Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 13

Der Grafenjäger von Baltl durch die Brust geschossen! Die Jagdhütte niedergebrannt! Der Finkenbauer als Schmuggler verhaftet, sicher nur auf die gehässigen Verdächtigungen des Knechtes hin, den der Bauer einst mit Schand und Spott vom Hof gejagt! Das ging wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus. Das ganze Dorf war in Aufruhr und Erregung. Und dieser Aufruhr kulminierte im Kopf des Brennerwastls. Der Bursche schrie sich vor Zorn und Entrüstung die Kehle heiser. Als sich dann das Gerücht verbreitete, dass ein Bauernknecht bei grauendem Morgen durch die Wiesengärten einen Menschen hätten schleichen sehen, der "akrat wie der Baltl ausg'schaut" hätte, war es für Wastl eine ausgemachte Sache, dass sich Baltl im Dorf verborgen hielte. Er rannte nach dem Stationshaus, um seinen Verdacht dem Kommandanten mitzuteilen. Der aber hatte sich sofort nach seiner Rückkehr vom Amt mit den beiden Gendarmen zu einer Streife im Gebirge aufgemacht. Nun fing der Wastl ein Hetzen und Schüren an, führte als zweites Wort die allgemeine Sicherheit im Mund, und so gelang es ihm wirklich, eine Schar von Burschen aufzubringen, die sich nicht übel aufgelegt zeigten, einen Akt der Volksjustiz zu üben. Sie zogen vor den Leitnerhof, umzingelten das Haus und durchsuchten es bis auf den letzten Winkel - erfolglos freilich. Jetzt war es wieder der Brennerwastl, der den Verdacht aussprach, ob sich nicht etwa der Baltl gerade dort verborgen haben könnte, wo man ihn am wenigsten vermuten möchte: Im Finkenhof, in welchem ja der ehemalige Knecht jeden Schlupf und Winkel kennen müsste wie seine Tasche. Mit dieser Weisheit aber kam der Wastl übel an. Der ganze Dank, den er erntete, war ein schallendes Gelächter. Der erste Misserfolg hatte die Gemüter ziemlich abgekühlt, und so wurde einstimmig ein gar friedlicher Vorschlag angenommen: Man zog unter Singen und Johlen ins Wirtshaus. Wastl wütete und stürmte in seinem zornigen Trotz ganz allein dem Finkenhof zu, wo er dem Knecht und dem Schmied so lang in den Ohren lag, bis ihm die beiden den Gefallen taten und mit ihm alle Bodenräume des Gesindehauses, alle Ställe, Scheunen und Schupfen durchstöberten. Als er aber auch das Wohnhaus mit seiner geschäftigen Sicherheitssorge bedenken wollte, vertraten ihm die beiden den Weg, da sie sich nicht zu denken wussten, wie Baltl in das Haus hätte kommen können. Vielleicht hätte Wastl seinen Willen doch noch durchgesetzt, wenn nicht ein Menschenauflauf auf der Straße seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte.

Da draußen brachten sie gerade den Gidi von der Bründlalm, um ihn nach dem Schloss zu tragen. Enzi schritt an der Seite der Bahre und hielt des Jägers Hand gefasst. Den Trägern folgte Luitpold mit dem Doktor - und mehr noch als den Verwundeten starrten die Leute den jungen Grafen an, der in dem grauen, rupfigen Wettermantel und unter dem grobfilzigen Bauernhut allerdings ein seltsames Bild gewährte.

Vor Abend noch fuhr Luitpold zum Dorf hinaus, nachdem er vom Arzt erfahren hatte, dass Gidis Verwundung zwar eine immerhin bedenkliche wäre, dass aber bei der eisernen Gesundheit des Jägers und bei der trefflichen Pflege, die ihm in sicherer Aussicht zu stehen scheint, das beste zu hoffen wäre.

Um Gebetläuten kam dann die Enzi in den Finkenhof. Zuerst musste sie erzählen, was sie zu erzählen wusste. "Gelt, Finkenbäuerin," sagte sie dann, "das siehst schon ein, dass mich mein Gidi im Jagerhäusl jetzt nötiger braucht, als wie der Finkenbauer auf der Bründalm. Und da wär ich Dir schon recht viel dankbar, wann du mich ein paar Wochen verurlauben tätst und tätst derweil die alte Waben in meine Hütten 'nauf schicken."

