamkeit nötig, um den Feuermut der beiden Rosse zu zügeln, die das mehrtägige Stehen im Stall recht ungebärdig gemacht hatte. Das Dorf lag schon um eine weite Strecke hinter ihm, als es ihm erst gelang, die beiden Tiere in ruhigen, gleichmäßigen Zug und Schritt zu bringen. Da schlug er dann, während er neben dem Gespann einher schritt, die Joppe auseinander und begann ein munteres Lied zu pfeifen, das er mit taktmäßigem Peitschenknall begleitete. Als die Straße vor einem nahen Wald in beträchtliche Steigung geriet, so dass die schwerer werdende Last des Wagens den Pferden übergenügend zu schaffen gab, wickelte Vinzenz die Zügel um die Leiterstange und wandte sich nach dem Dorf zurück, als wäre das an dieser Stelle so eine Gewohnheit. Mit Pfeifen und Knallen folgte er rücklings schreitend dem langsam und ächzend hügelan ziehenden Gefährt, ließ die Blicke in die weite Runde schweifen, und dabei leuchtete aus seinen Augen die helle Freude an der sommerlichen Pracht der zu seinen Füßen gebreiteten Landschaft.

   Aus dem tieferen Wiesengrund zur Linken blitzten die Wellen der Traun zu ihm empor durch Erlen und Weiden, deren bläuliches Grün sich in der Nähe des Dorfes mit der dunklen Farbe kleiner Fichtenbestände vermischte. An diese lehnten sich die von lebenden Hecken umzogenen Grasgärten mit ihren zahlreichen Obstbäumen und Linden, über deren dichte Kronen in buntem Wechsel die braunen und roten Dächer der Häuser hinausragten. Rechter Hand vom Dorf, auf einem stielen Hügel, über den sich ein hell glänzender Sandweg aufwärts schlängelte, thronte, umgeben von uralten Baumriesen, die Kirche mit ihrem schlanken Turm. Ansteigendes Gelände mit weit zerstreuten Gehöften, mit Getreidefeldern, Wiesenhängen und kleinen Gehölzen bildete den Hintergrund, den in mächtigem Bogen die dunkel bewaldeten Berge schlossen. Da zog zur Linken hin der Rauschenberg mit seinem lang gestreckten, ebenen Grat, zur Rechten türmte der Kienberg seine wild zerrissenen Schrofen in die blauen Lüfte. Zwischen ihnen in der Tiefe des Passes, den die Traun durchrauschte, erhob sich die kahle Felsenpyramide des Sonntagshornes, und weit in der Ferne blinkten silbergleich die steilen Zinnen der Steingebirge von Lofer.

   Aus jenem Pass zitterte von Zeit zu Zeit der dumpf dröhnende Hall eines Sprengschusses über das Tal einher; durch die Bäume, zwischen denen der blaue Herdrauch sich aus den Dächern kräuselte, schickte noch das Leben des Dorfes seine gedämpften Klänge: Rufende Menschenstimmen, Hundegebell, den krähenden Schrei eines Hahnes und das Gebrüll der Rinder; drunten im Wiesental sang ein Mädel beim Heuen, und aus einem Getreidefeld, das hart an der Straße lag, klang der weiche Schlag einer Wachtel.

   Vinzenz verhielt den Schritt und als der Wagen eine Strecke vorangefahren war, begann er den Vogelruf nachzuahmen. Dank der Schule, die er als Knabe beim Klammerer durchgemacht hatte, gelang ihm das so täuschend, dass ihm die Wachtel nach kurzem Schweigen Antwort gab. Wigg di wigg! Wigg di wigg! – so klang es nun zwischen dem Burschen und dem Vogel um die Wette hin und her, immer näher ließ sich der antwortende Schlag der Wachtel vernehmen und nun guckte das braune, wohlgenährte Tierchen am Rand des Ackers aus den Halmen hervor. Da knallte Vinzenz unter scheuchenden Zischen mit der Peitsche, so dass der Vogel erschreckt in die Höhe flatterte, um sich inmitten des Feldes wieder zwischen die Ähren fallen zu lassen.

   „Gelt! Hab ich dich drankriegt!“, lachte Vinzenz lustig auf und suchte in flinkem Trab seinen Wagen einzuholen, der bereits im Wald verschwunden war. Als er die Zügel wieder in Händen hielt, begann er aufs Neue sein Pfeifen und Knallen.

   Nach einer halben Stunde erreichte er die ersten Häuser des kleinen Dorfes Eisenärzt. Jetzt fuhr er an der offenen schmiede vorüber.

   „Grüß dich Gott, Schmied!“, rief er den graubärtigen Alten an, der an den Torpfosten gelehnt stand, die nackten, rußigen Arme über der Brust gekreuzt.

   „Grüß dich Gott auch!“, lautete der Dank. „Und was ich sagen will, ja … Vergeltsgott für die Arbeit, die mir heut zugschanzt hast!“

   „Was, Arbeit? Wieso?“

   „No, grad is ’s Lentnermadl dagwesen und hat ihren Schecken bschlagen lassen. Und warum s’ ihn gard bei mir hat bschlagen lassen, das mein’ ich, wirst schon wissen?“

   „Ah, so meinst es!“, rief Vinzenz halb belustigt und halb geärgert über die Schulter zurück. „Gelt, werd fein net gar z’fett an derer neuen Kundschaft!“

   „No ja, man muss mit allem z’frieden sein, hat der Teufel gsagt, wie er eine Schinderseel gholt hat! Aber das muss ich sagen: Schöne Christen seids miteinander, dein Vater und du! Gegen so ein liebes und ein braves Madl…“

   Vinzenz hörte nichts mehr, denn die weiteren Worte des Schmiedes erstickten unter dem rappelnden Gepolter, mit dem der Wagen über die Traunbrücke fuhr. Dunkle Röte hatte das Gesicht des Burschen übergossen; einen Augenblick schien es, als wollte er umkehren; aber die um seine Hand geschlungenen Zügel rissen ihn vorwärts. Mit hochgezogenen Brauen und verdrossen guckte er vor sich hin. Doch hielt diese verdrießliche Stimmung nicht lange an; ein kleiner Zwischenfall vertrieb sie, der sich bei einem der nächsten Häuser ereignete. Dort rannte ein kleines Bürschlein, dem das nicht mehr allzu saubere Hemdchen überall durch Schliffen des Hösleins guckte, hart vor den Pferden über die Straße, stolperte und kollerte seiner ganzen winzigen Länge nach in die mit Staub gefüllte Gosse; dort blieb es liegen, streckte alle viere von sich und schrie, als ob es am Spieß stäke. Lachend warf Vinzenz die Zügel über die Leiterstange, eilte auf das Bürschlein zu und zog es in die Höhe; unter freundlich tröstenden Worten klopfte er ihm den Staub von den Kleidern und schob es der Mutter hin, die unter der niederen Tür erschienen war.

   Inzwischen erreichten seine Pferde den breiten Straßenraum vor dem Wirtshaus und lieferten den Beweis, welch einer guten Erziehung sie sich bei all ihrer sonstigen Ungebärdigkeit rühmen konnten. Aus freien Stücken zogen sie den Wagen von der Straße weg auf die Seite, blieben stehen und reckten die Hälse nach der offenen Stalltür. Sei fanden hier auch Gesellschaft vor, denn nahebei im Schatten zweier Linden stand Sabis Botenwagen, vor dem der „Bräundl“ und der frisch beschlagene „Scheck“ einträchtig ihre Mäuler in einem mit Heu gefüllten, hölzernen Futtertroge stecken hatten. Dieser Anblick musste natürlich die Ungeduld der beiden anderen Rosse erwecken, so dass sie ein lautes Wiehern und Scharren begannen, das den Hausknecht herbeirief.

   „So, seids schon da miteinander!“, brummte er, humpelte auf Sabis Wagen zu, riss den käuenden Pferden den Barren unter den Mäulern weg und trug ihn zu den Bohnerischen hinüber.

   Mit dem deutlichen Ausdruck tiefer Kränkung in den großen, runden Augen schauten der „Scheck“ und der „Bräundl“ dem verschwindenden Futtertroge nach und lugten dann hinüber zum Wirtshaus, als hätten sie von da drüben irgendwelche Verteidigung ihres schwer geschädigten Vorrechtes zu erwarten.

   Dort stand im Schatten des weit vorspringenden Daches zu jeder Seite der Tür ein Tisch. Um den einen saßen ein Jäger und zwei Burschen, die, jeder den schweren Maßkrug und die Kreide vor sich, mit abgegriffenen Karten „Handeln“ spielten. Neben dem anderen Tisch saß die Lentnersabi auf der Hausbank. Sie hatte den Hut neben sich liegen, und vor ihr auf dem Tisch stand ein Schoppenglas mit einem Restchen braunen Bieres. Im Schoß hielt sie einen Rinken Schwarzbrot, von dem sie in kleinen Stücken aß.

   Sabi hatte das Manöver des Hausknechts wohl gewahrt, und eine Falte des Unwillens senkte sich zwischen ihre Brauen. Sie legte das Brot auf den Tisch und erhob sich; im gleichen Augenblick aber ließ sie sich wieder auf die Bank zurücksinken, und während leichte Röte ihre Züge überhuschte, fasste sie die Unterlippe zwischen die Zähne.

   Auf der Straße hörte man rasche Schritte näher kommen, und jetzt erschien Vinzenz um die Hausecke. Zufrieden musterte er sein Gefährt, dann wandte er sich der Schänke zu, und da fiel sein erster Blick auf Sabi. Ein feindseliger Zug erschien in seinem Gesicht, wandelte sich aber rasch zum Ausdruck einer Art von Verblüffung, gerade als sähe er das Mädel jetzt zum ersten Mal. Unwillkürlich verzögerte sich sein Gang, und während er die Peitsche zwischen den Händen wie eine Gerte bog, betrachtete er Sabi mit so wägendem Blick, als vergliche er in Gedanken ihr Bild mit jener Schilderung des Klammerers: „Sauber beinand, schön groß und dengerst net z’lang, schön rund und dengerst net übergwichtig, sanft und freundlich wie ein Täuberl und dengerst bei der Schneid wie der Tauernwind im Fruhjahr.“ Das Resultat dieser Prüfung mochte wohl auch kein übles sein, denn in den Augen des Burschen erwachte ein freundlicher Blick, und ein leises Lächeln spielte um seinen Mund.

   Da richtete Sabi den gesenkten Kopf in die Höhe, und die Augen der beiden tauchten für einen flüchtigen Moment ineinander. Doch war es keine besonders sanfte Sprache, welche die Augen Sabis redeten. Hastig erhob sie sich, und während sie den Hut von der Bank zog, furchte sie die Stirn und verzog die Lippen. Dieses Zucken der Mundwinkel entging dem Burschen nicht, und die Deutung, die er ihm gab, trieb ihm das Blut in die Schläfe. Sein Blick nahm wieder jenen feindseligen Ausdruck an, und es schien ihm bereits ein raues, spottendes Wort auf der Zunge zu liegen, als ihn vom anderen Tisch her der Jäger anrief: „Was hast denn, Bohner? Mach weiter, geh her und handl eine Maß mit uns aus!“

   Grüßend rückte Vinzenz den Hut und trat an den Tisch heran. Während er aber den Krug, den ihm der Jäger zum Willkomm hinbot, an die Lippen führte, spähte er wieder hinüber zu Sabi, die das Glas geleert, den Rest des Brotes in die Tasche gesteckt hatte und nun aus einem kleinen Lederbeutelchen einige Kupfermünzen auf den Tisch zählte.

   Kichernd lugten die beiden Burschen der Fuhrmännin nach, als sie ihrem Wagen zuschritt; und einer sagte zu Vinzenz: „Du, da schau! Der Fuhrmännin muss d’ Luft nimmer ganz koscher sein, seit der Fuhrmann da is!“

   „Red net so dalket!“, gab Vinzenz ärgerlich zur Antwort, während er sich an der Seite des Jägers niederließ. „Von mir aus kann da umeinandsitzen, wer mag! Aber es zehrt halt ein jeder, wie er zahlen kann!“

   Sabi hatte bereits die Zügel ergriffen, und eben lenkte sie den Wagen auf die Straße zurück und am Tisch vorüber. Da stieß der Jäger den Burschen mit dem Ellbogen an und lachte: „Geh, schau’s an, ’s Lentnermadl! Musst ihr dengerst net taugt haben. Sie macht dir ja ein Gsicht wie der Stieglitz, wann er den Habicht streichen sieht.“

   Sabi musste diese Worte vernommen haben, wenn sie es auch mit keiner Miene verriet. Sie schien auf nichts anderes zu achten als auf ihre Pferde und auf die Straße, und nichts anderes zu hören als das träge Rollen und Poltern ihres Wagens. Je weiter sie sich aber von der Schänke entfernte, desto mehr löste sich die herbe Spannung ihrer Züge und verwandelte sich in einen schmerzlichen Ausdruck. Lässig die Zügel führend, wanderte sie gesenkten Kopfes dahin und blickte nieder in den Staub der Straße. Als das letzte Haus des Dorfes lange schon hinter ihr lag, verhielt sie für eine kurze Weile den Schritt, schaute rückwärts und strich unter einem tiefen Seufzer den Rücken der zitternden Hand über die Stirne. Kopfschüttelnd, wie in Unwille über sich selbst, wandte sie sich zum Gehen und richtete sich auf. Aber schon nach wenigen Schritten sank ihr wieder das Köpfchen, ein Zucken kam in ihre Lippen, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Erschrocken fuhr sie mit der Faust über die Wangen und blickte ängstlich straßauf und –nieder, ob nicht etwa jemand in der Nähe waren, der ihrer Schwäche hätte gewahr werden können. Aber Flur und Straße waren menschenleer. Und eine seltene Blume, die sie an einer steilen, von Gestrüpp bewachsenen Böschung gewahrt hatte, machte sie ihres Kummers vergessen. Sie ließ die Zügel sinken, kletterte flink und sicher den Hang empor, pflückte die schöne Blüte und steckte sie nach genauer Betrachtung hinter die Hutschnur. Die kecken, hurtigen Sprünge, mit denen sie die Straße wieder gewann, röteten ihre Wangen, und während sie rüstig dem Wagen folgte, erwachte der alte helle Glanz in ihren dunklen schönen Augen. Als sie dann gar den schattigen Laubwald erreichte und mit leuchtenden Blicken hineinschaute in sein grünes Leben und Weben, schien sie jene trübselige Stimmung völlig vergessen zu haben.

   Wie war es aber auch hier so schön! Zitternde Lichter und Schatten wechselten auf der weißen Straße, um deren Steine winzige Käfer summten, während ihr zu beiden Seiten die schillernden Falter über die Blumen und Gebüsche des Waldsaumes gaukelten. Sanft rauschte der Bach in seinem nahen Bett, ein leises Flüstern ging durch die sacht sich rührenden Zweige, unter den Bäumen flatterten pispernde Vögel von Ast zu Ast, und während aus dem Buschwerk des Straßenrandes manchmal das Rascheln einer Eidechse sich vernehmen ließ, klang aus dem tieferen Wald das gurrende Locken einer wilden Taube.

   Mit erhobenem Kopf lauschte Sabi diesem traulichen Lockruf, eine lächelnde Heiterkeit überglänzte ihre Züge, sie begann ein leises Trällern, und endlich sang sie mit weicher, halblauter Stimme vor sich hin:

„Und im Wald is so schön,
Und in Wald möcht ich gehen,
Wann der Kukutzer schreit
Durch’n Wald aus der Weit.

Und ein Täuberl am Ast,
Und das ruft gurrigu –
Ja Tauber, ja hörst es net,
Wo bist denn du?

Gelt, Schlankl, gelt Schliffel,
Bist um ’s Eck ummigroast,
Und ’s Täuberl is traurig
Und ’s Nesterl verwoast!“

Da unterbrach sie ihren Gesang und eilte seitwärts zwischen die Bäume. „Jetzt da schau … um so eine Zeit noch Maiglöckerln!“, lächelte sie, ließ sich auf die Knie nieder, pflückte die verspäteten Blüten und band sie mit einer Schmele zu einem Sträußchen zusammen, das sie an der Brust befestigte. Dann kehrte sie auf die Straße zurück, fasste wieder die Zügel und begann aufs neue zu singen. Doch plötzlich verstummte sie, und während sie mit einer raschen Bewegung die Zügel straffer zog, warf sie einen unruhigen Blick über die Schulter zurück. Ihre Züge verfinsterten sich, als sie des mächtigen Blachenwagens ansichtig wurde, der aus der Tiefe der Straße mit Rasseln und Knarren sich näherte. Hastig griff sie mit der Rechten nach der Leiterstange, schwang sich auf den Bocksitz und brachte mit ungeduldigem Zuruf und klatschendem Zügelschlag die beiden Pferde in lebhafteren Gang.

   Trotz der beträchtlichen Entfernung, welche die beiden Gefährte noch voneinander trennte, war Sabis Gebaren den scharf ausblickenden Augen des Burschen nicht entgangen. Ein gering schätzendes Lächeln zuckte um seine Lippen. „Jeh, da schau … voranfahren will s’ mir auch noch … mit ihre zwei steifen Heiter!“, murmelte er. „Wart, der will ich grad einmal zeigen, was fahren heißt!“ Und während er den Hut schief über das Ohr rückte, schwang auch er sich auf den Bock, spreizte und stemmte die Füße, fasste die Zügel und ließ unter hellem Zungenschlag die Peitsche mit lautem Knall über den beiden Rossen kreisen. Die Tiere stutzten einen Moment, dann bäumten sie sich wiehernd auf und fielen trotz der schweren Last in einen scharfen Trab, als hätten sie gefühlt, dass es jetzt die Bohnerische Fuhrmannsehre ins schönste Licht zu setzen galt.

   Wenige Minuten nur, und Vinzenz hatte das Gefährte der Fuhrmännin eingeholt; seine Absicht aber, stolz daran vorüber zu fahren, wurde dadurch vereitelt, dass Sabi mit ihrem Wagen noch immer die Mitte der schmalen Straße hielt; Vinzenz musste seine ganze Kraft aufwenden, um einen Zusammenstoß der beiden Wagen zu verhindern und seine ungeduldig gewordenen Rosse zu bändigen; die Adern schwollen ihm an Stirn und Schläfen, während er zornig schrie: „He da! Was is denn? Wird da net ausgwichen!“

   Sabi gab sich alle Mühe, auf die Seite zu lenken; doch die Räder ihres Wagens waren in ein tief ausgefahrenes Geleis geraten, das ihre beiden Rösslein trotz all der keuchenden Anstrengung nicht zu überwinden vermochten.

   „No ja, ich sag’s ja! Und so was will fahren! Bringt net einmal den Wagen auf d’ Seit!“, klang hinter ihr die zornige, höhnische Stimme des Burschen.

   Alles Blut wich aus Sabis Wangen, während sie ratlos die Zügel schlenkerte und die Peitsche schwang. „Hüo, Bräundl! Hüo, Scheck! Jesses na … hüo, hüo!“, stammelte sie – und da legten sich die beiden Tiere mit so gewaltsamem Zug in die Stränge, dass der Wagen wirklich aus dem Geleis holperte.

   Im gleichen Augenblick ließ Vinzenz seinen ungebärdigen Rossen die Zügel schießen, wiehernd zogen sie an, kaum aber waren sie mit den anderen Pferden Seite an Seite, als die beiden Wagen ein krachender Stoß durchfuhr, der Sabis Gefährt fast aus dem Gleichgewicht hob. Mit dunkelrotem Gesicht sprang Vinzenz von seinem Bocksitz auf, wetterte und hieb dazu auf seine wilden Tiere ein – Sabi schluchzte und schalt, riss und zerrte an den Zügeln – aber die beiden Wagen, die sich mit den Radnaben festgerannt hatten, wollten nicht auseinander geraten, umso weniger, als Sabi, statt vorwärts zu fahren, in ihrer Verwirrung immer die Pferde nach rückwärts zog.

   „Zufahren tu! Zufahren!“, schrie Vinzenz mit einer Stimme, die zitterte vor Wut, und als die lentnerischen Rösslein nicht hurtig genug anziehen wollten, führte er nach ihnen einen klatschenden Peitschenhieb, unter dem die Tiere scheu und zitternd zur Seite sprangen.

   „Du, das lass gut sein … das sag ich dir … du …“, fuhr Sabi schluchzend auf. Diese Worte aber schien Vinzenz gar nicht zu hören, denn wütend zerrte er an seiner Peitsche, deren Schnur sich in Sabis Zügel verwickelt hatte. Jetzt wurden die beiden Wagen voneinander frei, und um die Peitsche nicht zu verlieren, schnellte sie der Bursch unter einem zornigen Fluch noch einmal mit aller Kraft in die Höhe – die Schnur zerriss und schnurrte pfeifend nach rückwärts – Vinzenz hörte, wie Sabi einen dumpfen Wehruf ausstieß, und sah noch, wie sie die Zügel sinken ließ und mit beiden Händen nach ihrem linken Auge fuhr – dann stoben seine Rosse davon und Sabis Gefährt entschwand ihm hinter der mächtigen Blache seines Wagens.

   Die Röte seines Gesichtes hatte sich jäh in tiefe Blässe verwandelt. Zügel und Peitsche zitterten in seinen Händen, regungslos saß er, starrte finster vor sich nieder und ließ seien Rosse dahinstürmen, bis sie, mit Schaum bedeckt und gebändigt durch die schwere Last, von selbst wieder in ruhigen Schritt verfielen. Einmal auch schielte er scheu zu dem baumelnden Ende der Geißel auf und rückte tief atmend den Hut in den Nacken.

   Als die Straße aus dem Wald wieder hinauslenkte zwischen offenes Wiesenland, sprang der Bursche vom Wagen und schritt verdrossen, die Augen grübelnd zur Erde gesenkt, neben den Pferden her. Dann plötzlich blieb er stehen, haschte mit der Hand die Geißelschnur und ließ sie prüfend durch die Finger gleiten. „Himmel, Himmel, Kreuzhimmel … ich weiß net, was ich zahlet, wenn mir nur grad das net passiert wär!“, fuhr er stammelnd auf und steckte die Peitsche so hastig, als wäre sie ihm Feuer zwischen den Fingern, in das Kummet des Sattelpferdes. Und wieder versank er, langsam dahin schreitend, in das alte Grübeln und Sinnen.

   So erreichte er die ersten Häuser von Sigsdorf. Es war sonst nicht seine Gewohnheit, in diesem Ort Einkehr zu halten. Doch als er dem Wirtshaus näher kam, blickte er wie überlegend die Straße zurück, schob den Hut in die Stirn und lenkte mit erregter Hast sein Gefährt um die Hausecke tief in den Hofraum, so dass man es von der Straße aus nicht mehr gewahren konnte. Er knüpfte die Zügel an die Leiterstange, warf einem jeden der schweißtriefenden Pferde eine bunte Decke über den Rücken und betrat das Wirtshaus durch die Hintertür. Die Tür der Gaststube stand sperrangelweit vor ihm offen, und drinnen summten die Fliegen an den Fenstern, während hinter dem Ofen die alte Wirtin schnarchte.

   „Ein Krug Bier möcht ich!“, schrie er und ging mit polternden Schritten dem Ecktisch zwischen den Fenstern zu.

   Erschrocken fuhr die Wirtin in die Höhe. „Jessas na! Das hättst ja grob auch sagen können … da brauchest net gar so freundlich z’reden!“ Sie rieb die Augen, zog einen Krug vom Schränkkasten und schlurfte in den Flur hinaus. Als sie nach einer Weile zurückkehrte und den braunen Trank auf den Tisch stellte, dankte Vinzenz unwillig. Er fasste nach dem Kruge und schob ihn, mit dem Daumen den Deckel aufklappend, vor sich hin. „Das macht ja Augen her, das Bier, dass eim grausen könnt!“, murmelte er, kostete und verzog das Gesicht.

   „Natürlich, wenn einer den Gift in ihm drin hat, nacher wird gleich übers Bier gschimpft!“, meinte die Wirtin, machte eine gekränkte Miene und verließ die Stube.

   Vinzenz saß mit aufgezogenen Brauen, die Ellbogen über den Tisch gelehnt, und während er in Gedanken vor sich niederstarrte, erweiterte er mit den Fingern die nassen Flecke, die der vom Krug triefende Schaum auf der weißen Eichenplatte verursachte. Ab und zu tat er einen kurzen Trunk, um den Krug unwillig wieder auf den Tisch zurückzustoßen. Häufiger und häufiger näherte er das Gesicht dem Fenster und lauschte und lugte wie in erwartungsvoller Spannung nach der Straße hinaus – und mehr und mehr äußerte sich seine steigende Unruh in seinem ganzen Gebaren.

   So blickte er wieder einmal durch das Fenster, als er plötzlich hastig zurückfuhr, während ihm dunkle Röte über die Stirne schoss. Langsamer Hufschlag und dumpfes Räderrollen hatte sich vernehmen lassen. Das kam immer näher – und verstummte nun, als hätte das Gefährte, von dem es herrührte, vor der Tür des Wirtshauses halt gemacht.

   Ein leichter Schritt wurde draußen hörbar, und gleich darauf kam aus der Tiefe des Flurs mit schlurfendem Gang die Wirtin herbei, die an der offenen Stubentür mit den Worten vorüberging: „Ja grüß dich Gott, Sabi! Kehrst auch einmal ein bei mir? Aber … was is denn, sag? Was hast denn?“

   „Geh, Wirtin“, erwiderte Sabis weiche Stimme, „magst net so gut sein und magst mir ein weißes Tüchel leihen … zum umbinden.“

   „Ja um Gottswillen, was is dir denn geschehen?“

   „Beim Fahren durchs Holz durch hat mich ein Astl ins Aug eini troffen.“

   „Jesus Maria!“, jammerte die Wirtin. „Ja lass nur grad sehen ... geh, tu och d’ Hand weg! Ah, ah, ah … o du arms Madl du! Mein, das muss dir aber weh tun! Ganz verschwollen is dir alles … und grad über ’s Aug aus geht der Striem. Geh, wart ein bissl … gleich hol ich dir ein Tüchel und ein Wasser, ein kalts! Geh, schau, geh derweil in d’ Stuben eini und setz dich ein bissl nieder.“

   In geschäftiger Eile humpelte die Wirtin an der Türe vorüber – und jetzt erschien Sabi auf der Schwelle, die linke Hand über das verletzte Auge pressend. Doch als sie des einsamen Gastes gewahr wurde, fuhr sie erschrocken zusammen und zog sich hastig wieder in den Flur zurück.

   Mit jäher Bewegung schnellte Vinzenz von der Bank empor; alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen, und heftig zitterten ihm die Hände, als er die Börse aus der Tasche zog, um das Biergeld auf den Tisch zu legen. Dann griff er nach dem Hut und ging der Türe zu; dort sah er, wie ihm Sabi den Rücken kehrte. Er stand wie angewurzelt auf der Schwelle und doch war in seiner Haltung etwas, als zöge es ihn mit Gewalt zu dem Mädel hin. Mit scheuem Blick überflog er die weichen Linien der schlanken, schmucken Gestalt, und schon wollte er sich nähern, als Sabi der Tiefe des Flures zuschritt und in der Küche verschwand.

   Da malte sich finsterer Zorn im Gesicht des Burschen, stramm reckte er sich auf, klatschte den Hut übers Haar und trat mit langen Schritten ins Freie. „Ein Astl hat s’ troffen! So eine Lugnerin!“, stieß er, als er seinen Wagen erreichte, mit bebenden Worten vor sich hin. Er riss den Pferden die Decken vom Rücken, ballte sie zu einem plumpen Knäul zusammen und warf ihn zornig unter die Blache. Jetzt wollte er nach der Peitsche greifen, fuhr aber hastig mit der Hand zurück. In ungestümer Eile lenkte er das Gefährt der Straße zu, schwang sich auf den Bocksitz und kutschierte davon, die Fensterreihe des Wirtshauses noch mit einem scheuen Blick überhuschend.

