Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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An Bord der „Möwe“

   Dünner Schnee rieselte aus dem grauen Himmel, und ein schneidender Wind fuhr um die Häuserecken und durch die Gassen. Das hinderte mich nicht, mit schauenden Augen in den Straßen umherzubummeln. Sah ich doch die gewaltige Hafenstadt zum ersten Mal. Alle historischen und literarischen Reminiszenzen, die sich an die Mauern Hamburgs knüpfen, kamen mir in Erinnerung, während ich die Alster-Arkaden durchwandelte und auf dem von Heinrich Heine so verfänglich gerühmten Jungfernstieg den Ausblick über das von weißem Eis verschlossene Alsterbassin genoss. An alles andere dachte ich eher, als an die geschäftigen Gegenwartsmenschen, die an mir vorüber schossen. So war ich doppelt überrascht, als eine schwere Hand sich auf meine Schulter legte. Ich sah vor mir eine stämmige, von Kraft und Gesundheit strotzende Gestalt in etwas nachlässiger Kleidung, ein sonnverbranntes Gesicht mit lichtbraunem Vollbart und zwei klugen, klaren Augen, die mir freundlich entgegenblickten. Lachend nannte der Mann meinen Namen, und als er meine hilflose Verlegenheit gewahrte, rief er: „Aber Jung? Kennst Du mich denn nimmer? Mich? Den Christl Baumann?“

   Wo hatte ich meine Augen gehabt? Dieses Lachen, diesen Blick nicht wieder zu erkennen! Freilich, zwanzig Jahre lagen dazwischen, seit wir auf der Schulbank Seite an Seite gesessen. Wir waren unzertrennlich gewesen, damals. Der Kitt unserer Freundschaft war allerdings nicht die Liebe zur Wissenschaft. Was uns zusammenhielt, war der gleiche, leidenschaftliche Hang zu Streichen und Abenteuern, die Lust zu freiem Streifen in Wald und Feld, der ungezügelte Eifer für alles, was mit Sport und Natur Zusammenhang besaß. Jeder von uns beiden hatte seinen Helden, der mit der Inbrunst eines begeisterten Knabenherzens verehrt und vergöttert wurde. Mein Held war Coopers „Pfadfinder“ mit dem niemals fehlenden Rifle, Christls Held eine phantastische Vermischung von Robinson, dem weltberühmten Einsiedler, und Nelsen, dem Sieger von Trafalgar. Welch merkwürdige Blüten diese Freundschaft trieb, das lässt sich denken. Eines Tages, als wir im Karpfenteich auf einer von Weidengestrüpp überwucherten Insel biwakierten, fassten wir den Plan, miteinander nach Hamburg durchzubrennen und als Schiffsjungen auf einem Amerikafahrer Dienste zu nehmen. Christl war in der glücklichen Lage, aus seiner Sparbüchse das Reisegeld für uns beide requirieren zu können. Der Plan wurde genau besprochen und sollte am nächsten schulfreien Nachmittag ausgeführt werden. Alles war bereit, alles schien zu glücken. Im letzten Augenblick aber störte eine kleine Ursache die große Schicksalswendung meines Lebens. Um vier Uhr sollte der Zug nach Hamburg abgehen. Nach einer ausgiebigen Mahlzeit hatte ich mich, um mich für die aufregungsvolle Nachtfahrt zu stärken, für eine Stunde schlafen gelegt. Und als ich erwachte, knapp noch zu rechter Zeit, erfuhr ich z meinem Entsetzen, dass meine gute Mutter den schulfreien Nachmittag benützt hatte, um meine Bukskinhose dem Schneider zur Reparatur zu schicken. Adieu, du schönes Meer, adieu, du freies Amerika mit deinem wildreichen Urwald!

   Ohne jene geplatzte Hosennaht wär ich heute wohl Kapitän auf einem braven Schiff oder – wer weiß – vielleicht ein stiller Inwohner des tiefsten Meeres. Und Christl Baumann? Als ich anderen Tages mit geflicktem Hosenboden und zerrissenem Herzen in die Schule kam, empfing mich die Nachricht, dass Christl Baumann verschwunden wäre. Er hatte die Schiffe hinter sich verbrannt, er konnte nicht mehr zurück, sie es aus Stolz, sei es aus Furcht vor Schlägen. So war er allein in die blaue Weite gezogen, wohl mit einem Fluch auf den treulosen Kameraden.

   Und jetzt, nach zwanzig Jahren, standen wir uns wieder gegenüber, Hand in Hand, er als wohlbestallter erster Offizier auf dem Schnelldampfer „Möwe“, ich als sorgenvoller Autor, der einer Premiere im Hamburger Stadttheater entgegenbangte. Straße um Straße durchwanderten wir Arm in Arm, und in sprudelndem Geplauder wurde die Vergangenheit rekapituliert.

