Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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Kongress im Himmel

   Der heilige Petrus hatte am Weihnachtsabend 1914 viel zu tun. Trotz der merklichen Kälte, die vor der Himmelspforte herrschte, wurde ihm von der Übermenge der Arbeit warm. Einigermaßen rührte das auch von etwas seelischem Aufruhr her. Sonst immer ruhig und wohlwollend, begann er an diesem Abend nervös zu werden, weil es seiner Gewohnheit widersprach, sich in internationalen Höflichkeitsformeln ergehen zu müssen. Er hatte nämlich an diesem Weihnachtsabend nicht nur den Aus- und Einflug unzählbarer Weihnachtsengel zu überwachen und die zuwandernden Seelen in die ewige Himmelsfreude aufzunehmen, sondern auch die Mitglieder des Diplomatischen Kongresses zu empfangen, den der cölestische Vertreter Englands zu den Stufen des Weltenthrones berufen hatte, um den lieben Gott gegen die Deutschen zu verhetzen und für den Anschluss an die Entente zu gewinnen.

   Während der strahlende Sonnenball sich abendlich verschleierte und die fleißigen Engelchen die Sterne anzuzünden begannen, erschien als erstes Kongressmitglied der Engländer, ein langer, magerer Gentleman mit kräftigen, aber schon etwas abgebissenen Zähnen. Er trug die Uniform eines schottischen Regiments mit dem neckischen Röckelchen. An Stelle der üblichen Diplomatenflügel funktionierte hinten eine Schiffsschraube, die ihn mit 23 Knoten Geschwindigkeit durch den Weltraum heranbefördert hatte. Er nahm die kurze Pfeife aus den Zähnen, spuckte in schönem Bogen auf Deutschland hinunter und sagte von oben herab zum heiligen Petrus: „How do you do, my darling?“

   Der Himmelspförtner sagte höflich: „Ich mache Sie aufmerksam, dass man sich hier der Sprache aller Seligen bedient.“

   „I don’t understand.“

   Petrus verlor die Geduld. „Sie sollen himmlisch reden!“

   „I don’t understand.“ Immer lachte der Engländer und spuckte so fleißig, dass die geflügelten Engelsköpfchen, die über die Wolkenränder heraufguckten, hurtig hin und her rücken mussten, um von den englischen Kleinvölkerwohltaten nicht getroffen zu werden.

   Da es sich zeigte, dass der Engländer nur seine eigene Sprache verstand, musste der heilige Petrus sich wohl oder übel bequemen, ebenfalls englisch zu sprechen. Er tat es mit amerikanischem Akzent, von dem er wusste, dass er dem edlen Briten sehr unsympathisch war, und öffnete in übler Laune die Himmelstür, die der Engländer mit einem Fußtritt vollends aufstieß. Die Schiffsschraube begann sich zu drehen, der Engländer verschwand in der ewigen Seligkeit, und hinter ihm wollte ein schwitzender Hinduknabe eintreten, der unter allen Zeichen der Erschöpfung einen schweren, klingenden Sack auf dem Rücken schleppte.

   „Halt!“, befahl der heilige Petrus. „Was hast Du in dem Sack da?“

   „Die Silberkugeln meines Herrn.“

   „Im Himmel wirken sie nicht. Gott ist unbestechlich. Stelle den Sack hinter die Wolke dort! Und lege Dich schlafen, armes Kerlchen! Du hast es nötig, Dich von den Gnadenakten Deines Gebieters ein bisschen auszuruhen.“

   Barmherzige Engel nahmen den braunen Knaben in Empfang.

   Schweres Keuchen und mühselige Flattergeräusche wurden vernehmbar. Durch die Wolkenspalten arbeitete sich krampfhaft ein klobiger Ungeschlacht im Gewand eines russischen Bauern herauf. Lange Haarsträhne umhingen das feste Gesicht, in dem zwischen Trauer und Knutenstriemen die Züge einer träumerischen Gutmütigkeit und einer irrenden Sehnsucht noch nicht völlig erloschen waren. Von den Schultern hingen ihm entkräftet die Flügel herunter, die man bös zerzaust und der wirksamsten Schwungfedern beraubt hatte.

   „Aber, gutes Männchen“, sagte der heilige Petrus, „wo hast Du denn Deine besten Federn?“

   „Väterchen und seine Leute haben sie mir ausgerissen!“, klagte der Riese, mit Kummer in den Augen. „Jetzt wird mir das Fliegen sauer.“

   „Na, tröste Dich! Gottes Weisheit hat es den Federn als ewige Eigenschaft verliehen, dass sie immer wieder wachsen zur rechten Zeit.“

   „Wozu?“ Der Russe schüttelte den Kopf. „Man rupft mich wieder!“ Auf der Schwelle der Himmelstüre drehte er das Gesicht über die Schulter und fragte leise: „Sind Deutsche da drinnen?“

