Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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Die verliebten Brüder

   Starke, tief wirkende Eindrücke, die durch Jahre hindurch in unserem Gedächtnis hafteten mit festen Angeln, verschwinden uns plötzlich aus der Erinnerung, um nach langem Schlummer ohne sichtliche oder fühlbare Ursache in verschärfter Klarheit wieder zu erwachen.

   Das gleicht einem Phänomen, das wir in den Bergen an einem trüben, regnerischen Tag gewahren können. Der Morgen war schön. Ohne Übergang ist der Himmel plötzlich mit Wolken bezogen. Die grauen Schleier senken sich und verhüllen alle Höhen. Ein dünner Regen rieselt Stunde um Stunde, Dunst und Nebel füllen die Täler, und in dem trüben Bild scheinen alle Linien verschwommen, alle Farben verwaschen. Erst mit Anbruch der Dämmerung versiegen die fallenden Tropfen. aufatmend treten wir ins Freie. Ein würziger Dunst entsteigt der feuchten Erde, ein frischer Lufthauch fächelt um unsere Stirn. Das Auge sucht den verschlossenen Himmel. Und da vollzieht sich ein Wunder. Es spaltet sich, wie von mächtiger Geisterhand entzwei gerissen, das drängende Gewölk. Offen liegt vor unserem Blick die Höhe eines Berges, übergossen vom leuchtenden Glanz der schon unsichtbar gewordenen Sonne. Das ist eine Helle, so rein, so scharf und klar, wie sie uns kein Tag noch zeigte. Lange Stunden hättest du zu steigen bis dort hinauf. Dennoch erscheint dir alles so nah, wie mit Händen zu greifen. Kraftvoll leuchten alle Farben. Jeder Baum, jeder Fels, jede Almhütte scheint mit feinen, silber glänzenden Strichen umrissen. Und im Grün der Matten glaubst du jedes einzelne Blättchen, jeden Grashalm scharf zu unterscheiden. Über alles ist ein unbeschreiblicher Himmel gespannt, von rätselhaftem Schein übersponnen, von stahlblauem Schimmer in seiner Tiefe. Und weit – dir schwindelt fast vor dem Gefühl dieser Ferne – taucht mit zitterndem Gefunkel der erste Stern hervor aus der Unendlichkeit.

   In solcher Klarheit und Helle taucht, nach langem Schlummer, ein vergessenes Bild hervor aus meiner Erinnerung.

   Ich sehe einen engen, unfreundlichen, dumpfen Saal. Durch die trüben Scheiben der hohen Fenster quillt das matte Licht eines grauen Wintertages. Eine hölzerne Schranke teilt den Raum in zwei Hälften; in der einen sitzen auf langen Holzbänken die Zuschauer mit unruhigem Gewisper, in der anderen stehen die Geschworenen in leise plaudernden Gruppen umher. Überall Bewegung. Nur ein einziger sitzt regungslos, wie aus Stein gemeißelt. Der Angeklagte Anton Mitterauer. Ein junger Bursch von fünfundzwanzig Jahren, in ländlicher Tracht. Aus der gebrochenen Gestalt errät kein Auge mehr den schmucken, sehnig gewachsenen Burschen von einst, strotzend von Kraft und Lebensfrische. Er hält die Hände im Schoß verschlungen, mit stiller Ergebung. In glatten Strähnen hängt das lichtbraune Haar über Stirn und Schläfen des geneigten Kopfes. Das Gesicht ist erdfahl, zerstört von Schmerz; aber nicht abstoßend wirkt dieses Gesicht, es weckt Erbarmen; um die farblosen Lippen spielt ein ruhiges Lächeln, und die feuchten, tiefblauen Augen leuchten wie der Blick eines Träumers. Was mag er träumen und sinnen? Es kann nicht Freiheit und Erlösung sein, wovon er träumt. Dieses Lächeln begann auf seinen Lippen, dieses sehnsüchtige Träumen erwachte in seinen Augen, als die Geschworenen ihren Spruch verkündeten: Schuldig des Mordes!

