Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Gewitter im Mai

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Gewitter im Mai

   Wie schön das war: Dieses stille Rasten, fern von aller Unruh da draußen, nach langen Jahren wieder in der Heimat, an solchem Morgen, in der linden Maiensonne!

   Ohne sich zu regen, die gebräunten Hände im Schoß, an die weiß glänzende Mauer gelehnt, und wunschlos träumenden Glanz in den blauen Jünglingsaugen, saß er zwischen Tür und Fenster auf der Hausbank und trank mit tiefen, ruhigen Atemzügen alle Schönheit in sich, die der Mai seiner Heimat um ihn herschüttete.

   Über dem vorspringenden Hausdach, dessen Ränder sich in der Sonne wie goldflimmernde Linien vom zartblauen Himmel abhoben, zwitscherte ein Schwalbenpärchen, das vom Nestbau ein wenig ruhte. Lockende Finkenrufe klangen im Garten von den Ulmen her, deren weit gespannte Zweige schimmerig übersät waren mit den jungen Blättchen, mit tausend kleinen, blassgrünen Herzen, die sich zitternd sehnten, in die große Sommerfreude ihres kurzen Lebens hineinzuwachsen. Und manchmal hörte man einen süßen Amselschlag in der schwarzgrünen, von zahllosen jungen Trieben licht übersprenkelten Fichtenhecke, die wie eine hohe lebende Mauer den Hof und Garten des Forsthauses umzog, als wär’ das eine abgeschlossene Welt für sich. Alles, was über der Hecke draußen war, schien ferner zu sein, weil es halb versunken lag: Das ganze Dorf umher, die Nachbarhäuser, von denen man nur die rotbraunen Dächer mit den rauchenden Schornsteinen sah, die Kronen der blühenden Apfelbäume, die wie weiße Schneehügel über die Hecke hereinlugten und die breite, zierlich ausgezahnte Wipfelreihe des Waldes, der zwischen Dorf und Bergen das Tal erfüllte. Nur der Kirchturm streckte lang seinen roten Hals und guckte von oben herab über die Hecke her, wie ein Neugieriger, der alles sehen will.

   Und in weitem Kreis die ergrünenden Berge, über deren höchsten Wäldern und Felsen der Schnee noch lag, übergossen vom Duft des Morgens, eine blau erstarrte Riesenwoge neben der anderen – und je weiter sich die Höhen hinaus schwangen in die Ferne, umso blauer wurden sie, bis sie ganz mit dem Himmel verschwammen, als wäre das letzte Felsgewänd in durchsichtige Luft verwandelt.

   Rufende Stimmen klangen aus dem Dorf, Gebell der Hunde, Wagengerassel und der rastlose Hammerklang einer Schmiede, doch all diese Laute nur halb verständlich bei dem sanften Rauschen des jungen Laubes und bei dem spielenden Geplätscher, mit dem der glitzernde See seine kleinen, vom Morgenwind geschürten Wellen dicht vor der Hecke des Forsthauses an das kiesige Ufer spülte. Dieses gaukelnde Klingen der Wellen war wie die Trällerstimme eines Sängers, der sich bei schönem Wandern eines heiteren Liedes halb erinnert, immer wieder von vorne beginnt und das Ende nicht finden kann.

   Und der ganze, weite See schien trunken von Sonne. Das Spiel seiner Wellen war wie ein Zaubertanz von Millionen weißer Flämmchen. Jeden anderen hätte dieses Glitzern und Gleißen geblendet. Doch der lächelnde Träumer dort an der leuchtenden Mauer sah mit ruhigem Blick über all das strahlende Geflimmer hinaus. denn seine Augen waren gewöhnt an den brennenden Glanz des Wassers. Und da lachte er plötzlich auf, als hätte ihn irgendetwas belustigt – irgendetwas an diesem lieblichen Gezitter und Geglitzer, mit dem sich der See in die blaue Ferne dehnte.

   Die Handvoll Wasser da – und das Meer!

   Wieder lachte er.

   Dieses kindliche Getändel der kleinen Wellen – und der Taifun bei Madagaskar, gegen den sein schiff drei Tage hatte ringen müssen, bis es mit rasierten Masten unter dem Notsteuer den Hafen gewann! Und sieben Mann waren über Bord gegangen – mit ihnen sein bester Kamerad, Fritz Radspeeler, der Sohn eines Rostocker Reeders.

   „Min leiwer Jung!“

   Dem lachenden Träumer grub sich eine ernste Furche in die braune Stirn. Und während er hinausblickte über das sonnige Spiel der Wellen, stiegen die Bilder aller Gefahr vor ihm auf, die er überstanden hatte, da draußen in fernen Welten. Der Schiffbruch an der kalifornischen Küste – auf seiner ersten Fahrt als Leichtmatrose. Sieben Tage im Boot! Und nach der Rettung das gelbe Fieber. Und das Jahr darauf, als er schon die volle Heuer hatte, die Revolte im chinesischen Theater zu Hongkong – die tausend bezopften Zuschauer in schreiender Wut gegen die vier deutschen Jungen, die beim Anblick dieser absonderlichen Kunst ein bisschen lustig und übermütig wurden. Wollten sie nicht erschlagen werden, so mussten sie sich mit dem blanken Messer einen Weg bahnen! Und die Tigerjagd in Indien, auf die der Prinz den jungen Förstersohn als Büchsenspanner mitgenommen hatte! Als der angeschossene Tiger, gereizt durch die Feuerbrände und den Paukenlärm der Treiber, dem Elefanten, der den Prinzen trug, auf die Schulter sprang, da hatte es gegolten, in allem Aufruhr einen sicher treffenden Schuss zu tun! – Und im Garten der Navigationsschule jener böse Sturz vom Top des Flaggenmastes! Und dieses traurige halbe Jahr auf dem Krankenbett! Und die Freude der Genesung! Dazu noch der Stolz auf die goldene Borte, als ihn Fritze Radspeelers Vater als Dritten Offizier für die „Denderah“ angemustert hatte! Und gleich auf der ersten Fahrt wieder die furchtbarste aller Gefahren – jene grauenvolle Nacht im Kanal, auf brennendem Schiff…

   So stieg ein Bild um das andere vor ihm auf – doch alles mit gemildertem Schatten, alles in die linde Sonne dieses Morgens getaucht, der das vergangene Dunkel so schön und blau machte wie die Berge da draußen.

In verklärendem Glanz und mit heiterem Geflimmer, wie die spielenden Wellen im See, glitt alles an seinen Augen vorüber, was er erlebt hatte in diesen sieben Jahren, seit ein unüberwindlicher Widerwille gegen die Schulbank den Fünfzehnjährigen aus der Heimat fortgetrieben und dem Seemannsberuf zugeführt hatte. Und jetzt die stolze Freude: So heimzukehren, mit der Offiziersborte, als gemachter Mann, der einen schönen Lebensweg vor sich hat – und eine Stellung, die was trägt!

   Das hatte er sich geschworen: Nur so wieder heimzukehren. Und er hatte seinen Schwur gehalten – ob ihm das Heimweh in der Brust auch gebrannt hatte wie zehrendes Feuer!

   Und diese zitternde Erwartung während der langen Bahnfahrt! Von Rostock bis in die Berge, eine Nacht und einen ganzen Tag! Und dieses Gehämmer in seinem Herzen, dieses Glühen im Blut, als er am vergangenen Abend bei sinkender Dämmerung die dunkelblauen Gipfel der heimatlichen Berge unterschied! Und jetzt daheim! „Vater! Mutter!“ Wie schnell sich das machte, diese Versöhnung nach sieben Jahren, unter Lachen und Tränen! Und dann das Sitzen in der lieben Stube, deren weiße Mauern übergittert waren von den Schatten der Hirschgeweihe! Und all das Erzählen bis in die späte Nacht hinein – und alle mit großen Augen um den Tisch herum, die Eltern, der alte Forstwart und die neuen Jagdgehilfen, der weißhaarige Dekan und der Schulmeister, der vor Jahren am Förstner-Poldi seine dicksten Haselnussstecken entzwei gepredigt hatte. Und die wunderlichen Gesichter, die sie machten zu seinem Durcheinander von heimischem Dialekt und seemännischem Platt, das er sich an Bord von den Matrosen angewöhnt hatte! Das war das einzige, was dem Vater an seinem Buben nicht gefiel. „Ist alles recht“, meinte der Alte, „aber kein Vogel sollt das Gesangl vergessen, das er gelernt hat in seinem Nest!“ Da hatte sich Poldi alle Mühe gegeben, beim Erzählen die Sprache der Heimat wieder zu finden. Aber das wollte ihm nicht recht gelingen. Damals vor sieben Jahren, als er an Bord gekommen, hatten ihn die anderen wegen seiner heimatlichen Sprache immer gehänselt und hatten ihm, weil er so gerne von seiner Mutter redete, den Spitznamen „Muatterl“ gegeben, wobei sie das „u-a“ in die Länge zogen, als wär’s ein Gähnen. Um diesem Spott zu entgehen, der ihm oft die Tränen in die Augen trieb, hatte er seine Zunge gemartert, bis sie sich an das Platt der anderen zu gewöhnen begann. Und die jahrelange Gewohnheit dieses fremden Klanges sollte er nun in der ersten Stunde unter dem Dach seiner Eltern wieder abwerfen, weil sich der Vater ärgerte über diese Sprache, die er nur halb verstand, und weil die Mutter so wehmütig lächelte bei diesen fremden Lauten, die ihr nur an das Ohr klangen, doch nicht ins Herz. Ihr zuliebe plagte sich Poldi redlich die ganze Nacht bis zwei Uhr morgens, um wieder so reden zu lernen, wie er einst daheim als Bub geschwatzt und geplaudert hatte. Und wenn er langsam sprach, gelang es ihm auch. Doch wenn er beim Erzählen in Erregung geriet, dann rat ihm wider Willen das gewohnte Platt auf die Zunge, so dass die Mutter fragen musste: „Was, Bub? Was hast gesagt?“ Aber den frohen und zärtlichen Blick seiner Augen verstand sie leicht und ganz. Und wenn er sie mit solchen Augen ansah, fühlte sie auch in ihrem Herzen: Diese fremde Sprache, das ist nur ein äußerliches Ding, das hat mit seiner Liebe zu Mutter und Vater, mit seinem Festhalten and er Heimat nichts zu schaffen. „Bist halt doch mein Bub noch, gelt!“ Diese Erkenntnis machte sie wieder froh – und wie Poldi sich plagte, so zu reden, dass ihn die Mutter verstehen möchte, so gab die Mutter sich alle Mühe, ihren Buben so zu verstehen, wie er redete. Der Vater brummte und lachte dazu – und so löste sich für Poldi der unbehagliche Misston, der seine Rückkehr ins Elternhaus schon bedroht hatte, zu glücklicher Heiterkeit.

   Und dann dieser feste, gute Schlaf in dem Stübchen seiner Schulzeit, in dem alten Bett mit den geblumten Kissen!

   Und jetzt dieser zaubervolle Morgen! Und Urlaub für zwei herrliche Wochen! Nur rasten – nichts anderes wollte er – nur rasten, so recht von Herzen die Ruhe in der Heimat genießen, und die linde Sonne trinken, die Berge schauen, nur immer so sitzen wie jetzt!

   Wie schön das war! Dieses lächelnde Träumen unter dem leuchtenden Maienhimmel, wunschlos und fern von aller Unruh in der Welt da draußen, jede Minute wie ein ganzer Tag in stillen Herrlichkeiten!

   Auf dem Hausdach zwitscherte das Schwalbenpärchen. Doch plötzlich schwiegen die Zärtlichen und huschten unter den Vorsprung des Daches, wo das halbgebaute Nest an der Mauer hing.

   Ein Sperber war vom Wald her über das Haus geflattert.

   Auch in den Ulmen, in der Fichtenhecke, überall schwiegen die Vogelstimmen. Doch nicht lange. Nach einem Weilchen tönte schon wieder von allen Ecken das zärtliche Gepisper, das Locken und Schlagen.

   Aus dem offenen Hausflur klang die lebhaft heitere Stimme der Försterin, die sich in der Kühe um die Leibspeisen ihres Buben sorgte und der alten Köchin von Madagaskar erzählte, von den Elefanten auf Ceylon und von den indischen Tigern. Und in der Kanzlei, deren Fenster offen stand, brummte der Förster mit der Bäuerin, weil sie Waldstreu in einer jungen Schonung gerecht hatte. Ein doppelter Forstfrevel! Denn erstens ist das Streurechen im Frühjahr überhaupt schon ein Kapitalverbrechen am Wald, der im frischen Safttrieb und bei den gefährlichen Nachtfrösten seine sichere Bodenwärme braucht. „Dir tät’s auch nicht taugen, wenn du bei der ärgsten Kälten im warmen Bett liegst, und es reißt dir einer die Zudeck weg!“ Und zweitens gehört der Staatswald nicht den Bauern – und was einem andern gehört, das soll man in Ruh lassen! Diese alte Weisheit unterstrich der Förster mit so kräftigem Ton, dass der lächelnde Träumer, der draußen unter dem offenen Fenster saß, aus seinen schauenden Gedanken erwachte. Er tat einen Blick in die Runde und legte die Arme auseinander, als stünde der schöne, sonnige Frühlingsmorgen wie ein Glück vor ihm, das sich umarmen ließe.

   „Freilich, ja“, meinte die Bäuerin in der Kanzlei, „aber wenn die Kuh ihr Sach halt haben will! Und wenn’s schon so ist in der Welt, dass das Beste allweil einem andern gehört!“

   „So? Und da muss man gleich stehlen, meinst? Nette Grundsätz! Brav! Jetzt mach, dass du weiterkommst, gelt! Und sei froh, dass gestern mein Bub heimgekommen ist und dass ich eine Freud im Haus hab! Sonst tät ich die Anzeig machen, und du könntest für acht Tag ins Loch spazieren! Soll’s halt gut sein für heut! Punktum und Streusand drauf!“

   Die Bäuerin kam aus der Haustür, machte vor dem jungen Seemann ein Buckerl, als wär’s der hochwürdige Herr Dekan und sagte demütig: „Vergeltsgott, Herr Poldi, weil wieder daheim bist!“

   Poldi lachte, ohne den schlau vergnügten Blick zu gewahren, den die Bäuerin über das Kanzleifenster huschen ließ. Im Glanz dieses Morgens wurde alles für ihn zu traulicher Schönheit und die alte verschmitzte Walddiebin verwandelte sich in ein liebes, freundliches Menschenkind, mit dem sich herzlich und heiter schwatzen ließ.

   Dann wieder dieses wohlige Ruhen, dieses lächelnde Träumen, das trinkende Schauen über den glitzernden See hinaus und in die blauen Berge – bis ihm eine linde, schmeichelnde Hand über das lockende Blondhaar streifte.

   Die Mutter stand vor ihm, halb städtisch und halb wie eine Bäuerin gekleidet, mit der weißen Küchenschürze. Ihr Haar war grau, doch in der Sonne schien es noch blonden Schimmer zu haben. Keine alte Frau. Sie hatte kaum ein paar Jährchen über die Vierzig. Aber in ihrem Leben waren Jahre, die doppelt und dreifach zählten. Sieben Jahre des Harrens, sieben Jahre der Sorge um ihren Buben hatten sich mit scharfen Linien in ihr Gesicht geschrieben und ihre Augen schwermütig und ernst gemacht. Doch an diesem Morgen sah sie aus, als wäre ihr mit dem Sohn auch ein Stücklein der eigenen Jugend wieder zurückgekommen. Stolz und Freude glänzten ihr aus den Augen, und eine Zärtlichkeit wie mildes Feuer war in ihren Worten, als sie sagte: „Gelt, Bubele, daheim ist’s halt am schönsten?“

   Er nahm ihre Hände und sah mit glücklichem Lächeln an ihr hinauf. „Ja, Mutting!“ Doch er merkte gleich, dass sie das fremde Wort nicht gerne gehört hatte – und drückte ihre Hände an seine Wange. „Mutterl, mein gutes!“ Und nach einer Weile sagte er: „Weißt, meine Kameraden an Bord, wenn die von daheim so spraken hewwen … bei denen heißt es halt: Mutting: Dat is mi so im Ohr blewen. Und tausendmal hab’ ich es gesagt … so oft ich heim hab’ denken müssen.“

   Da strich sie ihm wieder mit der Hand übers Haar, zärtlich und langsam. „Sag halt, wie du magst! Ist der rechte Klang drin, schau, so ist jedes Wörtl gut.“ Sie setzte sich zu ihm au fide Bank und fing zu erzählen an, vom Haus, das man hatte umbauen müssen, weil der Regen überall durch das morsche Dach gegangen war – und vom Garten, der vor sieben Jahren ganz anders ausgesehen hatte wie heute. Die hohe Fichtenhecke war damals noch eine magere Reihe kleiner Pflanzen gewesen, junge Setzlinge hatten sich inzwischen zu schattenden Bäumchen ausgewachsen, und von den Ulmen des Gartens hatte man eine vierhundertjährige fällen müssen, denn die Jagdgehilfen hatten, um ihre Büchsen einzuschließen, eine Scheibe an den Stamm genagelt, und schließlich war der Baum mit Bleikugeln so gespickt, dass die Krone dürr wurde.

   Mit aufgeregtem Gesicht erschien die alte Köchin unter der Haustür: Die Frau Försterin möchte doch nachsehen, ob der Teig für den Äpfelstrudel dünn genug ausgezogen wäre.

   „Leg ein Zeitungsblättl drunter! Kann man durchlesen, so ist der Teig gut!“

   Aber besser war’s doch, wenn die Försterin selber Nachschau hielt; denn an dieses erste Mittagsmahl in der Heimat, an diesen Parademarsch aller Leibspeisen, sollte ihr Bub noch denken müssen „da hinten in Mexiko und da drüben in der Japanei!“

   Sie erhob sich und nahm den Blondkopf des Sohnes zwischen die Hände. „Lass dir halt die Zeit nicht lang werden, gelt! Ein Stündl muss ich schon in der Kuchl bleiben. Und der Vater hat Kanzleitag heut. Was tust denn derweil?“

   „So sitzen halt! Und schauen! Was Lieberes weiß ich mir nicht.“

   „Magst denn nicht ein bissl ins Dorf gehen?“ Sie meinte in ihrem glücklichen Stolz: Dass doch die Leut meinen Buben sehen! Aber sie sagte: „Dass doch schauen kannst, was deine Kameraden machen! Ja, Bub, die sind große Mannsbilder worden, alle! Dem Schulmeister der seinig! Und der Fischernaz! Und ’s Nagelschmieds Domini! Den, mein’ ich, freut’s am meisten. Schau, dem sind Vater und Mutter derweil gestorben.“

   „Geh!“ Er sagte viel mit diesem kurzen, bekümmerten Wörtchen. „Ja, Mutter, hast recht! Da möt ick hinschauen, zum Dom’ni! Und gleich!“

   Sie lief in den Hausflur und brachte ihm die Schirmmütze mit der Goldborte – ganz vorsichtig, zwischen den Fingerspitzen, trug sie dieses kostbare Ding. Und dann blieb sie in der flimmernden Morgensonne auf der Hausschwelle stehen und sah in ihrem Glück und Stolz dem Buben nach, der über den leuchtenden Kiesweg auf das Tor der Hecke zuging.

   Wie schmuck er aussah in seiner knapp sitzenden Seemannstracht, in der kurzen Jacke mit den blitzenden Goldknöpfen, die schimmernde Mützenborte um das Blondhaar! Das hübsche Gesicht, in dem sich heitere Gutmütigkeit seltsam mischte mit jenem strengen Ernst, den die Stunden dunkler Gefahr in junge Gesichter zeichnen, war von der Tropensonne so dunkel gebräunt, dass das Bärtchen auf der Lippe und der leicht gekräuselte Flaum der Wangen fast weiß erschienen. Etwas ruhig Wiegendes war in der Art, wie er sich hielt – der Schritt energisch, und doch der Gang ein wenig schwerfällig, wie man sich das an Bord eines rollenden Schiffes so angewöhnt.

   Als er an der Hecke das Gatter öffnete und auf die Straße trat, kam de rVater aus dem Haus und blieb neben der Mutter stehen – in brauner Lederjoppe mit dem goldenen Eichenlaub auf grünem Stehkragen, ein derbknochiger Mann, im groben Wetter der Berge gehärtet, mit grauem Vollbart, und über der furchigen Stirn einen dicken Haarschopf, der sich im Ärger der Kanzleistunden wie elektrisch gesträubt hatte. Dem Gesicht war es anzusehen, dass Beruf und Leben dem Förster Hohenleitner mehr Verdruss als Freude bereitet hatten. Aber das Vaterglück dieses Tages hatte auch in diesen müd verdrossenen Augen einen hellen, heiteren Schimmer geweckt.

   „Wo geht er denn hin?“

   „Ein bissl ins Dorf halt. Dem Domini Grüßgott sagen.“

   Poldi war schon auf der Straße verschwunden. Doch die beiden hörten noch seinen schritt und ließen die Augen in freudigem Betrachten über die Hecke hingleiten, als wäre sie durchsichtig. Und schmunzelnd legte Hohenleitner den Arm um den Hals seiner Frau: „Gelt, Mutter, jetzt hat’s der Herrgott halt doch mit unserem Buben noch gut und recht gemacht!“

   „Halt ja! … Freust dich, Xaverl?“

   „Und wie!“

   Sie schmiegten sich aneinander wie junge Liebesleute. Und lauschten. Dem vom Nachbarhaus herüber hörten sie die Stimmen, die ihren Buben begrüßten.

   Was das ein Aufsehen gab: Der Förstner-Poldi wieder daheim! Mit einer Goldborte! Wie der Bezirksamtmann am Fronleichnamstag!

   Poldi brauchte eine Stunde, bis er an den paar nächsten Häusern vorüber kam. Überall rannten die Leute an die Zäune und schwatzten mit ihm und wollten lgeich was erzählt bekommen. Und immer stand ein Häuflein Kinder um ihn her, die mit großen, staunenden Augen an ihm hinaufguckten, denn sie sahen nicht nur den Förstner-Poldi und die Goldborte, sie sahen ein riesenhaftes Schiff mit weißen Segeln, Wasserwogen wie Berge, Neger und Löwen, Haifische und Indianer.

   Auch in Poldi begann etwas zu erwachen, das der Märchenstimmung glich, die aus den Augen der Kinder leuchtete. Die Freude und Freundlichkeit, mit der ihn alle Leute begrüßten, wärmte sein Herz, und das Gefühl, dass er für das Dorf eine Hauptperson geworden, um die sich alles zu drehen anfing, weckte etwas wohlig Heißes in seinem Blut, einen heiteren glücklichen Stolz. Und wie die Augen der Kinder bei Poldis Anblick in märchenhafte Ferne schauten, so blickten seine eigenen Augen auf Schritt und Tritt zurück in die leiben Märchen der entschwundenen Kinderzeit.

   Da stand die Linde, in deren Gezweig er seine ersten Kletterversuche gemacht und sein erstes Höschen zerrissen hatte! Da standen die Apfelbäume, von denen er heimlich die verbotenen Früchte genascht – die erste Sünde seines Lebens. Das waren die Zäune, durch die er geschlüpft, die Wiesen, in deren kühlem Gras er gelegen, wenn ihm von Spiel und Lauf die Wangen glühten. Dieses schmale Sträßlein neben dem See, das war der Weg zur Schule, dieser raue Kriegspfad seiner Knabenzeit! Und am Ufer kannte er jeden Fleck – hier, in der kleinen Bucht hinter dem alten Badehäuschen, hatte er am liebsten mit der Angelrute gestanden – hier, wo das Wasser seicht wurde über weißem Kies, war er mit aufgestülptem Höschen an jedem Sommertag in den See gewatet, um die flachen Kiesel für seine Schleuder zu suchen, oder um das Schifflein, das er aus einer Borkenrinde geschnitten und mit weißen Lappen aufgetakelt hatte, in den Wind zu setzen für eine Fahrt, die immer mit einem Schiffbruch endete! Dort stand des Nagelschmieds Schiffhütte, das geheimnisvolle Paradies seiner Knabenfreuden, die „Räuberhöhle“ und „Festung“, die er mit seinem „Blutsbruder“ Domini gegen alle feindlichen Mächte siegreich verteidigt hatte. Und da drüben vor dem Garten des Altwirts schwamm das große Fährfloß, bei dem er das kleine Weber-Dorle aus dem Wasser gezogen hatte. Die Fähre war schon seit Jahren außer Dienst gestellt, denn Kielboote und Motoren vermittelten den gesteigerten Verkehr zwischen den Ufern – aber das alte Fährfloß mit den schwarzen, schlüpfrigen Balken schwamm noch immer im See.

   Auch sonst war vieles anders und neu geworden im Dorf. Die Häuser hatten sich verändert, um dem Geschmack der Städter zu dienen, fast an jedem Haus hing ein großer Zettel mit der Inschrift: „Sommerwohnung“ und „Fremdenzimmer“, neue Villen mit roten Ziegeldächern lugten zwischen den Baumkronen hervor, an der Seestraße entlang erhoben sich Stangen mit den Telefon- und Telegrafendrähten, und über alle Dächer hinaus ragten die plumpen, grün gestrichenen Masten der elektrischen Leitung.

   Den klugen Einfall, die gute und billige Wasserkraft der Ache für die Erzeugung elektrischen Lichtes nutzbar zu machen, hatte Nagelschmieds Domini gehabt. In einem langen, arbeitslosen Winter hatte der junge Bursch alles Eisenzeug für die Anlage und Leitung mit eigener Hand geschmiedet – und hatte seine Trauer um Vater und Mutter, die damals im Herbst gestorben waren, in das glühende Eisen hineingehämmert. Zuerst hatte man im Drof über den „neumodischen Planer“ gelacht – bis der Erfolg die Leute bekehrte. Nach drei Jahren waren alle Schulden, die Domini für die Anschaffung der Dynamomaschine hatte machen müssen, bis auf den letzten Heller abbezahlt. Und im vergangenen Winter hatte man den „Lichtschmied“, wie man ihn zu nennen anfing, in den Gemeinderat gewählt – der erste Fall, dass man einem ledigen Burschen so ernste Würde übertrug.

   Als sich Poldi auf dem Seesträßlein der Nagelschmiede näherte, aus deren Werkstätte der rastlose Schlag der Hämmer tönte, konnte er’s dem alten Haus auch von außen ansehen, dass unter dem Dach des Domini der Wohlstand einzukehren begann. Die Mauern waren frisch getüncht, Haustür und Fensterläden neu gestrichen, milchblau mit roten Linien und im Garten waren Taglöhner beschäftigt, um den Zaun zu bessern, die neu angelegten Wege zu bekiesen, Bäumchen zu setzen und die Beete umzugraben. Das Haus, das vor sieben Jahren ein verwahrloster und brüchiger Bau gewesen war, schien wie für ein neues, festliches Leben aufgeputzt, wie geschmückt für ein wartendes Glück, das seinen Einzug halten wollte! Und über seinem Dach die strahlende Sonne, der Himmel in seinem reinen Blau, um die Mauern her ein Kranz von blühenden Obstbäumen – und das alles spiegelte sich im See, der sich mit einer windstillen Bucht bis an den Zaun des Gartens heranbog.

   Zu der warmen Sonnenfreude, die der schöne Morgen in Poldis Herz hineingeleuchtet hatte, kam beim Anblick dieses verwandelten Hauses noch die Freude über das werdende Glück des Freundes, der ihm von allen Kameraden immer der liebste gewesen, obwohl sie im Alter um fünf Jahre auseinander waren.

   Er machte raschere Schritte, als könnte er den Augenblick nicht erwarten, in dem er die Hände des Freundes in den seinen halten und zu ihm sagen durfte: Gelt, Domini: Aus dir und mir ist was geworden! Jetzt hat ein jeder von uns sein gutes Glück in der Hand – aber das deinige ist das bessere, weil es daheim ist – das meinige liegt in der Welt da draußen!

   Schon wollte er von der Seestraße in den Fußweg einbiegen, der über eine mit Butterblumen gelb übersäte Wiese zur Nagelschmiede führte.

   Da ging ein junges Mädchen an ihm vorüber, das mit einem großen steinernen Henkelkrug vom Altwirt kam – eine Gestalt, so zierlich schlank, als wäre eine zarte Städterin in dieses grobe, mit wenig Kunst geschneiderte Wollkleid verwunschen. Der derbe, braun und blau karierte Stoff wollte sich nicht in Falten schmiegen und dennoch erkannte man die feinen Linien des jugendlichen Körpers, der sich unter dem Gewicht des schweren Kruges elastisch gegen den freien Arm zur Seite neigte. Ein weißes Kopftuch war offen um die Zöpfe geleg,t und unter dem Dächlein des Tuches lugte aus goldigem Schatten ein schmales, sanftes Gesichtchen hervor, mit rosigen Farben, mit spielenden Grübchen in den Wangen, ein freudig verlegenes Lächeln um den roten Mund und erregten Glanz in den nussbraunen Augen, über denen sich ein widerspenstiges Ringelchen des dunklen Haars in die weiße Stirn lockte.

   Sie zögerte ein wenig und machte kleinere Schritte, als möchte sie angesprochen werden – doch Poldi stand nur und schaute – und da wurde sie noch verlegener, grüßte ganz leise und ging vorüber.

   Er sah ihr nach. „Herr Gott, wat en smuckes Mäten!“ Das war ihm so auf die Lippen gekommen, er wusste nicht wie!

   Wer war das Mädel?

   Er meinte sie zu kennen – –

   Und jetzt stand sie da drüben still und sah sich um – nur ein wenig, mit halbem Gesicht, für einen flüchtigen Blick nur, dann ging sie hastig weiter und verschwand hinter einer Hecke, über deren grünen Saum ihr schimmerndes Kopftuch hinglitt wie ein silberweißes Täubchen, das über die Zweige trippelt.

   Wer war das Mädel?

   Immer suchte er in seiner Erinnerung und konnte dieses Gesichtchen nicht finden.

   War’s eine Fremde im Dorf? Und hatte ihre Neugier nur seinem blauen Tuch und der Goldborte an seiner Mütze gegolten?

   Warum aber war sie so seltsam verlegen? So merkwürdig erregt?

   „De möt mi kennen!“

   Er suchte und suchte – –

   Wie alt sie wohl sein möchte? Zwanzig? Oder neunzehn erst?

   Kannte sie ihn und war sie im Dorf daheim, so musste sie damals, als er die Heimat verlassen hatte, ein zwölfjähriges Dingelchen gewesen sein!

   Alle die Kindergesichter, an die er sich erinnerte, ließ er an seinem Blick vorüber gleiten – immer suchte und suchte er – – und als er in der Nagelschmiede unter die Tür der Werkstätte trat, hatte er völlig vergessen, dass er dem Domini sagen wollte: Aus dir und mir ist was geworden! Du und ich, von uns beiden hat jeder sein Glück in der Hand!

   Ganz verträumt, noch immer mit suchenden Augen, blickte er in den dämmerigen Raum mit den geschwärzten Mauern, die von der großen, Glut strahlenden Esse mehr Licht empfingen als von den kleinen Fenstern und der halb geöffneten Tür.

   Helles Klingen und hastiger Hammerschlag, dazu das schwere Fauchen des Blasbalges, der die Glut der Kohlen schürte, und das Sausen des Schwungrades, dessen Treibriemen durch zwei Mauerlöcher hinauslief in die Turbinenkammer. Und draußen das Rauschen und Geplätscher der Ache und der schütternde Lärm des Wasserwerkes.

   Alle Ecken des Raumes waren mit langen Eisenstangen angefüllt, und rings um die Mauern standen vier Gesellen vor den Nägelbänken, jeder bei einer kleinen Esse, jeder Gesell in der Linken das glühende Stabeisen und in der Rechten den rastlosen Hammer. Immer ein Dutzend flinker Schläge, und der fertige Nagel, noch ein wenig glühend, federte aus dem Kopfloch heraus und sprang in eine Eisenschale, um sich auszukühlen und geduldig abzuwarten, wem er dienen würde: Dem Tischler, der für ein junges Glück den Hausrat bosselt, oder dem Schreiner, der die Särge macht?

   Vor der großen Esse, aus deren Höhle der rote Glutschein leuchtete, stand ein mächtiger Amboss inmitten des Raumes. Ein Lehrbub hielt in langer Zange einen weiß glühenden Eisenklumpen und Domini, mit nackten, rußgeschwärzten Armen, in dunklem Wollhemd, eine blauleinene Überhose über dem Beinkleid und mit dem ledernen Schurzfell, schwang über dem glühenden Eisen den schweren Streckhammer. Bei jedem Schlag ging ein Sprühregen blitzender Funken nach allen Seiten aus; das war über dem Amboss wie das Bild einer Sonne, während an den Nagelbänken nur kleine Sterne aufloderten.

   Schweigend legte Poldi seine Hand auf die Schulter des jungen Schmiedes.

   Domini ließ den Hammer rasten und drehte den Kopf. Als er den Freund erkannte, nickte er und lachte – in seinem berußten Gesicht blinkten die weißen Zähne wie beim Lachen eines Negers. Und Domini schien einer von den Menschen zu sein, in denen die Freude langsam wächst. Die paar zögernden Worte, die er sagte, blieben unverständlich bei dem Hammerschlag der Gesellen und bei all dem Lärm, der in der Schmiede herrschte. Dann aber glänzte es in seinen Augen auf, und er machte eine Bewegung, wie um den Freund an die Brust zu schließen. Doch lachend sah er seine Hände und sein Schurzfell an – und weil nun auch von den Gesellen einer nach dem andern den Hammer ruhen ließ, um in Neugier den Gast und die Goldborte an seiner Mütze zu betrachten, konnte Poldi verstehen, wie Domini zu dem Lehrbuben sagte: „Tu das Eisen in die Glut!“ Lachend ging der Schmied auf einen Wasserbottich zu und begann die Hände und das Gesicht zu waschen.

   Alle Hämmer schwiegen. Nur der Blasbalg fauchte, mit Rauschen fuhr der Luftstrom durch die wachsende Glut der Esse und draußen brummte die Turbine.

