Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Fliegender Sommer
            „Goldi-Goldi“
            Der Sonnenstrahl
            Der blinde Passagier
            Blüten des Lebens
            Der Wildbach
            Der Letzte
            Sag’ mir
            Der Herrgottspfänder
            Die Liebe Gottes
            Frierende Blumen
            Die Zitherspieler
            An Bord der „Möwe“
            Die verliebten Brüder
            Neues Leben
            Das Truden-Auge
            Eine Frühlingsnacht
            Wasser...
            Das Hagelwetter
            Eine alte Geschichte
            Der neue Leonhardt
            Kongress im Himmel
            Zahltag Rieschentoni

Wasser…

   Weithin über die ebene Fläche, aus der nur selten ein niederer Hügel sich empor wölbt und ein rötlicher Steinklotz aufragt aus dem gelben Sand, weithin, schier endlos, dehnt sich der Himmel. Kein Lufthauch regt sich, keine Wolke zieht. Eine rote Feuerkugel, steht die Sonne am Zenit. Unter den zuckenden Strahlen, die ausschießen von ihrem lohenden Kern, verschwindet das Blau der Lüfte und wird verwandelt in alle Farben des Feuers. Die Sonne brennt, und der ganze Himmel scheint in Flammen zu stehen. Feuer fließt herunter auf die Erde, und Feuer scheint von der Erde wieder emporzusteigen. Aus dem regungslosen Sand, der leise knistert, quillt ein Zittern und Wogen, ein Zucken und Züngeln, wie von Myriadne farbloser Flammen. Dieses Zucken und Zittern, der siedende Wellentanz des Äthers, ist das einzige, was sich bewegt, was lebt in dieser toten Stille.

   So weit die Augen reichen, kein grünes Blatt, kein Strauch, kein Baum. Nur Sand, glühender Sand. Kein Falter gaukelt über den Grund, um die einsamen Steine pispert kein Laut und flattert kein Vogel. Tot die Lüfte, ohne Leben die Erde. Und dennoch musste eine Stunde gewesen sein, in der das Leben wandelte an dieser Stätte, nur wandelte, um hier seinen Weg zu enden in Graus und Qualen. Auf einer Felsplatte, die gleich einer hohen Stufe sich emporhebt aus der öden Fläche, liegt, vom Sand schon halb verweht, ein Haufen bleichender Gebeine. War es ein Tier, das hier verröchelte? War es ein Mensch, der mit letzter Kraft noch diesen Fels erkletterte, um dürstend auszublicken nach Rettung und Hilfe? Oder ist diese Stätte das Reich des Todes? Hat der Tod diesen Fels zu seinem Thron erkoren, darauf er sitzt und herrscht, eine Feuerkrone auf dem kahlen Schädel, ein Flammenschwert in der knöchernen Faust, die bleichen Glieder halb eingehüllt in das gelbe Leichentuch der Wüste? Er sitzt und starrt mit leeren Augenhöhlen und wartet seines Opfers.

   Fern am Horizont der Wüste, wo der brennende Sand und der flammende Himmel verschwimmen zu einem einzigen Glutmeer, taucht etwas Silberweißes auf. es scheint an der Erde zu kleben, scheint zu kriechen. Es nähert sich und wächst, es wird zu einem Wesen mit bewegten Gliedern. Inmitten der Wüste wandert ein Mensch. Seine Hand führt einen Stab, ein weißer Mantel umhüllt die Schultern und schützt den Scheitel vor der Glut der Sonne. Keuchend, wankenden Ganges, schreitet er durch den heißen Sand, in dem seine Füße versinken bis über die Knöchel. Manchmal hält er inne und hebt die Stirn. Aus den Falten des weißen Mantels blickt ein Gesicht hervor, blich, zerfallen und abgezehrt, mit welken Lippen und fiebernden Augen. Seine Blicke irren ins endlos Leere. Wo ist der Weg, den er gehen soll? Wo liegt das Ziel, nach dem er sich sehnt? Vor ihm kein Pfad und keine Straße. Nur Sand, endloser glühender Sand. Doch weiter, immer weiter! Hinter ihm legt der Tod und das Grauen. Kaum wagt er den Blick zurückzuwenden nach jener Ferne, in der die ersten seiner Knechte verschmachtend niedersanken. Einer um den anderen fiel. Er sah das Leben erlöschen in ihren Augen und konnte nicht retten, nicht helfen. Es fiel das Tier, das ihn getragen. Das warme Blut, das er in Gier und Ekel schlürfte, löschte nicht seinen glühenden Durst, mehrte nur den Brand in seinen Eingeweiden. Nun ist er verlassen, auf sich allein gestellt. Nein, nicht allein. Schritt um Schritt geleitet ihn ein stahlblaues Gespenst. Wohin er sich wendet, es wandert an seiner Seite. Wohin er blickt, es fällt ihm in die Augen. Wenn er die Augen schließt, verschwindet es; öffnet er sie, so kriecht es wieder neben ihm her. Sein Schatten? Oder ein stahlblauer Schakal, der in Hunger wartet?

