Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Fliegender Sommer
            „Goldi-Goldi“
            Der Sonnenstrahl
            Der blinde Passagier
            Blüten des Lebens
            Der Wildbach
            Der Letzte
            Sag’ mir
            Der Herrgottspfänder
            Die Liebe Gottes
            Frierende Blumen
            Die Zitherspieler
            An Bord der „Möwe“
            Die verliebten Brüder
            Neues Leben
            Das Truden-Auge
            Eine Frühlingsnacht
            Wasser...
            Das Hagelwetter
            Eine alte Geschichte
            Der neue Leonhardt
            Kongress im Himmel
            Zahltag Rieschentoni

Frierende Blumen

   Über dem großen Friedhof dämmerte der herbstliche Abend. Der Himmel war von ziehendem Gewölk bedeckt, das der letzte Nachglanz der verschwundenen Sonne mit mattem Purpur umsäumte. Über die kahlen Felder, die den Friedhof umgaben, strich ein frostiger Wind und trieb den Staub in schweren Wolken gegen die roten Mauern der Gräberstadt. Eine überflüssige Mühe: Staub tragen – in die Schatzkammer des Staubes.

   Aus dem Tor ergoss sich ein dunkler Strom von Menschen gegen die Straße; alle redeten mit halben Stimmen; ihre Bewegungen waren gemessen; es lag wie ein Schleier über ihrem Wesen. Sogar die Wagenrufer, die vor der langen Front der Equipagen und Mietkutschen hin und her rannten, dämpften ihre Stimmen. Nur wenn ein Gefährt davon stob mit klapperndem Hufschlag und rasselnden Rädern, das klang wie sonst, genau so wie an einem Tag, an dem zwei Menschen Hochzeit halten.

   Innerhalb des Tores sammelte sich der ins Freie drängende Menschenstrom aus den strahlenförmig auseinander laufenden Gräberstraßen, aus hundert Wegen und Pfaden. Jetzt nur noch getrennte Gruppen; dann nur noch einzelne Menschen, die, fröstelnd eingehüllt in ihre Mäntel, immer wieder stehen blieben, um noch ein letztes Mal zurück nach der Stelle zu blicken, die sie verlassen hatten. Der Friedhofwächter musste sie erinnern, dass die Glocke schon geläutet hätte. Als die letzten hinausgetreten waren auf die Straße, gab er dem schweren Torgitter einen Stoß. Es bewegte sich knarrend und schloss sich mit dumpfem Hall, der zu sagen schien: „Vor mir das wachende Leben, hinter mir der schlummernde Tod. Zwischen beide bin ich gestellt als scheidende Wand. Ihr alle, in denen das Herz noch schlägt, dankt es mir, dass ich euch gewaltsam trenne von der ewigen Stille! Geht heim und ringt euch mutig los vom Schmerz, damit ihr keinen Tag verliert, bis die zeichnende Hand auch euch berührt. Dann will ich mich öffnen eurem letzten Gang!“

   Durch die Eisenstäbe des geschlossenen Tores strich der kalte Wind. Ein Mann und ein Weib standen noch draußen. Der Mann richtete sich auf und ging mit festem schritt seines Weges. Die Frau klammerte sich schluchzend an das Tor und starrte mit brennenden Augen in das sinkende Dunkel über den Gräbern. Als sie ging, war es nicht ihr Wille, der sie führte, nur der Zwang des Lebens, nur die Erschöpfung. Das Leben leibt seine Kinder. Damit die Freude ihr Herz nicht sprenge, erfand es das befreiende Lachen, und damit der Schmerz ihre Seele nicht zerdrücke, erfand es die Tränen, die müde machen. Für die Müden kommt der Schlaf, und nach dem Schlaf ein Morgen, ein neuer Tag.