   „Jung, wir müssen den Abend zusammen verbringen! Ich habe wohl Dienst. Aber komm nur mit mir an Bord! Du sollst bei mir ein Leben haben wie Gott in Frankreich.“

   Ich schlug ein, und Christl rief eine Droschke, die uns zur Gasanstalt, an das Ufer der Elbe brachte. Eine drängende, schreiende Menge füllte den Landeplatz. Es waren Auswanderer, die für Amerika eingeschifft wurden, zumeist Süddeutsche und Österreicher. Hier der lange Flügelrock des Schwaben, dort der kurze Flaus oder der weiße Lodenmantel des Böhmen und Kroaten. Männer, Weiber und Kinder durcheinander, mit blichen, abgespannten Zügen und fieberhaften Augen. Dazwischen Karren und kleine Wagen mit armseliger Habe, mit alten Truhen und neuen blinkenden Blechgeschirren. Alles zusammen ein erschütterndes Bild jener Tragödie, die sich „der Kampf ums Dasein“ nennt, ein Bild jener sündhaften und ungetreuen Torheit, die den Staub der Heimat von den Füßen schüttelt und in der Fremde den goldenen Weg vermutet.

   Wir bestiegen einen kleinen Fährdampfer, der uns quer über die Elbe führen sollte. Von Wasser keine Spur zu sehen. Der ganze Stromlauf war überdeckt von weißem, langsam treibendem Eis. Gackernde Krähen durchwühlten den Unrat, der auf den Schollen lag, und Hunderte von Möwen glitten mit gemächlichem Flug durch die graue, von Dunst und Rauch erfüllte Luft. Die Maschine des Dampfers ächzte und schnaubte, in der wirbelnden Schraube polterten die Schollen, und unter dem auf- und nieder tauchenden Bug des Schiffes knirschte und krachte das brechende Eis. Ich zählte an dreißig ähnlicher Fährboote und Schleppdampfer. Einzelne lagen im gestauten Treibeis verfangen und wurden von größeren Dampfern wieder frei geschleppt, während die Dampfpfeifen mit ihren tiefen, wimmernden Stimmen zu einem unheimlichen Konzert zusammentönten. Vom Ufer her, auf dem die gewaltigen Lagerhäuser in unabsehbarer Kolonne sich hinstreckten, quoll über den Strom der summende Lärm von tausend arbeitenden Menschen. Und ein unablässiges Gerassel und Gepolter klang von den Schiffkolossen, die den Dämmen entlang zu hunderten in Reih und Glied verankert lagen, mit qualmenden Schloten, mit ragenden Masten, mit ihren wirr durcheinander gesponnen Rahen und Tauen.

   Wir standen auf dem Vorderdeck des Dampfers, Christl an meiner Seite, und er zeigte mir alles Sehenswerte, erklärte mir alles Große und Kleine in diesem imposanten Bild eines rastlos treibenden Lebens. Dann plötzlich verstummte er, und als ich zu ihm aufblickte, sah ich das fröhliche Lachen seiner Züge in schmerzvolle Schwermut verwandelt. Wir fuhren an der von hohen Dämmen eingeschlossenen Mündung eines Hafenkanals vorüber. Mir schien es, als riefe diese Stelle eine trübe Erinnerung in ihm wach. Seine Augen hingen an dem Eis, als wollten sie die starren Schollen durchbohren und hinuntertauchen auf den Grund des Stromes. Er sprach auch weiter kein Wort mehr, solange wir auf dem Dampfer waren. Als wir auf dem Kranhöft – einem lang gestreckten, breiten Damm, der seinen Namen von einem Riesenkran erhielt, dessen hochragender, luftiger Eisenbau sich ansieht wie ein Junges vom Eiffel-Turm – als wir auf dem Kranhöft ans Land stiegen, atmete Christl tief auf und schüttelte den Kopf, wie um einen schweren, drückenden Gedanken von sich abzuwerfen. Er schlang seinen Arm in den meinen und führte mich quer über den Damm. Gerade dem Riesenkran gegenüber lag die „Möwe“ vor Anker, in schmucker Sauberkeit.

   Ein stolzes Lächeln flog über Christls Lippen, als er sagte: „Mein Schiff!“

   „Ein gutes Schiff?“

   „Hab noch nie ein besseres unter den Füßen gehabt! Vier Jahre lang bin ich mit einem Engländer gefahren, von dem sie viel Wesens machten. Aber weißt Du, Jung, ein deutsches Schiff, verglichen mit den anderen – das ist wie ein Falk unter den Gänsen.“

   Über eine schwankende Balkenbrücke traten wir an Bord. Christl rief den Steward, sandte ihn mit einem Auftrag davon, und eine Minute später knallte der Pfropf einer Champagnerflasche.

   „Willkommen an Bord!“, sagte Christl, und unsere Gläser klangen zusammen. „Und nun komm, ich will Dir mein Schiff zeigen.“

   Es war eine interessante Wanderung, die wir unternahmen, über das weite Deck, auf die Kommandobrücke, durch alle Kajüten und Kojen, durch die Unterräume des Schiffes und durch die Maschinenhalle, in der ich merkwürdige Dinge zu hören bekam. Ein afrikanischer Sklave führt ein wahres Schlemmerleben im Vergleich zu den Maschinisten eines Schnelldampfers, welche während der wochen- und monatelangen Reise Tag für Tag in einer Temperatur von 110 bis 115 Grad Fahrenheit auszuhalten und zu arbeiten haben. Und für diese Höllenqual bezieht solch ein braver Teufel einen Monatgehalt von 75 bis 100 Mark.