Mit einem Wort war das zugestanden, und so wackelte am andern Morgen die Waben über den Bergsteig empor zur Bründlalm.

Als Dori, der unter der Hüttentüre stand, die Alte über das Almfeld "daher knotschen" sah, fuhr er sich mit beiden Händen hinter die Ohren: "Jijeeh! Die alte Waben! Jetzt is g'recht! So was muss mir auch noch passieren! Ein Unglück ums andere!" Und mit trübseligen Augen starrte er der Näherkommenden entgegen.

"Schöne Sachen! Schöne Sachen g'schehen daheroben!", pfiff es durch die Zahnlücken der Alten, als sie vor der Hüttentüre verschnaufend still hielt.

"Ah was! Drunten muss auch net alles bei Verstand sein, sonst hätten s' net Dich da rauf g'schickt!", knurrte Dori und verschwand in der Hütte.

Keifend folgte ihm die Alte, aber als sie dem Dori in das fahle, vergrämte Gesicht schaute, fragte sie doch mit besorgten Worten, was ihm fehle. "Nix!", war die kurze Antwort, die sie erhielt. Nun erkundigte sie sich nach dem befinden der Kühe, dann begann sie zu erzählen, von dem Unglück, das den Finkenbauer betroffen hätte, und von der "g'spassigen" Krankheit, von der das Beverl befallen worden wäre.

"Ja, gestern in aller Fruh, da muss das Deandl wo g'wesen sein, und bald drauf, wie's heim 'kommen is, hab ich die Finkenbäuerin in der Stuben drin schreien hören: Waben, Waben, Waben! Und wie ich 'nein komm, liegt 's Deandl auf'm Stubenboden, völlig damisch, ja, und schier eine Stund lang hat's Dir 'braucht, bis 's wieder die Augen aufg'macht hat. Und seit der Zeit is 's Deandl wie verwendt. Mit gar kei'm redt's kein Wörtl net, ganz traamhappet scheicht's Dir umeinander, und allweil steht ihr 's Wasser in die Augen!"

Wortlos hatte Dori zugehört. Jetzt sprang er auf, holte vom Heuboden die Kraxe herunter und begann sie in zitternder Hast mit dem Almgewinn der letzten Tage zu beladen.

"Ja was is denn auf einmal?", staunte die alte Waben.

"Abtragen muss ich!", erwiderte Dori, und weiter sprach er kein Wort mehr bis zu dem "B'hüt Dich", mit dem er die Hütte verließ.

Je weiter er sich von der Alm entfernte, desto hastiger wurden seine Schritte. Auf dem ganzen weiten Weg gönnte er sich keine Sekunde Rast. Als er aus dem Wald auf die Wiesen trat, tropfte ihm der Schweiß vom Gesicht, und keuchend ging sein Atem.

Schön näherte er sich der Höllbachmühle, an welcher sein Weg vorüberführte; da stützte er plötzlich. Hastig warf er den Bergstock beiseite, stellte die Kraxe nieder und schlich in geduckter Stellung dem Bach zu. Hinter einem der Erlenbüsche, mit denen das Ufer bewachsen war, verbarg er sich. Ein Fuchs, der die zum Opfer ausersehene Henne belauscht, kann keine gieriger lauernden Augen machen, als Dori sie machte, während er durch die Lücken des Buschwerks die Bewegungen des sechsjährigen Müllersöhnchens verfolgte, das mit übermütiger Keckheit über den schwankenden Balken hin und her spazierte, der unterhalb des Mühlausflusses den schäumenden Bach überspannte. So oft das Bürschlein ins Wanken geriet, zuckte die helle Freude in Doris Zügen auf, die sich wieder verfinsterten, sobald der kleine Übermut mit schlagenden Armen das Gleichgewicht zu gewinnen wusste. So zwischen Hoffnung und Enttäuschung hin und her geworfen, spähte und lauerte er, bis ihm ein ganz unerwarteter Gedanke sagte, was er denn eigentlich tat. Da erschrak er vor sich selbst und stammelte: "Na, na, ich bin einer! Kann da sitzen und drauf passen, ob net dem armen Schluckerl ein Unglück g'schieht! Jetzt gehst mir aber gleich weiter!" Ingrimmig fuhr er auf und schoss mit einem langen Schritt aus dem Buschwerk. Das Büblein auf dem Balken aber hörte die Büsche rascheln, sah über das Laub ein bleiches grinsendes Gesicht auftauchen, erschrak, geriet ins Wanken und stürzte mit kreischendem Schrei vom Balken in die schäumenden Wellen.