   Domini trocknete sich mit einem Handtuch, das er wie ein Mensch, der an Ordnung gewöhnt ist, wieder an den Nagel hängte. Dann kam er auf Poldi zugegangen. Dabei sah man, dass er mit dem rechten Fuß ein wenig hinkte – vor zehn Jahren, als er bei seinem Vater in der Lehre gestanden, war einem Gesellen während der Arbeit der Stiel des Treckhammers entzweigebrochen, und das schwere Eisen hatte dem Buben das Schienbein zerschlagen. Ganz war der Schaden nicht wieder gut geworden – und Dominis Vater und die anderen im Dorf hatten damals gesagt: „Was der Bub ein Glück hat! Jetzt muss er nimmer Soldat werden und kann daheim bleiben!“

   Lachend streckte der Schmied dem jungen Seemann die beiden Hände hin. „Grüß dich, Poldi! Die Freud, dass du wieder daheim bist! Ich wär schon gestern Abend gern hinunter gekommen, Grüßgott sagen. aber weißt, ich hab zur Weberin hinauf müssen.“ Es war etwas Langsames in seiner Art zu reden. Als dächte er sich bei jedem Wort viel mehr als er sagte. „Und heut in der Früh hat die Arbeit wieder angehoben. Die Leut, die pressieren halt. Aber allweil ist mir’s fürgangen: Du kommst! Und Vergeltsgott halt, dass du denkt hast an mich! Gelt, bist mir noch allweil gut?“

   Poldi sagte kein Wort. Er lachte nur und drückte die Hand des Kameraden.

   „Aber geh, komm! Jetzt setzen wir uns ein bissl hinaus in die Sonn. Arbeit ist da wie Wasser beim Regen. Aber dir z’lieb leidet’s schon ein Feierstündl! Und draußen hast ein leichters Reden!“

   Als sie zur Türe gingen, drehte Domini das Gesicht nach den Gesellen zurück. „Machts weiter, Leut!“

   Wieder klangen die Hämmer.

   Die beiden traten hinaus in den Glanz der Sonne, in den Duft der blühenden Apfelbäume, in allen Maienzauber des schönen Morgens.

   „Wart ein bissl!“, sagte Domini und wischte sorgfältig mit dem Schurzfell die Hausbank ab. „Dass dir keinen schaden tust an deiner nobligen Montur … Herr Kapitän!“

   „Kapthein! So weit sind wi noch lang nich! Aber wat nich is, kann noch werden!“

   Nun lachten sie alle beide, Poldi über seine Kapitänswürde und Domini über die fremd klingende Sprache, die er da zu hören bekam.

   Eine Weile saßen sie schweigend auf der Bank, und einer saß dem anderen in die Augen. Und Poldi nickte, als gefiele ihm, was er sah. Denn er merkte gleich: Aus dem übermütigen Kameraden von einst war ein ruhiger und ernster Mensch geworden, der weiß, was er will im Leben, und der was vorwärts bringt.

   Domini ging ins achtundzwanzigste Jahr. Doch er sah älter aus. All diese Jahre der Arbeit und Sorge, bis der Erfolg erzwungen war, hatten sich mit einer Furche auf seine Stirn und mit Gewicht auf seine Schultern gelegt. Aber das war ein Buckel, der schon was tragen konnte – eine Gestalt, gesund und fest, als hätte sie was von dem Eisen angenommen, das diese Fäuste schmiedeten. Und dazu der richtige Mannskopf, nicht hübsch, und doch ein Kopf, den man gern betrachtete. Das braune Haar war kurz geschoren und das Gesicht rasiert, denn der Ruß einer Schmiede hängt sich in Haar und Bart, dass man den ganzen Tag zu waschen hätte und doch nicht sauber würde. Aber so ernst dieses glatte Gesicht auch war – wenn Domini lachte, bekamen seine harten Züge etwas Gutmütiges. Oder ging das von seinen Augen aus, die so klug zu schauen wussten und so hellen Schimmer hatten? Das waren die Augen eines Glücklichen, der die Freude seines Lebens gesichert weiß. Und dieser Glanz in seinen Augen wurde auch nicht trüb, als er sagte: „Gelt, einschichtig ist’s worden bei mir im Haus! Vater und Mutter sind nimmer da.“

   Poldi legte die Hand auf Dominis Arm. „Gott lat de ollen Lüt selig raun!“

   Ein tiefer Atemzug hob die breite Brust des jungen Schmiedes, obwohl er ganz ruhig sprach. „Unser Herrgott soll s’ selig haben! Sind gute Leut gewesen, der Vater und die Mutter! Und hart ist mir’s worden in der ersten Zeit, so einschichtig weiterzuhausen. Ein Trost, dass ich schaffen und würgen hab müssen wie ein Narr. Sonst wär mir ’s Häusl und ’s Geschäft auf der Gant hinuntergerutscht ins Wasser. Der Vater hat sich aufs Hausen nicht verstanden … weißt ja selber, wie er gewesen ist, so viel gut, jeder hat ihn anschmieren können … und auf die Leut, die ihm schuldig gewesen sind, hat er allweil vergessen. Wie ich’s Haus übernommen hab’, ist’s ein Elend gewesen vom Keller bis nauf ins Dach! Aber jetzt, Gottlob, jetzt geht’s aufwärts!“ Seine glänzenden Augen sahen über die blühenden Apfelbäume weg, als wäre da draußen in blauer Ferne etwas wundersam Schönes zu sehen. Dann lachte er plötzlich und fasste Poldis Hände. „Schau, so viel freut’s mich, dass wieder daheim bist! Aber geh, verzähl doch ein bissl! Wie hat’s dir denn allweil gangen? Und was bist denn jetzt? Ausschauen tust wie am Feiertag die goldige Herrgottsfreud in der Kirch! Und deine leiben Augen von unserer Bubenzeit, die hast noch allweil! … Aber geh, so red doch ein bissl!“

   Poldi begann zu erzählen. Zuerst wie einer, der an andere Dinge denkt. Aber Dominis Lachen verscheuchte schließlich diese seltsam verträumte Stimmung, so dass es bald ein lustiges Schwatzen zwischen den beiden wurde. Und ihre Sprache kam sich immer näher. Weil Domini das Platt nur halb verstand und immer „ausgedeutscht“ haben wollte, was der andere sagte, gab sich Poldi, wie am vergangenen Abend daheim, wieder alle Mühe, den Schnabel laufen zu lassen, wie er ihm einst in der Heimat gewachsen war. Und immer näher rückten die beiden aneinander, mit den Schultern wie mit den Herzen. Auch was sie sprachen, drängte vom weiten Meer da draußen und aus dem Gluthauch der Tropensonne in die Heimat zurück. Alle tollen Streiche ihrer Knabenzeit wurden aus der großen Schachtel der Erinnerung herausgekramt. Das gab ein so fröhliches Lachen, dass die Schmiedgesellen, die ihren Meister so lustig noch nie gesehen hatten, mit neugierigen Gesichtern durch die verstaubten Fenster der Werkstätte herausguckten.

   „Gelt, Domini?“ Poldi legte den Arm um den Hals des Kameraden. „Gelt, wir sind allweil die alten, wir zwei?“

   „Ja, Bub, da hast recht!“

   „Und jeden Tag komm ick ruf tau di…“

   „Ja, Bub, jeden Tag musst kommen … weißt, wann Feierabend ist! Oder ich komm zu dir ins Forsthaus nunter!“

   „Ich, nicks nich! Du musst schaffen! Aber ich hab Zeit! Ick komm tau di! Ich zu dir! Un da sollst mal seihn … pass auf Dom’ni, was für eine lustige Zeit das wird, solang ich im Urlaub bin!“

   Dann musste wieder der Domini erzählen. Der aber wollte lieber zeigen, als vom Erfolg seiner Arbeit schwatzen. „Geh, komm, meine Maschien, die musst dir anschauen! Und den Akkummelater! Der funkzaniert schon großartig!“

   Durch die Werkstätte gingen sie in einen Neubau, den Domini den „Lichtstadel“ nannte. Eine weiß getünchte Halle war’s, die Decke von zwei eisernen Säulen getragen. Hier stand die Dynamomaschine und sauste. Von den kupfernen Drahtbürsten, die auf der Leitungsrolle schleiften, stoben mit blauem Schein die elektrischen Funken auf. Und ein Geruch wie nach Essig erfüllte die Halle. der kam von den Akkumulatoren her, in deren großen Plattenkufen die Säure unter der Spannung des Stromes kochte.

   Umständlich, jeden Satz mit ein paar verstümmelten Fremdwörtern spickend, fing Domini zu erklären an, wie der elektrische Strom in der Maschine erzeugt und in den Akkumulatoren für den Gebrauch des Abends gesammelt würde, um in zehn Leitungsschlingen über das ganze Dorf zu laufen: „Unterdorf, Wechsel Nummero eins bis viere … Oberdorf, Wechsel Nummero eins bis sechse.“ Poldi verstand das alles vom Schiff her zur Genüge; aber er wollte dem Freund eine Freude machen, stellte sich neugierig und ließ sich belehren. Sah er doch, wie dem Domini der Stolz auf dieses Werk, das er zur Hälfte mit eigenen Händen geschaffen hatte, aus den Augen leuchtete und auf den Wangen brannte.

   Als sie den schmalen Gang zwischen den Plattenkufen durchschritten und Poldi sich schwatzend umdrehte, drückte ihm Domini ganz erschrocken die Arme an den Leib: „Jesus, Bub! Jetzt wärst mir aber schier mit dem Ellbogen an die Drähte ankommen! Du, da hättst dich schön auszahlen können!“

   Poldi lachte. „Ach je, so gefährlich is dat nich!“

   „So? Meinst?“ Domini wurde ganz ernst. „Das versteh ich besser, weißt! Da könnt einer hin sein! Der Elektri, der hat einen Kraft wie vierzehn Ross. Wenn da einmal die Verbindung da ist, schau, da geht’s wie mit der Lieb’ … da lasst’s nimmer aus! Und da braucht’s bloß ein einzg’s Rührerl an den richtigen Draht. Das ist mir allweil die ärgste Sorg, dass im Ort einmal was passieren könnt … weil d’ Leut halt so viel unverständig sind! Und ist ein Kurzschluss da, oder fehlt was an der Leitung, da renn ich allweil gleich wie ein Narr, dass alles wieder in Ordnung kommt.“ In seiner Sorge ließ er Poldis Arme nicht mehr aus den Händen und schob ihn zur Türe. „Machen wir lieber, dass wir nauskommen! Und weißt, mein Gartl, das musst auch noch ein bissl anschauen! Gelt?“

   Nun standen sie wieder draußen in der Sonne, in dem grünenden Garten hinter der Werkstätte und Poldi musste das Sommerhäuschen bewundern, das Domini an den Feierabenden der letzten Wochen gezimmert hatte, musste von jedem Beet, das die Taglöhner umgruben, die Blumen erfahren, die da wachsen sollten, und von jedem blühenden Apfelbaum die Sorte kennen, die da reifen würde. „Die Blüt könnt heuer nicht schöner sein!“, sagte Domini mit seinem glücklichen Lachen. „Und kommt mir kein Wetter und kein Reif mehr in die Blühzeit, so gibt’s ein Äpfeljahr heuer, wie schon lang keins gewesen ist! Freilich, heuer halt! … Wird schon wissen, der Herrgott, warum’s heuer gar so schön maiet!“ Als hätte er dem Freund ein Geheimnis anzuvertrauen, schlang er Poldis Arm unter den seinen und dämpfte die Stimme: „Komm, jetzt muss ich dir noch mein Stüberl zeigen!“

   Sie kamen durch eine kleine Küche in den Hausflur, in dem eine Magd die Dielen scheuerte, und traten in eine große, helle Stube. Die Wände blendend weiß, mit alten Geweihen und Bildern in neuen Rahmen. Auf den Fenstergesimsen standen Efeustöcke, deren Ranken man erst vor kurzer Zeit and en Mauern hinauf gebunden hatte, denn die Blätter trauerten noch ein wenig. Alle Möbel, in schmucken Formen aus Zirbenholz gefertigt, waren neu und glänzten im frischen Firnis. Eine allerliebste Stube! Nur etwas Kaltes hatte sie noch – es fehlte ihr die Behaglichkeit, die erst der Gebrauch einem Raum gibt. Aber reizend sah sie aus. Und Poldi hielt auch mit seinem Lob nicht zurück und setzte sich gleich gemütlich in einen Lehnstuhl, dessen naturfarbenes Leder noch kein Flecklein hatte.

   Ein bisschen erschrocken hatte Domini die Hand gestreckt, als möchte er hindern, dass sich Poldi niedersetzte. Aber dann lächelte er. „Du darfst sitzen da! Weil du’s bist, weißt! Ich selber hab mich noch nie in den Sessel gesetzt.“

   Poldi, der mit seinen fröhlichen Augen immer ind er Stube herumguckte, schien nicht zu hören, was Domini sagte. Und lachend meinte er: „Dat Stüwel sieht ja aus wie fertig zur Hochzeit! Dom’ni, da kannst heiraten, wann du magst. Alles ist da! Fahlt nur noch ’ne lütte, nette Frau!“

   Dem jungen Schmied fuhr es dunkelrot über das Gesicht. Dann kam er, mit strahlendem Glanz in den frohen Augen und doch mit verlegenem Lächeln, auf Poldi zugegangen und streifte ihm die Hand übers Haar, fast so zärtlich, wie es am Morgen die Mutter getan hatte. Und beugte sich nieder zu ihm und flüsterte: „Dir sag ich’s, Poldi! Du bist der einzig …“

   Draußen im Hausflur ließen sich schlorpende Tritte hören, und der Lehrbub machte die Tür auf. „Meister…“

   „Bleib draußen!“, rief ihm Domini zu. „Tragst mir ja den ganzen Kohlstau in die neue Stub herein! … Was ist denn schon wieder?“

   „Der Zimmermann ist da und will seine Bolzen haben. Der schimpft wie narrisch!“

   Und richtig, von der Werkstätte herüber hörte man eine scheltende Männerstimme.

   „Jesus Maria!“ Domini fuhr sich mit der Hand über den Scheitel. „Und recht hat er! Ich hab’s ihm versprochen auf zehne.“ Mit hastigen Schritten, bei denen er merklich hinkte, eilte er zur Stube hinaus.

   Poldi blieb im Lehnstuhl sitzen, um zu warten, bis Domini zurückkäme. Eine Weile sah er immer die geschlossene Tür an, guckte wieder im Stübchen herum und schwatzte mit heiterem Lachen vor sich hin: Jung, din Lewen is gaud un recht in de Schuling1!“

   Ein eigenes Haus, schmuck und fest, ein gutes Geschäft, ein freier Mensch – kann man’s besser haben im Leben? Zu jeder Stunde konnte der Domini sein Glück da herein tragen in die neue Stube! Und in Aussicht schien er auch schon was zu haben – so „’ne nette, lütte Frau!“

   Wer’s auch so haben könnte, dass man nur zu sagen braucht: Heut will ich glücklich sein! Oder morgen!

   Träumend blickte Poldi zum Fenster hinaus, durch das die Sonne vier goldgelbe Felder auf die weiße Tischplatte malte.

   Wer nur das Mädel sein mochte? Diese nussbraunen Augen schienen so vertraulich zu fragen: Kennst du mich denn nimmer?

   Das schoss ihm so durch den Kopf. Und plötzlich war er mit seinen Gedanken wieder Gott weiß wo! Weit draußen auf wogendem Meer! Und saß an der Reling des gleitenden Schiffes. Rings um ihn her die gaukelnden Bordlaternen mit ihren weißen, roten und grünen Lichtern – unter ihm das Rauschen der Kielwoge und draußen die Nacht, das schwarze Meer, die uferlose Ferne. Und wieder träumte er, was er hundertmal schon geträumt hatte: Ein kleines rotes Haus in grünem Garten, die Sonne drüber und am Fenster ein weißes, liebes Gesichtchen, mit Augen, die in Sehnsucht nach den silbernen Wölklein am blauen Himmel spähten und zu fragen schienen: „Hat er wohl gute Fahrt? Wann kommt er heim? Wann hab ich ihn wieder?“

   Die Sonne, die so warm und goldig durch die Fenster leuchtete, schien schwüle Luft in der Stube zu machen. Denn Poldi schob die Mütze zurück und schlug die Jacke auseinander, als möchte er’s ein bisschen luftiger haben. So heiß war ihm das Blut geworden.

   Er lachte. Aber das klang nicht heiter.

   „Ach jo, dat is doch Unsinn!“

   Ein Seemann – und ein Haus! Sein Haus ist das Schiff. Die Schwalbe hat Flügel und ein Haus hat die Schnecke. Und ein Seemann hat’s im Leben am leichtesten, wenn er allein bleibt! Oder ist das vielleicht ein Glück: Ein Weib haben, das ein halb Jahr einsam sitzen und trauern muss, um vier Wochen lachen zu dürfen, wenn der Mann daheim ist im Urlaub?

   Und es geht nicht jede Fahrt wieder heim, die hinausgeht. Da muss man stehen können auf dem Fleck seiner Pflicht, wie der deutsche Seemann sie versteht – und sterben – und lachen dazu – wie der Hanne Schmitt, sein Kapitän, damals bei dem Schiffbruch an der kalifornischen Küste! Der war ein lediger Mann gewesen. Aber hat einer Weib und Kind daheim, dem wird das Sterben hart und das Lachen noch härter. Einsam – so ist’s für den Seemann am besten, für alle Fälle. Seemannsglück – das heißt: An Land und in die fremde Stadt hinein und zum Abend ein Mädel in den Arm genommen, an das man am Morgen noch nicht dachte – und am nächsten Tag: „Adjüs, en annermal widder!“

   Das wird er wohl auch noch lernen können – so, wie’s die andern treiben. Die lachten ihn immer aus, wenn ihm die Schamröte ins Gesicht fuhr und wenn ihn der Ekel fasste – weil er meinte: Man muss doch eins lieb haben, um es an sein Herz zu reißen.

   Aber wer das Mädel nur sein mochte? Immer sah er diese braunen Augen wieder glänzen.

   „Ick will den Domini fragen…“

   Aber wo der Domini nur blieb? Das war doch schon eine halbe Stunde, dass Poldi so allein da in der Stube saß!

   Als er aufhorchte, konnte er von der Werkstatt herüber in all dem kleinen Hammerschlag auch den Klang des schweren Streckhammers hören.

   Er ging zur Türe, ging hinüber in die Werkstätte – und da stand der Domini vor dem Amboss und schlug auf das glühende Eisen los, das sich unter dem Strahlenkranz der aufsprühenden Funken zu einem jener langen Bolzen streckte, mit denen man die Dachsparren aneinander schraubt.

   Lachend klatschte Poldi dem jungen Schmied die Hand auf den Rücken. „Brav, min Jung! Din Hammer sleiht äwer gaud!“

   Erschrocken ließ Domini den Hammer sinken und das Gesicht brannte ihm vor Verlegenheit. „Jesus Maria! Vor lauter Arbeit hab ich jetzt ganz vergessen…“ Er wollte den Hammer fortlegen.

   Aber Poldi sagte lachend: „Nee! Slagg man tau! Arbeit geiht allem vör. Adjüs! Un hüt Abend komm runn tau mi! Denn wulln wi snaken mitnanner! Gelt?“ Und lachend ging er.

   Domini warf den Hammer fort, wusch die Hände und rannte in den Hof hinaus. Doch Poldi war schon weit auf der Wiese draußen. Und da reif ihm Domini durch die gehöhlten Hände nach: „Recht, ja auf ’n Abend komm ich nunter zu dir! Gelt?“

   Poldi wandte sich in der Sonne, die auf der offenen Wiese um ihn her war, winkte mit der Hand und lachte. Dann schritt er weiter, gegen das Oberdorf hinauf. Und immer wieder musste er vor sich hinkichern, weil der Domini vor lauter Arbeit völlig vergessen hatte, dass ein Gast in der neuen Stube war.

   Zwischen Wiesen ging er, zwischen Weißdornhecken und Bretterzäunen, zwischen Gärten und blühenden Apfelbäumen, hinter denen halb versteckt die Häuser lagen. Überall riefen ihn wieder die Leute an, freuten sich mit ihm und lachten über das „Auslandrische“ seiner Sprache. Doch Poldi ließ sich nur immer ein paar Minuten halten. Es ging schon auf elf Uhr und wenn er zu den Leibspeisen, die ihm nur noch ein halbes Stündchen für einen Besuch bei Schulmeisters Muckel. Der war ein Bildschnitzer geworden. Ob der wohl auch an einem Hirschkopf bosseln und dabei vergessen würde, dass der Poldi da war?

   „Jesses, jesses, der Försterpoldi1 Da ist er ja! Schau!“ Das rief eine alte, flink bewegliche Frau mit heiterem Gesicht unter den grauen, dünn gewordenen Zöpfen. Und in Freude kam sie auf die Hecke zugelaufen, an welcher Poldi gerade vorüberging. Es war die Wittib des Webers, der vor zehn Jahren bei einer Treibjagd verunglückt war. Poldi erkannte sie gleich. Denn die Weberin hatte sich in den sieben Jahren nicht viel verändert. So graue Haare hatte sie schon früher bekommen, gleich nach ihres Mannes Tod. Aber die verweinten Augen von damals waren wieder hell und heiter geworden. Und man sah es der Weberin auch sonst noch an, dass es ihr gut ging mit Haus und Geschäft – ein rundliches Frauerl und sauber gekleidet. Bei ihrem Anblick fiel dem Poldi auch gleich das kleine Dorle wieder ein, das er vor acht Jahren beim Fährfloß aus dem See gezogen. Da hatte er mit anderen Buben auf dem Floss geangelt und Kinder waren dabei gestanden, auch das elfjährige Dorle – und bei dem heftigen Ruck, mit dem die Fähre an das Floss gestoßen, hatte das Kind einen Purzelbaum ins Wasser gemacht. Die anderen Kinder waren im ersten schreck mit Geschrei davongelaufen – und bis der Schiffsknecht mit seiner Stange gekommen wäre, hätte das Dorle ertrinken können, wenn nicht Poldi dem Kind gleich nachgesprungen wäre. Aber der Knecht mit seiner Stange musste noch helfen, denn die Strömung des Wassers drohte den Buben, der selber schon zu schlucken anfing und doch das Dorle nicht aus den Armen ließ, unter die Floßbalken hinunterzuziehen.

   Da war’s nun freilich kein Wunder, dass die alte Weberin den jungen Seemann, dem sie das Leben ihres Mädels verdankte, mit solcher Freude begrüßte. Gar nicht zu Wort ließ sie ihn kommen. Über der Hecke hielt sie seine Hand gefangen, schwatzte und schwatzte, stellte eine Frage um die andere, ohne die Antwort abzuwarten – und wie sich Poldi auch sträubte, sie tat’s nicht anders: Er musste „auf ein Sprüngerl“ hereinkommen ins Haus, um ihr „die Ehr zu geben“ und ein „Stamperl“ von ihrem „Johannisbeerenen“ zu kosten.

   Inmitten eines mit Sorgfalt gepflegten Gärtchens stand das Weberhaus, die kleinen Fenster halb versunken hinter grünen Blumengittern, deren Stöcke zu blühen begannen. Aus einem Anbau hörte man das Geklapper der Webstühle und durch verstaubte Scheiben sah man undeutlich ein Gewirr beweglicher Latten und die Gestalten der Gesellen, die bei Schwung und Fang der Webspule hin und her wackelten, als hätten sie auf ihren Sesseln das Gleichgewicht verloren.

   Im Hausflur konnte man sich kaum umdrehen – so eng machten ihn die Hunderte von Garnbündeln, die an den Mauern entlang von hölzernen Zapfen herunterhingen, jedes Bündel mit einem Strick umschnürt, an dem ein hölzernes Täfelchen mit dem Namen des Eigentümers hing. Aus all diesen Garnen strömte ein starker Geruch, der an Öl und Blumen erinnerte.

   Doch in der Stube merkte man ihn nimmer. Da dufteten nur die Blumen, die überall im Licht der Fenster standen. Ein Stübchen, so nieder, dass Poldi mit dem Scheitel fast an die Decke reichte. Und wie ein Kramladen der Gemütlichkeit war’s. Jedes Flecklein an der Wand, jedes Winkelchen der Mauern mit irgendeinem freundlichen Tand geschmückt und angeräumt: Klein gebosselte Kirchen und Almhütten, Wetterhäuschen und Holzfigürchen, Rehgeweihe und kleine Ehrenscheiben von Zimmerstutzen schießen, Heiligenbilder und Reliquienkästchen, bunte Ämpelchen und kleine Zinnleuchter – und an einem Balken, der unter der Decke durchlief, waren ein altes Gewehr und ein Revolver festgenagelt: Erinnerungen an den Vater. Hinter dem grünen Kachelofen stand ein Ledersofa und um die beiden Fensterwände lief eine abgewetzte Holzbank. An allem Gerät war der weiße Anstrich vor Alter schon gelb geworden, die Farben der auf die Schranktüren gemalten Blumen und Herzen waren schon verblichen. Doch so gemütlich war alles! So sauber! Die blank gescheuerten Dielen in die Kreuz und Quer mit Läufern aus grauem Leinen belegt. Und nicht nur ein Stübchen war das – zugleich auch ein Vogelheim und ein Wintergarten. denn von den Fenstern zog sich alter, großblättriger Efeu über die ganze Stube hin. Allen Schmuck der Mauern, die Gesimse der Kästen, alles Gebälk der Decke hatte er umsponnen und schickte von oben, wie grüne Fransen, Hunderte von jungen Trieben herab, die sich alle sehnsüchtig nach dem Licht der kleinen Fenster streckten. Und überall in den Lauben des Efeus hingen kleine Vogelkäfige, an die zwanzig, mit Kanarienvögeln, Meisen, Finken, Schwarzblättchen und Grasmücken – und das war ein Gezwitscher und Gepisper, ein Getriller und Geschmetter, als wäre der ganze Liederfrühling eines großen Waldes hereingeflattert in die kleine Stube da.

   „Herr Jeking“, sagte Poldi und bückte sich ein wenig, weil ihn die von der Decke niederhängenden Efeutriebe an der Stirne kitzelten, „dat Stüwel is jo as en lüttes leiwes Wunner!“ Augen machte er, als hätte ihm das freundliche Märchen dieses kleinen Lebens einen warmen, träumerischen Hauch ins Herz geatmet.

   Die Weberin hatte seine Worte zur halb verstanden und fragte mit lustiger Neugier: „Was ist mein Stüberl?“

   „Ein liebes, kleines Wunder.“

   Lachend legte die alte Frau ihre Hände über die Schürze. „Gelt ja! ’s Dorle halt, weißt! Das Mädel ist wie ein Spatz, der alles ins Nestl tragt. Allbot bringt sie was daher und hängt’s in der Stuben auf, bald ein Bildl und bald wieder ein Vögerl. Oft krieg ich völlig Kopfweh vor lauter Pfeiferei da herin! Aber was will ich denn machen? Wenn ’s Dorle halt ihr Freud dran hat!“

   Da schlug die alte Standuhr hinter dem Ofen mit feinem und raschem Glockenschlag die elfte Stunde. Ein Spielwerk setzte ein und zwitscherte in leisen Klängen irgendein längst vergessenes Liedchen aus der Großmutterzeit. Ein paar Augenblicke schwiegen die Vögel in ihren Käfigen – und dann, als wäre der Klang der Spieluhr ein Kommando für sie, erhoben sie plötzlich alle zusammen ein lautes Trillern und Geschmetter. Bei diesem Klang und Gang und Gezwitscher wurde die Stubentür geöffnet und auf der Schwelle stand das junge Mädchen, dad drunten am See mit dem schweren Krug an Poldi vorübergegangen war. Wieder glühte ihr schmales Gesichtchen vor Verlegenheit, auf ihren Wangen spielten die rosigen Grübchen und wieder war in ihren braunen Augen dieser erregte Glanz der Freude. Zwischen den Händen heilt sie einen kleinen Rosenstock, dem sie frische Erde gegeben hatte – und weil sie nicht wusste, wohin sie, um nur flink die Hände freizubekommen, den Blumentopf stellen sollte, machte sei ein paar so unbeholfene Bewegungen, dass die Mutter laut zu lachen begann.

   Aber Poldi lachte nicht mit. Er machte Augen, als hätte sich nun wirklich das ganze Stübchen in ein liebliches Wunder für ihn verwandelt. Er schüttelte den Kopf, als könnte er’s gar nicht begreifen: Wie das möglich war, dass er sie nicht gleich erkannt hatte, auf den ersten Blick? Langsam die Hände streckend, kam er auf Dorle zugegangen. In wachsender Verlegenheit und Freude tat sie ihm ein Schrittlein entgegen, stellte hurtig der Mutter den Blumenstock auf die Arme und fuhr mit den zitternden Händen über die Schürze hinunter.

   Nun hielt er sie fest und drückte ihre Hände, dass sie vor Schmerz ein wenig zuckte – und stand vor ihr und schaute sie immer an, mit großen Augen, lächelnd. Und so leise, dass man bei dem lauten Getriller der Vögel und bei dem Klang der Spieluhr kaum seine Stimme hörte, sagte er: „Weiß Gott, dat Kind is in de Jahren kamen … un wir ick eins nich in ’t Water sprungen, so wir de Welt um wat Leiwes ärmer!“

   Dorle und die Weberin hatten kein Wort verstandne. Aber wie Poldi, so dachten auch die beiden an das Fährfloß drunten im See. Und die Mutter puffte das Dorle, weil es noch immer nicht reden konnte, lachend an die Schulter. „So geh, du Dschaperl! So red doch ein Wörtl! Jetzt ist er doch da! Die ganzen Jahr her hast dir’s allweil gewunschen, dass ihm dein Vergeltswort fürs Leben sagen könntest einmal! Und seit vom Altwirt daheim bist, allweil hast geredt davon! Und jetzt stehst da und machst den Schnabel zu wie’s Zeiserl, wann der Schnee fallt! So red doch! Und sag’s ihm!“

   Zögernd, in ihrer scheuen Freude, sah Dorle an dem jungen Seemann hinauf und lispelte: „Vergeltsgott halt!“ Wie glücklich sie war, wie sie sich ihres geretteten Lebens freute, ihrer blühenden Jugend und dieser Stunde – das alles sagte sie ihm mit diesem kleinen Wort.

   Die Spieluhr schwieg, in dem alten Gehäuse tat’s einen leisen Knax, als wäre eine Feder eingeschnappt. Die Vögel wurden still und nur ein Schwarzblättchen zwitscherte noch schüchtern, während man aus den anderen Käfigen ein hurtiges Klipp und Klapp vernahm, wenn die stumm gewordenen Sänger von einem Stäbchen zum andern hüpften.

   Poldi hatte Dorles Hände aus den seinen gelassen und die Mütze mit der Goldborte auf die Bank gelegt. Dann standen die beiden wieder voreinander, sahen sich lächelnd an, als möchte jedes in den Augen des anderen die vergangenen Zeiten finden. Aber so stumm sie auch waren, diese zwei – es ging doch kein Engel durch die Stube, denn die Weberin schwatzte lustig drauf los, während sie aus einem Schrank die Flasche mit dem „Johannisbeerenen“ und drei kleine, dicke Gläschen hervorholte. Dann brachte sie noch einen geblumten Teller mit dünn geschnittenem Gugelhupf – nun saßen sie alle drei um den Tisch herum – und da wurde Poldi plötzlich so gesprächig, als hätte er von den Gläschen, die eben erst voll geschenkt wurden, schon eines über den Durst getrunken.

   Dorle, deren Wangen immer heißer glühten, lauschte mit erregten Augen, weil sie von allem, was Poldi plauderte, kaum das zehnte Wort verstand.

   „So“, sagte die Weberin und stellte die Flasche nieder, „jetzt trinken wir eins zum lustigen Grüßgott!“

   Da gab’s auch wirklich gleich ein heiteres Lachen, denn ehe man die Gläschen heben konnte, musste man den Kopf ducken und was absaugen – die Weberin hatte es mit dem Einschenken so gut gemeint, dass sich in jedem Gläschen von dem roten Likör noch ein Buckelchen über den Rand erhob.

   „Zum Wohlsein!“, lispelte Dorle, und ihre Augen glänzten.

   Sie stießen an – aber die kleinen, dicken Dinger aus grobem Pressglas hatten keinen Klang. Und beim Trinken hätte sich Poldi fast „verschluckt“, weil er lachen musste – denn als er den Kopf zurückneigte, um das Gläschen zu stürzen, sah er über dem Tisch an der Stubendecke, halb versteckt zwischen den hängenden Efeuranken, die Glasbirne des elektrischen Lichtes. Mit jäher Komik hatte dieser Gegensatz auf ihn gewirkt: Das Stübchen des Dorle – und Edisons Erfindergeist! Hüben und drüben – die alte Welt und die neue! Wie das zusammenkommt! Und während er so erheitert zu der gläsernen Birne hinauflachte, fiel ihm noch was anderes ein: Dass aus Dorles Stübchen ein Draht hinüber lief in die „Lichtschmiede“ – er brauchte nur in die Leitung da an der Wand zu greifen und einen festen ruck zu machen – dann gab’s eine Störung in der „Verbindung“ und der Domini würde „wie ein Narr“ gelaufen kommen, um ein Unglück zu verhüten.

   „Gelt, jetzt haben wir ’s Elektri!“, sagte die Weberin. „Wir haben’s billig, weißt! Sonst wär ich beim Petroli blieben. Aber kamod ist der Elektri, ja, gar arg kamod! Bloß ein Druckerl därfst machen!“ Sie griff in die Fensternische und drehte den schwarzen Knopf der Leitung. „Da schau, jetzt brennt’s.“

   Beim hellen Sonnenschein des Mittags merkte man freilich nicht viel davon. Nur die matt geschliffene Glasbirne bekam einen gelben Schein als wäre sie vergoldet, im Gewirr der Efeuranken hellten sich die Schatten auf, und dem Dorle, das plötzlich so seltsam nachdenklich wurde, fiel ein Schimmer über das braune Haar.

