Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 12

Auf dem Lager, auf welchem eine Nacht zuvor noch Beverl in stillen Träumen geschlummert hatte, lag Luitpold ausgestreckt. Nass klebten ihm die Haare an Stirn und Schläfen, und die entblößte Brust war feucht und dunkel gerötet. Jetzt rann ein Zittern durch seinen Körper, und ein fiebernder Atemzug rührte seine Lippen.

Da richtete sich jener, der vor ihm kniete, hastig auf und warf die nassen Tücher, die er in Händen hielt, zur Erde. "Er därf mich net sehen, wann er die Augen aufmacht ... er müsst ja z'viel erschrecken!", flüsterte er. "Aber merken soll er mich!" hastig eilte er jener Felsennische zu, in welcher das Kruzifix angebracht war, und kehrte mit einem zerknitterten Blatt zurück. Das schob er auf den Holzstuhl, auf welchem ein kleines Medaillon mit einem fadendünnen goldenen Kettchen lag. Und nun verschwand er lautlos aus der Höhle.

Luitpold rührte die Arme, griff mit den Händen nach der schwellenden Brust und öffnete die Augen. Da traf sein erster Blick die flackernde Helle der Fackel. "Feuer ... das Feuer!", stöhnte er schaudernd und fuhr in die Höhe. Doch ehe seine Füße den felsigen Boden berührten, gewann er das klare Bewusstsein der gefahrlosen Lage, in welcher er sich befand. Mit staunenden Augen überflog er seine seltsame Umgebung und starrte in den harmlosen Glanz der stillen Fackelflamme. Und wieder schauerte er in sich zusammen, als bei diesem Leuchten und Flackern die Erinnerung an jene fürchterlichen Minuten in ihm auftauchte. Er fühlte sich wieder erwachen, hörte seine müde Stimme, mit welcher er den knurrenden Hund zur Ruhe verweisen, hörte das Knistern, das er im wieder beginnenden Halbschlaf für das Knistern der Herdflamme gehalten, empfand aufs neue den stechenden Druck auf der Brust, mit dem er plötzlich aus qualvollen Träumen aufgefahren, wieder hörte er das Winseln und Scharren des Hundes und erinnerte sich, wie er vom Lager sprang und durch die raucherfüllte Stube der Türe zustürzte. Alles, alles lebte wieder in ihm auf: Wie er vergebens nach Gidi rief, wie er den Herd ohne Feuer und doch alle Räume erfüllt sah von stickendem Dunst und Qualm, wie er die fürchterliche Gefahr erkannte und die Tür von außen verschlossen fand, wie er an allen Fenstern die Scheiben aufriss, die Läden aufstieß, zerrte und rüttelte an den starren Eisenstäben der engen Vergitterung, über welche die Flammen schon emporzuzüngeln begannen, wie er, halb schon betäubt von Rauch und Dunst und umkreist von dem angstvoll heulenden Hund, die Tür zu erbrechen sich mühte und - -

Und nun? Wer hatte ihn gerettet aus Rauch und Flammen? Wer hatte ihn hieher in diese bewohnte Höhle gebracht? Wer hatte ihn zurückgerufen ins Leben? Wer hatte - -

Da traf sein Blick den goldenen Schmuck auf dem Stuhl. Hastig griff er darnach, hielt ihn in zitternden Händen und betrachtete das winzige Pastell, dieses schöne, zarte Mädchenantlitz mit den dunklen, tiefen Augen.

Aufatmend starrte er wieder um sich. Wo waren die Hände, die ihm während der Belebungsversuche diesen teuren Schmuck vom Hals genommen? Still und leer der ganze Raum! Seufzend schüttelte Luitpold den Kopf, und unwillkürlich kehrten seine Blicke wieder zurück zum Stuhl. Er sah das Blatt, gewahrte die zierlichen und dennoch so festen Schriftzüge, mit denen es bedeckt war, griff darnach, führte es näher vor die Augen und fuhr in stammelnden Worten auf: "Dieses Blatt! Ja seh ich denn recht! Ja, ja, es sind ihre Züge! Wie kommt dieses Blatt hieher!" Mit fliegenden Augen begann er zu lesen: "Mein lieber, lieber Bruder! Ich weiß, Du hast Deine Johanna lieb, und Du wirst es ihr vergeben, wenn sie Dir Schmerz bereitet. Aber nun muss geschehen, was seit Tag und Tag schon hätte geschehen sollen. Heute kommt die Marianna, und ich könnte der braven Person nicht mehr in die Augen sehen, wenn ich auch nicht glauben kann, dass es Sünde sein soll, was ich begangen. Ich habe geliebt und Liebe genossen. Mehr darf ich vom Leben nicht verlangen, und so hab ich ausgelebt. Ich gehe aus dem Leben mit Gedanken und Wünschen der Liebe für jenen, der mein Alles war, dem auch Du von Herzen gut bist. Und nun grüße mir die Marianna, grüße mir meinen Jörg, sag ihm, dass ich ihm danke für all seine Güte und Liebe. Es wird ihn tief in das Herz treffen, ich weiß es, aber ich kann nicht anders! Sag ihm, dass ich glücklich war. Und Dich, mein liebster Bruder, Dich küsse ich tausend Mal. Wir alle, alle werden uns wieder sehen, dort, wo alle Menschen gleich sind, wo keine Schranke zwischen Liebe und Liebe steht. So nimm den letzten Gruß Deiner im Tod glücklichen ... Johanna!"

Lange, lange schon hatte Luitpold gelesen, und immer noch hingen seine Augen an dem Blatt. "Das hat sie geschrieben ... ihrem jüngeren Bruder ... an jenem unglückseligen Morgen!", glitt es mit leisen, stockenden Worten von seinen Lippen. "Aber dieses Blatt ... wie kommt es hieher ... so augenscheinlich mit Absicht gerade hieher auf diesen Stuhl! Das sieht sich an wie eine Mahnung! Von wem aber kann sie kommen? Es kann nur Einer noch von diesem Blatt wissen, da jener, an den es gerichtet war - -" Vor sich nieder starrend verstummte er, dann wieder fuhr er auf und streifte die zitternde Hand über die Stirn. "Nein! Nein, ich fühl es! Ich bin krank! Denn mit gesunden Sinnen denkt man nicht, dass möglich wäre, was unmöglich ist. Die Toten stehen nicht wieder auf ..."