"Gottlob! Jetzt hat's ihn g'rissen!, jubelte Dori auf und sprang mit einem mächtigen Satz dem Knaben nach in den Bach. Glücklich erwischte er ihn beim Kittelchen, zerrte ihn ans Ufer, herzte und küsste ihn, dass dem Knaben Hören und Sehen verging, dann ließ er ihn stehen, wie er stand, und rannte davon über die Weise. Als er die Kraxe erreichte, warf er sich der ganzen Länge nach ins Gras, wälzte sich wie ein Pudel und stammelte und schluchzte in überquellender Freude: "Ich hab ei'm Menschen 's Leben g'rett'! Ich hab ei'm Menschen 's Leben g'rett'! Jetzt därft ich selber wieder leben! Meine Sünd is gut 'g'macht und vergessen! Ich hab mein Leben wieder g'wonnen! Mein Leben! Mein Leben! Mein Leben!" Und kaum versiegen wollten die Tränen seiner Freude. Als er sich endlich erhob, schaute er mit vergnüglich lächelndem Blick an seinem triefenden Gewand nieder. "So kann ich doch net gut ins Ort 'nein gehn! Da muss ich mich schon z'erst ein bissl trocknen." Er nahm die Kraxe auf und lief zum Waldsaum. Hier hängte er seine Joppe über einen Fichtenboschen und streckte sich an einem Plätzchen ins Moos, auf welches die Sonne ihre ganze, brennende Mittagshitze nieder goss. Trunkene Freude füllte sein Herz, fröhliche Bilder gaukelten vor seinen Augen, eine rieselnde Wärme begann in seinem Körper zu erwachen, und das tat ihm so wohl, dass er vor Behangen die Lider schloss und immer wieder die Glieder dehnte und reckte. Dann lag er ruhig - und rührte sich nicht mehr - Stunde um Stunde verrann - - und als er endlich auffuhr aus dem Schlaf, der ihn wider Wissen überkommen hatte, lag schon die tiefe Dämmerung über Berg und Tal. Unter sprudelnden Selbstvorwürfen schlüpfte er in die Joppe, raffte die Kraxe auf und eilte dem Dorf zu.

Er erreichte den Finkenhof und sah durch die erleuchteten Fenster des Dienstbotenhauses die Ehhalten bei der Schüssel sitzen. Auch die Stubenfenster des Wohnhauses waren erleuchtet. Die Türe aber fand er verschlossen. Er pochte, und die Bäuerin öffnete ihm. Sein erstes Wort war eine Frage, wie die Sache mit dem Finkenbauer stünde - hoffentlich gut, wie er meinte.

"Es wird schon alles wieder machen!", gab die Bäuerin kleinlaut zur Antwort.

"Und ... wo is denn 's Beverl?"

"Sie is schon droben in der Kammer."

"So? Aber sag, Bäuerin ... wie ich von der Waben g'hört hab, wär 's Beverl krank?"