   „Ja, ja, kamod ist der Elektri schon!“ Die Weberin drehte das Licht wieder ab. „Und der Efeu wachst auch viel besser, derzeit er auf’n Abend allweil das schöne Licht hat an der Decken droben… ’s Petroli hat er gar nicht gut vertragen. Mein, so ein Pflanzl ist halt grad so wie der Mensch. ’s Bessere gefallt ihm allweil gleich, da braucht’s nicht viel!“ Sie schenkte das Gläschen wieder voll, das Poldi geleert hatte. „Gelt, gut ist er, mein Johannisbeerener? Ja, du, den hab ich selber angesetzt. Der Domini trinkt ihn auch allweil gern.“ Lachend schob sie ihm das Gläschen hin. „So! Und jetzt musst uns aber auch ein bissl was verzählen! ’s Dorle ist eh schon ganz stad geworden … die möcht halt was hören, weißt!“

   Langsam griff er über den Tisch hinüber, fasste Dorles Hand und lächelnd, mit seinen leuchtenden Augen, sah er das Mädchen an.

   Sie zuckte ein wenig, als möchte sie ihm die Hand entziehen – aber sie tat es nicht. Und ganz rot wurde sie, bis unter die Haare hinauf.

   Lachend fragte er, ob sich das Dorle wohl denken könnte, wann er draußen in der Welt zum ersten Mal an sie gedacht hätte! Das wäre auf seiner zweiten Fahrt als Schiffsjunge gewesen. Da hätte ihn bei grober See eine Sturzwelle über Bord gespült. Damals wäre er noch kein sonderlicher Schwimmer gewesen – und mitten im ersten Schreck, als es ihn hinunterriss in das tosende Gesprudel, wäre ihm völlig spaßhaft der Gedanke durch den Kopf gefahren: Jetzt könnte er auch so einen brauchen, wie vor Jahren das Dorle, einen, der hurtig nachspringt!

   Bei dem halben Platt, das er redete, verstand sie nicht gleich und sah ihn erst eine Weile an, bis sie den Sinn seiner Worte fasste. Dann wurde sie ganz bleich und klammerte ihre Hand um die seine, als wäre nun wirklich an ihr die Reihe, zu helfen.

   Heiter lachte er über den schreck, den er aus ihren Augen las – und erzählte, wie ihm beim Auftauchen die Rettungsleine vor die Nase geflogen wäre, und wie sie ihn nach dieser ersten Seetaufe glücklich wieder heraufgelotst hätten an Bord des Schiffes, wo er nach dem schreck auch noch den Spott zu überstehen hatte.

   Da atmete sie auf und lachte mit.

   Wie man einem Kind erzählt, so schwatzte er weiter, von allerlei gruseligen Dingen, von Haifischen und Wasserhosen, vom Klabautermännlein und vom Seegespenst, von Tigern und Paradiesvögeln, von den gelben Chinesen und vom ersten Indianer, den er gesehen – der wäre aber nicht im Schmuck der Adlerfedern auf dem Kriegspfad gewandelt, sondern hätte einen schwarzen Frack mit weißer Krawatte getragen und wäre Kellner in einem Hafencafé gewesen.

   Dem Dorle wurde ganz heiß vor Staunen und Aufregung über all die exotischen Dinge, die da aus blauer Weltenferne hereinspazierten in das kleine, grüne Stübchen der Weberin.

   Und weil das Dorle immer wieder fragen musste, wenn sie nicht verstand, gab sich Poldi alle Mühe, das Platt zu vermeiden und den Dialekt der Heimat zu schwatzen. Und weil er sah, wie sie sich ängstigte und ganz verstörte Augen bekam, wenn er von schweren Gefahren und harten Stunden erzählte, wollte er sie nimmer quälen und begann ein lustiges Erlebnis nach dem anderen auszukramen. Als hätte die Stunde in diesem grünen Stübchen ein heißes Feuer in ihm entzündet, so sprudelte er von übermütiger Laune. Die Weberin lachte, dass sie immer wieder die Tränen von ihren Backen wischen musste – das Dorle wurde so seelenvergnügt, als hätte sie süßen Wein getrunken, und wenn die drei so lustig zusammen kicherten, glaubten auch die Vögel in ihren Käfigen zu dieser Heiterkeit was beitragen zu müssen und erhoben ein Pfeifen und Trillern, dass die Weberin ein paar Mal mit der Faust auf den Tisch klopfte und lachend rief: „Kreuz Teixel! So seids doch stad da droben! Man hört ja schon bald sein eigens Wörtl nimmer!“ Dann schwiegen die Vögel. Doch wenn nun den Tisch das Lachen wieder begann, ging auch in den Käfigen das Getriller wieder los.

   Noch mehr als Dorle und die Mutter über Poldis lustige Geschichten, lachten Poldi und Dorle über die drolligen Fragen der Weberin. Alles mögliche und unmögliche wollte sie wissen, und ganz besonders interessierte sie sich für alles Weibliche in der fernen Welt da draußen. Ob es denn wirklich wahr wäre, dass die Buschweiber ihren ganzen Hausrat in der Frisur umhertrügen? Und dass die Chinesinnen ihre „Fußerln“ zustutzten, wie die Schulkinder den Griffel? Und dass die Japanerinnen so feine „Halserln“ hätten, dass sie immer nur ein einziges Reiskorn schlucken könnten – und auch das nur ganz weich gekocht?

   Natürlich! Das wäre alles wahr, so wahr wie das Gelbe vom Ei! Und ganz andere Dinge könnte man in der Fremde noch sehen! Und von allen Frauenzimmern da draußen und da drunten die allermerkwürdigsten, das wären die Gockelfrauen von Lugalonien. Die kämen mit einem Gockelschweif auf die Welt, den sie ganz an derselben Stelle hätten, wo der Henne die längsten Federn wachsen. Und dieser nützliche Federbusch wäre ihr Um und Auf für das ganze Leben. Ist es heiß, so haben sie gleich einen Fächer, mit dem sie sich kühlen können. Wird das Wetter nass, so machen sie mit den Federn ein Rad und schlagen es von rückwärts als Regenschirm über den Kopf herauf. Unter der Woche kehren sie mit ihrem Gockelbusch die Stuben aus, und immer für den Sonntag wird ein Federl ausgerissen, schön gekräuselt und ins Haar gesteckt.

   Die Weberin schien nicht recht zu wissen, ob sie lachen oder staunen sollte. Aber schließlich hielt sie doch das Lachen für das Richtige – und Dorle, unter lustigem Gekicher, gab dem Poldi einen leichten Schlag auf die Hand und schmollte: „Geh! Du! Gar so blau darfst die Mutter nicht anlaufen lassen!“

   „Ah, so einer! Wie der einen anlugt!“ Die Weberin konnte vor Lachen kaum reden. „So einer! Den schau mir an! Und wer weiß, was er alles verzählen könnt von die Weiberleut da draußen … wann er bei der Wahrheit bleiben möcht! Weiß der Kuckuck, wo er überall in der Welt umeinander so ein Schatzerl sitzen hat, so ein heimliches, von dem er nicht gern verzählt! Gelt, ja?“

   Halb noch lächelnd, doch mit ernsten Augen sah Dorle zu Poldi auf. Der lachte und schüttelte den Kopf.

   „No ja“, meinte die Weberin, „von die Kohlrappenschwarzen wirst dir freilich keine ausgesucht haben. Und von die Gockeljumpfern hat dir wohl auch keine dein Herzel gestohlen. Aber in der Welt draußt, mein’ ich, gibt’s viel Mütter, die liebe Kinder haben? Gelt, jetzt lachst?“

   „Nee, Mutter Wewerin…“

   „Ja ja, wirst schon bei einer so ein kleines Herzzipferl lassen haben … bei so einer amerikanischen Millanärin … oder bei so einer englischen Miss Weryfein Buckskin?

   „Nee, Mutter Wewerin! Mir hat noch nie ein Mädel gefallen“, sagte Poldi mit Lachen. Dann sah er das Dorle an. „Noch nie?“ Seine Augen leuchteten. „Nee, Dorle, dat kann ich hüt nümmer seggen.“ Immer, wenn etwas tief aus ihm herauskam, fiel er wider Willen in die Sprache, an die er gewöhnt war seit sieben Jahren.

   Dorle hatte seine Worte nur halb verstandne. Doch ganz verstand sie seinen Blick, und da schoss ihr das Blut mit heißer Welle ins Gesicht.

   Sie blieben still, die beiden – und während die Weberin noch immer über die Miss Weryfein Buckskin zu lachen hatte, ging die Tür auf und der Förster trat in die Stube. „Richtig! Da bist du ja!“, sagte er mit einer Lustigkeit, aus der es ein bisschen wie Ärger brummte. „Bub, denkst denn nimmer an die Mutter? Es ist ja schon bald zwölfe, und die Mutter daheim verzwagelt aus lauter Angst um ihren Äpfelstrudel!“

   „Herr Jeking!“, lachte Poldi und schob sich aus der Bank heraus.

   Nun gab’s einen flinken Abschied. And ie Weberin, die mit dem Förster zu schwatzen anfing, dachte Poldi gar nicht mehr. Nur dem Dorle reichte er die Hand, tauchte den Blick in ihre seltsam scheuen Augen und sagte: „Adjüs, Dorle!“ Er zögerte ein wenig, um nach Worten zu suchen, die sie verstand. „Ich komm blad wieder, gelt? Morgen ist Sonntag…“

   Da fuhr ihm der Vater in die Rede. „Tu mir den Gefallen, Bub, und versprich nichts für morgen! Weißt, morgen wird’s Leut geben bei uns. Und die Mutter will dich auch ein bissl haben. Dein Urlaub wird geschwinder vorbei sein, als man’s denkt. Und jetzt komm! Sonnst brennt deiner Mutter der Äpfelstrudel an!“

   Bei der Türe konnte Poldi dem Dorle noch zuflüstern: „Übermorgen!“ Dann schritt er mit dem Vater aus dem engen, dunklen Flur hinaus in die Mittagssonne. Als er sich noch einmal umguckte mit seinen leuchtenden Augen, sah er zwischen den Blumenzweigen des kleinen Fensters etwas Weißes, als wär’s ein Gesichtchen, das sich verstecken wollte. Und im Flur hörte er einen der Webergesellen mit unwilliger Stimme fragen: „Was ist denn, Meiterin? Die Leut warten aufs Essen!“ Halb verständlich hörte man die Weberin noch jammern: „Jesses, jesses, ganz versaumt haben wir uns! Dorle! Jetzt aber flink…“

   Da fing der Vater zu reden an, während sie durch den Garten hinausgingen zur Straße: Dass die Mutter schon um elf Uhr „das Aufgeregte bekommen“ hätte, und dass er schon beim Domini und beim Lehrer gewesen wäre, um den Buben zu suchen.

   Poldi nickte zu allem, was der Vater sagte, und blickte mit heiter träumenden Augen von der Wiesenhöhe über den glitzernden See und über das grüne Tal hinaus. Das schien im Glanz des Mittags in die Breite gewachsen, denn der flimmernde Sonnenduft ließ die Berge ferner erscheinen, weil alle Schatten in diesem goldblauen Schimmer ihre Schärfe verloren.

   Ein leichter Windhauch hatte sich erhoben und trug die kleinen, schneeigen Blättchen der Apfelblüte spielend über die Hecken hin.

   „Vater! Wie schön das ist!“

   „Was denn?“

   „Alles … bei uns daheim! Schau, Vadder, ick heww, schau, ich hab doch den ewigen Sommer in den Tropen gesehen. Aber schöner ist mir die Welt noch nie gewesen als heut … so bei uns daheim … so im Maien, weißt!“

   „Hast recht, Bub! So was wird wohl schön sein! Und gottlob, dass man wieder Frühjahr hat! Sechs Monat Bergwinter, das ist harte Zeit!“

   Da klang eine Stimme aus den Lüften: „So, Herr Förstner? Habts ihn gefunden, den Poldi?“

   Hohenleitner guckte ins Blaue hinauf. „Jetzt weiß ich nicht, hat der Heilige Geist geredt, oder…“ Er lachte. „Natürlich, da hockt er schon wieder droben auf der Lichtstang!“

   Domini, mit den sichelförmigen Klettereisen an den Schuhen, saß ganz zuoberst auf einem Mast der elektrischen Leitung, die quer über die Straße ging und hantierte mit einer Zange am Draht.

   „Fehlt schon wieder was?“, fragte der Förster.

   „Ja, der Draht hat ein bissl nachlassen. Und da hab ich ihn lieber gleich wieder gestreckt, eh dass er mir reißt. Einen andern lass ich nicht gern über so was … da mach ich’s schon lieber selber. Könnt leicht ein Unglück passieren mit ’m Elektri, wo der Draht über d’ Straßen lauft! Aber ist schon wieder alls in der Ordnung!“

   Domini schob die Zange in eine Ledertasche, die er um die Hüften geschnallt trug und stieg, mit den Klettereisen greifend, vorsichtig den Mast herunter.

   „Wie ein Krebs schaut er aus, der d’ Schaaren an die Füß hat!“, sagte der Förster lachend und ging davon.

   Poldi wollte dem Vater folgen. Aber da rief ihm der Lichtschmied zu: „Geh, wart ein bissl!“ Er kam zu Boden. Wegen der sichelförmigen Eisen, die er an den Schuhen hatte, musste er mit weit gespreizten Füßen gehen. Das sah so drollig aus, dass Poldi lachen musste. Und Domini lachte mit. „Gelt, mit die Eisen marschiert man schlecht!“ Er streckte dem jungen Seemann die Hand hin und sagte herzlich: „Bist mir harb, Poldi?“

   „Harb? Warum?“

   „Weil ich heut in der Früh vor lauter Arbeit vergessen hab, dass du in der Stuben bist?“

   „Nee, Dom’ni! Dat makt nix nich! Dat lat man sin!“

   Domini zog die Brauen zusammen, als müsste er schärfer horchen: „Was meinst?“

   „Das ist schon lang verschmerzt!“ Poldi lachte. „Und das ist ganz gut gewesen, so! Hättest du nicht vergessen auf mich, so wär ich noch lang bei dir blewen …“ er sah die Schulter zurück, „u nick hadd nich funnen, wat ick funnen heww.“

   Aufmerksam sah Domini in Poldis Gesicht. Und lächelte. „Was hast denn, Bub? Augen machst, so glanzig, als hättst eine liebe Freud in der SEel?“

   „Die heww ick, jo!“

   „Was sagst?“

   Da legte Poldi dem Lichtschmied die Hand auf die Schulter. „Denk dir, Dom’ni … dat Mäten … aber du weißt ja noch gar nicht … ich hab dich noch fragen wollen, aber du bist ja nimmer gekommen!“

   „Was fragen?“

   „Drunten am See, da ist mir ein Mädel begegnet … und allweil hab ich mich fragen müssen, wer das Mädel nur sein könnt. Un nu heww ick sei wedder funnen. Dat Mäten, Dom’ni, dat war min lüttes Dorle, die ick mi ut’n Water togen heww vor sewen Johr! Dom’ni, ein Mädel… so was Liebes und Herzigs! Die hett mir gefallen! U nick heww ihr…“ Verwundert sah Poldi den Lichtschmied an. „Domino?“ Er lachte. „Was er für Augen macht!“

   Da klang über die Hecken her die ärgerliche Stimme des Försters: „Bub? Was ist denn? Wo bleibst denn so lang?“

   „Gleich, Vater!“, rief Poldi. Und in seiner lachenden Freude schlang er den Arm um Dominis Hals und flüsterte ihm ins Ohr, als wär’s ein Geheimnis, das sonst keiner hören dürfte als nur der Domini, sein „Halbbruder“ und liebster Kamerad: „Dat Mäten is gaud för mi! Dat wir so ne lütte, nette Fru! Ick nehm sei mit, un wir gahn tausammen.“ Und lachend eilte er zwischen den Hecken hinunter, dem Vater nach.

   Mit verstörtem Blick – wie einer, der dunkel ein Unglück kommen sieht und nicht recht begreifen will – stand Domini neben der Hecke und starrte dem jungen Seemann nach.

   „Poldi … Jesus Maria …“

   Er machte einen hastigen Schritt, verwickelte sich mit den Füßen in die Sicheln der Klettereisen und wäre zu Boden gestürzt, wenn er sich nicht rasch noch an den Mast der elektrischen Leitung geklammert hätte.

   So stand er eine Weile, sah in Gedanken vor sich nieder und schüttelte immer wieder den Kopf. Dann setzte er sich in den Straßengraben und schnallte mit zitternden Händen die eisernen Sicheln von den Füßen.

   Als die Eisen bei der Zange in der Ledertasche waren, hatte er nichts mehr zu schaffen an der Stelle da – doch immer noch blieb er sitzen und schüttelte immer wieder den Kopf, als möchte er einen Gedanken von sich abwehren, der ihn peinigte. Und trieben ihm die spielenden Lüfte solch ein weißes Blättlein der Apfelblüte ins Gesicht, dann streifte er das kleine, schneeige Ding von sich ab wie ein widerliches Insekt.

   Plötzlich erhob er sich. Er schien zu einem Entschluss gekommen, schien ruhig geworden. Achtsam versteckte er die Ledertasche hinter dem jungen Grün der Hecke, sah noch einmal zum Mast der elektrischen Leitung hinauf, ob dort oben alles in Ordnung wäre und ging der Straße nach, dem Haus der Weberin entgegen. Immer rascher wurde sein Gang – und je längere Schritte er machte, desto merklicher hinkte er.

   Als er in den kleinen Garten trat, schlug es Mittag auf dem Kirchturm, und die große Glocke begann zu läuten. Zwischen ihren hallenden Schlägen konnte Domini aus dem Stübchen der Weberin das helle, feine Gezirp der Spieluhr und das Getriller der Vögel hören. Und beim ersten schritt in den Hausflur vernahm er die Stimme des Dorle.

   Zwischen den Garnen blieb er stehen, das alle Sonne, die zur Haustür hereingefallen, durch ihn abgesperrt wurde.

   Aber die in der Küche beim Mittagessen um den Tisch saßen – Dorle und die Mutter, das Hausmädel, die vier Webergesellen und der Lehrbub – die merkten nicht, dass es in dem dunklen Flur noch dunkler geworden war. das erregte Stimmchen des Dorle lief wie ein Rädlein, das sich immer drehen muss, weil es getrieben wird vom Zug einer versteckten Feder – nur selten schwatzte die Mutter ein Wort dazwischen, und die anderen, während sie mit den Löffeln klapperten, lauschten auf die merkwürdigen Dinge, von denen das Dorle zu erzählen hatte: Von Haifischen und Paradiesvögeln, von den Seegespenstern und vom Klabautermännlein, von den Chinesinnen mit ihren zugespitzten Füßerln und von den Gockeljungfern, die mit einem angewachsenen Regenschirm auf die Welt kommen. Und wie im Glanz der Mittagssonne das Tal viel größer und weiter geworden, so wurde alles, was Poldi in dem grünen Stübchen erzählt hatte, in Dorles Erinnerung viel größer noch, viel merkwürdiger und wundersamer.

   Als Dorle die vielseitige Verwendung des Federbusches der Gockelfrauen schilderte und ihr erregtes Stimmchen übertönt wurde von dem Gelächter der Gesellen, griff Domini im dunklen Flur mit zuckender Faust in eines der Garnbündel: „Der ist noch allweil da! Der redt aus dem Dorle heraus!“

   Über das Gelächter hob sich die Stimme eines Gesellen: „Sakra! Von dene Gockeljumpfern möcht ich mir eine zum Rupfen aussuchen! Das wären die richtigen Federln für mein Feiertagshütl1 Da könnt ich Staat machen!“

   Wieder gab’s ein Gelächter. Und Domini trat in die Küche. Er nickte wie sonst, wenn er kam und sagte ruhig: „Grüß Gott beieinander!“

   Einer von den Gesellen meinte, jetzt käme der Schmied gerade recht zum roten Eisen – da gäb’ es was Lustiges zu hören und da könnte er mitlachen.

   Aber plötzlich wusste das Dorle nichts mehr zu erzählen. „Grüß dich, Domini!“ hatte sie gesagt und dabei den Teller fortgeschoben.

   Die Weberin zog noch einen Sessel an den Tisch. „Geh, sezt dich ein bissl her! Magst nicht mithalten? viel ist freilich nimmer da.“

   „Vergeltsgott! Bei mir ist d’ Mahlzeit schon vorbei!“ Domini ließ sich auf den Sessel nieder – und fragte, was er jedes Mal zu fragen pflegte, sooft er kam: „Ist der Elektri in der Ordnung?“

   Die Weberin nickte und sagte mit vollem Mund: „Ah ja! Da fehlt kein Stäuberl! Wie der Förster-Poldi da war, hat’s nobel brennt.“

   „So so … brennt hats? Am Tag?“

   „Weißt, weil ich’s ihm halt zeigt hab, ja, wie kamod der Elektri ist.“

   Dann wurde wieder vom Förstner-Poldi gesprochen – und das dauerte, bis die Schüssel leer war. Nun standen sie alle auf und sprachen mit lauter Stimme das Gebet. Auch der Lichtschmied betete mit. Dabei sah er immer das Dorle an, während die anderen in den Winkel guckten, in dem das Kruzifix mit den Palmzweigen hing.

   Als die Weberin nach dem Amen das Kreuz machte, sagte sie zu Domini: „Aber ein Johannisbeerenen, gelt, den magst?“

   „Ja, Mutter! Und z’reden hätt ich auch ein bissl was.“

   Sie gingen zur Stube. Im Flur drehte Domini das Gesicht und sah, wie das Dorle mit erregter Hast dem Hausmädel behilflich war, das Geschirr abzuräumen.

   Auf dem Tisch in der Stube standen noch die drei Gläschen und die Flasche mit dem „Johannisbeerenen“. Die Weberin wollte eins von den Gläschen füllen. Aber der Lichtschmied sagte: „Mutter, das Glasl ist braucht.“

   „So heiklig bist?“, fragte sie lachend und holte ein frisches Gläschen.

   Als es gefüllt war, schob sie es dem Lichtschmied hin. Doch er trank nicht. Und während er das Gläschen immer zwischen den Händen drehte, zitterten ihm die Finger.

   Die Weberin rückte in die Bank und legte die Arme über den Tisch: „Also, was gibt’s?“

   „Schau, Mutter … wie wir an Weihnachten den Verspruch gehalten haben, ja, schau, da hab ich doch selber gemeint, wir sollten die Sach noch ein Jahrl unter uns lassen…“

   „Freilich! Weil halt ’s Mald noch so viel jung ist. Und deintwegen hast du’s ja auch verlangt.“

   „Weil ich mir denkt hab: Ich will erst ’s Haus ein bissl in der Ordnung haben … und will mit dem Geschäft noch ein bissl aufwärtskommen. Aber nicht meintwegen, Mutter! Gott bewahr! Bloß dem Dorle z’lieb! Damit sie’s echt gut haben sollt bei mir!“

   „Ja, ja, ich weiß schon! Und ’s Madl macht ihr Glück mit dir. Besser hät sie’s ja nimmer treffen können.“

   Domini atmete auf und griff nach der Hand der Weberin. „Gelt, Mutter … gelt, das glaubst? Und ’s Dorle … gelt, Mutter … ’s Dorle hat auch kein andern Glauben? Gelt?“

   Verwundert sah ihm die Weberin ins Gesicht. „Aber Bub! Was hast denn heut? Was bringst denn jetzt da für Sachen daher? Und umeinand drucken tust mit jedem Wörtl … was hast denn? Warum redst dir denn gar so schwer?“

   „Na, na, Mutter, ich hab nichts … und red, wie ich allweil red! Aber…“ Domini unterbrach sich und zog die Brauen zusammen. „Aber tu mir den Gefallen, Mutter, und räum die drei Glasln da fort!“

   „Jesses, jesses…“ Die Weberin schien nicht zu wissen, ob sie lachen oder ob sie sich ärgern sollte. „So ein Ordnungspedanti, wie du einer bist! … No also, meinetwegen!“ Sie trug die drei gebrauchten Gläschen zum Geschirrkasten hinüber und wischte noch mit der Schürze die Likorflecken vom Tisch. „Ist dir jetzt wohler?“

   „Ja, Mutter!“ Domini versuchte zu lachen. „Und schau, im Haus daheim, da hab ich schon lang alles fertig … der Verdienst lasst sich allweil besser an …“ Wieder unterbrach er sich und warf einen Blick des Unbehagens zu den Käfigen hinauf, in denen die Vögel so lustig pfiffen und zwitscherten wie zuvor, als der andere am Tisch gesessen war.

   „Was hast denn schon wieder?“

   Domini schüttelte den Kopf. „Na, na, Mutter … mein, die singen halt so! Da wird’s einem freilich hart mit’m Reden.“

   „Ja, da hast recht! Völlig brummen tut mir der Schädel oft vor lauter Pfeiferei. Aber da wirst dich dran gewöhnen müssen. Ohne ihre Vogerln geht dir ’s Dorle einmal nicht nüber zu dir.“

   Wieder blickte Domini zu den Käfigen hinauf – aber jetzt mit ganz anderen Augen – und nickte dazu.

   Schmunzelnd strich ihm die Weberin mit der Hand über das kurz geschorene Haar. „Gelt, denkst dir: Wenn s’ nur schon drüben wären bei dir, die Vogerln … und ’s Dorle!“

   Da sah er mit ernstem Blick zu ihr auf. Und atmete tief. „Ja, Mutter, das hab ich mir denkt!“

   „No schau, so ein Jahrl ist bald vorbei.“

   „Freilich, ja … aber … und weißt, im Herbst, da hab ich mir halt auch noch allweil Sorgen gemacht mit ’m Elektri. Oft hab ich mir denkt: Jetzt ist alles in der Ordnung … und da ist d’ Störung wieder drin gewesen über Nacht. Aber jetzt bin ich geschult drauf und versteh die Sach… jetzt funkzaniert er, dass man seine Freud dran haben kann. So wär halt alles in der Ordnung, ja!“ Er sprach immer rascher. „Und schau, seit Ostern hat ’s Dorle ihre neunzehn Jahr. Auf was warten wir denn eigentlich noch? ’s Glück wird nicht besser, wenn’s später kommt… und so was Heimlichs allweil … da könnt sich ein Schaden rauswachsen, man weiß nicht wie!“ Seine Stimme wurde ganz rau. „Und grad raus, Mutter, heut hab ich mir denkt: Weil morgen grad Sonntag ist … wann ich mit’m Dorle heut noch zum Herrn Dekan ging, dass er uns morgen ’s erstmal verkündigen tät, so könnten wir Hochzeit machen über drei Wochen.“

   Vor Verblüffung geriet die Weberin ganz aus dem Häuschen. „Mar und Josef!“ Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Bub? Bist narrisch worden von gestern auf heut? Was fallt dir denn ein? Na, Bub, na! Heiraten, wie sich der Spatz die Spätzin ins Nestl pfeift … na na, Bub! So pressieren tut’s nicht! Ich dank schön! Das könnt ein netten Tratsch abgeben in der ganzen Gegend!“

   Domini erhob sich und der Zorn blitzte in seinen Augen. „Mutter! … Mich kennt man im Ort! ’s Dorle und ich, da truat sich der Schlechtest kein Wörtl reden!“

   „No ja, no ja …“ Verlegen und eingeschüchtert guckte die Weberin auf die Seite – man merkte ihr an, dass sie nach einer Ausrede suchte. „Das geht nicht, schau … jetzt haben wir erst an Lichtmess angefangen mit der Nahterei …“

   „Ich nimm ’s Dorle wie’s geht und steht. Ich hab das Mädl so viel gern, Mutter … und z’erst will mein Herz sein Sach haben, fest und sicher … was in die Kästen gehört, das lasst sich allweil noch einhaufen.“

   „Na, Bub, na! Alles was recht ist! Aber…“

   Er ging auf die Weberin zu und fasste sie am Arm – das war ein harter Griff – wie ein Schmied das Eisen fasst.

   „Sakra! Bub! Was machst denn? Lass aus!“

   „Mutter“ Seine Stimme klang wie zerdrückt. „Ich könnt ohne ’s Dorle nimmer schnaufen! Tu mir den Gefallen, Mutter … sag: Ja! Mir hängt Leben und Seel dran, Mutter!“

   Erschrocken sah sie ihm in das erregte Gesicht. „Jesus, Bub! In dir ist ja ’s Glück ,dass man sich fürchten könnt!“ Sie befreite den Arm und rieb ihn mit der Hand. „Meintwegen, du Kraftseppl! Mir kann’s ja gleich sein, ob’s heuer sein muss oder übers Jahr … ob ich ’s Anwesen heut verkauf oder morgen! Wärst mir nicht der Best für mein Mädl, so hätt ich an Weihnachten auch nicht Ja gesagt. Und dass ich mein Stüberl krieg bei dir und mein ruhsamen Austrag hab, das wird ja doch alles bleiben, wie wir’s ausgemacht haben?“

   „Das bleibt, Mutter! Und gut sollst es haben!“

   „In Gottes Namen! Will ich dir halt ’s Mädl holen, die muss doch auch noch ein bissl gefragt werden!“ Die Weberin ging zur Türe. „Dorle! Geh, komm eini!“

   Die Hände mit der Schürze trocknend erschien das Mädchen auf der Schwelle.

   „No also“, brummte die Weberin, „jetzt red!“ Sie zog das Dorle tiefer in die Stube und rückte die Türe zu.

   „Was ist denn?“ Dorle sah zuerst die Mutter an, dann den Lichtschmied.

   Der stammelte: „Geh, Mutter sag’s ihr du!“

   „Zum Dekan sollst du auffi mit ihm … und über drei Wochen will er Hochzeit machen.“

   „Jesus …“

   Dieser erloschene Laut – das war nicht Freude. Doch auch nicht Schreck. Nur die Ratlosigkeit der ersten Überraschung.

   Und plötzlich war es ganz still in dem grünen Stübchen. Alle Vögel schwiegen. Ein Weilchen hörte man nur das dünne Ticken der alten Spieluhr. Und dann war’s ein Schwarzblättchen, das wieder zu pispern begann.

   Domini war bleich geworden. Seine Augen waren groß, fast ohne Glanz, und die harten Züge seines Gesichtes verschärften sich noch. Mit ein paar hinkenden Schritten ging er auf das Mädchen zu.

   „Dorle! … Was sagst für ein Wörtl! … Was sagst für eins?“

   Sie sah zu ihm auf. Und schien wieder ruhig. „Wenn du’s haben willst … und wenn’s der Mutter recht ist, so … da hab ich doch auch kein Wörtl dagegen. Ich weiß ja doch, wie gut als ich’s kriegen soll … bei dir! Bist ja der Brävst und der Best im Ort. Und die Mutter hat mir’s doch allweil gesagt, was für ein Glück als ich mach!“

   „Das ist deiner Mutter Red!“ Seine Stimme klang heiser. Doch der Liebreiz ihres feinen, rosigen Gesichtchens, der halb ängstlich scheue, halb lächelnde Blick ihrer Kinderaugen schien zu beschwichtigen, was in ihm kochte. „Aber du, Dorle?“ Da wurde seine Stimme weich und zärtlich. Und wie ein furchtsames Betteln war es in seinem Blick. „Was hast denn du für ein Wörtl … du, aus dir selber, weißt?“

   „Ich versteh nicht, Domini … wie bist du nur heut?“ Zögernd reichte sie ihm die Hand hin. Und in der Stube trillerten schon wieder alle Vögel, so laut, dass man das leise Stimmchen der Dorle kaum noch hörte. „Ich bin dir doch allweil gut gewesen! Das weißt ja doch!“

   Wie die Sonne in tiefes Dunkel fällt – so hell schien es plötzlich im Domini geworden. Seine Augen hatten wieder den glücklichen Glanz, den Poldi an ihnen gesehen. Als hätt’ er ein Vögelchen zu fassen, das man nicht drücken durfte – so nahm er Dorles Hand zwischen seine groben Fäuste.

   „Vergeltsgott, Schatzl! Und jetzt ist alles wieder gut!“

   Und gleich auf der Stelle wollte er hinüber laufen zum Herrn Dekan – und fragen, um wie viel Uhr sie kommen dürften, das Dorle und er.

   Lachend packte er seinen Hut und war schon bei der Türe.

   „He, du“, rief die Weberin, „Narrenschüppel, verliebter! Dein Glasl trink aus!“

   Und das Dorle, mit einem ganz merkwürdig verlorenen Blick, machte eine Bewegung, als hätte sie etwas zu sagen vergessen.

   Aber der Lichtschmied war schon draußen. Quer über die Weisen schlug er den Weg zum Pfarrhof ein.

   Sonst merkte man kaum, dass ihm der rechte Fuß ein bisschen kürzer war. Doch jetzt, bei dieser Eile, hinkte er so stark, dass ein Bauer, der ihm begegnete, sich umguckte und sagte: „Was hat er denn, dass er gar so knappen tut?“

   Domini hatte den halben Weg zum Pfarrhof schon zurückgelegt, als ihm plötzlich seine Ledertasche hinter der Hecke einfiel. Die durfte er nicht liegen lassen. Klettereisen und Streckzange – das waren für den Lichtschmied die unentbehrlichsten Werkzeuge – die musste er in jeder Stunde zur Hand haben. Denn jede Stunde konnte eine Störung in der Leitung bringen.