   In gleichmäßigem Zug schleppten die Rosse den ächzenden Wagen auf der ebenen Straße dahin. es schein die Tiere nicht zu kümmern, dass ab und zu ein breiter Seitenweg sich zwischen die Äcker und Wiesen zweigte. Sie kannten ihren Weg, und das war gut, denn Vinzenz schien seiner Pferde ganz vergessen zu haben. Die Zügel lässig in den Händen führend, saß er, das Kinn auf die Brust geneigt, in brütende Gedanken versunken. Manchmal richtete er sich tief atmend auf und fuhr mit der Hand an die Stirn oder hinter das Ohr. Einmal auch schüttelte er sich, gleichsam als wollte er seine Schultern von einer drückenden Last befreien, und dabei fuhr es ihm über die Lippen: „Himmel, Himmel, Himmel … gleich selber anpacken könnt ich mich!“

   Nach einer Stunde erreichte er das Städtchen und die Herberge, wo er allwöchentlich einzustellen und zu nächtigen pflegte. Da gab es nun, als der Hausknecht nicht eilig genug herbeikam, gleich einen bösen Auftritt. Vinzenz wetterte und schalt wie ein alter griesgrämiger Bauer auf einem schlecht besuchten Viehmarkt, so dass der Knecht, der solche Art von dem sonst so heiteren, leutseligen Burschen nicht gewöhnt war, große Augen machte. Und während der Wagen abgeladen wurde, fand der Knecht noch des öfteren Gelegenheit, ein verwundertes Gesicht zu schneiden, denn Vinzenz warf das seiner Sorge anvertraute Warenzeug in zornigem Unmut über- und untereinander. Und als er schließlich gar noch ohne Wort und Gruß zum Hof hinausschoss, um seinen Besorgungen nachzugehen, stemmte der Knecht die Fäuste in die Hüften und brummte: „Ja was is denn jetzt in den einigfahren?“

   Hastig folgte Vinzenz einem engen, vielfach gewundenen Seitengässchen, das in eine grob gepflasterte, gegen das innere Städtchen stark ansteigende Straße führte. Kaum hatte er sie betreten, als er in geringer Entfernung den näher kommenden wagen er Fuhrmännin gewahrte. „Ich hab mir’s ja gleich denkt, dass ich dran hinrennen muss!“, stammelte er und flüchtete sich hinter die Flurtür des nächsten Hauses. Dort stand er regungslos; als aber der Wagen einher rollte, zog es dem Burschen doch das Gesicht nach der schmalen Spalte, durch die der helle Tag hereinblitzte in den dunklen Raum. Jetzt sah er das Mädel draußen vorübergehen, den Hut in der Hand, eine weiße Binde übers Auge geschlungen. Das war nur ein kurzer Moment, und doch genügte er dem Burschen, um mit einem einzigen Blick diese schmucke, stolze Gestalt zu erfassen, dieses hübsche, braune Gesicht mit dem ernsten, fast schmerzlichen Zug um die roten Lippen, und die feinen, zierlichen Konturen dieses Kopfes, dem die weiße Binde, statt ihn zu entstellen, einen gar seltsam wirkenden Reiz verlieh.

   Als Vinzenz sich wieder aufrichtete, schwellte ein stockender Atemzug seine Brust, auf die er die beiden Fäuste presste, als wäre da drinnen etwas lebendig geworden, das er hätte erdrücken und ersticken mögen.

   Zögernd trat er auf die Straße hinaus und ging seiner Wege, um einige Besorgungen zu erledigen. Sooft er dabei aus einem Laden wieder ins Freie kam, suchte er mit forschendem Blick die ganze Länge der Straße ab. Und dass er zu solcher Sorge alle Ursache hatte, sollte er erfahren, als er in der Apotheke stand. Denn während er dem freundlichen Provisor seine Wünsche hersagte, rasselte die Klingel der Türe. Mit Gewalt zog es dem Burschen das Gesicht herum, obwohl der Schreck, der seine Züge überflog, zu verraten schien, als hätte er voraus gewusst, vor wem sich die Tür geöffnet hatte. Doch wären ihn eine zitternde Unruh befiel, schien seine Gegenwart auf Sabi nicht die geringste Wirkung zu üben. Nur ein leises, kaum merkliches Zucken ging über ihre Lippen, als sie dem Ladentisch entgegen schritt. Der Provisor machte verwunderte Augen, ließ den Burschen stehen und wandte sich dem Mädel mit der besorgten Frage zu, was denn die weiße Binde zu bedeuten hätte.

   „Beim Fahren durchs Holz durch hat mich ein Astl ins Aug einitroffen“, lautete Sabis ruhige Antwort.

   Als nun der Provisor seine Sorge in herzlichen Worten zu äußern begann, packte Vinzenz hastig seinen Hut. „Sie, gelten S’, wenn S’ für ich jetzt kein Zeit nimmer haben, nacher komm ich halt ein andersmal!“, schrie er dem Provisor mit heiserer Stimme zu und war auch schon zur Türe draußen, noch bevor ihm der andere eine Silbe erwidern konnte.

   Es sollte ihm aber wenig nützen, dass er hier so eilig das Feld geräumt hatte; denn eine Stunde später wiederholte sich in der Eisenhandlung, und wieder später im Seilerladen fast die gleiche Szene. Und jedes Mal konnte er deutlich gewahren, wie beliebt und wie gerne gesehen Sabi bei allen Leuten war – und jedes Mal auch musste er von ihr jene gleichen Worte hören: „Beim Fahren durchs Holz durch hat mich ein Astl ins Aug einitroffen!“

   Darüber verlor er völlig den Mut, seinen Geschäften noch weiter nachzugehen. Er kehrte in seine Herberge zurück, setzte sich hinter einen leeren Tisch, fertigte die Wirtin, die ihm das Nachtmahl auftrug, mit umwirschen Worten ab, würgte die Speise hinunter und suchte seine Schlafkammer auf, bevor es noch recht zu dämmern begann.

   Da schüttelte der dicke Wirt den Kopf und rückte das Samtkäpplein über der blanken Glatze: „Jetzt den schau an! Jetzt geht der jetzt schon schlafen! Und sonst is ihm d’ Nacht noch allweil z’kurz worden vor lauter Lachen und Dischkrieren. Was muss er denn haben heut?“

   „Ja, ich hab mir’s auch schon denkt“, erwiderte seine rundliche Ehehälfte, „heut raucht er kein guten net, der junge Bohner!“

   Und noch mehr des Verwunderns war, als Vinzenz anderen Tages mit keinem Schritt die Herberge verließ, zur Erledigung seiner Geschäfte den Knecht ausschickte und sich in Hof und Ställen ruhelos umher trieb.

   Als gegen die zweite Nachmittagsstunde sein Wagen zur Abfahrt bereit stand und die Rosse schon vor die Deichsel geführt wurden, verließ er plötzlich den Hof. Draußen auf der Straße winkte er einem der hemdärmeligen Buben, die da mit Schreien irgendein Spiel betrieben, drückte ihm ein paar kleine Münzen in die Hand und schickte ihn nach Sabis Herberge, um dort zu erkunden, ob sich die Fuhrmännin schon auf den Heimweg gemacht hätte. Nach einigen Minuten kam das Bürschlein und meldete, dass die „Lentnerische“ noch nicht von ihren Botengängen zurückgekehrt wäre und vor einer Stunde kaum fahren könnte.

   Mit einem erleichterten Seufzer ging Vinzenz nun seinem Gefährte zu, entlohnte den harrenden Knecht, nahm die Zügel und fuhr zum Tor hinaus.

   Nach vierstündiger Fahrt erreichte er die ersten Häuser von Ruhpolding und blad den heimatlichen Hof.

   Dort überließ er dem Seppei die Sorge für die Rosse, riss die Peitsche aus dem Kummer und ging dem Haus zu, unter dessen Flurtür der Vater ihn erwartete.

   „Bub? Was hast denn? Machst ja ein Gsicht, als ob in ein Holzapfel einibissen hättst!“

   „Ah was!“, fuhr Vinzenz auf. „Mit derer Botenfahrerei kannst dich ja grad ärgern gnug!“

   Er ging in die Stube, warf Hut und Peitsche in den Ofenwinkel und setzte sich müd an den Tisch. Der Alte folgte ihm, und als es nun zwischen den beiden ans Rechnen ging, stellte es sich heraus, dass Vinzenz viele der ihm aufgetragenen Besorgungen entweder gar nicht oder völlig verkehrt erledigt hatte. Da war es jetzt zur Abwechslung der alte Bohner, der „keinen guten rauchte“. Er wetterte eine Weile drauflos und schoss dann in heller Wut aus der Stube, wobei er die Türe hinter sich zuwarf, dass die Bretter krachten.

   Vinzenz blieb am Tisch sitzen, mit aufgestemmten Armen, die Stirn in die Hände stützend. Plötzlich sprang er auf und eilte einem der nach der Straße führenden Fenster zu. Da sah er, wie Sabi ihren Wagen gerade durch das offene Zauntor ihres Hofes lenkte. ER sah die alte Lentnerin unter der Türe des kleinen Hauses erscheinen und sah, wie sie beim Anblick der Tochter die Hände jammernd ineinander schlug. Ob Sabi der Mutter wohl die Wahrheit verraten würde? Dieser Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Aber es war etwas in ihm, das diese stumme Frage mit einem energischen Nein beantwortete. Und während er brennenden Blickes durch die Scheiben hinüberstarrte, und während er sah, wie Sabi der Mutter entgegenging und ihr die Hände reichte, meinte er fast zu hören, was sie sagte: „Beim Fahren durchs Holz durch hat ich ein Astl ins Aug einitroffen.“

   Als nun die beiden da drüben in der niederen Türe verschwanden, stieß er sich vom Fenster zurück, grub die Hände ins Haar und stammelte: „Himmel, Himmel, Kreuzhimmel…“ Der wilde Ingrimm, der aus dem Ton dieser Worte sprach, hörte sich fast wie Schluchzen an.

   Es schien ihn nicht länger in der Stube zu dulden. Mit langen Schritten schoss er auf die Türe zu. Doch bevor er sie noch erreichte, fiel ihm die Peitsche in die Augen, die von der Ofenbank auf die Dielen niedergekollert war.

   „So? Wart! Du ärgerst mich nimmer! Du net!“

   Er raffte die Peitsche vom Boden auf, brach die geschmeidige Gerte, als wäre sie ein dünnes, sprödes Stäbchen, über den Knien in Stücke und zerfetzte mit zornigen Händen die weiße Schnur. Dabei überhörte er völlig, dass die Tür sich öffnete und der Vater in die Stube trat.

   „Ja was is denn jetzt das!“, grollte der Bohner. „Was fangst denn jetzt da mit deiner Geißel an? Bist denn ganz verruckt! Hab ich leicht deswegen fünfundzwanzg Mark dafür zahlt?“

   Dem Burschen schoss eine brennende Röte ins Gesicht. „No freilich, nix Dümmers hättst schon auch net kaufen können“, polterte er, „als so ein unsinnige Geißel … mit die silbernen Knöpf umeinand, an denen man sich allbot die ganzen Finger blutig reißt.“ Und am Vater vorüber fuhr er zur Tür hinaus, warf in der Küche die Geißelstücke in die Feuerung und stapfte über die Treppe hinauf in seine Kammer.

   Er wollte seinen Feiertagsstaat gegen das Werktagskleid vertauschen; zufällig aber geriet er an das Fenster, und während er unablässig das kleine Haus da drüben betrachtete, schien er seinen Vorhabens ganz zu vergessen.

   Jetzt sah er den Klammerer die Straße einher gewandert kommen, und da machte er ein so finsteres Gesicht, als hätte er alle Ursache, den Alten da drunten irgendeines schweren Verbrechens zu beschuldigen. Dennoch riss er, als er den Klammerer dem Lentnerhaus sich nähern sah, hastig das Fenster auf und rief mit freundlicher Stimme hinunter: „He! Du! Grüß Gott! Wo gehst denn hin?“

   „Meim Gschäft nach!“, lachte der Alte.

   „Geh zu, das lauft dir net davon! Mach weiter, kehr ein bissl ein bei uns!“

   „Später vielleicht! Und bhüt dich Gott derweil!“, erwiderte der Klammerer, winkte mit der Pfeifenspitze und schritt auf das Zauntor des Lentnerhauses zu. Im Hof fand er den Botenwagen noch mit allen Waren beladen; das verwunderte den Alten und kopfschüttelnd trat er in die Türe. Im Flur begegnete er der Lentnerin, die, eine mit Wasser gefüllte Schüssel zwischen den Händen, aus der Stube kam. Da hörte er nun gleich die Geschichte von dem „Astl“, das „beim Fahren durchs Holz durch“ Sabis Auge getroffen hatte.

   „Geh, geh! Das arme Madl! Da muss ich gleich nachschauen!“, klagte er, und während die Lentnerin zur Küche ging, betrat er die Stube.

   Sabi saß am Tisch, auf dem neben anderem Linnenzeug die weiße Binde lag. Beim Eintritt des Klammerers hob sie hastig die Hand vor das verletzte Auge und nickte einen stummen Gruß.

   „Ja Sabi, geh, du arms Hascherl du, ich hab schon ghört, was dir passiert is!“, sagte der Alte im Näherkommen. „Aber sag nur grad, wie hat denn so was geschehen können? So gar schnell wirst ja doch net gfahren sein? Sag, wie is denn das zugangen?

   Sabi schien einen Augenblick um eine Antwort verlegen zu sein; dann erwiderte sie zögernd: „No weißt … ich bin halt ein bissl hinterm Wagen hergangen … ja, und da wird sich halt das Astl an der Leiter oder an der Blachen verfangen haben … weißt, so denk ich mir … und da hat’s es ruckwärts gschnellt, grad mir ins Gsicht.“

   Der Klammerer legte seine Pfeife auf den Tisch und setzte sich an Sabis Seite. „Komm her, lass mir’s anschaun!“, sagte er und zog der Widerstrebenden die Hand vom Gesicht. „O jegerl, o jegerl!“, jammerte er, als er beim hellen Fensterlicht das blasse Gesicht betrachtete und das entzündete Auge einer genauen Prüfung unterzog. „Das glaub ich, dass dir das weh tun muss.“

   „No ja, schon, aber heut untertags is’s dengerst schon ein bissl besser worden. Heut in der Nacht freilich, da hab ich vor lauter Wehdam schier gar net schlafen können.“

   „Das kann ich mir denken! Aber weißt, wie’s jetzt so herschaut, möcht dir kein Mensch net glauben, dass’s ein Astl gwesen is, was dich so zugricht hat. Ein Astl macht allweil sein Kratzer, wenn’s eim ins Gsicht einifahrt. Das hätt ich nie net denkt, dass ein Astl so ein graden, scharfen Striemen machen könnt. Das is ja grad wie ein Schürl und schaut sich an, wie wann dir ein Geißelhieb übers Gsicht einigfahren wär.“

   In aller Harmlosigkeit hatte der Klammerer diese Bemerkung vorgebracht. Nun aber verstummte er und machte verdutzte Augen, als er die brennende Röte gewahrte, die in Sabis Wangen schoss.

   „Jetzt so was! Das is doch zum Lachen!“, stammelte sie, während sie sich hastig erhob und das Auge mit der Hand bedeckte. „Und hörst“, fügte sie heftig bei, „das möcht ich mir fein ausbitten, dass einer was net glauben tät, was ich sag!“

   „Aber geh“, erwiderte der Klammerer, während er sich gemächlich die Schulter kraute und dabei keinen Blick seiner blinzelnden, forschenden Augen von dem erregten Mädel verwandte, „ich glaub dir ja schon! Weißt, ich hab nur grad so gmeint!“

   Jetzt kam die Lentnerin in die Stube und stellte die frisch mit Wasser gefüllte Schüssel auf den Tisch. Unter jammernden Worten und mit umständlicher Geschäftigkeit machte sie für Sabi einen neuen Verband zurecht.

   Der Klammerer hatte sein Pfeiflein wieder in Zug gebracht, saß nachdenklich, mit aufgezogenen Brauen, und guckte schweigend zu. Manchmal rührte er sich, wenn sich unter seinem Gewand eines der kleinen „Teuferln“ verspüren ließ.

   „Gelt, därfst es halt net verübeln, wann jetzt ein bissl warten musst!“, sprach die Lentnerin den Alten an, während sie ein schwarzes Seidentüchlein zur Binde faltete. „Ich bin gleich fertig, und nacher zahl ich dich schon aus für diene Klammereier.“

   „Jesses na, mir pressiert’s net!“, entgegnete der Klammerer, während er sich erhob. „Und weißt, ich hab sowieso noch ein paar Gäng zum machen, ja, lass dich net aufhalten, ich komm nacher lieber morgen wieder her.“

   „Wie d’ magst! Is recht!“

   „No also, bhüt Gott miteinander, und gute Besserung, Sabi, gute Besserung bis morgen!“

   Sabi nickte nur, und ein feindseliger Ausdruck erschien in ihrem Gesicht, während sie dem Klammerer nachblickte, der langsam auf die Türe zuhumpelte.

   Als er aus dem Flur ins Freie trat, blieb er eine Weile stehen und sah studierend vor sich hin. Dann schüttelte er den weißen Kopf, fuhr mit der Pfeifenspitze nach dem Nacken und murmelte: „Ah na, ah na, das kann ich ja doch net glauben!“

   Zögernd ging er an den Fenstern vorüber und warf noch einen forschenden Blick durch die Scheiben. Er erreichte die Straße, und da schien es ihm willkommen zu sein, als ihn der alte Bohner vom Hof her mit lauter Stimme anrief. Sie traten am Zaun zueinander; eine anzügliche Bemerkung des Bohners über die „nobligen Leut“, bei denen der Klammerer so fleißig ein- und ausging, überhörte der Alte; er begann vom Wetter zu reden und geriet dabei auf die Frage, ob Vinzenz gut nach Hause gekommen wäre und Wagen und Ross in richtiger Ordnung heimgebracht hätte.

   „Ja, recht schön is er heimkommen1“, brummte der Bohner. „Was mir der Teufelsbub dasmal für Dalkereien gmacht hat, das kann ich dir gar net sagen1 Und so ein narrischer Loder! Denk dir nur grad … die schöne Geißel kennst ja, die er von mir an seim letzten Namenstag kriegt hat? Und was sagst … da komm ich vor einer halben Stund in d’ Stuben eini, und da steht er da und reißt den Geißelstecken in hundert Fetzen! Und weswegen? Weil ihm die silbernen Knöpferln d’ Händ ein bissl aufkratzt haben … hat er gsagt!“

   „Hat er gsagt?“, nickte der Klammerer, während ein merkwürdiges Funkeln in seinen blinzelnden Augen erwachte.

   „Und überhaupts, ein Hamur hat er heimbracht … der Bub is ja grad wie umgwendt. Ich hab mir schon denkt, ob er net am den grauft hat gestern auf d’ Nacht in Traunstein drin … und leicht hat er den kürzern zogen, weil er gar so vergrimmt dreinschaut. Da schau … da kommt er grad aus der Tür und macht ein Gsicht wie neun Tag Regenwetter!“

   Hurtig glitten die Augen des Alten zum Haus hinüber. Dort unter der Türe stand Vinzenz an den Pfosten gelehnt.

   Der Klammerer trat in den Hof und näherte sich dem Burschen, der ihm unruhig und lauernd entgegenschaute.

   „No also, siehst es, da bin ich schon!“, lachte der Alte. „Ja, und da möcht ich dich gleich um ein Gfallen ersuchen. Weißt, gestern vor lauter Dischkrieren hab ich völlig vergessen, dass ich dir auftragen hätt, du sollst mir ein paar Packerln Tabak mitbringen. Sag, könntst mir net ein Packerl leihen derweil?“

   „No freilich, kannst gern eins haben!“, erwiderte Vinzenz in wunderlicher Hast. „Geh, komm mit auffi in mein Stüberl!“ Er wandte sich in den Flur zurück und stieg die Treppe hinauf. Blinzelnd guckte ihm der Alte nach, dann kraute er sich die Hüfte, schmunzelte ein bisschen und folgte dem Burschen.

   Als sie droben in der freundlichen Stube angelangt waren, rückte Vinzenz einen hölzernen Stuhl zurecht. „Geh, setz dich ein bissl nieder!“, sagte er und ging, während der Alte sich niederließ, auf einen bunt bemalten Schrank zu, in dem er mit beiden Händen zu kramen begann. Und plötzlich fragte er: „Wo bist denn jetzt gwesen?“

   „No weißt, bei die Lentnerischen. ’s Geld für meine Klammereier hätt ich mir gern gholt. Aber ich hab mich vertrösten müssen bis auf morgen … weißt, d’ Lentnerin hat net Zeit ghabt zum Auszahlen, weil s’ ihr Madl hat verbinden müssen!“

   „Verbinden? Geh! Was is denn geschehen mit der Sabi?“, fragte Vinzenz stockend, während sein Kopf in einem Fach des Kastens völlig verschwand.

   Der Klammerer spitzte die Ohren, als er den seltsam gedrückten Ton dieser Stimme vernahm. Aber ruhig und harmlos klangen seine Worte: „Ja, weißt, das is eine gspaßige Gschichte. Am Aug is ihr was passiert, der Sabi … und sie selber sagt freilich, ein Astl hätt s’ troffen. Aber ich bin ein alter Fuchs … mir macht keiner ein blauen Dunst net für. Kaum anschauen hab ich das Aug dürfen, da hab ich’s gleich kennt, dass den scharfen, glatten Striem, der drüber geht, bloß ein Geißelhieb gmacht haben kann.“ Der Klammerer verstummte und lauschte lächelnd dem heftigen Poltern, das sich aus dem Innern des Kastens vernehmen ließ. „Geh“, sagte er, „wann den Tabak halt gar so schwer finden kannst, plagen brauchst dich fein net.“

   „Ich muss ihn finden … ich muss!“, klang die bebende Stimme des Burschen aus der Tiefe des Kastens.

   „Ja, und weißt“, plauderte der Alte weiter, während er mit der Pfeifenspitze unter den Hemdkragen fuhr, „da hab ich mir denkt: Wann sich die Sabi mit der Geißel leicht aus Ungschick selber einigfahren wär ins Gsicht, da hätt sie’s doch sagen können! Net? Also muss ihr’s wer anderer tan haben, wenn ich auch schiergar net glauben möcht, dass ’s auf der Welt so ein unguten, gmütslosen Menschen gäb, der so was übers Herz brächt, gegen so ein bravs und saubers Madl! Gwiss wahr, weinen hätt ich mögen, wie ich das arme Madl so angschaut hab!“ Dabei wischte er mit dem Rücken der Hand über die Backen, als wären ihm wirklich die Tränen gekommen. „Ich sag dir’s, d’ Sabi darf froh sein, wenn sie ’s Aug net verliert!“

   Da tauchte das aschfahle Gesicht des Burschen aus dem Kasten. „Mar’ und Joseph! … So arg is’s?“

   „Ja! Und jetzt sag einmal selber: Is das auch noch ein Mensch, der so was auf sein Gwissen laden kann!“

   „Jetzt dass das einer mit Fleiß tan hat, das wirst doch net glauben!“, fuhr es dem Burschen rau aus der Kehle. „So was kann doch bloß von ungfähr geschehen sein … und aus Versehen.“

   „Was? Aus Versehen? Und von ungfähr? Ah na, mein Lieber! Das gibt’s fein net bei so was! Da könnt ja einer den andern aus Versehen umbringen auch! Und wenn’s ein Versehen is, nacher is halt z’erst was geschehen…“ Der Klammerer verstummte, schob hastig die Pfeife zwischen die Zähne und scheuerte mit der Faust das linke Knie. Da wandte sich Vinzenz dem Kasten wieder zu und begann aufs neue darin zu kramen, während der Alte hurtig weiter sprach: „Aber was mich am allerärgsten bei der Sach verdrießt, das is, dass d’ Sabi net aussiruckt mit der Wahrheit. Das is eine Gutmütigkeit, eine übertriebene, die bei so was gar net am Platz is. Aber ich weiß schon, wie das Madl is! So was Seelenguts gibt’s ja gar nimmer auf der ganzen Welt! Aber grad deswegen muss ich’s aussibringen, was das für einer gwesen is! Dass ’s einer aus unserem Ort war, das mag ich gar net denken, denn ich müsst mich ja schamen fürs ganze Dorf! Gwiss is einer von dene Sigsdorfer Lackeln da draußen gwesen! Lass nur gut sein, ich bring’s schon aussi! Und nacher sollen d’ Leut auf ihn zeigen mit die Finger … auf den Kerl! Und wenn’s mir mein einschichtigen Arm auch noch kosten sollt … herrutschen muss er auf die Knie und muss das Madl um Verzeihung bitten! Jesses, jesses … grad d’ Wut steigt mir auf! So ein bravs und ein liebs Madl, dem jeder gut sein muss, der einmal einigschaut hat in ihre Haselnussaugen! Wann ich ihn nur da hätt … den Kerl … dem möcht ich was zeigen, dem!“ Und mit gespreizten Fingern fuhr der Klammerer in die Luft, als gält es, einen struppigen Haarschopf zu fassen.

   „Da … jetzt hab ich ihn gfunden … dein Tabak!“, ließ sich aus dem Kasten die kleinlaute Stimme des Burschen vernehmen. Aufseufzend drückte er die bunt bemalte Türe zu, und während er dem Alten das weiße Päckchen hinreichte, glitten seine verstörten Blicke durch das Fenster über die Straße hinüber.

   Der Klammerer sprudelte seinen Dank heraus und meinte: „Zu dir muss man halt gehen, wenn man eine Gfälligkeit haben will! Ich sag’s allweil! Bist halt ein richtiger Bub, der ’s Herz am rechten Fleck hat. Da kann man erst ein Unterschied sehen: Du … und der ander da, der sich so aufführen hat können gegen so ein liebs Madl! Da müsst ja dengerst d’ Welt z’erst drüber und drunter gehen, ehvor der Bohner-Vinzenz zu so was…“

   „Jetzt weiß ich net … ich mein’, unser Hauserin hat mir grufen“, fuhr Vinzenz auf, „weißt …zum Essen.“

   „So?“, staunte der Klammerer. „Jetzt ich hab nix vermerkt. Aber no, bei mir lasst’s halt auch schon aus mit’m Ghör! Gehen wir hatl, d’ Suppen därfst net kalt werden lassen wegen meiner!“

   Sie stiegen die Treppe hinunter; drunten im Flur nahm Vinzenz wortkargen Abschied und drückte sich in die Stube, während der Klammerer in den Hofraum hinaus schritt, über den sich schon die ersten Schatten der Dämmerung senkten.

   Als der Alte die Straße erreichte, schüttelte er den weißen Kopf und murmelte: „Na, na, wie kann denn jetzt das nur geschehen sein! Dass er’s net mit Fleiß tan hat, das glaub ich ihm gern! Aber…“ und da begann er zu schmunzeln und fuhr mit der Pfeifenspitze nach der Schulter, „aber fest hab ich ihm eingheizt! Ja! Heut schwitzt er noch ein bissl!“

   Und mit zwinkernden Augen streifte er im Weiterschreiten die Fenster, hinter denen Vinzenz einsam in der dunkeln Stube saß. Der Bursche musste sich vorhin wohl getäuscht haben, als er die Stimme der Hauserin zu hören vermeinte, denn es währte eine gute Stunde, bis die geschäftige Alte, die seit dem Tod der seligen Bohnerin das Regiment in der Küche führte, den Tisch zu decken kam. Sie verdiente sich an diesem Abend bei Vinzenz wenig Ehre mit ihrer Kochkunst. Er berührte kaum einen Bissen – und nach dem Essen war das Amen des Abendsegens noch nicht ausgesprochen, a verließ er schon mit einem kurzen „Gut Nacht miteinander!“ die Stube und stieg in seine Kammer hinauf. Dort saß er am offenen Fenster bis spät in die Nacht – aber was seine Blicke so lange gefesselt hielt, das waren nicht die funkelnden Sterne des nachtblauen Himmels, es war der matte Lichtschein, der da drüben an dem kleinen Haus aus einem niederen Fenster glomm.

