www.wissen-im-Netz.infoLudwig Ganghofer - Die Fackeljungfrau |
||
|
Homepage Literatur Ludwig Ganghofer Die Fackeljungfrau Gedicht Kapitel 1 Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Beschluss |
Eine seltsame Geschichte! Nicht wahr, mein freundlicher
Leser? Auf der Kalbrunner-Alm, im Salzkammergut, hab ich sie in stiller
Dämmerstunde von einem alten Hirten gehört. Es war ein gebeugtes, weißhaariges
Männlein, mit Namen Jochei.
Ich habe die Geschichte ausführlicher erzählt als mein Gewährsmann auf der Kalbrunner-Alm, aber gewiss nicht so gut. Während der alte Jochei sprach, redeten noch andere wirksame Stimmen mit: Das Rauschen des Herdfeuers, das sachte Läuten der rings um die Hütte liegenden Rinder, der vom Wind halb verwehte Klang der Lieder und Jauchzer, die über das weite Tal herübertönten von der Kermaden-Alm, und das geheimnisvolle Flüstern der mondhell über den Bergen liegenden Sommernacht. Als Jochei geendet hatte, schwieg ich lang. Dann fragte ich: „Woher hast Du die Geschichte?“ „Von meinem Ahnl.“ „Und Du glaubst wohl, dass das wahr ist?“ Er sah mich an. „Das kann wohl niem’nd nit sagen, ob’s wahr ist oder nit! Dabei gewesen ist freilich keiner. Aber muss denn alles verlogen sein, was einer nit greifen kann?“ Er fasste ein Scheit und stocherte in den glühenden Kohlen. „Wann ich beispielmassig sagen tät: Das Glück? Kommt ’s Glück nit auch, und keiner weiß woher? Und geht’s nit wieder, und keiner weiß wohin? Und keiner noch hat dran kratzen können und schmecken. Wär ebba deswegen ’s Glück nit wahr, Herr? Dös mag mir keiner nit weismachen. Wie wahr ’s Glück sein kann? Dös hab ich selber verspürt.“ Er atmete tief und sah mit feuchten Augen in die Flammen. „So klein ist mein Häusl gewesen! Und so ein großes Glück hätt drin hausen mögen.“ Die müde Stimme schwankte. „Bis ich’s verjagt hab und vertrieben!“ Über die furchigen Backen fiel eine Zähre in die heiße Asche des Herdes. „Jochei?“ Er strich mit der Hand das weiße Haar in die Stirn. „Ja, Herr! Ich hab halt auch die Füchs in mein Haus getragen.“ Seufzend erhob er sich und verließ die Hütte. Himmel und Berge waren in Flimmer getaucht. Neben dem Vollmond funkelten nur matte Sterne. In weiter, duftumsponnener Ferne stieg aus der Nacht ein riesenhafter schimmernder Bau empor, ein silbernes Feenschloss, ein Zauberpalast mit wundersamen Hallen, Säulen und Türmen. Hätt’ ich nicht gewusst, dass es wirkliche, feste Berge waren: Die Gletscher und Schneehalden des Großglockners – ich hätt’ es wohl für ein Märchen halten mögen, für ein Wunder! |
|
|
© 1999-2007 Copyright by
Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de. |
||