   Fast lautloses Dunkel lag über dem Hain der Toten. Die Wächter gingen noch zwischen den Gräbern umher und löschten die niedergebrannten Lichter. Dann ließen sie auf einsame Bänke sich nieder und zogen die Mäntel um den Leib.

   Kein Schimmer mehr am Himmel. Alle Sterne verhüllt von dichter Wolkendecke.

   Schärfer und kälter strich der Wind. Zwischen den Gräbern trieb er raschelnd die welken Blätter vor sich her, sang um die scharfen Kanten der Grabsteine und flüsterte durch die Zweige der Zypressen. Er spielte mit den Kränzen, die auf den Gräbern lagen, bewegte ihre Bänder und blies seinen frostigen Hauch über die frischen, blühenden Blumenstöcke, die das trauernde Erinnern herbei getragen hatte. Blüten und Blätter schauerten in der tötenden Kälte, und wie von Seufzern und lispelnden Stimmchen quoll es aus den frierenden Kelchen.

   „Ach, die bitterkalte Nacht!“, flüsterte eine rote, halberschlossene Rosenknospe. „Sie dringt mir ins Mark, sie geht mir ans Leben, meine Säfte stocken und meine zarten Blättchen krümmen sich vor Schmerz.“

   Neben ihr klagte eine Nelke: „Mir, Schwester Rose, geht es nicht besser. Sieh, wie der böse Wind mich zaust! Mein Stängel ermattet schon und lässt mich sinken. Wer uns hierher brachte in diese kalte, hässliche Nacht, hat es übel mit uns vermeint!“

   „Erfrieren müssen wir und sterben“, weinte eine weiße Hyazinthe, „statt zu blühen in der Sonne, statt die Menschen zu erfreuen mit Duft und Farben.“

   Ein hässliches Kichern. Es kam aus den von Blüten strotzenden Zweigen eines Kamelienstrauches. „Was wimmert ihr? Nehmt euch an mir ein Beispiel! Fühl ich die Kälte weniger? Zaust mich der Wind gelinder als euch? Seht nur, wie die Flocken wegstieben von meinen Blüten! Aber ich trage das Unvermeidliche mit Geduld. Ich lache, weil ich die Tränen hasse. Freilich, ihr alle seid wohl zum ersten Mal hier? Gewöhnt euch dran! Ich habe das schon fünf Mal mitgemacht. Eine böse Nacht, ja ja, ich werde sie noch wochenlang in den Gliedern spüren. Aber morgen kommt mein Herr und holt mich wieder zurück ins Treibhaus. Wie ich mich sehne nach der Wärme! Sie wird mich wieder heilen. Und kommt auch die Schere über mich, so weiß ich doch, es geht zu rauschenden Festen. Die Schönste der Schönen wird meine Blüten tragen im duftenden Haar und an stolzer Brust!“

   „Du hast ein leichtes Reden“, stöhnte die Nelke, „dir sitzt die Kraft im Holz. Wie sollen wir zarten Kinder des Sommers diese böse Nacht überstehen? Wenn der Morgen kommt, sind wir geknickt und welk. Uns wird kein Frühling erwecken zu neuem Leben.“

   „Dann tröstet euch mit dem Gedanken“, spottete die Kamelie, „dass ihr gefallen seid als Opfer liebevoller Erinnerung! Mir genügt das Leben. Ihr Schwachen müsst Ideale haben, für die man sterben kann.“

   „Wie meinst du das?“, fragte die Hyazinthe. „Ich verstehe dich nicht.“

   „Weißt du, was Menschen sind?“

   „Ich glaube, die Menschen sind große, ein bisschen hässliche Blumen, die an keinem Stock hängen, sondern sich frei bewegen, wie unsere welken Blätter, wenn der Wind sie entführt.“