   Müd seufzend streckte er sich endlich auf das Lager; aber die Stunden verrannen, ohne ihm den Schlaf zu bringen. Ruhelos warf er sich von einer Seite auf die andere; einmal schlug er die Hände vors Gesicht und stöhnte: „Gar nimmer aus die Augen will s’ mir … gar nimmer aus die Augen!“

   Der grauende Morgen erst schloss ihm die Lider; dieser Schlummer aber war nun ein so tiefer, dass die Hauserin den Burschen wecken musste, damit er das sonntägliche Hochamt nicht verschliefe.

   Da war er auch einer der letzten, welche die Kirche betraten. Kaum hatte er seinen Stuhl auf dem Chor erreicht, als er die Blicke forschend hinunter gleiten ließ in das Schiff der Kirche. Die alte Lentnerin hatte er bald herausgefunden – aber der Platz neben ihr, Sabis Platz, war leer. Diese Wahrnehmung brachte eine Unruh über ihn, die den an seiner Seite knienden Burschen zu der flüsternden Bemerkung veranlasste: „So halt dich doch ein bissl stad! Kannst es denn heut gar net erwarten, bi’s gar is?“

   Und wie er einer der letzten gewesen, die gekommen, so war er einer der ersten, welche gingen. Draußen vor dem Portal stellte er sich auf und fasste den Klammerer ab, der in seinem steifen Sonntagsstaat eine absonderliche Figur ausmachte.

   „Ich mein’, heut gibt’s einen heißen Tag?“, so leitete Vinzenz die Unterhaltung ein.

   Diese Meinung bestätigte der Klammerer und fügte die Prophezeihung bei, dass der Nachmittag ein starkes Gewitter bringen dürfte.

   Dann redeten sie noch so hin und her, von diesem und jenem, bis Vinzenz mit der nicht sonderlich in den Zusammenhang des Gespräches passenden Frage herausplatzte: „Was sich sagen will … wie geht’s ihr denn?“

   „Wem?“, tat der Klammerer ganz erstaunt.

   „No ja … deiner Sabi?“

   „Ah so? Meiner Sabi? Wie kommst denn auf einmal da drauf?“

   „No, weißt, ich hab mir halt denkt … weil … ja, weil s’ net in der Kirchen war.“

   „Was? D’ Sabi is gar net im Hochamt gwesen?“, fragte der Alte erschrocken. „Jesses, jesses na, da wird’s net zum besten stehen mit ihr! O mein Gott, das arme, das arme Madl!“ So jammerte der Klammerer – und er hatte doch vor dem Hochamt von der alten Lentnerin erfahren, dass die Nacht gute Besserung in Sabis Befinden gebracht hätte, dass die Entzündung fast ganz geschwunden wäre, und dass das Mädel nur deshalb statt des Hochamtes die stille Frühmesse besucht hätte, um dem Gefrage der Leute auszuweichen, da sie doch die Binde noch immer tragen musste.

   Jetzt gesellten sich ein paar Burschen zu den beiden, und das Gespräch hatte ein Ende. In ernster Stimmung nahm der Klammerer von Vinzenz Abschied; kaum aber hatte er ihm den Rücken gekehrt, da zuckte schon ein Schmunzeln über sein Gesicht, das zu leisem Kichern wurde, während er mit flatternden Rockflügeln davon humpelte.

   Der Nachmittag erbrachte den Beweis, auf wie guten Füßen die Wetterkunde des Alten stand. Schon gegen drei Uhr begann sich der Himmel zu bewölken, finster zog sich das drohende Gewitter über dem Dorf zusammen, und von den Bergen nieder fuhr ein scharfer Wind, der nahen Regen verkündete.

   Der Klammerer selbst bekam die ersten Tropfen noch zu spüren, als er gegen die sechste Abendstunde den Weg nach dem Lentnerhaus nahm. Kaum hatte er dort den Flur betreten, da prasselte ein dichter Hagelschauer über die Dächer, der sich jedoch nach kurzer Weile unter stärker werdendem Wind in einen rauschenden Regen löste.

   Der Alte fand die Lentnerin und Sabi ind er Stube beisammen und wurde freundlich begrüßt. Die Frage nach Sabis Befinden, die günstig beantwortet wurde, und das draußen niedergehende Ungewitter gaben die Einleitung zum Gespräch. Dann führten der Klammerer und die Lentnerin am Tisch die Unterhaltung weiter, wobei sie oft das eigene Wort nicht verstanden, denn nach und nach wurde der Wind zum richtigen Sturm, der unter Blitz und Donner um die Hausecken heulte und mit den Fensterläden einen klappernden Spektakel trieb. Während so die beiden am Tisch ihre Lungen quälten, lehnte Sabi, die schwarze Binde über dem Auge, schweigend in einer Ecke des abseits stehenden Ledersofas.

   Plötzlich fuhr sie erschrocken auf. Durch das Toben des Sturmes hatte sich vom Gärtchen her ein dumpfer, von heftigem Klirren begleiteter Schlag vernehmen lassen. „Jesus Maria, was is denn da jetzt geschehen!“, stammelte Sabi und eilte einem der niederen Fenster zu. Kaum hatte sie einen Blick durch die Scheiben ins Freie geworfen, da schlug sie jammernd die Hände ineinander, und Tränen fielne ihr über die Wangen. „Jeses na, da schauts her! Jetz that’s mir meine ganzen Stöckerln abigrissen!“

   Nun sprangen auch die beiden Alten zum Fenster, und der Klammerer fragte: „Was is gschehen? Was für Stöckerln?“

   „Meine Blumenstöckerln, wo ich droben vor meim Fenster ghabt hab. Da schau, grad in die Scherben liegen s’ durcheinand! Na, na, jetzt is mein einzige Freud auch noch dahin!“ Und schluchzend wollte Sabi aus der Stube eilen.

   Die Lentnerin aber lief ihr nach und heilt sie am Arm fest. „Aber Madl, was fallt dir denn ein! Wirst doch jetzt net in Garten mögen! Wirst ja nass bis in d’ Seel eini und kannst dir weiß Gott was holen dabei!“

   „Na, na, geh, lass mich aus, ich bitte dich!“, flehte Sabi. „Leicht bring ich eins oder ’s ander noch durch, wann ich’s gleich wieder einsetz.“

   „Aber geh, Sabi, sei doch gscheit!“, mahnte der Klammerer. „D’ Mutter hat recht, jetzt kannst net aussi! Und schau, bei denen, wo ’s Stammerl brochen is, da hilft dir alles nix mehr … und bei die andern schadt’s nacher auch net viel, wenn s’ noch ein paar Minuten liegen bleiben. Da is grad der Regen gut, der drüber hingeht. Und wann dir ein paar verunglückt sind, da kommst zu mir aussi, und nacher kriegst ein paar schönere noch! Ja! Gelt! Aber schau, grad ’s Weinen hör auf … es könnt dir ja schaden an deim Aug! Geh, komm, da setz dich her!“ Er schlang seinen Arm um Sabis Schultern und zog die Widerstrebende zum Sofa.

   „Es gschieht mir eigentlich ja recht!“, klagte Sabi, während sie sich niederließ und die Wangen trocknete. „Ich bin selber schuld dran! Noch jedsmal, wenn’s ein bissl ein Wetter geben hat, hab ich meine Stöckerln eini ins Stüberl … und grad heut zum ersten Mal hab ich drauf vergessen, weil … weil …“ Sie verstummte und strich mit der zitternden Hand über die Stirn. Dann wieder sprach sie von ihren Blumen und erzählte die Lebensgeschichte jedes einzelnen Stöckleins.

   Draußen wurde die Blitze seltener, ferner und ferner klang der Donner, allmählich kämpfte sich der Sturm, und endlich ließ auch der Regen nach.

   Da eilte Sabi den beiden Alten voran in den Garten; die Tränen schossen ihr wieder in die Augen, als sie die lieben Blumen in wirrem Wust durcheinander liegen sah; fast alle Töpfe waren zerschmettert, und die geknickten Blüten lagen zerstreut umher. Sabi schürzte den Rock und ließ sich auf den durchnässten rasen nieder; während die Lentnerin in das Haus zurückeilte, um leere Blumentöpfe zu holen, gesellte sich der Klammerer an Sabis Seite. Achtsam lösten sie die wirren Stöcke auseinander, wobei sie alle Sorgfalt darauf verwendeten, dass die geborstenen Wurzelballen nicht völlig auseinander fielen. Da zeigte sich manches Zweiglein gebrochen und manches fast aller Blätter beraubt; dennoch war keiner der Stöcke so sehr verletzt, dass er bei fleißiger Pflege nicht hätte weiter gedeihen können.

   Die Lentnerin kam, und nach Ablauf einer halben Stunde waren von Sabis kundigen Händen alle Stöcke in frischen Töpfen geborgen. Der Reihe nach wurden sie ins Gras gestellt, über das noch immer ein feiner, staubartiger Regen nieder rieselte.

   „Da schau“, sagte der Klammerer, während er ein verrostetes Eisenstück von der Erde hob, „da glaub ich’s freilich … ’s Haftl hat’s abgsprengt.“ Mit wägendem Blick schaute er zu dem grünen Lattengestell empor, das vor Sabis Kammerfenster schief über die Wand herunterhing. „Geh, führ mich auffi in dein Stüberl, nacher häng ich ’s Gstell vollends aus und schau, dass ich’s wieder machen kann!“

   „Es hilft nix“, meinte Sabi, „bringst es ja net eini durchs Fenster.“

   „No, nacher hol ich eine Leiter! Habts eine?“

   „Ja, im Stadl hinten.“

   Der Klammerer eilte davon und brachte mit seinem einen Arm die hohe Leiter herbeigeschleppt, die knapp bis zu dem Fenster empor reichte. Er stieg hinauf und löste mit vieler Mühe das baumelnde Gestell von der Wand. Dann trug er es in den Flur, wo Sabi und die Lentnerin alles herbeibrachten, was an Handwerkszeug und Haken im Hause war. Der Alte bot die ganze Geschicklichkeit seiner ungeraden Finger auf, um den Schaden wieder gut zu machen; es wollte ihm aber doch nicht recht gelingen, und schließlich endete die sinkende Nacht seine vergeblichen Versuche. Da erbot er sich, das Gestell mit sich zu nehmen, um es am nächsten Tag in brauchbarem Zustand wieder zurückzubringen.

   Mit freundlichem Dank nahm Sabi diesen Vorschlag an; dann wurde in der Stube noch ein Stündlein unter der Lampe verplaudert, und der Klammerer musste das einfache Nachtmahl mit Mutter und Tochter teilen, bevor er sich auf den Heimweg machen durfte.

   Still und finster war die Straße, auf der er dahin schritt, das Lattengestell gleich einer Kraxe über die Schulter gestülpt. Doch als er dem hell erleuchteten Wirtshaus sich näherte, hallte ihm helles Gelächter und mehrstimmiger Gesang entgegen.

   Er zögerte eine Weile, dann nickte er vor sich hin und meinte: „Ah was, eine Halbe kann ich noch mitnehmen.“ Mühsam hob er das Lattengestell über den Zaun des Wirtsgartens und ging dem Haus zu. Da sah er unter der halbdunklen Tür einen Burschen stehen. Sofort erkannte er die schlanke Gestalt. „Jetzt da schau, das is ja grad, als ob er passt hätt auf mich?“ Und als er die Schwelle erreichte, sprach er den Burschen an: „So, du bist’s? Hätt dich schier gar net kennt! Ja was machst denn da draußen? Weswegen bist denn net drin in der Stuben?“

   „Ich dank schön, da drin hat’s ein Dampf, dass d’ Fliegen von der Wand fallen möchten!“, erwiderte Vinzenz. „Aber wo kommst denn her so spät?“

   „Was fragst denn? Von der Sabi komm ich!“

   „Und … und wie geht’s ihr denn? Besser, gelt?“

   „Besser, meinst? … So? … Glaubst denn, so was macht sich so gschwind? Und da hat’s heut Nachmittag noch was abgsetzt, wo das arme Madl vor lauter Kränkung grad in eim fort allweil gweint hat! Und natürlich, ’s Weinen, das brennt in die Augen!“

   „Ums Himmels willen, was is ihr denn gschehen?“

   „No schau, das freut mich, dass so ein freundlichs Herz hast!“ Der Alte klopfte den Burschen auf die Schulter. „Gwiss wahr …“

   „Aber so red doch, was hat’s denn geben?“

   Da erzählte der Klammerer den Vorfall mit den Blumen, wobei er Sabis Schmerz gar lebhaft zu schildern musste. „Ja, ich sag dir, das Madl hat halt ein Gmüt!“, so schloss er. „Und wenn’s an ihre Blumen schon so hängt, wie muss die erst einmal ein richtigen Menschen gern haben können! Ja! Da kann sich einer gfreun einmal!“ Damit schob der Alte den Burschen mit dem Ellbogen beiseite, nickte noch ein halblautes „Ja, ja!“ und trat in die Wirtsstube.

   Mit weit offenen Augen schaute Vinzenz noch immer die Tür an, die sich längst schon hinter dem Klammerer geschlossen hatte. Dann rückte er seufzend den Hut in den Nacken und starrte wieder hinaus in die finstere Nacht. Als einmal hinter ihm die Türe ging, wandte er sich hastig um. „Kellnerin! Zahlen möcht ich!“, rief er das Mädel an, das, ein halb Dutzend Gläser in den Händen, zur Schänke eilen wollte.

   „Was is denn? Willst denn schon fort? Was hast denn heut? Bist ja den ganzen Nachmittag dagsessen und hast nix gredt und nix deut’t, grad wie ein Apostel in der Feldkapellen!“

   „Müd bin ich halt, müd!“, murmelte Vinzenz, beglich seine kleine Rechnung, nickte verdrossen einen stummen Gruß und verließ das Haus.

   Langsam schritt er die finstere Straße dahin. Dichte, schwarze Wolken, durch die kein Schimmer eines Sternes drang, bedeckten den Himmel. Von allen Dächern und Bäumen ging ein sachtes Getröpfel nieder, und ein frischer Erdgeruch, wie er nach jedem heftigen Regen aufzutreten pflegt, erfüllte die Luft. Nur hinter wenigen Fenstern brannte noch Licht; in dem einen und anderen Gehöft, an welchem Vinzenz vorüber kam, fuhr der Haushund kläffend an den Zaun heran. Ein paar Mal auch begegneten ihm dunkle Gestalten, und „Guten Abend!“ scholl es dann über die Straße her und hin.

   Je näher Vinzenz dem väterlichen Hause kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Im Bohnerhof schien alles schon zur Ruhe gegangen, denn tiefe Stille lag über dem Gebäude, und alle Fenster waren dunkel. Im Lentnerhäuschen aber sah Vinzenz eines der ebenerdigen Fenster noch hell erleuchtet. Diese Helle schien eine seltsame Wirkung auf ihn zu üben; wie das Licht den Nachtfalter anzieht, so zog diese Helle den Burschen näher und näher, bis seine Knie an den Zaun des Gärtchens stießen. Da stand er nun, die beiden Hände um die feuchten Stäbe krampfend, und starrte vorgereckten Kopfes nach den leuchtenden Schieben, hinter denen er am Tisch die alte Lentnerin sitzen sah, die eifrig in einem großen Buch las, in der Bibel wohl, oder in einer Heiligen-Legende. Doch nicht allzu lange fesselte dieser Anblick die Augen des Burschen; unruhig rückte er hin und her und suchte mit scharf auslugendem Blick in das Halbdunkel der tieferen Stube zu dringen.

   Da wurden auf der Straße näher kommende Schritte hörbar; erschrocken fuhr Vinzenz auf, huschte den Zaun entlang und drückte sich in den nachtschwarzen Schatten der großen Linde, die hart an der Ecke des Gärtchens stand.

   Zwei Burschen gingen plaudernd vorüber; Vinzenz erkannte sie nur and er Stimme, denn bei der herrschenden Finsternis vermochte er kaum einen matten Umriss ihrer Gestalten zu gewahren.

   Die Schritte der beiden waren lange schon in der Ferne verhallt, und immer noch stand Vinzenz regungslos an den Stamm der Linde gelehnt. Er achtete der schweren Tropfen nicht, die von Ästen und Blättern auf ihn niederklatschten, und hatte auch kein Auge für die bläulich leuchtenden Pünktchen, die über dem Gras zu seinen Füßen in stillem Reigen durcheinander schwebten. Unverwandt hielt er den Blick nach dem schwarzen Gemäuer des Lentnerhauses gerichtet. Je länger er da hinüber sah, desto deutlicher meinte er einen schwachen rötlichen Schein im hoch liegenden Giebelfenster zu gewahren. Das sah sich an, als flackerte tief im Hintergrund der Kammer, in die jenes Fenster führte, ein mit trüber, winziger Flamme brennendes Licht – und schließlich glaubte Vinzenz auch deutlich zu gewahren, dass dort oben die beiden Fensterflügel offen standen.

   Nun plötzlich aber wurde seine Aufmerksamkeit wieder zurückgezogen nach dem ebenerdigen Stock. Am Fenster der Wohnstube hatte sich die bisher so regungslose Helle bewegt. Da mochte sich wohl die Lentnerin vom Tisch erhoben haben, um ihr Lager zu suchen; denn das Licht verschwand aus der Stube und tauchte gleich darauf hinter dem Fenster der Schlafkammer auf, um nach wenigen Sekunden völlig zu erlöschen. Diese wenigen Sekunden aber hatten den unter der Linde lauernden Burschen eine Entdeckung machen lassen, die ein jähes Zittern über seinen ganzen Körper jagte. Vor dem hell erleuchteten Fenster hatte er den scharfen, schwarzen Umriss zweier nach aufwärts laufender Stangen gewahrt, die er durch dünne Sprossen miteinander verbunden sah.

   „Jesus Maria! Da steht ja d’ Leiter noch!“, stieß er mit bebendem Flüstern vor sich hin. Und dabei meinte er die Leiter in ihrer ganzen, bis zum Geibelfenster reichenden Länge zu unterscheiden, während sie doch in Wahrheit bei der alles umfangenden Finsternis in dem eintönigen Schwarz des Gemäuers völlig verschwand.

   Tief atmend stand er, manchmal mit Mühe schluckend, als hielte eine gespenstige Faust seine Kehle mit eisernem Griff umspannt. Krampfhaft zog er die Joppe über er Brust zusammen, als wollte er die lauten, hastigen Schläge unhörbar machen, mit denen das Herz ihm sein fieberndes Blut durch alle Adern trieb. Immer wieder ging ein Schauer über seine Schultern, und schließlich stand er inmitten der gewitterschwülen Sommernacht, zitternd und bebend, als stünde er in Frost und Winter.

   So verrann ihm Stunde um Stunde. Mitternacht war schon vorüber, und nun wieder tönte der Glockenhall mit einem einzigen, langsam verschwebenden Schlag vom fernen Kirchturm nieder durch die dunklen Lüfte.

   Da richtete sich Vinzenz hastig auf, wie getrieben von einem schwer erkämpften Entschluss. „Und ich wag’s! Ich muss ihr ein Wörtl sagen! Ich muss! Oder es bringt mich noch um!“

   Zitternd tastete er nach dem Zaun; kaum aber fühlte er die feuchten Stäbe unter seinen Fingern, da war auch jählings alle Unruh von ihm gewichen. Lautlos und sicher schwang er sich über den Zaun, und unter den vorsichtigen Tritten, mit denen er sich auf dem Gartenweg dem haus näherte, knirschte kein Steinchen. Nun sah er auch deutlich die Leiter stehen, und während er flink nach den Sprossen griff, warf er mit einer raschen Neigung des Kopfes den Hut ins gras. Langsam stieg er in die Höhe, wobei die Stangen leise ächzten unter seiner Last. Er musste, um den Kreuzstock mit den Händen fassen zu können, bis auf die vorletzte Sprosse steigen. Dann zog er sich vorsichtig auf den letzten Tritt empor – kaum aber tauchte sein Gesicht über den Fensterbord hinaus, da verblieb er in gebückter Stellung regungslos, wie gebannt von dem Anblick, den seine brennenden Augen fanden.

   In mattem Dämmerschein blinkten ihm die weißen Mauern der Kammer entgegen. Zur Rechten gewahrte er einen hohen, roh gezimmerten Schrank, auf dem drei rote Töpfe mit künstlichen Blumen standen – zur Linken eine mit buntem Tuch überdeckte Kommode, über welcher, zwischen zwei Heiligenbildern, ein winziger, dünn umrahmter Spiegel flimmerte. Im Hintergrund neben der Tür erblickte Vinzenz einen kleinen Wandaltar, auf dem, von strahlenförmigem Rauschgold umgeben, eine wächserne Muttergottes thronte. Die Flitter des Kleides, mit dem das Bildnis angetan war, und die Strahlen des Rauschgoldes funkelten leise unter dem Schein eines kleinen, mit zitterndem Flämmlein brennenden „Ewiglichtes“. Das hing an dünner Kette von der Decke nieder und warf einen matten, zuckenden Lichtkreis über das stille, dicht unter dem Altar stehende Lager, auf dessen geblumten Kissen Sabi in einer Stellung schlummerte, als hätte, während sie in Gedanken auf dem Rand des Bettes saß, er Schlaf sie wider Willen überkommen. Sie trug fast noch ihr volles Gewand; nur die Jacke hatte sie zu Füßen über den hölzernen Stuhl gelegt, und so quoll aus dem kurzen, schwarzen Mieder in bauschigen Falten das weiße Linnen hervor, das die volle Büste bis zum Hals verhüllte, jedoch die runden, schwellenden Arme fast bis an die Schultern entblößte. Quer über Stirn und Auge hatte sie noch die schwarze Binde geschlungen, halb offen standen die roten Lippen, und unter leise strömenden Atemzügen hob und senkte sich ihre Brust.

   Vinzenz wagte sich nicht zu rühren; heftig aber zitterten ihm die Hände, mit denen er sich an den Kreuzstock angeklammert hielt. Das Herz schlug ihm bis in den Hals herauf, und mit brennendem Blick hing er an der ruhenden Gestalt des Mädels, an dem schmucken Gesicht, das im Schlummer lieblich und sanft erschien. Es mochte ein seltsamer Widerstreit von Gefühlen sein, den dieser Anblick in der Brust des Burschen erweckte. Bald zeigten seine Mienen staunende Freude und sehnendes Verlangen, bald ging über seine Züge ein Zucken und Beben, wie der Ausdruck eines martervollen Empfindens. Ein stockender Atemzug erschütterte seine Brust. „Sabi … Sabi!“, huschte es leise stammelnd von seinen Lippen.

   Die Schläferin regte sich nicht.

   Schweigend verharrte Vinzenz eine Weile, bevor er ein bisschen lauter seinen Ruf wiederholte: „Sabi … Sabi!“

   Da schien sie zu erwachen – aber nein, sie rührte nur sachte den einen Arm und wandte seufzend das Gesicht zur Seite, wobei ein Lächeln wie unter freundlichen Träumen ihren Mund umspielte.

   „Sabi … Sabi!“, stammelte Vinzenz in zitternder Erregung und pochte ungeduldig an eine Scheibe des offen stehenden Fensters.

   Nun fuhr die Schläferin erwachend in die Höhe. Müd lächelnd blickte sie um sich her. „Jetzt schau, jetzt bin ich gar verschlafen!“ Sie drückte, in sich versinkend, die flachen Hände an die Schläfe. Dann richtete sie sich auf und tat einen Schritt dem Fenster zu, als wollte sie die Scheiben schließen. Ein jähes Erschrecken aber bannte ihr den Fuß, und unter ersticktem Aufschrei streckte sie die Arme abwehrend dem Fenster zu. „Heilige Mutter! Was is denn?“, stotterte sie und taumelte rückwärts nach der Türe, das Gesicht verzerrt von Angst.

   „Sabi! Sabi! Um Gottswillen, tu dich net fürchten!“, klang es flehend und flüsternd vom Fenster her. „Ich bin’s ja … ich … der Vinzenz!“

   Statt Sabis Angst zu beschwichtigen, schien diese Stimme und dieser Name sie nur noch heftiger zu erschrecken. Mit der einen Hand fuhr sie zum Herzen, mit der anderen tastete sie nach der Lehne des hölzernen Stuhles, als vermöchte sie sich kaum noch aufrecht zu erhalten. „Du … du …“, stammelte sie mit klangloser Stimme, und was … was willst du … du … bei mir! Jetzt, mitten in der Nacht! Geh, sag ich dir, geh … geh!“

   „Sabi! Sabi! Ich bitt dich um aller Heiligen willen … grad ein Wörtlein lass dir sagen!“, flüsterte Vinzenz. „Ich muss dir abbitten, was ich dir antan hab. Die ganzen zwei Tag hat’s mich umtrieben wie verruckt, und nie hab ich nix anders net gsehen als wie dein Gsichtl … und allweil, allweil dein Gsicht! Gwiss wahr, Sabi, ich hab’s ja nett an mit Willen … musst es ja selber gsehen haben, dass’s grad ein unguter Zufall gwesen is … aber macht nix, geschehen is’s ja doch, und abbitten muss ich dir’s, abbitten…“

   „Abbitten!“, stieß Sabi unter schweren Atemzügen vor sich hin. „Mir hast nix zum abbitten … gar nix! Ich weiß ja, dass’s grad ein Zufall war! Aber … wenn schon gmeint hättst, dass was zum abbitten wär, nacher hättst ja d’ Nacht net braucht dazu, nacher hättst mir’s am Tag sagen können, wo mich grad troffen hättst auf der Straßen. Aber freilich … das wär halt eine arge Schand gwesen für den Bohnerbuben, wann er vor die Leut am helllichten Tag der Fuhrmännin ein guts Wörtl hätt sagen müssen!“

   „Na, na! Jesses na, Sabi, glaub so was net! Schau, mitten in der Kirchen hätt ich dir’s gsagt! Und gwiss wahr, ich bin auch in die Kirchen gangen in der Hoffnung, dass ich dich sieh und dass ich dir’s sagen kann! Und so viel Angst hab ich kriegt, wie ich dein Platz leer gsehen hab. Das is mir nachgangen den ganzen Tag. Und jetzt auf d’ Nacht, wie ich so da drunt gstanden bin und auf einmal d’ Leiter gwahrt hab…“

   „Jesses! D’ Leiter!“, stammelte Sabi, während sie sich mit beiden Händen in die Zöpfe fuhr, als hätte sie sich um der Vergesslichkeit es Klammerers willen bei den eigenen Haaren zausen mögen.

   „Schau, Sabi, musst mir net harb sein, aber … aber da is mir gwesen, als könnt ich nimmer anders, und grad mit Gwalt hat’s mich herzogen! Und jetzt bin ich da, und ich geh nimmer fort, ehvor mir net sagst, dass mir gut bist und dass mir nix nachtragst! Schau, Sabi, ich bitt dich, sag mir ein freundlichs Wörtl, grad ein einzigs!“ Vinzenz verstummte und hing mit dürstendem Blick an Sabi, ich bitt dich, sag mir ein freundlichs Wörtl, grad ein einzigs!“ Vinzenz verstummte und hing mit dürstendem Blick an Sabi, die schweigend stand, schwer atmend, die Hände auf die Schläfe gepresst. „Sabi! Sabi!“, bettelte er, als ihm nach langen, stummen Sekunden noch immer keine Antwort kommen wollte.

   Da flog ein Schauer über Sabis Schultern, sie ließ die Arme sinken und richtete sich auf. Ein herber, feindseliger Zug erschien in ihrem Gesicht, als sie leis und doch entschieden sagte: „Lass gut sein! Ich bin dir net harb und ich trag dir nix nach. Aber geh jetzt, sag ich dir, geh … oder ich müsst mir noch denken, du treibst dein Spott mit mir, weil abbitten kommst auf eine Weis, die mir am End noch schaden muss an meim guten Namen!“

   „Um Gottswillen, Sabi…“

   „Geh, sag ich dir, geh! Wann dich d’ Mutter hören tät, ich wüsst ja net, was ich sagen müsst! Und wann leicht einer auf der Straßen geht … ich müsst mich ja schamen bis in Boden eini! Geh, sag ich dir, geh!“ Rasch näherte sie sich dem Fenster und streckte die Hände, um die Scheiben zu schließen.

