Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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Der neue Leonhardt

   Sieben lange Jahre hatte ich das kleine Bergdorf nicht gesehen. Als nun ein sommerlicher Jagdausflug mich wieder in den weltentlegenen Winkel führte, staunte ich über die Veränderung, die das liebe Nest in den Zwischenzeit erfahren hatte. Manch eine der malerischen Hütten war in ein nüchternes, weißes Häuschen mit knallrotem Ziegeldach verwandelt, Kinder waren zu Leuten, Leute wieder zu Kindern geworden, und die lustigen ‚Rogler’, mit denen ich einst die Nächte bei Zitherklang durchlacht hatte, trugen jetzt den lang geflügelten Ehemannsrock und duckten sich vor ihren ‚verstandsamen’ Hausfrauen. Was mir aber am meisten leid tat, war die Nachricht, dass der alte Jäger-Hiesl, der einst mein Begleiter im rauschenden Hochwald gewesen, inzwischen den letzten ‚Schnaufer’ getan hatte. An seine Stelle war ein junger Jäger getreten, und es stimmte mich etwas verdrießlich, als ich hörte, dass der Sepp erst seit einem halben Jahr im Dienst stünde. Als ich aber gegen den Förster die Befürchtung äußerte, dass ich mit dem frisch gebackenen Jäger wohl schlecht beraten wäre, schmunzelte der Weißkopf und legte, ein leicht verständlicher Bildersprache, die beiden Fäuste hinter die Ohren.

   Und richtig, schon auf dem ersten Pirschgang sollte ich erfahren, dass es der Sepp faustdick hinter den Lusern hatte. Er kannte das Revier wie seine Joppentasche und brachte mich auf einen alten Gamsbock, dem die erfahrene Schlauheit aus allen Haaren guckte, in einer Weise zu Schuss, dass ich über diese raffinierte Verschlagenheit die Augen aufriss. Da bat ich ihm meine schlechte Meinung ab. Und als hätte er mir daraufhin erst richtig zeigen wollen, was für ein Kerl er wäre, so verging von nun an fast kein Tag, an dem nicht eine frische Wildleber in unserer Pfanne schmorte. Und wenn wir am Abend vor der einsamen Jagdhütte unter den rauschenden Bäumen unsere Pfeifen schmauchten, wenn er unermüdlich plauderte und ebenso unermüdlich eine Flasche um die andere leerte, während seine Augen durch die Dämmerung funkelten wie zwei glühende Kohlen, dann musste ich mir oft die Seiten halten vor Lachen über die Streiche, die er zum Besten gab. Er hatte aber auch sein Teil erlebt, zuerst als junger Holzknecht, dann als leidenschaftlicher Wildschütz. Fünf Jahre lang hatte er die heimischen Berge unsicher gemacht und die Forstleute genarrt, so dass ihnen schließlich gegen ihn kein anderes Mittel übrig blieb, als ihn selbst zum Wildhüter zu nehmen. Und seit diesem Tag gab es im weiten Umkreis keinen Jäger, der es dem Sepp an Eifer und Pflichttreue gleichtat.

   Wie im Flug verging mir die Woche, die ich mit ihm in der Hütte droben verlebte, und selten bin ich so ungern zu Tal gestiegen, wie damals. Diese leidige Stimmung ließ mich auf dem Heimweg zu keinem rechten Geplauder kommen. Und dem Sepp machte die schwere Last zu schaffen, die er auf dem Rücken trug. So ging ich ihm oft lange Strecken schweigend voran.

   Wir waren dem Dorf schon nahe und schritten auf einem schmalen Pfad, zu dessen einer Seite der Wildbach rauschte, während auf der anderen Seite die steilen Felsen aufwärts stiegen. Nun machte der Weg eine Biegung – und da blieb ich verwundert stehen. Mir war diese Stelle von früher her noch im Gedächtnis. Aber wie verändert fand ich sie. Damals hatte ein zerfallener Betstuhl hier gelegen, und in der hohen Felsennische darüber war ein lebensgroßes, verwittertes Heiligenbild gestanden, das man nur mit Mühe noch aus seinen Attributen als eine Statue des heiligen Leonhardt zu erkennen vermochte, jenes Heiligen, der bekanntlich ‚guat is fürs Viech’.

