Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Fliegender Sommer
            „Goldi-Goldi“
            Der Sonnenstrahl
            Der blinde Passagier
            Blüten des Lebens
            Der Wildbach
            Der Letzte
            Sag’ mir
            Der Herrgottspfänder
            Die Liebe Gottes
            Frierende Blumen
            Die Zitherspieler
            An Bord der „Möwe“
            Die verliebten Brüder
            Neues Leben
            Das Truden-Auge
            Eine Frühlingsnacht
            Wasser...
            Das Hagelwetter
            Eine alte Geschichte
            Der neue Leonhardt
            Kongress im Himmel
            Zahltag Rieschentoni

Die Liebe Gottes

   Wer auf fröhlicher Sommerreise nach dem grünen Königssee das malerisch gelegene Gebirgsstädtchen Berchtesgaden berührte, hat wohl auch einen Blick in die alte gotische Kirche und in die schönen Kreuzgänge des ehemaligen Stiftes geworfen. Dieses Kloster, das 1803 säkularisiert wurde, hatte eine große, bewegte Vergangenheit. Wer in den alten Chroniken und Urkunden Berchtesgadens blättert, glaubt Romankapitel zu lesen, in denen auch dramatische Szenen nicht fehlen. Um die Mitte des zwölften Jahrhunderts wurde die bescheidene „Martinsklause“ gegründet und nahm vorerst nur einen langsamen Aufschwung. Als aber durch einen Zufall die reichen Salzlager entdeckt wurden, begann in dem stillen Tal ein reges Leben und Treiben. In dem als Lehen zum Stift gehörigen Markt Schellenberg wurde ein Sudhaus errichtet, das sich blad als Goldschmiede des Klosters bewährte und die Dukaten in so schöner Menge lieferte, dass sich die arme Augustinerklause in kaum zweihundert Jahren zum reichsten Kloster weit und breit entwickelte. Alle Fürsten zankten sich um die Hoheitsrechte über die reiche Propstei.

   Berchtesgaden war kein Kloster im strengen Sinn des Wortes, sondern ein freies Chorherrenstift, dessen adelige Mitglieder es nicht genau mit der Regel des heiligen Augustinus nahmen. „Sie beobachten den gebührenden Gehorsam gegen den Propst und eine anständige Klausur“, schrieb der Salzburger Domherr Kaspar von Stubenberg im Jahr 1473 an Papst Sixtus, „und führen bei gemeinschaftlichem Schlafhaus und Speisesaal ein ordnungsgemäßes Leben (in communi dormitorio et refectorio regularem vitam ducunt).“ Im übrigen hatte jeder Chorherr im Stift, späterhin auch außerhalb desselben, seine eigene Wohnung, die aus einer guten Stube und einer Schlafkammer bestand. Auch war es den Kapitularen unbenommen, an Feiertagen Gäste in ihrer Wohnung zu empfangen und zu bewirten.

   Diese, der Klosterregel nicht ganz entsprechende Sitte führte zu einem tragischen Vorfall, der vom Chronisten des Stiftes ausführlich berichtet wird.

   Da kam im Jahr 1583, zur Sommerszeit, ein Laienpriester aus Ebersberg in der Freisinger Diösese, der Kaplan Kaspar Pritzner, als Gast in das Chorherrenstift Berchtesgaden. Das war ein junger Mann von lebhaftem Temperament und flammendem Gotteseifer, hoch gewachsen, mit dunklen feurigen Augen und einem kühn geschnittenen Gesicht. Er war im Kloster wohl gelitten, und namentlich der Kapitular Georg von Weissenburg – der das Atm eines Bergmeisters verwaltete und sich um die Hebung des Salzbaues so verdient machte, dass ihm ein Denkstein im Salzwerk errichtet wurde – dieser Georg von Weissenburg, ein schon bejahrter Herr, schloss innige Freundschaft mit dem jungen Kaplan. Lange Stunden oft wanderten die beiden durch das herrliche Bergtal und führten geistliche Disputationen, bei denen sie sich zuweilen heiß ereiferten. Aber sie kamen schließlich doch immer wieder zu einem Punkt, bei dem ihre auseinander gehenden Meinungen sich versöhnen konnten.

   Nun wurde am 24. August, am Tag des heiligen Bartholomäus, das Fest des Schutzheiligen der Bartholomäer Klause gefeiert. Dem Gast des Klosters wurde die Ehre zugedacht, an diesem Tag die Predigt zu halten. Am frühen Morgen fuhr Kaspar Pritzner, begleitet von Georg von Weissenburg und einigen anderen Kapitularen, über den herrlichen Königssee. Die steigenden Frühnebel begannen die ringsum ragenden Berge zu entschleiern, deren Zinnen umfunkelt waren vom Glanz der Sonne. Weihevolle Stille lag auf dem regungslosen, wie matte Seide schimmernden Wasser. Man hörte nur das sachte Plätschern der Ruder und das leise Rauschen der von allen Felshöhen weiß hernieder strömenden Quellen.