   Petrus lachte. „Warum fragst Du?“

   „Wenn ich einen sehe, heb’ ich die Hände in die Höhe. Dann hab ich’s gut!“

   Als der Riese verschwunden war, brummte der heilige Pförtner etwas sehr Kräftiges in den Bart und ließ eine reichliche Menge von Eau de Cologne über die Wolken sprengen. Die Reinigungsengel glaubten schließlich, es wäre des Wohlgeruches genug. Aber Petrus rief: „Weiterspritzen! Weiterspritzen! Wir haben es nötig. Da kommen zwei – Gott soll mich beschützen! Und flink! Sperrt alle silbernen Wolkenschäfchen in den Stall!“

   Aus den Nebelklüften tauchten zwei zwerghafte Gestalten von halbasiatischem Zuschnitt herauf, der Montenegriner und der Serbe. Das Bedeutsamste an ihnen waren die großen Schnurrbärte. Und der Serbe roch in unstatthafter Weise nach Fürstenblut.

   Diese beiden ließ der heilige Petrus gar nicht zu Wort kommen. „Rasch!“, befahl er. „In die Badstube! Spart die Seife nicht! Verschwendet das Insektenpulver! Wie mehr, so besser!“

   Kaum waren die beiden dem Fegewasser überantwortet, da sprang so schnurrig wie eine Heuschrecke ein phantastisch gekleidetes Männchen durch die Wolken herauf. Die Seide seines kostbaren Gewandes war bestickt mit kämpfenden Tiergestalten und aufgehenden Sonnen. Sieben Schwerter und dreizehn Dolche – aus deutschem Stahl mit japanischen Griffen – staken in seinem Gürtel. Vor dem gelben Gesicht, das zu liebenswürdigem Lächeln versteint war, hing eine scheußlich bemalte Kriegsmaske. Hastig wollte dieser östliche Held durch eine Ritze des Himmelstores in die Seligkeit hineinschlüpfen.

   „Halt!“, gebot der heilige Petrus. „Bevor Du die ewigen Räume betrittst, muss ich aus Dir eine Missbildung herausschneiden, die im Himmel nicht geduldet wird.“ Er machte einen operativen Eingriff und brachte aus der Seele des grimmigen Kriegers etwas schwärzlich Zappelndes heraus, das drei an den Köpfen zusammengewachsenen Skorpionen glich.

   „What is that?“, fragte der gelbe Englandsschüler mit großer Wissbegierde.

   „Deine Undankbarkeit.“

   Die Neugier des zitronenfarbenen Gesichtes verwandelte sich in staunendes Unverständnis.

   „Nur Geduld!“, lächelte der heilige Petrus. „Was Undankbarkeit heißt, das wird Dir der Engländer, sobald er Dich entbehren kann, gründlich beibringen.“ Er öffnete die Himmelstür.

   Zwischen den tieferen Wolken ertönte das jämmerliche Greinen eines Kindes. Und nun kletterte über die silbernen Nebelstufen ein zierliches, aber sehr betrübtes Bübchen herauf. Das schwarze Höschen lag prall an den schlanken Beinen, unter einem kurzen Jäcklein guckte das Hemd heraus, und auf den schwarzen, mit Glanz pomadisierten Haaren saß ein nettes Hütchen. Als dieser putzige kleine Kerl den heiligen Petrus sah, fing er bitterlich zu weinen an.

   „Büebli?“, fragte der heilige Petrus freundlich und machte ein Hockerchen. „Wer bist Du denn?“

   „Der Po – po – portu – gi – gi – giese.“

   „Soooo? Aber Du lebst doch in Frieden! Was willst denn Du bei der himmlischen Diplomatenkonferenz?“

   „Ich a – a – ahne das nicht! Der Engländer hat mmmich herbestellt.“ Das Bübchen wurde vom Bock gestoßen und heulte noch lauter.

   „Nur Ruhe, lieb Kind! Warum weinst Du denn?“

   „Wwweil ich nicht wwweiß, was ich tun soll. Der Engländer will, ich soll Krieg führen, aber mein Verstand sagt mir, ich soll es unterlassen.“

   „Na also! Unterlass es! Verstand ist eine Gottesgabe. Folge dieser klugen Stimme!“

   „Da ist ein Be – be – bedenken dabei! Unterlass ich es, so zieht mir der Engländer die Hosen aus. Und tu ich es, so hauen mich die Deutschen.“

   „Na, na, na, es wird nicht so schlimm werden. Und blaue Flecken vergehen wieder.“

   Der Kleine schüttelte eigensinnig das Köpfchen. „Wwwenn die Deutschen mich geprügelt haben, nehmen sie mir meine Ko – ko –“

   „Kokosnüsse?“

   „Nnnein! Meine Ko – ko – Kolonien!“

   „Fort mit Schaden!“, sagte Petrus, schenkte dem Knaben als Spielzeug ein hübsches, hölzernes Stierchen mit vergoldeten Hörnern und schob den Knirps zur Himmelstüre hinein.