   „Teilweise richtig! Aber es gibt da auch bemerkenswerte Unterschiede. Wenn der tötende Reif über eine Menschenblume kommt, dann bleibt sie nicht im Schmutz liegen wie unsere gefallenen Blüten. Von ihren Geschwistern wird sie tief in die Erde gesenkt, so tief, dass die Kälte des Winters nicht hinunter dringt zu ihr. Dort liegt sie behaglich, in ungestörtem Schlummer, bis der Menschenfrühling kommt und sie erweckt zu neuen Torheiten und völlig zwecklosen Unternehmungen.“

   „Was kümmert das uns?“, jammerte die Nelke und schüttelte sich fröstelnd. „Ich friere.“

   „Ja, siehst du“, spottete die erfahrene Kamelie, „das hast du von deinem süßen Duft! Unter dem Hügel, auf dem wir frieren, liegt eine schlafende Menschenblume. Ihre Geschwister kommen von Zeit zu Zeit, und weil wir mit unseren Farben das Schönste sind, was ihnen die Erde bietet, tragen sie uns hierher, damit wir in ihrem Namen hinunterflüstern sollen zu der stillen Schläferin: Wir grüßen dich und denken dein, warte nur, bald kommen auch wir!“

   „Und deshalb soll ich hier welken müssen und sterben!“, grollte die Nelke mit erlöschendem Stimmchen. „Ich liebe das Leben und will es nicht verlieren um fremder Torheit willen! Das ist unrecht, das ist grausam, uns dem Tod zu weihen, weil andere starben. Hab ich nicht recht, Schwester Rose?“

   Die rote Rose wandte sich ab und schwieg.

   „Recht so, Röselchen“, sagte die Kamelie, die nun auch vor Kälte schon zu zittern begann, „trage dein Schicksal mit Ergebung. Komm! Drücke dich nahe zu mir, meine Staude schützt dich vor dem Wind. Da überdauerst du die böse Nacht. Und sieh umher! Der beste Lebenstrost ist immer das üblere Schicksal der anderen. Die haben es noch schlimmer. Ihr könnt euch in den Schutz meiner zähen Staude ducken. Aber deine weiße Schwester da drüben auf dem frischen Hügel! Die steht allein und hilflos. Sie wird den Morgen nicht erleben.“

   Die rote Rose drehte das schauernde Köpfchen. Durch das Dunkel schimmerte ihr eine weiße Blüte entgegen, die auf frisch gehäufter Erde stand, gezaust vom kalten Wind, schon halb beraubt ihres Blätterkleides. Da fühlte die rote Rose tiefes Mitleid und rief hinüber: „Arme Schwester, wie musst du frieren!“

   Die weiße Rose erwiderte leise: „Ich friere nicht. Ich fühle noch den warmen Hauch eines Mundes, der mich küsste.“

   „Ach, du Ärmste, schutzlos stehst du im Wind, der die Erde dörrt zu deinen Füßen.“

   „Ich dürste nicht. Feucht von heißen Tränen ist die Erde, in die ich meine Wurzeln schlage. Die sollen hinunter wachsen bis zu den sanften Händen, die mich treu gepflegt durch viele Jahre.“

   „Ach, du Verlassene! Wie der böse Wind dich schlägt mit seiner kalten Hand!“

   „Ich spür es nicht. Und lass mich, störe mich nicht, ich habe zu tun!“

   „Was tust du?“

   „Ich muss eine Mutter grüßen von ihrem Kind!“ Im wehenden Wind beugte die weiße Rose ihr Blütenhaupt bis auf die Erde und lispelte in die Schollen. „Mutter! Gute Mutter! Ich grüße dich von deinem Kind. Es hat mich hergetragen an seinem hämmernden Herzen. Es hat mich auf dein Grab gepflanzt mit zitternden Händen. Hörst du, Mutter? Hörst du? Ich grüße dich von deinem Kind.“

   Da wurden die Blumen in der frierenden Runde still. Und alle lauschten. Aus der Erde quoll es empor, ein leiser Hauch nur, aber tief und fröhlich, so, wie die Freude atmet nach drückendem Schmerz.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.