   „Wovon willst Du predigen?“, fragte Herr Georg von Weissenburg.

   „Von der Liebe Gottes!“, erwiderte der Kaplan, der mit leuchtenden Augen umherschaute in der Pracht und Herrlichkeit, mit der die Hand des Schöpfers diesen Fleck Erde gesegnet hatte.

   Zustimmend nickte der Chorherr. „Ja, Kaspar, sag es unseren Bauern nur, wie groß, wie unerschöpflich Gottes Liebe ist. Das Volk, das in unseren Bergen haust, ist arm und hat ein hartes Leben. Ohne Gottes Liebe wäre da kein Auskommen. Sag es ihnen nur, weißt Du, recht warm aus dem Herzen heraus, damit sei heimgehen können mit einem festen Trost. Sieh nur, wie viele gekommen sind!“ Er deutete nach dem nahen Ufer, as von Kähnen und Menschen wimmelte.

   Aus allen Tälern waren die Bergbauern herbeigeströmt, Männer, Weiber und Kinder. Von den Almen waren die Sennerinnen und Senner herunter gestiegen, und auch die Jäger in ihren verwitterten Trachten und mit den plumpen Radbüchsen fehlten nicht. Auf der großen Wiese vor dem Klösterlein waren Buden errichtet, in denen es Heiligenbilder, geweihte Wachsstöcke und allerlei weltlichen Kram zu kaufen gab. Im Schatten der Bäume stand auch eine Wirtsbude, denn an die kirchliche Feier schloss sich ein fröhliches Volksfest.

   Die kleine, weiße Kirche, die zur Zeit unserer Geschichte bereits dreihundert Jahre stand, fasste die Menge der Andächtigen nicht. So war unter freiem Himmel eine Kanzel errichtet worden.

   Das gab ein wundersames Bild: Der grüne See und rings umher die schwindelnd hohen Wände, der dunkle, sanft rauschende Bergwald, hoch über allem der blaue Himmel mit seiner leuchtenden Sonne, auf der weiten Wiese Mensch an Mensch gedrängt, alle mit entblößten Köpfen und andächtig dem Prediger lauschend, dessen Wort wie eine helle Glocke von der Kanzel tönte.

   Im Schatten der Kirche saßen die anwesenden Chorherren auf einer mit rotem Samt überdeckten Bank. Herr Georg von Weissenburg hielt das Kinn in die Hand gestützt und folgte mit aufmerksamer Spannung jedem Wort der Predigt. Oft nickte er, zufrieden lächelnd. Dann wieder schien er verwundert zu lauschen und schüttelte missbilligend den Kopf. Einmal wurde der greise Kapitular sehr unruhig, seufzte und murmelte: „Die Jugend! Ach, die Jugend! Da brennt allweil das Herz mit dem Verstand durch!“

   Als Predigt und Messe vorüber waren, wurde im Klösterlein das Festmahl gehalten, zu welchem See und Berge mit Fisch und Wild die feinsten Bissen beisteuerten. Auch edle Weine zierten die Tafel, denn das Stift zu Berchtesgaden besaß in der Gegend von Krems und Klosterneuburg ausgedehnte Weinberge. Herr Georg verhielt sich während des Mahles merkwürdig still. Er begleitete auch die anderen Chorherren nicht, als sie mit dem Prediger nach Tisch ins Freie traten, um dem jungen Volk zuzuschauen, das sich bei den Klängen einer Sackpfeife in lustigem Tanz wirbelte.

   Ehe der Abend zu dämmern begann, brachen die Herren auf. Bei sinkendem Dunkel wurde das Stift erreicht.

   „Willst Du nicht noch ein Stündl bei mir einkehren?“, fragte Herr Georg den Kaplan. „Du kannst das nachtmahl bei mir nehmen. Für einen Krug Wein ist auch gesorgt.“ – Diese Fürsorge war eine reichlich bemessene. Eine vom 28. Juli 1567 datierte Verfügung des Propstes Jakob II. sicherte jedem Chorherrn täglich „fünf berchtesgadische Maß Wein“.

   Der Kaplan nahm die Einladung nur zögernd an. Er hatte wohl gemerkt, dass der Chorherr mit seiner Predigt nicht einverstanden war. Doch er wollte den gütigen Greis nicht verletzen und sagte zu.

   Bald darauf saßen sie am gedeckten Tisch in der freundlichen Stube, die mit geschnitzten Möbeln aus rötlichem Zirbenholz ausgestattet war.