"Ah na! Gar kein' Schein net! Jetzt das is einmal eine alte Ratschen! Aber mach weiter! Jetzt is doch keine Zeit net zu ei'm Diskurs im Hausgang. Geh, lad Deine Kraxen ab und trag's in Keller nunter." Sie schritt ihm voraus in die Küche, entzündete ein Kerzenlicht und reichte es ihm. Dann kehrte sie in die Stube zurück, während Dori die Kellertreppe hinunter stieg. Als er drunten die Kraxe auf die Fliesen gestellt hatte, lauschte er nach dem Hausflur empor, nickte befriedigt vor sich hin und brachte aus der Kraxe ein zierliches Sträußchen von Edelweißblüten zum Vorschein. "Ich steck's ihr hinter die Türschnallen ... so findt sie's gleich in aller Fruh," flüsterte er mit listiger Freude vor sich hin, streifte die Schuhe von den Füßen, suchte lautlos hinauf in den Hausflur und der Treppe zu, die nach dem oberen Stock führte. Inmitten der Treppe hielt er erschrocken inne - er sah an Beverls Kammer die Türe offen und drinnen auf der Kommode den Leuchter mit der brennenden Kerze stehen. Schon wollte er geräuschlos den Rückzug antreten, da hörte er über sich aus einer Ecke des Ganges eine leise zischelnde Stimme: "Und ich rat Dir's im guten, dass kein' Muckser net tust, vor ich net draußen bin aus'm Haus." Das Blut wollte ihm gerinnen beim wohlbekannten Klang dieser Stimme. Er starrte durch die Geländerstäbe der Richtung zu, aus welcher er sie gehört - sah Beverl zitternd in eine Ecke gedrückt und vor ihr die dunkle Gestalt des Burschen, den er an der Stimme erkannt hatte, bevor er noch in dem halb gebrochenen Dunkel die scharfen Züge und den lang nieder hängenden Schnurrbart gewahrte. "Lump! Lump! Is noch net g'nug am Gidi! Willst auch noch der Beverl was anhaben!", so fuhr er mit gellenden Lauten auf und stürzte die Treppe empor. Doch eh er noch die oberste Stufe erreichte, warf sich Baltl schon über ihn. Dori brach unter der Wucht dieses Anpralls in die Knie, im Stürzen aber riss er den Burschen mit sich nieder, und da rollten sie über einander hin mit dröhnendem Gepolter die Treppe hinunter bis auf die Steinplatten des Hausflurs. Unter kreischenden Hilferufen eilte Beverl der Treppe zu, hörte einen stöhnenden Aufschrei, den nur Dori ausgestoßen haben konnte, und sah wie Baltl sich in die Höhe zerrte, die Haustür aufriss, und wie ihm, bevor er noch das Freie gewinnen konnte, Dori mit beiden Händen schon wieder am Hals hing.

Da flog die Stubentür auf, und Mariann erschien auf der Schwelle. "Ja um Gottes willen, was is denn?"

"Der Dori und der Baltl ...", stammelte Beverl, während sie über die Treppe nieder wankte, "in mei'm Kammerl bin ich g'wesen, und da hab ich gleich schon g'meint, ich hätt ein' Schritt g'hört über mir am Dachboden droben ... und nachher is mir's g'wesen, als ging wer runter über die Bodenstieg ... und so will ich nachschaun, und wie ich die Tür aufmach, steht der Baltl vor mir da und halt' mir 's Messer hin ..."

"O Jesus, Jesus, Jesus ...", stotterte die Bäuerin, eilte zur Haustür hinaus, sah einen dunklen Knäuel über den Hof hin der Straße sich zuwälzen, hörte Doris röchelnde Stimme: "Du willst der Beverl was anhaben! Du! Du willst der Beverl was anhaben!" ... und zitternd vor Angst und Sorge schrie sie in die Nacht hinaus: "Leut! Leut! Um Gottes willen! Leut! Leut!"

Da stürzten sie auch schon herbei, aus dem Gesindehaus, aus allen Nachbarhäfen, mit Stöcken, mit Lichtern - alle rannten sie der Straße zu, geleitet von Doris gellenden Rufen - und da fanden sie den Baltl ausgestreckt im Staub, das blutige Messer in der seitwärts gestreckten, zuckenden Faust, am Hals gewürgt von Doris Händen, der über ihm lag mit dem ganzen Gewicht seines Körpers. Die Weiber kreischten und schrieen, während die Männer und Bursche sich über die beiden warfen - die einen rissen das Messer aus Baltls Fingern, die andern suchten den Dori empor zu zerren - der aber hing wie angewachsen mit seinen Händen an Baltls Kehle, und unablässig schrillte es von seinen Lippen: "Du willst der Beverl was anhaben! Du! Du willst der Beverl was anhaben! Du! Du willst der Beverl was anhaben!" ... und seine Schreie verstummten auch nicht, als es den Männern endlich gelang, ihn empor zu reißen und fortzuzerren gegen den Straßenrain. Da stürzte sich nun ein Teil der Burschen über Baltl hin, um ihn dingfest zu machen. Erschrocken aber fuhren sie zurück, als er keinen Finger zur Abwehr regte. Leblos lag er zu ihren Füßen - erdrosselt von Doris Händen.