   So war’s früher. Jetzt aber sah ich eine richtige Kapelle vor mir. Ein rot bemaltes Blechdach war über die Nische gespannt, und ein eisernes Gitter schützte das in Gold, Silber und bunten Farben gleißende Heiligenbild, zu dessen Füßen zwei Leuchter standen, während die halbe Nische mit verwelkten und frischen Kränzen und Blumensträußen angefüllt war. Rings um das Gitter war die Felswand mit Votivtäfelchen behängt, unter deren naiven Malereien der fromme Dank für die Wohltaten zu lesen war, mit denen der Heilige in den beiden letzten Jahren sein gutes Herz an Mensch und Vieh erweisen hatte. Eine dieser Lobschriften hab’ ich mir gemerkt. Sie lautete: „Dem heiligen Leonhardi sei Preis und Dank, weil ich in den Höpflinger Mühlbach gefallen bin – Anna Maria Kreszenzia Schrumsl.“ Dass der Heilige die Anna Maria Keszenzia Schrumsl bei diesem Unfall gerettet hatte, das war selbstverständlich – man brauchte das gar nicht auf die Tafel zu schreiben.

   Während ich diese vielen wunderlichen Inschriften zu entziffern versuchte, hörte ich den Sepp hinter mir sagen: „Was? Der neue Leonhardt! Gelt, der steht jetzt da im Glanz! Ja, der hat halt amal aufgwiesen, was er kann!“

   Der eigentümliche Ton dieser Worte fiel mir auf, doch als ich mich nach dem Jäger umsah, begegnete er meinem forschenden Blick mit einem ernsten Gesicht. Dennoch war es mir, als hätten seine Züge bei allem Ernst den leisen Ausdruck einer heimlichen Verschmitztheit. Er hielt. Er hielt auch meinen Blick nicht allzu lange aus, sondern machte sich mit seiner erloschenen Pfeife zu schaffen, während er mit trödelnden Worten vor sich hinplauderte: „Jiija, da kann ma sehgn, wie’s an Heiligen kränken muaß, wann si d’ Leut gar nimmer um eahn kümmern. Ganz vergessen is er da drin gstanden, neamd hat mehr a Vertrauen zu eahm ghabt, kaum dass no oaner a Vaterunser hat beten mögen, den der Weg da vorbei gführt hat. Aber, no ja, dös hat si halt der Lenhardi auf d’ Läng nimmer gfallen lassen. Und zwoa Jahr mag’s her sein, da is dem Mühlbauer die schönste Kuh verkrankt. In seim Jammer hat der Bauer a Verlöbnis gmacht, wenn eahm nur grad dös liebe Stückl Vieh wieder gsunden möcht, so taat er den Lenhardi neu rennavieren lassen. Hat aa glei ’s Bildstöckl holen lassen und zum Vergolder gschickt. Und was gschiecht? Dö Kuh weard gsund! Und der Bauer? Der war schön zfrieden, hat an den Heiligen weiter nimmer denkt, und ’s Bildstöckli s vergessen beim Maler in der Werkstatt glegen. Natüarli, a so a Behandlung hat sie der heilige Lenhardi net gfallen lassen. Und da hat er sie halt grührt.“

   Je ernster Sepp im Erzählen wurde, desto sengeriger schien mir die Sache. Ich war fest überzeugt, dass die Geschichte auf einen so genannten ‚Aufsitzer’ hinauslaufen würde – hütete mich also, eine Frage zu stellen.

   Mein Sepp steckte die frisch gestopfte Pfeife in Brand und plauderte weiter: „Amal, in der Fruah, weard ’s ganze Dorf rebellisch. Da is d’ Resl vom alten Bichler drunt umanand grennt im ganzen Ort, vom Kaplan zum Lehrer, von oam Haus zum andern. Ja, völli narrisch is dös Madl gwesen. Und überall hat’s verzählt, sie waar in der Nacht da heroben gwesen – i denk mer halt, sö weard a hoamlis Anliegen ghabt haben – ja, und da waar ihr der Lenhardi in leibhaftiger Gstalt erschienen, und a Wachskerzl, wo’s eahm hingstellt hat zu die Füaß, hätt er aufghoben in seine Händ. Natüarli, ’s Madl hat Reu und Leid bet’ vor lauter Schrecken und is davon grumpelt. Aber ’s ganze Dorf hat’s lebendig macht. Und da können S’ Eahna denken, wia is der Mühlbauer jetzt tummelt hat! Über a paar Täg is der neue Lenhardi scho da heroben gstanden. Und was der jetzt für an Ansehgn hat! Von überall kommen d’ Leut zu eahm, und wer von eahm was zum verbitten hat für eahm selber oder fürs Viech, dem hilft er, der Lenhardi. Ja, is scho wahr!“

   Der Jäger nahm den Hut herunter und guckte freundlich zu dem Heiligenbild hinauf. Mit zweifelnden Augen musterte ich sein zwinkerndes Gesicht, rückte ebenfalls den Hut und marschierte weiter.