   Nun öffnet sich eine Tür. Die Richter treten ein. Tiefe Stille im Saal. Langsam hebt sich der Angeklagte von der Bank. Eine fliegende Röte huscht über sein bleiches Gesicht, und seine Augen glänzen, als hätte er eine frohe Botschaft zu vernehmen. Der Vorsitzende des Gerichtes beginnt zu sprechen. Mit einförmiger Stimme verliest er das Urteil. Es lautet auf mehrjährige Kerkerstrafe. Da bricht von den Lippen des Angeklagten ein rauer Schrei. Einige Sekunden steht er, zitternd am ganzen Leib. Dann stürzt er dem Richtertisch entgegen, wirft sich wie ein Betender auf die Knie, streckt die Arme und bettelt: „Leben soll i? Leben? I? Und leben? Jesus, ihr guten Leut, dös hab i net verdeant! So ebbes Harts! I bring ’s Lebendibleiben net ferti! Lassts mi sterben! Um Christi Leiden und Bluat, i tu enk bitten, vergunnts mer dös Oanzige und lassts mi sterben!“

   Einen Augenblick war atemloses Schweigen. Dann ein Aufruhr im ganzen Saal. Zwei Gerichtsdiener fassten den Angeklagten bei den Armen und rissen ihn empor, um ihn fortzuführen. Sie hatten mit ihm die Türe noch nicht erreicht, da brach er ohnmächtig zusammen.

*                *
*

   Außerhalb des Dorfes, einsam am Rand des dunklen, rauschenden Fichtenwaldes, stand das kleine Haus der beiden Brüder. Sie waren noch Knaben, als sie den Vater verloren, den bei der Holzarbeit eine stürzende Tanne erschlug. Von dieser Zeit an kränkelte auch die Mutter. In aller Not und Mühsal fand sie einen stützenden Trost in der Liebe ihrer Buben, die, der Schule noch kaum entwachsen, mit junger Kraft und mit rastlosem Fleiß der Mutter das Nötigste zum Leben erkämpfen halfen.

   Wieder, nach hartem Winter, ging es dem Frühjahr zu. Da wurde es mit der Kranken schlimmer von Tag zu Tag. Es war ein lauer Frühlingsabend, an dem sie für immer die Augen schloss. Draußen im Garten zwitscherten die Stare und schlugen die Drosseln. In der stillen Kammer, mit verschlungenen Händen, saßen die verwaisten Brüder auf dem Totenbett der Mutter.

Zwei Tage später, als sie vom Friedhof heimkehrten in ihr Haus und die Stube betraten, in der man noch den Wachsgeruch und den Weihrauch spürte, fasste Jörg die Hände des Jüngeren und sagte: „Gelt, Toni? Dös soll umsonst net ’s letzte Wörtl von der Mutter gwesen sein: Tuts zammhalten.“

   „Ja, Jörgl! Fest!“

   Sie saßen auf der Bank, bis Toni sagte: „Aufputzen müssen mer!“ Sie öffneten die Fenster, holten das Wasserschaff und fegten Kammer und Stube. Auch das hatte die Mutter noch so haben wollen: „Tuts mer allwei schö sauber halten, gelt! Dass i min et schenieren muss, da drüben!“

   Als die Arbeit getan war – Jörgl sagte: „Unser Mutter, moan i, taat zfrieden sein!“ – rückten sie hinter den Tisch und hörten nicht, wie draußen der Abendwind durch die Tannen rauschte. Ohne dass sie es merkten, fiel der Schlaf auf ihre heißen, schmerzmüden Augen. Jörg lehnte im Herrgottswinkel, Tonis Kopf lag an der Brust des Bruders. So schliefen sie bis zum Morgen.

   Gegen Mittag kam der Pfarrer. Er wollte für die verwaisten Buben sorgen, wollte en Jörg beim Schlosser, den Toni beim Schreiner als Lehrling unterbringen. Hartnäckig widersetzten sich die Brüder diesem Ansinnen. Um alles in der Welt hätte sich einer vom anderen nicht getrennt. Jörg war fünfzehn, Toni erst vierzehn Jahre alt. Aber sie hatten gesunde Arme, waren an Fleiß und Arbeit gewöhnt. a meinten sie, ihr Auskommen in der Welt auch allein zu finden. Ein freundlicher Zufall wolle, dass ein Bauer, der eine große Herde zur Alm schickte, zwei Hüterbuben suchte. In Jörg und Toni fand er, was er brauchte. Nun kam für die Brüder ein schöner, tröstender Sommer, hoch droben im Bergrevier. Vom Rand der ewigen Schneefelder rauschten die Geißbäche zur Tiefe, unter steilen Wänden knatterten durch Tag und Nacht die fallenden Steine, auf überhängenden Felsen hob das Edelweiß seine Sterne aus dem Wildgras, die Almglocken läuteten und die Jodler klangen von Hütte zu Hütte.