   Er kehrte um, holte die Tasche und nahm sie mit in den Pfarrhof. – –

   Das war im Försterhaus ein lachender Nachmittag. Immer die Stube voller Leute. Wenn einer ging, war gleich ein anderer da, der sich auf den frei gewordenen Sessel setzte. Wer nur halbwegs ein Recht hatte, der Försterin in die Stube zu kommen, wartete nicht erst den Sonntag ab, um den Poldi zu sehen und von seinen Reisen was zu hören. Doch einer, der am vergangenen Abend fest versprochen hatte, zu einem Schälchen Kaffee zu kommen – der Herr Dekan – der war ausgeblieben. Aber in diesem lustigen Trubel merkte niemand, dass er fehlte. Auch ohne den Herrn Dekan wurde die Försterin ihren Kaffee los – dreimal musste frisch gekocht werden, um die leer gewordenen Kanne wieder zu füllen. In ihrem Stolz, in dieser seligen Freude über ihren Buben, schleppte die Försterin alles herbei, was Keller und Speisekammer nur zu geben hatten. Und der Förster kam immer wieder aus seiner Kanzlei herüber und stellte sich hinter den Sessel seines Buben, um ein Viertelstündchen mitzulachen. Kam ein Holzbauer und musste der Förster wieder ins „Geschirr“, dann brummte er jedes Mal, so ungern verließ er die Stube. Und da traf er im Flur einmal mit seiner Frau zusammen, die einen frisch gebackenen Guglhupf aus der Küche brachte. „Xaverl!“ Sie lachte ihn an mit ihren jung gewordenen Mutteraugen. „Was sagst? Unser Bub!“

   „Hast recht! Unser Freud können wir haben! Gestern am Abend hat man’s noch gar nicht so gemerkt … heut taut er erst auf! Ganz narrisch macht er die Leut mit seiner Lustigkeit! Der hat ’s Leben in ihm wie ein Brünndl, das am liebsten auffispringen möcht bis in d’ Sonn.“ Lachend trat der Förster in die Kanzlei und konnte noch, als seine Frau die Stubentür öffnete, den vergnügten Jubel hören, der rings um seinen Buben war.

   Nicht nur in seiner Laune, auch in allem, was Poldi erzählte, war’s wie ein Brunnen, der immer sprudeln musste. Und alles Harte dieser vergangenen Jahre, alle Gefahr, all dieser ernste Kampf da draußen, alles wurde zu einem heiteren Erlebnis, über das die Gäste mit Lachen kein Ende fanden. Und wie sie sich über dieses Durcheinandergewirre seines heimatlichen Dialektes und seiner Seemannssprache belustigten! Immer toller und übermütiger wurde seine Lauen. Und die Freude, die wie Most der Jugend in ihm schäumte, gab seinen Augen einen Glanz, so froh, so hell und strahlend, wie die Maiensonne am Morgen gewesen.

   Die Leute wollten gar nicht mehr aus der Stube gehen. Am Abend, gegen sechs Uhr, musste die Försterin mit dem Zaunpfahl Winken und Kehrhaus machen – um in die Küche zu kommen, wie sie sagte.

   Als der letzte der Gäste draußen war, griff Poldi nach seiner Mütze. „Adjüs, Mutting!“

   Sie machte ein enttäuschtes Gesicht – denn sie hatte gehofft, ihren Buben ein Stündchen für sich allein zu haben. Am Abend, das wusste sie, würde ihn der Vater wieder mitnehmen wollen in die Schützengesellschaft.

   „Gehst denn noch fort?“

   „Ein bissl auf den See will ich hinaus! Luft möt ick hewwen!“

   Aber versprechen musste er, dass er bis acht Uhr wieder daheim wäre – es gäbe was Gutes für ihn.

   Lachend ging er davon. Ein Liedchen trällernd, machte er lange Sprünge durch den Garten. Vor der Schiffhütte, als er die Tür schon öffnen wollte, besann er sich – eine andere Absicht schien ihm durch den Sinn zu fahren; doch lächelnd schüttelte er den Kopf und trat in die dunkle Hütte.

   Unter langen, kräftigen Ruderzügen ließ er den Nachen hinausgleiten über das leuchtende Wasser.

   Ein wundervoller Abend war’s. Nur ein bisschen kühl, denn der Wind kam über die Berge herabgezogen und übergoss das grünende Tal mit einem Hauch der Winterluft, die dort oben noch um die verschneiten Gipfel fröstelte. Doch in dieser Kühle bekamen alle Farben klare Kraft. Tief über dem See, in der niederen Talscharte gegen Westen, stand die Sonne: Eine große rot glühende Scheibe überflutet, die Berge brannten, und der Himmel über ihnen hatte tiefes Blau, das sich gegen die Sonne hin in glühendes Gelb verwandelte. All diese Farben strahlte der See zurück in seinem leichten Wellengeschaukel, das sich ansah wie ein ruheloses Durcheinandergleiten von roten, gelben und blauen Sicheln. Und wohin der Nachen glitt, überall folgte ihm das ausgebänderte Spiegelbild der sinkenden Sonne wie ein breiter gaukelnder Feuerstreif. Gleich schimmernden Blutstropfen fiel’s von den Rudern, wenn sie sich hoben, und die rauschende Kielwelle war wie ein Gerinne funkelnder Kristalle.

   Der den Nachen trieb, schien seine helle Freude an diesem Feuerspiel zu haben. Wollte sein Boot hinaus gleiten aus der Glut, so trieb er es immer wieder mit einem kräftigen Ruderschlag mitten hinein in diese Flammenstraße der Sonne. Wie ein strahlender Schein war es um ihn her, während seine Gestalt und sein Boot ganz schwarz erschienen inmitten dieses Glanzes.

   Nun ließ er die Ruder fallen und lehnte sich auf die Bank zurück. Mit Glucksen schlugen die kleinen Wellen an den Nachen und trieben ihn langsam weiter.

   In Tränen lächelnd, spähte Poldi über die Dächer der am Ufer stehenden Häuser hinauf gegen die Weisen des Oberdorfes.

   Zwischen den runden, vom Abendglanz der Sonne rosig angehauchten Kronen der blühenden Apfelbäume sah er dort oben den First eines Schindeldaches.

   Das musste das Haus der Weberin sein, denn gleich in der Nähe stand jener Mast der elektrischen Leitung.

   „Dorle … min lütte, leiwe Fru …“

   Übermütig lachte er auf und wollte nach den Rudern greifen.

   Da sah er zwei Menschen über die Wiese hinter der Lichtschmiede hinaufgehen. Und trotz der weiten Entfernung erkannte er das Mädchen gleich.

   Die Mühe schwingend, sprang er auf und schrie einen klingenden Jauchzer in den Glanz des Abends hinaus.

   Das Mädchen dort oben blieb stehen und hob die Hand über die Augen.

   Poldi winkte mit der Mütze und jauchzte wieder – und sah, wie der andere, der mit dem Dorle ging, das Mädchen bei der Hand nahm und mit sich fortzog – ein langer Mensch in einem schwarzen Feiertagsrock – und mit dem rechten Fuß trat er so merkwürdig auf.

   „Herr Jeking, dat is jo …“

   Als die beiden dort hinter den Hecken verschwanden, kam von den Bergen ein Echo des Jauchzers zurück, ganz matt und ohne Klang, wie ein Seufzer fast, der im Geplauder der Wellen kaum noch zu hören war.

   Poldi ließ sich nieder und fasste die Ruder. Doch er tat keinen Schlag. Nachdenklich blickte er noch immer gegen die Weisen hinauf – und ein Gedanke, halb lustig und halb ärgerlich, fuhr ihm durch den Kopf: „Der Domini wird doch nicht schwatzen, wird doch nicht ausplaudern, was ich ihm heut ins Ohr gewispert?“

   Da merkte er plötzlich, dass der Nachen heftiger zu schaukeln und sich zu drehen begann – er war in die Strömung der Ache geraten, die sich mit Gewirbel aus dem Turbinenkanal der Lichtschmiede in den See ergoss.

   Ein paar feste Ruderschläge brachten das Boot aus dem Zug der Strömung.

   Wieder trieb Poldi den Nachen dem halb schon erlöschenden Glanz entgegen.

   Ein Viertelstündchen noch, und die Sonne war drunten, alle Glut gedämpft zu einem kalten, bleichen Schein. Nur auf den Bergen war’s noch rot. Und auch das erlosch.

   Als es zu dämmern anfing und eine weiche Glocke zu läuten begann, strahlte plötzlich am ganzen Ufer hin eine dünn gereihte Kette heller Sterne auf – und über dem Marktplatz flimmerte der weiße Glanz einer Bogenlampe.

   Das Licht des Domini!

   „Nu kommt hei wull bald!“

   Mit raschen Schlägen trieb Poldi den Nachen in die Schiffhütte, in der es schon finster war.

   Beim Eintritt in die Stube fand er unter dem elektrischen Licht schon den Tisch gedeckt – Vater und Mutter warteten schon.

   Nun gab’s bei der Mahlzeit ein gemütliches Schwatzen, war’s doch die erste Stunde, in der die drei für sich allein waren, die beiden Alten mit ihrem Buben.

   Aber als die Teller abgeräumt wurden, seufzte die Mutter. Denn sie wusste, was kommen würde. Und das kam auch.

   „Nimm dein Kappl, Bub! Jetzt schauen wir noch ein Stündl nauf in die Schützengesellschaft! D’ Mutter, scheint mir, brummt ein bissl, aber heut möcht ich Staat machen mit dir!“ Lachend füllte der Förster die Zigarrentasche. „Sieben Jahr lang haben s’ mich allweil gefragt, wo mein Bub in der Welt umeinanderfahrt! Heut kannst es ihnen erzählen!“

   Poldi wäre lieber daheim geblieben – und so merkwürdig erregt war er, als er sagte: „Der Dom’ni hat mir versprochen, dat hei kommen wüll!“

   „Der ist ja Mitglied in der Gesellschaft! Soll ihm d’ Mutter halt sagen, dass er nachkommt.“

   Die Försterin nickte nur. Als aber Poldi die Mutter um den Hals nahm und ihr zärtlich die Wange küsste, wurden ihr die Augen wieder hell.

   „Gelt, Xaverl, bleib nur nicht gar so lang mit’m Buben! Zwei Tag hat er fahren müssen!“

   Unter der Haustür blieb sie stehen und lauschte in die Nacht hinaus, solange sie die Stimmen der beiden und ihren Schritt noch hören konnte. Dann setzte sie sich mit der Lampe zum Koffer ihres Buben und begann seine Wäsche durchzusehen. „Herr du mein lieber Gott!“ Wie das alles aussah! Was neu war, lag sauber eingeräumt im Koffer. Aber das alte Zeug! „O mein, o mein!“ Auf dem Schiff, da müssen sie sich aufs Flicken und Stoppen verstehen, wie man die Pfannen flickt! Mit Draht! Denn viel dünner war das Garn nicht, mit dem die Löcher im Unterzeug auf einen Knoten zusammengezogen waren.

   Aus Sorge, dass sie in zwei kurzen Wochen mit all dieser vielen Arbeit nicht zustande kommen würde, fing sie gleich jetzt in der Nacht noch an mit Flicken und Nähen.

   Was sie wohl alles hineindachte in diese hastigen Stiche? Glück und Segen, alle verschwenderischen Wünsche eines mütterlichen Herzens!

   Und einmal drückte sie das Gesicht in ein Stücklein Wäsche und saß so ein ganzes Weilchen.

   Dann nähte sie wieder hastig drauf los. Und ehe sie sich umsah, war’s Mitternacht geworden. Und die beiden waren noch immer nicht daheim! Und der Domini war nicht gekommen.

   Sie ging zu Bett, aber sie konnte nicht schlafen. Ein Uhr hörte sie schlagen, zwei Uhr – endlich, gegen drei Uhr morgens kamen die beiden, und die Mutter konnte sie draußen im Flur noch lachen und schwatzen hören. Als der Vater zu ihr in die Schlafstube kam, sagte sie: „Aber geh, Xaverl! So spät!“

   Er lachte, hatte einen kleinen Stich, war kreuzfidel und setzte sich noch zu ihr aufs Bett, um zu erzählen, wie „fein“ es gewesen, wie die guten Schützenbrüder Maul und Augen aufgesperrt hätten und dass der Bub gewesen wäre wie ein lustiges Buch. Aber dass der Domini nicht gekommen, das hätte ihn verdrossen. „So ein Lackl! Wann er’s dem Buben doch versprochen hat, dass er kommt!“ Sooft jemand ins Zimmer getreten wäre, hätte Poldi nach der Tür geguckt. Aber schließlich wäre der Bub so vergnügt geworden, dass es in der Schützengesellschaft ein Lachen und Kneipen abgesetzt hätte, als wär’ das hundertjährige Stiftungsfest.

   „No ja, ist ja alles gut … aber wie der Bub morgen am Sonntag ausschauen wird! Nach so einer Durchnacht!“

   Doch diese Sorge der Försterin war überflüssig. Denn am Morgen sah Poldi aus wie das blühende Leben, frisch und lachend wie der schöne Tag, der mit Sonnenschein und blauem Himmel über See und Bergen glänzte.

   Und so fromm schien er zu sein! Dass er’s kaum erwarten konnte, bis man zur Kirche ging. Und wie fein er sich machte für den lieben Herrgott! Immer hatte er an sich zu dürsten, immer wieder an seiner großen schwarzen Seidenkrawatte was zu knoten!

   Der Weg zur Kirche, zwischen all den Leuten mit ihrem Geschau und ihrem Grüßen – das war für die beiden Alten wie ein Festzug: Die Försterin in ihrem schwarzen Seidenkleid, der Vater in seiner neuen Uniform mit dem Hirschfänger – und Poldi zwischen ihnen, wie aus dem Ei geschält, mit den blitzblanken Knöpfen an der blauen Jacke, mit der goldenen Ankernadel in der Krawatte, und über den lachenden Augen die Mütze mit der schimmernden Borte.

   Im Kirchhof wurde unter der schönen, milden Sonne mit dem Doktor, dem Bürgermeister und anderen Honoratioren noch ein Weilchen geschwatzt – und da ging gerade die Weberin mit dem Dorle vorüber, Mutter und Tochter im besten Staat, als wäre das heut ein hoher Feiertag auch für diese beiden.

   „Gu’n Morgen, Dorle!“ Die Hände streckend, ging Poldi auf das Mädchen zu, alle Sonne seiner Freude in den Augen.

   Dorle nickte, als hätte sie Eile, in die Kirche zu kommen, und lispelte erregt und verlegen einen leisen Gruß. Und während brennende Röte ihre Gesichtchen überfuhr, zog sie die Mutter mit sich fort, die verwunderte Augen machte und sichtlich mit dem Förstner-Poldi gern ein paar Wörtchen geplaudert hätte.

   Lächelnd sah Poldi dem Mädchen nach. „Wie rot sie geworden ist!“, flüsterte er vor sich hin, und seine Augen blickten noch heller und sonniger als zuvor.

   Nun ging’s in die Kirche, nicht zu den Betstühlen im großen Schiff, sondern durch die Sakristei hinauf zu dem kleinen „Beamtenchörle“, in dem die Honoratioren ihren Platz hatten. Durch ein zierlich vergittertes Fenster konnte man hinuntersehen zum Altar und zu den Betstühlen, die schon gefüllt waren. Hier am Fenster, zwischen seiner Mutter und der Doktorin, musste Poldi seinen Platz nehmen. Er sträubte sich nicht gegen diesen Ehrenplatz, denn da konnten seine Augen drunten in der Kirche suchen, was sie finden wollten. Gar lange brauchte er auch nicht zu schauen, bis er das Dorle fand. Neben der Weberin stand sie im vierten Betstuhl, hatte schon das Gebetbuch geöffnet und das Näschen dreingesteckt, als wäre in ihrem Herzen eine Andacht, die nur den lieben Herrgott sah, keinen Menschen in der Kirche. Nicht ein einziges Mal guckte sie auf. Aber so frühlingskühl es auch in der Kirche war – dem Dorle brannte das Gesichtchen heiß und rot.

   Mit seiner sanften, müden Greisenstimme begann der Herr Dekan die Predigt auf der Kanzel. Vom blühenden Frühling begann er zu sprechen, als einem Bild der menschlichen Jugend, deren duftende Blüten im Sommer eines arbeitsfrohen und gottesfürchtigen Lebens reifen sollen zu schönen Früchten. Das alles klang wie eine freundliche Anspielung au fein junges Glück. Und Poldi, bei seinem träumenden Lächeln, dachte sich: Wäre das Dorle heut meine Braut geworden, so könnte der Dekan uns beiden nicht herzlicher predigen!

   Bei solchen Gedanken sah er immer das Dorle an, das ohne Bewegung im Betstuhl saß und das tief geneigte Gesichtchen halb in das seidene Miedertuch vergraben hatte. Immer sah er hinunter – und es schien ihm, als wäre ein leises Zittern in ihren Händen, die im Schoß das kleine Gebetbuch umklammert hielten.

   Da sprach der Herr Dekan das Amen seiner Predigt. Doch er verließ die Kanzel nicht, sondern zog aus dem Brevier ein kleines Blättchen heraus, hob es dicht vor die Augen und las:

   „Verkündigung. Zum heiligen Sakrament der Ehe haben sich versprochen…“

   Als er den Namen des Domini nannte, hoben alle Leute die Gesichter. Denn dass der Lichtschmied heiraten wollte – diese Neuigkeit fiel wie vom Himmel herunter.

   Und das Dorle! Das Dorle!

   Was das für ein Aufsehen in der Kirche gab, ein Gewisper und Geschau! Die einen streckten die Hälse, um die Braut in ihrem Betstuhl zu sehen, die anderen drehten die Gesichter, um nach dem Domini zu gucken, der droben bei der Orgel war, weil er in der Kirchenmusik die Baritonstimme sang.

   Auch auf dem Beamtenchörle hub ein leises Schwatzen an. „Schau nur, das Dorle“, sagte die Försterin, „was die für ein Glück macht!“ Und der Doktor lachte: „Einen guten Geschmack hat der Domini!“

   Nur einer schwatzte nicht mit. Der stand ganz regungslos vor dem Betschemel und starrte in das Schiff der Kirche hinunter. Aber nur ratloses Erstaunen war in seinen Augen, nichts anderes. Doch während er so stand und schaute, hörte er hinter sich den Doktor leise zum Vater sagen: „Ein Schlaumaier, der Lichtschmied. Der weiß, was er nimmt! Ich hab das Mädel im Winter behandelt … die hat ein Körperl wie von Marzipan!“

   Da drehte Poldi das Gesicht und zog die Brauen zusammen, als hätte er einen Schmerz in sich – –

   Die Sakristeiglocke läutete, die Orgel setzte ein, und der Priester ging mit dem Kelch zum Altar, um das Hochamt zu beginnen. Die Kirchenmusik ließ sich hören – mehr Lärm als Musik – und manchmal unterschied man auch deutlich die Stimme des Domini – eine schöne Stimme – aber ein bisschen falsch sang er und unsicher.

   Während die Försterin mit den Augen bei ihrem Gebetbuch war, hörte sie plötzlich den Buben an ihrer Seite ganz erloschen vor sich hinmurmeln:

   „Dat Wurd, dat hadd hei mi seggen müsst!“

   Sie sah ihn an. Aber sie sah nicht viel, denn er hatte die Ellbogen aufgestützt und hielt wie in tiefer Andacht die Stirn auf die verklammerten Hände gedrückt.

   Was sie da gehört und nicht verstanden hatte – das waren wohl ein paar Worte aus einem Gebet, wie es die Seeleute sprachen?

   Und da hörte sie’s zum zweiten Mal:

   „Dat Wurd, dat hadd hei mi seggen müsst!“

   Sie stieß ihn leise mit dem Ellbogen an und flüsterte: „Bet doch ein bissl stader, Bub!“

   Er rührte sich nimmer, kein Laut mehr zitterte über seine Lippen.

   Dann kam in der Kirchenmusik die Solostelle des Domini, das Benediktus. Man merkte, wie er sich Mühe gab, recht feierlich zu singen. Und es war auch, trotz aller Unsicherheit es Tones, etwas tief Ergreifendes in seiner Stimme, als er sang: „Benedictus, qui venit…“

   Soviel war in Poldi vom Latein seiner Knabenzeit noch hängen bleiben, dass er wusste, was das hieß: „Gesegnet sei, der da kommt.“

   Er hob das Gesicht, das sich zu einem Lachen verzerrte. Dann beugte er die Stirne wieder auf die verschlungenen Hände, und so blieb er, bis das Hochamt zu Ende war.

   Als drunten in der Kirche das Gehen begann, blickte er hastig auf, wie ein Erwachender – und sah die Weberin mit dem Dorle aus dem Betstuhl treten. Das Mädchen machte das Zeichen des Kreuzes, knixte gegen den Altar – und als sie sich aufrichtete, warf sie einen schnellen, scheuen Blick zum Chörle hinauf.

   Der Förster war mit dem Doktor schon das steile Trepplein zur Sakristei hinuntergegangen, die Frauen wollten folgen – aber Poldi kniete noch immer, mit der Brust auf den Händen, mit vorgestrecktem Kopf.

   „Bub!“, reif ihm die Mutter flüsternd zu.

   Er hörte nicht.

   Geduldig wartete sie ein Weilchen, dann ging sie zu ihm und legte die Hand auf seine Schulter.

   Schwer atmend erhob er sich. Und als die Mutter sein Gesicht sah, erschrak sie. „Jesus, Bub, was hast denn? Ist dir nicht gut?“

   „Wat di innfällt, Mutting!“, sagte er mit hartem Lachen. „Mi fahlt nicks nich! … Komm!“ Er schüttelte sich und ging zur Treppe.

   Als sie aus der Sakristei heraustraten in die schöne, warme Sonne, gab es beim Friedhoftor ein Gedränge – dort gingen der Domini und das Dorle, und ein Dutzend schwatzender Leute war um das verlobte Paar.

   Der Förster mit den Seinen hätte anderen Weg, zu einem Seitentürlein des Kirchhofs hinaus.

   Während des ganzen Heimwegs redete Poldi kein Wort, aber zu allem, was der Vater schwatzte, lachte er. Und die Mutter in ihrer Sorge guckte immer wieder an dem Buben hinauf.

   Daheim gab’s eine verdrießliche Mahlzeit. Jetzt fing auch der Vater zu fragen an: „Bub, was ist denn mit dir?“

   Poldi schüttelte den Kopf. „Nicks nich!“ Und dann legte er plötzlich Messer und Gabel nieder und ging aus der Stube.

   Mit verdutztem Blick sah ihm der Vater nach. „Jetzt da schau…“

   Der Försterin schoss das Wasser in die Augen. „Da hast es jetzt! Mit deiner Schützengesellschaft! Jetzt kann ihm übel sein den ganzen Tag! Und so viel hab ich mich gefreut auf heut … wo nach ’m Essen aus der ganzen Gegend her die Freundschaft kommt! … Jetzt hast es, Xaverl!“

   „Ja, freilich, ja“, Xaverl kraute sich schuldbewusst hinter den Ohren, „ein bissl früher hätten wir schon heimgehn können!“ Dann fing er zu brummen an. „Die Seeleut, heißt’s allweil, trinken en steifsten Grog wie’s Wasser … und da können s’ ein paar Halbe Bier nimmer vertragen!“

   Die Mutter ging hinaus, um den Buben wieder hereinzuholen. Unter der offenen Haustür stand er, mit aufgerissener Krawatte.

   „Gelt, es ist dir ein bissl besser in der Luft?“

   Poldi nickte.

   „Magst bleiben? Ich bring dir ’s Essen aufs Bankl raus?“

   Er schüttelte den Kopf und ging mit der Mutter in die Stube zurück.

   „Iss nur fest!“, riet ihm der Vater. „Ein schwacher Magen muss Unterstützung haben. Da wird’s gleich besser … das weiß ich von mir.“

   Ehe der Tisch noch abgeräumt war, kamen schon die ersten Gäste. Und bis es zwei Uhr wurde, hatte die Försterin die ganze Stube voll mit Leuten. Aber heute war’s anders als am vergangenen Nachmittag – heut schwatzten die Gäste, und Poldi schwieg. Und jeder neue, der kam, sprach wieder vom Domini und vom Dorle.

   Die Mutter meinte zu merken, wie schlecht ihrem Buben der Zigarren- und Pfeifenqualm bekam, der die Stube dick erfüllte. „Geh doch ein bissl hinaus in die frische Luft“, flüsterte sie ihm zu, „und setz dich ein Viertelstündl in die Sonn!“

   Er nickte und ging.

   Im Garten suchte er sich einen Platz, so weit vom Haus, dass er den schwatzenden Lärm in der Stube nicht mehr hören konnte. Im halben Schatten einer alten Ulme, deren kleine, junge Blättchen noch so zart waren, dass die Sonne durchschimmerte und in das frische Grün einen Goldton hauchte.

   Alles zitterte von Licht, der Duft der ersten Blumen war um ihn her, und wie feine Musik war in der Luft das Gesumm der Bienen, die um die blühenden Apfelbäume schwärmten.

   Hier saß er, den Arm um die Lehne der Bank geschlungen, starrte wie mit erloschenen Gedanken vor sich hin und sah den Ameisen zu, die im Sand kribbelten, so hastig, als wüssten sie: Unser Leben währt nur einen kurzen Sommer – den müssen wir nützen.

   Da knirschte auf dem Gartenweg ein schwerer, langsamer Schritt. Als Poldi aufblickte, stand der Lichtschmied vor ihm.

   Domini brachte kein Wort heraus – und griff nach seinem Hut, um Poldi zu grüßen.

   Das erste, was in Poldi lebendig wurde, war eine Regung des Spottes. Er lachte. Denn Domini in seinem langen schwarzen Sonntagsrock und mit dem bleichen, rasierten Gesicht unter dem stätischen Hut, sah aus wie ein Schulmeister, der den Inspektor erwartet und kein gutes Gewissen hat. doch als der Schmied den anderen lachen hörte, fuhr ihm das heiße Blut in die Wangen. Und wie Trauer war es in seinen Augen, als er sagte: „Poldi … das ist mir ein harter Weg worden, aber schau, ich hab her müssen zu dir…“

   Da fuhr der andere auf in Zorn: „Mi lat in Rauh! Du!“

   „Geh, Poldi, so lass dir doch sagen…“

   „In Rauh sallst mi laten! Ick wüll nicks nich witten!“ Poldi ging ein paar Schritte von der Bank und seine Augen blitzten, als er über die Schulter sagte: „Wat ick weit, dat is mi naug, dat gaht mi an ’t innerst Lewen … un dor brukst du nich för uptaukamen … du!“ Schwer atmend warf er sich wieder auf die Bank und drehte das Gesicht gegen den Stamm der Ulme.

   Domini nahm den Hut ab und fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn, als wäre ihm schwül geworden. Und ratlos sah er den andern an. „Herr du mein … da ist freilich ein harts Reden! Schau, Poldi, ich versteh ja bloß zur Halbscheid, was d’ sagst!“

   Poldi machte eine Bewegung, als wollte er heftig erwidern. Doch er schwieg und drehte das Gesicht wieder auf die Seite.

   „Da weiß ich ja gar nimmer, was ich sagen muss! Du tust ja grad, als ob ich weiß Gott was für ein Unrecht an dir verübt hätt, weil ich mich heut mit ’m Dorle hab verkündigen lassen! Ich bin doch mit dem Mädel schon im Verspruch seit Weihnachten!“

   Langsam hob Poldi die brennenden Augen. „Und dor had kin Minsch … das hätt kein Mensch im Ort gewusst? Mein Vater nicht? Und meine Mutter nicht? Un de Doktor nich … de entfamte Kirl, de! Und de Herr Dekan nich? Und niemand, niemand hätt das gewusst?“

   Domini schüttelte den Kopf. „Wir haben’s ausgemacht an Weihnachten, dass wir’s unter uns behalten, weilich gern noch warten hätt mögen ein Jahrl. Aber dir, Poldi, dir hätt ich’s verraten … mein Glück, mein liebs … und gestern in der Früh, wie du dich hineingesetzt hast in meinen guten Sessel … schau, da hab ich dir’s sagen wollen…“

   „Ja, Dom’ni“, Poldi stand auf, „dat Wurd, dat haddst du mi seggen müsst!“

   Der Lichtschmied nickte und strich mit der schweren Hand über die bürste seiner kurz geschorenen Haare. „Ich weiß nicht, was ich gäb drum, wenn der Zimmermeister nicht kommen wär! Aber d’ Arbeit … schau, das ist halt so bei mir … hat’s mich, so lasst’s mich nimmer aus … und kaum dass ich mich besinnen hab können, bist du ja schon draußen gewesen zur Tür. Und wie wir uns nachher troffen haben … bei der Lichtstang droben … und wie ich so gahlings merken hab müssen, was dir im Blut ist … schau, Poldi, wie ich da erschrocken bin, das kann ich dir gar nicht sagen…“

   „Nu verstah ick! Nu verstah ick!“ Mit jähem Schritt auf Domini zutretend, fasste Poldi den Lichtschmied mit beiden Fäusten an den Klappen des schwarzen Rockes. „As ick rute kam nt Dorles Hus, as ick mit all min säuten Drom…“ Ein Würgen kam in seine Stimme, und wie in Zorn über die eigene Sprache schüttelte er den Kopf. „Du willst ja doch auch verstehen! Du! Da muss ich doch reden, dass du verstehst! Denn ich versteh, Dom’ni! Ich versteh! Was du mir sagen hättst müssen, das hast du mir nicht gesagt … weil du Nägel hast schmieden möten … un as ick min Dorle funnen hadd … un as ick in dat leiwe Stüwel kam, dor hett“ … Wieder unterbrach er sich, und seine Stimme wurde ein zerdrücktes Schreien: „… da hat von uns drei kein einzigs, nicht das Dorle und nicht ihre Mutter, und keins hat dran gedacht, was der Lichtschmied will über’s Jahr … und dem Dorle sind die Augen gewesen wie Sonn und Freud … und mir ist das Glück in die Seel gefallen … und ich komm zu dir und seh: Dat is min Dom’ni, dat is min best Fründ … das ist mir der liebste, dem muss ich es sagen, noch eh’ ich’s der Mutter und dem Vater sag … un ihrlich heww ick min Hart in din Händ legt … und da bist du gelaufen, von mir weg bist du hinterrücks zum Dorle gelaufen und hast ihr gesagt: Nicht übers Jahr, Dorle, morgen, dat möt morgen sin … dat hei hieren möt in de Kirch, wat min is. Und hast das Dorle zum Pfarrhof geführt … und wie ich geschrieen hab in meiner Freud, auf dem See da draußen und wie das Dorle hat schauen wollen nach mir … da hast du sie fortgezogen und … und hast …“ Seine Fäuste schüttelten den Lichtschmied. „Ist das wahr, Dom’ni? Is dat wohr odder nich?“

   „Ja, Bub, das ist wahr!“, sagte Domini mit bleichem Gesicht und suchte diese zerrenden Hände von sich fort zu schieben, während sich ein harter Zug um seine Lippen grub. „Mein Glück, das hab ich mir sichern müssen! Denn dass ich aus Gutigkeit grad alles laufen lass, wie’s gestern hätt laufen mögen, für so dumm darfst mich nicht halten, Poldi!“

   „Jo, dat was klauk! Dat was hellschen klank!“ Unter heiserem Lachen stieß Poldi den Lichtschmied von sich. „Un nu bliw mi vom Liw! Mit so ’n klauken Menschen, als du, will ick nicks nich mihr tau dauhn hewwen!“

   Domini hatte die Worte nicht verstanden – aber diesen Stoß begriff er, dieses höhnende Lachen. Seine Augen begannen zu brennen, und das Blut stieg ihm zu Kopf. „Gib acht, du!“ Er zwang sich zur Ruhe. Doch seine Stimme blieb rau und hart. „Im guten bin ich her zu dir … und gehen muss ich halt, wie du mich schickst! Ich hab dir gestern ein Wörtl verschwiegen, das ich dir sagen hätt müssen … und drum hast du meinem Glück einen schiechen Brocken ins lichte Wasser geworfen … denn ’s Dorle …“ Ein Schwanken kam in seine Stimme, und er sprach nicht zu Ende, was er hatte sagen wollen. „Aber jetzt sind wir wett miteinander! Ja, Poldi … meintwegen, jetzt lach! Du bist du, und ich bin ich, und zwischen dir und mir ist ein tiefer Graben. Und das bissl Glück, das ich noch allweil hab, das will ich mir hüten, verstehst?“

   Poldi, sah, wie sich Dominis Hände zu Fäusten schlossen. Er lachte, schob die Daumen in die Hosentaschen und ging auf ihn zu. „Mach Fäust, wie du magst! Ich fürcht mich nicht. Ne, min Jung! Ick heww schon anner Ding in de Welt tau seihen kregen, as en Smidd wat Nägel kloppen möt … un de hewwen mi ok nich grugeln maken.“

   „Ja, ja, schon gut!“ Der Lichtschmied wandte sich ruhig ab. „Wo einer den andern nicht versteht, da ist kein Reden nimmer!“ Er wollte gehen.

   Diese abweisende Ruhe weckte in Poldi den Jähzorn. Er sprang dem Schmied in den Weg und sah ihn mit funkelnden Augen an. „Wart, du! Ich will di noch ein Wörtl sagen, und eines, das du verstehst!“

   „Was denn für eins?“

   „Dass du dein Glück noch allweil nicht in der kalten Stub hast!“, schrie im Poldi wie von Sinnen ins Gesicht.

   Dem Schmied ging ein Zucken über die Stirn. Doch ruhig sagte er: „Hast recht, ja, drei Wochen muss ich noch warten!“ Und mit dem Arm schob er den andern aus seinem Weg.

   Erbleichend machte Poldi herüber eine Stimme: „Bub! … Wo bist denn? … Bub!“

   Die Stimme seiner Mutter! Das brachte ihn zur Besinnung – und er sah, dass er die Hand an der Hüfte hatte, wo sein Messer stack.

   Hinter den Büschen konnte er noch den schweren, knappenden Schritt des Schmiedes hören.

   Mit zitternden Händen griff er an sein Stirn, fiel auf die Bank, warf sich unter schluchzendem Laut gegen die Lehne und vergrub das Gesicht.

   So fand ihn die Mutter. Auf all ihr Jammern und Fragen hatte er keine Antwort, hielt nur immer den Kopf mit den Händen. Und da zog ihn die Mutter mit sich ins Haus, in die Küche, und rührte ihm ein Brausepulver an, mit Zitronensaft. „Ne, Mutting, dat hilft min ich, lat gaud sin!“ – doch er musste trinken, ob er wollte oder nicht. Auch in die Stube durfte er nicht mehr hinein, in diesen Qualm und Lärm, sondern musste hinauf in seine Kammer, musste sich niederlegen und bekam einen kalten Umschlag um die Stirn. Schließlich wehrte er sich nimmer und ließ sich alles gefallen, was die Mutter haben wollte. Und als sie in der Kammer die Fensterläden geschlossen hatte und auf den Fußspitzen zur Tür hinausgegangen war, grub er das Gesicht ins Kissen und stöhnte: „Ick! Ick? Ne! Hei hett mi en Stein in’t Water smiten, wat so klar was, dat sick Ird und Hewen in em spiegeln kunn!“

   Dann lag er, ohne sich zu regen – und stellte sich schlafend, sooft die Mutter das vorsichtige Nasenspitzel zur Tür herein schob.

