Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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Der Zahltag des Rieschentoni

   Der alte Rieschentoni schien etwas Freudenreiches erlebt zu haben. Zu vergönnen war’s ihm. Sorgen und Plage hatten das zähe, grauköpfige Männlein mager gemacht, und bei den ruhelosen Gallenkrämpfen seit mehr als zwanzig Jahren war ihm das harte Runzelgesicht so gelbgrau geworden wie eine halbverblichene Pomeranzenschale, die seit Monaten unter Sonne, Wind und Regen im Straßengraben gelegen hat.

   Die Moosgegend von Uffelding, über die man mit aller Berechtigung den Schüttelreim „die Oosgegend von Muffelding“ hätte machen dürfen, war ohnehin kein allzu gesegneter Fleck Erde. Auf diesem mühsamen Boden hatte der liebe Herrgott für den Rieschentoni noch das allerübelste Plätzl ausgesucht. Dem Toni war es ergangen wie einem kümmerlichen Stäudl, das im Schatten einer großen Buche steht. Die zeiht aus dem Boden den besten Saft heraus, schluckt im Frühling jeden fallenden Himmelstrunk und frisst das ganze Jahr lang die schönste Sonne. Auf das Stäudlein in der Tiefe kommen nur die knauserigen Überbleibsel. Einen richtigen Frühling hat es nie, in den Sturmtagen des Sommers sausen aus der Buchenkrone die dürr gewordenen Stumpen herunter, im Winter klatschen die Schneeklumpen von den Ästen, und die Vögel lassen da jahrein, jahraus herunterfallen, was sie aus natürlichen Gründen nicht länger in sich herumzutragen wünschen.

   Was für so ein gequältes Stäudl der Vogelmist, die dürren Stumpen und der Schnee sind, das waren für den Rieschentoni die Schimpfereien, die Launen und Bosheitsprügel seines Nachbarn, des schweren Suibenschwendtner, neben dessen großem Anwesen das kleine Haus und Gärtl des Toni in einen Zaunwinkel eingewickelt war. zum freien Schnaufen zu eng, zum Ersticken doch noch ein bisschen zu lüftig.

   Schon lange hätte der Suibenschwendtner den unbequemen Angrenzer, der ihn am Wachsen in die Breite hinderte, aus dem Zaunloch gern herausgekauft. Aber die zwei Rieschenleute mit ihren drei Buben hingen unlösbar am ererbten Grillenhäusl – der Toni pflegte zu sagen: „Wie d’ Sterndln am Himi!“ – und der Suibenschwendtner behauptete: „Wie d’ Hirschläus am besten Wildbret!“

   Wenn die Meinungen so weit auseinander gehen, sind gütliche Verständigungen unmöglich. Seit zwei Jahrzehnten gab sich der Schwendtner alle erdenkliche Mühe, die „Schädlinge“ auszuräuchern. Unter den Schikanen und Verdrießlichkeiten, die ein großer Nachbar dem kleinen versetzen kann, war keine mehr auszuklügeln, die der Toni nicht schon zu dutzend Malen hatte schlucken müssen, so wehrlos wie gallengiftig. Er durfte – gleichnismäßig gesagt – in seinem Gärtl und Haus nimmer niesen noch husten, sonst hatte er gleich den Suibenschwendtnerschen Advokaten auf dem Hals. Und wenn auch der Toni der Klügere blieb und immer nachgab, so musste er doch jeden Advokatenbrief mit drei Fufzgerln bezahlen.. Das ging, ein paar Mal in jedem Monat, schließlich ins Geld. Obwohl der Toni bei solchen Gelegenheiten fluchte, wie ein Bürstenbinder säuft, bewahrte er doch in seinem tiefsten Innern den Glauben an die ewige Gerechtigkeit, und so oft er die drei Fuzgerln auf die Postanweisung kritzelte, propheziete er seinem ungläubigen Weib jedes Mal: „Pass auf, Alte! Unser Herrgott is langmüati, woaßt! Aber dös därfst mer glaabn: Dem Rieschentoni sein Zahltag, der kummt no amal!“

   Seit zwanzig Jahren hatte sich der Rieschentoni als bockbeiniger Christ, aber als falscher Prophet erwiesen. Nun plötzlich war dem Herrgott die Langmut vergangen – der Zahltag des Rieschentoni war da! – war völlig unerwartet gekommen, dazu noch an einem Sonntag, am 17. Dezember 1916, war gekommen wie ein voreiliges Christkindl, nein, wie etwas Besseres noch, wie ein deutschheiliger Segen des Weltkrieges.