   Als die Heimfahrt und der Winter kam, schlossen die zwei Buben ihr versperrtes Haus wieder auf, suchten durch Korbflechten und Schindelschneiden ein paar Kreuzer zu verdienen und zehrten, soweit der neue Verdienst nicht reichte, von den Ersparnissen des Sommers.

   In gleicher Weise verging ein zweites und drittes Jahr. Dann glaubten sie sich alt und stark genug, um in der Laufbahn des Dorflebens einen Ruck nach aufwärts zu machen. Sie wurden Holzknechte. Woche um Woche, vom Montagmorgen bis zum Samstagabend hausten sie im Wald bei ihrem schweren Handwerk. Nach der arbeitsvollen Woche kam die heitere Sonntagsruhe drunten in ihrem Haus. Am Morgen gingen sie zur Kirche, nach dem Hochamt wieder heim, zu ihrem Sonntagsbraten. Am Abend schlenderten sie wieder ins Dorf, um einen frischen Trunk zu suchen, und wenn sie nach ein paar lustigen Stunden heim wanderten, sangen sie ihre zweistimmigen Lieder in die Nacht hinaus.

   Nie hörte man von einem Streit zwischen ihnen. Keiner machte einen Schritt ohne den andern, keiner tat, was dem anderen nicht gefiel. So hielten sie fest zusammen, wie sie es der Mutter versprochen hatten. Bei allen Leuten im Dorf waren sie gut gelitten, und es war im freundlichsten Sinn gemeint, wenn man sie nicht anders nannte als die ‚verliebten Brüder’.

   Während der lustigen Wirtshausstunden gab es auch kleine Neckereien. Lachend stritt man darüber, wie es werden möchte, wenn einer der Brüder einmal sein Herz an ein rundes Mädel verlöre? Ob da der andere wohl eifersüchtig würde? Ob er sein ‚Heimatl’ verlassen und Platz machen müsste für das junge Paar? Oder ob er trotz der Schwägerin mit dem Bruder in Eintracht weiter hausen würde unter dem gleichen Dach? Einmal geschah es auch, dass einer sagte: „Gebts Obacht, dö heireten amal oane mitanand, dass koaner vom andern net lassen muss! Da weard nacher ’s Busselgeben eintoalt auf die graden und ungraden Täg.“

   Die Brüder lachten. Sie konnten lachen. Noch war keine Gefahr in Sicht, die störend hätte eingreifen können in ihr Zusammenhalten.

   So vergingen zwei weitere Jahre. Jörg war in die Zwanzig hineingewachsen, und es kam die Zeit, an die sie schon lang mit Sorge dachten – die Zeit der Trennung. Jörg musste Soldat werden. Es war für die beiden ein trauriger Morgen, an dem der Toni den Bruder zur Bahn begleitete. Ihre Hände wollten kaum auseinander. Als der Zug davon dampfte, stand der Toni wie ein Bildstöckl und sah ihm nach, bis fern das letzte Dampfwölkchen der Lokomotive in Luft zerflossen war.

   Die nächsten Monate ging Toni umher wie ein Verlorener, verdrießlich und verschlossen. Die Arbeit der Woche machte ihm keine Freude, der Sonntag brachte ihm keine Ruhe. Die unerträgliche Einsamkeit bedrückte ihm das Herz. Es trieb ihn öfter ins Dorf, und so geschah es nun eines Sonntags, dass er zum ersten Mal ein junges Mädel sah, das, aus einem anderen Dorf gebürtig, beim Almbauer in Dienst getreten war. Der erste Blick in diese braunen, munteren Augen – und Toni wusste, wie es stand um ihn. Das Lenei! Oder keine! Umso heißer wurzelte sich die Liebe fest in ihm, je mehr sein Herz in diesen Wochen sich vereinsamt fühlte. Und wie hätte er nicht hoffen sollen, da er liebte? Bei dieser stillen Rechnung unterbrach ihn der Tag, der auch ihn zum Regiment berief. Die ganze letzte, lange Nacht verbrachte er von Leneis kleinem Fenster und fand den Mut nicht, an die dunkle Scheibe zu pochen. Als der Morgen zu grauen begann, wanderte er davon mit doppelt schwerem Herzen – war ihm doch auch der Trost versagt, mit dem Bruder in der gleichen Stadt zu dienen.