   Nun kam über die Wolken eine schöne, modisch gekleidete Dame heran geschritten, mit der Trikolore um die strotzenden Brüstchen, mit der phrygischen Mütze auf dem kunstvoll frisierten Haar. Flügel hatte sie nicht nötig; sie war mit einem Doppeldecker gekommen. Ihr Gesicht war von Trauer und Zorn entstellt, und aus dem Saum des blutfleckigen Seidenkleides waren große Lappen herausgerissen. Beim Anblick der Himmelstüre brach sie, obwohl ein trotziger Stolz aus ihren schönen Augen funkelte, in echt weibliche Tränen aus.

   „Bon soir, madame!“, sagte der heilige Petrus höflich und doch in merkbarer Misslaune. Erstens konnte er, ausgenommen bei Kindern, das Weinen nicht leiden; zweitens dachte er im allgemeinen nicht gut von den Weibsleuten, die sich immer scharenweise in das Himmelreich drängten und, kaum waren sie drinnen, aus nicht zu erörternden Gründen wieder heraus wollten; und drittens war er auf Frau Marianne im besonderen nicht gut zu sprechen. „So eine Habergeiß!“, brummte er in seien Bart. „Wenn sie nicht so nett wäre, möchte man sie prügeln! Könnt’ es auf Erden haben wie im Paradies! Könnte begehren, was ihrem Herzen wohl gefällt und könnte Arm in Arm mit den leistungsfähigsten Mannsbildern alle Blumengärten der Welt durchwandern! Aber nein! Just nicht! Macht in Trutz und Eigensinn eine Dummheit um die andere! Träumt hinter entflogenen Vögelchen her, bekleckert ihre gut möblierte Stube mit Blut und Elend, vergeudet ihr Geld auf Nimmerwiedersehen an gefräßige Zuhälter und hängt sich an einen solchen Kerl!“ Er warf einen wütenden Blick nach der Türe, durch die der lange Magere mit den Hamsterzähnen verschwunden war. „Das richtige Frauenzimmer! Und kommt die Reue, so kommt sie zu spät!“ Er tat einen Seufzer des tiefsten Kummers, und weil er aus Erfahrung der Meinung war, dass man bei Debatten mit der holden Weiblichkeit immer den kürzeren zieht, öffnete er ohne den Versuch einer weiteren Konversation die Türe der Seligkeit. Von nebenan, aus der hygienischen Himmelsbadestube, klang das entsetzte Gezeter jener beiden, die das Waschen mit Seife und die Bepuderung mit Insektenpulver als eine höchst ungesunde Sache zu empfinden schienen.

   Frau Marianne, die in der Geistesverwirrung ihres Schmerzes das nahe Jammergeschrei für eine zum Himmel dringende Klage ihrer geliebten Kinder heilt, blickte mit nassen Augen zur Erde hinunter und lispelte: „Pauvre France!“

   Dieses Missverständnis, statt erheiternd zu wirken, schien den sonst so gütigen Himmelspförtner zu ärgern. „Armes Frankreich?“, brummte er. „Ja, ja, ja! Wer Krankenwärter um hysterischer Zeugschaft willen verknurrt und hilfreiche Ärzte um törichter Lügen willen ins Gefängnis sperrt, ist arm geworden an Schätzen der Seele. Armes Frankreich! Stimmt!“

   Wie von einem Nadelstich getroffen, zuckte Frau Marianne. Und obwohl es am rosigen Purpur ihrer Wangen zu merken war, dass sie im grollenden Wort des Himmelspförtners einen Stachel der Wahrheit empfunden hatte, hob sie trotzig das schöne Haupt. „Barbare!“ Und rauschte hinein in den leuchtenden Glanz.

   Herr Petrus blickte sinnend hinter Frau Marianne her, Wohlgefallen und Sorge in den guten Augen. „Schad’ um die nette Person! Wenn die zu Verstand käme! Aber sie ist wie jenes Weib, das im Ertrinken noch die Hände aus dem Wasser hob und mit dem Daumennagel die Bewegung des Flohknickens machte. Nur dass die Deutschen keine Flöhe sind, die sich knicken lassen!“ Den Kopf schüttelnd, zündete er seine lange Pfeife an und ließ sich auf einen rund ausgesessenen Wolkenbuckel nieder.

   Da guckten zwei schwarzhaarige Jungen, die eine entfernte Ähnlichkeit miteinander hatten, wissbegierig und misstrauisch über den Nebelsaum herauf. Der eine trug ein Hütl mit Hahnenfedern und duftete heftig nach Orangen, der andere hatte eine schief gesetztes Käppi mit Litzen und roch empfindlich nach unraffiniertem Petroleum.

   „Na, was ist denn?“, fragte der heilige Petrus ermunternd. „Nur flink herauf da.“

   Hurtig machten die zwei Buben eine rückläufige Bewegung und waren verschwunden.