Da erstarben ihm die Worte. Mit einem gurgelnden Aufschrei sprang er in die Höhe, aber die Knie wollten ihm brechen, und so sank er wieder nieder auf das Lager, die irren Blicke nach dem blassen Gesicht dessen gerichtet, der mit einem Mal vor ihm stand, regungslos, mit hängenden Armen, mit herb geschlossenen Lippen, mit Augen, aus denen Scheu und Vorwurf sprachen.

"Du! Du! Du!", rang es sich endlich mit bebenden Lauten von Luitpolds Lippen.

"Ja, Luitpold, ich bin's! Ich, der Ferdl!"

"Und Du ... Du lebst!"

"Leben! Ja, leben tu ich! Aber wie ... da drum frag mich lieber net!"

"Darf ich es denn glauben! Hat mich denn alle Welt belogen?"

"Keiner, Luitpold, keiner kann mehr sagen, als er weiß. Außer mei'm Jörgenbruder und der Mariann bist du der erste Mensch, der erfahrt, dass der Ferdl net im Höllbachgraben liegt."

"Und du, Du bist es, dem ich mein Leben danke! Du! Du warst es, der mich gerettet?"

"Ja, Luitpold, ich bin's g'wesen! Und wenn ich das net anders sagen kann als wie mit heller Freud in jedem Wörtl, so musst net glauben, dass ich mir was einbild auf mein Zugreifen im rechten Augenblick. Ah na! Was ich z'wegen 'bracht hab, das hätt jeder andere grad so g'macht, den ein Zufall dahin g'führt hätt, wo eine g'schwinde Hand vonnöten war. Wenn ich mit Freuden sag: Ich bin's g'wesen ... so g'schieht's bloß deswegen, weil ich in ei'm Schnaufer dazu sagen kann: Die heutige Nacht für den selbigen Tag, und so sind wir wett mit einander, Du und ich ... wenn auch grad vor uns zwei allein und 'leicht auch noch vor unserm Herrgott, wenn er's gelten lasst, dass sich 's Blut im Feuer wascht."

"Nein, Ferdinand, nein, nein! So rede nicht! Was an jenem unheilvollen Tag von Deiner Hand geschah, darfst Du nicht auf Dein Herz nehmen als eine Schuld ..."

"Es war eine Schuld! Eine schwere, schwere Schuld!", fuhr Ferdl mit dumpfen Worten auf. "Das hab ich g'spürt durch Tag und Nacht daheroben in meiner trübseligen Einschicht! Das hab ich g'merkt aus allem, was über mich 'kommen is als Buß und Straf. 's Leben is eine liebe Sach ... und 's Sterben müssen is dengerst auch noch net 's ärgste. Aber leben ... und tot sein müssen dabei - - net leicht einer, der unter'm Wasen liegt, hätt tauschen mögen mit mir! Und doch! Für ein', den 's Wasser schon niederreißt, is ja ein Strohhalm noch ein Trost. Ewig und ewig hab ich mir fürg'redt: Du hast es ja 'tan im blinden Gram und in der irrsinnigen Gäschten1, Du hast ja nix g'wusst von Dir und nix von der Hand, die sich aufg'hoben hat gegen den, der Dir doch allweil nach der Hanni und nach Dei'm Jörg der liebste Mensch war auf der Welt! Wenn ich Dir's nur sagen könnt, Luitpold ... wenn ich Dir's nur sagen könnt, was in mir drin g'wesen is, wie ich mein' liebe, arme Hanni so daliegen hab sehen vor mir ..."

"Wer in der Welt sollte besser verstehen als ich, was jener grausame Anblick in Dir erwecken musste! Und wer sollte besser wissen, wie wert Johanna der Liebe war, mit welcher Du und Dein Bruder an ihr gehangen! O, es hätte dieses Todes nicht bedurft, um mich erkennen zu lassen, was sie mir galt und was ich an ihr verlor. Denkst Du noch jener fröhlichen, glücklichen Zeit ... unserer Knabenzeit? Schon damals war mir jeder Tag verhasst, den ich nicht an der Seite des holden, lieben Kindes verbringen konnte. In all den Jahren, die ich dann von ihm getrennt war, ist sein süßes Bild mir nachgegangen auf allen Wegen. Und als ich wiederkam ... als ich Johanna vor mir stehen sah in ihrer blühenden Schönheit, da fühlte ich im ersten Blick, den ich in ihre tiefen Augen tauchte, dass mein Herz seine Heimat gefunden hatte. Aber ich dachte meines Vaters, der bei all seiner Leutseligkeit und Güte so strenge zwischen Menschen und Menschen unterschied, ich dachte meines eigenen Stolzes ... und so hab ich gekämpft und gestritten wider dieses Gefühl, habe die Gefahr geflohen, als ich mich zu schwach fühlte, um ihr zu widerstehen, und habe gegrollt mit meiner Mutter, als sie mir die Versuchung heimführte unter das eigene Dach. Versuchung? Nein! Wir gehörten zu einander! Das wussten und fühlten wir beide, und dennoch gingen wir aneinander vorüber mit fremdtuendem Gruß und steifer Höflichkeit - - bis die Natur ihr verkümmertes Recht sich erzwang, bis sie uns zusammengab in einer Stunde der jäh aufflammenden Leidenschaft. Es war in mir nicht der leiseste Gedanke von Schuldbewusstsein oder Groll wider mich selbst, ich wusste nur, dass ich das Glück meines Lebens gewonnen hatte. Wir gehörten uns an vor Gott, und in seliger Hoffnung sah ich schon der Zeit entgegen, in der wir uns auch angehören sollten vor den Menschen. An jenem unheilvollen Morgen war es, da hab ich mit meiner Mutter gesprochen, und mit Freuden hat sie mir das Ja gesagt. War ihr doch Johanna längst schon wie eine Tochter, unserem Namen ebenbürtig durch den Adel ihres Herzens und ihrer Seele! Doch als ich Johanna suchte, um ihr die freudige Botschaft zu bringen, hatte sie das Haus verlassen. Eine jähe Angst befiel mich, als ich auf ihrem Pult einen Brief mit meinem Namen fand. Doch als ich gelesen hatte, war alle Angst und Sorge verschwunden. In Worten von herzberauschender Innigkeit sprach sie zu mir in diesen Zeilen von ihrer tiefen, unverbrüchlichen Liebe. Sie hätte geliebt und Liebe gefunden ... mehr dürfe sie von ihrem Schicksal nicht begehren. Sie wüsste, welch eine starre Schranke den Edelmann von dem Kind des Dorfes schiede. Und so wollte sir mir den Kampf zwischen Pflicht und Liebe ersparen. Es stand in diesen Zeilen kein Wort, welches nur die leiseste Ahnung ihres fürchterlichen Entschlusses in mir hätte erwecken können. Wohl sprach sie vom Gehen, von einem Abschied für immer und ewig ... aber ich dachte dabei nichts anderes, als dass sie zurückgekehrt wäre in ihre Heimat. In fliehender Eile rüstete ich mich zur Reise, ich wollte ihr folgen, ich war schon auf der Schwelle meines Zimmers - - da standest plötzlich Du vor mir! Und als ich Deine wie im Wahnsinn glühenden Augen sah, Deine schmerzverzerrten Züge, da zuckte jählings die entsetzliche Ahnung in mir auf - - o, ich war von Deinen Worten schon zu Tod getroffen, noch ehe Deine Hand sich gegen meine Stirn hob."