   „Sabi, Sabi, na, so geh ich net fort!“, stammelte Vinzenz, ließ den Kreuzstock fahren und haschte das Mädel am Arm. „Aus deim Reden hör ich’s ja raus … bloß weil mich fort haben willst, drum sagst jetzt, dass mir net harb bist. Aber da kann ich mich net gnügen damit … ich kann net, Sabi, ich kann net! Im Guten musst mir’s sagen, so dass ich’s glauben kann…“

   „Lass mich aus, Vinzenz, lass mein Arm aus!“, stieß Sabi bebend hervor, während sie ihren Arm zu befreien suchte. „Ich trag dir nix nach und ich bin dir net harb … ich hab’s ja selber gsehen, dass nix dafür hast können, und dass’s grad ein unguter Zufall war. Und gar so arg war’s ja net, ich spür ja schier nix mehr davon…“

   „Net wahr is, net wahr is! Heu tin der Fruh erst hab ich’s wieder ghört, wie viel als d’ leiden musst! Und wie mir das nachgeht, das kann ich dir net sagen …“

   „Geh, so gar arg wirst dich net sorgen … und wenn du’s mir selber net glauben willst, dass alles schon lang wieder gut is, so kannst dich ja überzeugen am Tag. Jetzt aber geh, sag ich! Und auslassen tu mich! Lass mein Arm aus!“

   Vinzenz aber hielt fest, haschte sogar nach Sabis zweitem Arm, und je mehr das Mädel sich wehrte, desto enger schlossen sich seine Finger um ihre Handgelenke, desto näher zog er sie an sich unter bebenden Worten, in deren Klang eine fast sinnlose Erregung sich verriet. Sabi fühlte den heißen Hauch seines Mundes an ihrer Wange und da beugte sie erschauernd den Kopf weit in den Nacken zurück. „Gut … gut … wann du net gehst, nacher muss halt ich …“ So stieß sie wie in überwallendem Zorn hervor und befreite die beiden Arme mit so jähem Aufgebot ihrer ganzen Kraft, dass sie um einige Schritte rückwärts taumelte in die dämmerige Kammer.

   „Sabi! Sabi!“, flehte Vinzenz und streckte die Hände. Plötzlich aber durchfuhr ein heftiger Ruck seinen Körper, und während er mit hurtigem Griff die Finger um die Kante des Fensterbrettes krampfte, stammelte er: „Jesus Maria, d’ Leiter fallt!“ Er merkte, wie seine Füße schon die Stütze verloren – doch fühlte er auch im gleichen Augenblick seinen Nacken von zwei starken Armen umschlungen, die ihn trugen und hielten, während die fallende Leiter raschelnd über die Mauer glitt, um mit dumpfem Schlag niederzustürzen auf den grasigen Grund.

   Für einige Sekunden herrschte lautlose Stille; dann ließ sich aus der ebenerdigen Kammer ein gedämpftes Geräusch vernehmen, und gleich darauf öffnete sich klirrend ein Fenster. Soweit aber auch die alte Lentnerin den Kopf hinausstrecken mochte in die kühle Nachtluft, so eifrig sie umherspähte in der Runde, sie sah und hörte nichts Verdächtiges, denn tiefe Finternis lag über Haus und Garten, und über ihr im Fenster hielten Sabi und Vinzenz sich so unbewegt und lautlos umschlungen, dass kein Stäubchen von der Mauer bröselte.

   „Was muss denn das jetzt gwesen sein? Träumt kann ich doch net haben!“, brummte die Lentnerin nach einer Weile, zog den Kopf zurück und drückte das Fenster zu.

   Da begann der Bursch am ganzen Leib zu zittern. „Sabi, ich kann’s nimmer länger derhalten“, flüsterte er, „ich mein’ schier, dass ich auslassen muss!“

   „Um Gottswillen, na, na … es musst dir ja was geschehen!“, zitterte es in halb erstickten Worten. „Grad ein bissl schau, dass dich in d’Höh heben kannst, ich hilf dir schon … ja!“

   Enger und fester noch schlossen sich ihre Arme um seinen Nacken, er vermochte die Hände vom Fensterbrett zu lösen, fand für sie einen festen Halt an Sabis Schultern und so gelang es ihm, vorerst ein Knie auf das Gesims zu heben, um sich dann vollends emporzuziehen. „Es geht schon, ja! Vergeltsgott, Sabi! Vergeltsgott tausendmal!“, keuchte er, während er übermüdet von der gewaltsamen Anstrengung in kauernder Stellung auf dem schmalen Gesims verharrte.

   Da schien in Sabi das Bewusstsein der seltsamen Lage zu erwachen, in der sie sich befand. Erschrocken zog sie die Arme zurück und wankte rückwärts in die Tiefe der Kammer. „O mein Gott, mein Gott … aber jetzt … was jetzt?“, stöhnte sie und schlug die Hände vor das Gesicht.

   „Sabi!“, stammelte Vinzenz und ließ sich flink auf die Dielen gleiten.

   Abwehrend aber streckte ihm Sabi die Hände entgegen, und in ihrem, von mattem Dämmerschein erhellten Gesicht erschien der Ausdruck einer namenlosen Angst; doch als sie gewahrte, dass Vinzenz sich ihr mit keinem Schritt zu nähern suchte, und dass er selbst in Zagen und Zittern stand, da sank sie vor ihrem Lager auf den Stuhl, und um das Schluchzen zu ersticken, das jäh ihre Brust erschütterte, drückte sie das Gesicht tief in die Kissen.

   „Sabi, schau, ich bitt dich, grad net weinen tu, grad net weinen!“, bettelte Vinzenz, wobei er sich kaum zu regen wagte. „Das kann ich net hören! Und ich kann’s net sehen! Ich kann net!“

   Sabi schien seine Worte zu überhören; tiefer drückte sie das Gesicht in die Kissen, während ihre Schultern zuckten und zitterten.

   Das sah der Bursch eine Weile mit an, bis er auffuhr: „Sabi! Hör ’s Weinen auf! Schau, lieber wag ich den Sprung aus’m Fenster, und wenn’s mir gleich meine graden Glieder kosten sollt!“ Und er griff schon mit beiden Händen nach dem Kreuzstock.

   Da richtete sich Sabi erschrocken auf. „Jesses na, na!“, stammelte sie und streckte die Arme, um wieder zurückzusinken auf den Stuhl. „Es ist kein andrer Ausweg mehr … jetzt musst schon bleiben! Und in der Fruh musst warten, bis d’ Mutter aus’m Haus is. Denn wenn ich dich nunterführen möcht, sie müsst’s ja hören … und … und ich wüsst net, was ich sagen sollte…“ Verstummend drückte sie wieder das Gesicht in die Hände.

   „Ja, ja, Sabi, alles tu ich, was d’ anschaffst“, flüsterte Vinzenz, „aber weinen musst nimmer! Und brauchst dich gwiss net sorgen wegen meiner! Schau, da bleib ich stehn am Fleckl, und gar nimmer rühren will ich mich. Und geh, musst dich gwiss net scheuen vor mir … schau, leg dich ein bissl hin zum schlafen! So kannst ja net wachen die ganze Nacht! Mir macht’s nix, aber dir … weißt, dir … von wegen deim Aug … geh, Sabi, geh!“

   Seufzend schüttelte sie den Kopf, trocknete die Wangen und starrte vor sich hin, bis sie, wie von einer neuen Sorge befallen, einen unruhigen Blick hinüberwarf nach dem dunklen Fenster. „Es kann ja schier net sein, dass niemand was erfahrt davon. Denn wann auch d’ Mutter aus’m Haus is … wie leicht kann’s gschehen, dass dich einer fortgehn sieht … und wie steh ich nacher da! Mit was hab ich mich denn versündigt, dass du allem jetzt so was noch über mich kommt!“ In neuem Schluchzen erstickten ihre Worte.

   „Sabi, jesses, schau, ich bitt dich, fang doch jetzt net wieder an!“, stotterte Vinzenz und griff nach dem Kreuzstock, als müsste er sich gewaltsam an der Stelle festhalten, auf der er stand. „Gar so arg musst dich ja doch net kümmern. Es is ja noch nt ausgmacht, dass mich grad einer sehen muss … und wenn auch … fallt denn net alles ganz allein auf mich z’ruck? Dich, mein’ ich, kennt man doch drum im Ort, dass keiner ’s Kurasch net hätt zu eim unguten Gedanken gegen dich. Und es kostet dich bloß ein’ einzige Red, und d’ Leut wissen, wie s’ dran sind. Aber ich will ja gern alles anhören, was man nacher über mich sagen mag … schau, wenn nur grad du dich überwinden könntest, dass d’ mir ein freundlichs Wörtl sagst. Denn du wann ungut von mir denken tätst, das wär von allem ’s einzig, was ich net tragen könnt, und … no ja … weswegen soll ich’s net sagen? Es ghört ja zu meiner Straf, dass du’s weißt! Was du von derselbigen Stund im Holz draußen davontragen hast, das verhielt schon wieder, und wenn’s auch Tag und Wochen dauert … aber mit demselbigen Geißelschlag, da hat auch mich was troffen, und das, mein’ ich, das wird sich wohl nimmer verheilen in Jahr und Tag!“

   Vinzenz schweig, während Sabi die Hände sinken ließ und langsam das Tränen übergossene Gesicht erhob; sie schien seltsam überrascht und zugleich ergriffen von dem Ton dieser Worte.

   „Was schaust denn jetzt gar so gspaßig?“, fragte Vinzenz nach kurzem Schweigen mit leiser Stimme weiter. „Verstehst mich leicht net? Und mir is doch, als müssten mir’s die blinden Wänd schon abschauen am Gsicht. No ja … gern hab ich dich halt … und so gern, dass ich schier gar net weiß, wie ich’s sagen soll!“ Da stockte er und warf einen scheuen Blick auf Sabi, die sich jäh erhoben hatte. „Was hast denn? Was kann dich denn da jetzt verzürnen? Ich red halt, wie ich reden muss. Und dass ich beim Reden auf ein Zweck ausschauen könnt, das wirst ja doch net glauben. Ah na … das schwarze Tüchl um dein Köpfl rum, das müsst mir von eh schon alle Hoffnung ausreden … und da müsst auch in die letzten zwanzg Jahr ein andere Freundschaft ghalten worden sein … bei uns da über d’ Straßen hin und her.“

   Schwer atmend nickte er vor sich hin und fuhr sich mit der zitternden Hand über die Stirn. Als er aber dann die Augen hob und Sabi vor sich stehen sah mit diesem seltsam starren Gesicht, fuhr er grollend auf: „So lach doch … ich mein’, es wär zum Lachen, so was! Denn weißt, das hätt ich ja selber nie glaubt, dass so was geschehen könnt. Vor ein paar Tag erst, da hab ich selber noch glacht, was ich hab lachen können, wie einer im Gspaß uns so zammgredt hat … den Bohnervinzenz und d’ Lentnersabi! Bist ja eigentlich nie net auf der Welt gwesen für mich … und gwiss wahr, draußen, weißt, in Eisenärzt, da hab ich dich zum ersten Mal so recht angschaut … und ich weiß net, wie’s kommen is, aber da is dir gleich so eine gspaßige Wut in mich einigfahren, die ich gar net verstanden hab. Und wie nacher ’s ander geschehen war, weißt, im Sigsdorfer Hölzl … und alles in Traunstein draußen … und nacher der gestrige Abend daheim, und der heutige Tag, wie’s mich da so umtrieben hat und hat mir kein Ruh net glassen in keiner Minuten … schau, da hab ich allweil noch net glauben können, dass leicht was anders dahinter sein könnt, als wie ’s Gwissen und d’ Scham über das Unrecht, wo ich verübt hab an dir! Ja, schau, und net einmal heut Nacht noch, wie ich allweil so da drunt gstanden bin, ent einmal da noch hab ich mich auskennt über mich. Aber wie ich naher so auffigstiegen bin über d’ Leiter, und wie ich so einigschaut hab in dein Stüberl, in dein liebs, und wie ich dich so daliegen hab sehen, so heimlich und sauber wie gar nix Zweits nimmer in der ganzen Welt, weißt, grad als hätt dich unser Herrgott herglegt in seiner Sonntagsfreud … schau, Sabi, da hab ich was gspürt, wie wenn auf einmal ein Riegel gsprungen wär z’mittelst drin in mir! Und gwesen is mir, wie wann ich wen an der Seiten hätt, der grad allweil einischreit in mich: Gern hast es halt, gern hast es, gern, gern! Und da hab ich mir auch gleich gsagt – – aber mein, was red ich denn! Was hilft’s denn, dass ich red? Es hat ja kein Sinn net … es hat ja kein Sinn!“ Wie ein Verzweifelter fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare.

   Da ging ein Zittern über Sabis Gestalt und sie versuchte einen Schritt – aber die Knie schienen ihr brechen zu wollen, und so sank sie nieder auf den Stuhl, schlug die Arme über das Gesicht und in einem Ton, der alles andere eher verriet als Unmut, stammelte sie: „O liebe Muttergottes … liebe, liebe Muttergottes!“

   Der Bursch am Fenster aber, der ganz gefangen lag in den Fesseln der eigenen Erregung, hatte kein Ohr für den verräterischen Klang dieser Worte. Er hörte nur, dass Sabi schluchzte, sah nur, dass unter diesem Schluchzen ihre ganze Gestalt erzitterte, und da stotterte er: „Aber jetzt so was … fangst denn jetzt schon wieder an!“ Und während er, wie in Zorn über sich selbst, die Fäuste ballte, stöhnte er: „Himmel, Himmel, Himmel … gleich zerreißen könnt ich mich vor lauter Wut…“

   Weiter kam er nicht, denn Sabi sprang auf und stammelte: „Jesses, Bub, hab dich doch stad … sie müssen dich ja hören bis über d’ Straßen!“

   Erschrocken fuhr Vinzenz mit allen Fingern nach seinem Mund, als könnte er die unvorsichtig lauten Worte noch einmal zurückhaschen. Dann standen sie alle beide regungslos und lauschten, Vinzenz durch das offene Fenster nach der Straße, Sabi durch die geschlossene Tür ins Innere des Hauses.

   „Es rührt sich nix, Sabi … gar nix rührt sich!“, flüsterte Vinzenz nach einer Weile und atmete erleichtert auf. „Aber es is schon wahr, jetzt krieg ich selber bald eine völlige Angst … gwiss net um meintwegen, gwiss net, Sabi! Aber wenn mich doch wer ghört hätt, oder … und ich weiß schon, d’ Leut reden diemal gar spaßig …“ Er verstummte und streckte lauschend den Hals. „Sabi, hörst es net“, lispelte er, „mir is ja grad – –“ Da schwieg er wieder, und ein scheues, schmerzliches Lächeln huschte über sein Gesicht. „Da schau, jetzt hätt ich gschworen drauf, ich hätt wen gehen hören, druaßen auf der Stiegen … und derzeit bin ich’s selber, weißt, ’s Herz in mir drin … so narret pumpert’s, ja!“ Er guckte scheu zu Sabi hinüber, und als er sie halb abgewendet stehen sah, seufzte er schwer. „Sabi! So geht’s net! Ich kann net bleiben bis in der Fruh … und drum mein’ ich, es is besser, dein Mutter erfahrt’s…“

   „Na! Jesses, na, na, na!“, stammelte Sabi.

   „Sei gscheit und lass dir raten! Schau, ich will lieber Schand und Spott von deiner Mutter tragen, und weißt, ich knie mich ins Fenster eini und du springst aus der Kammer aussi un rennst zu deiner Mutter abi und sagst: Mutter, im Fenster is einer, bei mir droben im Fenster ... weißt, Sabi, so, als ob ich grad erst kommen wär, und wie wenn du noch gar net wissen tätst, wer ich bin … ja, und da wird nacher d’ Mutter schon in d’ Höh fahren! Ich aber tu derweil, als ob ich mich aussischleichen möcht aus’m Haus, mach’s aber so, als dass mich d’ Mutter im Hausgang erwischt … und da stell ich’s nacher schon so an, dass d’ Mutter gleich merkt, wie unschuldig du bei der ganzen Sach bist, und dass bloß ich allein …“ Vinzenz verstummte und blickte verwundert auf Sabi.

   Sie stand mit gestreckten Händen und schüttelte den Kopf.

   „Na, Vinzenz! Wie kannst mir denn so was raten! Was müsst d’ Mutter denken von dir! Und das is doch gwiss, dass sie’s ausreden tät im ganzen Ort. Und was täten denn d’ Leut nacher sagen! Na, na! Gwiss wahr, Vinzenz, wenn du in Verruf kommen tätst … schau, das wär mir noch ’s Ärgste, was geschehen könnt.“

   Wie ein Taumel überkam es den Burschen; ungläubig und dennoch in Sehnsucht starrte er das Mädel an, das auf den Holzstuhl niedergesunken war und das Gesicht in die Arme drückte. „Sabi, Sabi!“ Er streckte die Hände, und als sie die Arme sinken ließ und zu ihm aufschaute, unter Tränen lächelnd, da taumelte er auf Sabi zu, brach in die Knie, umschlang sie mit beiden Armen und drückte das Gesicht in ihren Schoß.

   Erschrocken saß sie eine Weile und wagte sich nicht zu regen. Scheu blickte sie auf Vinzenznieder und hielt die Hände an den Hals gedrückt; dann aber schwellte ein tiefer Atemzug ihre Brust, sie neiget das Gesicht, und während ein Ausdruck froher Seligkeit in ihren Zügen erwachte, strich sie mit zitternder Hand in schüchterner Liebkosung über das krause Haar des Burschen.

   Da tauchte Vinzenz flink mit dem Kopf in die Höhe, haschte Sabis Hand und stammelte: „Madl! Madl! Schau, ich weiß gar net, wie mir is! Kann’s denn wahr sein, därf ich denn glauben…“ Die Sprache versagte ihm, und seine Hände griffen hurtig zu, um Sabis Köpf zu fangen. Doch als er die schwarze Binde fühlte, fuhr er zurück und stotterte: „Mar’ und Joseph! Schatzerl, sag mir nur grad … tut’s dir auch gwiss nimmer weh, gwiss nimmer?“

   „Na, Vinzenz, na, gar net ein bissl mehr!“, lächelte Sabi. „Es ist schon bald wieder gut, und kannst schier gar nix mehr sehen davon. Da, schau … kannst dich ja überzeugen…“

   Sie wollte die Binde lösen, Vinzenz aber fesselte ihre Hände. Na, na, um Gottswillen, lass, ich bitt dich, Sabi … ich kann’s net sehen jetzt … ich kann net, Schatzerl, ich kann net!“

   „Aber wenn ich dir sag, dass ich gar nix nimmer spür, und …“ Da verstummte sie und hob lauschend den Kopf. „Jessus Maria! Jetzt is gut …“, stammelte sie und sprang in Schreck vom Sessel auf.

   „Sabi? Jesses na! Was is denn?“

   „Alles is aus! D’ Mutter … ich hör d’ Mutter auf der Stiegen!“

   Vinzenz erblasste. „Tu dich net fürchten, Sabi, ich lass mich schon finden! Sag’s ihr nur gleich, dass ich dich heiraten tu … auf Ehr und Seligkeit … aber sag’s ihr nur gleich, ehvor s’ dir ein unguts Wörtl geben kann.“ Lauschend schwieg er, und da vernahm auch er die schlurfenden Tritte, die über die Treppe heraufkamen.

   Jetzt legte sich eine Hand auf die Klinke, das Schloss knirschte, und langsam öffnete sich die Tür. Auf der Schwelle erschein Sabis Mutter, in der Hand ein Kerzenlicht, dessen züngelnde Flamme die nachlässig gekleidete Gestalt und die vor Staunen und Zorn versteinerten Züge der Alten grell erleuchtete.

   Eine Weile blieb sie sprachlos, als könnte sie noch immer nicht für Wahrheit nehmen, was sie da gewahren musste. Sabi und Vinzenz, die mit verschlungenen Händen standen, Schulter an Schulter gedrängt, als wollte eines das andere vor dem drohenden Ungewitter beschirmen.

   Jetzt ein zorniges Lachen. „O Klammerer! Klammerer!“ Die Lentnerin mocht sich wohl des Gleichnisses von dem stillen Vogel erinnert haben.

   Vinzenz machte verdutzte Augen; dann stieß er Sabi er Sabi mit dem Ellbogen an und stotterte: „So sag’s ihr … sag’s ihr doch!“

   Er wollte weiter sprechen, aber ein vernichtender Blick der Lentnerin machte ihn verstummen. Dann atmete sie schwer und wandte sich an Sabi: „So was kannst mir antun? Und du willst mein Kind heißen?“

   „Mutter!“, stammelte Sabi. „Ich hätt gmeint, du kennst mich net erst seit gestern, und … und ich hätt mir denkt, dein erstes Wörtl sollt eine Frag sein und kein Fürwurf net! Aber no, jetzt muss ich dir halt ungfragt alles sagen … aber ich mein’, das redt sich zwischen uns zwei allein leichter ab, als unter uns drei.“ Fester schossen sich ihre Finger um die Hand des Burschen. „Komm, Bub, lass dich führen!“ Sie nahm der Mutter, die vor Verblüffung keines Wortes mächtig war, den Leuchter aus der Hand und zog den Geliebten der Türe zu.

   Vinzenz schien erst zur Besinnung zu kommen, als Sabi drunten im Flur an der Haustür den Riegel zurückstieß. „Na, na, Sabi, jetzt lass ich dich net allein! D’ Mutter is voller Zorn…“

   „Musst dich net sorgen“, tröstete Sabi, „ich mit meiner Mutter komm schon z’recht. Also geh, Bub, und bhüt dich Gott für heut!“ Sie stellte den Leuchter in den Treppenwinkel und öffnete die Türe.

   Ohne sich vom Fleck zu rühren, hob Vinzenz die Arme, ließ sie aber gleich wieder sinken. Doch Sabi las in seinen Augen; und als sie ihn umschlang und auf den Mund küsste, kam auch dem Burschen der lachende Mut. Herzhaft griff er zu, und es setzte ein Halsen und Küssen, als hätt es einen Abschied fürs Leben gegolten. „Schatzl? Is’s denn auch wahr? Hast mich denn gwiss und richtig gern?“

   Sabi lachte. „Vor Jahr und Tag schon hättst mich fragen können, und hättst auch nix anders ghört als Ja und Ja!“ Doch sie brachte die letzten Worte nicht mehr zu deutlicher Geltung; denn Vinzenz hatte ihr schon wieder den Mund verschlossen.

   Ein Geräusch von Schritten, das sich auf der Höhe er Treppe vernehmen ließ, trennte die beiden und ehe sich’s Vinzenz versah, fühlte er sich mit nachdrücklicher Eile zur Türe hinausgeschoben. „Bhüt dich Gott, Bub, und unser Herrgott soll’s geben, dass uns alles gut nausgeht!“ Dann schloss sich hinter ihm die schwere Tür, und er hörte nur noch leise den Riegel klirren.

   Eine Weile stand er wie betäubt. Er wollte sich der Straße zuwenden, machte aber plötzlich kehrt, flüchtete gegen die Tiefe des Wiesengartens, horchte aufmerksam in die Runde und spähte besorgt nach den östlichen Bergen, über deren waldigen Kuppen sich schon der erste fahle Schein des kommenden Tages zeigte. Der Frühwind, der über die Halden herniederwehte, zauste ihm das Haar und brachte ihm den vergessenen Hut in Erinnerung. Flink umschlich er das Haus und fand ohne Mühe, was er suchte. Und da sah er eines der ebenerdigen Fenster schwach erleuchtet. Lautlos huschte er hinzu und guckte in die Wohnstube, in welcher Sabi auf einer Holzbank hinter dem Tisch saß; sie sprach in hastigen, doch für den Lauscher vor dem Fenster unverständlichen Worten. Vor ihr stand die Lentnerin, mit der Faust auf den Tisch gestützt, den Kopf in aufmerksamer Spannung vorgestreckt. Nun schien es, als wäre Sabi mit dem zu Ende, was sie zu sagen hatte; sie blickte scheu zu der Mutter auf; da setzte sich die Lentnerin an Sabis Seite und streichelte das braune Haar ihres Kindes.

   Als Vinzenz das gewahrte, schwellte ein Seufzer der Erleichterung seien Brust. Mit langen Schritten floh er durch den Garten und suchte auf weitem Umweg die Rückseite des Bohnerhofes zu gewinnen. Als er durch die Obstbäume im grauen Frühlicht die weißen Mauern des elterlichen Hauses gewahrte, stieg ein erschütterndes Bedenken in ihm auf: „Jesus Maria! Der Vater! Was wird der Vater sagen!“ Dabei ließ der trostlose Ausdruck seines Gesichts deutlich erkennen, dass er darüber, was der Vater sagen würde, durchaus nicht im unklaren war.

   Achtsam jedes Geräusch vermeidend, schlich er in seine Kammer hinauf, setzte sich an das offene Fenster und starrte hinüber nach dem Lentnerhäuschen, an dem die Scheiben des Giebelfensters schon geschlossen waren.

   Und je heller sich draußen der junge Tag erhob, desto mehr verwandelte sich die Trostlosigkeit, die aus den Augen des Burschen redete, zu einem entschlossenen Trotz. Endlich sprang er auf, als wäre ihm ein rettender Gedanke gekommen. In ungeduldiger Hast vertauschte er das sonntägliche Gewand mit dem Werktagskleid, und nachdem er noch die Kissen des unberührten Lagers durcheinander geworfen hatte, stieg er in den Hof hinunter, in dem sich das Gesinde bereits zur Arbeit schickte. Pfeifend ging er seiner gewohnten Beschäftigung nach, und als er sich gegen sieben Uhr mit dem Vater und den Dienstboten bei der Morgensuppe zusammenfand, redete er laut und viel über die nötigen Verrichtungen des Tages. Dabei schien er es mit besonderer Freude zu vernehmen, als ihm der Vater den Auftrag gab, im Wald draußen die Holzknechte zu suchen und ihnen neue Arbeitsweisung zu bringen. Das Morgengebet war kaum gesprochen, da griff er schon nach Hut und Bergstock und eilte aus dem Haus. Helle Freudenröte schoss ihm in die Wangen, als er drüben am Giebelfenster die Geliebte stehen sah, die ihm mit einem leisen Nicken des schmucken, von der Binde befreiten Köpfchens einen heimlichen Gruß herunterschickte.

   Hurtig durchwanderte er das Dorf und lenkte über sanft ansteigendes Gelände einem kleinen Haus zu, das am Waldsaum versteckt lag unter sonnbeglänztem Laubwerk.

   Buschige Haselnusshecken umzogen einen Garten von mäßiger Größe. Üppiges Gras heilt den Grund überwuchert, auf welchem alte Linden und Kastanien mit sorgsam gepflegten Obstbäumen wechselten. Im Schatten dieser Bäume stand ein morscher Pumpbrunnen, von dessen Röhre ein gelbliches Moos in langen Fransen nieder hing. Die dem Wald zunächst liegende Ecke, etwa der vierte Teil des ganzen Raumes, diente als eigentlicher Garten, in dem die mit Grünzeug, Gemüsen, Hülsenfrüchten und Kartoffeln bestellten Beete von schmalen Blumenrabatten eingesäumt waren. Nahe dabei, inmitten eines sauber gehaltenen, glatt getretenen Lehmgrundes von hellgrauer Farbe erhob sich das kleine Haus, dessen Mauern bis unter das rauchgeschwärzte, mit verwitterten Felsbrocken beschwerte Schindeldach dicht überwachsen waren von Geißblatt, wildem Wein und bunt blühenden Winden. In dieser grünen Umhüllung konnte man die Fenster kaum ersehen, da ihre Brüstungen noch mit eng gereihten Blumentöpfen bestellt waren. Nur rings um die niedere Tür war die Mauer frei von Ranken und Geschling; hier aber verschwand sie unter einer ganzen Girlande der verschiedenartigsten Vogelkäfige, hinter deren Gitterwänden ein buntes und lautes Leben herrschte. Da pfiff der Gimpel sein mühsam erlerntes Lied, da flöteten die Stare, die Lerchen trillerten, es schlugen die Finken, die Amseln und Drosseln schmetterten ihren lauten Ruf, schüchtern zwitscherten die Grasmücken und während die Schwarzblättchen ihr lustiges Schnalzen vernehmen ließen, gurrten die Turteltauben den Bass zu diesem Vogelchor.