   Der Himmelspförtner blies ihnen aus seiner Pfeife was Blaues nach und lachte: „Mir scheint, die müssen sich erst mit englischer Wichse die Stiefelchen schmieren lassen, bevor sie energisch aufzutreten wagen.“ Er wollte noch eine heitere Bemerkung machen, streckte aber plötzlich den Hals und sah so verwundert wie gespannt gegen Untergang der Sonne.

   In weiter Ferne erschein mit würdevollem Schritt ein weiß gekleideter Engel von unhimmlischer Länge. Sehr viel Irdisches war an ihm. An den großen Füßen trug er Schnürschuhe von einer abgestumpften Form, deren ausgebuckelte Zehengegend viel Erbarmen mit versteckten Hühneraugen bekundete. Seine Haltung war, durch die Länge entschuldigt, ein bisschen salopp. Um ernster zu wirken, hatte er sich ein grimmiges Nussknackergebiss vor das harmlose Flachgesicht gebunden. Und hätte er nicht das weiße Kleidchen am leib getragen, in der Hand die Friedenspalme und auf der schiefen Schulter ein Täubchen, so hätte man ihn eher für alles andere genommen, nur nicht für einen Engel.

   „Halt!“, rief der heilige Petrus vorsichtig. „Wer sind Sie?“

   Die Nussknackerzähne klapperten. „I am the peacemaker.“

   „Was? Sie? Der Friedensengel?“, staunte der Himmelswächter. „Nein! Danke! Kehren Sie wieder um! Mit Engeln sind wir seit Ewigkeit versehen. Und besser.“

   Die Achseln zuckend, machte die weiße Gestalt viel rascher kehrt, als man von ihr erwartet hätte. Nun sah man auch, dass sie an ihrem Engelkleidchen zwei geräumige Hintertaschen hatte, aus denen dicke Aktienbündel herausguckten, jede mit dem frommen Aufdruck: „Bethlehem.“

   In der Badestube war das Geschrei verstummt, weitere Mitglieder des himmlischen Diplomatenkongresses erschienen nimmer, der letzte Weihnachtsengel war lange schon ausgeflogen, und auch der Zuflug der armen Seelchen, die gleich aufwärts strebenden Sternschnuppen durch die Nacht emporgeschossen kamen, wurde dünner und dünner. In der Stunde der Weihnachtsfreude sterben die Menschen nicht gerne.

   Träumend die Rauchringelchen vor sich hin blasend, blickte Petrus empor zu dem wundersamen Sternglanz der heiligen Nacht und hinunter in die mit Gefunkel überglitzerte Tiefe. Erfüllt von Andacht, nahm er das Käpplein herunter und sprach: „Wie schön ist die Welt! Wenn nur die Menschen sie nicht immer so schauderhaft verschweinen möchten!“

   Da kam was Liebes und Leuchtendes aus dem Himmelstor herausgeschlüpft und ein Engelstimmchen fragte: „Onkel Petrus? Warum führst Du den Österreicher, den Türken und den deutschen nicht herein?“

   Weil sie nicht gekommen sind.“

   „Nicht gekommen?“

   „Nein! Bei mir hätten sie vorbei müssen. Der Himmel hat Gott sei Dank nur ein einziges Tor. Das ich verlässlicher, uneigennütziger und auch noch länger bewachen werde, als der britische Löwe den Suezkanal.“

   Das Engelchen war ratlos. „Was soll ich denn da jetzt machen? Der liebe Gott wartet immer mit dem Beginn des Kongresses auf diese drei!“

   „Tja! Da kann ich ihm nicht helfen. Sie kommen nicht. Er muss da eben in seiner Allmacht einen Ausweg finden.“

   „So, schön!“, sagte das Engelchen, ein bisschen verlegen, weil es wusste, dass der liebe Gott seit Anno Schöpfung auf das Wunderwirken seiner Allmacht nach Möglichkeit verzichtete und die Menschen so gehen ließ, wie sie wollten, und die Dinge so, wie sie mussten. „Jetzt bin ich neugierig, was da geschieht!“ Ein schimmeriger Husch, und das Engelchen durchflog in der Dauer eines Herzschlages unübersehbare Hallen des himmlischen Glanzes.

   Zu Myriaden standen und wandelten und ruhten da die Verklärten auf den blau leuchtenden Himmelsdielen, Helden des Geistes, Helden der Kraft, Helden und Heldinnen des Herzens und alle blickten sie in Freude empor zur Höhe Gottes, zur siebenten aller Seligkeiten. In der ewigen Harmonie des Fühlens und Denkens glichen sie alle einander wie Brüder und Schwestern, und dennoch zeigte jede verklärte Seele noch die unveränderte Form ihres einstigen Lebens, von innen leuchtend.

