Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Fliegender Sommer

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Sag’ mir…

   Die Langweile hatte ihn fortgetrieben aus der Stadt. Aber er pflegte auch auf Reisen zu gähnen. Das flache Land mit den monotonen Pappelalleen, mit den stillen Dörfern und den endlosen Getreidefeldern – wie langweilig! Die großen steinernen Bienenkörbe mit ihrem Fremdentrubel, ihrem Staub und ihren Ausstellungen – wie langweilig! Obwohl er als Reisender seine Pflicht und Schuldigkeit erfüllte! Er kaufte sich den „Führer durch X und Umgebung“, bestaunte das blaue „Meerauge“ mit den zu fetter Trägheit aufgefütterten Forellen und untersuchte die Pfahlbautenreste am See. In dem einsam gelegenen Forsthaus ließ er sich Gamsbraten auftischen, in der Meierei aß er Butterbrot und schlürfte warme Kuhmilch. Sogar die Dorfkirche besuchte er und unternahm jeden als „reizend“ geschilderten Ausflug, jede als „interessant“ empfohlene Tour. Ihn langweilte jeder Schritt, den er tat, und das gutmütige Geschwätz des Führers. Ihn langweilten die kostümierten Dorfpuppen, die auf allen Wegen und Stegen herumlungerten, die müden, verschwitzten Gesichter der Touristen, der Sonnenschein und das Regenwetter, sogar die findige, immer neue Art, in der er überall und von jedem geprellt und geschnitten wurde. Und nach langweiligem Tag der Abend im Speisesaal des Hotels! Dreihundert Gäste an langen Tafeln; die Teller überklapperten das spärlich rinnende Geplauder der Menschen, die sich fremd waren, und in gleichmäßigen Zwischenräumen produzierte eine „heimische Sängergesellschaft“ mit gezierter „Urwüchsigkeit“ eines ihrer dutzend Mal gehörten Stücklein. Entsetzlich!

   Noch einen letzten Tag, dann wieder weiter! Ein vorschriftsmäßiger Ausflug war noch abzufrohnen, der obligate Spaziergang in die „Klamm“. Die Hände in den Taschen, ohne Blick nach rechts oder links, wanderte Egon über sonnige Wiesen. Dann begann ein breites Waldtal, as enger und enger wurde. Ein reißender Bach schäumte zwischen felsigen Ufern, und aus der Tiefe der Schlucht hauchte eine erfrischende Kühle. Immer steiler wurde das Gehäng, immer näher trat es and en Bach heran. Kahle Felsen, von dünnen Wasserfäden überronnen, schoben sich zwischen den Bäumen hervor. Dann verschwand alles Wachstum, und zwischen engen, bizarr geklüfteten Steinwänden, so hoch getürmt, dass der Himmel nur noch herunterschimmerte als ein schmaler, lichtblauer Streif, tobte und rauschte das weiße Wasser. Es schloss durch finstere Schachte, stürzte sich in tiefe Kessel, gurgelte über Kies und Klötze und bildete stille Becken, auf die sich der zarte Wasserstaub der zerschellten Tropfen nieder senkte gleich einem von Elfenhänden gewobenen Schleier, der in den Farben des Regenbogens schillerte, wenn ihn ein Sonnenstrahl aus der Höhe traf.

   Auf dem Balkensteg, der mit eisernen Klammern an der Felswand festgehalten war, durchwanderte Egon die Klamm. Was er sah, das alles war ja ganz hübsch, aber er hatte das schon zu dutzend Malen gesehen, noch großartiger, noch wilder und romantischer. Als er die Klamm durchschritten hatte und die Höhe der Schlucht erreichte, trug er aus dem dämmerigen Felsengrund keinen anderen Gewinn empor unter den freien Himmel, als Langweile und Ermüdung. Zwischen schattigen Büschen warf er sich in das blumige Gras und sah hinunter in das Zwielicht der tiefen Schlucht. Ihm war öd und leer zumute. Felsen und Wasser, Himmel und Wald, Welt und Leben, alles widerte ihn an. Wenn es nur eines noch gäbe, nur ein einziges, um seine schläfrige Seele aufzurütteln, um diese tötende Langweile zu verscheuchen. Er sann. Was war dieses eine, wo war es zu finden? Was ihm das Leben bieten konnte, hatte er ausgekostet bis zur Neige. Ein Elternpaar, das ihn verzog und verzärtelte, und dann die Reichtümer, die er erbte, hatten ihm jeden Wunsch gewährt, hatten ihn alles kosten lassen, was ein Menschendasein an Genuss zu finden vermag. Was noch?

   Er sann. Und seine irrenden Gedanken wiegten sich auf dem eintönigen Rauschen und Gemurmel, das empor quoll aus der Tiefe. Die dumpfen, geheimnisvollen Laute schlichen sich tiefer in sein Ohr, das Denken erlosch in ihm, und er lauschte, bis ihm war, als würde dieses dumpfe Tönen zu verständlicher Stimme, die zu ihm sprach wie aus einer anderen Welt.