   Das war die Heimstätte des Klammerers.

   Vor dem Haus, auf einer Steinbank, ruhte der Alte in Hemdärmeln, mit nackten Füßen; und während seine „ungeraden Finger“ das qualmende Pfeiflein regierten, schaute er aufmerksam auf die emsigen Wichtlein nieder, die vor ihm auf dem lehmigen Grund für die bescheidenen Wünsche seines Lebens wirkten.

   Da war, etwa drei Schritte im Durchmesser haltend, in Kreisform ein schmaler, mit Wasser gefüllter Graben gezogen. In der Mitte des Kreises befand sich eine schüsselartige Mulde, von kreuzweise legten grünen Zweigen leicht überdeckt. Der ganze Raum zwischen Mulde und graben war dicht überstreut mit einem Gemisch von dürren Tannennadeln und weißen Ameisenpuppen – mit der Beute, die der Klammerer in dem leinenen Sack, der nun geleert beiseite lag, von seinen allmorgendlichen Waldgängen nach Hause brachte. Soviel Mühe aber auch das Auffinden und ausnehmen der Ameisenbaue und das Schleppen des schwer beladenen Sackes ihm bereitete, so geringe Sorge machte ihm das Sondern und säubern der für den Verkauf bestimmten Eier. Diese Mühe nahmen ihm die tausend Ameisen ab, die, von dem unüberschreitbaren Wasser eingeschlossen, in Hast und Eile durcheinander kribbelten und aus dem Wust der Tannennadeln die Puppen hervorzerrten, für deren Bergung sie kein anderes Plätzchen zu finden wussten, als jene mit Blättern überdeckte Mulde. War auf solche Weise nach Stunden die letzte Puppe aus dem Ring verschwunden, so brauchte der Klammerer nur die grünen Zweige aufzudecken und die reinlich gesammelten Eier aus der Grube in seine Holzschachtel zu füllen. Dann schöpfte er auch das Wasser aus dem Graben, und die tausend winzigen Arbeiter konnten frei ihres Weges ziehen. Das währte aber so seine Zeit, bis sie den Weg zur Heimat, den Weg zum Wald wieder fanden. Auf der Suche nach diesem Weg rannten sie nach allen Richtungen auseinander, durchkribbelten in langen Karawanen das Gras und die Blumen, reisten in Scharen über alle Bäume auf und nieder, umzogen den Sockel des Hauses und kletterten an allen Wänden empor. Durch Tür und Fenster fanden sie ihre Straße in Stube und Kammer; über Stühle, Bänke und Tische ging ihr Weg; sie krochen durch die Klumsen der Truhen und Kästen und machten sich für wechselnde Zeiten heimisch in des Klammerers Bett und Kleidern.

   Aber was kümmerte das den Alten! An das „Beißen“ hatte er sich im Lauf der Jahre gewöhnt, im Kratzen besaß er trotz seiner ungeraden Finger eine genügende Übung, und überdies sah er mit gutmütiger Dankbarkeit in den „kleinen Teuferln“ seine fleißigen „Brotväter“, nicht seine lästigen Quälgeister.

   Diese freundliche Gesinnung, die er den so emsig für ihn schaffenden Tierchen gegenüber hegte, lächelte auch jetzt aus dem Blick, mit dem er das rastlose Gekribbel zu seinen Füßen betrachtete. Über dieser eifrigen Beobachtung und bei dem lauten Gesang seiner Vögel überhörte er die näher kommenden Schritte seines jungen Freundes, und nicht eher blickte er auf, ehe nicht Vinzenz vor ihm stand.

   „Ja grüß dich Gott, Bub“, lachte der Alte, erhob sich und schob die Pfeife zwischen die Zähne, um dem Burschen zum Willkomm die Rechte reichen zu können. „Das freut mich schon, dass dich wieder einmal bei mir heraußen anschaun lass! Schnell hast dir meine Mahnung z’Herzen gnommen! Oder bringst mir leicht gar eine bsondere Neuigkeit?“ Dabei zeigte sich ein so verschmitztes Blinzeln in den Augen des Klammerers, als hätte er eine kleine Ahnung, dass er mit dieser Frage nicht ganz im Unrecht wäre.

   „Neuigkeit? Ah na, gar net!“, erwiderte Vinzenz und guckte seitwärts unter die Bäume, als hätte er die verräterische Glut verbergen wollen, die ihm bei der Frage des Alten in die Wangen schoss. „Weißt, bei die Holzknecht draußen muss ich d’ Arbeit ansagen, und weil mich der Weg in deiner Näh vorbeigeführt hat, drum hab ich mir denkt: Schaust halt ein bissl eini da, was er macht, der Klammerer!“

   „No, da freut’s mich ja nacher doppelt, wann wegen nix als um meintwegen herkommst!“, schmunzelte der Atle und fuhr sich mit dem Pfeifenkolben unter die rechte Schulter. „Aber geh, setz dich ein bissl her, im Sitzen redt man sich allweil leichter.“ Er wischte achtsam die Ameisen von der Bank, wozu er einen Habichtsflügel benützte, der für solchen Gebrauch nahebei in den grünen Reben steckte.

   Dann setzten sie sich und begannen von allerlei Dingen zu reden. Vom Wetter kamen sie auf den Stand der Felder zu sprechen, auf die Aussichten des Herbstes. Danach prophezeite der Klammerer einen frühen und schneereichen Winter und führte als Beweis das frühzeitige Erscheinen der Waldschwämme an sowie die starke und lang währende Blüte des Heidekrautes. Das emsige Treibe der Ameisen gab weiteren Stoff zum Gespräch, und vom Vogelfutter kam natürlicherweise die Rede auf die Vögel. Der Alte erzählte lustige und kluge Geschichten von seinen Pfleglingen, und schließlich musste ihm Vinzenz zu den Käfigen folgen, wozu er Bursche gerne bereit war, denn er hatte, da die wandernden Ameisen geringen Respekt vor dem Habichtsflügel zeigten, auf der Steinbank ein unbehagliches Verweilen. Die Stare und der Gimpel pfiffen auf ein Zeichen des Klammerers die erlernten Weisen: „Die Wacht am Rhein“, den „Neubayrischen“, und das Lied vom Wendelstein. Mit besonderem Stolz produzierte der Alte seine Lieblingsschülerin, eine Drossel von selten schöner Zeichnung. Im Käfig dieses Vogels war ein kleines, hölzernes Tretrad angebracht; um die Walze lief eine dünne Schnur, die durch den Boden des Käfigs ging und an ihrem Ende einen winzigen, mit Wasser gefüllten Eimer trug. Der Klammerer schob in den Käfig ein Tröglein mit frischem Futter, das der Vogel begierig annahm; und kaum er sich gesättigt hatte, flatterte er in das Tretrad und brachte es durch hastiges Hüpfen in rasche Drehung; dadurch wurde die Schnur auf die Walze gewunden und der Eimer in die Höhe gezogen; nun hielt der Vogel mit Geschick das Rad im Gleichgewicht, trank von dem Wasser und flatterte dann in den Käfig zurück, während das Eimerchen wieder in die Tiefe schnurrte.

   Vinzenz kargte nicht mit seinem Lob, und als sie zusammen wieder auf der Steinbank saßen, redeten sie aufs Neue so hin und her, von diesem und jenem. Häufig stockte das Gespräch. Während solcher Pausen schaute der Klammerer mit zwinkernden Augen zu Vinzenz auf und machte eine Miene, als wäre er irgendeiner besonderen Mitteilung gewärtig.

   Endlich platzte Vinzenz heraus: „Du, Klammerer … ich muss dir was sagen.“

   „No schau, das denk ich mir schon allweil!“ Schmunzelnd rückte der Alte näher. „Also, mach weiter, aussi damit!“

   Eine Weile saß Vinzenz in verlegenem Schweigen, bis er es mit Stocken und Zögern herausbrachte: „D’ Lentnersabi hab ich gern … und … und du musst mir helfen, dass der Vater Ja sagt.“

   Da schoss der Klammerer in die Höhe, als hätte er Feuer auf der Bank gefühlt. Einen Augenblick stand er wie erstarrt, dann schlug er den Arm mit der Pfeife seitwärts in die Luft, duckte den Kopf in den Nacken und brach in Gelächter aus. Es war unverkennbar, dass er mit diesem Lachen die Art und Weise nachzuahmen suchte, in welcher Vinzenz vor wenigen Tagen jene Worte des Alten aufgenommen hatte: „Kreuzstarenkobel! Das gäb dir ein Paarl: Du und d’ Sabi! Der könnt sich sehen lassen, der das füreinander brächt!“

   „Du, ich sag dir’s, da is fein gar nix zum Lachen!“, fuhr Vinzenz beleidigt auf. „Rat mir lieber zum Guten, is gscheiter, als wie ds dumme Glachter da! Du bist ja selber auch mit schuld dran, dass alles so kommen is. Ich von mir selber aus hätt nie net an d’ Sabi denkt … du hast mir s’ eingredt, ja, und von derselbigen Stund hat’s angfangt. Und jetzt sitz ich da mit meiner Lieb wie der Vogel auf der Leimruten, und wann du mir kein Rat net weißt, nacher weiß ich mir auch nimmer z’helfen.“

   Mit Mühe bezwang der Klammerer seine Lachlust. „Na, jetzt da legst dich nieder! So was, na, so was!“, staunte er. Doch lag dabei das Staunen nur im Ton seiner Stimme, während der Ausdruck seines vergnüglich schmunzelnden Gesichtes beinahe verraten wollte, als hätte eine in seinem Innern still gehegte Hoffnung durch das Geständnis des Burschen willkommene Erfüllung gefunden. „Aber sag, was muss denn da alles geschehen sein! So kann dich ja dengerst d’ Lieb net angfallen haben, wie der Regen aus’m Himmel fallt! Verzähl doch, geh, verzähl!“

   Anfangs in zögernden Worten, dann in fliegender Hast erzählte Vinzenz die Geschichte dieser letzten Tage, die Geschichte der vergangenen Nacht. In Spannung lauschte der Klammerer und hatte dabei kein Auge für das komische Bild, das Vinzenz durch sein Gebaren verursachte. Denn während er unter lebhaften Gesten erzählte, während er von Sehnsucht, Liebe, Vorwurf und Reue schwatzte, führte er zugleich einen hartnäckigen Kampf mit den Ameisen, auf die er eine ganz besondere Anziehungskraft auszuüben schien. Auf seinem ganzen Körper fuchtelte er mit den Händen umher – und während er erzählte, was er zu Sabi, was Sabi zu ihm gesprochen, platzte er in die zärtliche Rede mit Worten des Abscheus oder der Wut hinein, die den kleinen Quälgeistern galten, aber mit seiner Liebesgeschichte einen ganz wunderlichen Zusammenhang ergaben.

   Als Vinzenz seinen Bericht zu Ende gebracht hatte, saß der Klammerer schweigend und nickte mit dem weißen Kopf vor sich hin. Dann sagte er: „No schau, wie mich das freut, dass alles so kommen is, das kannst mir schiergar net glauben! Aber einen harten Kampf wird’s geben mit deim Vatern. Das wird Beißen kosten, bis der sein Ja und Amen sagt. In der Güt wenn du’s probieren möchtest, das wär fürs Griechenland … und mit Gwalt geht’s noch weniger. Da muss halt ein bissl Gscheitheit helfen. Aber geh, komm, ein gscheiter Rat, der wachst net auf trockenem Boden. Geh, komm ein bissl eini in d’ Stuben. Ich hab noch ein paar Flascherln Bier in der Kellergruben liegen, die trinken wir jetzt miteinander, und da wird uns schon was einfallen dabei! Komm, Bub, komm!“

   Geschäftig eilte er voran in das Haus, während ihm Vinzenz mit einer nicht besonders hoffnungsmutigen Miene folgte.

   Nach kurzer Weile erschien der Klammerer wieder unter der Türe, in der Hand zwei deckellose Gläser, die er unter dem plätschernden Strahl des Brunnens sauber schwenkte. Dabei achtete er gar wenig auf diese Verrichtung, sondern guckte nachdenklich vor sich nieder. Plötzlich ging es wie ein Blitz über sein Gesicht. „Vinzenz!“, fuhr er mit jubelnder Stimme auf. „Ich hab’s! Ich hab’s!“ Ohne sich Zeit zu lassen, das Schwenkwasser völlig aus den Gläsern zu gießen, stürzte er der Türe zu, so dass die Vögel, als der Alte so einher geschossen kam, ängstlich durcheinander flatterten. Und es währte geraume Zeit, bis in all den Käfigen der vielstimmige Chor wie früher wieder im Gang war.

   Wohl eine Stunde mochte verstrichen sein, als der Klammerer und Vinzenz aus dem Haus traten.

   „Wenn nur auch alles so nausgeht, wie dir’s ausdenkt hast!“, meinte der Bursche seufzend.

   „No, jetzt müssen wir’s halt einmal probieren! Auf’m graden Weg bringst dein Vatern zu nix, das is einmal gwiss! Aber wie ich die Sach jetzt im Wind hab, mein’ ich dengerst, es sollt sich alles ineinander schicken. Musst dir halt jetzt ein bissl Gwalt anlegen und musst dich in allem nach dem halten, was ich dir gsagt hab. Grad mit eim Augenwinker wann dich verratst, nacher is alles umsonst. Denn das is ein Feiner, dein Vater! Mit der Sabi und ihrer Mutter will ich heut noch reden, damit alles schön aufeinander passt. Da taugt’s mir grad, dass ich ihr ’s Fensterglander einitragen muss, wo ich gestern mit rausgnommen hab. Und geh weiter, mach kein so Gsicht net! Frisch müssen wir’s anpacken, nacher wird sich schon alles machen! Jetzt aber bhüt dich Gott, und tummel ich, dass ins Holz aussikommst, damit deim Vater net gar z’lang ausbleibst!“

   Obwohl der Klammerer en Burschen schon gegen den Zaun hindrängte, ging der Abschied doch nicht allzu rasch vonstatten. Vinzenz äußerte über das Gelingen des geheimen Unternehmens immer neue Zweifel, und der Alte wurde nicht müde, sie zu beschwichtigen; doch schließlich verlor er die Geduld; unter scheltenden Worten puffte er den Zweifler auf den Feldweg hinaus, schlug das Gattertürchen zu und kehrte zu seiner Steinbank zurück. Den Hals streckend, lauschte er den verhallenden Schritten des Burschen und bückte sich dann unter vergnügtem Kichern zur Erde, um zu sehen, wie weit die Arbeit der Ameisen gediehen wäre.

   Vinzenz hörte dieses Kichern nicht mehr; er hatte bereits den Waldsaum betreten, und um die versäumte Zeit und den Umweg einzuholen, eilte er flink seinem Ziel zu.

   Gegen Mittag kam er nach Hause, und da konnte er vom Hof aus mit ansehen, wie der Klammerer drüben vor dem Lentnerhäuschen auf der Leiter stand und unter Sabis Beihilfe das reparierte Blumengeländer wieder am Giebelfenster befestigte. Auch der alte Bohner war Zeuge dieses Vorganges, winkte nach dem Alten hinüber und brummte: „Der muss auch seine Zeit im Straßengraben gfunden haben, dass er denen da drüben allweil den Hanswurstl machen kann!“

   „Ja, da hast du recht, könnt ihm auch was Gscheiters einfallen!“, pflichtete Vinzenz bei. „Aber er is halt ein guter Lapp, und das nutzen die zwei da drüben ghörig aus! Die zwei, die haben’s faustdick hinter die Ohren!“ Und im Anschluss an diese Meinung begann er, zumeist in Worten, die er zu Dutzend Malen vom Vater gehört hatte, über die Lentnerischen in einer Weise loszuziehen, wie es der Bohner selbst bislang kaum in seiner giftigsten Laune fertig gebracht hatte.

   Verwundert schaute der Alte auf seinen Buben; er wusste offenbar im ersten Augenblick nicht, wie er sich dieser neuen Erscheinung gegenüber verhalten sollte. Denn es war bisher nicht des Burschen Art gewesen, den Lentnerischen gegenüber in den Ton des Vaters einzustimmen. „Ich wär schon z’stolz dazu, als dass ich mein Ärger zeigen möcht!“ So ähnlich hatte sich Vinzenz zumeist geäußert, wenn sich der Vater im Zorn über die Schmälerung seiner angestammten Fuhrmannsrechte allzu weit hatte fortreißen lassen.

   Gar häufig war der Bohner über die „nobeltuige“ Lauheit seines Sohnes in böse Laune geraten. Und nun! Was mochte diese Wandlung bei Vinzenz veranlasst haben? Der Bohner zog die Stirn in nachdenkliche Falten. Schließlich schien ihm aber doch die Sache einer anstrengenden Kopfarbeit nicht wert, er zuckte die Achseln und ging mit den brummenden Worten davon: „Gelt, siehst es einmal ein … wird’s dir halt auch einmal z’dick mit der Zeit!“

   Ein verstecktes Lächeln zuckte um den Mund des Burschen. Er schien mit der Art, in der er seine Rolle eingeleitet hatte, zufrieden zu sein. Während des Nachmittags und am Abend fand er noch öfters Gelegenheit, diese neue Tonart anzuschlagen. Da geriet auch der Bohner nicht mehr in Verwunderung, er zeigte sich erfreut darüber, dass er nun in dem Sohn einen lungenkräftigen Partner für seine periodischen Wutausbrüche hatte. Und so schimpften die beiden drauflos – das Sprichwort sagt: Wie die Jochgeier. Doch schon am andern Tag zeigte sich beim Bohner eine Erscheinung, die dem Beginn einer Reaktion nicht unähnlich sah. Er selbst war des Keifens und Scheltens niemals müde geworden; da er es aber nun die ganze Zeit von einem anderen hören musste, belästigte es ihm die Ohren. Vinzenz tat es aber auch dem Vater gar zu treulich nach und füllte das Haus mit einem Spektakel, dass es sogar die geduldigen Wände hätten satt bekommen können, nicht nur die ungeduldigen Ohren des Bohners. Erst schnitt der Bauer nur ein unbehagliches Gesicht zu den endlosen Episteln des Sohnes, bis er schließlich losplatzte: „Jetzt hör einmal auf! Es ist ja alles wahr … aber der Schädel brummt eim von der ewigen Schimpferei!“ Das war aber für Vinzenz nur Veranlassung, die Farben noch dicker aufzutragen. Als er nun gar in seine lärmenden Reden etwas wie versteckte Drohung mischte, als er von dem „Respekt“ sprach, den er den beiden da drüben beibringen wollte, da war der Bohner nicht nur geärgert, er war beleidigt. „Natürlich, du wenn kommst“, spottete er, „du wirst gleich gar ein Schmalz aus der Milli machen.“

   „So? So?“, fuhr Vinzenz auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich will nix reden. Aber das sag ich: Die zwei, die sollen mich noch besser kennen lernen, die Alt wie die Junge!“ Dabei betonte er das „besser“ in einer Weise, als hätte er damit sagen wollen, dass er sich den beiden, oder wenigstens der „Jungen“, bereits von einer nicht besonders guten Seite gezeigt hätte.

   Der Bohner sollte am anderen Tag, der ein hoher Festtag war, auf eine ihn recht verblüffende Weise erfahren, was hinter dieser merkwürdigen Betonung steckte. Es war an diesem Tag für die Stunde nach der Vesper der Gemeinderat zusammen berufen worden; als dann die weisen Räte nach hitzigem Kampf auseinander gingen, achte der Sommerbichler, der mit dem Bohner den gleichen Heimweg hatte, allerlei Anspielungen, die der Bohner mit dem besten Willen nicht zu verstehen wusste, so dass er schließlich geärgert fragte: „Was is jetzt das für ein Gred? Grad raus sag mir’s! Was gfallt dir net? Was meinst, dass net recht wär? Was glaubst wird d’ Leut verdrießen … sogar meine besten Freund?“

   „Was? Da scheint mir ja gar, du weißt noch net einmal was davon!“, erwiderte der Sommerbichler. „Jetzt das wenn ich gewusst hätt, nacher hätt ich net davon angfangt. Aber no, da muss ich dir jetzt dengerst alles sagen … und ich mein’, es is zu deim eignen Nutzen, dass du’s erfahrst. Weißt, heut nach der Kirchen is dein Vinzenz mit die andern Burschen so beinander gstanden. Im Dischkurs is d’ Red aufs Lentnermadl kommen, und da hat dein Bub eine Schimpferei über deine Nachbarsleut angfangt, dass’s nimmer schön war. Ja, und grad groß tan hat er damit, wie er das arme Madl auszahlt hätt … am letzten Botentag, im Sigsdorfer Hölzl draußen, grad übers Gsicht aus hätt er’s ghaut mit der Geißel, weißt, weil ’s Madl im Ungschick an sein Wagen angfahren is. Und das kann ich dir sagen, ich bin zwar net gfragt worden um mein Meinung, aber … ich denk halt auch wie mancher andere, dass so was dengerst ein bissl gar z’scharf is.“

   Der Bohner wurde rot und blass, als er den Sommerbichler so reden hörte. Der schweig nun eine Weile, als warte er auf Antwort, und sprach dann weiter: „No ja, und das kannst dir denken, dass sich so was gleich umgredt hat im ganzen Ort. Bis um Mittag rum hat man schon in alle Häuser davon gredt. Die ewige Streiterei zwischen dir und der Alten, die hat man sich noch gfallen lassen, aber … aber z’letzt fragt sich halt ein jeder, was denn das arme Madl verschudlt hat? Ich mein’ allweil, Bohner, die Sach wird bös Blut geben unter die Leut … wirst es sehen, es wird dir manchen abspenstig machen, de rallweil noch auf deiner Seiten gewesen is.“

   Verlegenheit und ehrlicher Unmut kämpften in den Zügen des Bohner miteinander. Doch bei den letzten Worten des Sommerbichlers stieg ihm die Röte einer jähzornigen Wallung ins Gesicht, und heftig fuhr er auf: „So? Und du? Bist leicht du auch einer von dieselbigen, die sich gar so leicht abspenstig machen lassen?“

   Der Sommerbichler mochte für seine Mahnung ein Wort des Dankes oder sonst eine freundliche Rede erwartet haben; statt dessen erntete er etwas, was einer Grobheit nicht unähnlich sah, und da hob er langsam die Schultern und meinte: „No, am End kann’s jeder machen, wie er mag … und man is ja seim Fuhrmann net zuprotokolliert. Wer die Leut gfallen will, muss sich nach die Leut ihrem Gusto gwanden. Ja, und deswegen könnt’s dir net schaden, wenn dein Buben ein bissl kuranzen tätst. Und wenn dir’s auch net im Ernst drum z’tun is, nacher tust es halt Schanden halber, weißt, damit sich d’ Leut net am End gar denken, dass du der nämliche Lümmel bist, als wie dein Bub! Bhüt dich Gott!“

   Der Sommbichler rückte den Hut und stapfte davon, während der Bohne wie angewurzelt inmitten der Straße stand, mit zitternden Backen und zuckenden Fäusten. „No wart! No wart!“, so drohte er und hob die Fäuste; doch er schnitt dazu ein Gesicht, als wüsste er selbst nicht recht, wem diese Drohung vermeint wäre – dem Sommerbichler oder einem anderen.

   Mit langen Schritten eilte er nach Hause, schoss im Vorübergehen einen Zorn funkelnden Blick nach dem Lentnerhäuschen und rief, kaum er den Hof betreten hatte, mit grober Stimme nach seinem Sohn. Vinzenz aber war nirgends zu finden; auch wollte ihn seit dem Mittagessen niemand gesehen haben. Dieser Umstand schürte wieder den Zorn des Bohners; unter scheltenden Worten schickte er die Hauserin nach dem Wirtshaus, um den „Loder“ zu suchen. Eilig machte sich die Alte auf den Weg, um von der Kellnerin zu erfahren, dass sich Vinzenz den ganzen Tag über nicht im Wirtshaus hätte blicken lassen. Auf dem Rückweg sah sie durch ein Seitengässchen den Klammerer in geschäftiger Hast einher gezappelt kommen. Mit beiden Händen haschte sie seinen flatternden Rockschoß und fragte nach Vinzenz.

   „Lass mich aus! Ich weiß nix! Ich hab ihn net gsehen!“, knurrte der Klammerer. „Und jetzt kann ich net lang daher stehen! Lass mich aus, ich hab kein zeit net.“ Er riss sich los und eilte davon.

   Vor einem der nächsten Häuser blieb er stehen, betrachtete mit wägendem Blick die Tür, schüttelte den Kopf und rührte wieder die Beine. Ohne Zögern aber verschwand er in der Türe des Nachbarhauses. Ein Viertelstündchen mochte es währen, dann kam er wieder zum Vorschein, mit befriedigter Miene und vergnüglichem Schmunzeln. Und das trieb er so weiter, von Haus zu Haus, das ganze Dorf entlang, bis ihn der sinkende Abend heimwärts trieb.

   Als er zu Hause die niedere Stube betrat, fuhr ein Pärchen, das in zärtlicher Umarmung auf der Ofenbank saß, erschrocken auf. Der Klammerer musste wohl wissen, wer die heimlichen Gäste waren, denn bei der tiefen Dämmerung, die in der Stube herrschte, hätte er die Gesichter der beiden nicht so rasch unterscheiden können. „Geht’s, geht’s, vor mir brauchts euch doch net schrecken und scheuchen!“, kicherte der Alte. „Und gute Botschaft bring ich, ja! Es macht sich schier alles besser, als ich selber denkt hab! Morgen werdts weiters net schauen miteinand! No, und dien Vater erst, Vinzenz, dein Vater erst, der wird Augen machen!“

   „Geh weiter, so verzähl doch!“, mahnte Vinzenz in Erregung, während ihm Sabi ein bisschen zaghaft sekundierte; „Ja, verzähl, ich bitt dich gar schön!“

   „Mein, was is denn da lang zum verzählen! Gut geht’s, gut … das könnts morgen schon sehen! Ich hab mir aber meine Leute darnach ausgsucht, und an kein hab ich mich gwendt, wo ich bloß ein bissl denkt hab, er könnt sich net brauchen lassen. Ja, und grad bei drei oder viere hab ich alles offen sagen müssen. Von die andern aber, da hat mir’s der eine versprochen aus Freundschaft für mich, der ander aus Wut über dich, Vinzenz, und aus Mitleid mit der Sabi, weißt, wegen deim heutigen Reden … und ein paar andere wieder, die haben’s versprochen aus Freud, weil s’ dein Vatern damit ärgern können … und jeder hat mir d’ Hand und ’s Wort drauf geben!“

   „So was hätt aber auch kein anderer zammbracht als wie du!“, beteuerte Vinzenz.

   „Ja, ja, das glaub ich!“, lachte der Alte. „Aber jetzt mach, dass heimkommst! Dein Vater hat dich sowieso schon suchen lassen im ganzen Ort. Und du, Sabi, du wartst, bis dich d’ Mutter holt … sie kann nimmer lang ausbleiben!“

   So sehr es nach diesen Worten dem Klammerer darum zu tun war, den Burschen aus dem Haus zu bringen, so überstand er doch in bewundernswerter Geduld den nicht enden wollenden Abschied der beiden Verliebten.

   Vinzenz ging, und die Erinnerung an den zärtlich verplauderten Nachmittag kürzte ihm den Heimweg. Als er den Bohnerhof erreichte, lugte er vorsichtig durch eines der erleuchteten Fenster in der Stube. Beim Anblick des Vaters, der mit grimmigem Gesicht hinter dem Tisch saß, lächelte er vergnügt vor sich hin: „Aha! Mir scheint, es hat ihn schon!“ Im Flur gab er sich alle Mühe, eine recht verdrießliche Miene zu schneiden, und so betrat er die Stube, grüßte kaum und warf den Hut in einen Winkel.