   „Mir scheint, Sö glauben gar net an dö Gschicht?“, fragte der Sepp, als er mich einholte.

   Ich zuckte die Achseln und lachte.

   Nun brauste er auf: „Was! Ah, dös waar schön! So was net glauben! Aber warten S’ nur, drunt im Ort, da kann i Zeugen aufrufen, so viel wie S’ wollen! Dö Gschicht is wahr! Der Lenhardi hat a Wunder gwirkt, a richtis Wunder! Da kann i Zeugen aufrufen, soviel wie S’ mögen!“

   Und er hielt sein Wort. Als wir drunten im Wirtshaus beim roten Tiroler rasteten, rief er die Kellnerin, dann die Wirtin und schließlich den dicken Wirt herbei, und alle drei erzählten mir nacheinander die Geschichte von der Bichler-Resl und dem Wunder des heiligen Lenhardi so ziemlich in der gleichen Weise.

   „No also? Glauben Sö’s jetzt?“

   Aber gerade die Hartnäckigkeit, mit der mir der Sepp den Glauben an seine Geschichte aufzwingen wollte, ließ mich vermuten, dass irgendein lustiger Streich hinter der Sache steckte, und zwar ein Streich, bei dem der Sepp in eigener Person die Hauptrolle gespielt hatte. Das musste ich herausbringen. Ich stellte mich also nach Möglichkeit überzeugt, merkte an dem blinzelnden Gesicht des Jägers, wie viel Vergnügen ihm mein Glaube machte – und dabei ließ ich eine Flasche um die andere bringen. Als endlich der Wein ein wenig in ihm zu rumoren begann – freilich dauerte das geschlagene fünf Stunden – fing er an, mich um meiner ‚Frömmigkeit’ willen zu hänseln. Und als ich nun gar seinen stichelnden Reden gegenüber mich zum Verteidiger seiner eigenen Geschichte aufwarf, lachte er, dass ihm die Tränen über die braunen Backen kugelten. Dann duckte er den Kopf zwischen die Schultern, rückte näher und puffte mich mit dem Ellbogen in die Seite. „Jetzt passen S’ auf! Jetzt muaß i Eahna was verzählen. Aber da in der Ortschaft, gelt, da dürfen S’ fein nix verraten davon. Dö Leut da heraußen, dö taaten sakrische Köpf hinmachen an mi. Dö taaten mir in der Luft derreißen, wie der Teufel an arme Seel!“

   Und nun ging’s los, mit Wispern und Kichern.

   „Zwei Jahr is her. I waar no koa Jager selbigs Mal. Aber mei’, i hab mer halt diemal gern an Gamsbock druckt. No ja, und da waar i halt amal im Hinterberg droben. Abends auf der Pirsch hab i gmerkt, dass der Förstnersohn net weit is, und so hab i mi halt schön vernünfti einigsetzt in an Grabent hab mi stad ghalten, und wie’s finster worden is, bin i abgschoben. Aber wie’s scho der Teifi will – herunt am Steig merk i auf amal, dass der Jager wieder hinter meiner is. Umkehren hab i nimmer können, vom Verstecken war koa Red, denn rechts hab i ’s Wasser ghabt und links die grade Wand – und weiter hab i mer sagen müassen, wann i davon spring auf dem stoanigen Weg, so muaß er meine Schritt hören und stutzi wearn, der hinter meiner. So hab i mer halt in der Gschwindigkeit die gnagelten Schuach abigrissen und bin in die Barfüaß drauflos marschiert. Wiar i aber ums Eck ummi komm – Sö wissen ja, wo i moan – da hör i an Zwoaten bergaufwärts tappen. Jetzt is schön! Jetzt hock i drin in der Mitt! Aber wie der Blitz geht’s mer durch’n Kopf: Bua, spring da auffi, wo allweil der Lenhardi dringstanden is. An Sprung hab i gmacht, wie a Katz, wann’s den Dackl merkt. Und droben bin i gstanden, hab mein langen Wettermantel überzogen und hab koan Rührer nimmer merken lassen.“

   Schnaubend blies er die Backen auf, stärkte sich durch einen langen Zug und lachte eine Weile vergnüglich vor sich hin.