   Zwei schwere Jahre folgten für ihn, geteilte Sehnsucht im Herzen. Wohl schrieben sich die Brüder zuweilen, doch in ihren schweren, schwieligen Fäusten war die Feder ein ungefüges Ding, das nicht fassen wollte, was sie dem weißen Blättl gerne anvertraut hätten. So kamen ihre Briefe nicht über ein halbes Dutzend kindlicher Sätze hinaus: „Mir gets gutt, wie gets den dir, hohfentlich auch gutt und bist auch xund und das ich dich bald widder siech und gries dich dausendmahl, dein lüber Brudder.“

   Je härter es dem Toni mit dem Schreiben ging, desto leichter ging es ihm mit dem Denken. Er tat seinen Dienst wie ein Körper ohne Seele. Die war bei seinem Bruder Jörg und daheim bei der Lenei. Und je länger die Trennung währte, desto tiefere Wurzeln schlug dieses träumende Gefühl in seinem Herzen. Der Gedanke, was der Bruder dazu sagen würde, brachte ihm bange Stunden. Aber der Jörg, der ihn so lieb hatte, würde dem Glück des Bruders sicher nicht im Wege stehen! Und als gegen Ablauf des zweiten Jahres ein Brief von Jörg kam, in dem er dem Bruder seine Rückkehr in die Heimat meldete, gab es für den Toni Strafen über Strafen, weil er sein Köpfl gar nicht mehr bei der Sache hatte und allzu häufig das „Linksum!“ mit dem „Kehrt!“ verwechselte. In einem der Briefe, die Jörg aus der Heimat schrieb, stand ein Satz, der dem Toni das Blut zum Sieden brachte: „Weist schon, das beim Almpauer ein neuche Dirn eintingt is und Lenei heißt, isst ein sauberes brafs Madl.“

   In der Antwort auf diesen Brief brachte es Ton i über diesen Gegenstand nur zu den Worten: „Di Lenei kenn ich schon und Duh mirs recht freindlich grißen und wies ihr get?“ Und in dem Brief des Bruders hieß es dann wieder: „Der Lenei gets gutt und sie last dich schön griessen.“

   Was brauchte Toni der Worte mehr! Er war voll Seligkeit darüber, dass die Geliebte vor dem Auge des Bruders gut bestanden. So begrüßte er mit doppelter Freude den Tag, der auch ihn erlöste und der Heimat wiedergab. In schmunzelnden Träumen verbrachte er die Stunden der Bahnfahrt. Spät am Abend war es, als er den Zug verließ und durch die sinkende Dämmerung heim wanderte zu seinem Dorf. Sehnsucht und gläubige Bilder kürzten ihm den stundenlangen Weg. Aus dem finsteren Wald scholl der Wimmerschrei eines Käuzls, neben der Straße gurgelte ein hurtig fließender Bach, und zwischen ziehenden Wolken glänzte der Mond herunter auf den weiß bestaubten Pfad.

   Gegen zwei Uhr morgens erreichte Toni das heimatliche Dorf, das er auf dem Weg zu seinem Haus durchschreiten musste. Alle Fenster waren dunkel, alles schlief. Nur die Hunde schlugen an, wenn er vorüberging. Jetzt zweigte von der Straße ein schmaler Weg sich ab, der hinaufführte zum Gehöft des Almbauern. Ein mächtiges Dach lugte aus finsteren Bäumen. Toni zögerte. Gradaus führte der Weg, den er zu gehen hatte – aber gewaltsam zog es ihn fort von seiner Straße. Hurtig schwang er sich über einen Zaun, und lautlos, mit pochendem Herzen, schlich er den Garten entlang, in dem das ausgebreitete Heu einen süßen Duft in die Nachtstille hauchte.