   Aus einer anderen Welt? Er lächelte. Wie ein süßer Reiz überkam ihn die Empfindung, dass es ein Neues war, was jetzt in seinen Gedanken keimte. Das rauschende Gewässer sprach zu ihm wie verheißungsvolles Locken, wie freundliches Rufen: „Komm!“ Er lauschte. Und wieder lächelte er.

   „Wenn ich es täte?“

   Weshalb nicht? Er war Herr seiner selbst, ließ keine Seele zurück, die um ihn hätte klagen müssen. Es blieben hinter ihm nur lachende Erben. Weshalb also nicht? Was ihm das Leben seiner fünfunddreißig Jahre geben konnte, das hatte er genommen mit beiden Händen. Nur eines stand ihm noch aus: Dieses einzig Neue noch, der Tod.

   Lächelnd rückte er bis an den Rand des Abgrundes und beugte das Gesicht über die Tiefe. Ihn schauderte nicht. Was er sich ausmalte von den Empfindungen des letzten Augenblicks, ergötzte ihn. Er fühlte: Sein Blut kam in Wallung, sein herz pochte in raschen Schlägen, es glühte und sprühte in ihm. Seltsam! Jetzt, da er sterben wollte, spürte er nach langer Zeit zum ersten Mal wieder, dass er lebte. Dieses köstliche Empfinden sollte ihm zerrinnen in die alte Langweile? Nein! Es galt nur einen raschen Schritt, nur einen kurzen Schmerz, und er nahm diesen reizvollen Augenblick unzerstört mit hinüber in die schmerzlose Ruhe, in eine Ruhe ohne Ekel und ohne Bitterkeit.

   Tiefer neigte er das Gesicht über den Rand der Schlucht. Schon wollten seine Hände sich öffnen und den Halt verlieren. Da schlugen Stimmen an sein Ohr. Er horchte auf, wie Neugier überkam es ihn, und er wollte die letzten Menschen sehen. Lautlos drückte er die Zweige des Gebüsches beiseite. Wenige Schritte vor ihm, auf einer Moosbank, saß ein junges Paar. Die Ähnlichkeit verriet ihm, dass sie Geschwister waren. Egon betrachtete die Züge des jungen Mannes; es war ein schmales, feines Gesicht von blasser Farbe, ein wenig entstellt durch die blaue Brille. Die schmalen Lippen lächelten, die Hände waren auf einen Stock gestützt, der Kopf lag etwas in den Nacken gedrückt – die Haltung eines Blinden. Seine Schwester schien um wenige Jahre älter zu sein. Ihre Gestalt war zart und von lindem Ebenmaß. Ein fester Wille sprach aus ihrem durchgeistigten Gesicht, aus dem ruhigen Glanz der dunklen, schönen Augen. Sie schien soeben erst von einem Weg zurückgekehrt, denn Egon hörte sie sagen: „Ich wäre gern noch länger geblieben, aber ich hatte Sorge um Dich.“

   Der Blinde schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich habe mich nicht von der Bank gerührt, habe gewartet, bis Du kamst. Wärst Du noch länger geblieben!“

   „Ich habe mich schwer getrennt. Es war so schön!“

   Der Blinde atmete tief. „Sag’ mir, was Du gesehen hast.“

   Die Schwester schilderte ihre Wanderung durch die Klamm. Es war ein Malen mit Worten. Man hörte aus ihrer Stimme, wie tief die Schönheit des Erschauten auf ihre Seele gewirkt hatte, wie sie ganz erfüllt war von dem Reiz des genossenen Bildes. Was sie empfunden, teilte sich aus ihren Worten dem Bruder mit, der in Spannung lauschte. Seine Wangen begannen sich zu röten, es lag auf seinem Gesicht ein frohes Schauen nach innen. Lächelnd sagte er vor sich hin: „Wie schön!“ Dann legte er die Hand auf den Arm der Schwester: „Sag’ mir! Wie war es weiter?“

   „Ich kam zu einer Stelle, an der die Felsen sich schlossen, so dass mir der Himmel entschwand. Rings um mich her war tiefe Dämmerung. An den Felsen keine Farbe mehr. Alles grau und dunkel. Nur in der Tiefe schimmerte der weiße Schaum des Wassers, und die Tropfen, die von der Höhle fielen, leuchteten noch ein wenig, als hätten sie in ihrem Herzen ein Stäubchen Sonne mit herunter gestohlen in die Finsternis.“

   „Ich sehe sie! Ich sehe sie fallen und leuchten!“, stammelte der Blinde. „Sie fallen in mich hinein, wie ein Gruß von der Sonne. Sag’ mir, wo die Sonne steht?“

   „Dort oben steht sie, gerade über Dir.“

   Der Blinde hob das Gesicht. Er lächelte und sog die Sonnenwärme in seine Brust. Dann wieder: „Sag’ mir, wie Dir zumute war?“