   „So? Kommst einmal heim!“, hub der Bohner mit Zorn bebender Stimme zu schreien an, nachdem er den Burschen vom Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte. „Is das auch eine Art und Weis, dass man sich den ganzen Tag umtreibt wie ein Vagabund? Oder hast am End heut auch wieder ein Gschäft mit der Geißel ghabt?“

   „Was? Geißel? Was is jetzt das?“, fuhr Vinzenz beleidigt auf; dann schwieg er einen Augenblick und lachte, als käme es ihm plötzlich in den Sinn, was der Vater meinte. „Ah so! Hast es schon erfahren? Mein, ich selber hätt’s ir auch noch gsagt, denn mögen auch die andern reden, was s’ wollen, du wenigstens wirst mir doch recht geben?“

   „Ich! Und recht geben? Bei so was!“, schrie der Bohner. „Na, mein Lieber! Da trag ich ehnder den Donnerkeil an der Uhrketten, der mir ’s Haus derschlagt! Ich führ mein Streit mit’m Recht in der Hand … aber net mit der Geißel! Und ich hab alle richtigen Leut auf meiner Seiten! Was aber d’ Leut zu deiner Gwalttat sagen, das kannst hören, wo d’ umfragst. Und ich hab bloß mit der Alten da drüben z’schaffen! Verstanden! Was geht denn aber uns das Madl an, das an gar nix schuld is und bloß tut, was d’ Mutter ihm schafft?“

   „So? Und da soll ich mir leicht gfallen lassen, dass mir so eine mit ihrem Pamperlfuhrwerk mitten einifahrt in mein Wagen!“

   „Haut man denn aber da gleich mit der Geißel zu, du Lalle, du grober! Und wärst halt du zur rechten Zeit ausgwichen! So ein Madl, so ein schwachs, hat freilich ihre Gäul net in der Hand. Aber du sollst ’s Fahren dengerst verstehn!“

   „Was! Ich muss mir sagen lassen, dass ich net fahren könnt?“

   „Ja, und nochmal sag ich dir’s ins Gsicht! Und wenn net fahren kannst, nacher bleib daheim und schick den Knecht! Oder lass dich ehnder auslachen von die Leut, statt dass gleich mit der Geißel zuhaust und ’s ganze Ort gegen uns in Krawall bringst!“

   So schalt der Bohner weiter in endloser Litanei, wobei jeder Einwurf des Burschen die Suada des Alten nur noch mehr entfesselte. Und während der Bohner beinahe Wort für Wort die Standrede wiederholte, die ihm der Sommerbichler gehalten, kämpfte Vinzenz mit Redensarten, die er zu Dutzend Malen aus des Vaters eigenem Mund vernommen hatte.

   Schließlich schien der Bohner die Sache, um die der Streit sich drehte, völlig aus den Augen zu verlieren, und sein wachsender Zorn kehrte sich gegen die ungebärdige Widersetzlichkeit des Sohnes. „Stad bist jetzt einmal! Auf der Stell bist stad! Das wär mir noch ’s rechte, dass ich mich in meim eigenen Haus überschreien lassen müsst! Und drum sag ich dir…“

   „Alles in Ehren, was d’ sagst“, überschrie Vinzenz den Vater, „aber da lass ich mir nix einreden. Und jetzt freut’s mich erst recht, dass ich zughaut hab! Und wenn mir von dene zwei da drüben wieder einmal eine in Weg kommt, nacher bleibt’s auch nimmer bei der Geißel! Nacher kehr ich den Stiel um und hau mit’m Stecken zu!“

   „Jetzt is gut! Allweil schöner!“, zeterte der Bohner. „Ja schamst dich denn gar net? Aber ich weiß schon, ich kenn mich aus mit dir! Aus deiner Wut redt ja gar nix anders als wie d’ Angst, dass dich ’s Madl anzeigt, und dass man dich einsperrt ein paar Wochen!“

   „Anzeigen? So? Grad probieren soll sie’s!“

   „Gforchten musst dich aber dengerst haben, dass sie’s tut! Weswegen wärst denn sonst gar so verdattert heimkommen am letzten Samstag? Weswegen hättst denn sonst die Geißel in Fetzen griffen und auf d’ Seiten graumt … wenn net in der Angst? Gelt, jetzt stehst da und schaust!“

   Vinzenz fühlte sich durch diesen Einwurf des Vaters in der Tat um alle Fassungen gebracht und völlig aus der Rolle geworfen. Und da er sich mit Worten nicht mehr zu helfen wusste, brach er in ein höhnische Gelächter aus.

   „Ja! Lach nur! Lach dir meintwegen ein Kropf an den Hals! Deswegen is’s doch net anders! Und wenn net ich mit meim ehrlichen Namen d’ Schand davon tragen müsst, möcht ich dir schiergar wünschen, dass man dich einspinnt auf ghörige Zeit! Denn so was hast dir verdient, du Lümmel, du ungschlachter!“

   Dem Bohner ging vor Zorn der Atem aus. Vinzenz schüttelte sich noch immer vor Lachen. Da ihm aber die Sache nicht mehr ganz geheuer dünken mochte, griff er nach der Türklinke. „Jetzt gfallt er mir, der Vater! Jetzt gfallt er mir!“

   „Was! Was!“, schrie der Bohner und hob die Fäuste; aber da sah er sich allein in der Stube und hörte den Sohn mit polternden Schritten draußen über die Treppe steigen. Erschöpft und schwer atmend sank der Bauer auf einen Stuhl, und während er die Fäuste in die Hüften presste, stöhnte er: „No wart, dich will ich ducken, wart!“

   Zorn und Ärger über den Sohn, das war der Nachtsegen, mit dem der Bohner sich zur Ruhe legte. Und es schien am anderen Morgen, als hätte der Schlaf keine besänftigende Wirkung geübt. Wenigstens dankte der Bohner, als Vinzenz zu früher Stunde die Stube betrat, mit keinem Wort für den gebotenen Morgengruß; da zuckte der Bursch die Schultern, löffelte schweigend seinen Suppenteller leer und ging der Arbeit nach. Während des ganzen Vormittags stelzten die beiden aneinander vorüber – „wie zwei Kater, die sich müd grauft haben“, meinte die Hauserin mit einem nicht übel geratenen Vergleich.

   Gegen zwei Uhr war es, als der Bohner das erste Wort an Vinzenz richtete. Der war eben, wie an jedem Donnerstag, damit beschäftigt, den Botenwagen instand zu setzen, der die Waren aufnehmen sollte, welche die Kunden des Bohners an diesem Nachmittag und Abend dem „Großfuhrmann“ zur Verfrachtung nach Traunstein zu überbringen pflegten. Verdrossen schaute der Bohner, der in Hemdärmeln und mit gespreizten Beinen inmitten des Hofes stand, den Hantierungen seines Sohnes zu. Da hörte er Schritte auf der Straße, hob die Augen und wie von einem Schlag auf die Stirn getroffen zuckte er zusammen, als er den Sommerbichler in den Hofraum des Lentnerhauses treten sah. Einen Augenblick stand er wie erstarrt, dann schoss er auf Vinzenz los, packte ihn mit eisernem Griff an der Schulter und zischelte: „Da schau! Da hast es jetzt!“

   Verwundert guckte Vinzenz auf und sah gerade noch den Sommerbichler drüben in der Türe verschwinden. Unwillig wand er sich aus der Faust des Vaters und brummte: „Meintwegen! Auf dem seine paar Groschen wird’s im Bohnerhof net ankommen!“

   „So? Der? Und ein paar Groschen! Einer, an dem ich schon meine vierzig Mark verdient hab im Monat!“, keuchte der Alte. „Aber wenn ich schon vom Geld net red … bist denn du mein Sohn, dass d’ so eine Schand net spürst! Der Sommerbichler steht mir mit der Kundschaft aus! Der Sommerbichler! Weißt es jetzt? Mich hast troffen mit deiner Geißel … verstehst es … mich, dein Vatern!“

   Schwer atmend wandte er sich von Vinzenz ab und schritt mit dunkelrotem Gesicht der Haustür zu. Erst sah ihm Vinzenz verlegen nach, dann aber beugte er sich über das aufgewundene Wagenrad und kicherte: „So is recht! Gut geht’s an!“

   Und wie es angegangen war, so ging es den ganzen Nachmittag weiter. Einen um den anderen von den besten Kunden des Bohners konnte man in der Tür des Lentnerhauses verschwinden sehen, während im Bohnerhof nur vereinzelte Auftraggeber aus dem Dorf und aus entfernter liegenden Gehöften vorsprachen. Der Bohner verließ kaum mehr die Stube, in der er mit langen Schritten auf und nieder wanderte; dabei war sein Aussehen von einer Art, dass ihn die Hauserin mit einem „gheizten Ofen, der Füß kriegt hat“, vergleichen konnte. Vinzenz machte sich so wenig als möglich in der Stube zu schaffen; wenn er aber doch einmal ins Haus musste, setzte es böse Szenen zwischen ihm und dem Vater.

   Als sich dann Vinzenz am andern Morgen zur Abfahrt rüstete, wäre es nicht nötig gewesen, die beiden schweren Pferde vor den Botenwagen zu spannen, der mit so geringer Fracht beladen war, dass ihn ein mageres Rösslein ohne Mühe von der Stelle gezogen hätte. Wenn sich auch der Bohner mit keinem Wort über diesen Umstand äußerte, so war es doch seinem entstellten Gesicht abzulesen, was er dachte und empfand. Er stand unter der Türe, musterte mit funkelnden Augen den Wagen und nickte vor sich hin, als erginge er sich in stummen Vergleichen zwischen seinem Gefährt und dem Botenwagen der jungen Fuhrmännin, den er vor einer halben Stunde hatte vorbeifahren sehen, so schwer beladen, dass ihn der „Scheck“ und der „Bräundl“ nur in keuchendem Zug vorwärts brachten.

   Mit keiner Silbe dankte der Bohner für das „Bhüt dich Gott, Vater!“, bei welchem Vinzenz die Zügel ergriff. Als aber der Bursch die neue Peitsche aus dem Kummet des Sattelpferdes zog, fuhr der Bohner mit rotem Gesicht auf Vinzenz los und riss ihm die Gerte aus der Hand. „Heut fahrst mir ohne Geißel! Verstehst!“

   Vinzenz erblasste – denn ein Fuhrmann ohne Peitsche, das ist wie ein Soldat ohne Säbel, wie ein Jäger ohne Büchse. „Vater! Das geht z’weit! Ohne Geißel fahr ich net!“

   „Nacher bleibst daheim, und der Knecht kann fahren!“ Der Bohner drehte dem Sohn den Rücken und verschwand im Haus.

   Zornig schleuderte Vinzenz die Zügel über die Pferde, nahm sie aber flink wieder auf, rückte seufzend den Hut und fuhr zum Hof hinaus. Er mochte wohl seine guten Gründe haben, lieber ohne Peitsche zu fahren, als das Haus zu hüten, während er Sabi auf dem Weg nach Traunstein wusste.

   Welch einen zärtlichen Lohn er für diese Überwindung draußen im Wald fand, in dem er von Sabi erwartet und mit leuchtenden Augen empfangen wurde, das ließ sich der Bohner wohl nicht träumen, der daheim in Zorn die Stube durchwanderte und aus seinen brütenden Gedanken einmal mit den lauten Worten auffuhr: „Wenn er nur heut net wieder was anfangt … mit dem Madl! Er braucht ja net grad eine Geißel, wenn er ihr was antun will.“

   Diese Sorge schien den Bohner nicht mehr zu verlassen. Sie lag auch in dem lauernden Blick, mit dem er am folgenden Abend dem Wagen entgegensah, als Vinzenz nach der Rückkehr von Traunstein in den Hof einfuhr. Einen kurzen Gruß nur wechselten die beiden. Dann gingen sie in die Stube, um miteinander zu rechnen. Wortlos hörte der Alte den Bericht des Sohnes an, der diesmal seine Geschäfte mit musterhafter Pünktlichkeit erledigt hatte. Vinzenz schien dafür ein freundliches Wort zu erwarten; und als es ausblieb, fragte er gekränkt: „No, und der Vater sagt mir nix, dass alles so schön in der Ordnung is?“

   „Hast ja net viel zum Merken ghabt!“, fuhr der Bohner grimmig auf, klappte das Kontobuch zu, strich das Geld vom Tisch und verließ die Stube.

   Die nächsten Tage vergingen, und die Laune des Bohners gegen Vinzenz wurde immer drohender. Außer dem Haus tat er sich wohl Gewalt an, um die Leute nicht merken zu lassen, was in ihm kochte. Während er auf der einen Seite zu stolz war, um an die ihm untreu gewordenen Kunden ein klärendes Wort zu wenden, war er auf der anderen Seite wieder allzu vorsichtig, als dass er sich durch eine Grobheit noch weiterhin hätte schaden wollen. Je mehr er sich aber nach außen hin hätte schaden wollen. Je mehr er sich aber nach außen hin bezwang, desto freier ließ er seinem Zorn daheim die Zügel schießen. Der geringste Umstand steigerte seine Gereiztheit, jeder Widerspruch brachte ihn außer Rand und Band. Die Dienstboten gingen ihm aus dem Weg; Vinzenz aber tat sein möglichstes, um diese reizbare Stimmung des Vaters noch zu verschärfen. Für die bitteren Stunden, die er dabei kosten musste, entschädigte er sich reichlich in dem zärtlichen Geplauder, zu dem er sich fast täglich im Waldhäuschen des Klammerers heimlich mit Sabi zusammenfand. Unter vergnügtem Kichern hörte dann der Alte die Berichte des Burschen an, den er immer wieder zur Vorsicht und Ausdauer mahnen musste.

   „Wenn ich den Vater oft so anschau, wie ihm die Sach ans Herz greift, da wird’s mir manchmal völlig bang, und ich muss mich fragen, ob’s net besser gwesen wär, wenn ich ihm von Anfang an in aller Güt gleich alles einbstandenhätt!“ In solchen Worten äußerte sich Vinzenz häufig, wenn er dem Klammerer die Kämpfe schilderte, die er mit dem Vater geführt. Und Sabi war immer bereit, dieser Meinung beizupflichten; ihrem ehrlichen Sinn war von vornherein der gerade Weg als der beste erschienen, und nur mit Widerstreben hatte sie ihren Part in dieser Verschwörung übernommen. Immer aber wusste der Klammerer den beiden ihre bangen Zweifel auszureden, so dass Vinzenz, wenn er von solch einem Stelldichein nach Hause kam, seine Rolle dem Vater gegenüber mit frischem Mut weiterspielte.

   Allmählich aber nahmen diese anfangs so laut geführten Kämpfe zwischen Vater und Sohn einen neuen Charakter an. Denn je mehr der nächste Botentag heranrückte, desto wortkarger wurde der Bohner. Mehr als der Zorn über Vinzenz schien ihn jetzt die brennende Spannung vor diesem entscheidenden Tage zu beschäftigen, die Furcht, noch weitere Kunden zu verlieren, und die Hoffnung, dass die Ungetreuen wieder zu ihm zurückkehren möchten.

   In der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag schien ihm diese Spannung völlig den Schlaf von den Augen zu scheuchen, denn Vinzenz, der auch in Sorge über den Ausfall der nahen Entscheidung wach in seiner Kammer lag, hörte ihn die ganze Nach tim Haus umeinander geistern. Als der Bursche am frühen Morgen die Stube betrat, sah er den Vater mit übernächtigem Gesicht am offenen Fenster sitzen.

   „Guten Morgen, Vater!“

   Der Bohner schnellte in die Höhe, und ein Zittern ging über seine Züge. „Bub … das sag ich dir … wenn’s heut net anders wird, wie ’s letzte Mal, nacher … nacher …“ Da schlug ihm die Stimme um.

   Erschrocken starrte Vinzenz den Vater an; er war in seiner Rolle gegen Zorn und Hader gewappnet, aber nicht gegen so offen sich zeigende Kümmernis. Dieses verstörte Gesicht und diese Stimme griffen ihm ins Gewissen, und er stammelte: „Vater … schau, musst dir’s net gar so nachgehn lassen … und schau, da will ich dir lieber gleichen sagen …“

   Der Bohner aber war allzu sehr mit seinen eigenen Empfindungen beschäftigt, als dass er für das veränderte Wesen des Sohnes ein Auge hätte haben können. „Geh, sag ich dir!“, fuhr er heftig auf. „Dass du ein Trost für mich haben kannst, du, der an allem schuld is, das wirst dir doch net einbilden! Geh, sag ich dir … geh mir aus die Augen!“

   Diese Worte schlossen dem Burschen, dem schon ein offenes Geständnis von der Zunge wollte, aufs Neue den Mund. Er sah den Vater an, zuckte die Schultern und verließ die Stube.

   Während der nächsten Stunden schoss der Bohner in Haus und Hof umher, dass ihm alles aus dem Weg ging. Als aber schon am Vormittag der erste Kunde sich einstellte, wurde sein Gebaren beinahe lächerlich; er schlug aus schnaubender Wut in eine Freundlichkeit um, die sich bei ihm wie ein blaues Wunder ansah. Fast eine Stunde heilt er den Kunden in der Stube fest und traktierte ihn mit Trank und Speise, dass die Kosten dessen, was der Gast verzehrte, zehnfach den Botenlohn überstiegen, den der Bauer an ihm verdiente. Es war das aber auch in früheren Zeiten ein gar seltener Fall gewesen, dass schon der Vormittag einen Kunden gebracht hatte. Doch die gute Vorbedeutung, die der Bohner darin sehen mochte, wollte sich nicht erfüllen. Denn während im Laufe des Nachmittags drüben am Lentnerhäuschen die Leute einander die Tür in die Hände gaben, zeigten sich im Bohnerhof die Kunden noch spärlicher als in vergangener Woche.

   Immer stand der Bohner am Fenster und starrte mit glasigen Augen nach der Straße; sah er einen seiner ehemaligen Kunden da drüben verschwinden, so fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare und begann ein Umherrennen in der Stube, als hätte er nicht übel Lust, mit dem Kopf in alle Ecken zu fahren, um wenige Minuten später, wenn wirklich ein Kunde den Bohnerhof betrat, wieder jene übertriebene Freundlichkeit zu entwickeln. Dieser gewaltsame Wechsel zwischen Wut und guter Miene ging aber bald über seine Kräfte. Und als ihm ein Kunde, es war schon Abend, ein paar Worte sagte, die seiner überreizten Stimmung allzu sehr in die Quere kamen, brach der verhaltene Ingrimm jählings aus ihm heraus, als müsste er diesen einen für die Treulosigkeit all der anderen zur Rechenschaft zeihen. Die Folge davon war, dass der Kunde die Ware wieder auf die Schultern nahm, sich mit groben Worten empfahl und hinüberging zur Lentnerin. Dieser Vorfall brachte den Bohner vollends aus dem Häuschen; er fing in der Stube ein Schelten an, dass man jedes seiner Worte durch die geschlossenen Fenster hinaushören konnte in den Hof, wo Vinzenz an seinem Botenwagen hantierte.

   Ein ums andere Mal richtete sich der Bursche auf und lauschte seufzend gegen das Haus. Jetzt hörte er das Gatterpförtchen gehen – und ganz bleich wurde er, als er den Klammerer gewahrte, der gemächlich den Hof betrat, unter seinem einen Arm die bekannte Holzschachtel, die qualmende Pfeife zwischen den Zähnen. Vinzenz warf einen scheuen Blick nach den Fenstern, drückte sich hinter den Wagen und winkte dem Alten in einer Weise zu, als hätte er sagen wollen: „No, du pass auf! Du kommst grad zur rechten Zeit!“

   Der Klammerer schüttelte sorglos den weißen Kopf, zwinkerte mit den Augen und näherte sich schmunzelnd der Türe. Im Flur aber schien ihn och ein gelindes Bangen zu überkommen; aufatmend heilt er still, setzte die Schachtel zu Boden und kraute sich mit der Pfeifenspitze den Nacken. Eine Weile lauschte er dem Klappen der schweren Tritte, die sich aus der Stube vernehmen ließen. Endlich nickte er entschlossen vor sich hin, schob die Pfeife in die Brusttasche, nahm die Schachtel wieder auf und betrat die Stube mit den freundlichen Worten: „Grüß dich Gott, Bohner! Lang hab ich dich nimmer gsehen! Wie geht’s dir denn?“

   Jäh unterbrach der Bohner seine Wanderung, stemmte die Fäuste in die Hüften und schrie den Alten mit Zorn bebender Stimme an: „Was schaffst denn du bei mir?“

   „Wie fragst denn jetzt gar so gspaßig?“, staunte der Klammerer. „Is morgen net Botentag? Und drum bring ich dir halt mein War.“

   „Ja was is denn jetzt as? Na, so eine Ehr!“, lachte der Bohner in Hohn und Ingrimm. „Aber ich mein’ schier, du hättst dich vergangen! Und drum mein’ ich, du gehst auch heut wieder hin … mit deiner War … wo’s dir die ganze Zeit her so gar gut taugt hat! Verstanden?“

   „So gar gut taugt hat? Geh weiter!“, erwiderte der Klammerer gekränkt, während er am Bohner vorüberhumpelte und seine Holzschachtel auf die Tischplatte schob. „Das is dir doch gwiss nix Neues, dass mein bissl Kundschaft, wo ich die Zeit her da nübertragen hab über d’ Straß, nix anders war, wie ’s reine Erbarmen? Aber weißt, seit die letzten zwei Wochen schaut sich die Sach so an, als ob da drüben meine Mitleid nimmer ganz am Platz wär.“

   „So? So? Schaut sich die Sach so an?“

   „Ja, die Weiberleut, die zwei, die kennen sich schier nimmer aus vor lauter Arbeit und Gschäft. Und weil ich da drüben jetzt leicht zum graten bin, wie kann’s dich denn wundern, dass ich zu dir komm, wo ich zu dir doch allweil der bessere Freund gwesen bin?“

   „Ich dank dir dein Freundschaft net, verstehst mich!“, schrie der Bohner. „Dass du heut zu mir kommst, das schaut sich ja an wie der helle Spott! Oder meinst am End gar, ich steh an auf dich! Ah na! Ich steh auf gar kein an, durchaus auf gar kein! Und drum mach, dass weiter kommst! Und geh mit die andern. Meintwegen zum Teufel … mitsamt deiner Bettelwar!“ Dabei fuhr er in schäumender Wut mit beiden Fäusten über die Holzschachtel des Klammerers her.

   „Ja Himmelsakra … hörst net auf … du Wildling!“, kreischte der Alte in Verblüffung und Sorge. Doch bevor er mit seinen ungeraden Fingern seinem bedrohten Eigentum zu Hilfe kommen konnte, hatte der Bohner die Schachtel in weitem Bogen durch die Stube geschleudert. Dröhnend stürzte sie zu Boden, schlug mit lautem Krach gegen eine Kante des eisernen Ofens, zerbarst, und während sie in zwei Teile auseinander rollte, ergoss sich die Fülle der Ameiseneier gleich einer kleinen weißen Lawine über die grauen Dielen.

   Der Klammerer, mit Kummer in den Augen, starrte nieder auf das Bild der Zerstörung. Dann sprach er seufzend vor sich hin: Acht Tag lang hab ich mich plagt damit … vierzehn Tage soll ich leben davon, und …“ Er verstummte und sah den Bohner an. „Da glaub ich’s gern … da braucht net erst dein Wagen leer auf Traunstein fahrt. Schön dankst eim d’ Freundschaft! No ja … so schrei halt deiner Hauserin und lass mein Brot aussikehren mit’m Besen! Bhüt dich Gott!“ Noch einen trübseligen Blick warf der Klammerer auf sein zerstreutes Gut, scheuerte sich die linke Hüfte und wandte sich zum Gehen. Doch bevor er die Tür noch erreichte, stand der Bohner vor ihm, mit blassem Gesicht, den Arm des Alten umkrampfend unter stammelnden Worten: „Klammerer … lass dir sagen … musst mir net harb sein … es is ja bloß geschehen in der blinden Wut … und schau, ich kenn mich ja selber nimmer! Und sorg dich net … ich zahl dir dein War … doppelt und dreifach zahl ich dir’s … bloß net fortgehn tu mir! Und komm, geh, schau, das lasst sich ja alles wieder richten!“

   Er hatte den Alten von der Tür fortgezogen und ließ sich nun mit dattriger Geschäftigkeit auf die Knie nieder. Über das Gesicht des Klammerers huschte etwas wie ein schlaues, triumphierendes Lächeln. „No meintwegen, weil du’s bist! Aber ein anderer dürfte mir fein net so kommen!“, versicherte er mit Würde, fuhr noch mit seinen ungeraden Fingern zu bekanntem Zwecke unter den Hemdkragen und gesellte sich an die Seite des Bohners, der mit gehöhlten Händen die verschütteten Ameiseneier in die Schachtelhälften schöpfte. Ein Zucken und Zwinkern ging über die Züge des Klammerers; es musste ihn Mühe kosten, ernst zu bleiben, wenn er die Emsigkeit betrachtete, mit welcher der Bohner, nachdem die größere Masse der weißen Puppen schon gesammelt war, auch noch die einzeln ausgestreuten Eierchen zusammenklaubte, einige sogar mit der Messerspitze aus den Dielenklumsen stocherte. Und während er so auf den Knien umherrutschte, sprach er immerzu auf den Klammerer mit erregten Worten ein. Jetzt, da sein Zorn gebrochen war, trat ihm das Herz auf die Zunge, und endlos jammerte er dem Klammerer sein „Elend“ vor, wobei er sich immer wieder mit dem lamentierenden Ausruf unterbrach: „Und so was muss mir passieren! Auf meine alten Tag! Wo ich mein Fuhrmannsgschäft ein Leben lang in Glanz und Ehren gführt hab!“

   Eifrig hörte der Klammerer zu, gab dem Bohner in allen Dingen recht und ließ es sich besonders angelegen sein, den Ehrenpunkt bei der Sache immer wieder zu betonen. „Ja, das glaub ich gern, dass dir ums Geld net z’tun is, sondern bloß um dein Recht und um dein Ansehen im Ort! Das gib ich dir zu, dass dich das wurmen kann, dass’s jetzt da auf einmal aus sein soll damit! Na, was is das vor ein paar Wochen noch ein Staat gwesen, wenn man dein Wagen angschaut hat! Aber ’s letzte Mal … o mein! Und morgen erst!“ Seufzend rieb und kniff er an seiner linken Schulte rund schielte lauernd nach dem in Erregung zuckenden Gesicht des Bohners, der mitzitternden Händen in der einen Schachtelhälfte die Ameiseneier eben strich. „Und natürlich, wenn auch jeder die ganze Zeit den Hut abigriffen hat vor dir, deine heimlichen Feind hast deshalb alleweil ghabt … und weil halt du was bist und was hast. Und da hat halt jetzt so mancher sein stilles Vergnügen dran, wenn er dir ein Drucker geben kann! Ja, ich sag dir’s, Sepp … ordentlich därfst dich zammnehmen, damit s’ dir net über’n Kopf wachsen, dieselben Heimlichen. Denn wie die Sach jetzt liegt – – und ja, ich hab erst gestern was reden ghört … aber no, ich bin lieber stad, denn ich will dein Kummer net vergrößern!“ Dabei zog der Klammerer die beiden Schachtelhälften an sich heran und trug sie zum Tisch.