   Als man den Abendgruß läutete, wurde es drunten in der Stube still. Die Gäste waren heimgegangen. In Pantoffeln kam der Vater zur Kammer herauf und fragte durch einen Spalt der Türe: „Schlafst, Bub?“ Als er keine Antwort hörte, ging er wieder davon. Dann kam noch die Mutter, um eine Schale Tee zu bringen. Doch weil sich der Bub nicht rührte, trug sie die Tasse wieder fort.

   Als sie draußen war, setzte sich Poldi auf und drückte das Gesicht in die Hände.

   „Dat möt ick utreten ut min Hart! Ick möt! Ick möt! Dat is nu so un nich anners.“

   Wieder grub er die Augen in das Kissen. Und fand keinen Schlaf. Jeden Glockenschlag konnte er zählen. Gegen zwei Uhr morgens rührte sich was im Haus, und eine Weile später kam der Vater mit einem Licht in die Kammer. „Komm, Bub, steh auf! Ich nimm dich mit auf’n Spielhahnfalz. Auf der Schneid droben geht ein scharfs und gesundes Lüftl. Das blast dir den ganzen Jammer wieder naus aus’m Köpfl!“

   Poldi stand auf und kleidete sich in das warme Lodenzeug, das ihm der Vater gebracht hatte.

   Drunten in der Stube hatte die Mutter schon das Frühstück parat.

   Und dann ging’s unter flimmernden Sternen den schwarzen Bergen zu.

   Der Vater trug eine Laterne, denn alle Wege waren finster, das Licht des Domini brannte nicht mehr.

   Sie kamen an der Schmiede vorüber. Da waren die Fenster dunkel. aber die Turbine, die schon wieder für das Licht des folgenden Abends sorgte, brummte mit tiefem Ton.

   Über die Weisen ging’s hinauf durch das Oberdorf.

   Am Haus der Weberin war ein Fensterchen hell. „Da schau“, sagte der Vater und lachte, „’s Dorle, scheint mir, lasst ihrem Glück ein Kerzl brennen, damit sie’s in der Nacht auch noch ein bissl betrachten kann!“

   Schweigend hatte Poldi in die Hecke gegriffen und eine Handvoll der jungen Blätter von den dünnen Zweigen gerissen.

   Und weiter. Durch den schwarzen Wald. Dann aufwärts, bis der Schnee begann. – –

   Gegen acht Uhr morgens, im Glanz der Sonne, kamen sie wieder heim: Der Vater mit brummendem Ärger, weil der Bub den Hahn auf dreißig Schritte gefehlt hatte – und Poldi so todmüde, dass ihm die Lider wie Blei waren.

   Jetzt konnte er schlafen, so fest, dass ihn die Mittagsglocke gar nicht weckte. Erst spät am Nachmittag erwachte er. als er sich in den Kissen aufsetzte und vor den Fenstern den Goldschein der Sonne flimmern sah und die Schwalben zwitschern hörte, war ihm ganz leicht ums Herz – als wäre all das Graue von gestern nur ein schwerer Traum gewesen.

   Der war vergangen mit dem Schlaf. Und Poldi atmete auf. Er konnte lächeln. Nichts anderes war in ihm als diese halbgestillte Müdigkeit, dieses leise Rieseln in allen Gliedern. Kein Gedanke in seinem Kopf! Keine Qual in seinem Herzen! Nichts! Nichts!

   Wie glücklich die Försterin an diesem Abend war! Ihr Bub hatte wieder seinen hellen Kopf! Und immer saß er bei ihr! Zuerst auf der Hausbank draußen, solange die Sonne noch nicht drunten war. Schwatzen musste freilich sie selber das meiste – aber dass er so still war, immer so kurze Antwort gab, das schrieb sie seiner Müdigkeit zu – solch eine scharfe Bergtour und das Waten im „altbackenen“ Schnee muss man gewöhnt sein, oder man spürt’s noch lang in allen Knochen. Und über den Spielhahn, den er gefehlt hatte, „sinnierte“ er wohl auch ein bisserl – weil er so verträumt hinaufguckte zu den Bergen! Dabei hielt er einen blühenden Zweig in der Hand, den er immer zwischen den Fingern drehte. Sie lachte darüber, dass er dieses Spiel gar nicht satt bekam – und während sie, wie sie selber sagte: „Dem Teufel einen Ohrwaschel vom Kopf schwatzte“, stichelte und nähte sie am Zeug ihres Buben, bis es zu dämmern anfing.

   Dann wurde in der Stube das Glühlicht aufgedreht. Und nach dem Essen setzte sich die Mutter wieder zu ihrer „Nahterei“, der Vater brannte die Pfeife an, nahm sein Schlagregister vor und begann zu addieren, halb im Kopf und halb mit den Fingern. Denn zu „Adam Ries“ stand Vater Xaverl in etwas gespanntem Verhältnis, und hatte er sich mit ihm zu raufen, so war’s ihm gerade recht, wenn nicht viel geschwatzt wurde; so vergaß er immer, was „ummikommt“ von einer Kolumne zur andern. as wusste die Mutter, und drum war ein Lächeln, ein zärtliches Nicken oder ein Augenblinzeln fast die ganze Unterhaltung, die sie mit ihrem Buben führte. Der saß im Lehnstuhl – und neben seinem Bierkrug lag das blühende Zweiglein auf dem Tisch, mit müd gewordenen Blümchen.

   Solch eine Bergtour, wie die am Morgen war, macht dürsten. Immer wieder griff Poldi nach dem Krug – bis die Mutter sagte: „Schau, Bubele, es ist dir ja vergönnt! Aber heut solltest dich noch ein bissl…“

   „So lass ihn doch, wann’s ihm schmeckt!“, brummte der Vater und blies eine dicke Rauchwolke über die Zahlen hin. „Da schlaft er drauf! Und ’s Bier ist gut. Das hat ihm auch nichts geschadet am Samstag! Der Damp halt, weißt, den sie allweil machen in der Gesellschaft! Meine geöhrten Schützenbrüder rauchen diemal ein recht ein Zweifelhaften. Ein paar hab ich eh’ in Verdacht, dass ihr Havanna auf’m Kartoffelacker wachst! Oder auf der Rosskastani!“

   Poldi lachte – ein Lachen, so merkwürdig, dass ihn die Mutter ansah. Dabei gewahrte sie, dass er schon wieder die Hand so über die Augen deckte – wie zum Schutz gegen das weiße, grelle Licht der Glasbirne.

   Hastig legte sie das Nähzeug nieder, ging aus der Stube, brachte eine Petroleumlampe mit grüner Glocke, stellte sie auf den Tisch und drehte das Glühlicht ab.

   Vater Xaverl machte ein verdutztes Gesicht. „Aber Mutter! Was fallt dir denn ein! So sparen brauchen wir ja doch nicht, dass wir ’s Petroli brennen müssen! Und wenn man sich gewöhnt hat an’s Elektri, kann man so ein Grablicht gar nimmer haben!“

   „Wenn aber ’s Elektri dem Buben in die Augen weh tut!“

   „Geh, du! Den verzärtelst aber schön!“ Der Förster lachte. „Möcht wissen, wer ihm auf ’m Äquator ’s Petroli nachtragt und die Tropensonn abdreht?“

   Poldi sagte kein Wort – und dankte der Mutter nicht. Aber als sie schlafen gingen, schlang er draußen im dunklen Flur den Arm um ihren Hals, mit so heißen Ungestüm, dass sie vor Schreck und Schmerz beinah geschrieen hätte.

   Und diese wilde Zärtlichkeit ihres Buben tat ihr doch so wohl! Die halbe Nacht, bis sie einschlief, konnte sie zehren daran.

   Aber am Morgen – diese Sorge wieder! Die harte Bergtour da in den Schnee hinauf war ihrem Buben doch wohl über die müde Kraft gegangen. Tiefe, blaue Ringe hatte er um die Augen.

   Und gerade heut wär’ es der Försterin lieb gewesen, wenn ihr Bub wieder so frisch und prächtig, so gesund und lachend ausgesehen häte wie am Samstag, als er heim kam von seinem ersten Weg ins Dorf. Denn heute musste er diesen Besuch machen, den er nicht länger verschieben durfte – sie war überzeugt, dass sich der Herr Dekan nur deshalb nicht mehr im Försterhaus hatte sehen lassen. Der hatte den Poldi gewiss schon am Sonntag erwartet – und war gekränkt.

   Gegen zehn Uhr machte Poldi sich auf den Weg.

   Ein Morgen – so schön!

   Aber Poldi sah nur die Straße, nur immer das Flecklein, auf das sein Fuß gerade hintrat.

   Und wieder riefen ihn aus allen Gärten die Leute an. Aber Poldi nickte nur einen stummen Gruß und ging vorüber.

   „So ein hochmütiger Kerl, wie der ist!“, brummte man hinter ihm her. „Weil er ein goldenes Börtl auf’m Kappl hat, meint er schon weiß Gott was!“

   Poldis Weg ging an der Lichtschmiede vorbei.

   Mit dem Gepolter des Wasserwerkes mischte sich der klingende Hammerschlag. Doch man Hörte nur die kleinen Nagelhämmer der Gesellen, nicht den großen Streckhammer des jungen Meisters. Der war wohl in seinem „Lichtstadel“ und guckte in die Kufen, in denen unter der Spannung des Stromes die Säure kochte? Oder hatte er sich um andere Dinge zu sorgen? Denn überall im Garten wurde gearbeitet, und in den Stuben, deren Fenster offen standen, sah man Handwerksleute, die beschäftigt waren.

   Poldi machte langsamere Schritte. Man geht am Haus eines Menschen, den man hasst, nicht schnell vorüber. Was sich der sonst denken möchte!

   Nach allen Fenstern sah er, nach dem Tor der Werkstätte, nach jedem Winkel des Gartens.

   Und ein hartes Lächeln war um seinen Mund, ein heißer Wille im Blick seiner Augen.

   Doch als er vorüber war und zwischen den Hecken hinschritt, sah er nur wieder die Straße und ihre Steine – nichts anderes. Und wenn ihm der laue Frühlingswind solch ein weißes Blütenflöcklein ins Gesicht wehte, streifte er’s von sich ab – wie es der Domini bei der Lichtstange getan.

   Er hatte den Pfarrhof erreicht, ein kaltes und stilles Haus, das mitten in einem großen, dicht verwachsenen Garten stand.

   Schon wollte er die Glocke ziehen. Doch er zögerte – als wäre in ihm ein dunkles Gefühl: Diese Stunde wird Schmerzen bringen.

   Und wie dann hinter der schweren Tür, in dem gewölbten Korridor mit den Steinfliesen, die alte große Glocke schrie und bellte – das war ihm unbehaglich zu hören. Das erinnerte ihn an bittere Stunden seiner Knabenzeit: Wenn ihn die anderen im Pfarrhof wegen eines übermütigen Streiches verklatscht hatten, musste er immer kommen, vor dieser Tür stehen und die Glocke ziehen.

   Die Widumshauserin öffnete ihm. Sie sah noch immer wie damals aus – so welk und alt, dass sieben Jahre keinen Unterschied machten. Nur dass sie ihn heute freundlich empfing und seinen Besuch als eine Ehre zu betrachten schien.

   Als die Tür hinter ihm zufiel, bellte die Glocke wieder.

   Über dem stillen Garten zitterte die Maiensonne, und in ihrer Wärme dampften die frisch besandeten Wege. Auf dem Rasen blühten die Himmelsschlüssel und kleine, kurzstielige Genzianen, deren blaue Glocken wie Kinderaugen aus dem handhohen Gras hervorlugten. Ein kleiner Hügel mit künstlichen Steingruppen war wie mit Gold überstreut: Von hundert und hundert Dolden der gelben Bergaurikel, deren süßer Wohlgeruch um den Hügel her die Luft erfüllte und von überall die Bienen rief. Als hinge mit Geglitzer ein fein beweglicher Schleier über dem Goldhügel – so war’s über ihm von all den zahllosen, schwärmenden Trinkern.

   Wenn Gott den Honig der Blumen für die Bienen schuf, die ihn saugen dürfen – warum nicht auch das Glück für Menschenherzen, die nach ihm dürsten?

   Fast eine Stünde war vergangen, als am Pfarrhof die Glocke wieder tönte und die Tür sich öffnete.

   Poldi trat in den Garten heraus, die Mütze in der Hand und mit ihm der alte Dekan im Hauskäppchen, unter dem das weiße Haar mit ein paar dünnen Strähnen hervorquoll und in einem abgetragenen Talar, der einen hager gebeugten Körper umschlotterte.

   Welch eine Kluft des Lebens zwischen diesen beiden: Zwischen diesem Dreiundzwanzigjährigen in aller Kraft und mit allen heißen Wünschen seiner Jugend, und doch mit einem Gesicht, so bleich, mit Augen, so verstört, als läge hinter ihm eine Stunde voll unerträglicher Qual – und zwischen diesem Greis in der müden Schwäche seines Alters, mit dem ruhigen Faltengesicht, mit diesem zufriedenen Lächeln nach erfüllter Pflicht, mit diesen stillen Augen, die klug waren, weil sie ohne Wunsch geworden und Schmerzen der Seele nur noch bei anderen sahen!

   „Ein schöner Tag, heut! So ein schöner Tag!“, sagte der alte Herr und nickte dem blauen Himmel zu, dem jungen Grün und den sprossenden Blumen. „Schau nur, wie die warme Sonn seit ein paar Tagen das Gras hat wachsen lassen! Da werden meine guten Bauern doch wieder einmal zufrieden sein mit dem lieben Herrgott! Ja, ja!“ In seiner Stimme war ein milder, herzlicher Ton, der etwas Absichtliches hatte, als möchte er sagen: Was wir in der Stube da drin miteinander reden mussten, das ist erledigt, und jetzt wollen wir gemütlich miteinander schwatzen, von ganz was anderem, gelt?

   Vor einem Fliederstock bleib der Dekan stehen und streifte sanft mit der welken Hand über die Zweigspitzen. „Der kommt jetzt auch schon! Ja, ja, schön langsam nach der Reih wird alles wieder lebendig, alles Tote wird wieder seine Blüte haben! Steckt man so mitten drin in der kalten, harten Zeit … das weiß ich ja von mir selber … so möcht man schier denken, dass man den warmen, tröstenden Frühling gar nimmer erlebt! Und doch kommt er! Doch! … Gelt, ja?“

   Es zuckte um Polis bleichen Mund. Ein Wort schien ihm auf der Zunge zu liegen, doch er schwieg.

   „Aber geh, setz doch dein Kappl auf!“ Der alte Herr lachte ein bisschen. „Freilich, wenn man das Kraushaar noch so dick auf dem Dächlein hat, da kann man Luft und Sonne vertragen. Aber bei mir da droben hat der Förster Zeit einen „Radikalhieb“ urch das Walderl geschlagen … wie dein lustiger Vater allweil sagt. Ich darf ohne Kappl nimmer zur Haustür hinaus, da hat’s mich gleich! … Aber schau, der Schlehdorn wird auch bald blühen!“

   So gingen die beiden langsam über die weißen, sonnigen Wege hin und unter freundlichem Schwatzen deutete der alte Herr auf alles junge Grün, auf jeden blühenden Zweig, auf jede Blume, auf alle diese tröstenden Zeichen froher Wiedergeburt des erfrorenen Lebens.

   „Und jetzt gehe halt heim!“, sagte er, als sie zum Zauntürchen gekommen waren. „Grüß mir deine Leut recht schön! Vielleicht komm ich am Nachmittag ein bissl hinunter zu euch. Und dann musst du mir was erzählen! Gelt?“

   Poldi nahm die Hand, die der alte Herr ihm reichte. „Adjüs, Hochwürden!“

   Vorsichtig blickte der Dekan über den Zaun hin – draußen die Straße war still und leer – und da sagte er leise und eindringlich: „Wirst du auch halten, was du mir versprochen hast?“

   „Dat will ick halten! Ja! Weil ich es versprochen hab, und …“, ein müdes, wehes Lächeln irrte um Polis bleichen Mund, „un weil mi dat Mäten tau leiw is, as da tick ihr einen Stein in ’t klore Water smeten kunn.“

   Freundlich streichelte der alte Herr die zitternde Hand, die er in der seinen hielt. „Das war ein gutes und schönes Wort! Un ich hab’s verstanden. Und schau, jetzt tu gleich noch ein Schrittl weiter! Sei nicht nur ein braver Mensch, sondern auch ein guter Christ … und trag’s dem Domini nicht nach, weil er mir in seinem Herzenskummer alles so offen gesagt hat … und wenn du vorbeikommst an seinem Haus, so geh ein bisserl hinein zu ihm…“

   Poldi fuhr auf, als hätte er einen Stoß vor die Brust erhalten. Er wollte seine Hand befreien – doch der alte Herr heilt sie fest.

   „So schau doch! Sollst ihm ja nicht um den Hals fallen. Aber in der Werkstatt kannst dich doch ein bissl unters Tor stellen … und sagen: ‚Gelt, heut macht’s einen schönen Tag?’ und kannst ihm dabei die Hand geben?“

   „Ne, Hochwürden! Dat kann ick nich! Das wär zu viel verlangt! Dat anner allens! Da tick der Wewerin nimmer in’t Haus komm … un da tick dem Dorle keinen Weg nich abpass, dat heww ick versprochen! … Awer dat mit dem Dom’ni? … Ne! … Dat wir tau vel!“

   „Wenn’s zuviel ist, in Gottes Namen, so geh halt vorbei an seinem Haus!“

   „Dat will ick dauhn! Adjüs, Hochwürden!“

   Dem alten Pfarrer sprach die Sorge aus den Augen, dass er mit diesem christlichen Rat viel mehr verdorben hätte als gutgemacht.

   Und wie heiß die Erregung in Poldi wühlte, das sah man dem Schritt an, den er einschlug – mit vorgebeugtem Kopf, wie man anschreitet gegen brausenden Sturm. Und es rührte sich nicht das leiseste Lüftchen in der schönen Sonne.

   Als er zur Lichtschmiede kam, blieb er stehen – und lachte.

   Es war ihm eingefallen, wie entrüstet vor Jahren der Domini immer gewesen war, wenn einer „seinen Poldi“ im Pfarrhof oder beim Schulmeister verklatscht hatte!

   „Un nu hett hei sülwen mi verkladdert!“

   Wie er lachte! Und dass er so lachen konnte, das tat ihm wohl. Denn die Lichtschmiede und der in ihr hauste – die lagen jetzt hinter ihm! – Einer, der klatscht! – Jetzt war er fertig mit dem Domini! Jetzt erst! Da würde ihn kein Gedanke, keine Reue, keine Sorge mehr quälen! – Und wie hatte ihn das gemartert in diesen beiden Nächten! Dass er aufgestanden war in der letzten Nacht und das Messer über den Garten hinausgeschleudert hatte in den See!

   Aber dieses Gefühl der Erleichterung, in dem er lachen konnte, dauerte nicht lange. Als er hinunter kam zur Seestraße, war schon wieder eine tiefe Furche in seine Stirn gegraben.

   Wie ihn diese schwatzenden Leute quälten, ihre Freundlichkeit, ihr lustiges Grüßen!

   Und einer fasste ihn mit Lachen an der Jacke und hielt ihn fest. Der hatte was läuten hören über die Gockelfrauen von Lugalonien. Und wollte wissen, ob das wahr wäre, dass diese hahnenfiedrigen Jungfern keine lebendigen Kinder kriegen, sondern Eier legen, die sie in den heißen Sand vergraben und von der Sonne ausbrüten lassen – wie man es den Berlinern im bayrischen Gebirg von den Gemsen erzählt. Die Berliner glauben das nicht – aber der gute Bayer, der den Poldi auf der Seestraße festhielt, schien den Gockeldamen von Lugalonien diese Erleichterung ihres weiblichen Berufs zuzutrauen. „Sag mir’s ehrlich! Ist das wirklich wahr?“

   „Ja, Mensch, dat is wahr!“ Poldi schob den Schwätzer aus seinem Weg. „So wahr as anner Ding, a de ick all min Dag nich globen hadd mögt!“ Seine Stimme zitterte.

   Die Erinnerung an diesen kindischen Scherz, der mit den flinken Füßen, auf denen alle Dummheit läuft, im Dorf schon umherzuwandern begann, hatte plötzlich wie greifbare Wirklichkeit alles in ihm wachgerufen: Diese ganze Stunde in dem grünen Stübchen, das Getriller der Vögel, den zirpenden Klang der Spieluhr, die Wärme des kleinen, linden Händchens, das er so fest umschlossen hielt, dieses liebe, süße Gesichtlein mit den strahlenden Augen und dem verlegenen Lächeln der Freude – alles, alles, alles – das ganze lachende Glück, das ihm ins Herz gefallen war, wie im Maien die Sonne ins offene Herz der Erde fällt!

   Und da fuhr es ihm plötzlich mit heißem Schreck durch jede Fiber seines Lebens – denn das Dorle stand vor ihm, mit dem steinernen Krug in der Hand, mit dem weißen Kopftuch über dem Haar, ratlose Angst in den großen Augen, und um den lieben Mund das hilflose Lächeln einer beklommenen Sorge.

„Gu’n…“

   Er hatte sagen wollen: Guten Morgen, Dorle! Aber die Erregung zerdrückte ihm das Wort in der Kehle.

   Stumm und ratlos standen sie voreinander – bis Poldi die zitternde Hand nach seiner Mütze hob.

   Jetzt brachte er’s heraus: „Gu’n Morgen, Dorle!“ Und das Wasser schoss ihm in die Augen, als er sich hastig abwandte und davonging.

   Ein paar Schritte war sein Gang so taumelig, als hätte er zuviel getrunken. Und mit der Faust wischte er die zwei Tränen fort, die ihm auf die Wangen geronnen waren. Und ging – und ging – immer schneller. –

   Das Dorle sah ihm nicht nach – nicht ein bisschen drehte sie das Gesicht. Langsam war ihr Köpfchen auf die Brust gesunken, so tief, dass ihr das Kopftuch mit seinem Dächlein ganz die Augen verdeckte. Und der schwere Steinkrug zog ihr den Arm immer tiefer hinunter. Dann fing sie zu gehen an, mit kleinen Schritten – und die wurden nicht schneller, sondern immer müder.

   Als sie zum Altwirt kam und die steinerne Freitreppe zur Haustür hinaufstieg, musste sie sich am eisernen Geländer stützen.

   Sie trat in den Flur und blickte langsam über die Schulter zurück, bevor sie beim Ausschank die Glocke zog.

   Von innen wurde das Schubfenster gehoben, man hörte das lustige Schwatzen von ein paar Gästen, die in der Wirtsstube waren, und im Guckloch des Ausschankes erschien das derbe, rote Gesicht der Kellnerin. „So, Dorle, bist da? Hab schon gemeint, du kommst heut gar nimmer und bist uns mit der Kundschaft ausgestanden.“ Lachend zog die Kellnerin den Steinkrug durchs Fenster in die Schänke. „Wie viel denn?“

   „Wie allweil!“ Ganz erloschen klang diese Stimme.

   Das braune Brünnlein sprudelte und füllte schäumend den Krug. „So! Vier Maß! Und besser gemessen, als wie der Neuwirt misst!“ Die Kellnerin stellte den schweren Krug auf das steinerne Gesims – aber draußen streckte sich keine Hand, um den Krug zu fassen. „He! Dorle! Wo bist denn?“ Verwundert schob die Kellnerin den Kopf zum Fenster hinaus und sah das Dorle mit kreideweißem Gesicht auf der Treppe sitzen, die neben dem Ausschank in den ersten Stock hinaufführte. „O du Heiliger! Madl! Was hast denn?“ Erschrocken rannte sie aus der Schänke und machte in der Stube ein Geschrei, das die Wirtin und alle Gäste in Aufruhr brachte. Aber als das Häuflein Leute mit Lärm in den Flur herausgelaufen kam, stand das Dorle beim Ausschank und legte die paar Münzen für das Bier auf das Gesimse. Sie wollte den Krug nehmen und gehen. Doch da drängten sich die Leute um sie her, mit Fragen, in denen die Neugier größer war als die Sorge. Dorle mit ihren nassen, verstörten Augen sah die schwatzenden Menschen an und bettelte: „Jesus Maria! Ich bitt schön … lassts mich doch gehen!“

   Die behäbige Wirtin legte sich ins Mittel. „Gehts weiter, Leut, lassts das Madl in Ruh! Die jungen Bräutln haben allweil solchene Sachen!“ Sie lachte. „Das weiß ich von meiner Zeit her. Und nach der Hochzeit ist alles in Ordnung gewesen.“

   Unter dem Lachen der anderen trat Dorle ins Freie. Vor der Türe bleib sie wieder stehen und blickte mit angstvollen Augen über die Straße hinunter.

   Auf dem Kirchturm fing die Elfuhrglocke zu läuten an. Wie klingende Träume schwammen in der sonnigen Mittagsstille die Glockentöne über die Dächer und Gräten hin, über den blauen, spiegelglatten See hinaus und den Bergen entgegen. Jeder einzelne Schlag der Glocke weckte ein Echo in der Ferne, und das klang mit Hall und Widerhall, als stünden zwei Türme im Tal, jeder mit einem tönenden Herzen in seiner steinernen Brust – zwei klingende Seelen, die aus weiter Ferne miteinander redeten: Die eine in hallender Kraft, die andere ganz leise, in scheuer Sehnsucht.

   Immer tönten die beiden Glocken, während Dorle, mühsam an dem schweren Steinkrug schleppend, mit hastigen Schritten die Straße hinunterging. Und als sie den Seitenweg erreichte, der gegen die Wiesen einbog, fing sie zu laufen an, als wäre etwas Entsetzliches hinter ihr.

*               *
*

   Die Woche verging, ein Tag immer schöner als der andere.

   Wie fröhlich in so schöner Zeit die Leute wurden! Überall in den Gärten, überall auf den Feldern hörte man sie singen. Dem einen blühte in seinem Garten ein Baum, der reiche Früchte versprach – dem andern wuchs das Gras auf den Wiesen, die Saat auf den Feldern.

   Im höheren Bergwald begann nun auch das Sprossen, und die Lärchen wurden grün. Aber Vater Xaverl, obwohl er seinen Wald nicht weniger liebte als der Bauer seinen Acker, machte kein fröhliches Gesicht.

   War er draußen im Pflanzgarten oder auf den Holzschlägen, so bekamen die Arbeitsleute seine üble Lauen hart zu spüren. Und daheim brummte er mit der Frau, weil sie immer wieder „das Sorgenhaferl aufrühren“ musste. Stundenlang stand sie bei Vater Xaverl in der Kanzlei, und hatten sie sich abends niedergelegt, so ließ sie ihn die halbe Nacht nicht schlafen, mit ihrem ruhelosen Gegrübel: „Was er nur haben muss, der Bub?“

   Aus ihm selber brachten sie nichts heraus – für all ihre Fragen hatte Poldi immer as gleiche müde Lächeln, das gleiche ruhige Wort: „Ne, Vater, ne, Mutting, mi fahlt nicks nich!“

   Aber dass ihm was fehlen musste, das stand ihm doch ins Gesicht geschrieben – das verrieten die schlaflosen Nächte, von denen seine heißen Augen an jedem Morgen erzählten – das verriet die gereizte Unruh, mit der es ihn den ganzen Tag umher trieb, vom Haus in den Garten, vom Garten ins Haus, hinaus auf den See und aus dem Boot wieder heim in die Stube.

   Wollte die Mutter den Buben daheim haben, so nahm er die Mütze und rannte fort, Gott weiß wohin – aber nie ins Dorf, immer in den Wald hinaus, den Bergen zu. Und wollte ihn der Vater mitnehmen, auf einen Waldgang, zum Abendschoppen oder in die Schützengesellschaft, dann schüttelte Poldi den Kopf und blieb bei der Mutter. Wenn sie aber allein mit ihm bei der Lampe saß – immer bei dieser Lampe mit der grünen Glocke, weil doch Poldis Augen das „Elektri“ so schlecht vertrugen – und wenn sie das Alleinsein benützen wollte, um aus dem Buben etwas herauszubringen, dann schien er so müde, dass die Ruhe in seiner Kammer droben für ihn das beste war.

   Der alte Dekan, dem die Försterin ihren Jammer klagte, suchte ihr alle Sorgen auszureden. Die Sache hätte keine Gefahr, denn das wäre nur die „Luftkrankheit“ – im Tiefland draußen und auf dem Meer, da wäre die Luft viel dicker und schwerer als im Bergland daheim, wo schon der Seespiegel seine achthundert Meter Höhe über dem Meer hätte. Drum wäre da die Luft viel dünner und leichter. Und wenn nun einer, der sich an die schwere Meerluft gewöhnt hätte, nach langer Zeit so plötzlich hereinkäme ins Gebirg, in diese leichte Luft, so gäbe das in seiner Natur einen Aufruhr, gerade wie beim Kochen. „Liegt ein schwerer Deckel auf dem Pfanndl, so tut das Wasser nur stille Waller … hebt man aber den Deckel auf, so geht der Dampf in die Höh und das Wasser brodelt.“ Genau so wäre das bei der Luftkrankheit im Blut. Von den Norddeutschen, die das erste Mal ins Gebirge kommen, hätten manche darunter zu leiden. Kommen sie aber das zweite und dritte Mal, dann sind sie an die dünne Luft gewöhnt. „So wird’s auch beim Poldi sein! Bis er das nächste Mal wieder heimkommt, hat er alles überstanden. Und da wird er wieder Euer lustiger Bub sein! Und lachen! Aber jetzt … freilich, jetzt hat er halt die Krankheit im Blut! Und da muss man ein bisserl Geduld mit ihm haben, muss recht leib und gut zu ihm sein, muss ihn nicht viel mit Fragen sekieren, die nichts helfen, und muss ihm schön seine Ruh lassen! Gelt?“

   Die Försterin begriff ein bisschen schwer, wieso ihr Bub sich der heimatlichen Luft so völlig hatte entwöhnen können. Aber war ihm denn nicht auch die heimatliche Sprache fast ganz von der Zunge gefallen? „Freilich, ja!“ Dieses Argument überzeugte sie. Und der geistliche Herr musste recht haben – denn sie merkte gleich, dass das angeratene Mittel wirkte: Je weniger sie den Buben mit Fragen quälte, je herzlicher sie in ihrer stillen Sorge mit ihm war, desto ruhiger wurde die Krankheit in seinem Blut, desto lieber saß er bei der Mutter daheim in der Stube. Und befiel ihn dann plötzlich wieder solch ein luftkranker Rappel, dass er die Mütze packte und davonrannte, dann ließ sie ihn ruhig gehen, obwohl die Sorg ein ihr jammerte: „O du Jesu mein1 Jetzt hat er doch die Luftkrankheit … und da rennt er noch allweil hinaus in die Luft!“

   Am Samstagabend, als gerade vom sonntägigen Kirchgang die Rede war – die Försterin hatte für die Gesundheit ihres Buben zwei pfundschwere Wachskerzen gestiftet – äußerte sich die Krankheit in einem so schweren Anfall wachsender Erregung, dass die Försterin in ihrer Sorge zum Doktor schickte, ohne dass sie ihrem Buben was sagte davon. Und as hatte eine böse Wirkung. denn als der Doktor, einen zufälligen Besuch vorschützend, in die Stube trat, fuhr Poldi aus dem Lehnstuhl auf, mit funkelndem Zorn in den Augen, und ging aus der Stube, ohne ein Wort zu sagen, ohne auf ein Wort zu hören.

   Und dieser Besuch hatte eine schlimme Wirkung auch auf die Mutter – er setzte ihr wieder den Zweifel ins Herz.

   „Luftkrankheit?“ Dazu hatte der Doktor gelacht. „Das ist doch Unsinn! Die kann man sich auf einem Gletscher holen, dreitausend Meter hoch! Aber bei uns da herunten? Wer Euch das eingeredet hat, Frau Försterin, das muss ein schönes Kamel sein!“

   In ihrem ersten Schreck hatte die Försterin gar nicht den Mut, zu bekennen, dass der Herr Dekan dieses – diese medizinische Autorität wäre.

   Aber hat der Bub nicht die Luftkrankheit, was hat er dann?

   Vater Xaverl, dem die Sache „zu dumm“ wurde, begann wie ein Rohrspatz loszuschimpfen. „Will er nicht einbestehen, wo ihn der Stiefel druckt, so soll er’s halt bleiben lassen! Wenn er den Wehdam nimmer derleidet, wird er schon sagen, was ihm fehlt!“ Doch bei allem Schimpfen verschwieg er den Verdacht, der in ihm aufgestiegen war – den Verdacht: Der Bub hat Schulden, traut sich nicht heraus damit, und die Unruh treibt ihn so herum, weil er doch selber weiß, dass seines Vaters Geldbeutel mit einem mageren Faden gebunden ist! In dieser Sorge suchte Vater Xaverl vor allem das eigene Gemüt zu beschwichtigen. Drum füllte er die Zigarrentasche, nahm seinen Hut und ging in die Schützengesellschaft.

   Nun saß die Mutter wieder allein – bei der Petroleumlampe mit dem grünen Schirm. Und während sie an dem Weißzeug ihres Buben nähte, während ihr ein Tränlein ums andere auf die Leinwand und auf die Finger tropfte, keimte auch in ihr ein Verdacht, der ihr as Herz wie mit kalter Eisenhand umkrampfte – der Verdacht, dass ihr Bub gar nicht krank wäre. Der hat nur Langweil daheim! Und die treibt ihn so herum. Und macht ihn so gallig und müd! Er ist den Eltern ein Fremder worden, und in der Heimat hat er Heimweh nach der fremden Welt da draußen. Und spürt, dass das ein Unrecht ist – weil er Vater und Mutter noch allweil lieb hat – und das wirft ihm diesen ruhelosen Streit ins Herz!