Erschauernd in Schmerz und Weh bedeckte Luitpold das Gesicht mit beiden Händen. Die Knie begannen ihm zu zittern, und er drohte niederzustürzen vor Schwäche und Erschöpfung.

"Luitpold! Luitpold!", schluchzte Ferdl, sprang auf ihn zu und fing ihn auf in seinen Armen.

Lange saßen sie wortlos Seite an Seite auf dem Lager, bis endlich Ferdl mit bebenden Worten das bange Schweigen brach. "Ich hätt's erraten müssen, wie alles war! Aber wie ich selbigsmal der Hanni ihren Brief g'lesen hab, da hat mich der Gram völlig blind g'macht, so dass ich nimmer nach'm wie g'fragt hab, bloß nach'm Was. Später freilich, wie ich hundert und hundertmal den Brief wieder g'lesen hab, da hab ich mir oft denken müssen, alles wär anders, als ich g'meint hab. Und wie ich jetzt bei Dir das Kapferl g'funden hab, mit der Hanni ihrem lieben Bildl, da hab ich mir gleich g'sagt, dass Du kein unguts G'wissen haben kannst ... sonst tätst doch so eine Mahnung an Deine Schuld net noch an der Ketten um Dein' Hals rum tragen. Freilich, freilich ... da schaut sich meine Schuld jetzt noch hundert Mal ärger an. Aber kannst mir's glauben ... schwer hab ich 'büßt dafür! Die selbigen zwei Tag und Nächt, die ich 'bracht hab von der Stadt bis heim, die wünsch ich mei'm Todfeind net. Und nachher die Nacht daheim! Und mein' Jörgenbruder anschaun müssen in sei'm Prast und sei'm Herzleid! Und die Wahl vor uns zwisch'm Nimmersehen und zwischen Schand und Zuchthaus! Und nachher g'hetzt, wie ein Tier ... und nachher ... nachher! G'wiss wahr! Wie ich den Sprung über'n Höllbach g'wagt hab, und wie's mich nieder g'rissen hat übers gache G'schröff, da hat sich 's Sterben für mich schier ang'schaut wie Erlösung. Den ersten Auffall hab ich noch g'spürt, und wie's mich hin und her wirft von einer Platten zur andern ... nachher is mir die B'sinnung g'schwunden ... und ich weiß nix mehr von mir bis zu dem Augenblick, wo ich auf einmal wieder aufwach und spür, dass ich auf festem Boden lieg, tropfnass am ganzen Leib, schier starr vor Kälten, und dass 's Wasser wegrauscht über meine Füß. Kaum hab ich mich aufheben können. Wie erschlagen war alles in mir. Und dengerst hab ich nach ein paar Stund meine Arm und Füß ganz richtig brauchen können. Und so bin ich g'sessen, Stund um Stund, unter mir der wilde Höllbach, über mir ein G'wänd und G'stein, wo einer fliegen hätt können müssen, wann er nauf hätt mögen in d' Höh. Schon hab ich drüber nachsinniert, wie man sich 's Verhungern leichter machen könnt, da vermerk ich auf einmal, dass an dem Platzl, wo ich g'legen bin, ein G'höhl in Berg 'nein geht. Da hab ich mich aufg'macht, hab mich weiter'tappt und weiter in der Finstern, von ei'm G'höhl bin ich ins ander 'kommen ... und nienderst, nienderst hab ich ein' Ausweg g'funden. Und es muss doch einer dasein, hab ich mir allweil g'sagt, weil ich überall und überall die frische Zugluft g'spürt hab. Und so hab ich net aus'lassen mit'm suchen ... aber wer weiß, ob ich 'naus g'funden hätt, wenn ich net in ei'm schmalen Felsengang, grad wie ich schon wieder umkehren hab wollen, eine Feldermaus hätt aufflattern hören. Das Tierl ist mein Engel g'wesen ... mit aller G'walt hab ich mich durchg'arbeit' durch's G'stein ... und auf einmal hab ich d' Lichten schimmern sehen ... und nachher bin ich draußen g'standen unter der lieben Sonn, z'mittelst drin in die dicksten Latschen."

Aufseufzend verstummte er und starrte, in Erinnerung versunken, vor sich nieder.