Und jetzt erloschen auch Doris Worte in gurgelndem Stammeln. Über den wirren Lärm hörte man eine Frauenstimme aufkreischen: "Jesus Maria ... es reißt ihn um!" Und einer der Männer schrie: "No freilich, so schauts nur grad her ... es rinnt ja 's Blut von ihm wie lauter Bacherln!"

"Holts den Pfarrer! Laufts um ein' Doktor! Tragts ihn 'nein ins Haus! Reißts ihm doch 's G'wand auf!", schrie und kreischte es aus der Gruppe der Leute, die den Todwunden umstanden.

Der Schmied drängte sich durch den Kreis, schlang die Arme um Doris Körper, hob ihn von der Erde und trug ihn hastigen Laufes in die Gesindestube. Hier legte er ihn auf die Kissen und Kotzen nieder, die aus der Mägdekammer herbeigeschleppt und über die Dielen gebreitet wurden.

Die Bäuerin rannte in das Wohnhaus hinüber, um Tücher und Wasser herbeizuschaffen. Beverl kniete an Doris Seite, zitternd und weinend, und hielt seine Hand umschlungen mit beiden Händen.

Ein mattes Lächeln lag auf Doris Lippen, und ein schimmernder Glanz war in den Augen, mit denen er an Beverls schreckensbleichen Zügen hing.

"Musst net weinen, Beverl," klang es mit mattem Stammeln von seinem Mund, "musst net weinen! Es is Dir ja nix g'schehen, Beverl ... is Dir ja nix g'schehen!"

"Dori, Dori, mein lieber Dori!", schluchzte das Mädchen.

"Musst Dich net sorgen, Beverl ... net sorgen um mich! Das macht sich schon wieder! Ja! Es tut mir nix! Es kann mir nix schaden ... ich därf ja wieder leben ... ich hab mir mein Leben ja wieder g'wonnen! Heut erst Beverl ... heut!" Doris Stimme dämpfte sich zu tonlosem Flüstern. "Weißt ... selbigsmal in der Nacht ... eh die Hanni heim 'bracht worden is ... da hab ich ein' Streit g'habt mit'm Baltl ... und nach'm Beten, wie ich zur Stuben naus bin, hat er mir auf'passt und is mir nach ... erwischt aber hat er mich net ... weißt, auf ein' Baum bin ich nauf ... beim Haus drüben ... und in der Hanni ihrem ... ihrem Stüberl ... da hab ich Dich g'sehen ... und ang'rufen hab ich Dich ... ganz stad ... und wie das Schüsserl nachher zum Fenster g'stellt hast ... und den Wecken ... da hab ich g'meint ... es g'hört für mich ... und ..."

In einem Röcheln erstickten seine Worte, schwer hob sich seine Brust, ein schmerzvolles Zucken flog über sein Gesicht, und tief drückte er den Kopf in das Kissen, so dass die kalkweiß abstehenden Ohren fast die blutleeren Wangen berührten.

Mit starren Entsetzen hingen Beverls Blick an Doris brechenden Augen, an seinen erschlaffenden Zügen und an seinen bläulichen Lippen, die nun wieder unter flüsternden Worten müde sich bewegten.

"Sorg Dich net, Beverl ... sorg Dich net ... ich weiß schon, es war eine Sünd, eine fürchtige Sünd ... es war ja ... ein Armeseelenmahl ... aber meine Sünd is 'büßt ... und ich därf wieder leben und muss net sterben! Ich hab ja ... ein' Menschen vom Tod errett' ... ja, Beverl ... 's Müllerbüberl hab ich aus'm Wasser 'zogen ... und da hab ich mir wieder ... mein Leben g'wonnen ... und muss net sterben ... na! Jetzt ... jetzt därf ich leben ... leben - -" Müder und leiser von Wort zu Wort war seine Stimme geworden, um in gurgelndem Stöhnen zu erlöschen. Ein Zittern überrann seinen Körper, die Hände griffen nach dem Herzen, der schwere Kopf schien zwischen seinen Schultern zu versinken. So lag er wenige Sekunden regungslos. Nun streckte er sich mit ächzendem Seufzer. "Leben ... leben ...", hauchte es noch von seinem Mund, dann blieben seine Lippen regungslos, und über seine Augen legte sich die Starre des Todes.