   Da hörte sie draußen seinen Schritt.

   Doch er kam nicht in die Stube herein. Ohne sich um das Nachtmahl zu kümmern, das auf ihn wartete, ging er in seine Kammer hinauf.

   Am andern Morgen, gegen sechs Uhr – während Vater Xaverl noch schlief und den „Qualm“ verschnarchte, den er in der Schützengesellschaft hatte schlucken müssen – hörte die Mutter den Buben das Haus verlassen.

   Als es Zeit zum Kirchgang wurde, war er immer noch nicht daheim. Der Vater in seinem Katzenjammer und in seiner verdrossenen Art fing wieder zu schelten an. Aber die Mutter hoffte den Buben in der Kirche zu finden. Doch da war er nicht – und während die Försterin auf dem Chörle am Fenster kniete, lauschte sie immer gegen die Treppe zur Sakristei hinunter, hörte nicht, dass der Domini und das Dorle „zum anderen Mal“ verkündigt wurden, und hörte nicht, wie falsch der Lichtschmied das Benediktus sang – er hatte zu tief eingesetzt, und das heilt er mit eiserner Zähigkeit fest durch das ganze Solo, ohne sich um die Musik der anderen zu kümmern.

   Auf dem Heimweg rannte die Försterin in ihrer Sorge dem Vater voraus – und fand den Sohn daheim in der Stube. „Bub! Wo bist denn gewesen?“

   Er hätte in der schwülen Kammer die ganze Nacht kein Auge geschlossen, wäre in den Wal hinaus und hätte in der guten Luft einen Schlaf gefunden, so fest, dass ihn auch die Kirchenglocke nicht geweckt hätte.

   „Gott sei Lob und Dank … wenn’s nichts anderes ist!“

   Und der liebe Herrgott, meinte sie, wird einen gesunden Schlaf ihres Buben im Wald draußen für eine bessere Andacht gelten lassen, als ein müdes Vaterunser in der Kirche.

   Aber wenn ihm nur – jetzt glaubte sie plötzlich wieder an die Luftkrankheit – wenn ihm nur das lange Liegen in der dünnen Luft nicht mehr geschadet hat, als der Schlaf ihm nützte?

   Mit dieser Sorge schien es zu gehen, wie mit dem Wolf, den man nicht nennen darf. Denn er wurde mit dem Buben schlimmer von Tag zu Tag. Je schöner diese Tage waren, Tage, als hätte die Zeit in Sehnsucht nach dem Sommer einen Monat übersprungen, umso grauer hing die Schwermut um dieses verstörte junge Leben her.

   Am Mittwoch nach dem Essen, als Poldi wieder seine Mütze genommen hatte, erwischte ihn der Vater unter der Haustür beim Ärmel und zog ihn mit in die Kanzlei.

   „So ein Zustand muss einmal ein End haben!“ Xaverl machte grimmige Augen und blies die Backen auf, dass sich der graue Schnurrbart sträubte, als wären’s Igelstacheln, nicht Haar. „Bub! … Hast Schulden? … In Gottes Namen, so sag’s halt! Müssen wir halt schauen, was wir machen! Ein paar lausige Pfandbrief haben wir noch, d’ Mutter und ich! Die müssen wir halt verklopfen! Also sag’s! Hast Schulden?“

   Mit großen Augen sah Poldi den Vater an. „Ick? Un Schullen? Ne, Vater! Ick heww mi säbenhunnert Mark sparen. De hett mi Herr Radspeeler up Zinsen leggt.“

   Jetzt war Vater Xaverl mit seiner Weisheit zu Ende. Ganz perplex guckte er drein und schien nicht zu wissen, ob er sich über diesen schönen Sparpfennig freuen, oder über das unbegreifliche Wesen seines Buben ärgern sollte. Vermutlich entschied er sich für das letztere, denn er drückte die Fäuste aufs Haar und begann zu schreien: „Himmel Kreuz Teufel…“ Doch er hätte die Rede, die er mit diesem christlichen Stoßseufzer beginnen wollte, an die Wand hinhalten müssen. Denn Poldi war aus der Stube gegangen.

   Den ganzen Nachmittag saßen die beiden Alten in der Kanzlei beisammen. Wenn ein Arbeiter aus dem Saatkamp oder ein Holzbauer kam, wurde er zum Teufel geschickt, denn Vater Xaverl meinte, dass man „ein einzigs Mal im Leben“ Auch für sich selber ein Stünderl nötig hätte. Doch nach all dem stundenlangen Reden waren die beiden so ratlos wie zuvor.

   Als es auf den Abend zuging, hatte die Mutter in ihrem Gemüsegarten die jungen Pflanzen zu begießen, denn der wolkenlose Tag war heiß gewesen. Und da sah sie ihren Buben, von dem sie meinte, er wäre auf den See hinausgefahren, bei einer Ulme lang hingestreckt im Gras liegen, das Gesicht in die Arme gedrückt.

   Sie ging zu ihm. Wie ein Schlafender lag er da, und seine Schultern hoben und senkten sich unter schweren Atemzügen. Er schien den Schritt der Mutter nicht zu hören und machte keine Bewegung, als sie sich an seiner Seite niedersetzte ins Gras.

   Überall in den Bäumen das zärtliche Locken der Vögel, das Gezwitscher bei ihren Nestern. Und durch das grüne Gezweig und durch die Lücken der Fichtenhecke fielen von der tief stehenden Sonne die goldenen Lichter über die beiden her, ein wenig zitternd, weil alles Grün sich im lauen Wind ein bisschen rührte.

   Sich niederbeugend, ganz leise, streifte ihm die Mutter mit der Hand übers Haar.

   Poldi fuhr auf, halb wie in Schreck und halb wie in Freude – doch es schien, als wäre ein anderer Gedanke in ihm gewesen, nicht der Gedanke an die Mutter. Er sah sie so seltsam an. Dann fuhr er sich langsam mit der Hand über die Stirn, atmete tief und ließ sich halb wieder ins Gras sinken.

   Da nahm die Mutter seinen Kopf zwischen ihre Hände und sah ihm in die Augen. „Bubele! Um Tausendgotteswillen! Sag mir’s doch endlich! Was hast denn? Schau, das bringt mich ja schier um, dass ich dich allweil so sehen muss!“

   Was ihn bezwang – war es die weiche Stimmung des Augenblicks, der zärtliche Klang in der Stimme seiner Mutter, die schwimmende Sorge in ihrem Blick? Vor seinem verschlossenen Herzen wollte der Riegel springen, und schluchzend grub er das Gesicht in der Mutter Schoß. „Ach, Mutting, Mutting, ick bin krank…“

   „O du lieber Herrgott!“, stammelte sie und versuchte seinen Kopf an ihre Brust heraufzuziehen. „Sag doch, Bub! Geh, sag mir doch…“

   „Ick kann ’t nimmer uthollen! Min Hart, Mutting, dat springt mi binah vör Weih, mi schüddt as Fewer dörch de Knaken, un min Lewen is mitten utenanner klöwt! Ick ward nich mihr, Mutting! Ick ward nich mihr! MI is wat intwei!“

   „O heilige Mutter…“ Mit beiden Armen umklammerte sie den Hals ihres Buben, küsste sein Haar und sah in ratloser Angst auf ihn nieder. Denn sie hatte kaum ein Wort verstanden, wusste nicht, was der Bub ihr sagen wollte – und verstand doch den Schrei seiner Qual, die Verzweiflung seines Herzens. „Bub! Mein Bub! So sag mir doch … schau, ich versteh ja kein Wörtl…“

   Er umschlang sie und drückte das Gesicht an ihre Burst. „Ick kann ’t nich seggen, Mutting! Mi wullen de Würd nicht rut. Äwer so kann dat nich wider gahn! Ick möt furt, Mutting! Furt! Furt! Furt! MI würd de Tid tau lang, dat holl ick so nimmer ut… ick wull, ick wir up min Schipp!“

   Fort will er? Und die Zeit wird ihm zu lang? Und daheim hält er’s nimmer aus? Und möchte schon gerne wieder auf seinem Schiff sein? Das hatte sie verstanden! Was seit vier Tagen immer wie eine scheue Angst in ihr gewesen – jetzt hatte er’s ausgesprochen! Und so quälend war in ihm das Heimweh nach da draußen, dass es ihn ganz von Sinnen brachte, seine Gesundheit zerstörte und sein Gesicht entstellte?

   Doch ehe dieser Gedanke noch recht in ihr lebendig geworden, jagte sie ihn schon wieder aus ihrem erschrockenen Herzen hinaus. Ein Bub, den es forttreibt von seiner Mutter, klammert doch nicht so die Arme um ihren Hals!

   Sein Widerstreben überwindend, hob sie sein Gesicht von ihrer Brust, wischte ihm die Tränen aus den Augen und presste ihre Wange an die seine.

   „Schau, Bubele … schau, ich weiß doch, dass ich dich falsch verstanden hab! Hängst ja doch an Vater und Mutter, gelt? So viel Langweil kannst doch nicht haben daheim, dass du von der Mutter weg willst … und wieder fort auf dein Schiff … und gern?“

   Er sah sie an. Und verstand. Und presste die Mutter an sich – und da fand er auch plötzlich die Sprache seiner Heimat. „Aber geh, Mutterl! Wie kannst du nur so was denken!“ Unter müdem, traurigem Lächeln strich er das feuchte Haar von seiner Stirne zurück. „Jetzt darf ich dir’s nimmer verschweigen und muss dir schon alles agen!“ Ganz ins ich versinkend, drückte er das Gesicht in die Hände. „Mutter … ich hab das Dorle lieb!“

   „Mar und Josef!“, stotterte die Försterin im ersten Schreck. „Der Weberin ihr Dorle?“

   Er nickte.

   „Aber die ist ja doch mit …“ Sie hatte sagen wollen: Mit dem Domini verkündigt! Aber das brachte sie nicht heraus. Und ratlos saß sie neben ihrem Buben im Gras, bis sie ihre aus den Fugen geratenen fünf Sinne so weit wieder beisammen hatte, dass sie fragen konnte: „Und ’s Dorle? … Was sagt denn ’s Dorle dazu?“

   Er schwieg, immer das Gesicht in den Händen.

   Aber wie hätte es für die Försterin auf der Welt ein Mädel geben können, dem ihr Bub nicht gefiele: „’s Dorle wird dich halt auch mögen, gelt?“

   Poldi schüttelte den Kopf. „Dat weiß ick nich! Wie das erste Glück so gewesen ist in mir, da hab ich mir’s eingebildet, dass sie mir gut sein könnt! Aber tät mich das Dorle mögen … sie hätt sich doch mit dem Anneren nich verkünnen laten!“

   „Jesus, Jesus! Bub! Wie hast denn so anrumpeln können!“ Die Försterin fand in ihrer ratlosen Sorge kein klügeres Wort.

   „Das ist so schön gewesen! So schön, Mutting! So schön!“

   Die Arme auf den Knien, den Kopf zwischen den Händen, fing er mit leiser Stimme zu erzählen an, während das Blut der niedergehenden Sonne über Tal und Berge floss.

   Von der ersten Begegnung auf der Straße erzählte er, wie ihm das gleich so merkwürdig ins Blut gefallen wäre, dass es gar nimmer von ihm hätte lassen wollen – und von der lieben Stunde in dem grünen Stübchen, von dem Getriller der Vögel, von der Spieluhr, von dem Glanz in Dorles Augen und von all dem frohen, lachenden Glück, das er in seinem Herzen mit heimgetragen hatte – von der Falschheit des „Anderen“, dessen Name nicht über seine Lippen wollte – und von aller Qual, die damals in der Kirche begonnen hatte, um zu wachsen mit jeder schlaflosen Nacht, mit jedem unerträglichen Tag.

   Die Försterin war so gerührt, dass ihr immer die Tränen auf das Halstuch hinunterkollerten. Wie sollten auch einer Mutter, die das Herz ihres Buben bluten sieht, die Augen nicht überlaufen! Aber ganz begriff sie diese traurige Liebe nicht, die ihrem Buben ins Herz geschlagen hatte, wie der Blitz in den Baum. Wie kann denn nur so was über einen Menschen kommen – in einer einzigen Stunde, fast auf den ersten Blick? Das verstand sie nicht. Fängt man an, einem Menschen gut zu werden, so überlegt man doch erst, und schaut, und rechnet auch ein bisserl! Sie hatte ihren Xaverl doch auch von Herzen lieb gehabt, als sie mit ihm zur Kirche gegangen – aber das hatte drei Jahre gedauert, bis das so gekommen war, immer ein Fünklein zum Fünklein, bis ein schönes und warmes Feuerchen daraus geworden.

   Aber was sie nicht verstand, das fühlte sie doch mit banger Sorge: Dass dieses Unglück ihrem Buben ans Leben ging. Doch sie war ratlos, dass sie nichts anderes wusste, als seinen Kopf an ihre Brust zu drücken, sein müdes, verstörtes Gesicht zu streicheln und sein Haar zu küssen.

   Und da stand der Vater Xaverl plötzlich vor den beiden, mit verdutzten Augen und ärgerlich gereizt. „Was habts denn ihr zwei miteinand? Der Bub ist doch keine drei Jahr mehr! Wie kann man denn einen ausgewachsenen Menschen so verkindeln!“ An Poldis Gesicht und am Blick der Mutter schien er zu merken, dass er eine Beichtstunde unterbrochen hatte. „So so? … No ja, aber jetzt möcht ich schon bald auch einmal wissen, was denn eigentlich los ist, dass man gar kein Fried nimmer hat im Haus! Oder muss ich allweil der letzt sein, der was erfahrt?“

   Die Mutter, in Erinnerung an frühere Zeiten, schien einen bösen Auftritt zwischen Vater und Sohn zu befürchten. „Bubele, sei gescheit!“, flüsterte sie in Poldis Ohr und strich ihm noch einmal mit der Hand übers Haar, während sie sich aus dem Gras aufrappelte. Dann nahm sie den Vater beim Arm. „Jetzt weißt, dass du allweil der letzte bist im Haus, das ist doch ein bissl übertrieben!“ Sie zog ihn mit sich fort. „Geh, komm! Und lass den Buben in Fried!“

   In der Kanzlei sagte sie ihm alles. Aber bei Vater Xaverl war’s mit der Rührung nicht gar weit her. Im Gegenteil, er schien erleichtert aufzuatmen, weil hinter dem verstörten Wesen seines Buben nichts anderes steckte als solch eine „Narretei“, bei der ohnehin nichts Vernünftiges herausgeschaut hätte. „Gott sei Lob und Dank, da ist die Katz wieder einmal auf die Füß gefallen!“, meinte er. „’s reine Glück für uns, dass der Bub mit seiner narrischen Lieb ein verriegeltes Stadeltor gefunden hat, und dass das Mädel schon in Nummero Sicher ist; denn wann der Domini was hat in der Faust, so lasst er nimmer aus. Sonst hätten wir schöne Streich erleben können. Der Bub mit seiner Narretei wär imstand gewesen und hätt seine ganze Karrehri über den Haufen geworfen und hätt so ein Mädel geheirat, die … na, ich will nichts sagen! Was wahr ist, soll wahr sein: Das Dorle ist ein bravs und ein liebs Dingerl! Aber unser Bub, der in fünf, sechs Jahr den Kapitän hat, der kann sich was Besseres aussuchen! … Gott sei Lob und Dank, dass die Sach erledigt ist!“

   Die Försterin meinte mit einem Seufzer: So ganz erledigt wäre die Sache noch immer nicht! „Schau nur den Buben an! Was er für Augen hat!“

   „Jetzt sei zufrieden, Alte! Und mach dir keine Sorgen nimmer! Müssen wir halt die paar Tag, die er noch da ist, recht gut sein mit dem Buben. Das macht’s ihm leichter. Und wann er fort ist, hat er ’s Ärgste überstanden. Die Zeit wird ihm den hohlen Liebszahn schön langsam lupfen … und bis er wieder einmal in Urlaub kommt, lacht er selber darüber.“

   Da fiel der Försterin ein, was der Dekan ihr gesagt hatte, und nun glaubte sie zu verstehen, wie sein Trost wegen der „Luftkrankheit“ gemeint war! Und wie gerne hätte sie sich trösten lassen! Wie gerne wäre sie ruhig und zufrieden gewesen! Aber eine bange, dunkle Sorge wühlte in ihrem Herzen. „Xaverl“, warnte sie, „nimm’s nicht so leicht!“ Und wieder sagte sie das gleiche Wort: „Schau dir den Buben nur an! Was er für Augen hat!“

   „Augen halt, wie sie der Fisch macht, wann er geschnappt hat und in der glanzigen Fliegen den Haken spürt! Aber unser Bub ist gesund! Der macht einen festen Zuck … und: Guten Morgen, Herr Fischer! Hat er ’s klare Wasser wieder, so schaut er ganz anders drein!“

   „Xaverl! Mir ist so viel angst! Ich sag dir’s, dem Buben reißt’s am Leben!“

   „Geh, du!“ Der Förster musste lachen. „So was! Wie d’ Weiberleut aber alles gleich übertreiben müssen!“ Er setzte sich an den Schreibtisch. „Ich hab dich gewiss auch gern gehabt, aber wann ich dich nicht kriegt hätt, deswegen hätt ich noch lang nicht sterben müssen!“

   Es lag ihr auf der Zunge: „Du! Und der Bub! Das ist doch was anders!“ Aber sie verschwieg das, weil sie ihren Xaverl nicht kränken wollte. Und trug ihre wühlende Sorge in den schönen Abend hinaus.

   Auf dem See draußen sah sie ihren Buben im Nachen sitzen und rudern, dass vor dem Kiel das Wasser aufging, so weiß wie Schnee.

   Er ruderte, dass ihm der Schweiß auf die Stirne trat, ruderte immer den See hinauf, als möchte er das sinkende Licht mit Gewalt noch einholen. Aber der rote Feuerstreif auf den Wellen war schon erloschen, die Sonne schon hinuntergegangen.

   Es fing zu dämmern an, und ehe noch am mattblauen Himmel sich die ersten Sterne zeigten, flammte pünktlich mit dem Abendläuten am ganzen Ufer das Licht des Domini auf.

   An diesem Abend wusste die Försterin, warum die Augen ihres Buben das grelle Licht so schwer vertrugen – und warum es ihn immer vom See herein trieb in die Stube, sobald die Glocke zu läuten begann.

   Als sie auf dem gedeckten Tisch das grüne Glas über die Petroleumlampe hob, da hörte sie schon im Garten draußen seinen Schritt. Auch die Kanzleitür hörte sie gehen.

   Im dunkeln Hausflur fasste Vater Xaverl den Buben ab, legte ihm den Arm um die Schultern und rüttelte ihn mit derber Zärtlichkeit, als hätte er einen Schlafenden aufzuwecken. „Sei gescheit, Manndele! Die Mutter hat mir alles gesagt. Und jetzt sei mir ein bissl vernünftig! Denk dir: Du bist nicht der erst, der mit der Lieb den Postwagen versäumt hat! In Gotts Namen, setzt man sich halt hin am Weg und lasst sich ’s Warten nicht verdrießen … es kommt schon wieder ein Wagen … einer, auf dem man viel besser sitzt. Und schau, wenn du dir die ganze dumme Geschicht mit Verstand überlegst, musst dir doch selber sagen, dass da nichts rausgeschaut hätt dabei!“

   „Ne, Vater, nicks nich!“, sagte Poldi mit leisem Beben in der Stimme. „Nicks nich … als bloß ein schönes und gutes Glück!“ Er lachte. „Aber wozu braucht der Mensch auch ein Glück! Ne, Vater! Dat möt nich sin! Der Mensch hat für Leben und Sterben ander Ding genug! Damit langt er gut bis zum kalten Grab!“ Wieder lachend, befreite er sich aus dem Arm des Vaters und trat in die Stube.

   Vater Xaverl nahm diese Antwort nicht gar so ernst. Und um seinen Buben aufzuheitern, erzählte er beim Abendessen und bei der qualmenden Pfeife alle lustigen Jagdgeschichten, die er in dreißig Jahren erlebt hatte. Und als ihm nichts Erlebtes mehr einfiel, tat er einen tiefen Griff ins „Lateinische“. Dabei amüsierte er sich so gut, dass er ein um das andere Mal bei allen Heiligen schwor, er hätte in seinem ganzen Leben noch nie so viel gelacht wie an diesem lustigen Abend.

   Doch je lauter der Vater lachte, desto tiefer grub sich auf Poldis Stirn die Falte ein, die zwischen seinen Brauen lag.

   Und die Mutter hatte alle paar Minuten was in der Küche zu schaffen – um vor ihrem Buben die Tränen zu verbergen, die ihr immer wieder in die Augen traten.

*               *
*

   Die schönen Tage begannen schwül zu werden – so schwül unter dem Dach des Försterhauses wie draußen unter dem freien Himmel mit seiner heißen Sonne.

   Von der „dummen Geschicht“, wie Vater Xaverl den Herzenskummer seines Buben zu nennen pflegte, wurde im Frösterhaus nur gesprochen, wenn Vater und Mutter allein waren. Saß aber der Bub bei ihnen, dann schwatzte man von hundert Dingen, nur von dem einzigen nicht, an das sie alle dachten. Und das war immer ein tröpfelndes Reden, ein müdes Lachen, ein beklommenes Verstummen.

   Wie lang ihnen allen solch ein Abend wurde – bei der trüb brennenden Petroleumlampe, um die noch Vater Xaverls Pfeife die grauen Schleier ihres Qualmes spann!

   Doch am Freitagabend – am letzten Tag vor Poldis Abreise – da wurde allen dreien das Schwatzen ein bisschen leichter. Jedes von ihnen schien zu denken: Morgen ist’s überstanden!

   Die Alten sprachen immer vom nächsten Urlaub ihres Buben, Vater Xaverl braute einen Punsch, und da blieben sie lange sitzen, denn die Mutter hatte noch bis spät in die Nacht hinein zu nähen, um das Zeug ihres Buben völlig in Ordnung zu bringen, und am andern Morgen, gleich in aller Frühe, gedachten sie den Koffer zu packen – Poldi musste wohl erst am Abend gegen zehn Uhr von zu Hause fortfahren, um in der nächsten, eine Stunde vom Dorf entfernten Bahnstation den Anschluss an den Nachtzug zu erreichen – aber wenn der Koffer am Morgen schon fertig stünde, dann könnte man sich Zeit lassen, meinte die Mutter. „Und man hat sich doch noch ein bissl!“

   Als sie schlafen gingen, war Vater Xaverl vom Punsch so fidel geworden, als käme er aus der Schützengesellschaft. Er machte sich’s in den Federn bequem un lachte und schwatzte, während die Mutter noch immer was zu kramen hatte. Aber schließlich wurde er still, und als er zu sägen anfing, schlich die Försterin auf den Zehen aus der Stube und ging zur Kammer ihres Buben hinauf.

   An der Türe lauschte sie ein Weilchen. Alles war still da drinnen, doch es schimmerte noch Licht durch die Ritzen der Türe heraus – und als sie in die Kammer trat, sah sie ihren Buben halb entkleidet neben dem flackernden Kerzenlicht am Fenster sitzen.

   Wortlos, wie von einem schmerzenden Krampf geschüttelt, streckte er der Mutter die Arme entgegen und zog sie auf seinen Schoß und hielt sie umklammert und presste das Gesicht an ihren Hals.

   Auch die Mutter brauchte eine Weile, bis sie sprechen konnte. Dann begann sie ihn mit leisen Worten zu trösten und redete so lange, bis er ruhig wurde. „Und schau, Bubele, jetzt vergönn dir doch auch ein bissl Schlaf! Morgen musst ja die ganze Nacht durch fahren! … Gelt, tust dich niederlegen?“

   Er nickte. „Gut Nacht, Mutterl!“

   Draußen vor der Türe wartete sie, bis das Licht erlosch. Dann ging sie nochmals hinein in die Kammer, die vom Mondschein matt erleuchtet war, tauchte den Finger in das Weihbrunnkesselchen, das neben der Türe hing, besprengte mit dem geweihten Wasser das Gesicht ihres Buben und küsste ihn auf die Wange. „Schau, so viel hart wird’s mir morgen! Aber komm mir nur gesund wieder heim … und alles ist recht!“

   „Ja, Mutting!“

   Sich bekreuzigend, mit einem geflüsterten Segenswunsch, verließ ihn die Mutter.

   Am andern Morgen waren sie alle drei ganz ruhig. Nur Vater Xaverl hatte Ursache, manchmal an seine Stirn zu greifen; er hatte zu viel Zucker in den Punsch gegeben.

   Gegen acht Uhr, als Poldis Koffer gepackt war, setzten sie sich zum Frühstück vors Haus, in den Schatten des vorspringenden Daches. Der Tisch war gedeckt wie zu einem Fest. Die Mutter hatte einen großen Blumenstrauß zwischen die Tassen und Teller gestellt und hatte Schinken, Eier, Kuchen und Gugelhupf so reichlich aufgetragen, dass Vater Xaverl lachend fragte: „Kriegen wir denn heut Einquartierung?“

   Während sie saßen, mussten sie mit dem Tisch immer rücken, um der Sonne auszuweichen. Die brannte am frühen Morgen schon so heiß, als wär’s die Junisonne.

   Niederen Fluges schossen die Schwalben über die Wiesen und am Ufer hin. Und wenn ein Wagen die Seestraße hinunterfuhr, dampften graue Staubnebel langsam über das spiegelglatte Wasser hinaus. Kein Windhauch rührte sich – und doch war Bewegung am Himmel – denn weiße, faserige Wolken wuchsen aus dem Blau heraus, lösten sich wieder auf und bildeten sich an anderer Stelle wieder von neuem. Es war etwas Schwüles und Lauerndes in der ganzen Natur.

   „Heut will mir ’s Wetter gar nicht gefallen!“, meinte Vater Xaverl.

   Und Poldi nickte. „Ja, Vater! Heute kommt noch wat!“

   Aber es blieb immer im gleichen, von Stunde zu Stunde.

   Gegen Mittag hatte die Mutter einen Weg ins Dorf zu machen, um für den Buben noch was einzukaufen: Nadeln, Faden, Litzen und Knöpfe – denn sie wollte ihm eine Nähschachtel zusammenrichten, damit er auf dem Schiff sein zeug immer ordentlich ausbessern könnte. Und als sie von diesem Weg wieder heimkam, war es ihr anzumerken, dass irgendetwas geschehen war. Ganz aufgeregt war sie. Und Poldi fragte auch gleich: „Mutter, was hast du?“

   Sie erschrak vor seinem merkwürdigen Blick, wollte ihn beruhigen und redete ein Weilchen so herum, von ihrer Angst vor einem bösen Wetter und vom Krämer, dessen „Anerith“2 seid gestern einen Purzelbaum nach der schlechten Seite gemacht hätte, und wie aufgeregt sie darüber wäre, dass das grobe Wetter gerade jetzt beginnen sollte, wo ihr Bub wieder aufs Schiff müsste. Und so schwatzte sie, bis Poldi die Hand um ihren Arm klammerte und mit zerdrückter Stimme sagte: „Ne, Mutting! Dat möt wat anners sin! Und das sollst du mir sagen! Hast du das Dorle gesehen?“

   „Aber, Bub, was fallt dir denn ein? Du musst dir ja Sachen denken … geh, sei doch ein bissl gescheit! Und wenn schon meinst, du musst es wissen … no ja, in Gotts Namen: Der Domini ist mir halt begegnet.“

   „Der Dom’ni? … So?“

   Und gefragt hat er mich halt, wie lang du noch bleibst. Und wie ich ihm gesagt hab, du fahrst heut am Abend um zehne, da hat er aufgeschnauft … und schau, Bub, da hat er mich derbarmt! Und angeschaut hat er mich, so verkümmert, und grad wie einer, der sich was Guts derbettelt, so hat er mich gefragt, ob er nach ’m Essen nicht kommen dürft…“ Mit angstvollen Augen sah die Mutter zu ihrem Buben auf und strich ihm mit der Hand über die Stirn, als möchte sie diese harte Furche glätten. „Geh, Bubele, sei gescheit! Schau, ich hab’s ihm verlaubt, dass er kommt … weil ich mir denkt hab, es wär für dich und für uns alle am besten, dass man im Guten auseinander geht. Und wann er kommt und sagt dir in aller Güt ein ehrlichs Pfüegott … schau, da kannst ihm doch die Hand geben…“

   Poldi schüttelte den Kopf. „Ne, Mutting, dat kann ick nich. Der Dom’ni und ich, wir haben einander nichts mehr zu sagen.“

   Dabei blieb er, wie die Mutter auch bettelte. Und gleich nach dem Mittagessen nahm er seine Mütze, ging zur Schiffhütte hinunter, löste das Boot und fuhr auf den See hinaus – weit hinaus.

   Draußen ließ er die Ruder sinken. Gebeugt, mit den Fäusten auf den Knien, saß er im Kahn und spähte immer gegen die Seestraße.

   Bald brannte die Sonne mit schwüler Glut auf ihn nieder, bald wieder glitt ein grauer Schatten der Wolken über ihn hin, die sich mit kugeligen Formen immer dichter am Himmel zusammenzogen.

   Einen um den andern sah Poldi die Seestraße herunterkommen – aber keiner trug den langen Sonntagsrock, keiner hatte den knappenden Schritt des Schmiedes.

   Bei diesem Spähen überkam ihn plötzlich ein quälendes Gefühl – der andere, wenn er käme, sollte ihn auf dem offenen Wasser nicht sehen, sollte nicht merken: Der weicht mir aus.

   Mit hastigen Ruderschlägen, die das Wasser rauschen machten, trieb er das Boot der nächsten Waldbucht zu. Aufatmend sprang er ans Ufer und zog den Nachen bis zum halben Kiel aufs Land.

   Ohne des Weges zu achten, den er einschlug, schritt er in den schwülen, schweigenden Wald hinein. Nirgends konnte er bleiben – wie eine brennende Unruh war’s in ihm, die ihn trieb und trieb. Und als der Waldgrund zu stiegen begann, überfiel es ihn mit irrsinniger Sehnsucht: Hinauf, hinauf, nur immer hinauf – umso rascher, je steiler das Gehänge wurde! Wie wohl ihm das tat: Sich so abzuquälen, bis ihm der Atme verging und die Kraft erlahmte!

   Da lichtete sich der Wald zu einer weiten, wellig geneigten Weidefläche. Das war eine Niederalm – und dicht am Waldrand stand die Sennhütte. Zwei lachende Stimmen klangen aus dem niederen Blockhaus, dünne Rauchwolken kräuselten sich wie grauer Nebel aus den Lücken des Steinbeschwerten Schindeldaches, und vor der offenen, von mattem Feuerschein umzitterten Türe stand ein leerer Handkarren – da hatte wohl der Bauer das Almgerät herauf gefahren, um die Hütte häuslich einzurichten für die nahe Sennzeit.

   Eine Weile stand Poldi am Waldsaum und blickte zu der rauchenden Hütte hinüber, aus der die Stimmen klangen – die Stimmen eines Mannes und eines Weibes – und so fröhlich! Die beiden lachten, als säße das Glück bei ihnen am hellen Feuer!

   Um den Mund ein bitteres Lächeln, wandte sich Poldi in den Wald zurück. Ganz langsam ging er – ohne zu schauen, wohin. Immer wieder griff er in die grünen Zweige, nach einem Stamme, nach einem Fels – als hätte er eine Stützte nötig. Dieses sinnlose Aufwärtshetzen hatte ihn so müde gemacht, dass sein Gang wie das Taumeln eines Trunkenen wurde.

   Zwischen moosigen Steinen, wo der Schatten des jungen Laubes durchwebt war von hundert flimmernden Lichtern, warf er sich zu Boden.

   Kleine Meisen flogen mit erregtem Pispern hin und her, als hätte der Anblick dieses einsamen Menschen ihre Neugier geweckt. Und tiefer im Wald fing ein Kuckuck zu rufen an. Wer da das Waldorakel hätte befragen wollen: Wie lange leb’ ich noch? … der hätte seine Freude gehabt! Denn der Kuckuck wollte mit Rufen kein Ende finden und schien die Jahre des Methusalem zählen zu wollen.

   Doch Poldi hörte nicht. Ohne sich zu bewegen, saß er, mit den schlaffen Armen über den Knien, und starrte immer vor sich nieder.

   Die flimmernden Lichter um ihn her erloschen – eine dichte Wolke hatte sich vor die Sonne geschoben – und der grüne Wald wurde grau.

   Poldi hob das Gesicht, mit Augen, als wüsste er nicht, wo er wäre und wieso er da hergekommen.

   Er lachte heiser. Und pflückte eine Grasschmehle. Die sah er immer an und zog sie langsam durch die Finger – immer wieder.

   Der Kuckuck, der ein Weilchen geschwiegen hatte, fing etwas ferner wieder zu rufen an. Dann wurde er stumm, mitten im halben Ruf, und strich mit jenem gackernden Gelächter durch den Wald hinunter, das der Kuckuck hören lässt, wenn ihn der Schritt eines Menschen oder eines Wildes aufscheucht.

   In der dumpfen, grauen Schwüle ging ein langsames Rauschen über die Kronen der Buchen hin – und aus der Ferne hörte man etwas wie das Brausen eines mächtigen Wildbaches.

   Bei dem kühlen Hauch, der vom Tal her über en Berghang hinaufwehte, kam plötzlich eine milde Seligkeit in die Luft, der Wohlgeruch des blühenden Waldmeisters und der weißen Maiblumen.

   Tief atmend trank der Einsame den wehenden Duft in seine Brust. Und jählings – als wäre bei diesem Frühlingstrinken alle Sehnsucht seines Herzens schreiend geworden – warf er sich mit dem Gesicht ins Moos und brach in Tränen aus.

   Es dauerte lange, bis dieser zuckende Kampf seines Körpers sich beruhigte. Und immer blieb er noch liegen, das Gesicht in die Arme gewühlt – und hörte nicht, dass jemand kam.