"In die Latschen hab ich die Nacht erwart', fuhr er nach einer Weile mit ruhigerer Stimme weiter, "nachher bin ich nunter ins Ort ... und wie ich mei'm Jörgenbruder seine Freud und sein' Jubel g'sehen hab, da is mir mein Leben dengerst auch wieder wert worden. Ich hab ihm verzählt, wie alles zu'gangen is, hab ihm verzählt, wie alles zu'gangen is, hab ihm verzählt von dem fürchtigen G'höhl, das ich im Berg drin g'funden hab ... und da hat er g'sagt: "Ferdl! Wo dich unser Herrgott hing'führt hat, da bleibst! D'Leut reden von Dir wie von ei'm toten, kein Mensch mehr fragt Dir nach, und da kannst jetzt bleiben, so lang, bis alles verraucht und vergessen is. Was nachher weiter g'schehen soll, das wird sich schon finden mit der Zeit!" Und so bin ich halt 'blieben. Acht Tag is der Jörg heroben g'wesen bei mir und hat mir arbeiten g'holfen, den Höhlboden von die Steiner säubern und den Zugang weiter machen, damit man leichter beischaffen könnt, was nötig war. Draußt vor'm Ausgang haben wir ein' mannshohen Steinblock über Walzen g'legt, so dass er mit ei'm leichten Drucker schon auf d' Seiten 'gangen is, grad wie eine Tür. Seine ganze Sennhütten hat der Jörg ausg'räumt, damit er mir 's Hausen daherin ein bissl leichter macht, und mit allem hat er mich versorgt, was ich 'braucht hab zum Leben und zum Zeitvertreib. Und von da an is der Tag meine Nacht g'wesen, und die Nacht mein Tag ... eh net die Stern am Himmel g'standen sind, hab ich mich ja nie net rauswagen dürfen aus'm Berg. Ein paar Wochen hab ich's gern erlitten ... aber später is mir mein g'storbenes Leben härter und härter an'kommen mit jedem Tag. Bei all dem Sinnieren in meiner Einschicht is mir mein Herz und mein G'wissen so steinschwer worden ... und wenn ich auch um deinetwegen, Luitpold, ein bissl leichter 'denkt hab, wie mir's durch mein' Jörg bekannt worden is, dass's besser geht mit Dir, so hat mich doch meine andere Schuld, die ich in der Verzweiflung mitverübt hab, ohne dran z'denken, schwerer und schwerer 'druckt in mei'm Stolz und in meiner Ehr. Ich bin ja Soldat g'wesen mit Leib und Seel ... und ich hab's auch bewiesen, wie's 'golten hat, drin in Frankreich - - und ich, der ich so stolz g'wesen bin auf meine zwei Kreuzeln und auf mei'm lieben König sein farbigs Tuch, ich hab meine Fahn verlassen und hab's selber g'macht wie Einer, vor dem ich einmal ausg'spieen hab in Abscheu und Verachtung."

Aufstöhnend drückte Ferdl die zitternden Fäuste über die Augen, aus denen ihm die dicken Tränen nieder rollten über die blassen Wangen.

"G'wiss wahr! Hundertmal für einmal hab ich mir g'sagt: Ferdl, geh hin, stell Dich wieder bei'm Regiment, tu's, tu's und frag net, was darnach kommt ... aber wann ich mei'm Jörgenbruder in die traurigen Augen g'schaut hab, war's wieder aus und gar mit all mei'm Mut! "Mein' Hanni is dahin ... und jetzt soll ich Dich auch noch verlieren ... zum zweiten Mal! Und wohin verlieren! In Schand und Zuchthaus! Na, Ferdl, da erschlag mich lieber gleich, eh mir so was antust!" Das war seine einzige, ewige Red. Bald aber hat sich 's Blattl g'wendt. Da hab ich am Bleiben halten müssen ... und er hat 'trieben, dass ich jetzt bald fort sollt über die Grenz. Ich hab eben g'merkt, mit was für Gedanken er sich tragt. Sein' Finkenhof will er verkaufen! Sein' Finkenhof! Wo schon seit hundert und hundert Jahr allweil nach'm Vater der Sohn g'haust hat! Und mir z'lieb will er's tun, damit er mit mir und seine Leut fortziehen könnt, fort ins Amerika. Aber ehnder ich so was zulass, lieber verbring ich mein ganz Leben daherin im Berg, wenn auch gleich seit die letzten Tag was über mich 'kommen is, was mich mit doppelter G'walt nauszieht ins Licht und unter die Menschen!"

"Und Du wirst zurückkehren zu den Menschen, zu jenen, die Dir lieb sind!", fiel Luitpold mit bewegten Worten ein. "Eines ist schon geschehen, um Dir diese Rückkehr zu erleichtern. Alle, die Dich um meinetwillen anklagten, glauben heute, dass Dich nur Entsetzen und falsche Furcht zur Flucht getrieben, nicht das Gefühl der Schuld."

"Ich weiß, was Du sagen willst. Heut in der Nacht noch is der Jörg bei mir g'wesen, und - - aber so was darf ich net zu'lassen ..."