   Eine Weile führten sie ein immer wieder versiegendes Gespräch über gleichgültige und fern liegende Dinge. Aber je länger sie um die Sache herumgingen, die unausgesprochen zwischen ihnen blieb und doch nach Aussprache drängte, desto erregter wurden sie. Und dabei griffen sie häufiger nach dem Becher, als es sonst ihre Gewohnheit war. Sie saßen sich schon mit heißen Köpfen gegenüber, als Herr Georg endlich sagte: „Kaspar? Wie hast Du denn das heute gemeint? Mit der Liebe Gottes?“

   „Weshalb fragt Ihr? Da Ihr doch mit eigenen Ohren gehört habt, wie ich es meinte!“

   „Freilich, freilich hab ich es gehört. Und da hab ich mir gedacht: ‚Es ist nur gut, dass unsere Bauern nicht alles verstanden haben, was Du sagtest!’“

   „Glaubt Ihr, ich hätte Unrechtes gesagt?“, erwiderte der Kaplan gereizt.

   „Lass meinen Glauben aus dem Spiel“, sagte Herr Georg unwillig, „hier handelt es sich um Deine Worte.“

   „Nein, nicht um meine Worte, nur um die Liebe Gottes, an deren ewigem Wesen weder meine, noch Eure Worte etwas ändern.“

   „Da hast Du recht. Und deshalb war es in den Wind gesprochen, als Du in Deiner Predigt sagtest, dass auch die Liebe Gottes ein Ende haben könne.“

   „Ja, das hab ich gesagt und das glaub ich auch!“

   „Ich aber sage und glaube, dass die Liebe Gottes unerschöpflich ist, unversiegbar, allgegenwärtig über unserem Denken und Fühlen, Tun und Lassen.“

   „Nein, nein! Das wäre ein Widerspruch Gottes in sich selbst. Er ist die ewige Harmonie. Er ist das Gute in seiner höchsten Vollkommenheit und Reine, und was er ausgeschlossen hat aus seinem eigenen Wesen, alles Böse und Schlechte, das kann auch nie und nimmer Anteil haben an seiner Liebe!“

   „Falsch, Kaspar, falsch! Gottes Liebe ist wie die Sonne, die ihr Licht und ihre Wärme nieder strahlt auf Gerechte und Ungerechte.“

   „Falsch, falsch! Denn Gott ist nicht allein die Liebe, er ist auch die Gerechtigkeit. Wie soll er leiben können, wo er zürnen und strafen muss?“

   Herr Georg schlug entsetzt die Hände ineinander. „Kaspar! Besinne Dich! Wie darfst Du sagen, dass die Liebe Gottes nicht auch in das Herz des Sünders quillt, wie Balsam in brennende Wunden?“

   „Nur in das Herz des Reuigen.“

   „Nein, Kaspar!“

   „Ja, ja und tausendmal ja!“, schrie der Kaplan und schlug die Faust auf den Tisch, dass die zinnernen Schüsseln und Becher klirrten. „Nur über dem reuigen Sünder waltet die Liebe Gottes. Denn er verlor sie nie, Gott entzog sie ihm nicht. Gottes Allwissenheit sah nicht nur des Sünders Sünde voraus, auch die folgende Reue!“

   „Und dem Verstockten wäre die Liebe Gottes ganz entzogen?“

   „Ja, ja, ja, von Anbeginn! Gott sah voraus, dass dieser Sünder verstockt sein würde und musste seine Liebe von ihm wenden, noch eh dieser Mensch geboren war!“

   „Das ist Irrlehre, Kaspar!“

   „Nein, das ist reiner, tiefer Glaube!“

   „Wenn Du solches glaubst, dann bist Du kein Sohn der Kirche!“

   „Ja, ja, ich bin ein Sohn der Kirche, und einer, der getreuer ist, als Ihr!“

   „Nein, dann bist Du ein Lutheraner, noch schlimmer: Ein Kalvinist!“

   „Das lügt Ihr!“, schrie der Kaplan mit zuckenden Lippen.

   Herr Georg von Weissenburg sprang erblassend auf: „Ein Priester und Edelmann lügt nicht. Nimm dieses Wort zurück!“

   „Nein, nein und tausendmal nein! Die Liebe Gottes –“

   Da traf ein klatschender Schlag seine Wange.

   Kaspar Pritzner stand einen Augenblick wie versteinert. Dann aber, in höllisch aufflammendem Zorn – „ex instinctu diabolico“, sagt der Chronist – ergriff er ein auf dem Tisch liegendes Brotmesser und stieß es dem Chorherrn in die Brust.

   „Die Liebe Gottes –“, stammelte Herr Georg. Dann sank er blutüberströmt zu Boden und war eine Leiche.

*                *
*

   „Der Mörder wurde festgenommen“, erzählt der Chronist, „und man sendete über diese causa sacrilega ein Protokoll an den Papst, der das Gericht über Kaspar Pritzner dem Erzbischof von Salzburg übertrug. Der Kaplan wurde der geistlichen Würde entkleidet und zu fünfjährigem Kerker mit schweren geistlichen Bußübungen verurteilt. Nach dreijähriger Haft gelang es dem Kaspar Pritzner, aus dem Kerker zu entfliehen.“

   Über die weiteren Schicksale des Flüchtigen schweigt die Chronik.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.