   Erst war’s nur wie ein heller Schimmer, ferne, zwischen den Bäumen. Doch immer näher kam’s – ein Mädchen, mit weißer Schürze und weißem Kopftuch. Langsam schreitend, ein Körbchen in der linken Hand, blickte sie suchend umher. Manchmal bückte sie sich und schob das grüne Stäudlein, das sie gepflückt hatte, unter den Deckel des Körbchens. Und das alles tat sie seltsam müde.

   Da fuhr ein Windstoß über den Wald hin. Nur ein kurzes, dumpfes Rauschen – und gleich wieder Stille. Doch alle Zweige hatten sich bewegt, alle Wipfel sich gebogen, und das schwankte noch immer, als in den Lüften schon wieder Ruhe war. Und wieder hörte man dieses Brausen in der Ferne, stärker als zuvor.

   Langsam hob das Mädchen die Augen und machte ein paar Schrittlein hin und her, um durch die Kronen der Buchen einen Ausblick nach dem Himmel zu finden. Was sie dort oben sah, das schien ihr nicht zu gefallen. Den Deckel des Körbchens fester schließend, begann sie rasche Schritte zu machen und wollte durch den Wald hinunter ins Tal.

   Das Dorle war’s – aber nicht mehr mit dem rosigen Gesichtlein und den freudig glänzenden Augen wie damals im grünen Stübchen, als die Spieluhr zirpte und die Vögel trillerten. Sie hatte schmale, blasse Wangen, einen müden und traurigen Blick und um den Mund einen schmerzhaft ängstlichen Zug – wie ein Kind, das gerne weinen möchte und doch nicht den Mut seiner Tränen hat, weil es den Ärger der Mutter fürchtet.

   Immer hastiger ging sie – und da stockte plötzlich ihr Fuß. Erschrocken blickte sie auf den Menschen nieder, der mit verhülltem Gesicht auf der Erde lag und zu schlummern schien. Aus ihren Zügen sprach es wie ratlose Angst – und doch wie Sehnsucht auch, die ihre Augen glänzen machte. Sie wagte sich eine Weile gar nicht zu rühren. Dann schien diese hilflose Angst in ihr das Stärkere zu werden – und als hätte eine grobe Faust sie von der Stelle gestoßen, begann sie durch den Wald hinunter zu flüchten.

   Da klang ein Laut.

   War es ihr Name, den dürstende Sehnsucht stammelte? Oder war’s nur ein erstickter Schrei ohne Sinn?

   Der Klang dieser Stimme lähmte ihr alle Glieder – sie konnte nicht weiter, musste bleiben – und als sie langsam das weiße Gesichtlein wandte, stand er schon vor ihr, mit verstörten Augen, mit zerwühltem Haar, in dessen Ringeln grüne Moosfäden und klein zerknickte Reiser hingen, und auf den brennenden Wangen die grauen Striche der eingetrockneten Tränen.

   „Dorle? Wat heww ick di tau Leden dahn?“ Die Erregung zerdrückte ihm jedes Wort, dass er kaum zu sprechen vermochte. „Segg mit dat blot, wat ick di tau Leden heww dahn, dat du Furcht hewwen möst vör mi, as wir ick en wildes Dirt?“

   Sie verstand nicht, was er sagte. Aber wäre ihr seine Sprache auch verständlich gewesen, sie hätte ihm doch nicht Antwort geben können – so zu Tod erschrocken stand sie vor dem Kummer, der aus seinem entstellten Gesicht zu ihr redete.

   „Segg mi, Dorle …“ Das klang, als hätte ihr Schweigen seinen Zorn gereizt. „Segg mi … oder verstehst du mich schon wieder nicht? Sagen sollst mir, wat ick dir getan hab, dass du so hast davonlaufen müssen vor mir? Warum, Dorle, warum tust du mir noch so weh?“ Der harte Klang seiner Stimme zerbrach, und das Wasser schoss ihm in die Augen. „Was hab ich dir denn getan … als bloß das einzige, dass du mir lieb bist? Und das tut doch mir selber weher … als dir!“ Er lachte. „Odder heww ick wull min Wurd nicht gehalten, das ich dem Herrn Dekan hab geben müssen, weil … weil mich der Anner verkladdert hat? Sag mir, Dorle … bin ich zu dir in dein Haus gekommen? Heww ick di nich in Rauh laten? Heww ick di im Dorf drunten einen Weg abgepasst? Bin ich nicht auf der Seestraß vorbei an dir … und hab mein herz in die Fäust genommen, dass es bluten hat müssen! Ist das wahr oder nicht? Un nu segg mi, Dorle … sag mir das einzige, warum du mich fürchten musst? Warum, Dorle? Warum bist du vor mir davongelaufen? Warum?“

   „Weil…“ Sie konnte nicht weiter sprechen, denn alles zitterte an ihr, die Stimme, die Hände – das ganze, kleine, zarte Ding war zitterndes Leben, zitternde Angst. So stand sie vor ihm und hing mit ratlosem Blick an seinen nassen Augen. „Weil … so geh doch, schau, ich bin ja nur so gelaufen, weil …“ Wie schwer es ihr wurde, diese Ursache zu finden: „Weil ein arges Wetter kommt!“

   „Ein Wetter? So?“ Er sah nicht zum Himmel auf, an dem sich die Wolken finster über dem jungen Maienleben es Waldes zusammenzogen – und sah nicht, dass sich rauschend unter einem Windstoß alle Laubkronen bewegten. Nur diese großen, angstvollen Augen sah er, die so starr an den seinen hingen. „Ein Wetter? So?“ Und wieder lachte er. „Herr Jeking, jo … freilich, da musst du laufen … dat i shellschen wohr! So lauf doch, lauf! Sonst könnt sich einer sorgen um dich … bei dem argen Wetter … einer, den du lieb hast!“

   Sie sah ihn an und schwieg, als hätte sie nicht verstanden. Und er hatte doch halb die Sprache der Heimat geredet.

   „So lauf doch, lauf! Oder der Dom’ni wird bös werden, weil u nicht daheim geblieben bist … bei so einem Wetter…“

   „Aber geh!“ Sie hatte eine Stimme, die gar nicht klang wie sonst. „Der Domini ist’s ja doch selber gewesen … der hat mich doch fortgeschickt, dass ich Waldmeister such … zum Ansetzen, weißt … weil der Waldmeister ein Heilkräutl ist …“

   „Der Dom’ni?“ Eine harte Furche grub sich in seine Stirn. „Der hat dich suchen geschickt?“

   „Der Domini, ja! Vor dem Essen ist er gekommen, ich weiß nicht wie, ganz siedig ist er gewesen vor lauter Laufen, und … und auf der Stell hab ich fort müssen, und … und Waldmeister suchen.“ Immer an seinen Augen hängend, mit stockendem Atem und zitternd, sagte sie das her, wie ein Kind die auswendig gelernten Sünden aufsagt, wenn es das erste Mal zur Beichte geht. „Die Mutter hat gemeint, ein Wetter tät kommen und hat gescholten und hat mich nicht fortlassen wollen. aber da ist der Domini ganz bös worden, und fort hab ich müssen, gleich auf der Stell … und das Wetter, hat er gsagt, das tät gar nimmer kommen und morgen wär alles wieder gut! Und viel sollt ich suchen, recht viel, weißt, weil der Waldmeister so ein gutes Heilkräutl ist … und sollt nur ja um kein Aichtl früher heimkommen, eh’s nicht Abend ist und eh nicht sein Licht wieder brennt!“ So hastig hat sie das hergestottert, dass ihr der Atem erloschen war wie beim Lauf über eine steile Höhe hinauf. „Aber schau nur, was für ein Wetter als kommt! Schau, da muss ich doch heim!“

   In heiseres Lachen ausbrechend, so lustig, als hätte man ihm die drolligste Geschichte der Welt berichtet, schlug Poldi immerzu mit beiden Händen auf seine Knie los.

   „Jesus Maria!“, stammelte Dorle erschrocken. „Poldi? Was hast denn?“

   „Nu verstah ick! Nu verstah ick! Nu is mi allens klor!“ Er lachte, dass ihm die Tränen kamen. „Schau nur, schau, wat de Dom’ni en klauker Mensch is! Seggt tau min Mutterl, dat hei kommen will … damit ich daheim blieb bis zum Abend und allweil warte auf ihn … und ist so klug doch, dass er Angst hat, dich könnt in der letzten Stund mein Herz nimmer zwingen, dass ich hinlaufen müsst zu dir und deine lieben Händ fassen …“ Er streckte die Arme und seine braunen Fäuste klammerten sich um Dorles kleine Hand. Das Lachen war ihm plötzlich vergangen – doch die Tränen dieses Lachens, graue Tropfen rannen ihm über die verhärmten Wangen, über den zuckenden Mund. „Und schau, Dorle …deswegen hat er dich in den Wald geschickt … bei so einem Wetter, Dorle … dass du nicht daheim wärst, wenn ich kommen müsst und allem, was mir lieb ist, noch das letzte Wort sagen: Adjüs, Dorle, adjüs, adjüs …“

   Zitternd, mit bleichem Gesicht und großen Augen, stammelte sie einen Laut, der im dumpfen Sausen erlosch, mit dem er Sturm begann.

   „Und schau, Dorle … jetzt hat dich der Dom’ni mit seiner Klugheit hergeschickt zu mir … und jetzt kann ich dir das sagen … mein letztes, liebes Wort: Adjüs, Dorle –“

   Seine Stimme brach – und einer von den grauen Tropfen kollerte ihm über die Backe herunter und fiel auf Dorles Hand.

   Sie zuckte zusammen, als wäre das Tröpflein Wasser ein brennender Funke.

   „Adjüs, Dorle! Adjüs!“ Da fand er dieses wehe, bittere Lachen wieder. „Und der kluge Dom’ni soll recht behalten, und morgen … morgen, wenn ich fort bin, soll alles wieder gut sein … un de Dom’ni soll … der soll seine Ruh wieder haben … und dich … und all mein süßes Glück … das alles soll er haben … morgen! Und ich, Dorle … ich hab mein totes Herz und min daudes Lewen … un allens is gaud …“

   „Jesus Maria…“ Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut mehr aus der Kehle.

   „Gelt, jo … un allens is gaud …“ Er hatte das Gesicht von ihr abgewandt und wollte ihre Hand lassen.

   Doch dieses kleine, zitternde Händchen klammerte sich um seine Finger. „Jesus Maria …“ Wie ein Krampf befiel es ihr Köpfchen, ihre Schultern, dass ihr das weiße Tuch vom Haar in den Nacken glitt – und das ganze zarte Körperchen überkam ein Schauern und Schüttern, als stünd’ es mit frierendem Leben im tiefen Schnee. „O Jesus Maria …“

   Da sah er sie an.

   „Dorle…“

   Das war wie ein Schrei, der jubeln möchte und doch den Mut seiner Freude nicht hat – und das war wie der Blick eines Menschen, der aus bösem Traum erwacht und sieht: Das ist der Tag, der helle Tag und die warme Sonne!

   „Dorle…“

   Sie konnte nicht sprechen – und sie hätte auch gar nicht die Zeit zu einem Wort gefunden. Aus ihrem Zittern, aus ihrem verstörten und seligen Lächeln, aus ihren nassen und glänzenden Augen las er den Schreck, die Angst und alle Sehnsucht einer brennenden Liebe – und wie von Sinnen riss er das Mädchen in seine Arme, an seine Brust, und hielt sie umklammert, während der wachsende Sturm über die Kronen der Buchen brauste.

   Das Körbchen, das sie hatte fallen lassen, kollerte über den Hang hinunter – von dem gesammelten Waldmeister flog ein Büschelchen ums andere heraus und streute sich zwischen die Steine – der Deckel hatte sich gelöst, rollte als kreisende Scheibe talab und machte hohe Sprünge, bis ihn der Sturmwind fasste und in die Büsche schleuderte.

   Die beiden hielten sich umschlungen – zwei Leben, die in dieser Stunde in eins verwachsen waren.

   Es wurde finster im Wald und wirbelnd flogen die jungen Blätter und die dürren Reiser umher, die der Sturm von den rauschenden Bäumen brach.

   „Dorle! Mein Dorle!“ Er weinte vor Glück. Und wollte sich lustig machen über sich selbst. „Schau nur, Dorle, mi wird tau Sinn, als wär ick en Kind!“ Zögernd ließ er sie aus seinen Armen und nahm ihre beiden Hände. „Komm, Dorle, komm doch, schau … komm, sett di tau mi in dat Gras!“ Er zog sie zu sich nieder, an seine Seite, lag auf den Knien vor ihr, heilt ihr glühendes Gesichtchen zwischen den Händen und sah ihr in die leuchtenden Augen. „Dorle … dat mötst du mi seggen … sag mir, Dorle, … sag mir’s, ob du mir gut bist?“

   Noch ehe sie reden konnte, sprach schon ihr glänzender Blick, ihr frohes Lächeln. „Ich hab dich lieb … schau, so lieb hab ich dich…“

   Er lachte in seiner Freude. Und schrie: „Nu heww ick wunnen! Hurra, nu heww ick wunnen!“ Und riss sie wieder in seine Arme und trank ihre Küsse – trank sie mit dem unersättlichen Durst, den die Sehnsucht all dieser schlummerlosen Nächte in ihm entzündet hatte.

   Da wurden die Lüfte dunkel und mit Klatschen und Geprassel fiel es über die rauschenden Buchenkronen.

   „Dorle! Herr Jeking!“

   Lustig erschrocken sprang er auf, hob sie von der Erde und zog sie mit sich fort. „Dat Wetter kommt! Nu aber flink, Dorle, flink1“ Er raffte im Lauf seine Mütze vom Boden. Da droben weiß ick an lüttes Hus, da wulln wi unnerstahn!“

   Hand in Hand, Schulter an Schulter drängend, rannten sie durch den brausenden Sturm den Waldhang hinauf, in der Kraft ihrer Jugend so leicht wie flüchtende Rehe, und immer lachend, in seligem Übermut, als hätte ihnen das böse Wetter, das da kommen wollte, alles Glück und alle Freude dieser Stunde gewürzt und süßer gemacht.

   Unter den Baumkronen spürte man den Regen noch wenig, obwohl er mit Rauschen auf die Blätter niederging. Aber draußen auf dem offenen Almfeld gab es keinen Schutz mehr gegen diesen strömenden Wettersturz. Dicht und grau kam er niedergeprasselt aus dem jagenden Gewölk – und doch mit einem Schimmer von Licht. Denn von irgendwo fiel noch ein verlorener Sonnestrahl unter die Wolken her und zog durch den Regen einen glänzenden Streif, als hätten sich alle die tausend stürzenden Wassertropfen für eine blitzende Sekunde verwandelt in leuchtende Goldperlen.

   „Dorle, da müssen wir durch1“

   Lachend riss Poldi die blaue Jacke herunter, hüllte sie um Dorles Schulter, schlang den Arm um das Mädchen – und nun sprangen sie los. Wie das lustig war! Von den zerstäubenden Tropfen, die auf die beiden niederklatschten, war’s wie ein weißlicher Schimmer um sie her. Und kam eine Pfütze, ein rinnendes Bächlein – „Hopsa!“ – und sie waren drüben mit Lachen und Gekicher.

   Jetzt hatten sie die Hütte erreicht. Aber die Tür war geschlossen. Auch jener leere Karren stand nicht mehr da.

   Während sich Dorle in den Schutz des vorspringenden Daches schmiegte und die Regentropfen von sich abschüttelte, schlug Poldi mit beiden Fäusten an die Tür. „He do, Lüt! Upmaken! Upmaken!“ Doch niemand öffnete und in der Hütte war’s still.

   Immer schwerer strömte der Regen, ein fahler Schein durchsuchte das gießende Grau, und aus der Ferne hörte man grollenden Donner.

   Unter Lachen und Schelten rüttelte Poldi am Schloss der Türe und stemmte mit aller Kraft die Schulter an. Da gaben die Bretter so plötzlich nach, dass Poldi beinah kopfüber in das Dunkel der Hütte gepurzelt wäre. „Komm, Dorle, nu hewwen wi en Dach!“ Er haschte ihre Hand. „Da kann di dat Wetter nicks nich tau Schaden dauhn!“ Hastig zog er sie in die Hütte, weil der Sturm schon den Regen unter das Dach hereinpeitschte.

   Ein hölzerner Riegel klapperte hinter der geschossenen Tür und Poldis heitere Stimme klang: „So, min Mäten, min leiwes, nu fett di hier mal her, un denn will ick Füer maken!“ Es polterte wie von Scheiten, die auf steinerne Fliesen geworfen wurden. Dann ein helles, glückliches Lachen, das im wachsenden Rauschen des Regens und im Sausen des Sturmes unterging.

   Wie mit tausend Hämmern trommelte die fallende Flut auf das Schindeldach der Hütte. Die aufschlagenden Tropfen spritzten hoch empor und es wurde von diesem Gewirr des Wasserstaubes und von der im Sturm zerflatternden Traufe rings um das Dach die Balkenmauern so weiß, als hätte eine große, wehende Welle die ganze Hütte verschlungen.

   Der Himmel schien die Erde ertränken zu wollen – so fiel der Regen. Und unter den Ruten des Sturmes stöhnte und brauste der junge Wald. Manchmal flatterte aus dem weißen Gesprüh, das die Hütte umhüllte, etwas Dunkles in die Lüfte, wie eine graue Möwe, die auf brandendem See den Schaum durchtaucht – eine morsche Schindel, die der Sturm davontrug.

   Und immer wieder im Schleier des stürzenden Regens diese falbe Leuchten – immer wieder dieses dumpfe Rollen und Grollen, näher und näher.

   Da zuckte ein scharfer Strahl über den Wald hin – für Sekunden schien das weite Almfeld, die fallende Flut, die verschleierte Hütte und alles, alles in eine Hölle von wogendem Feuer verwandelt – und ein rüttelndes, prasselndes Krachen folgte, als wäre in den Wolken ein Berg gebrochen und hätte die Lawine seiner Steine zur Erde geschleudert.

   Der Blitz hatte in den Wald geschlagen und hatte gezündet. Gelb, wie eine ins riesenhafte gewachsene Ähre, stieg das Feuer des brennenden Baumes in den grauen Regen hinauf und erlosch in Rauch, erstickt von den stürzenden Wassern, noch ehe der Widerhall des Donnerschlages zwischen den Bergen verstummen wollte.

   Blitz auf Blitz, Donner und Echo – zwei brüllende Löwen, die sich Antwort gaben im Kampf der Lüfte. Doch immer schwächer klang es, immer ferner. Aber der Regen rauschte, rauschte und rauschte nieder, Stunde um Stunde.

   Durch dieses Brausen und Sausen klang aus dem tieferen Wald herauf eine schreiende Männerstimme. Immer war es der gleiche Laut – als schrie der Suchende dort unten einen Namen. Und immer schwächer klang die Stimme, immer ferner, erstickt vom Rauschen des Regens, übertönt vom rollenden Donner, der wieder näher klang.

   Wie ein gefangenes Raubtier den Raum des eisernen Käfigs umwandert, so umkreiste das von den Bergen eingeschlossene Gewitter den weiten Kessel des Tales. Und kam zurück. Wieder flammten die Blitze über den triefenden Wald hin, wieder rasselte der Donner wie stürzende Felsen und als sollte nicht der dämmernde Abend kommen, sondern ein bleicher Morgen, so wurde plötzlich das Grau des Regens heller und wurde gelb. In den Lüften wuchs ein knatterndes Geräusch – wie der Lärm eines Bahnzuges, der schwankend auf ausgefahrenen Schienen gleitet. Und jetzt ein Geprassel über allem Laub, ein Gerassel auf allem Grund – und alles wurde weiß vom wirbelnden Tanz der Hagelkörner, die so dröhnend fielen, dass man den Donner nicht mehr hörte. Nur die Blitze sah man. Und ihr Licht war blau – und das flammte immer schwächer in dieses kalte Weiß.

   Als der Hagel dünner fiel und versiegen wollte, klang das Rollen des Donners schon in weiter Ferne. Durch eine Scharte der Berge zog das Gewitter über den See hinaus in das ebene Land.

   Und da war es Abend geworden. Ein grauer, kühler, schwermütiger Abend. Über den Bergen die Wolken wie eine liegende Mauer. Und die Erde: Wie ein Frühling, der irrsinnig geworden und sich einbildete, dass er der Winter wäre! Handhoch lag der Hagel über dem Gras, durchwürfelt mit grünen Blättern, denn die Buchen standen halb entlaubt – ihre jubelnde Maienfreude war zerschlagen und zerwüstet.

   Das erste, was sich dunkel aus dem weißen Grund hob, war das Dach der Sennhütte. Auf der flachen Schindeldecke waren die Hagelkörner schon wieder zerschmolzen und durch die Ritzen des Daches quoll ein dünner, bläulicher Rauch. Der wollte sich in der dunstgetränkten Luft nicht zerteilen und hüllte sich um das ganze Dach, wie der Nebel sich um eine Bergkuppe legt.

   An der Hütte wurde die Tür geöffnet, langsam, und Poldi trat über die Schwelle. Er deckte die Hände über die Augen, als hätte dieser trübe Abend so grelles Licht, dass es ihn blendete. So stand er eine Weile. Doch als er tief atmend die Arme sinken ließ, war ein frohes, glückliches Leuchten in seinem Blick. Lächelnd sah er über den weißen Grund hin und zum Himmel hinauf. „Allens is wedder gaud!“, rief er mit halben Lachen in das Dunkel der Hütte zurück. „Aber schau, Dorle … der Mai ist Winter worden!“

   In der Hütte kein Laut.

#„Dorle? … So komm doch!“

   Aber das Dorle kam nicht. Und Poldi trat in die Hütte.

   Auch auf der Erde begannen die Hagelkörner zu schmelzen, und überall auf dem Almfeld tauchten die grünen Buckeln aus dem Weiß hervor.

   Bleiche Nebel, zu langen Bändern ausgezogen, schwebten aus den Wäldern und krochen über die Wipfel hin, als lägen im Wald hundert Feuerstätten verborgen, die sich mit steigendem Rauch verrieten.

   All die Regenbäche, die von den Berggehängen nieder rannen in die Täler, erfüllten die Luft mit einem Rauschen, so eintönig, dass es wie Stille wirkte.

   Am Himmel war das träge Gewölk in leichte Bewegung geraten. Es schien sich klüften zu wollen. Und draußen im Westen musste die gesunkene Sonne noch einen Weg gefunden haben für einen letzten leuchtenden Gruß an die Berge, denn über die Wolken schwamm ein purpurner Schimmer hin, wie der Abglanz einer Feuersbrunst.

   Dieser Glanz der Wolken war feinen rötlichen Schein auch über den zerschlagenen Wald, über den weißen Hagel, der noch in allen Mulden des Almfeldes lag, über das rauchende Schindeldach der Hütte und über die beiden stillen Menschen, die aus der Türe traten.

   Sie hielten sich eng umschlungen, und während sie langsam hinunter schritten gegen den Waldweg, drängte sich Dorle zitternd an die Brust des Geliebten und schmiegte sich in seinen schützenden Arm, als wäre ihre Weg nicht fester, sicherer Boden, sondern ein schmaler und gefährlicher Steg, unter dessen schwankenden Balken eine finstere Tiefe gähnte.

   Als die beiden, die das Glück so schweigsam machte, den dämmerigen Wald erreichten, folg ein Leuchtkäferchen aus den triefenden Büschen, gaukelte über den Weg hinunter und zog dabei so seltsame Linien, als möcht’ es mit dem matten, blauen Fünklein seines Lebens irgendein Geheimnis in den sinkenden Abend schreiben.

   „Schau, Dorle!“

   Sie blieben stehen – unter dem Fall der schweren Tropfen, die von den Bäumen niederklatschten – und blickten dem taumelnden Lichtlein nach, bis es im Dunkel des Waldes verschwunden war. Dann küssten sie sich und schritten weiter.

   Bei einer Biegung des Weges konnten sie durch eine breite Waldgasse weit hinaussehen in das dämmernde Tal.

   Dort unten war alles weiß – als läge noch überall der Hagel. Aber das war der See im Schaum seiner Wellen, und was so weiß über allen Gärten lag, das waren die Apfelblüten, die der Hagel von den Bäumen geschlagen. Es sollte an ihren Ästen keine Frucht mehr reifen in diesem Jahr.

   Der Lärm des Dorfes tönte schon mit dem Rauschen der Wellen über den Wald herauf. Und wo sich der See mit breiter Bucht in den Wald hinein schob, dort unten klangen schreiende Stimmen, aus deren erregtem Hall es wie Angst und Sorge zitterte.

   Doch die beiden, die so still und langsam durch den Wald hinuntersteigen, eins an das andere gedrängt – die beiden hörten nicht.

   Der rote Schein der Wolken war erloschen. Doch manchmal leuchtete im Geklüft der ziehenden Nebel ein fahles Blau, und manchmal zeigte sich in einer Spalte des Gewölks ein heller Streif – doch nur für kurze Dauer – dann woben sich wieder die grauen Schleier darüber.

   Und immer schwiegen die beiden. Nur ihre Augen sprachen, die sich immer wieder suchten.

   Doch plötzlich, als begänne ihn dieses Schweigen zu quälen, sagte Poldi mit beklommenem Lachen: „De Unnerhollung gaht man swak vonstatten!“ Zärtlich presste er die Geliebte an sich und schmieget die Wange an ihr Haar. Und bettelte: „Dorle, sag mir ein liebes Wort!“

   Sie schwieg – und vergrub das Gesicht an seiner Brust und umklammerte ihn mit zitternden Armen.

   Er hob ihr das Köpfchen und küsste sie auf beide Augen. Und schweigend gingen sie weiter.

   Der Weg verlor sich unter dunkle Tannen. Dann sah man wie durch ein großes, schwarzes Tor auf das graue Tal hinaus, auf den weißen See hinunter und auf die Häuser des Dorfes.

   Eine Glocke begann zu läuten und drunten am See, in weitem Bogen um das Ufer, flammte eine Reihe strahlender Sterne auf.

   Dorle zuckte zusammen. „Jesus! … Sein Licht!“ Sie schlug die Hände vor die Augen, als könnte sie den Glanz dieser Sterne nicht ertragen.

   „Dat lat man sin, Dorle!“, sagte er mit schwankender Stimme. „Das Licht soll brennen, wie es mag! Der om’ni…“ Er verschwieg, was er hatte sagen wollen. „Nein, Dorle! Du bist mein und mein Leben ist dein! Un allens is gaud!“ Er wollte ihr die Hände von den Augen ziehen. „Komm, Dorle! Musst nicht Furcht haben! Was soll dir das dumme Licht da schaden? Schau mutig hinein in unser Glück! Dat is so fest und stark wie süß. Und sein Licht ist schöner wie dem Domini seins! Komm, Dorle…“

   Aber sie ließ die Hände nicht von den Augen und brach in Schluchzen aus.

   „Dorle!“

   Sie hörte den Schmerz in seiner Stimme zittern. Und stammelte: „Schau nur, schau … ich will dir ja doch nicht wehtun … schau, ich muss halt weinen!“ Das nasse Gesicht an seinem Hals vergrabend, umschlang sie ihn, wie ein sinkendes Leben den letzten Halt umklammert.

   Langsam führte Poldi das Mädchen über die offenen Wiesen hinunter und sprach zu ihm, leise, doch mit aller Glut und Herzlichkeit seiner Liebe. Und wie er sich Mühe gab, die Sprache der Heimat zu reden! Damit sie nur ja jedes Wort verstünde, das er ihr zu sagen hatte.

   In zwei Stunden, um zehn Uhr, musste er reisen! Das war nicht zu ändern – das war beschworene Pflicht – er musste auf seinem Schiff stehen, wenn es die Anker lichtete. Doch es galt nur eine kurze Fahrt, nur nach England hinüber, mit Eisen an Bord. In vier Wochen war er zurück, und dann in zwei Tagen daheim – bei ihr! Und gleich in der ersten Stunde, wenn er nach Rostock käme, wollte er mit seinem Reeder sprechen. Herr Radspeeler – so ein guter Mann wie der – nein, der würde ihm das nicht abschlagen.

   „Und wie er lachen wird, wenn ich dich bring, Dorle, so ne lütte, nette Fru!“

   Aber sollte das wider Erwarten doch so kommen, dass Herr Radspeeler den Kopf schüttelte – dann gab’s noch andere Wege zum Glück! Und noch andere Reeder! Und wenn es sein musste, konnte er auch die blaue Jacke an den Nagel hängen.

   „Für dich, Dorle … für dich tu ich das auch! Für dich kann ick allens!“

   Ein Mensch, der jung und nicht dumm ist und schaffen will für sein liebes Glück, kann vieles anfangen in der Welt. Und das wäre gleich kein schlechter Gedanke: Auf den See da drunten ein kleines Dampfschiff hinstellen, für den wachsenden Fremdenverkehr. Siebenhundert Mark hatte er doch selber schon erspart, und „klauke Menschen“ würden schon dazugeben, was noch nötig wäre. Viel war’s freilich, was man dazu noch brauchte – an die dreißigtausend –

   „Jesus Maria!“, stotterte das Dorle im Schreck vor dieser Zahl. Und dann sagte sie mit zögernder Scheu: „Die Mutter, weißt, die tät schon auch ein bissl mithelfen!“ Das Geschäft und Anwesen der Weberin war doch auch auf dreizehntausend geschätzt.

   „Herr Jeking!“ Lachend drückte er das Dorle an sich. „Da hab ich ja ne reiche Braut! Dat heww ick jo gor nich wusst!“

   Aber nein – die Mutter Weberin, die sollte das Ihre nur schön behalten! Nur seiner eigenen Arbeit wollte er all sein Glück verdanken. Und wenn ihm alle Pläne fehlschlügen, konnte er noch immer zum niederen Forstdienst gehen. Viel war da freilich nicht zu holen – aber Menschen, die sich lieb haben, nähren sich von ihrem Lachen. Und Vater und Mutter sind doch auch immer glücklich gewesen!

   Aber er brauchte ja so weit noch gar nicht zu denken! Herr Radspeeler war doch ein guter Mann – und er wird’s nicht vergessen haben, dass sein einziger Sohn der liebste Kamerad des Poldi gewesen. Und wie schön das sein wird: In Rostock, vor der Stadt draußen, in einem kleinen Garten, solch ein rotes Häuschen mit grünen Läden, und hinter der blanken Fensterscheibe solch ein rosiges, liebes, süßes Gesichtlein –

   Als Gedankenstrich hinter dieses glückliche Traumbild wurde ein Kuss gesetzt, der nicht enden wollte.

   Wie ruhig und heiter sie geworden waren, alle beide!

   In der sinkenden Dämmerung des Abends hatten sie noch eine letzte Wiese zu überschreiten, bis die Planken der Dorfgärten begannen. Kein Baum stand auf der graugrünen Fläche – und dennoch lag es mit zerstreutem Weiß über dem nassen, verwüsteten Gras: Tausende von Kelchblättern der zerschlagenen Apfelblüten, die der Sturm von den Gärten hergeweht hatte.

   In den Graben neben dem Fußweg lag noch ein dünner Streif des Hagels. Und über die Wiese drüben stand ein Mast der elektrischen Leitung. Wie ein Arm, der greifen wollte, bog sich der eiserne Träger des Glühlichts aus dem Baum.

   Aber jetzt konnte das Dorle ohne Schreck und Angst hinaufblicken zu diesem strahlenden Stern.

   Und doch – je näher sie dem Kreis dieser weißen, kalten Helle kam, desto schwerer wurde ihr das Atmen. Und als sie den Schritt verhielt und zu Poldi aufblickte, lag eine bange Frage in ihren Augen.

   Er verstand sie. Noch enger presste er den Arm um ihre Schultern und sagte: „Ja, Dorle, dat möt noch sin! Das muss ich noch auf gleich bringen. Eher darf ick nich fort! Jetzt führ ich dich heim, und dann geh ich zum Herrn Dekan!“ Er neigte die Lippen zu ihrem Ohr und dämpfte die Stimme. „Dem muss ich alles sagen!“ Hastig küsste er sie, als sie sprechen wollte und richtete sich wieder auf. „Und vom Pfarrhaus muss ich zum Dom’ni gehen…“

   „Jesus!“ Erschrocken schlug sie die Arme um seinen Hals, zitternd in Sorge. „Alles, Bub, alles, alles … schau, alles soll mir recht sein … aber geh mir dem Domini nicht ins Haus! Das gäb ein … Jesus Maria!“ Sie konnte nicht weiter sprechen und brauchte eine Weile, bis sie das herausbrachte: „Die Mutter und der hochwürdig Herr, schau, die tun’s für uns, und die machen unser Glück! Aber geh dem Domini aus dem Weg! Das musst mir tun! Aus Lieb, schau! Aus Lieb zu mir! Versprich mir’s, Bub! Versprich mir’s!“

   Er presste sie an sich. Doch er schüttelte den Kopf und sagte ernst: „Dorle, dass muss ich! Er hat gesagt zu mir: Das ist mein! Jetzt will ich ihm sagen: Mein ist das und was ich hab, das hab ich!“

   Aber sie hing an seinem Hals und bettelte unter Tränen und Küssen. „Versprich mir’s! Versprich mir’s!“ Immer diese zwei gleichen Worte, bis die Sorge, die aus ihnen zitterte, seinen Willen wanken machte.

   „Dorle“, sagte er zögernd, „das tu ich nicht gern…“

   Sie nahm das schon als Erfüllung und lachte in ihrer Freude, weil er sie erlöst hatte von dieser bangen Angst. Und streckte sich an ihm hinauf, nahm sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihm in die Augen, ganz nahe – weil es schon so dunkel war, trotz der weißen, kalten Helle da drüben. „Vergeltsgott tausendmal! Und jetzt ist alles gut! Und alles bist mir, du! Alles, alles! Glück und Leben und alles! Und gar nicht ein bissl tu ich mich sorgen, weil du fort musst! Denn schau, an dich glaub ich wie an Stein und Baum und Herrgott!“ Sie küsste ihn hieß auf den Mund. Dann lachte sie wieder und sagte mit dem Ton eines sorgenden Mütterchens: „Aber jetzt mach, Bub, dass du heimkommst. Tust dich ja sonst versäumen!“

   „Ne, Dorle, ich bring dich zu deiner Mutter…“

   „Du Närrle, was denkst dir denn, so ein Umweg!“, schalt sie. Und die Glocke half ihr, die auf dem Kirchturm die neunte Stunde schlug. „Hörst! So spät schon! Mach weiter, Bub!“ Weil sie merkte, dass er selbst erschrocken war und mit der Stunde rechnen musste, schlang sie zum Abschied die Arme um seinen Hals.