   Er taumelt weiter, weiter, bis seine letzte Kraft verrinnt wie ein Tropfen im Sand. Die Sprache ist ihm längst erloschen. Wer sollte in dieser toten Öde seinen Hilfeschrei vernehmen? Nur stumm bewegen sich seine welken Lippen, als sprächen sie immer das gleiche Wort. Es wird nicht laut, obwohl er es aufzuschreien glaubt aus verzweifelter Seele: „Wasser!“

   Dort – eine Stelle für kurze Rast! Er wankt dem Felsen entgegen, der sich schräg aus dem Sand hervor schiebt. In dem spärlichen Schatten will er ruhen. Da fällt sein Blick auf die bleichen Gebeine, die still vor seinen Augen liegen und doch eine grauenvolle Sprache reden. Er möchte sich wenden, möchte fliehen. Ihm fehlt die Kraft, seufzend bricht er zu Boden, seien Glieder versinken im heißen Sand, und an den Fels gelehnt, zerrt er mit langsamer Hand den weißen Mantel über das Gesicht.

   Die Sonne glüht, es zittern alle Lüfte, und leise rinnen die Stunden dahin über en regungslosen Schläfer. Kein Zucken mehr in seinen Gliedern. Aber noch schlägt sein herz, noch träufelt das Blut in seinen Adern, noch im Erlöschen spinnen seine Gedanken ein schimmerndes Netz, und seine Träume leben und suchen.

   Vor seiner Seele wuchert ein prangendes Grün empor, aus allem Grund hebt sich das schwankende Gras, dieser Teppich Gottes. Mit schlanken Stämmen wiegen sich die Palmen, und ein kühler Windhauch bewegt ihre grünen Fächer, damit ihr Schatten wandere von Platz zu Platz. Durch das leise Rauschen der Blätter quillt ein Laut, wie das feine Läuten einer silbernen Glocke: Die Murmelstimme einer Quelle. Der Träumer hört sie, aus seiner Freude fließt es wie neue Kraft durch seine Glieder, mit schlürfenden Lippen richtet er sich auf, mit sehnenden Augen sucht er. Weiß und schimmernd blinkt ihm ein Wasserspiegel entgegen, von grünen Flechten umrankt, von Tautropfen umfunkelt. Mit zitternden Händen reißt der Träumer das Gewand von seinem Leib. Nicht trinken nur, er will zugleich genießen mit Mund und Gliedern, zugleich den verzehrenden Durst seiner Kehle stillen, den glühenden Brand seines Körpers löschen. Schon das Vorgefühl ist Wonne, Seligkeit ist der Gedanke: Wie der gierige Fuß hinuntertaucht in die kristallene Welle, wie die kalten Tropfen aufwärts sprühen über die erschauernden Glieder, wie die erfrischende Kühle jede Fiber umschmeichelt und jeden Nerv belebt. Es ist ein Rausch, zu träumen: Wie das Kühle höher und höher steigt, bis an die Brust, bis ins Herz, bis in die Seele, wie die Arme das plätschernde Wasser umschlingen, als wäre jeder Tropfen eine Perle von unermesslichem Wert, und wie die sehnsüchtigen Lippen sich neigen, wie sie schlürfen und saugen.

   Rauschend und klingend beginnt die leuchtende Wasserscheibe sich zu dehnen. Sie wächst, sie verwandelt sich in einen rinnenden Bach, in einen schäumenden Strom, in einen flutenden See. Unermesslich sind seine Ufer gezogen, und in rollenden Wogen wälzen sich seine Wasser. Aus jeder Welle steigt es in feinen Dünsten. Sie kräuseln sich empor und sättigen die Lüfte. Sie spinnen sich aus zu langen, breiten Schleiern, verhüllen den Himmel und seine Sonne, ballen sich zu schwerem, finsterem Gewölk und ziehen näher, näher, näher.