"Dori! Dori! Armer Dori!", schrie Beverl schluchzend auf, während die anderen, die den Toten umstanden, mit murmelnden Stimmen zu beten begannen.

Als der Arzt erschien, den man gerufen, blieb ihm nichts anderes zu tun mehr übrig, als die Todesursache festzustellen. Er fand in Doris Brust und Schultern sieben Stiche.

*       *
*

Zwei Tage vergingen, Dori wurde zu Grab getragen, und das war ein Leichenzug, als würde der reichste Bauer des Tals zur ewigen Ruh gebracht, nicht der ärmste Hüterbub des Dorfes.

Dann wieder kehrte Tag um Tag im Finkenhof ein, doch keiner brachte den Jörg. Gleich am dritten Tag nach seiner Verhaftung war eine Botschaft an die Mariann gekommen: Seine Sache wäre in Ordnung - um welchen Preis! - Aber sie sollte ihn nicht erwarten. Die Ungewissheit über Ferdls Schicksal, der auf sein eigenes Verlangen zum Regiment zurückgestellt worden wäre, ließ ihm keine Ruhe, und so wolle er nach München gehen und dort verbleiben, bis in Ferdls Sache etwas entschieden wäre.

Weiter war nicht die geringste Nachricht mehr gekommen. Fast wussten die Leute im Dorf mehr von Jörg und Ferdl, als im Finkenhof die Mariann und noch eine andere, welche niemals die Lippen zu einer Frage öffneten, allmorgendlich aber mit einem langen, flehenden Blick ihrer traurigen Augen an dem Gesicht der Bäuerin hing.

Aus den "Münchener Blattln" hatten die Leute die erste Nachricht von Ferdls Auferstehung und Rettung gelesen und hatten dabei erfahren, dass jener böse Verdacht, in dem er gestanden, durch eine Aussage des jungen Herrn Grafen völlig von ihm genommen wäre, so dass nun Ferdl einzig noch dem Spruch des Militärgerichtes unterstand, von welchem die Leute ihm freilich wenig Gutes prohpezeiten. In allen Stuben und auf allen Straßen wurde die Sache mit unermüdlichem Eifer verhandelt. Besonders führte der Brennerwastl das große Wort. Und wenn er mit blinzelnden Augen behauptete: "Ja, so was hab ich mir lang schon 'denkt!", dann wagte niemand diesen Ausspruch zu bezweifeln, denn keiner der Burschen hörte es gern, wenn er ihnen die Geschichte mit dem Dori vorrückte und daran den Vorwurf knüpfte: "Hätts mir 'glaubt! Hätts mir g'folgt! Nachher lebt der arme Schlucker noch!"

Unter der Haustür des Finkenhofes liefen die Neugierigen fast die Schwelle krumm, aber die Mariann wusste sie kurz und bündig abzufertigen: "Ich weiß nix! Lassts mir meine Ruh!" Die einzige, mit der sie sich gerne des langen und breiten aussprach, war die Emmerenz. Beinahe allabendlich kam die Dirne, wenn sie in der Krankenpflege für eine Erholungspause von der Schlosshauserin abgelöst wurde, auf ein Stündchen in den Finkenhof und brachte immer erfreuliche Nachricht von Gidis fortschreitender Besserung: "Gidi" zu sagen, hatte sie freilich längst verlernt - "mein Gidi" hieß es jetzt bei ihr.