   In der ersten dankbaren Seligkeit unternahm der Toni eine patriotische Tat. Er beflaggte. Und immer lachte er wie ein Glücklicher vor sich hin, während er aus der Dachluke das schürzengroße Fähnchen herauswickelte, dessen bayerische Farben in den 28 Kriegsmonaten so vergilbt waren, dass man hätte glauben können, es wären die päpstlichen. Und als er nachmittags um halber viere aus seiner Haustür hinaustrat in den frisch gefallenen Dezemberschnee, war der Blick, den er zum stattlichen Schwendtnerhof hinübermarschieren ließ, seit zwanzig Jahren zum ersten Mal kein Zorn blitzender, sondern ein kreuzvergnügter. „Heut kummst mer, Brüaderl, heut is Zahltag!“

   Das Maß seiner Freude schien sich noch um einen Bauernschuh zu verlängern, als er hinter einem Fenster des Schwendtnerhofes zwei weiße Hemdärmel entdeckte. Da saß der Ahnungslose, über dessen Scheitelborsten der scharf geschliffene Zahltag hing, noch seelenfriedlich im Herrgottswinkel und studierte seine Zeitung. Und so konnte der Toni, ehe der Delinquent beim Lamplwirt erschein, noch ein bisschen Kuraschi hinter den Hemdkragen tröpfeln lassen.

   „Jaja!“, sagte der Toni, stopfte seine Sonntagspfeife und wanderte so aufrecht durch den Schnee, als hätte er heute von der jungen Kraft seiner drei Buben was Erkleckliches abbekommen.

   Trotz aller strahlenden Freudigkeit, die dem Alten aus den Augen schimmerte, verursachte sein Eintritt in die von Rauch und Geschrei erfüllte Lamplwirtsstube nicht das geringste Aufsehen. Der Rieschentoni blieb eben der Rieschentoni, auch wenn er die zum Strafgericht verwandelte Langmut Gottes innerhalb seiner Joppenknöpfe trug. Hinter dem Ofen, auf einem bescheidenen Bänkl, begann der Toni seine Siegesträume und seinen Unternehmungsgeist mit rotem Affentaler zu heizen. Schmunzelnd biss er ins Pfeifenspitzl und guckte immer zum runden Stammtisch hinüber, an dem der Förster, der Bürgermeister und der Posthalter beim Haferltarock auf den vierten warteten, auf den Suibenschwendtner.

   Endlich, als der Rieschentoni schon den dritten Schoppen Affentaler zwischen vergnügten Zähnen zerbissen hatte, erschien der Ahnungslose und grüßte herablassend nach allen Seiten hin, nur gegen das Bänkl nicht, auf dem der Toni saß.