   Dürstend breitet die Seele des unbeweglichen Träumers ihrem Flug die Arme entgegen und verwünscht den lahmen Sturmwind, der sie treibt. Immer näher kommen sie und füllen schon den ganzen Himmel zu seinem Haupt. Ein Rauschen in den Lüften. Ein Tropfen fällt, der erste. Tausend andere folgen, es rieselt herunter wie zarter Staub, dann stürzt es aus den Wolken mit Gießen und Strömen. In jauchzender Freude steht der Träumende, jede Perle sucht er aufzufangen, er fühlt das Fallen der Tropfen auf seinen Händen und Armen, auf seiner Brust, auf seiner Stirne. Doch keine Kühlung, keine Nässe. „Wasser, Wasser!“, schreit er mit gellender Stimme. Er schlürft und saugt, was seine Lippen trifft, er fühlt das Rinnen der Tropfen in seiner Kehle, doch keine Stillung seines glühenden Durstes, kein Versiegen des Feuers, das in ihm brennt. Er sieht, wie der Regen sich wandelt zu stürzender Flut. Er fühlt, dass es herfällt über seinen Körper wie aus tausend Eimern. Es rauscht und gurgelt um seien Füße, es schwillt und steigt, die ganze Wüste ist verwandelt in ein Meer mit donnernden Wogen, die sich türmen und überschlagen, und immer noch schreit der Träumende in seiner Gier, in der Unersättlichkeit seines Durstes: „Wasser – Wasser –“

   Die Wogen rauschen und fluten, sie heben ihn empor und tragen ihn, eine Welle wirft ihn der anderen zu. Auf den lebenden Wassern gleitet er ins Endlose, ins Unermessliche. Sein Traum geht unter in Fluten und Braus. In seinen ringenden Gliedern ist es wie sanfte Ruhe. Seine Lippen stehen offen, und alle Wasser ergießen sich, rauschend und unaufhaltsam, ins eine schmachtende Seele. Sie bringen ihm das Ende, er fühlt es kommen. Doch er trinkt und trinkt, mit jedem Zug fühlt er den Brand erlöschen und den Durst versiegen, der ihn gemartert. Dieses trinkende Sterben ist ihm Wonne, dieser Tod ist Wollust.

   Die Sonne wandert.

   Mit glühender Röte taucht sie hinunter in den Dunst der Ferne. Über die Wüste schreitet die schwüle Nacht einher. Sie trägt einen stahlblauen Mantel. Die Sterne blitzen auf, und schleichend sucht der Schakal seinen Weg und seine Beute.

   Die Sonne wandert.

   Sie steigt empor über waldige Berge, über schneebedeckte Felsenhäupter, sendet den jungen Morgen voraus zu einem grau verschleierten Land und sieht den Traum der Wüste verwandelt in schreckensvolle Wahrheit.

   Aus drängenden Wolken flutet der Regen, seit Tagen und Wochen schon. Von allen Bergen strömt es nieder in die Täler, jedes Wehr und jede Mauer sinkt vor dem tosenden Wildbach, die Flüsse sammeln sich im brausenden Strom, der alle Dämme bricht und alle Ufer überflutet. Nach allen Seiten senden die Wasser ihre schlammigen Polypenarme. Sie jagen das Wild aus Wald und Dickung, verheeren die Flur und jede Saat. Jeden Baum umgurgeln die Wellen, aufgreifend bis zu den Ästen, und um bedrohte Häuser führen die Menschen, Hab und Gut verlassend, um das nackte Leben zu retten. In den Zweigen der Bäume suchen sie Zuflucht, auf den Dächern der wankenden Häuser, in Verzweiflung ausspähend, ob nicht der rettende Kahn erscheine.

   Die Wasser wachsen und steigen. Tobend ziehen sie ihres Weges, hier eine Brücke brechend, dort ein Haus verschlingend mit allem, was es barg an Gut und Leben. Sie verschlingen den Mutlosen, der um Hilfe schreit, und verschlingen den Mutigen, der sie Hilfe bringen will.

   Und wenn die Opfer sinken, erstickt von den alles umschlingenden Armen des Wassers? Wenn ihr letzter Schrei erlosch im Orgeldröhnen der Wellen? Und wenn im letzten Seufzer vor ihren brechenden Augen noch ein Bild emporsteigt wie ein Traum des Erquickens? Was ist es, wovon sie träumen? Ein sonniger Himmel ohne Wolken? Ein Land, das keinen Regen kennt? Die Wüste ohne Wasser?

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.