   Als wir aus der Tiefe wieder an Deck kamen, war Sonnenuntergang, und auf Christls Kommando wurden die drei Flaggen gleichzeitig eingeholt. Dann ging’s in die wohl durchwärmte Offizierskajüte, auf deren Tisch der heiße Tee schon in den Schalen dampfte. Nach dem Imbiss, der dem feinsten Hotel Ehre gemacht hätte, hielt ich mich an eine Flasche Pilsener, Christl jedoch befahl für sich „einen Grog, aber etwas nördlich“ – das heißt zu Deutsch: viel Rum mit wenig Wasser.

   Dann ging es an ein Plaudern und Schwatzen. Christl verstand sich prächtig aufs Erzählen, und mit staunendem Lauschen folgte ich der farbigen Schilderung seiner Weltfahrten und seines bewegten Seelebens. Wenn ihm das Glas leer und die Zunge trocken wurde, hieß es wieder: „Steward, einen Grog, aber etwas nördlicher!“ Und wieder ging es ans Erzählen. Alle Weltteile hatte er besucht, mit seinem Schiff durch tobende Stürme sich durchgekämpft, in Hongkong Opium geraucht, in den Kordilleren das Guanako gejagt und in den Rocky Mountains den Grislybär erlegt. Auf Madagaskar hatten ihn eines Abends, als er von Land an Borg gehen wollte, drei Malaien überfallen. Sein guter Revolver hatte ihm reinlichen Weg gemacht.

   „War eine verwünschte Stunde. Steward! Einen Grog, aber noch etwas nördlicher!“

   Der Steward schmunzelte, als er das Glas brachte.

   „Melde, am Nordpol angelangt!“ Zu deutsch: Das ist reiner Rum, ohne einen Tropfen Wasser.

   Christl lachte, und wir stießen an. Als ich ihn fragte, ob er die Flucht aus der Heimat nie bereut hätte, ob ihm sein Beruf und sein jetziges Leben wirklich von Herzen lieb wäre, da nickte er mir fröhlich zu und fasste mit festem Druck meine Hand. „Weißt Du, min Jung, was Seele heißt in mir, das steckt nicht mehr in meinen Rippen, das steckt in diesem Schiff.“ Nun schwankte seine Stimme. „Und liegt tief drunten im Wasser.“

   „Hast Du in diesen zwanzig Jahren nie daran gedacht, Dir einen eigenen Herd zu gründen?“

   Christl sah mich mit großen, ernsten Augen an. Seine Lippen wurden schmal. Dann schüttelte er den Kopf, zog die Uhr und sagte heiser: „Ich muss dich fortschicken, min Jung. Glock zehn geht das letzte Fährboot über die Elbe.“

   Wir leerten die Gläser und traten auf Deck. Der Himmel hatte sich geklärt. Gleich einem duftigen Silberschleier hing die kalte Mondnacht über dem Hafen. Regungslos und still ragte rings umher der Wald der Masten. Auf allen Rahen lag ein dünner Schnee, der im Mondschein mit zartem Schimmer glänzte. Gedämpft klang aus der fernen Stadt ein verworrenes Geräusch, von einem Nachbarschiff hörte ich die trägen Schritte der Deckwache, von irgendwo eine halblaut singende Stimme, und leise knirschte das Eis, unter dem die Ebbe das Wasser sinken machte.

   Da legte Christl seinen Arm um meine Schulter. „Ich will es Dir sagen – weißt Du – was Du da vorhin gefragt hast. Ja, min Jung! Ich hab ein Mädel geliebt, ein hamburg’sch Kind. Jule hat sie geheißen, schmuck wie mein Schiff und ein Herz von Gold. Ich hab sie lieb gehabt, wie – wie das Meer. Vor neun Jahren war es. Auch im Winter. Ich lag im Hafen und wir wollten Hochzeit machen. Am Vorabend hatt ich Dienst an Bord. Da kam sie mit ihrer Mutter, mich besuchen. Wie jetzt, um die gleiche Stunden gingen sie. Ich hab sie niemals wieder gesehen. Ein Schleppdampfer hat das Fährboot überrannt. Das Eis ging so wie heute. Und da war kein Retten mehr.

   Er hielt das Gesicht abgewandt, nach der Elbe zu. Ich konnte seine Augen nicht sehen.

   Langsam und schweigend gingen wir über Deck der Brücke zu. Als zum Abschied unsere Hände sich fassten, murmelte er verloren vor sich hin: „Sag, min Jung? Glaubst Du – an en Wiedersehen?“

   Ich verstand sein Wort. Es galt nicht mir.

   „Ja, Christl!“

   Noch fester schlossen sich unsere Hände ineinander.

   Dann ging ich.

   Jahre sind verflossen seit jener Nacht.

   Ich habe nichts mehr gehört von Christl Baumann. Aber ich glaube, er fährt wohl noch mit der „Möwe“ zwischen Hamburg und Kalifornien.

   Klare Fahrt, min Jung!

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