   Er drückte sie an sich, dass sie stöhnte. Und fast ersticken wollte er sie mit seinen Küssen – bis sie, besonnener als er, sich energisch aus seinen Armen löste.

   Da musste er lachen. Wie viel Kraft in dem kleinen, zarten Dingelchen steckte!

   Er wollte ihre Hände wieder haschen, aber sie sprang schon über die graue Wiese hinüber. Bei den schwarzen Hecken blieb sie stehen, ganz umflossen vom Dunkel, und hob die Arme.

   „Alles Glück, Bub!“, rief sie mit schwankendem Stimmlein, als wären ihr die Tränen nahe. „Alles Glück! Und komm mir nur gut wieder heim!“

   Poldi sprang über den Graben und ein Stück in die Wiese hinein, als möchte er das Dorle noch einholen. Aber da sah er, dass sie durch die Hecke huschte und in der Nacht verschwand. Mit beiden Händen griff er in die Luft und schrie: „Gah mit Gott, min Mäten! Un leww woll, du min einzigst Seel! Un äwer vier Wochen hewwen wi uns wedder!“

   Das hatte er mit so hallender Stimme gerufen, dass in der rauschenden Stille des Abends von den Bergen ein Echo klang.

   Die eigenen Hände küssend, als hielte er sein Glück noch in ihnen, stand er in der Wiese und lauschte – nicht auf das Echo – auf eine lebendige Antwort, die er noch zu hören hoffte.

   Doch vom Dorle kein Laut mehr. Kein Schimmer ihres weißen Tüchleins. Da drüben hinter den schwarzen Hecken war alles still und alles finster.

   Und immer noch blieb er in der Wiese stehen, mit den Händen an den Lippen.

   Ein Glockenschlag.

   „Herr Jeking!“ Und Poldi fing zu rennen an, gegen die Seestraße hinunter, auf den Pfarrhof zu.

   Zwischen den ersten Häusern bleib er stehen. Sein Boot war ihm eingefallen, das über dem schäumenden See da drüben in der schwarzen Waldbucht lag. Und die Eltern! Was sich die wohl dachten?

   Halb lachend und halb in Sorge, begann er wieder zu rennen. Und sooft er an einem Mast der elektrischen Leitung vorbeijagte, glitzerte in dem kalten Licht die Goldborte an seiner Mütze und jeder blanke Knopf seiner Jacke.

   Da war das Pfarrhaus! Mit trüb erleuchteten Fenstern im schwarzen Garten. Die dunkle Luft erfüllt vom starken Wohlgeruch der Blumen, die der Hagel zerschlagen hatte, und die nun sterbend allen Duft ihrer kleinen Seelchen in die Finsternis hauchten.

   Wie as bellte und rasselte, als er an der Widumstür die alte Glocke zog.

   Er stürmte in den dunklen Flur.

   Und blieb nicht lange im Haus. Ein paar Minuten nur. Und jagte wieder durch den Garten davon, während die dunkle Gestalt des alten Herrn mit ausgestreckten Armen in der matt erleuchteten Haustür erschien.

   „Poldi! Poldi!“, klang die erregte Stimme des Dekans, als hätte er drin in der Stube das Wichtigste zu sagen vergessen. Tastend zappelte er über die steinernen Stufen herunter. „Poldi! Poldi!“

   „Ich hab nimmer Zeit, Hochwürden! Adjüs! Adjüs!“

   Das Zauntürchen zuwerfend, rannte Poldi die vom Regen ausgeschwemmte Straße hinunter und machte einen hohen Sprung, sooft eine Pfütze kam. Und lachte mit übermütigem Frohsinn vor sich hin. „Dat Gesicht, als hätte sich unsichtbar ein Balken vor seine Eile geschoben – mit so jähem Rück hielt es ihn fest.

   „Ne! Ne! Dat heww ick dem Dorle nich verspraken! Wat sin möt, möt sin! Ick sülwen möt ehm dat seggen! Ick möt! Ick möt!“

   Er schwang sich über den Gartenzaun und eilte auf die Lichtschmiede zu, in deren Hof eine Bogenlampe strahlte. Ein Gewirr von erregten und ärgerlichen Stimmen klang ihm entgegen. An die zwanzig Menschen, grell beleuchtet und mit schwarzen Schatten, standen vor dem stillen, verschlossenen haus. Einer trommelte mit den Fäusten an die Türe, einer stieß mit dem Nagelschuh an das Tor der Werkstätte, einer pochte an das dunkle Stubenfester – und alle schrieen sie nach dem Lichtschmied – und immer wieder kam ein neuer gelaufen, in dessen Haus der „Elektri“ heute nicht brennen wollte.

   Doch an der Schmiede wurde die Haustür nicht geöffnet, der Domini war nicht daheim.

   Und einer, der den Förstner-Poldi durch den Garten kommen sah, meinte, das wäre der Lichtschmied, und lief ihm entgegen. Doch als er im Schein der Bogenlampe die Goldborte flimmern und die Knöpfe funkeln sah, erkannte er den jungen Seemann und rief: „Jesses, Herr Poldi, machen S’ um Gottes willen, da S’ heimkommen, d’ Mutter ist ganz auseinander vor lauter Angst … und der Förstner sucht Ihnen schon den ganzen Abend!“

   Poldi sah noch hinüber zur Lichtschmiede, vor deren geschlossener Tür die Leute schalten und lärmten – dann eilte er gegen die Seestraße hinunter, dem Haus seiner Eltern zu.

   Als er am Ufer zu der Stelle kam, wo das Fährfloß im Wasser lag, umplätschert von den klein gewordenen Wellen, schoss ihm die Erinnerung mit heißer Freude durch das Herz. „Dor heww ick mi all min Glück ut’n Water togen!“ Dieser Gedanke wurde ihm zu einem hellen, frohen Lachen – und er schrie einen klingenden Jauchzer in das kalte Licht, das ihn auf der Straße umzitterte.

   Das hörten sie, die in Sorge auf ihn gewartet hatten.

   Bei den Schiffhütten klang eine kreischende Stimme: „Da kommt er, Frau Förstnerin! Grad kommt er!“

   Und dann der frohe Schrei seiner Mutter: „Jesus! Bub!“ Sie kam die Straße hergelaufen, so flink, als hätte die Erlösung aus aller Marter dieses Tages ihre müden Kräfte verjüngt und warf ihm die Arme um den Hals, mit einer Freude, als wäre er nicht vor vierzehn Tagen in die Heimat zurückgekehrt, sondern jetzt erst, in dieser dunklen Stunde seines Abschieds.

   Vater Xaverl brummte natürlich – und brummte so laut, dass es alle Nachbarsleute hören konnten, die schwatzend bei den Zäunen standen.

   Doch Poldi lachte zu allem: Zu den glücklichen Tränen der Mutter wie zu der scheltenden Freude des Vaters. Immer fröhlicher lachte er, je mehr sie ihm von der Sorge erzählten, die sie ausgestanden, als das „grobe“ Wetter gekommen war, und von dem Schreck, der ihnen beiden ins Herz gefahren, als sie draußen auf dem weißen See den leeren Nachen schwimmen sahen, den die Wellen da drüben in der Waldbucht vom Ufer losgerissen hatten. Was das ein Aufruhr wurde in der ganzen Nachbarschaft! Und als sich das Wetter vertobt hatte, waren sie gleich hinübergefahren und hatten geschrieen im Wald, immer nach ihm geschrieen – bis der Vater auf dem Boden ein paar Fußstapfen fand, die der Regen nicht verwaschen hatte. Und nun die Hoffnung: Bei solchem Wetter ist der Bub so gescheit gewesen, hat den Weg übers Wasser gemieden, hat en weiten Umweg um das Ufer gemacht – und bis sie heimkommen, sitzt er schon gemütlich und sicher in der Stube. Aber als sie heimkamen in der Dämmerung, war der Bub nicht da!

   „Herr Jesus im Himmel!“ Wieder schlang ihm die Mutter die Arme um den Hals. „Bub! Was hab ich ausgestanden! Und da kommst mir jetzt heim, so seelenvergnügt und lustig…“ Sie verstummte, und beim schein des Glühlichtes, in dessen hellem Kreis sie auf der Straße standen, guckte sie betroffen an ihrem Buben hinauf – denn auch an jenem ersten schönen Morgen nach seiner Heimkehr hatte sie ihn nicht so glücklich und heiter gesehen wie jetzt! „Bub? … Was hast denn?“

   Auch in Vater Xaverl schien sich ein Verdacht zu regen. Er strich mit der Faust den Schnurrbart zu Borsten auf und fragte: „Manndele? Bist narrisch? Oder…“

   Poldi lachte. Und mit diesem glücklichen Lachen nahm er die Alten bei der Hand – so kräftig, dass Xaverl brummte: „Sakra! Was druckst denn so?“

   „Vater! Mutting!“, sagte der Bub. Und da war er plötzlich ganz ernst geworden. „Nu is allens gand! Nu kommt mal herein ins Haus mit mir, jetzt muss ich euch etwas sagen!“

   Die Alten schwiegen. Aber sie tauschten einen Blick.

   Und an dem Wagen vorüber, der schon vor dem Zauntor wartete, gingen sie in den Garten und traten ins Haus.

*               *
*

   Hinter der schwarzen Hecke, durch deren zerschlagenes Gezweig sich das Dorle gedrängt hatte, war alles still geblieben, alles finster. Im Dunkel des abends hatte kein Schimmer ihres weißen Tüchleins mehr geleuchtet – denn der Stamm eines kahl gewordenen Apfelbaums verdeckte sie ganz, als sie zitternd stand und auf Poldis Stimme lauschte, auf diesen letzten Schrei seiner Liebe: „Gah mit Gott, min Mäten! Un lew woll, du min einzigst Seel!“

   Wie gut sie das verstand! Und wie glücklich sie hinauslächelte in die Nacht, mit den Händen auf ihrem pochenden Herzen!

   So stand sie noch immer, als sie auf dem harten, steinigen Weg dort unten den Hall der eilenden Schritte hörte. Das pochte so flink wie das Herz in ihrer Brust.

   Doch ihr Herz schlug immer weiter – aber die Schritte dort unten wurden still, ihr Hall erlosch in der Ferne.

   Und schluchzend fiel das Dorle in die Knie, umklammerte den Stamm des entblühten Baumes und presste das Gesicht an seine Rinde, als wär’s die Brust des Geliebten.

   Zwei Glockenschläge.

   Dorle erhob sich, müd und taumelnd. Mit der Schürze die Augen trocknend, schritt sie langsam über die Wiese. Das Gras war so triefend nass, als ginge sie durch Wasser. Aber das merkte sie gar nicht.

   Sie musste in der Dunkelheit über eine Bretterplanke steigen, um auf das schmale Sträßlein zu kommen. as führte über einen Wiesenbuckel hinüber, gegen das Oberdorf.

   Hinter ihr, bei der Seestraße drunten und in den Gassen des Unterdorfes war heller Schein. Doch wo sie ging, war alles finster. Kein Glühlicht brannte über dem Sträßlein – und sie ging doch soeben an einem Mast der elektrischen Leitung vorüber!

   Nur da und dort an einem Haus, dessen Dach und Mauern man gar nicht sah in der Dunkelheit, flimmerte um kleine Fenster eine trübe Helle wie von einem Kerzenlicht oder einer schlecht brennenden Öllampe. Dieses rötliche Glosten drang nicht weit in die Nacht.

   Aber Dorle merkte gar nicht, wie finster es war auf ihrem Weg.

   Da klangen ihr drei erregte Stimmen entgegen. Und etwas Närrisches kam die Straße daher. Wie zwei kleine, gelbe Sterne war’s, die sich eine Heimat auf der Erde erwandern wollten, weil sie am wolkenverschlossenen Himmel keinen Platz zum Leuchten mehr gefunden. Der eine wanderte ganz auf dem Boden, der andere gaukelte hoch in der Luft – und gaukelte so ungeschickt wie ein Schmetterling, der eben erst aus der Puppe schlüpfte.

   „Dorle?“, schrie von den drei Stimmen eine. „Dorle? Bist du’s?“

   Sie erschrak, dass sie nicht Antwort geben konnte. Aber da stand der Lichtschmied schon vor ihr, hob die Laterne, die er in der Hand trug, und leuchtete dem Dorle ins Gesicht.

   „Gott sei Lob und Dank!“ Das kam wie ein Lachen aus schwerem Herzen. „Weil du nur da bist! Mar und Josef … was hat die Mutter ausgestanden! Und ich erst!“ Wenn er sich bewegte, klirrten die eisernen Werkzeuge in der Ledertasche, die er um die Hüften trug – und an seinem Körper klatschten die Kleider vor Nässe. „Mensch!“ Er meinte den Lehrbuben, der bei ihm war. „Jetzt lauf! Und sag’s der Mutter! Das Dorle ist da!“ Der Bub rannte davon. Und Domini lachte. „Weißt, wie das Wetter angehoben hat, hab ich mich gleich auf die Füß gemacht und hab dich suchen wollen im Holz. Und völlig die Seel hab ich mir aus dem Hals geschrien.“ Das konnte man an seiner Stimme hören – ganz heiser war sie. „Ja sag mir nur, wo bist denn gewesen? Was hast denn angefangen? Bei so einem Wetter! Mar und Josef! Mach nur, Schatzl, dass du heimkommst! Musst ja nass sein bis aufs letzte Faderl!“ Er griff nach dem Ärmel ihres Jäckleins. Der fühlte sich leidlich trocken an. „Dorle? … Wo bist denn gewesen, derweil’s gewettert hat?“

   Sie mich zurück vor ihm und klammerte die Hand um einen Pfahl des Bretterzaunes. „Ich bin halt … bin untergestanden, weißt.“

   „Wo denn?“

   „… Im Buchwaldhüttl.“

   Er hob die Laterne wieder, als könnte er bei besserem Licht sehen, was denn so Merkwürdiges an ihrer Stimme wäre. „Na also, Gott sei Lob und Dank!“ Er lachte. „Da hab ich lang suchen können im Holz! Aber gottlob … weil du nur gut unter Dach warst! So ein Wetter, wie das gewesen ist!“ Jetzt wurde der Lichtschmied ernst. „Was mir das für einen schiechen Schaden gemacht hat! Bei mir im Gartl daheim ist alles hin. Meine schönen Äpfelbäum! Heuer im Winter, Dorle, essen wir zwei keinen süßen Apfel! Und im Elektri fehlt’s. Und ich renn allweil und such, wo die Störung ist … Aber, Dorle, wo hast du denn dien Blumenkörbl?“

   Sie sah ihre leeren Hände an.

   „Das hast halt droben lassen im Buchwaldhüttl, gelt?“ Er konnte wieder lachen. „Meintwegen, soll’s halt sein, wo’s ist!“ In seine Stimme, so heiser sie war, kam ein zärtlicher Klang. „Und schau, es hätt’s gar nicht braucht, dass du Waldmeister suchst! Und morgen ist alles gut! Und schau nur, Schatzl, dass du heimkommst! Ich muss an d’ Arbeit, weißt. Im ganzen Oberdorf ist der Elektri verloschen … die Störung muss in die Dräht wo sein. Da muss ich mich tummeln …“ Er wollte gehen – und zögerte, als hätte er noch etwas zu sagen – und schlang den Arm um Dorles Schultern und zog sie an seine Brust.

   Sie wehrte sich mit beiden Fäusten gegen seinen Kuss. Aber ein Schmied hat Eisen im Arm.

   „Sakra, da ist hart zuschauen!“, lachte der Gesell, der hinter dem Domini stand, mit einer haushohen Stange, an deren schwankender Spitze eine Laterne baumelte.

   Der Lichtschmied lachte mit. „Gut Nacht, Schatzl!“ Er knappte davon, der elektrischen Leitung und dem nächsten Mast entgegen, an dem das Glühlicht heute nicht brennen wollte, und sah nicht mehr, dass das Dorle im Dunkel an der Bretterplanke stehen blieb und die zitternde Hand streckte, als möcht’ es den Domini festhalten, ihm etwas sagen.

   Die zwei gelben Sterne wanderten, der eine ganz am Boden, der andere hoch in der schwarzen Luft.

   „Da, leucht auffi!“, sagte der Lichtschmied, als er den Mast erreichte.

   Der Geselle hob die Stange mit der Laterne – und man sah die Drähte funkeln, die sich quer über die Straße spannten.

   „Alles in Ordnung!“

   Domini öffnete an der Bretterplanke ein Türchen, und die zwei gelben Sterne wanderten in die Wiese hinein, er eine hoch in der Luft, der andere tief am Boden.

   „Da! Schau!“

   Eine Heckenfichte, die der Sturm zu Boden geworfen, hatte einen Mast der elektrischen Leitung niedergedrückt und die Drähte entzweigerissen.

   „Jetzt lauf aber, Mensch!“ Domini stellte die Laterne zu Boden, nahm dem Gesellen die Stange ab und bohrte sie in den Wiesengrund. „Lauf! Und heim! Und dreh mir den Wechsel ab … Oberdorf, Wechsel Nummero viere!“

   Mit ein paar hastigen Sprüngen war der Gesell in der Finsternis verschwunden.

   Domini nahm eine lange Eisenzange aus der Leertasche, hob die Laterne vom Boden, und während er kleine, vorsichtige Schritte machte, leuchtete er überall hin ins Gras.

   Da legte sich eine Hand auf seinen Arm.

   Der Lichtschmied fuhr auf und wurde grob. „Zum Teufel! Wer ist denn da? Und weg, sag ich!“ Beim Schein der Laterne erkannte er das Dorle, und erschrocken stammelte er: „Mar und Josef! Mädl! Schau, dass du weiterkommst! Ich kann dich nicht haben da!“

   Sie stand und zitterte. „Domini … ich muss dir was sagen…“

   „Fort! Fort! Fort! Geh zur Mutter heim!“ Mit der Eisenzange schob er sie zurück.

   „Ich muss dir was sagen, Domini!“ Ihre Stimme klang nicht mehr so scheu und erloschen wie zuvor, sondern hell und ruhig.

   „Aber Schatzl, um Gottes willen …“

   „Das muss ich dir sagen! Und heut noch! Oder ich tät keine ruhige Stund nimmer haben!“

   Von ihrem Ton betroffen, hob er langsam die Laterne, um ihr Gesicht zu sehen.

   Das war ein stilles, ruhiges Gesicht – ein bisschen Angst in den großen glänzenden Augen, doch ein frohes, träumendes Lächeln um den Kindermund.

   „Dorle?“

   „Ja, Domini, das muss ich dir sagen. Du und ich … das kann nimmer sein. Du musst mich freigeben.“

   Langsam ließ der Lichtschmied die Laterne sinken. „So so? … Meinst? … Und warum denn?“

   „Weil ich den Poldi mag.“

   Domini blieb ruhig – und schwieg.

   Ohne sich zu regen, standen sie voreinander, von den Knien hinauf ganz schwarz, denn die Laterne leuchtete ihnen nur um die Füße her – und das gelbe Sternlein, das da drüben auf der hohen Stange schwankte, machte die Finsternis über den beiden nicht heller.

   Ein Laut, wie ein harter Atemzug – fast ein Laut, als hätte der Lichtschmied gelacht.

   Dann sagte er mit einer Stimme, der man die Mühsal ihrer Ruhe anmerkte: „So ist? … Schau, Dorle, ich hab mir schon allweil denkt, dass ich so was hören muss einmal. Ich kenn dich doch. In dir ist alles hell und ehrlich wie der liebe Tag. Und was du mir da sagst, das ist mir nichts Neues. Dass dir der Poldi das Köpfl ein bissl verdreht hat, das weiß ich schon lang. Und dass ich’s merken hab müssen … schau, as hat mir das beste Blüml aus meinem Glück gerissen. Aber schlechter bist mir drum nicht worden. Und mein Glück mit dir, Dorle, das ist von meinem Leben die Seel!“ Seine Stimme schwankte. „Und seine Seel, die hebt ein jeder, so lang wie’s geht … ob sie gesund ist, oder ob sie einen Weh hat kriegen müssen … ist alles eins! Und Rauch verfliegt. Deswegen kann alles bleiben zwischen dir und mir, wie’s ist!“

   „Domini …“

   „Lass gut sein, Dorle! Hat mir halt ’s Wetter eine Blüt von meiner Freud geschlagen. Aber hundert sind noch übrig, und allweil bin ich noch besser dran wie heut meine Äpfelbäum! Geh heim, Dorle! Zur Mutter! Die tut sich ängstigen, weißt!“

   „Domini … du machst mir’s hart! Soviel gut bist mir, und soviel weh muss ich dir tun! Aber ich muss, Domini!“

   „Ja, ja, Dorle, hast recht! Und geh halt heim!“ Er schob sie wieder mit der Eisenstange ein Schrittlein von der Stelle. „Morgen soll mir alles gut sein! Ein halbes Stündl noch, und der Poldi ist draußen zum Ort. Und bis wir Hochzeit machen, hast alles vergessen!“

   „Domini…“

   „Dass du ihm gefallen hast müssen … schau, Dorle, das versteht keiner besser wie ich. Aber morgen haben wir unser Ruh wieder! Und schau, ich will dir’s aufrichtig sagen … ich hab dich heut ins Holz geschickt, Waldmeister suchen, weil in mir die Angst gewesen ist, dass dir der Poldi auf die Letzt noch über den Weg rennt und macht dir das Herzl siedig.“

   „Domini! Da hättst mich daheim lassen müssen!“ Ihre Stimme klang, als wäre sie das Kind nicht mehr, das sie noch am Morgen gewesen, als wäre sie in dieser Stunde älter geworden um ein reifes Jahr. „Denn im Holz, wo du mich hingeschickt hast, bin ich dem Poldi begegnet. Und wie’s gewettert hat, bin ich untergestanden … im Buchwaldhüttl … und der Poldi ist bei mir gewesen. Und jetzt haben wir uns lieb. Und wir lassen nimmer voneinander. Und über vier Wochen ist der Poldi wieder daheim. Und wir haben uns wieder.“

   Dem Lichtschmied fiel die Laterne aus der Hand. Sie fiel ohne Laut in das dicke, nasse Gras und legte sich auf die Seite. Doch sie erlosch nicht. Die Kerze brannte weiter und berußte das Glas, das mit leisem Ton zersprang.

   Erschrocken war Dorle zurückgewichen. Denn der Lichtschmied hatte mit einem Fluch die eiserne Zange gehoben.

   Jetzt warf die Laterne ihren trüben Schein nach oben, am Domini hinauf. Und Dorle sah sein entstelltes Gesicht.

   „Der! … Der soll mir’s büßen!“, keuchte er und tat mit der Zange einen Streich. „Vom Wagen schlag ich ihn noch herunter … vom Wagen! Der soll mir nicht lebig zum Ort hinaus!“ Die Zange wieder hebend, machte er einen taumelnden Schritt und trat in seiner Blindheit auf die Laterne.

   Das Glas zersplitterte, das Licht erlosch.

   „Jesus!“, schrie das Dorle. Und in der Herzensangst um den Menschen, den sie leibte, stürzte sie auf den Lichtschmied zu, riss ihm die Zange aus der Hand, stieß ihn mit der Faust zurück – und wollte ihm zuvorkommen. Ihre Röcke flatterten – so rannte sie – an dem liegenden Baum vorüber, den der Sturm gebrochen hatte.

   „Dorle! Mar und Josef! Dorle! Dorle!“, kreischte Domini, als hätte er plötzlich die Stimme eines Weibes bekommen.

   Ein klirrender Laut im Gras – und dem Dorle ringelte sich etwas um die Füße, wie ein eisernes Schlänglein. Sie strauchelte und stürzte zu Boden. Zwei bläuliche Funken blitzten, als möchten in der Nacht zwei große, schöne Leuchtkäfer aus den Gräsern fliegen.

   Das Dorle seufzte, Und stand nicht wieder auf.

   Als der Lichtschmied, schreiend und schluchzend, die Regungslose an den Kleidern fasste und von der Stelle riss, leuchteten die zwei blauen Käfer wieder.

   Mit dem Dorle auf den Armen, rannte der Domini über die schwarze Wiese gegen das Sträßlein hinaus. Sein Ellbogen streifte die Stange, an deren Spitze die Laterne hing. Die Stange neigte sich – der gelbe Stern fiel langsam auf die Erde nieder, zerklirrte auf dem Boden und erlosch im Gras.

   Domini rannte. Und schrie, dass die Leute aus den Häusern gelaufen kamen. „Zum Doktor!“, keuchte er, als ihm in der Finsternis jemand in den Weg trat. „Lauf zum Doktor! Lauf, Mensch, lauf, um Gotteschristi willen! Er soll zur Weberin kommen, zum Dorle…“

   Die Leute, die aus den Häusern kamen, trabten mit lärmenden Fragen hinter dem Lichtschmied her.

   Der rannte und rannte. „Mutter! Mutter!“, schrie er, als er den Garten der Weberin erreichte. Das Haus stand offen, und im dunklen Flur, den der ölige Geruch der Garne erfüllte, wurde vor dem Domini die Türe des grünen Stübchens aufgerissen. Eine rauchende Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, eine Kerze flackerte auf der Platte des Geschirrkastens, und so spärliches Licht erfüllte die Stube, dass die Efeutriebe gleich hundert schwarzen Fäden von der Decke niederhingen.

   Wie ein finsterer Schatten stand die Weberin in der offenen Türe.

   „Mutter! Mutter! Unser Dorle … schau …“

   Hinter dem Domini drängten sich fremde Leute in die Stube, und die Webergesellen kamen barfüßig und in Hemdärmeln aus ihren Kammern gelaufen, weil sie die Meisterin so schreien und jammern hörten.

   Von dem Lärm und all den Stimmen, die in der Stube waren, erwachten die schlummernden Vögel. Die einen flatterten scheu in ihren Käfigen umher, andere guckten mit zahmer Neugier aus den Drähten und begannen zu zwitschern, zu trillern und zu schlagen, als wollte schon der Morgen kommen.

   Während der Altgesell die Leute aus der Stube drängte, versuchten die Weberin und der Lichtschmied am Dorle jedes Mittel, das ihnen einfiel in ihrem ratlosen Jammer.

   Das Dorle lag auf dem Ledersofa, mit einem geblumten Kissen unter dem Nacken. Ihr durchnässtes Röcklein hing auf die Dielen nieder und hatte handbreit einen weißlichen Saum, von den klebenden Apfelblüten, die das nasse Kleid aus den Gräsern gestreift hatte.

   Ihre Glieder waren regungslos, wie versteint, die kleinen Fäuste hart geschlossen. Doch in dem krampfhaft entstellten Gesichtlein kämpfte noch eine Spur des Lebens, und in den weit geöffneten Augen war ein angstvoll suchender Blick, wie eine quälende Sorge, die gerne möchte und nimmer kann.

   Da schlug mit feinen und hurtigen Glockentönen die alte Standuhr hinter dem Ofen die zehnte Stunde. Das Spielwerk setzte ein, und mit verschwommenen Klängen, in denen kein klare Melodie mehr war, zirpte die Uhr ein altes Liedchen, das man vor langen Jahren gerne gesungen hatte, in der Großmutterzeit. Bei diesen heiteren Klängen wurden auch die scheu gewordenen Vögel vertraut und erhoben wie die andern ihre helles Trillern und Geschmetter.

   Das Dorle hatte die Augen geschlossen, aus ihrem Gesichtlein war der entstellende Krampf gewichen und wie ein Lächeln, leise und zufrieden, lag es um den bleichen Kindermund. –

   Als der Doktor kam, sagte er dem Domini und der Weberin, dass das Dorle tot wäre.

   Und als er ging, weil nichts mehr zu helfen war, schimmerte bei dem trüben Schein der Lampe etwas Weißes auf den Dielen, auf dem Tisch und auf dem Fenstergesims – weiß, wie frisches Linnen.

   Es war der Mondschein, der durch die Fenster fiel.

   Wohl erstickten draußen am Himmel die ziehenden Wolken immer wieder den weißen schein. Doch immer dünner wurden die gleitenden Nebel, immer heller und leuchtender die Silbersäume der Wolken, immer breiter die luftigen Klüfte, über die der Mond mit voller Scheibe langsam hinüberschwamm.

   Als der Doktor zwischen den Bretterplanken hinunter schritt gegen das Unterdorf, war’s über dem schmalen Sträßlein so hell, dass man das erloschene Licht des Domini nicht vermisste.

   Und wie still war die Nacht geworden! Kein Hauch mehr in der kühlen Luft. Die Regenbäche hatten sich verlaufen, kaum noch vernehmlich rauschte der beruhigte See – und in dieser träumenden Stille hörte man von weit über das Wasser her ganz deutlich das flinke Rädergerassel eines Wagens, der Eile hatte.

   Da fuhr ein Fröhlicher davon, die Freude im Blut, und hoffendes Glück im Herzen.

   Wie schön das war: In solcher Nacht zu reisen! Mit dem leichten Gepäck der lachenden träume, die was Liebes in die Lüfte bauten – kein goldenes Schloss – nur ein kleines, rotes Häuschen mit grünen Läden, und hinter blanken Scheiben ein süßes, rosiges Gesichtlein!

   So zu reisen – wie schön das war! Selige Zukunft in der Ferne – und aller Zauber stiller Mondnacht ringsumher!

   Der Himmel klärte sich. Wie diese Wolken am Morgen aus der Luft gewachsen und aus nichts entstanden waren, so lösten sie sich wieder auf ins Leere. Und die Scheibe des Mondes schwebte rein im grauen Blau.

   Die breite Straße leuchtete weiß. Nur die Schatten der Bäume, die am Wegrain standen, wuchsen wie schwarze Riesenpilze in diese bleiche Helle. Leises Glucksen und Flüstern ging durch das Schilf am Ufer. Ein feines Lichtgezitter war über den See gestreut. Manchmal blitzten lange, silberne Streifen auf und erloschen wieder. Und drüben, hinter den schwarzen Wäldern, waren die Berge von grauem Duft umwoben.

   Die Räder des Wagens, der es so eilig hatte, rasselten in der stillen Nacht.

   Der Kutscher hätte gern ein bisschen geschwatzt, hätte gerne was gehört über Haifische und Indianer, über Tiger und Elefanten, und über die Gockelfrauen von Lugalonien.

   Doch Poldi hörte nicht. In die Lederkissen der leichten Kutsche zurückgelehnt, träumte er mit glänzenden Augen hinaus in diesen bleichen Schein der Nacht. Und immer wieder drehte er das Gesicht, um noch ein Stücklein der Heimat zu sehen, wo das liebe Glück auf ihn wartete. So sicher! Denn der scheltende Widerstand des Vaters, der sich für seinen Buben „was Besseres“ ausgerechnet hatte, war durch Poldis Festigkeit besiegt – und die Mutter war froh und zufrieden, weil sie ihren Buben so in Freude und so glücklich sah. Und morgen in aller Frühe – das hatte sie ihm fest versprochen – wollte sie in ihrem besten Staat, in ihrem schwarzen Seidenkleid, zur Weberin gehen – und zum Dorle.

   Poldi hatte den Arm über den Koffer gelegt, der hinter dem Wagen aufgebunden war. Und immer blickte er zurück nach der dunklen Heimat, bis ihre letzten schwarzen Wälder hinuntertauchten hinter die Hügel des Ufers.

   „Min Dorle!“

   Er hob das Gesicht, denn fern im Grau der Straße zwischen den schwarzen Baumschatten, meinte er was gesehen zu haben, wie einen winkenden Menschen, der hinter dem Wagen herlief, um ihn einzuholen.

   „Halt mal en beten!“, rief er dem Kutscher zu. „Da will noch wer mit!“

   Der Wagen hielt. Aber niemand kam – die Straße war leer.

   „Dat is doch narrschen! Jetzt weiß ich selber nicht, was ich da gesehen hab!“ Poldi lachte. „Fahr zu!“

   Der Wagen rasselte in der stillen Mondnacht.

   Und dem Poldi war etwas Ernstes eingefallen – er schob die Mütze zurück und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

   „De Dom’ni!“

   Seltsam, dass er den Domini nicht anders sehen konnte! Wie damals an jenem schönen Morgen, an dem sein Glück in dem grünen Stübchen begonnen hatte, beim Getriller der Vögel und beim zirpenden Klang der Spieluhr – wie damals, genau so sah er ihn jetzt: Hoch droben auf einer Lichtstange, mit den sichelförmigen Klettereisen an den Füßen, in der Hand die schwere Streckzange, mit der der Lichtschmied die Drähte spannte. Nur dass die Sonne nicht schien, sondern der bleiche Mond! Ganz grau war der Domini.

   Poldi schüttelte sich, wie um einen quälenden Gedanken von sich abzuwehren.

   „Er hat sein Licht … und ich mein Glück!“

   Die Straße verließ den See und verlor sich in schwarzem Wald.

   Dann glosteten rote Lichter. Ein dumpfes Sausen, das sich aus der Ferne näherte. Und jetzt der schrille, lang gezogene Pfiff einer Lokomotive.

   Der Kutscher peitsche auf die Pferde los. Und gerade noch rechtzeitig erreichte der Wagen den Bahnhof.

   Während sich der Kutscher mit dem Koffer schleppte, rannte Poldi zum Schalter.

   „München!“

   „Zweiter?“, fragte eine Stimme aus dem Guckloch.

   „Ne, dritter!“, Poldi lachte. „Dat is nobel genug für mich.“

   Er wollte sparen – für sein Glück!

   Das letzte Glockenzeichen. Und die jagende Reise durch die Nacht begann.

   Wohin?

   Übers Meer. Mit Eisen an Bord! – –

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1 Sicher vor bösen Winden. ^
2 Aneroid.
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