   „Stockfinster is gwesen. Und da hab i natüarli denkt, dö zwoa, dö marschieren jetzt vorbei an mir, nix Schöners gibt’s ja net! Wiar i aber no so denk, da hör i von unt auffi a Madl fragen: ‚Andredl, bist es Du?’ Und der Förstnersohn ruft herwärts: ‚Ja, Resl, i bin’s scho.’ ’s Madl wieder jammert: ‚Mei’ Gott, Andredl, drei Stund scho wart i drunt auf di, und weil halt gar so lang ausblieben bist, hab i gmoant, i geh d’r a Stückl entgegen.’ Der Andredl aber hat gmoant, dös hätt si jetzt grad recht schön troffen, denn da heroben könnten s’ plauschen mitanand grad gnua. Ja! Und hart vor meine Füaß haben si dö zwoa niedergsetzt auf den alten Betstuhl. Uijegerl! Da hab i a Süßigkeit zum Anhören kriegt, dass mer ’s Wasser schier zammglaufen is zwischen die Zähn. Ja, ja, ’s Abschiednehmen, dös is halt so a Sach! Denn wissen S’, am andern Tag hat er fort müassen zu die Soldaten, der arme Lapp. Auf d’Letzt nacher hat er ihr a silberns Ringl gschenkt. ’s Madl aber fangt auf amal zum Jammern an: ‚Jessas Maria, jetzt hab i’s fallen lassen!’ Guat, hab i mer denkt, wann dö zwoa no a paar Stund da umanand suachen! Mir haben eh scho d’ Füaß zum Zittern angfangt, dass i ’s grade Stehn schier nimmer dermacht hab. A Zeitlang tappen s’ mit die Händ so auf’m Boden hin und her, und auf amal, da sagt der Andredl: ‚Wart, Du, i hab a Kerzl bei mir!’ Und da hat ’r aa scho Feuer gmacht. Und i, natürli, i hab gmoant, mi trifft der Schlag. Und kaum hat der Andredl dös Kerzl anzündt ghabt, so greift ’s Madl scho dernach. ‚Geh’, hat’s gsagt, ‚der Wind könnt’s verlöschen, wart, i stell’s da eini ins Lenhardiwinkerl.’ Und wia si dös Madl jetzt aufrichten tuat, schaut’s a so flüchti in d’Höh an mir und sagt: ‚Jeh, Du, jetzt hat der Mühlbauer den Lenhardi dengerst scho rennavieren lassen!’ Und akrat, als hätt’s koan bessern Platz net gfunden, so pickt mer ’s Madl dös Kerzenstümperl mit’m siedhoaßen Wachs grad mitten auffi auf mein nacketen Fuaß. Aufschreien hätt i mögen vor Wehdam, aber liaber hätt i mer die Zung abbissen, ehvor i an Muckser gmacht hätt. No – dö zwoa, dö suachen am Boden umanand – mir aber fallt a hoaßer Wachstropfen um den andern auf’n Fuaß. I hab scho gmerkt, wie’s mer a nussgroße Blasen aufziahgt in der Haut. Und bald hab i aa ’s Liachtl gspürt, wia’s allwei tiefer und tiefer brennt. Und z’letzt – meiner Seel, i hab’s nimmer ausghalten – und da hab i mir halt in Gottsnam abi buckt, hab ’s Kerzl packt mit der Hand und hab mer denkt: Jetzt blas i’s aus. Da san dö zwoa in d’Höh gfahren wie bsessen, angstärrt haben s’ mir mit aufgrissene Augen, an Schroa und an Gagetzer hab i ghört, und Hand in Hand san s’ in der Finsternis davon grumpelt, dass d’ Steiner grad so gflogen san. I aber hab ’s Kerzl ins Wasser gschmissen, bin abi gsprungen auf’n Steig und bin bergauf, wie wann der ledige Teufel her waar hinter meiner. No ja – und am andern Morgen – da is halt ’s Wunder firti gwesen!“

   Er leerte sein Glas und blitzte mich mit lustigen Augen an.

   „Wissen S’, manchmal hat mi scho ’s Gwissen plagt. Aber no, der heilige Lenhardi kann mer do eigentli net harb sein. Denn so in Ehren, wie seit dö letzten zwoa Jahr, so in Ehren is er no nia net gstanden bei uns in der ganzen Gegend! Da muass er mer do a bissl dankbar sein! Gelt, ja? A Heiliger weard aa sein Ehrgeiz haben! – Net?“

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