"Auch nicht, wenn ich Dein Schweigen fordern würde ... bei dem Andenken an unsere Johanna? Wo kein Kläger ist, Ferdinand, da wird auch kein Richter sein. Hast Du nicht selbst gesagt, dass wir wett sind, wir beide untereinander. Es wäre ja auch nie so weit gekommen, wär ich nicht durch Tage und Wochen schwerkrank darnieder gelegen ... nicht durch die Wunde auf meiner Stirne ... durch die Wunde in meinem Herzen. Und als das Fieber in mir erlosch und die Besserung begann, haben sie mir Deinen vermeintlichenTod verheimlicht, um meine zögernde Genesung nicht aufs neue zu gefährden. Da auch niemand kam, um eine Aussage von mir zu begehren, dachte ich nichts anderes, als dass wir beide allein, nur Du und ich, von jener Begegnung auf der Schwelle meines Zimmers wüssten. Man glaubt ja, was man hofft ... selbst wenn sich die Hoffnung an die Unmöglichkeit und an den Widersinn klammert. In der trübsinnigen Schwermut, in der ich in meinem Schmerz um Johanna die Tage auf dem Krankenlager verbrachte, war ich ja auch nicht fähig zu ruhigem und klarem Denken. Dann führte mich meine Mutter auf den Rat der Ärzte nach dem Süden ... und erst vor wenigen Tagen bin ich zurückgekehrt. Es drängte mich, Dich aufzusuchen, mich mit Dir auszusprechen. Ich ging zu Deinem Regiment, um Deinen jetzigen Aufenthalt zu erfragen ... und da starrten sie mich an wie einen Wahnsinnigen - - und nun erst hab ich erfahren, was alle, alle in meinem Haus vor mir verschwiegen. Mein ersten Gefühl bei dieser erschütternden Nachricht hat mir die Worte auf die Zunge getrieben, die dich freisprachen von aller, um meinetwillen Dir aufgebürdeten Schuld. Und jetzt ... und jetzt!" In überwallender Bewegung fasste in Ferdls beide Hände und schaute ihm mit einem freudig glänzenden Blick in die bangen Augen. "Wie dank ich es meinem Herzen, dass es mich hieher gerieben ... zu Deinem Bruder ... zum Grab meiner Johanna! Jetzt kann alles, alles noch gut werden, was noch gut zu machen ist. Was Du als Soldat getan ... freilich ... da wirst Du die Strafe auf Dich nehmen müssen, die sie Dir zuerkennen werden ... aber ich hoffe, sie wird nicht eine allzustreng sein. Ich habe mächtige Freunde, ich will ihren ganzen Einfluss für Dich geltend machen ... und die beste Fürsprache hast Du an der guten, ehrenvollen Erinnerung, in der Du um Deiner früheren Führung willen bei den Offizieren Deines Regiments stehst. Und jetzt ...", vom Lager aufspringend löste er seine Hände aus denen Ferdls, um in nachlässiger Hast sein Gewand zu ordnen, "jetzt führe mich, Ferdinand, lass mich gehen, es drängt mich, bald zu tun, was ich zu tun vermag. Und Du versprich mir, nichts zu unternehmen, nicht von hier zu gehen, eh ich Dir nicht Nachricht sende oder eh ich Dich nicht selbst von hier forthole. Komm. Lass uns gehen! Es drängt mich ja auch, den Gidi, den guten Burschen, von der Sorge zu befreien, die er wohl um mich fühlen wird, da er ja glauben muss ..."

"Der Gidi war net in der Hütten!", schrie Ferdl freudig auf.

"Nein, ich habe sein Lager leer gesehen, und es war auch die Türe von außen verschlossen. Wohin er gegangen ist ...", ein feines Lächeln spielte um Luitpolds Lippen, "ich kann es vielleicht vermuten ..."

"Na, na! Da is was net in der Ordnung," stieß Ferdl in neu erwachender Sorge hervor, "das muss ich mir sagen, wenn ich an alles denk, wenn ich mich auf den Schuss b'sinn, den ich g'hört hab ..."

"Ein Schuss!", fuhr Luitpold erschrocken auf. "Der kann nur ihm gegolten haben! Und wir stehen noch hier, während vielleicht der arme Bursche ..."

Kaum hörte er noch auf Ferdls Worte, der ihm seinen Wettermantel und einen Hut aufzudrängen suchte - und er war schon in der Mündung des Felsenganges verschwunden, ehe noch Ferdl die Fackel von der Wand zu reißen vermochte.

Sie gewannen das Freie und stiegen am Rand des Höllbachgrabens nieder. Von der Stelle, auf welcher die Jagdhütte gestanden, schimmerte ihnen nur noch eine matte Röte entgegen. Als sie den Almensteig erreichten, löschte Ferdl die Fackel - sie hörten Stimmen und Tritte näher kommen. Es waren zwei Holzknechte, die zur Holzerhütte zurückkehrten. Von ihnen erfuhren sie alles, was mit Gidi sich begeben hatte.

"Jetzt liegt er droben in der Bründlhütten, auf der Sennerin ihrem Kreister," berichtete der eine. "Diemal macht er schon die Augen auf, fallt aber aus ei'm Taumel in andern. Es is ein harber Schuss, den er 'kriegt hat, und er wird dran z'beißen haben, wann er's durchreißen will. Da auf der rechten Brustseiten hat ihn der Lump nein g'schossen, durch die Schulter is die Kugel durchaus, und am Hals hat's ihn auch noch ein bissl g'streift. Ja, dran z'beißen wird er haben."

In hastigem Gang folgten Luitpold und Ferdl dem Steig. Ein um das andere Mal musste Ferdl den Grafen mahnen, ruhigeren Schritt zu halten und seine durch all das Überstandene ohnehin so sehr geschwächte Kraft zu schonen. Doch Luitpold schüttelte immer nur den Kopf und beschleunigte noch die Eile seines Ganges.

Als sie aus dem Wald auf die Almenlichtung traten, sahen sie schon die blinkenden Fenster der Hütte und hörten schon die Leute reden, welche die hell erleuchtete Tür umstanden, Sennerinnen der nächsten Almen, Kühwehrer und Schafhüter. Je näher sie der aufgeregten Gruppe kamen, desto deutlicher hörten sie eine Stimme aus all den andern heraus. "Der Dori!", flüsterte Fredl und lauschte wieder den Worten des Burschen. "Ja, und so hat halt jetzt die Enzi dem Gidi 's Leben g'rett'," hörte er ihn sagen. "Die is zum Neiden! So was is ein Glück! So ein Glück hat halt ein andrer net ... und wann er sich auch die Augen drum ausschaut. Und wann er 's Glück haben könnt ... nachher verschlaft er's!"

Schon wurden die Leute auf die beiden aufmerksam, die sich ihnen näherten. Da reichte Luitpold seinem Gefährten schweigend die Hand zu langem und festem Druck. Sie verstanden sich auch ohne Worte.

Während Luitpold der Türe zuschritt, huschte Ferdl hinter eine Mauer hoch aufgeschichteten Brennholzes. Als er die Hütte umgehen wollte, kam er an einem offenen, erleuchteten Fensterchen vorüber und verhielt die Schritte. Da drinnen sah er auf dem Kreister der Sennerin den Jäger liegen. Das blutleere Gesicht zeigte in der Umrahmung des dichten, schwarzen Bartes eine erschreckende Blässe. Doch war es nicht entstellt von irgend einem Ausdruck des Schmerzes, es lag vielmehr ein still glückseliges Lächeln auf Gidis Zügen, während die matt glänzenden Augen mit regungslosen Blicken auf das Gesicht der Dirne gerichtet waren, die mit zitternden Händen ein feuchtes, dick gefaltetes Tuch über die entblößte Schulter des Jägers breitete.