   „Was … was is jetzt das?“, fuhr der Bohner erschrocken auf, sprang dem Alten nach und fasste ihn am Arm. „Red, sag ich dir … red, wenn d’ mein Freund sein willst! Was is? Was hast ghört?“

   „Geh, ich bitt dich, schau, lass mich aus!“, wehrte sich der Alte ängstlich. „Wenn ich nur nix gsagt hätt! Es reut mich schon! Freilich, d’ Freundschaft für dich hat’s mir halt so aussitrieben! Aber da kannst machen, was d’ magst … ich will kein Unfrieden stiften … ich sag dir kein Namen net!“

   „Schau, Klammerer, ich versprich dir’s, ich verlang kein Namen net!“, stotterte der Bohner in wachsender Angst. „Aber von der Sach kannst reden! An wen soll man sich denn halten, wenn net einmal unter zwei Freund die richtig Offenheit is! Aber na, wie ich nur vergessen kann … so lang bist da, und …“ Seine Rede verlor sich in murmelnden Worten; er eilte zu dem großen Schrank, riss in Hast das Türchen auf und schleppte einen Brotlaib, einen Teller mit Selchfleisch, sowie die Enzianflasche mit zwei Gläsern vor den Klammerer. „Da, jetzt iss und trink, so lang’s dir schmeckt! Greif zu, es is dir vergönnt … von Herzen!“ Er goss die beiden Gläser voll und hatte das seine geleert, noch ehe der Klammerer nach dem anderen die ungeraden Finger streckte. Wieder schenkte der Bohner ein, trank und stotterte: „Greif zu, schenier dich net! Schau, und reden kannst mit mir, wie d’ magst … sag mir nur gleich alles ins Gsicht! Was kann jetzt da sein? Was hast ghört?“

   Bedächtig leerte der Klammerer sein Gläschen; dann kraute er sich den Hinterkopf. „Was soll ich denn machen jetzt! Reden tu ich net gern … und abschlagen kann ich dir auch nix, weil’s mir arg wär, wenn hinter deim Rucken so was abgmacht werden tät, und du könntst dich net einmal wehren dagegen, weil d’ nxi weißt davon! Aber auf der andern Seiten wieder…“ Unschlüssig verstummte der Alte, um dann, wie aus Zorn über die Sackgasse, in die er geraten war, den Bohner anzuschnauzen: „Dass dir’s aber auch selber net einfallt, was da am Weg sein könnt! Bist doch sonst allweil der gscheiteste von alle gwesen!“

   „Mein Gott, weißt, die Sach hat mich halt ganz dürmlig gmacht!“

   „No ja, es is ja alles recht, aber dein Verstand sollst halt doch in der Höh halten!“, grollte der Alte. „Wenn in der Ruh überschlagst, was dir am Verdienst ausgrutscht is in die letzten zwei Wochen, nacher musst dir auch sagen, dass bei dene zwei da drüben ’s richtige Zeug zum Fuhrwerken haben s’ auch net beinander, ich aber hab Ross und Wagen, und hab ein gwachsenen Buben, der dem Lentnermadl taugen könnt…“

   Weiter kam der Klammerer nicht, denn er verstummte erschrocken vor dem dröhnenden Faustschlag, den der Bohner der Tischplatte applizierte. Und eh sich’s der Alte versah, stand der Bohner vor ihm, mit rollenden Augen. „Sag’s … sag’s nur grad aussi!“, schrie er. „Gelt, der Sommerbichler is’s, der Tropf, der scheinheilig! Der hat ja so ein Lackl daheim, dem ’s Heiraten not wär, weil er sonst eine Kindsmagd brauchet!“

   „Jesus Maria! Lass mich aus! Ich hab kein Namen net gnennt!“, so wehrte sich der Alte erschrocken. „Ich sag net ja und sag net na! Gar nix sag ich … gar nix!“

   „So? So? Aber was ich mir denk, das kannst mir net wehren!“, kreischte der Bohner. „Jetzt is gut! So, das geht mir grad noch ab! Nacher is d’ Suppen fertig, und ich hab ’s Zuschauen! Ja kommt denn alles über mich, alles, alles!“ Mit beiden Händen fuhr er sich in die Haare und rannte durch die Stube. „So was därf net geschehen! Das kann net sein! Das gib ich net zu!“

   Da musste der Klammerer lachen. „Meinst leicht, so einer fragt dich lang? So einer greift zu, eh dass dich umschaust! Denn wann die zwei da drüben deine ganze Kundschaft haben, da is ja ’s Lentnermadl grad, wie wenn’s die Tochter aus’m Bohnerhof wär!“

   „Oho! Oho! Da fehlt’s fein noch weit … noch arg weit!“

   „No mein, und was nacher fehlt, so viel wiegt das Madl mit ihm selber auf! Gib acht, dem selbigen sein Bub, der greift mit alle zehn Finger zu! So ein kreuzbravs Madl und so eine fleißige Schafferin, das gibt’s ja gleich gar nimmer! Und so ein Ausschauen, wie das Madl hat, is auch ein Heiratsgut! Das Madl is ja runtergriffen, wie ihr Mutter war in ihre jungen Jahr … und die is gwiss eine bildsaubere Dingin gwesen!“

   „Sonst hätt’s mir net gfallen!“, fuhr es dem Bohner heraus. Doch mochte er wohl selbst über diese Worte erschrocken sein, denn während der Klammerer lachte, dass ihm der weiße Schnurrbart zitterte, schnitt der Bohner ein verdrossenes Gesicht, begann aufs neue in seinen Haaren zu wühlen und stotterte: „Na, na … und mag’s jetzt sein, wie’s will, das lass ich net zu! Aber was kann ich denn machen? Klammerer … du bist mein Freund … gib mir ein rat, um Gottswillen, gib mir ein Rat!“

   „Da is ein schwers Raten, da! Das heißt … wissen tät ich schon ein Rat … aber dir trau ich net, weißt … du bist gar ein Gspaßiger!“

   Der Klammerer hatte noch nicht ausgesprochen, da stand der Bohner schon vor ihm, mit funkelnden Augen. „Red, sag ich dir … grad ein bissl wann d’ mir gut bist, nacher redst! Was da gsagt hast … is das dein Ernst gwesen oder Gspaß!“

   „Ernst und Gspaß … wie du’s nimmst!“

   „So? Und was wär denn das nacher für ein Rat? Wenn gar so gscheit bist, nacher sag’s halt, wie ich’s anders machen kann?“

   „Zum Andersmachen wird’s da nimmer gar viel geben … da hat dein Teufelsbub schon ein bissl gar z’fst dreingschlagen!“ Der Klammerer lachte – und um den Sinn seiner Worte verständlicher zu machen, winkte er gegen as Lentnerhaus hinüber: „Aber weißt, was ich mein’?“ Da stockte er und fuhr mit seinen ungeraden Fingern hastig zwischen die Knie.

   Dem Bohner schoss vor Ungeduld das Blut in die Stirn. „Jetzt kratz net, sag ich dir … jetzt red! Was soll ich wissen, dass d’ meinst?“

   „Ich mein’, was ein anderer fertig bringt, das wär für dich und dein Buben auch noch keine so fürchtige Kunst?“

   Der Bohner starrte den Klammerer mit weit aufgerissenen Augen an. Dann aber brach er in grimmiges Gelächter aus.

   „Gelt, jetzt kannst lachen! Ich hab mir’s ja gleich denkt, dass du mein Rat für ein guten Gspaß anschaust!“, kicherte der Alte; doch schien ihm dieses Kichern nicht ganz von Herzen zu kommen. „Aber weißt, wie ich gestern von der andern Sach da ’s erste Wörtl ghört hab, da hab ich gleich an dich denkt und hab so nachsinniert … no mein, wie eim halt diemal was Gspaßigs einfallt, an das kein andrer denkt, wenn’s gleich auf der Hand liegt! Denn weißt, so gar dumm wär’s ja doch net! Denn magst dich jetzt stellen, wie d’ willst … für so ein Gscheiten kenn ich dich allweil noch, dass du dein Nutzen bei derer Sach schon lang vermerkt hast! Denn sag’s einmal selber … wie wär’s denn leichter z’machen, dass alles wie er wird wie’s früher war … dass du der einzig Fuhrmann bist im ganzen Tal? Denn anderweis, Bohner … wie jetzt alles steht … ich will dir gwiss kein Ärger net machen … aber schau, da könnt’s nacher leicht so eintreffen, wie ich dir’s vor ein paar Wochen angwarnt hab: Es könnt wieder ein einzigen Fuhrmann geben im Ort, der aber anders heißt wie du!“

   Mit diesen Worten schien der Klammerer eine verwundbare Stelle getroffen zu haben; wenigstens wollte dem Bohner der energische Ton nicht mehr gelingen, als er den Alten anfuhr: „Lass mir mein Ruh mit deim Gschwatz, mit deim dalketen!“

   „Freilich, du siehst halt bei derer Sach auch glich den Haken, gelt? Denn weißt, wegen dene zwei da drüben, da hätt ich die gringste Sorg. D’ Lentner-Rosl is auch net aufs Hirn gfallen. Feindschaft hin oder her, die weiß am End besser, als du dir einbildst, was ein Bohnerischer wert is. Und so wie d’ Lentnerin heut noch denkt … von früher her … da müsst’s ihr ja grad eine Freud sein, dass wenigstens halb und halb ihrem Madl ghalten wird, was ihr selber vor Jahr und Tag umsonst versprochen worden is!“

   „Jetzt wird’s mir aber z’bunt, verstanden!“, schrie der Bohner, dem an den Schläfen die Adern schwollen. „Das is ja der tagscheinige Unsinn!“

   „Ah ja … wenn der ander, weißt, von dem ich dir gsagt hab, da drüben am End schon gredt hat … nacher is freilich der Unsinn fertig. Das heißt … wenn ich der Bohner wär, ich denkt mir: Ich bin allweil noch besser wie jeder andere, und wenn ich komm, ich druck noch ein jeden ins Eck! Ja, und wenn ich schon wüsst, wer ich bin, da hätt ich nacher auch kein Sorg, ob ’s Madl da drüben ja sagt oder na! Ich denk mir schier, wenn da der Bohner mit so eim Antrag käm, da verhalt sich ’ Madl mit der einen Hand ihr Aug, und mit der andern Hand greift’s zu! Oder meinst net selber, dass der Bohner-Nam ein heilsams Pflaster wär?“ Mit leisem Lachen, das auf den Schultern des Bohners ein Gruseln zu wecken schien, unterbrach der Klammerer seine bedächtig vorgebrachten Worte. „Und schau, da hast ja gleich ein Beweis: Wenn der Vinzenz net gar so dumm umeinander gredt hätt, nacher hätt meiner Lebtag kein Mensch was erfahren von derselbigen Geißelgschicht. Denn ’s Madl selber hat net einmal ihrer Mutter was gsagt davon! Und warum? Aus Respekt vor dir … bei aller Feindschaft! Ah na, wegen dene zwei drüben, da hätt ich kein Sorg net! Aber du wirst schon wissen, wo der Haken sitzt! Gelt, bei deim Buben! Der möcht Augen machen, wann ihm mit so was kämst! Die Red, die möcht ich mir auch net geben lassen, wo da zum hören kriegest!“

   „Oho! Oho!“, fuhr der Bohner in brausender Entrüstung auf. „Ich denk net dran, verstanden! Aber wann ich dran denken tät, nacher müsst mein Bub B sagen, sobald ich A sag!“

   „Geh, geh, spiel dich net so auf vor mir!“

   „Aufspielen! Was! Aufspielen! Das äwr mir gar noch ’s Schönere, dass in meim Haus ein anderer Willen wär als der meinige!“

   „No natürlich, ein Arbeit wenn ihm schaffst, da wird er freilich nicht bocken, und wenn’s ihm auch zwider is! Aber heiraten … und ’s Lentnermadel! Ah na, mein Lieber! Ich glaub schier, dien Bub, der fahrt dir in d’ Haar!“

   „Ja Himmelsakra!“, schrie der Bohner und schmetterte die beiden Fäuste auf den Tisch. „bin denn ich ein Pamperlschuster! Bin denn ich der Garniemand, dass ich mir so eine Red muss gfallen lassen! Ich bin der Bohner, verstehst! Und was ich will, das gschieht! Und wenn ich meim Buben ’s letzte Hütermadl aus’m Ort zuführen tät und saget: Die nimmst … nacher tät er kein Mucker, oder …“

   „Oder! Oder was beißt mich!“, lachte der Klammerer. „Geh weiter, was hat denn das Reden für ein Sinn? Ich glaub dir’s ja doch net!“

   „So? So?“, keuchte der Bohner und streckte die Hände, als hätte er nicht übel Lust, dem Alten in die Haare zu fahren, dessen Lachen immer lustiger klang. „So? So? Net glauben? Gut! Gut! Nacher will ich dir’s zeigen!“ Er schoss auf eines der Fenster zu und riss die Scheiben auf.

   „Jesus Maria, Sepp, was machst denn!“, kreischte der Klammerer und fasste den Bohner am Arm. „Du wirst doch so was net probieren! Das is ja gar net zum Absehen, was da aussi kommen könnt!“

   Der Bohner aber schüttelte en Alten von sich ab, schob den roten Kopf durch das Fenster und schrie in den Hof hinaus: „Vinzenz! Vinzenz! Da kommst eini zu mir! Auf der Stell kommst eini!“ Dann schlug er das Fenster zu, kreuzte die Hände auf dem Rücken und durchmaß mit langen Schritten die Stube. „Jetzt wirst aber was erleben! Du! Weil gar nix glauben willst!“

   „Um Tausendgottswillen, Sepp, mach keine Gschichten net!“, jammerte der Alte, während er mit seinen ungeraden Fingern eines der „kleinen Teufelchen“ zur Ruhe brachte, das sich an seiner Hüfte spüren ließ. „Das nimmt kein guts End net! Wirst es sehen! Und ich müsst mir ein ewigen Fürwurf machen, wann ich mit meim dalketen rat Feindschaft gstift hätt zwischen Vater und Sohn.“

   „Ich tu, was ich mag … verstehst mich! Und da wirst einmal was erleben jetzt!“

   „Jeses, Sepp, fang so was net an! Ich kenn dein Buben! Das tut er net, und wenn dich am Kopf stellst!“

   „So? Meinst? Und jetzt grad mit Fleiß! Und wenn alles drunter und drüber geht … jetzt stell ich mich einmal am Kopf … und grad … weil alles dagegen is, wenn ich einmal ebbes haben will!“

   „O mein lieber Herrgott! Schau, Sepp, wenn dein Buben schon probieren willst, ob er dir ghorsam is … schau, da musst ihn ja net zum Ärgsten treiben! Es is ja schon gnug, wann von ihm verlangst, er soll dem armen Madl ein Abbitt machen für den unguten Schlag, den er ihr geben hat, und der jetzt so viel Schand und Spot über sein Vatern bringt! Aber wirst es schon sehen … er tut dir net einmal das … viel weniger ’s ander!“

   „Also gut! Dir z’lieb will ich mich z’ruckhalten! Aber abbitten muss er … jetzt gleich auf der Stell! Das is auch net mehr als wie recht und billig! So springt man net um mit so eim braven Madl!“

   Bei diesem letzten Wort des Bohners ging ein freudiges Aufleuchten über das Gesicht des Klammerers. Und dennoch zeigte er wieder eine ängstliche Miene, als im Flur die Schritte des Burschen sich vernehmen ließen. „O mein Gott, mein Gott! Was wird’s da jetzt setzen! Mar und Josef!“

   Vinzenz trat in die Stube. Auf seinen Wangen lag eine leichte Blässe, und Sorge sprach aus dem Blick, den er am Vater vorüber nach dem Klammerer warf. Doch als er gewahrte, wie ihm der Alte mit heimlichem Schmunzeln zublinzelte, atmete er auf und sprach den Vater mit nicht besonders freundlichen Worten an: „No also, a bin ich! Was is denn auf einmal, dass mich der Vater so wegruft von der besten Arbeit?“

   „Ich mein’, du wirst noch früh gnug erfahren, was los is!“, fuhr der Bohner heißköpfig auf und deutete mit einer energischen Handbewegung nach der Holzbank. „Da setz dich her!“

   „Sepp! Sepp!“, ließ sich der Klammerer mit mahnenden Lauten vernehmen.

   „Is schon gut!“ Der Bohner schritt in gespreizter Würde ein paar Mal durch die Stube und blieb dann vor Vinzenz stehen, der mit wunderlichem Lachen auf der Holzbank Platz genommen hatte. „Wie alles jetzt steht, bei uns und da drüben, das brauch ich dir wohl nimmer z’sagen! Und wer’s verschuldt hat, dass alles so kommen is, das, mein’ ich, wär dir auch nix Neues!“ Der Bohner schnaufte tief, als hätte er schwere Mühe, sich zu gemessen klingenden Worten zu zwingen. „Aber ich will vorerst von dem nix sagen, was ich unter deiner Gewalttat leiden muss. Denn vor ich an mein Schaden denk, halt ich noch was von der Grechtigkeit! Und drum will ich dir jetzt was sagen! Feindschaft hin oder her … wie kannst denn du dich so lümmelhaft an eim unschudligen Madl vergreifen? Und ich … ich soll zu so was stad sein? Ah na, mein Lieber! Und wenn sich auch keine rührt im ganzen Dorf, und wenn auch ’s Madl drüben nix weiter tut, weil’s mir die Schand versparen will, dass mein einziger Sohn bei die Grichter umeinand zogen wird … da bin nacher allweil ich noch da, der so ein Unrecht net mir nix dir nix hingehne lasst, und z’allerletzt bei dir! Ich müsst mich ja schamen für den Nam, den tragst! Ah na! Kein Ruh net gib ich, eh net das arme Madl für den Wehdam, wo’s leiden hat müssen, ihr grechte Abbuß findt!“ Erschöpft hielt der Bohner inne und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

   Vinzenz zog die Brauen hoch und lachte. „Jetzt hab ich schon wunder gmeint, was los is! Und wegen so was braucht’s eine solchene Predig? No ja, meintwegen, wenn s’ dich gar so erbarmt, nacher schickst ihr halt ein Schmerzensgeld … ein fünfer tut’s ja leicht!“

   „So? Du Protz, du! Meinst leicht, mit Geld is alles z’machen!“, schrie der Bohner von der Höhe sittlicher Entrüstung auf den Missetäter nieder.

   „No ja, nacher muss halt der Vater was Besseres aussinnieren!“ Vinzenz erhob sich gelangweilt. „Übrigens, lang hat’s braucht, bis sich der Vater auf seine gspaßige Grechtigkeit bsonnen hat!“

   Da kam ein Zucken in die Fäuste des Bohners und in dunkler Röte schwollen ihm die Backen. Als Vinzenz den Vater so vor sich stehen sah, mochte ihm doch ein wenig unbehaglich zumute werden, denn wieder suchten seine Augen den Klammerer, der ihm zunickte, als hätte er sagen wollen: „Jetzt pass auf, jetzt kommt’s!“

   „Ja … lang … lang hat’s braucht“, stieß der Bohner mit heiseren Worten heraus, „weil ich mir Tag für Tag noch denkt hab, dein Gwissen müsst dir selber sagen, mit was man so ein Unrecht gutmacht. Aber jetzt … jetzt wird mir ’s Warten z’lang … jetzt muss halt ich dein Gwissen machen. Und drum pass auf jetzt, was ich dir sag: a nimmst dein Hut … und gehst ummi auf der Stell zum Lentnermadl … und ehnder kommst mir nimmer z’ruck ins Haus, ehvor dem armen Mal net die schuldig Abbitt gmacht hast!“

   „Ah, jetzt is gut! Und sonst verlangt der Vater gar nix?“, lachte Vinzenz.

   „Gehst, frag ich, oder gehst mir net?“

   „Na! Das tu ich net! Und wenn der Vater gleich ’s Hausdach einreißt über mir … das tu ich net!“

   „Du tust ent, was ich haben will? Ich, dein Vater! Und haben will ich’s jetzt … will’s positivi haben!“

   „Und positivi tu ich’s net!“

   „So? So?“, keuchte der Bohner, auf dessen Backen sich die bläuliche Röte in fahle Blässe verwandelte. „Und wenn ich jetzt sagen tät, dass ich mir einbilden möcht, dein ganz Leben wär z’kurz, um an dem braven Madl gut z’machen, was versündigt hast an ihr … wann ich finden tät, dass’s mit der Feindschaft und Streiterei auf d’ Läng kein Gut net tut … und wann ich ein Aussöhnung suchen möcht mit der Lentnerin und tät mir beispielmaßig einbilden, dass so was besser net geschehen könnt, als wie wenn aus zwei Häuser ein einzigs wird … und du und ’s Lentnermadl ein Paar … was nacher? Red! Was tätst denn nacher sagen?“

   Und mit funkelnden Blick hing der Bohner an seinem Buben, der Augen machte, als wäre er Zeuge eines unglaublichen Narrenstreiches. „Jetzt weiß ich net … ich mein’, ich hab net recht verstanden?“

   „Geh, Sepp … ich bitt dich um Gottswillen, sei du der Gscheiter und lass’s gut sein!“, mahnte der Klammerer und suchte den Bohner am Arm zurückzuziehen. „Ich mein’, du könntst es schon lang vermerken, dass nix ausrichtest!“

   „Auslassen tu mich! Auslassen, oder …“ Der Bohner schüttelte den Alten von sich ab und trat vor Vinzenz hin. „Red, sag ich, red, ich rat dir’s im guten! Was tätst denn nacher sagen?“

   „Nacher tät ich sagen, dass sich der Vater seine unsinnigen Gspaß für d’ Fasnacht aufheben soll!“ Bei diesen Worten schritt Vinzenz mit einem Lachen, das freilich ein bisschen gezwungen klang, der Türe zu.

   „Vinzenz!“, kreischte der Bohner und stürzte dem Burschen nach; der aber schien gute Gründe zu haben, dem Armbereich des Vaters möglichst rasch zu entrinnen, schoss in den Flur hinaus und warf die Türe hinter sich ins Schloss.

   Wie versteinert, mit geballten Fäusten, stand der Bohner und starrte die Türe an. Hinter seinem Rücken aber krümmte sich der Klammerer unter der Anstrengung, das Lachen zu verbeißen; und dann brach er in die scheltenden Worte aus: „Da hast es jetzt, du gachzorniger Eigensinn! Natürlich, ’s Reden is leicht, aber … aber ich hab dir’s ja gleich gsagt, dass mit dem Teufelsbuben nix z’wegen bringst! Ja, auslachen tut er dich!“

   Diese Worte weckten den Bohner aus seiner Erstarrung. „So? So redt ein Sohn mit seim Vatern? … Aber wart! Wart nur! Dem will ich’s zeigen, wer der Herr im Haus is! Der soll einmal ein Ernst vermerken… in meine Gspaß … ein blutigen Ernst!“ Und während er so sprach, riss er den Flügelrock vom Kleiderrechen, fuhr in die Ärmel und stülpte sich den goldumschnürten Filzhut über die gesträubten Haare. „Wart, Büberl, wart! Jetzt grad … jetzt grad mit Fleiß!“ Er drehte den Hut schief übers Ohr und stapfte steif und gerade, als hätte er einen Ladstock geschluckt, zur Stube hinaus. „Wart, Büberl, wart … dir will ich zeigen, ob’s ein Gspaß is, wenn der Bohner was will!“, so klang vom Flur herein noch seine drohende Stimme; dann krachte eine Tür, und des Bohners Schritte verhallten im Hof.

   In der Stube aber klatschte der Klammerer in Freude seien ungeraden Finger auf die Lederhose; und dazu lachte er, dass ihm der weiße Schnurrbart zitterte. Da wurde die Türe aufgestoßen, und Vinzenz erschien, mit blassem Gesicht und mit der stotternden frage: „Klammerer, um Gottswillen, sag mir … was hat’s jetzt geben?“

   „Gut is gangen, nix is gschehen!“, lachte der Alte. „Herz war Trumpf, d’ Sau hat gstochen, gwonnen is!“

   „O mein lieber Herrgott, ja is denn auch wahr?“, stammelte Vinzenz, der nicht so rasch den Mut zu offener Freude finden wollte. „Aber wo is er denn hin, der Vater?“

   „Wo wird er denn hin sein? Auf Brautschau is er aus! Ich sag dir’s Bub … tummel dich mit deim Hochzeitsgwandl! Deim Vater pressiert’s!“

   Kichernd kraute sich der Alte den Rücken, schob sich hinter den Tisch und fiel mit seinen ungeraden Fingern über den Brotlaib und das Selchfleisch her, als hätte die Strapaze der verwichenen Stunde einen weidlichen Hunger in ihm entwickelt.

   „Na, na, und ich kann’s schier net glauben! Wirst es sehen, im letzten Augenblick schlagt er wieder um!“, stotterte Vinzenz, in dessen Zügen sich der Kampf zwischen Sorge und Freude spiegelte. Er sprang auf ein Fenster zu, lugte mit scheuer Vorsicht ins Freie, und da konnte er gerade noch sehen, wie der Vater in steifer Haltung den Hof der Lentnerin betrat und um die Hausecke verschwand.

   Das Bedenken, das Vinzenz ausgesprochen, war kein unbegründetes. Denn als der Bohner da drüben vor der offenen Türe stand, schob er verlegen den Hut in die Stirn und schaute unschlüssig nach der Straße zurück. Es mochte ein wunderliches Empfinden in ihm erwecken, dass er nun als Brautwerber die Schwelle überschreiten sollte, über die er lange Jahre nur Hader und Unfrieden geschickt. Ein Geräusch von Schritten, das aus dem Haus kam, schreckte ihn aus seinen schwankenden Gedanken auf und trieb ihm dunkle Röte ins Gesicht, als geriete er über sich selbst in Zorn ob seines, eines Bohners völlig unwürdigen Wankelmutes. In stolzer Entschlossenheit hob er den Kopf und betrat mit einem ellenlangen Schritt den dämmerigen Flur.

   Im gleichen Augenblick kam Sabi aus der Küche, eine dampfende Suppenschüssel in den vorgestreckten Händen. Sie schien den späten Gast nicht zu erkennen. „Guten Abend?“, grüßte sie in fragendem Ton.

   Der Bohner lüftete den Hut und erwiderte mit etwas unsicherer Stimme den Gruß.

   Da zuckte Sabi in jähem Schreck zusammen. „Jesus Maria!“, stammelte sie und griff in die Luft, ohne freilich die Suppenschüssel noch erhaschen zu können, die ihren Händen entglitten war und auf dem Steinpflaster mit Klirren in Scherben zersprang, so dass die dampfende Brühe nach allen Seiten auseinanderspritzte.

   Auch der Bohner fuhr erschrocken zurück, musste aber gleich hell auflachen, und in diesem Lachen fand er seine Haltung. „Ja was is denn, Madl … bin ich denn der Fraisengeist, dass gleich alles fallen lasst vor meiner?“, sagte er mit gnädiger Würde und mit einem Anflug von Freundlichkeit im Ton.

   Wortlos rührte Sabi die Lippen; sie musste sich an die Flurwand stützen, um sich auf den Füßen zu erhalten, so heftig zitterte sie am ganzen Leib.

   Dieser Anblick schien im Bohner etwas wie Mitleid zu erwecken; großmütig trat er näher und streckte die Hand, als wollte er sie auf Sabis Schulter legen. „Aber Madl, gehe, sei gscheit! Weißt, ein bissl ein Respekt lass ich mir gern gfallen, aber …“ da verstummte er und drehte sich hastig nach der Stubenseite.

   „Sabi? Was is denn, was hat’s denn geben?“, ließ sich von da drinnen die lamentierende Stimme der Lentnerin vernehmen, die Türe wurde aufgerissen, und Sabis Mutter erschein auf der Schwelle.

   „Scherben hat’s geben!“ meinte der Bohner mit schwankenden Worten. „Und ich bin da … der Bohner! Und grüß dich Gott, Rosl … und wann’s dir recht wär, hätt ich was z’reden mit dir.“

   Zitternd nestelte die Lentnerin an ihrem Halstuch, strich die Schürze glatt, begann ein unverständliches Stottern, machte einen Knicks um den anderen und wich in die Stube zurück, um die Schwelle frei zu geben.

   Mit einem tiefen, schnaubenden Atemzug streckte sich der Bohner und trat unter die Türe. Hier hielt er zögernd inne und wandte sich zu Sabi zurück: „Jetzt hab ich mit deiner Mutter z’reden … aber … leicht hab ich naher auch eine Frag an dich!“ Dabei zeigte er ein Gesicht, dessen souverände Gnädigkeit dem zitternden Mädel ein Etwas im Wert der Schätze von Golkonda zu verheißen schien. „Und dass wegen meiner um d’ Suppen kommen bist, das muss dich net kümmern! Ich will schon für eine sorgen, die dir besser schmeckt!“ Noch einmal nickte er gnädig und würdevoll, dann trat er in die Stube und drückte hinter sich ie Türe zu.