   Ach, ihr Menschen! Alle von der Welt Verschwundenen, die ihr liebt und deren Namen ihr mit Ehrfurcht nennt, alle hättet ihr da wieder gefunden und erkannt, von den Ureltern unseres Geschlechtes angefangen bis zum letzten tapferen Jungen, der erst vor wenigen Stunden sein Blut und Leben in Treue hingegeben hatte für seine Heimat und sein Volk!

   Als das Engelchen durch den sechsten Himmel schwirrte, konnte es unter den seligen Geistern eine Art von himmlisch abgeklärter Erregung bemerken, die sich eben jetzt in heiteres Lachen verwandelte. Man hatte seit einer Viertelstunde das Lamm Gottes vermisst. Es wurde unter dem Mantel des montenegrinischen Diplomaten gefunden.

   In einer Fauteuilreihe, an deren Ecke noch drei cölestische Klubsessel unbesetzt waren, saßen die Vertreter der gegen die Mittelmächte verschworenen Nationen vor den Thronstufen des ewigen Herrn, dessen Art und Wesen sich verhüllte in einem ruhelos kreisenden Schimmer, von dem nicht die verklärten Geister, nur die halb noch irdischen Diplomaten geblendet wurden. Montenegro und Serbien hielten fromm die etwas lang gebildeten Hände gefaltet; das Portugieschen zitterte scheu; die etwas freigeistige Frau Marianne schien zu ehrlichem glauben bekehrt; der Riese mit dem Muschikkopf saß tief gebeugt in Andacht, und der kleine kriegerische Zitronenfalter machte Zuckbewegungen, die an den Veitstanz erinnerten – aber das war an ihm keine krankhafte Erscheinung, nur eine Ausdrucksform der höchsten Ahnenverehrung. Völlig Herr seiner selbst war nur der Engländer. Zum Schutz wider den blendenden Glanz hatte er sich den blauen Streif von Frau Mariannes Trikolore um die Augen gewunden. Mit dieser Binde vor der Stirn gab er sich alle Mühe, die politische Gesinnung des ewig Unerkennbaren zu erforschen. Innerlich schlotterte ihm die Seele. Äußerlich suchte er nach Art der tönernen Götzen als „Fürchtenichts“ zu imponieren, hatte, wie er’s in deutschen Eisenbahnwagen sogar in Gesellschaft von Damen zu machen pflegte, die verschränkten Füße auf die dritte Thronstufe hinaufgelegt und rauchte dazu wie eines seiner ruinös gewordenen Linienschiffe.

   Seine Ungeduld wuchs von Minute zu Minute. Mit den Händen in den schottischen Mufftaschen, sagte er plötzlich sehr unwillig: „I want to begin!“

   Das Engelchen hinter dem Sessel des Ungeduldigen flüsterte: „Hier spricht man nicht englisch, mein Herr!“

   Ohne die Pfeife aus den Zähnen zu nehmen, sagte der Engländer: „I don’t understand.“

   Nicht weit von dem Sessel, in einer Gruppe von Seligen, stand ein Mann mit wallendem Haargelock, mit strahlenden Augen und von kraftvollem Körperbau; ohne Makel war er gebildet vom Scheitel bis zur Zehe; doch ein einziges, was jedes von einer Mutter geborene Erdenkind sein eigen nennt, besaß er nicht: Er hatte keinen Nabel. In freundlicher Heiterkeit betrachtete dieser herrliche Mensch den rauchenden „Don’t-understand“ und sagte lächelnd zu den anderen Seligen: „Und von so was muss ich der Urahn sein! Die Rasse ist erheblich zurückgegangen.“

   Während Adam diese fröhlichen Worte sprach, griff durch den ruhelos kreisenden Gottesglanz eine Sache heraus, die einem aus Flammen gebildeten Gigantenfinger glich. Und dieser glühende Finger berührte an der schottischen Jacke des zu Tod erschrockenen Engländers einen Knopf, der noch niemals aufgegangen war. Jetzt sprang dieser Knopf. Und plötzlich verstand und redete dieser Exklusive die Sprache der anderen.

   „Oh, bitte“, stammelte er mit Höflichkeit und nahm seine Pfeife aus den Zähnen, „ich füge mich bereitwillig den Wünschen des geehrten Herrn Vorsitzenden.“ Er sah über die Schulter. „Wo nur mein geliebter Vetter Deutschland so lange bleibt? Unbegreiflich! Sonst ein so pünktlicher Mensch!“

   Frau Marianne wurde rot; sie wusste, dass England nur seine offenen und heimlichen Verbündeten zum lieben Herrgott heraufbefohlen hatte. In Abwesenheit des Feindes siegt man leichter.