   „Ich stand im Dunkel. Da überfeil mich ein Bangen und Fürchten, ein Sehnen nach dem hellen Tag. Und ich dachte an Dich. Meine Hände, mit denen ich mich festhielt am Geländer, zitterten. Ich eilte vorwärts. Als ich über mir den blauen Himmel wieder sah, da war mir, als käm’ ich aus dem Grab gestiegen, als wär’ ich erwacht zu neuem Leben. Alles, was ich sah, war farbenreich, war sonnig und schön. Die grünen Büsche neigten sich über den Rand der Felsen und griffen wie mit hundert kleinen Fingerchen in den blauen Himmel. Moos und Flechtwerk spann sich über die steilen Wände herunter, kleine Quellen sprudelten über die Stufen und flossen über die letzten schrägen Steine sacht in ein großes Becken, in dem das Wasser wie ein Spiegel war, aus dem mein Gesicht mir entgegenlächelte wie aus dem Himmel heraus. Hätt ich da nicht an Dich gedacht, hier wär ich gerne noch ein Weilchen geblieben. Es war so schön!“

   „Wie Du es sagst, so seh’ ich es. Gott ist gut, weil er mich leben lässt und sehen mit Deinen Augen.“ Mit glücklichem Lächeln neigte der Blinde die Wange gegen die Schulter seiner Schwester. „Sag’ mir, wie ist der Platz, vor dem wir sitzen?“

   „Einige Schritte vor Dir gehen die Stufen hinunter in die Schlucht. Von hier aus siehst Du über ihren Rand hinüber. Drüben steigen die Hügel, auf denen dunkler Wald mit Wiesen wechselt. Hinter ihnen siehst Du die hohen Berge. Ihre kahlen Felsen sind von zartem Duft überflossen. Der Schnee, der noch auf ihren Spitzen liegt, schimmert wie Silber. Und über allem der weite Himmel, blau und wolkenlos.“

   „Mit seiner Sonne! Ich sehe sie nicht. Aber wenn ich das Gesicht hebe, fühl’ ich ihre Warme auf meinen Augen – als hätte sie Hände, um mich zu streicheln.“

   So plauderten sie weiter.

   Egon saß unbeweglich. Die Hände waren ihm in den Schoß gefallen. So sah er ins Leere und lauschte. Als er hörte, dass die beiden den Platz verließen, ging es ihm wie ein Schmerz durch die Seele. Hastig sprang er auf und drückte die Zweige auseinander. Dort drüben im sonnigen Wald sah er sie schreiten, Arm in Arm. Er hörte noch die Stimme des Blinden: „Sag’ mir, wie ist der Weg, den wir gehen?“

   „Wir gehen im Wald. Wenn Du hineinblickst zwischen die Bäume, siehst Du ein zitterndes Gemisch von goldigem Licht und bläulichem Dunkel. Der leichte Windhauch, den Du fühlst, bewegt die Blätter, und ihre Schatten spielen über das Moos. Die Rinde der Buchen glänzt wie graue Siede. Und wenn Du vor uns durch die lichter stehenden Bäume zur Höhe blickst, dann siehst Du –“

   Die Stimme erlosch.

   Egon war allein. Immer noch sah er der Richtung zu, in der die beiden seinem Blick entschwunden waren. „Er? Und ich? Er dankt seinem Schöpfer für ein Leben, das ich von mir werfen will wie ein wertloses Ding. Mich widert an, was meine Blicke finden. Ihn entzückt, was er nicht sehen kann mit Augen.“

   Er hob das Gesicht und ließ die Augen gleiten. Was er sah, erschien ihm wie eine neue Welt.

   „Er ist der Sehende. Ich war der Blinde.“

   Bei diesem Gedanken sah er das Gesicht des Blinden vor sich, mit geschlossenen Lidern und doch mit Augen, groß und leuchtend. Ernst waren diese Augen auf ihn gerichtet, und er hörte die Stimme des Blinden fragen: „Sag’ mir, was willst Du beginnen?“

   „Sterben will ich.“

   „Sag’ mir, weshalb Du sterben willst?“

   Er suchte nach einer Antwort und fand sie nicht. Was hätte er sagen können wider das Leben, wider die Menschen, wider alles? Wie konnte es Geltung haben vor diesem einen, den er hatte sagen hören: „Gott ist gut, weil er mich leben lässt und sehen mit fremden Augen.“ Die „Laune“, die ihn angewandelt hatte, erschien ihm plötzlich so hässlich und erbärmlich, dass ihn Scham und Reue überkamen.

   Rasch verließ er den Rand der Schlucht und ging dem Wald zu, in dem er die beiden hatte verschwinden sehen. Es war ihm, als ginge er nicht allein. Er glaubte an seiner Seite einen leisen Schritt zu hören, er fühlte eine linde Hand, die ihn führte, und zwei große, schöne Augen sahen ihn an mit Schreck und Erbarmen. Dieser Blick verließ ihn nicht mehr.

   Als er das Dorf erreichte und dem Blinden und seiner Schwester begegnete, schoss ihm eine heiße Blutwelle in die Wangen.

   Er war ein Neues suchen gegangen. Was hatte er gefunden? Das ewig Alte.

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