Bei diesen Plauderstündchen war Beverl nur selten zugegen. Fast die ganzen Tage saß sie in ihrem Kämmerchen, mit einer Näharbeit beschäftigt - und ach, wie viele Seufzer und Tränen stichelte sie da hinein! Das änderte sich freilich mit dem Morgen, an welchem Mariann von Jörg einen Brief erhielt - einen Brief voll Jubel und Freude. Alles, alles wäre gut; das Militärgericht hätte seinen Spruch getan. In Rücksicht auf Ferdls frühere, glänzende Führung, auf seine im Krieg bewiesene Tapferkeit, auf den Umstand, dass seine Dienstzeit ohnehin zwei Tage später zu Ende gewesen wäre, und in Erwägung der Tatsache, dass er sich selbst wieder gestellt hätte, wäre seine Flucht nicht als Desertion aufgefasst worden, sondern nur als "willkürliche Absentierung vom Regiment, begangen im Zustand hochgradiger Aufregung über den plötzlichen Tod einer nahen Anverwandten". Und der Brief schloss mit den Worten: "Ja, und drum hat er kein' andere Straf net 'kriegt, als fünf Tag Miltelarrest. Nachher muss er seine zwei letzten Tag noch ausdienen. Und mich lasst's net fort aus der Stadt, ich muss drauf warten, bis er frei is, damit wir miteinander heimzu können."

Vor Freude und Vergnügen glänzte das Gesicht der Bäuerin, als sie diesen Brief in Beverls Hände legte. In Furcht und Bangen begann das Mädchen zu lesen - aber es war mit dem Brief noch nicht zu Ende, da schlug es weinend schon die Hände mitsamt dem Blatt vor das Gesicht.

"Aber Beverl, Beverl, geh, musst doch auslesen," lachte Mariann, "da schau, ganz unten am Brief steht noch was drang'schrieben." Und da blickte Beverl unter fließenden Tränen wieder auf das Blatt und las: "Gelt, Mariann, schau fein Deine Kästen nach, ich mein', es wird bald Hochzeit geben im Finkenhof." Mit scheuen Augen schaute Beverl auf, und als sie den lachenden, zwinkernden Blicken der Mariann begegnete, färbten sich ihre Wangen mit glühendem Rot, und unter seligen Zähren barg sie das Gesicht an der Brust der Bäuerin.

Von dieser Stunde an blühte sie auf wie eine Rose unter der Junisonne. Mit all ihrem Denken und Empfinden hing sie an diesem einen wonnesamen Gut, das sie für ihr Herz gefunden und erworben, während jene ganze traumhafte Welt, in der sie bislang gelebt und geatmet, jählings in Trümmer brach. Die Köngisblume ohne Macht und Wirkung! Kein Edelweißkönig! Kein Alfenreich! Nicht Wunder noch Zauber! Alles, alles die natürlichste Wirklichkeit! Und der Dori dahin, trotz der Sühne, die er geleistet, trotz der heiligen Bannwurzle, die er um den Hals getragen! Jeder dieser Gedanken hatte eine klaffende Bresche in die Schutzwehr ihrer Geisterwelt gerissen - und endlich waren sie ausgetreiben, die Alfen und Wichte, die Feen und Waldweiblein, und wo sie sonst gehaust mit sicherem Behangen, da herrschte jetzt der irdische Tag mit seinem hellen, lachenden Himmel.

Nur Liebe noch und Sehnsucht war Beverls ganzes Denken und Fühlen. Und wie glücklich war sie bei all diesem Bangen und Harren, ob manchmal auch das traurige Erinnern an den guten Burschen, der nun draußen lag in kühler Erde, ihr Glück zu trüben kam, so wie ein Wolkenschatten dahinsucht über sonnige Wiesen.

Dann war es eines Abends. Beverl saß in der Stube bei den Kindern. Da stürzte die Mariann herein: "Beverl! Sie kommen! Sie kommen!", flog wieder hinaus in den Hof, und hinter ihr einher die beiden Kinder. Beverl sprang auf, stand regungslos, blass und zitternd hörte sie die näher kommenden Tritte und Stimmen - und jetzt erschienen sie unter der Türe, der Jörgenvetter und die Mariann, und ihnen voran ein schmucker, strammer Soldat mit blühendem Gesicht, mit lachendem Mund und glänzenden Augen. Er stand und streckte dem Mädchen die beiden Hände hin - und als ihm Beverl noch immer entgegenstarrte, ohne Laut und Bewegung, fragte er: "Ja Beverl! Hast denn für mich jetzt gar kein bissl ein Grüßgott?"