"Wie das wohl tut, Enzi, wie das wohl tut!", glitt es mit müden, zitternden Worten von Gidis Lippen.

"Geh, geh, tu mir nur grad net reden! Ich bitt Dich, halt Dich doch stad!"

"No ja ... aber gelt - - jetzt hast mich halt dengerst reing'holt in Dein' Hütten ... so oder so!"

"Na, na!", fuhr Enzi schluchzend auf. "Jetzt is er halber hin ... und kann von so was reden!"

"Aber geh ... das bissl Blut! Ich muss ja schier dem Baltl noch ein Vergeltsgott sagen ... 'leicht hätt ich sonst gar z'lang auf Dich warten müssen! Aber ... was ich sagen will ... is keiner net da, der 'nüber springt ... zu mir in die Hütten? Mein junger Herr Graf ... der könnt sich ja sorgen um mich, wann er aufwacht und ... und ich bin nicht da bei ihm."

"Jesus Maria! Dein Graf ... war in der Hütten!", hörte Ferdl die Dirne stammeln, während sie mit aschfahlem Gesicht zurücktaumelte vom Lager. Doch sah er mit dem gleichen Blick, wie Luitpold auf der Schwelle des Stübchens erschien, und da wandte er sich vom Fenster und eilte mit lautlosen Schritten hinaus in die Nacht.

Er erreichte die Pforte seiner traurigen Behausung und hob schon die Hand, um den Stein beiseite zu rollen. Doch ließ er kopfschüttelnd den Arm wieder sinken. "Luft! ... Luft muss ich haben! Und Stern muss ich sehen!" Er streckte sich nieder auf das Gestein, verschlang die Hände unter dem Nacken und starrte empor zu den funkelnden Augen des nächtigen Himmels. Noch einmal zogen in seiner Erinnerung die letzten Tage, die letzten Stunden an ihm vorüber. Bangen und Hoffen kämpften in seinem Herzen. Bald lächelte sein Mund, und der Ausdruck schwärmerischer Seligkeit lag über seinen Zügen. Bald wieder waren seine Lippen herb geschlossen, und finstere Falten furchten seine Stirne; dann wieder lächelte er und schaute mit hellen Blicken zu den schimmernden Sternen auf, als läse er aus ihnen die heiß ersehnte Antwort auf alle stummen Fragen seiner Hoffnung.

Stunde um Stunde verrann. Zwischen den Kuppen der östlichen Berge tauchte schon, die Sterne löschend, eine fahle Blässe über den Himmel empor, und drunten im Tale schieden sich schon die regungslos von Berg zu Berg gelagerten Nebel in mattem Grau von dem tiefen Dunkel der steil gebauten Wälder.

Da erhob sich Ferdl - nun begann ja seine Nacht. Schon streckte er die Hand nach der steinernen Pforte, da war es ihm, als hätte er das Geräusch von Tritten gehört. Mit lautloser Vorsicht huschte er durch das Gezweig, erreichte die offene Platte und hätte fast vor jäher Freude laut aufgeschrieen, als er die dunkle Mädchengestalt gewahrte, die sich mühsam emporarbeitete über den rauen Grund.

Sie! Sie kam wieder zu ihm, die vor ihm geflohen in Furcht und Grausen! Er wagte kaum seinen Blicken zu trauen. Regungslos verhielt er sich am Rande des Gebüsches, und da sah er das Mädchen mit gefalteten Händen stille stehen und hörte es schluchzen: "O lieber Herrgott! Grad noch ein bissl Kraft! Grad noch ein bissl!" Und wieder sah er, wie das Mädchen sich weiter aufwärts mühte über das Geröll, wie es sich gegen einen Felsblock lehnte, jetzt einen Stein von der Erde las und ihn hinauswarf über den Rand des Höllbachgrabens.

Da vermochte sich Ferdl nicht länger zu halten. "Beverl! Beverl!", jubelte er auf. "Du! du kommst wieder zu mir!" Und mit ausgestreckten Armen eilte er auf das Mädchen zu.

"Jesus Maria ... jetzt is er schon da!", stammelte Beverl, vor Schreck und Bangen in die Knie brechend.

"Du! Du kommst zu mir!", war Ferdls einzige Rede, während er Beverls eiskalte Hände fasste, während er sie emporzog und die Zitternde nieder gleiten ließ auf einen moosigen Stein. "So eine Freud! Du! Du kommst zu mir! wie soll ich Dir das vergelten, Du liebs, liebs Deanerl Du!"

"Na, so net, so musst net reden zu mir ... net so gut und freundlich!", sprudelte es mit Schluchzen und Stammeln von Beverls Lippen. "Du hast mir bloß Liebs und guts erweisen, Du hast mich b'schützt vor'm Wetter, Du hast mich 'pflegt und hast mir mein' Fuß verheilt ... und ich bin fort von Dir ohne Wort und Vergeltsgott. Straf mich, wie sich's g'hört! Aber ihn musst es net büßen lassen, für den ich bitten komm. Was liegt an mir ... und wenn's um mein Leben geht! Aber er hat Weib und liebe Kinder! Und unschuldig is er doch g'wiss ... da leg ich meine Hand ins Feuer. Und Du ... Du musst es ja wissen, weil Du alles weißt! Aber helfen musst ihm ... seine Unschuld musst an Tag bringen, ich bitt Dich um Tausendgottswillen! Fang mit mir an, was Du willst! B'halt mich bei Dir im Berg, wann du magst! Ich will net erschrecken, und gern will ich's leiden. Aber seine Unschuld musst erweisen, dass er wieder heimgehn kann zu sei'm verlassenen Weib und zu seine armen, lieben Hacherln, die sich die Augen ausweinen um ihren guten, braven Vatern!" Beverl schlug die Hände vor das Gesicht, und ihre Worte erstickten in bitterlichem Schluchzen.