   Es war finster, eine schwere Wolke hatte sich über den Mond gelegt. Aber auch mit blinden Augen hätte Toni den Weg gefunden, den er gegangen war in jener letzten Nacht. Dort stand das Haus. Noch einen Schritt um die Ecke. Dann musste er das kleine Fenster sehen. Nun tat er den Schritt. Und da jagte über seinen Nacken ein kalter Schauer, und aus dem Herzen schoss ihm etwas Glühendes in den Kopf. Wie glühende Flut. Dort drüben, am offenen Fenster, in zärtlichem Gewisper, stand ein langer Bursch. Zwei nackte Arme lagen um seinen hals geschlungen.

   Toni wankte. Um einen Halt zu suchen, griff er nach dem Zaun. Unter dem Druck seines taumelnden Körpers löste sich knirschend der lockere Pfahl und blieb ihm in der zuckenden Hand. Die beiden am Fenster hörten was. „Jesus!“, zischelte die Stimme des Mädels. „Geh, Bua, geh weiter!“ Ein Kuss, das sachte Klirren eines Fensters. Nun kam der andere in langen Sprüngen gegen den Zaun herüber.

   Vor Tonis Augen war’s wie Feuer und Nacht, wie ein siedender Wirbel in seinem Kopf. Und da kam der andere an ihm vorübergehuscht, der Dieb seiner Liebe, der Räuber seines Glückes. Dem Toni zuckte der Arm in die Höhe. Mit dumpfem Schlag fiel der Pfahl auf den Scheitel des anderen. Der stürzte lautlos zu Boden. Kein Seufzer, kein Stöhnen. Rücklings lag er auf der Erde, mit den schlaffen Armen im Heu. Toni stand wie versteinert. Dann fasste ihn das Grauen vor seiner willenlosen Tat. Aus seinen zitternden Fingern fiel der Pfahl zur Erde, die ziehenden Wolken gaben das Mondlicht frei. Mit weißem, Blut überronnenem Gesicht lag sein Bruder Jörg vor ihm.

   Ein gellender Schrei. Und bewusstlos fiel der Toni über den Toten hin.

   So fand man die beiden. Den Toni lieferten sie ins Gericht; den Jörg begruben sie. Und ein junges Mädel wurde verrückt.

*                *
*

   So ist es gekommen. Was an Jammer, an Verzweiflung und gedankenloser Stumpfheit zwischen dieser Nacht und jenem Tag lag, an dem ich den Anton Mitterauer vor seinen Richtern sah – wer will es nachfühlen, wer will es schildern?

   Mir ist aus dem Verhör des Angeklagten ein Wort in Erinnerung geblieben.

   Der Richter, ein bisschen empört und ein bisschen hilflos, sagte: „Um Gottes willen! Man schlägt doch nicht gleich mit dem Prügel zu! Man sieht doch zuerst einem Menschen ins Gesicht!“

   Der Toni schien das nicht zu verstehen. Erst nach einer Weile antwortete er: „So so?“ Er nickte vor sich hin und fuhr sich langsam mit der schweren Hand über den Scheitel. „Ja, is scho wahr! Jetzt hab i ebbes glearnt.“ Was Wirres und Irres kam in seinen Blick. Zum Richter aufschauend, keuchte er: „I bin net dabeigwesen, i hab’s net toan.“

   Der Richter wurde unwillig. „Reden Sie doch jetzt, nach Ihrem unumwundenen Geständnis, nicht so ungereimtes Zeug! Wer, außer Ihnen, soll es denn getan haben?“

   Die Augen des Anton Mitterauer wurden groß und waren wie die Augen eines sterbenden Tieres. So sagte er leise: „D’ Nacht, moan i halt. Dö hat’s toan!“

   Er tat einen tiefen Atemzug. „Bal d’ Sunn scheint, san d’ Leut allwei, wie s’ sein müssen.“ Seine Hand griff ins Leere.

   In dem schweren Schweigen, das nach diesen Worten den Saal erfüllte, sagte der Vorsitzende zum Gerichtsdiener: „Geben Sie dem Mann einen Sessel!“

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