Da rann ein Zittern über ihre Schultern, sie warf die Arme auf, flog ihm entgegen und hing mit Weinen und Stammeln an seinem Hals.

Mit glückseligen Augen blickte Jörg auf die beiden, dann winkte er die Mariann zu sich, nahm die Kinder bei der Hand und verschwand mit ihnen in der Kammer. Dort beschwichtigte er die drängenden Fragen der beiden Kleinen und begann der Mariann zu erzählen, alles, was er nur zu erzählen wusste, und Luitpolds Name klang dabei wohl hundert Mal von seinen Lippen.

Als Jörg sich endlich erhob und unter die Stubentüre trat, sah er den Ferdl am Tisch sitzen, und Beverl an seiner Seite, das Köpfchen an seine Brust gelehnt. Mit leuchtenden Augen schaute sie zu ihm empor, unter den zitternden Worten: "Na! Na! Schier kann ich's net glauben! Is denn alles auch wahr? Bist denn auch g'wiss ein Mensch, ein richtiger Mensch?"

"No, schau, man kann ja net wissen," lächelte Ferdl zu ihr nieder, "'leicht bin ich dengerst ein Geist ... und ... was meinst? Soll ich verschwinden?"

"Na, na, um Gottes Willen net!", fuhr Beverl auf in stammelnden Schreck, und wie in ängstlicher Sorge schlug sie die beiden Arme um den Hals des Geliebten.

*       *
*

Vier Monate später wurde im Dorf zu einer Doppelhochzeit gerüstet: Für Ferdl und Beverl - für Gidi und Emmerenz. Am Morgen der Hochzeit strömten die Leute aus dem ganzen Tal zusammen, so dass die Kirche kaum die Menge zu fassen wusste. Als die beiden jungen Ehepaare unter schmetternden Klängen aus dem Kirchenportal über den Friedhof zogen, stockte plötzlich der Zug - Ferdl und Beverl standen vor Doris Grab. Neugierig drängten die Leute näher, reckten die Köpfe und sahen, wie Beverl den bräutlichen Rosmarinstrauß, den sie am Mieder trug, mit zitternden Fingern löste und von der ausgesteckten Hand nieder gleiten ließ auf den mit welkenden Blumen bedeckten Hügel. Dann schaute sie zu dem Gesicht ihres Mannes auf, als wollte sie ihn mit Blicken fragen, ob sie auch recht getan - Ferdl nickte ihr zu mit innigem Lächeln und feuchten Augen - und wieder setzte sich der Zug in Bewegung. Und während die Böller krachten, dass die Berge widerhallten, taten die Musikanten ihr Bestes, bis das mit Fahnen und Tannenkränzen geschmückte Wirtshaus erreicht war, in welchem das Mahl bereit stand.

Von all den geladenen Gästen waren nur zwei nicht erschienen. Der eine war Herr Simon Wimmer. Der Aufenthalt im Dorf hatte für ihn, wie man so sagt, einen Haken bekommen. Er hatte um seien Versetzung nach einem andern Posten nachgesucht, sie war ihm gewährt worden, und da hatte er seine Abreise gerade auf den Hochzeitsmorgen festgesetzt, ein Racheakt, durch den er die allgemeine Feststimmung wesentlich erhöhte.

Aber auch ein anderer war fern geblieben, den man sehnlichst erwartet hatte und schmerzlich vermisste - Luitpold. Er hatte dem Gidi die herzlichsten Glückwünsche gesandt, und dazu den "gräflichen Förster" mit entsprechender Gehaltserhöhung. Dem Ferdl hatte er geschrieben, wie gern er gekommen wäre, wenn er nicht gefürchtet hätte, durch die trübe Stimmung, die der Anblick all des vielen Glückes in ihm erwecken müsste, die Freude und den Frohsinn der andern zu stören.

Diesem Brief war ein Brautgeschenk für Beverl beigelegen: Der Schmuck, den sie am Halse trug - sechs blitzende Topase, im Kreis umringt von spitz geflammten, aus matt weis schimmernden Perlen gebildeten Zacken - ein Edelweiß mit dreißig Strahlen.

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