   Ein Cherub, der neben dem kreisenden Glanz Gottes sichtbar wurde, sagte streng: „Sind Deutschland und seine Freunde zu dieser Besprechung geladen?“

   „Selbstverständlich!“, beteuerte der Engländer, ohne zu erröten wie Frau Marianne. „Aber es scheint sich da etwas ereignet zu haben, was ich nicht begreife, auch nicht glaube – obwohl es von Reuter und Havas gemeldet wird, also undementierbar ist! Auch steht es bereits in der Londoner Presse. Bitte – hier!“ Er zog die Times aus der schottischen Jacke, entfaltete das große Blatt, deutete mit der Pfeifenspitze auf ein blau angestrichenes Telegramm – und las: „Neuer Völkerrechtsbruch von Seiten Deutschlands! Irreligiöses Verhalten von höchster Schändlichkeit! Tiefstes Entsetzen der gesamten zivilisierten Welt! Barbarisches Verhalten, das auch die vollständige Vernichtung von siebentausend französischen Kathedralen noch überbietet!

   „Mais non!“, stammelte die von Scham glühende Frau Marianne. „Mit der Ziffer stimmt es nicht ganz!“

   Der Lesende streifte sie mit einem oberherrlichen Blick. Dann verkündete er weiter, treu nach Havas und Reuter: „Die diplomatischen Urkunden, durch welche England, gemäß seiner ruhelosen Friedensbemühung, das türkische Reich und die österreichische Monarchie zur himmlischen Konferenz berief, wurden von Deutschland, um ein Werk der Verständigung zu hindern, durch eine fraudulöse Intrige unterschlagen. Aber nicht genug daran! Wie uns von glaubwürdigen Augenzeugen bekundet wird, vernichtete Deutschland die an seine Adresse ergangenen Einladungen unter den grauenvollsten Gotteslästerungen. Solch ein Verbrechen wider das Völkerrecht, solch ein Akt der Barbarei, solch eine empörende Versündigung an allem Heiligsten wird und muss im zeitlichen und ewigen Leben bestraft werden, wenn wir anderen, getreuen Kinder des Schöpfers und der ewigen Wahrheit noch sollen glauben können an Gott den Gerechten.“

   Aus dem Kreis der Seligen klang das markige Lachen des deutschen Rolands und dazu die Zornstimme des alten Blücher: „Det is doch Mumpitz! Ei, u allerliebster Herre Jott, och, lat mir den Kujong mal feste verhauen, dem ick bei Waterloo jeholfen habb, ick Ochse!“

   Nun tiefes Schweigen. Und neben dem kreischenden Gottesglanz tönte die Stimme des Cherub wie klingender Stahl: „Menschlein von England, Du! Hast Du in Deiner Torheit Gier vergessen, dass Gott allwissend ist? Im Himmel lügt man nicht.“

   Der Engländer zog erstaunt die Augenbraunen in die Höhe. „Lügen? Ich? Oh, never!“

   Da streckte sich aus dem blendenden Schimmer die flammende Hand hervor und deutete zur Erde hin. Die goldenen Säulen der sieben Himmel wichen auseinander, die Fliesen der seligen Räume teilten sich, und man sah hinunter in die Tiefe der Welt, die umschlungen war vom stahlblauen Sternenmantel der heiligen Nacht. Milliarden winziger Lichtlein überfunkelten alle Weiten des deutschen Landes, als wär’s ein tiefer und ruhiger See, in dem sich die ewigen Sterne des Himmels spiegelten. Tausende von rauschenden Orgelklängen flossen ineinander zu einem frommen Liebe der Ewigkeit. Und ein Chor von Millionen Stimmen, die in gläubiger Andacht sangen, quoll aus hohen, geweihten Dächern empor durch die leeren Räume der Welt, empor bis zu den Feuersohlen des Gerechten, der alles Menschliche liebt und nur die Lüge hasst.

   Wie Donner rollte die Stimme des Cherub: „Schaue hinunter auf das Land der Deutschen! Hörst Du, wie sie den Ewigen lästern – den Einzigen, den sie fürchten.“

   Brausend klang es empor aus der Tiefe:

„Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen –“

So sangen die einen. Und die anderen sagen:

„Großer Gott, wir loben Dich,
Preisen Deine Macht und Stärke –“

   Und während diese Stimmen fluteten wie Meereswogen – es waren der Frauen- und Kinderstimmen mehr als Männerstimmen – schritt ein hohes, schlankes Mannsbild über alle Dächer und Türme, stieg über Höhen und Tiefen hin, über Lichter und Dunkelheiten, wanderte über stille Seen und über klingende Ströme, über winterliche Äcker und über singende Wälder. Der Mann war anzusehen wie ein kraftvoller Bauer, ein bisschen nach alter Mode gekleidet, mit Zipfelhaube und kurzem Spenzer, mit eng gewordener Bundhose und klappernden Holzpantoffeln. An Knien, Schulter und Ellbogen hatte das knappe Gewand sich muschelig ausgebogen, und viele Nähte drohten zu platzen. „Mann“, hätte jeder Gerechte zu ihm sagen müssen, „gehe zum Schneider, Du brauchst einen größeren Kittel und brauchst eine weitere Hose, und für solche Füße musst Du eiserne Schuhe haben; gehe zum Schmied!“ Doch niemand sagte so. Aus Fernen, in denen die Finsternis brütete, klangen gallige Stimmen des Neides: „Schlagt ihn zu Boden! Trampelt ihm das Gehirn zu Brei! Dreht ihm die Taschen um! Reißt ihm das Hemd vom Leib, das redliche Herz aus den Rippen!“