   Hinter der gelinden Lärmdämpfung, die der Eintritt des steuerkräftigen Mannes verursacht hatte, setzte gleich der kreischende Stimmenlärm wieder ein. An allen Tischen wurde von Hindenburg und Mackensen geredet, vom abgesägten Schofferl und vom Saahreil, dem es bevorstand – von der deutschen Friedensnote und vom „verschlagnahmten“ Heu, von Kartoffeln, die durch behördliche Fürsorge erfroren waren, von der Butter, die man dem Bauer billiger abnahm, als er die Margarine bezahlen musste, und von den vielen, vielen Eiern, welche die unpatriotischen Hennen während des Winters in sich selbst verhamstern. Aber der Rieschentoni, obwohl er ein guter Deutscher war, hatte für diese wichtigen Vaterlandsdinge jetzt kein Ohr. Er suchte sein „erstes Wörtl“ und begann zu fürchten, dass er es nach dem vierten Schoppen mit Verlässlichkeit nicht mehr finden würde. Dieses erste Wörtl musste die Schreier in der Stube still machen und musste die Schreier in der Stube still machen und musste einschlagen wie der Blitz. Und da schickte, eben als der vierte Schoppen zu Ende ging, der deutsche Herrgott dem Rieschentoni einen Bundesgenossen. Das war der Höllriegel, dessen Stimme schmettern konnte wie eine Klarinette. Quer durch die ganze Wirtsstube, unter deren Rauchschwaden es schon ein bisschen dämmerte, über alle Tische hinüber, schrie der Höllriegel dem Toni zu: „Höi! Riesch! Warum hast denn Du Dei’ Fahnl heut assighängt?“ Es wurde still, alles guckte und horchte. „Is wieder a gute Botschaft da? Hat am End gar a deutscher Inschenier a Kroassäg aussikitzelt, mit der ma dös englische Inselreich vom Meeresboden absägen kunnt?“ An die sechzig deutschbayrische Kehlen brüllten vergnügt, und der Höllriegel schmetterte: „Da taat nacher beim deutschen Ostwind ’s ganze England ummischwimmen auf Amerika! Jöises, Jöises, dö zwoa taaten zammpassen! Und der Schrecken, den d’ Engländer haben müssten, wann s’ merken, dass der Lamanschi-Kanal alle fünf Minuten wieder broater is um an Kilometer!“

   Das schlug wahrhaftig ein wie der Blitz. Und nach erquickendem Gelächter schrie einer dem Toni zu: „Wia! Red amal! Warum hast denn aussighängt? Is a Siegesnachricht da?“

   Der große Lebensmoment des Rieschentoni war gekommen. Seine Augen funkelten, auf den Backenknochen bekam er hektische Feuerflecken, sein mageres Körperchen streckte sich, und seine dünne Stimme schrillte über die Köpfe hin: „Oane bloß? Drei hab i kriegt!“

   Ruhig drehte der Suibenschwendtner den hoheitsvollen Metzenschädel und sagte über die Schulter: „Ja, Du hast kriegt!“ Es war ein Verachtungston, bei dem man das Gruseln bekommen konnte. „Was? Bist ebba per Du mit’m Wischiwolski?“

   „Na! Den brauch i net!“ Immer schriller wurde die Stimme des Rieschentoni. „Mir schreiben ’s meine Buben. Von die deinigen zwoa kannst freil net viel erfahren. Dös an über Pasing no net aussikumma – weil s’ Plattfüaß haben.“

   Der Schwendtner schloss halb die Augen und fragte nur: „Bist Du a Schuster? Weil di so guat in die Füaß auskennst?“

   „Koa Schuster und koa Schneider, na!“ Der Toni wurde noch ein bisschen länger. „A Vater bin i, der stolz sein kann auf seine drei deutschen Buben. Jetzt hat mei’ zwoater ’s Eiserne aa. Heut hat er’s hoamgschrieben. Undmei’ Michl, der hat’s scho lang – dös müßts alle wissen, dös is in der Zeitung gstanden – ja, und jetzt, da hat ’r sö die boarische Tapferkeitsmedallige aa no gholt, der Wert in Gold is zwoaravierzg Markln – ja, grad ehut hat er’s hoamgschrieben.“

   Der Suibenschwendtner sagte zu den Tarockbrüdern am runden Tisch: „I bin der erste, weiter, i pass.“ Er hatte einen Kopf wie ein Trutgockel, wenn er kullert, hatte aber noch immer so viel Einsicht, um zu merken, dass gegen zwei Eiserne und die goldene Tapferkeitsmedaille mit vier Plattfüßen allein nicht aufzukommen war.