"Ja um Gottes willen!", stotterte Ferdl. "jetzt weiß ich gar net - - Beverl! Aber so red doch! Was is denn passiert! Es wird doch mit'm Jörg nix g'schehen sein!"

"Ja, ja, mein' Jörgenvetter haben s' fort! Die Schandarm sind 'kommen heut in der Nacht und haben Haussuchung g'halten ... und ein Schleicher wär er, haben s' g'sagt ... und haben ihn fortg'führt, 'nein ins Stadtl aufs Amt!"

"O Du lieber Himmel! ja wie wär denn so was möglich!", fuhr Ferdl jammernd auf.

"Es haben's auch gleich alle g'sagt, alle im Finkenhof, dass die ganze Sach nix anders is, als wie eine Bosheit vom selbigen ... vom Kommandanten. Gestern Abend noch hat mir die Mariann erzählt, dass er dag'wesen wär, und dass er mich hätt heiraten mögen ..."

"Was! Ah, den schau an!"

"Ja ... und dass ihm der Jörgenvetter gleich zur Antwort 'geben hat: Da soll er sich nur nie nix einbilden ..."

"Das denk ich, dass ihm da der Schnabel sauer bleibt!"

"Und jetzt ... jetzt muss er's büßen, mein guter Jörgenvetter, dass er mich lieber bei ihm selber b'halten hätt und - - ja ... und heut in der Nacht is's g'wesen, um elfe rum, da bin ich mit der Mariann in der Stuben g'sessen bei der Nähterei ... und allweil hat sich die Mariann schon g'sorgt, dass er so lang ausbleiben tut, der Jörgenvetter. Ja, ganz um'trieben hat sie's. Und auf einmal is er 'kommen, eine schwere Kraxen hat er am Buckel 'tragen, und der Kommandant is bei ihm g'wesen und der andere Schandarm. Auf der Straß draußt haben s' ihn 'troffen und haben g'sagt, sie hätten mit ihm z'reden, und sind mit ihm bis 'rein in Finkenhof. Na, wie die arme Mariann erschrocken is! Und nachher hat der Kommandant zum reden ang'fangt, ganz scheinheilig, wie wenn er dem Jörgenvetter sein bester Freund wär ... und da hat er was g'sagt von ei'm G'red unter die Leut, von anonyme Zuschriften und vom Leitnervaltl, der auf die Schandarm allweil spötteln tät: Ob 's denn net wüssten, wo der Finkenbauer schlaft, wann er net daheim is in der Nacht ... ja, und da hat er g'sagt, der Kommandant, dass er auf all das G'red nix gäb, weil er den Jörgenvetter kennen tät, aber er müsst seiner Stellung z'lieb einmal was tun, um die Leut zum schweigen z'bringen, und weil er halt jetzt grad den Jörgenvetter vom Berg her kommen hätt sehen, mit der g'ladenen Kraxen, so möcht er halt grad einmal der Form wegen fragen, wo der Jörgenvetter her käm, und was denn eigentlich drin wär in der Kraxen?"

"Jesses na!", fiel Ferdl erschrocken dem Mädchen in die sprudelnde, schluchzende Rede.

"Wie ihn der Jörgenvetter so reden hört, da wird er käsweiß über und über ... natürlich, so eine Schand, das kann ein' wurmen! ... und schier 'packt hat er den Schandarm, der sich schon herg'macht hat über die Kraxen. Und wie die Kraxen auf'bunden wird, sind lauter Schnitzersachen drin ... ja grad die schönsten Sachen. Da hat sich der Kommandant jetzt g'stellt, wie wann er selber ganz erschrocken wär, und hat den Jörgenvetter g'fragt, wo denn die Sachen her sind ... der aber hat kein' Silben nimmer rausbracht, ganz erstarrt is er dag'standen, und grad allweil auf'n Boden hat er nieder g'schaut. Und der Kommandant hat g'sagt: Wann er sich net ausweisen könnt, nachher müsst man glauben, dass die Sachen von Tirol 'rein g'schmuggelt sind, und da könnt er ihm nachher net helfen, und er müsst seiner Stellung z'lieb einmal was tun, um die Leut zum Schweigen z'bringen, und weil er halt jetzt grad den Jörgenvetter vom Berg her kommen hätt sehen, mit der g'ladenen Kraxen, so möcht er halt grad einmal der Form wegen fragen, wo der Jörgenvetter herkäm, und was denn eigentlich drin wär in der Kraxen?"

"Jesses na!", fiel Ferdl erschrocken dem Mädchen in die sprudelnde, schluchzende Rede.

"Wie ihn der Jörgenvetter so reden hört, da wird er käsweiß über und über ... natürlich, so eine Schand, das kann ein' wurmen! ... und schier 'packt hat er den Schandarm, der sich schon herg'macht hat über die Kraxen. Und wie die Kraxen auf'bunden wird, sind lauter Schnitzersachen drin ... ja grad die schönsten Sachen. Da hat sich der Kommandant jetzt g'stellt, wie wann er selber ganz erschrocken wär, und hat den Jörgenvetter g'fragt, wo denn die Sachen her sind ... der aber hat kein' Silben nimmer rausbracht, ganz erstarrt is der dag'standen, und grad allweil auf'n Boden hat er niedg'schaut. Und der Kommandant hat g'sagt: Wann er sich net ausweisen könnt, nachher müsst man glauben, dass die Sachen von Tirol 'rein g'schmuggelt sind, und da könnt er ihn nachher net helfen, und er müsst ihn fortführen aufs Amt. 'So führts mich fort!' das war dem Jörgenvetter sein' Red ... aber die Mariann hat 's Jammern ang'fangt, hat sich hin g'hängt an ihn, und grad naus g'schrieen hat s': 'Jörg, Jörg, den an Deine Kinder! Jetzt musst reden ... jetzt musst reden!' 'Aber Mariann!' hat er g'sagt und sonst kein Wörtl net, und ang'schaut hat er s' mit zwei Augen, dass die Mariann grad 'zittert hat am ganzen Leib ... und net eine Silben mehr hat s' g'redt ... und naus is s' aus der Stuben und hat ihm die Kinder g'holt ... in die Hemderln hat s' ihm s' bracht und - - den Augenblick vergiss ich nie net in mei'm Leben, wie s' ihn forg'führt haben! Und er hat doch g'wiss nix Unrechts net verübt ... und unschuldig is er, so g'wiss, so g'wiss ... du musst es ja wissen! Und Du kannst es erweisen. Und helfen musst ihm ... helfen ..."