   Als der Schreitende diese Stimmen hörte, guckte er sehr verwundert drein, fast so verständnislos, wie der kleine gelbe Veitstänzer den Skorpionendrilling seines eigenen Herzens betrachtet hatte, beinah’ ein bisschen dumm. Doch in den Augen des Schreitenden war die heitere Ruhe der Kraft – es waren die gleichen strahlenden Augen, unverändert, wie der Himmelsmann ohne Nabel sie hatte. Und ruhig schritt er über Türme und Dächer, über Höhen und Tiefen, über Wälder und Ströme. Aufrecht war sein Gang, strack und gerade, obwohl er auf seinem Rücken einen lastenden Sack zu schleppen hatte, viel gewichtiger als der englische Sack mit den Silberkugeln, so schwer, dass ihn Tausende von belgischen Rossen nicht von der Stelle gezogen hätten.

   Über die Grenze seines Landes, das von Milliarden glanzvoller Lichter schimmerte, wanderte er hinaus und kam zu finsteren Länderflächen, über denen nur kleine, weit zerstreute Feuerchen flackerten. Zu vielen, vielen winzigen Hügeln aus frischer Erde kam er, mit Kreuzen, die wie zierliches Spielzeug waren. Bei jedem Hügel nahm er die Zipfelkappe herunter und betete stumm und strich mit zärtlicher Hand über die frische Erde hin, wie ein Vater die Wange seines Kindes streichelt. Und immer hörte er ein singen von vielen, unzählbaren Stimmen. Immer näher klang es dem ruhelos Schreitenden entgegen, durch Dunkel und Feuerschein. Millionen Stimmen sangen, nur Stimmen von Jünglingen und Männern, und da war kein Unterschied des Liedes, alle sangen das gleiche

„Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!“

Aus langen, unabsehbaren Reihen von Zelten klang es, aus turmlosen Kirchen und umnebelten Herbergsstuben, aus Schlössern und Hütten, aus Ställen und Scheunen, aus Wäldern und Ackerfurchen, von Flammenstätten und aus der Finsternis, über schwarze Wälle und aus dem Zickzack vieler Schanzgräben, von denen die einen dunkel, die anderen überflimmert waren mit matter Helle. Und bald in einem solchen graben, bald in einem Zelt und Saal, bald in Ställen und auf kahler Erde brannten die sparsamen Lichter eines grünen Bäumchens auf. Und der schreitende Michel – Michel, das ist kein Name, das ist ein altes deutsches Wort und bedeutet: Der Große, der Starke – dieser schreitende Michel begann beim Anblick des wachsenden Lichterglanzes in Freude zu lachen. Überall, bis in verschwimmende Weiten, sah er im Lichterschein ein Gefunkel von blankem Metall und sah Millionen von gesunden, fröhlichen Mannsgesichtern. Und lachend nahm er den gewaltigen Sack von seinem breiten Buckel und schritt im brausenden Liedgewoge an allen Gräben entlang und schüttelte den sack und schüttete die Grüße des Vaterlandes, Dank und Segen, brennende Liebe und dürstende Sehnsucht, die Früchte der Heimatsbäume, die Honigkuchen zärtlicher Mütter, Zigarren und Rauchtabak, viel warme und liebe Dinge in die aufgerafften Mantelzipfel der singenden Soldaten. Lachend trat der Michel in die Feldstube des Kaisers und schüttete einen großen Volkes funkelnde Dankbarkeit und Verehrung aus seinem Riesensack heraus. Er trat in die Säle der Fürsten und Feldherren und schüttelte seine Gabentasche, trat in die Kammern der Offiziere und trat in die Kirchen und Herbergsstuben, in Hütten und Scheunen und Ställe. Immer schüttelte er den deutschen Sack, dessen Gabenmenge wahr und wirklich und doch wie ein Märchen war. In alle dunklen Wälder ging er, aus denen das Heimatslied seiner Söhne klang, und schritt durch die Ackerfurchen, in denen sie ruhten, und wanderte zu jedem einsamen, der in der Finsternis auf Wache stand. Und weiter und weiter wanderte der große Michel in der heiligen Nacht. Er schritt hinaus über die Ufer des festen Landes und wanderte über das wogende Meer und kehrte als Gast auf Hunderten von Schiffen ein, auf großen und kleinen. Wieder beschritt er die flutende See, reckte sich auf in seiner gewaltigen größe, spähte mit heißen Sehnsuchtsaugen hinaus in die fernste Nacht und schrie mit feiner Glockenstimme: „Ihr meine Lieben in der Fremde! Ich komme! Habt nur Geduld noch ein Weilchen!“ Und jagenden Schrittes wandte er sich dem Ufer entgegen und stieg an das Land und eilte dem Schimmerglanz der Dörfer und Städte zu. Er wanderte durch alle Hütten der Not und wanderte mit erquickendem Lachen durch alle Säle des geduldigen Leidens. Lachend trat er zu jedem Bett. Und wo er ging und stand, da glänzten die Augen der wunden Männer und Knaben auf. Und immer schüttelte der Michel seinen unerschöpflichen Sack, und bei allen Betten sagte er mit hellem Lachen: „Freuet euch, liebe Jungen! Die dankbare Heimat lässt euch grüßen! Und heut ist heilige Friedensnacht. Der liebe Gott will kommen zu euch!“