   Sabi stand regungslos an die Wand gelehnt. Aus der Stube schlugen unverständliche Worte an ihr Ohr. Wie vieles musste der Bohner zu sagen haben! Denn es war fast immer nur seine Stimme, die Sabi hörte. Einmal auch, als die Mutter sprach, mit erregter Stimme, verstand Sabi einige Worte, die sie erschrocken aufblicken machten. Es kam ihr zum Bewusstsein, dass sie lauschte. Glühende Röte schoss ihr über die Wangen. Hastig warf sie sich auf die Knie nieder und begann die Scherben der zertrümmerten Schüssel in ihre Schürze zu sammeln. Seufzend richtete sie sich wieder auf, ging in die Küche, ließ den Inhalt der Schürze in die Schenkseite gleiten und setzte sich, die Hände im Schoß, auf den Herd, aus dessen erlöschenden Kohlen noch ein mattes, bläuliches Flämmchen zuckte.

   So saß sie nicht lange, als sie erschrocken auffuhr. Die Stubentür war gegangen, und jetzt kam die Lentnerin in die Küche geschossen: „Ja hast mich denn net rufen hören? So komm doch! Nach dir hat er gfragt, und selber will er dir’s sagen!“ So stammelte sie erregt, während sie mit zitternden Händen ihre brennenden Backen trocknete, die von Zähren glänzten. „Alles is kommen, wie’s uns der Klammerer angsagt hat! Richtig anghalten hat er um dich … aber freilich, hart is’s ihm worden, das ganze Reden mit mir. Auf d’ Letzt, da hat er mich völlig erbarmt. Denn mag er sich zeigen, wie er will, das hängt ihm alles grad außen an … in ihm drin is deswegen doch ein grundguts Fleckl, ja … das weiß keine besser wie ich! Aber was stehst denn! So komm doch, wirst doch den Bohner net warten lassen!“

   „Mutter … grad noch ein bissl verschnaufen lass mich!“, stotterte Sabi.

   „Aber was treibst denn? Mach weiter … den Sepp, den kann man net warten lassen, bis dir der richtige Schnaufer kommt!“ Und während die Kleinfuhrmännin ihr Mädel vor sich her in den Flur schob, flüsterte sie: „Gelt, nimm dich fein zamm! Und red net anders, als wie dir’s der Klammerer eingsagt hat … und dass ihm bsonders das recht z’merken gibst, dass bloß ihm z’lieb ja sagst, bloß aus lauter Respekt vor ihm selber … und wegen der fürchtigen Ehr … und aus schuldigem Ghorsam gegen d’ Mutter! So, und jetzt sei gscheit … du spielst um dien Glück!“

   Da standen sie vor der Türe. Die Lentnerin öffnete und zog das Mädel in die Stube. Hier saß der Bohner am Tisch und wischte sich, wie nach schwerer Arbeit, mit einem blau und weiß gewürfelten Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

   „Musst net harb sein, dass d’ ein bissl warten hast müssen!“, sprach ihn die Lentnerin unsicher an. „Aber wie ’s Madl gehört hat … natürlich … es is auch kein Wunder … so ein Überraschung … und so ein Ehr!“ Während sie dieses letzte Wort mit besonderem Nachdruck betonte, kniff sie den Daumennagel in Sabis Hand, um ihr die „Ehre“ recht fühlbar in Erinnerung zu bringen. Dann trat sie beiseite und guckte erwartungsvoll auf den Bohner.

   Der hatte sich erhoben, trat mit breiter Würde vor Sabi hin, musterte die schmucke, blühende Gestalt des Mädels, und als diese Musterung zu seiner Zufriedenheit ausfiel, begann er zu sprechen: „No also, Madl, wenn schon weißt, weswegen als ich da bin, da wär’s eigentlich nimmer nötig, dass ich’s noch einmal sag. Es brauchet’s auch net, dass ich dich eigens um dein Jawort frag, denn d’ Mutter hat mir gsagt, dass du als ein bravs und ein richtigs Kind kein andern Willen net hast als den ihrigen. Is das so, Madl?“

   „Ja, Sepp, so is’s … und net anders!“, fiel die Lentnerin geschäftig ein.

   „Jetzt frag ich ’s Madl, verstehst!“, so fertigte der Bohner die Lentnerin ab, die erschrocken zurückwich. Dann kehrte er sich wieder zu Sabi: „Is das so, Madl?“

   Wortlos nickte Sabi mit dem Köpfchen; sie hatte nicht den Mut, zum Bohner aufzuschauen, und zitterte, als wäre sie das verkörperte böse Gewissen.

   „No schau, das freut mich … und da könnt sich mancher an dir ein Beispiel nehmen. Aber weil’s am End doch du bist, die heiraten muss, so ghört sich’s net anders, als dass ich dich selber frag, ob’s dir recht is, was ich mit deiner Mutter ausgredt hab: Dass aus meim Buben und dir ein Paar wird? Überleg dir’s gnau, ob ein heiraten magst, der dir so ungut mitgspielt hat. Ich will dir auch net verschweigen, dass die ganze Sach von mir allein ausgeht. denn ich kann einmal kein Unrecht leiden, und drum hab ich mir gsagt, dass mein Bub sein Unrecht net besser gutmachen kann, als wenn er’s zudeckt mit seim Nam. So bin ich! Und weil sich bei eim Menschen, der Verstand hat, eins ins andre schickt, drum hab ich mir denkt: D’ Lentnerin gibt ’s Botenfahren auf, und ich übergib meim Buben den Hof und d’ Fuhrwerkerei … nacher hat’s bei enk mit der Sorg ein End, bei mir mit der Ärgernis, aus der Feindschaft wird die richtig Freundschaft, und ihr zwei Junge könnts miteinander weiterwursteln, wie’s enk taugt. Dass du net gar viel mitbringst, das is für mich kein Hindernis. Dass du ein rechtschaffenes Madl bist und eine fleißige Schafferin, das is in meine Augen Heiratgut grad gnug! Und du musst dir denken, dass in ein Anwesen einikommst, wo dasteht im Glanz, wie net ein zweits … und dass d’ mich zum Vatern haben kannst! No also? Is das net ein guts Pflaster für den Wehdam, den d’ leiden hast müssen an deim saubern Gsichtl, an deim lieben?“

   Bei diesen Worten zeigte der Bohner eine Art von erhabener Rührung. Und als wollte er diese edle Wallung recht gründlich zur Wirkung kommen lassen, so schwieg er eine Weile, bevor er weiter sprach: „Ja, schau, um so was könntst meim Buben ein Geißelhieb vergessen. Und so gar schierlich wird er dir’s auch net gmeint haben. er hat halt sein Stolz bei der Fuhrmannssach … und ein bissl ein gachzorniger Nickel is er, wenn ich mir auch net denken mag, von wem er das haben kann! Ich bin doch gwiss net so! Aber sonst is er ein waxer, lebfrischer Bursch, mit dem’s ein richtigs Madl schon wagen kann, bsonders wenn’s mich an der Seiten hat! Und drum brauchst jetzt grad ja sagen, nacher mach ich Ordnung … und alles is in der Richtigkeit . Also? Was hast zum sagen auf mein Antrag?“

   Scheu und ratlos starrte Sabi den Bohner an, bevor sie in stammelnden Worten zu sprechen begann: „Was … was ich zum … zum sagen hab? Was anders denn, als dass … dass so ein Ehr … so ein …“ Da versagte ihr die Sprache.

   „Ja um Gottswillen, Madl, was treibst denn?“, stotterte die Lentnerin in Verblüffung und Sorge.

   Auch der Bohner machte große Augen und kraute sich verlegen das linke Ohr. Seine ganze Würde schien in die Brüche zu gehen, und in seinem Gesicht kämpfte Unmut mit Rührung, als er sagte: „Aber Madl, was is denn jetzt das für eine Art? Schau, es is ja alles im Guten gmeint! Und fürchten brauchst dich auch net vor mir … da kannst jetzt reden, wie d’ magst!“

   Die Lentnerin war hinter Sabi getreten und puffte sie in den Rücken. „Sabi! So red doch! Was muss sich denn der Bohner denken von dir!“

   Da schüttelte Sabi wie in ungestümer Weigerung den Kopf. „Na … na … ich kann net lügen … und kann net Komödi spielen, und wenn gleich mein Glück dran hängt!“ Mutig schaute sie zum Bohner auf und sprach in sprudelnden Worten weiter. „Ich hab’s auch die ganzen Tag her allweil gsagt, dass du als Vater ein Recht hast, d’ Wahrheit z’wissen, und dass du net der Mann dazu bist, den man mit Kreiden anstreicht auf’m Buckel! Aber allweil wieder hab ich mich überreden lassen … aber jetzt … na … dir ins Gsicht eini kann ich net lügen! Aufkommen müsst doch einmal alles, und wie stünd ich nacher da, wenn am End eine ewige Feindschaft zwischen Vater und Sohn dabei aussikäm … oder wenn ich’s Tag für Tag von dir hören müsst, und mit Recht: Ich hätt mich einiglogen in dein Hof. Schau, Bohner … wenn du wissen tätst, wie’s steht zwischen mir und deim Buben, und du wärst aus freiem Antrieb kommen und hättst mich gfragt ums Ja … ich hätt ja gar net gwusst, wie ich dir’s danken müsst in meim Leben! Schier narrisch wär ich worden vor Stolz und Freud und Glückseligkeit … denn ich kann’s net leugnen, dass ich dein Buben gern hab, und dass ich lieber sterben möcht, als von ihm lassen, weil er grad so an mir hängt mit seim ganzen Leben. Aber so … wie jetzt alles steht…“

   „Sabi! Mar’ und Joseph! Bist denn ganz verruckt!“, kreischte die Lentnerin und rang in Verzweiflung die Hände.

   Da erholte sich auch der Bohner von seinem Staunen. „Stad bist, sag ich!“, schnauzte er die Alte an. „Und ’s Madl soll erden! Das sind ja schöne Sachen, die ich da zum hören krieg! Aber schenier dich net, Sabi … ich bin der Mann, mit dem man reden kann!“

   Erleichtert atmete Sabi auf. Und nun, da sie ihr Gewissen frei von allem Zwang und Vorwurf fühlte, begann sie tapfer ihre gute Sache zu führen und ehrlich zu erzählen, was sich in den beiden letzten Wochen hinter dem Rücken des Bohners abgespielt hatte. „Und jetzt, wo alles weißt, wirst es auch begreifen, dass ich vorerst auf dein ehrenvollen Antrag kein Antwort geben kann. Da musstest mich schon z’erst aufs neue um mein Jawort fragen. Aber magst dich jetzt bsinnen, wie d’ willst … magst im Zorn unser Haus verlassen … magst gegen ein braven Buben, der dich als Vater verehrt und bloß in der Sorg um sein Glück den Heimlichen spielt, in Unmut verfahren … und magst den guten alten Mann hart anlassen, der aus Gütigkeit für uns die ganze Sach eingfädelt hat … no ja, so muss ich’s halt leiden. Ich hab halt net anders reden können … dir ins Gsicht einilügen, na, Bohner, das hätt ich net z’wegen bracht!“

   Bei der Stille, die nun folgte, hörte man in der dunkel gewordenen Stube nur das Ticken der Wanduhr. Lautlos saß die Lentnerin in einem Winkel, und auch der Bohner, der für seine wankende Würde eine Stütze auf der Holzbank gesucht hatte, verharrte in beklemmendem Schweigen. Dann plötzlich klatschte er die Hand auf den Tisch und hub zu schelten an: „So? Also so meinst es? Fortgehn soll ich im Zorn! Und mein duckmäuserischen Buben soll ich herbeuteln, dass ihm seine Ohrwascheln in Fransen gehen! Und den weißkopfeten Spitzbuben, den alten, den soll ich aussispedieren aus meim Haus mit eim freundschaftlichen Tritt? Und anders meinst kann ich’s gar net machen? Ja Himmelsakra, muss denn ich mir von dir vorschreiben lassen, was ich tu? Der Bohner tut, was er mag … verstehst mich!“ Wieder schlug er die Faust auf den Tisch. „Aber schöne Sachen, das muss ich sagen, schöne Sachen hab ich ghört! Und du …“ Das ging die Lentnerin an, „wie hast denn nur du dich hergeben können zu so was! Ein saubers Stückl für diene fünfzig Jahr!“

   „Aber schau, Sepp, lass dir sagen…“, stotterte die Lentnerin in ihrem Winkel.

   Der Bohner aber fiel heftig ein: „Jetzt sag mir nur du grad nix! Und meintwegen soll auch dir verziehen sein … deim braven Madl z’lieb, verstehst mich! Denn du, Sabi, du bist von der ganzen Schwefelbande die einzige, vor der ich noch ein Respekt hab! Und dir will ich’s auch beweisen, dass der Bohner der Mann dazu is, bei dem ein richtigs Wort ein richtigen Ort findt! Von der jetzigen Stund an bist mein Kind … und ein Vater will ich dir sein, dass dir kein bessern net wünschen magst! Und mein Hof wird dir verschrieben … und wenn den Duckmäuser von meim Buben mit in Handel nimmst, das is nacher dien Sach! Verdient hat er’s net, dass er so eine Gsellin kriegt, wie du eine bist. Und über vier Wochen muss Hochzeit sein! So will’s ich haben … ich, der Bohner! Und wer was anders haben will, der braucht’s grad sagen … nacher komm ich ihm schon mit der Richtung … verstanden!“

   „Bohner … Bohner … o mein Gott!“, stammelte Sabi in Freude und unter Tränen.

   Weiter aber ließ der Bohner sie nicht kommen. „Stad bist, sag ich! Wie ich bschlossen hab, so bleibt’s! Ich leid einmal kein Widerspruch! Und du…“ Das galt nun wieder der Lentnerin, die mit einem Seufzer der Erleichterung näher kam, „du bleib in deim Winkel! Für dich hab ich kein Zeit nimmer! Mich juckt’s in die Finger, dass ich heimkomm zu dene zwei Kalfakter, zu dene scheinheiligen. Aber denen will ich einheizen! Dass ihnen ’s Feuer aus die Nasenlöcher dampft! Drum bhüt dich Gott derweil, Madl … und wenn dich ein bissl Warten net verdrießt, nacher will ich ihn dir schon ummischicken, den Loder, den hinterrucksigen!“ Dabei griff er nach seinem Hut und schoss zur Stube hinaus.

   „Ja, der Sepp … ich sag’s halt, der Sepp!“, hörte er die Lentnerin noch lachen, bevor er die Türe hinter sich zuwarf.

   Ein triumphierendes Schmunzeln zuckte über sein Gesicht, und boshafte Freue blitzte in seinen Augen, als er hinausstürmte unter den abendlichen Himmel. Daheim fand er die Fenster schon erleuchtet. Er betrat den Flur, blieb vor der Türe stehen und meinte in der Stube hastige Tritte zu vernehmen, als flüchte jemand von einer Ecke in die andere. Der Bohner blinzelte; dann aber schnitt er eine Miene, als käme er von einem übel geratenen Prozesstermin, und polterte über die Schwelle.

   Am Tisch saß der Klammerer noch immer in lebhafter Unterhaltung mit Selchfleisch, Brot und Enzian. Unter gemächlichem Kauen stellte er den Kopf schief und guckte forschend am Bohner hinauf, der die Stube ohne Gruß betrat und unter Zähnefletschen den Hut in eine Fensternische schleuderte, dass die schweren Goldtroddeln beinah die Scheiben zerschlugen. Dann kreuzte er die Fäuste hinter dem Rücken und begann in unheimlichem Tempo durch die Stube zu wandern. Während er von Vinzenz, der mit schwer erzwungener Gleichgültigkeit hinter dem Ofen saß, nicht die geringste Notiz nahm, streifte er, sooft er am Tisch vorüber kam, den Klammerer mit vernichtendem Blick.

   Dem mochte die Sache nimmer ganz geheuer erscheinen; er drückte das linke Auge zu, scheuerte sich mit dem Messerhefte den Nacken und waget einen Versuch, den Bohner aus seinem verdächtigen Schweigen herauszukitzeln. „Bist aber gschwind wieder dagwesen? Und … was hast denn? Was rennst denn jetzt umeinander wie ein würfliger Geißbock?“

   Da zuckte der Bohner auf, als wäre ihm ein Hund an die Beine gefahren und schrie: „Red mich nur grad du net an! Sonst kann dir was passieren!“ Er setzte seien Wanderung fort, bis er unter zornigem Gelächter eine Art von Selbstgespräch begann: „Ja, das muss ich sagen … schön is man aufgrichtet mit seine Freund! Soll mir nur wieder einer kommen … mit seim dalketen Rat! Und ich muss auch noch so dumm sein, und muss drauf reinfallen! Jetzt steh ich da, wie der Pudel, der ins Wasser gfallen is! Und Schand und Spott muss ich tragen! Natürlich … die zwei da drüben, die lachen sich jetzt ins Fäustl! Und morgen in aller Fruh, da werden sie’s schon ausratschen im ganzen Ort, dass der Bohner so verruckt gwesen is und hat ums Lentnermadl anghalten für sein nixnutzigen Buben!“

   Wieder brach der Bohner in grimmiges Gelächter aus, was ihn jedoch nicht hinderte, nach der doppelten Wirkung zu schielen, die seine letzten Worte erzielten. Der Klammerer ließ den Bissen Selchfleisch, den er eben zum Mud führen wollte, auf den Teller fallen, spitzte pfeifend die Lippen und machte verdutzte Augen. Im Ofenwinkel aber schnellte Vinzenz von der Bank auf. „Vater … Vater …“ Doch weiter kam er nicht. Denn erschrocken verstummte er, als der Vater nach ihm herumfuhr, dass die langen Rockflügel flatterten wie Fahnen im Wind.

   „Sorg dich net! Es geht dir schon naus, wie’s haben willst!“, schrie der Bohner. „Und da drüben kannst dich bedanken, wenn’s dir erspart bleibt, dass dich dien Vater mit Gwalt zum Ghorsam zwingen muss! Ja, schau mich nur an, recht dumm … und du auch…“ das galt dem Klammerer, „du Ratgeber, du gar gscheiter! Schön hast dich auskennt! Na! Na! Meim Todfeind möcht ich net wünschen, dass er so dstehn muss, wie ich dagstanden bin! Grobheiten hab ich mir sagen lassen müssen von der Alten, grad gnug! Und die Jung erst, die hat mir gleich gar ins Gsicht glacht! Wenn schon gheirat sein müsst, so hat s’ gsagt, nacher nehmt s’ noch lieber den alten Mesner mit seine krummen Haxen als den Gwaltteufel von meim Buben, der nix anders kann, als auf d’ Leut einihauen mit der Geißel! Ein Drescher soll ich mir suchen für so ein Flegel, aber kein rechtschaffens Madl net … hat s’ gsagt!“

   Flink wandte sich der Bohner vom Tisch, um nicht über das urdumme Gesicht, das der Klammerer zeigte, in Gelächter auszubrechen. Bedenklicher aber als an dem verblüfften Alten äußerte sich die Wirkung dieser Worte an Vinzenz. Er war kreidebleich geworden, mit zitternden Händen griff er in die Luft, als bedürfte er einer Stütze. „Vater … Vater … das is net wahr … das kann net wahr sein!“, stieß er mit erwürgter Stimme heraus. „Wie kann mein Madl so was sagen …“

   Da stand der Bohner schon vor ihm mit grinsendem Gesicht. „Dein Madl! So? Dein Madl! Hast dich einmal verraten, du Komödiant, du gottvergessener!“ Er fuhr dem Burschen mit blitzschnellen Fingern in die Haare, von denen er eine tüchtige Handvoll zu fassen bekam.

   „O verflucht noch einmal … ja hört der Vater net auf … hört er net auf!“, stotterte Vinzenz in Schmerz und Verblüffung.

   „Na! Net aufhören tu ich! Net aufhören, und wenn mir gleich alle Haar in die Händ bleiben!“, zetterte der Bohner halb in Zorn und halb unter Lachen. „Das wär mir ’s Wahre! Liebschaften anfangen hinter’m Vater seim Rucken! Zu die Madln in d’ Kammer stiegen! Und nacher Komödi spielen, statt dass man Vertrauen hat zu seim Vatern, statt dass man ihm ein guts Wörtl gibt, statt dass man sich denkt: Ein Vater, der hat ein Verstand und ein Herz, der wird die Sach schon bei der rechten Seiten packen!“

   Wie treffend der Bohner en Sinn dieses letzten Wortes zu illustrieren wusste, das war dem Gesicht des Burschen deutlich abzulesen.

   Auch der Klammerer schien sich auf diese Lektüre zu verstehen, und sie musste ihm wohl bedenkliche Sorgen einflößen. Vorsichtig zog er sich hinter dem Tisch hervor, brachte hurtig noch eines der kleinen Teufelchen in Ruhe, das sich an seiner Hüfte verspüren ließ, und suchte die Türe zu gewinnen. Doch er hatte die Rechnung ohne den Bohner gemacht.

   „Oho! Lass dir ein bissl Zeit! Da wird nix ausgriffen1“

   „No freilich … aber Haar grad gnug!“, stöhnte Vinzenz, der sich durch einen kräftigen Ruck der väterlichen Hand als unfreiwillige Barrikade vor die Türe geschoben sah.

   Da brach aus dem Bohner das erlösende Lachen heraus. „So? Gspürst dein Vatern einmal! Nacher is recht! Nacher freut’s mich! Dir will ich’s vertreiben: Na sagen, wenn dein Vater ja sagt! Oder hast am End jetzt auch noch ’s Kurasch, dass dich aufbockst gegen mich, wann ich dir sag: Jetzt auf der Stell gehst ummi zur Sabi … dein Vater schickt dich, sagst … und sagst dem lieben Madl, dass net ein Mucker dagegen hast, wenn über vier Wochen Hochzeit is! Verstanden! Marsch weiter jetzt, oder ich mach dir Füß!“ Dabei riss der Bohner mit der Linken die Türe auf und öffnete mit einem letzten, derben Puff seine Rechte.

   Rücklings taumelte Vinzenz in den Flur hinaus. Dort stand er mit dunkelrotem Kopf. Sein Haarboden glich dem Rücken eines Igels, der einem Dachshund in den Weg geraten. Und so hub er ein Stottern an, bei dem er es zu keinem verständlichen Wort zu bringen wusste.

   Das mochte dem Bohner zu lange währen. Mit einer bezeichnenden Bewegung hob er die Hand und drohte: „Ja machst net, dass d’ weiter kommst!“

   Da streckte der Bub sich lachend und schoss mit einem schrillenden Juhschrei zum Haus hinaus.

   Schmunzelnd warf der Bohner die Türe zu, wischte die Haare, die zwischen seinen Fingern klebten, an den Rockschoß und wandte sich zum Klammerer, dem alle Sorgen längst geschwunden schienen, denn behaglich saß er auf der Holzbank und hielt unter vergnügtem Kichern seine ungeraden Finger aufs Knie gestützt.

   Diese Sorglosigkeit schien den Bohner ein wenig im Hochgefühl seiner Würde zu verletzen. „So? Lachen traust dich auch noch!“, brauste er auf. „Aber wart, es wird dir schon vergehn! Jetzt komm ich mit dir ans Raiten!“

   „No, und wie viel Profit meinst nacher, dass ich rauskrieg bei dem guten Gschäft, das gmacht hast?“, lachte der Alte.

   „Natürlich ein guts Gschäft, denn schlechte macht der Bohner net! Aber ich hab’s gmacht, verstanden! Du bild dir ja nix ein! Denn du bist mir gar der Schöner! So ein Spitzbub, so ein alter … und so ein Lugenschüppel! Ja schamst dich denn net! Mein Buben aufhetzen gegen sein Vatern! Und d’ Leut anstiften! Was hast denn du dir eigentlich denkt vom Bohner? Hast gmeint, bei mir, da braucht’s eine Rosskur, bis ich auf ein gsunden Einfall komm? Ich sag dir’s, du … die Sach hätt mir ins Fleisch gehen können. Grad ein Glück muss ich’s heißen, dass das brave Madl da drüben auf die richtig Salben kommen is!“

   „Das Teufelsmadl, das … hat sie’s net halten können! Ich hab’s aber auch die ganze Zeit her gforchten, dass mir d’ Sabi im letzten Augenblick noch ausspringt! Aber jetzt sei z’frieden, jetzt is ja dengerst alles gut!“

   „Natürlich, weil ich der Mann dazu gwesen bin, der ’s Gutmachen verstanden hat! Aber was hättst denn nacher angfangt, wenn alles schief gangen wär?“

   „Nacher?“, kicherte der Alte und fuhr mit seinen ungeraden Fingern unter den Hemdkragen. „Nacher hätt ich’s gmacht wie der Fuchs, der sein Prantl aus’m Eisen zeiht, ehvor noch d’ Feder zuschlagt.“

   „So? Und ich … gelt, ich hätt den guten Kerl machen dürfen, der sein Dachskopf drin lassen muss in der Fallen!“

   Statt aller Antwort lachte der Klammerer und entwickelte dazu das zwinkernde Spiel seiner Koboldaugen. Vor diesem Lachen verging dem Bohner der letzte Rest seines halben Ernstes. „Kalfakter, alter!“, knurrte er. „Aber wart, die Vergeltung bleibt dir net aus!“

   Und während das Lachen des Klammerers immer lustiger klang, ging der Bohner zur Türe und rief die Hauserin. Die musste die Küchenschränke plündern und die Flaschen ungezählt aus dem Keller holen. Was sie zusammenschleppte, wurde hinübergeschafft ins Lentnerhäuschen.

   „Ich tu’s net anders! Der richtige Verspruch muss heut noch ghalten werden! Denn was ich einmal will, das will ich ganz!“, erklärte der Bohner in stolzer Würde, als er den vergnügten Alten an seinem baumelnden Rockärmel mit sich fortzog über die Straße.

   Drüben in der kleinen, niederen Stube fanden sie ein glückliches Paar, und der Bohner konnte sich kaum des stammelnden Dankes erwehren, mit welchem Sabi und Vinzenz ihn überschütteten.

   Nun kam auch die Lentnerin zu Wort, und sie wollte die Hände des Bohners kaum mehr aus ihren kurzen, runden Fingern lassen. Diese Freude ging dem Bohner näher, als er vorerst zu zeigen gewillt war; doch als er einmal die beiden Verliebten mit dem Klammerer im Ofenwinkel zu einem kichernden Kleeblatt versammelt sah, fasste er die Lentnerin entschlossen bei den grauen Zöpfen und brummte: „No also … hab ich dir’s einmal recht gmacht, Rosl? Und schau, das is auch wieder ein Trost, dass an unsern Kindern nausgeht, was uns zwei net vermeint war! Also gelt, bist z’friedne, alte Bratschen! Und auf gute Freundschaft … da komm her … da gibst mir jetzt ein Bussl! Es is ja net ’s erste!“

   Die Lentnerin errötete bis unter die Haare und warf einen verlegenen Blick nach dem Ofen; und weil er genügende Deckung bot, griff sie herzhaft zu, und die beiden nahmen sich um den Hals und küssten sich, als wären sie noch der Sepp und die Rosl von Anno dazumal.

   Dann stapfte der Bohner auf den Tisch zu, öffnete Flasche um Flasche, und das erste Glas, das er leerte, galt der „ehrengeachteten Brautmutter“.

   Nun ging’s an ein Schmausen, Trinken und Lachen, dass Mitternacht lange vorüber war, bevor es einem dieser fünf in den Sinn kam, nach der Zeit zu fragen. Als der Aufbruch, den Vinzenz zu verzögern wusste, schließlich doch erfolgte, zeigte sich am Klammerer deutlich die „Vergeltung“, die der Bohner über ihn beschworen hatte: Man musste den Alten im Bohnerhof einquartieren, denn er hätte in dieser Nacht, so sternenhell sie war, den Weg zu seinem Waldhaus schwerlich mehr gefunden.

   Vinzenz räumte ihm sein eigenes Lager ein; und kaum sank der Alte in die Kissen, da fielen ihm schon die Augen zu, und er fing ein Schnarchen an, von dem ein Sägmüller hätte lernen können.

   „Ja, schnarkel nur zu!“, lachte Vinzenz. „Und lass dir den Schlaf heut schmecken! Heut beißt dich keins mehr von deine Teuferln!“

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