   Und der Rieschentoni, der jetzt aussah wie ein selig Beschwipster, kreischte weiter: „Aber ’s allerfeinste Heldenstückl hat mei’ Jüngster gmacht – heut hat er’s hoamgschrieben, ja!“

   Jetzt hatte der Schwendtner wieder Oberwasser. „Lugenschüppel, ölendiger!“, brüllte er den Toni an, der sich gierig gegen den Stammtisch hindrängelte. „Die’ Jüngster, der hat erst einrucken müssen vor sechs, acht Wochen. Der is ja no gar net draußt!“

   „Ah na! Dös net! Drum hat ’r si als guter Deutscher mit der Hoametsarbeit tummelt.“ In der Glut seiner grausamen Freude zitternd, stand der Rieschentoni vor dem runden Stammtisch. „Und hat für d’ allgemeine Volkswohlität an nobligen Angriff füranand bracht – ja – und hat dös Madl zrucklassen, a so!“ Durch eine völlig eckenlose Handbewegung entrückte der Rieschentoni die Bedeutung der beiden Wörtchen „a so“ jedwedem Missverständnis.

   Unter dem Gelächter, das durch die Stube prasselte, rief der Suibenschwendter: „Dös muss a schauderhafte Kropfganz gwesen sein – dö si den deinigen ausgsucht hat!“

   „Mit’m Kröpfl, dös stimmt a bissl, ja!“, nickte der Toni, der in allem berauschenden Siegestaumel dieses Augenblickes streng bei der Wahrheit blieb. „Aa mit’m Verstand wird’s mager ausschaun. Wie die’ Tochter halt sein kann! Net? Und weil mer scho reden drüber – was? – jetzt krieg i wohl bald wieder an Advokatenbrief? Schau her –“ Der Toni griff in die Hosentasche, zog was Blinkendes heraus und hob es auf flacher Hand dem Suibenschwendtner unter die Nase. „Dö gwohnheitsmassigen drei Fufzgerln, dö hab ich scho lang pa –“

   Das „rat“ brachte der Rieschentoni nimmer heraus. Da hatte er schon den Maßkrug des Suibenschwendtner auf seinem Hirndach. Von Scherben umspritzt, mit Bier und Blut übergossen, blieb der Rieschentoni einige Sekunden schweigsam, bevor er sein Glücksgefühl mit den lachenden Worten auszusprechen vermochte: „Jetzt haben mer’s! Heut is Zahltag gwesen! Viktoria! Ob Frieden oder net – der Krieg is gwunna. Meine Buben, dö lassen net aus!“ Dann fiel er in Ohnmacht.

– – – – – – – – – – – – – – –

   Eine ungeduldige Leserin könnte nun fragen: „Was geschieht da noch, wie geht das weiter?“

   Wer soll es wissen?

   Die Dinge stehen doch so:

1. Der Suibenschwendtner ist noch am gleichen Abend zu seinem Advokaten gefahren.

2. Der Rieschentoni duselt mit verbundenem Kürbis in seinem Bett, bewundert die dunklen Wege der ewigen Gerechtigkeit, preist die mannigfachen Segnungen des von seinen Buben gewonnenen Weltkrieges und fasst den vergnügten Entschluss, bei Schmerzensgeld, Verdienstentschädigung und Gratisverpflegung mindestens doppelt solange liegen zu bleiben, als der Suibenschwendtner sitzen muss.

3. Das arme Mädel hockt „a so“ und heulend hinter ihres Vaters geheiztem Ofen – und –

4. Der Sieg gekrönte Rekrut Hieronymus Riesch begibt sich als Schwerer Reiter in Bälde mit dem Nachschub seines Regiments nach Osten, Westen, Norden oder Süden – wie es Meister Hindenburg zur Unterstützung der Friedensnote eben für nötig hält.

Unter Umständen, die teils solche, teils andere sind, kann die Geschichte erst weitergehen, wenn der Schwere Reiter für neue Tätigkeit wieder in Uffelding erscheint. Und dieses wird erst geschehen können, wenn sich England, Frankreich, Russland, Portugal, Japan, Italien, Belgien, Montenegro, Serbien, San Marino und Rumänien über den Frieden mit uns verständigten.

   Hat sich aber das ereignet, dann haben wir an Dinge zu denken, die wesentlich wichtiger sind als das fernere Schicksal des Romeo Riesch und der Julia Suibenschwendtner von Uffelding.

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