   Und während noch immer die frohen Worte des Michel klangen, wogten die silbernen Schleier des Gewölkes über das schimmernde Bild der Tiefe hin. Die Säulen der seligen Räume rückten zueinander, unter rollendem Donner schlossen sich die blauen Fliesen des Himmelreiches, und man hörte ein feines Stimmchen, das wie der Klang einer goldenen Saite war: „Ich will zu den Kindern des großen Mannes kommen, der die Wahrheit redet!“ Aus dem kreisenden Gottesglanz trat ein liebliches Kind hervor und schritt mit strahlendem Lächeln durch die sieben Hallen der Seligkeit dem Torbogen des Himmels entgegen, geleitet von zahllosen verklärten Geistern, von denen jeder im Leben das Kind einer irdischen Mutter gewesen. Und während sie niederstiegen über die Wolkenstufen, fingen alle Engelscharen des Himmels zu singen an und sangen das gleiche ewige Lied, das sie unter dem Glanz eines großen Sternes einst gesungen hatten über dem Stall von Bethlehem.

   Im Halbkreis der versteinten Diplomatengesellschaft kam der Lange mit den abgebissenen Zähnen als erster zur Besinnung. Er knirschte einen englischen Fluch, hob die kurze Seemannspfeife und brüllte: „Ich protestiere gegen diesen offenkundigen Neutralitätsbruch der göttlichen Macht! Parteinahme ist dem Himmel nur für das britische Imperium gestattet. Auch dürfen Waren der Ewigkeit nur an England geliefert werden. Sonst erkläre ich sie als Kontrebande, die ich mit Beschlag belege!“ Noch während der Lange dieses Manifest seiner geschichtlich notorischen Gerechtigkeit aus sich herausspuckte, hatte ein brausender Wind zu wehen begonnen. Gleich welken Blättern im Wintersturm wurden sie alle davon gewirbelt, der Lange, der Riese, die schöne Dame, der gelbe Veitstänzer, der Knirps im gespannten Höschen und die beiden schnauzbärtigen Zwerge, die noch im Flug ein schimmerndes Wolkenschäfchen zu erhaschen suchten. Vor dem Himmelstor, unter dem heiteren Lachen des heiligen Petrus, kollerten sie mit eingezogenen Köpfen und Beinen über die Nebelkämme hin, die ihnen so hart erschienen wie gefrorene Ackerfurchen. Und schließlich ergab es sich ganz von selbst, dass der Lange unten lag und dass ihn die anderen, weil sie ihn für den Schuldigen an diesem schmerzhaften Sturz aus allen sieben Himmeln hielten, ganz entsetzlich vermöbelten. Frau Marianne hatte eine Art von hysterischer Freude an diesem Vorgang und befeuerte unter lebhaften Gestikulationen die verbündeten Drescher, wobei sie sich erstaunlicherweise eines deutschen Zitats bediente:

„Nur druff! Immer feste druff!“

   Jämmerlich kreischte der Lange: „Lord, help me! Lord, help me!“

   In Erbarmen flatterten die geflügelten Engelsköpfchen auf den Himmelspförtner zu und bettelten: „Ach, lieber Onkel Petrus, hilf doch diesem geprüften Man!“

   „Fällt mir gar nicht ein!“, sagte der heilige Petrus. „Wie man sich bettet, so liegt man. Je fester dem Kerl die aufgeblasenen Knochen vertrommelt werden, umso brauchbarer wird er für eine bessere Zukunft auf Erden sein.“ Bei diesem letzten Wort fasste er einen Wolkenzipfel, hob ihn mit flinkem Ruck in die Höhe und rüttelte die ganze, unter Geschrei sich balgende Diplomatengesellschaft hinunter in den schwarzblauen Weltenraum. Dann schüttelte er noch die Silberkugeln aus dem Sack des Engländers ins Leere hinaus – und wie diese silbernen Kugeln zwischen den purzelnden Diplomaten hüpften und kollerten, das sah sich an, als wär’ es ein Golfspiel auf dem Rasenplatz der Ewigkeit.

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