"Ja, Beverl, ja! G'holfen muss ihm werden!", brach es in bebenden Worten von Ferdls Lippen. "Und wer könnt besser helfen als ich! Aber sag ... weiß die Mariann, dass Du zu mir rauf bist?"

"Na, na, um Gottes willen, na!", fuhr Beverl aus ihrer stummen, zitternden Freude ganz erschrocken auf. "Ich weiß ja doch, dass bei so was 's Mitwissen von ei'm zweiten den guten Ausgang von Anfang an verdirbt. Und es hat ja auch keine Menschenseel erfahren, dass ich schon einmal ... daheroben g'wesen bin. Deine macht hat's ja so g'fügt, dass alle 'glaubt haben, ich wär auf der Wallfahrt g'wesen. Freilich ... ang'sehen muss man mir's schon haben, dass ich was recht Seltsams erlebt hab, denn die Mariann hat mich allweil gar so g'spassig ang'schaut, und allweil hat s' mich 'drängt, ich sollt ihr doch was erzählen von meiner Wallfahrt. Aber kein Sterbenswörtl hab ich g'redt ... ich weiß ja, dass man von so was net reden soll, wenn man's erlebt hat, denn sonst is aus und gar, und nie nimmer kann man - -" Erschauernd deckte Beverl das Gesicht mit beiden Händen.

Schweigend stand Ferdl vor ihr, und trotz der tiefen Sorge, die ihn um den Bruder erfüllte, umspielte ein leises, inniges Lächeln seine Lippen.

"Dass mich mein Weg so bald wieder da rauf führt, das hätt ich mir freilich nie net 'denkt," sprach Beverl nach einer Weile mit zitternder Stimme weiter. "Aber wie s' den Jörgenvetter so fortg'führt haben, und wie der Mariann schier 's Herz 'brochen is vor Prast und Gram, und wie die armen Kinderln so z'samm g'schrien haben um ihren Vater ... da hat mich mein erster Gedanken da rauf verwiesen, und zur Mariann hab ich g'sagt: "Mariann, tu Dich trösten, denn ich weiß ein', der helfen kann ... und sollt's mich mein eigens Leben kosten, ich ruf ihn an!" Und fort bin ich, fort ... und "Jesus Maria! Beverl! Beverl!", hab ich die Mariann ganz erschrocken noch schreien hören ... aber ich hab mich nimmer halten lassen, und fort bin ich, mitten in der Nacht ... und jetzt ... jetzt steh ich da vor Dir ... und du in Deiner Güt und Freundlichkeit, Du hast mir's ja schon versprochen, dass Du helfen willst! Und noch einmal bitt ich Dich um Tausendgottswillen, hilf, hilf ... und wenn ich mich selber drum geben müsst! ... hilft mei'm Jörgenvetter seine Unschuld erweisen!"

Zitternd am ganzen Leib, mit gefalteten Händen, mit angstvoll starrenden Augen, aus denen die Tränen nieder perlten über ihre blassen Wangen, so stand sie vor ihm im fahlen Dämmerschein des ergrauenden Morgens. Da schlang er die eine Hand um ihre Finger, zog sie zu sich heran, sah ihr mit einem tiefen, leuchtenden Blick in die schimmernden Augen und strich ihr sachte mit der anderen Hand die braunen Zaushärchen aus der weißen Stirn. Sie duldete es und rührte sich nicht.

Ein stockender Seufzer schwellte seine Brust. "Geh, Beverl," sagte er, "setz Dich nur grad ein bissl nieder! Ich bin gleich wieder da!" Zögernd gab er ihre Hände frei, wandte sich und eitle den dichten Büschen zu.

Sie sah ihn verschwinden und starrte regungslos auf die schwankenden Zweige. Als er nach einer Weile wieder erschien, führte er die Ziege an der Hand und hatte das Hansei auf der Schulter sitzen. "Da, Beverl, schau, den bring ich Dir!", sagte er und reichte ihr den Vogel, nach welchem sie unter stammelndem Dank mit beiden Händen griff. Dann schob er mit sanftem Drängen die Ziege von sich: "Geh, Zottin, geh ... kennst dich ja aus daheroben ... wirst den Platz schon wieder finden, von wo ich Dich g'holt hab, und 'leicht auch wieder ein bessers Leben, als Du bei mir hast haben können." Er schaute mit feuchten Augen dem Tier nach, das ihm durch lange Monate Gesell seiner bangen Einsamkeit gewesen. Dann wandte er sich hastig zu dem Mädchen. "Komm, Beverl, komm ... jetzt lass uns gehn!" Er griff nach ihrer Hand, die sie ihm willig reichte, während sie mit der anderen ihr Hansei an der Brust gefangen heilt. So schritten sie talwärts, dem Ufer des rauschenden Höllbachs folgend.

Das goldige Frühlicht der erwachten Sonne lag schon über den Almgehängen der jenseitigen Berge, als die beiden im Tal aus dem Wald hervortraten auf die von dünnen Nebel überzogenen Wiesen.

An einer Stelle, an welcher der Pfad sich teilte, hielt Ferdl inne. Erschrocken blickte Beverl zu ihm auf, und ein seltsam bedrückendes Gefühl beschlich ihr Herz, als sie in seine ernsten, sorgenvollen Augen schaute.

"Von jetzt an, Beverl, gehn unsere Weg auseinander," sagte er, und seine Stimme zitterte, "der Deinige geht heim ins Ort, der meinige geht naus ins Tal ... und führen soll er mich, wohin der liebe Herrgott will. Aber ehnoch ein Tag vergeht, soll der Jörg wieder daheim sein bei seiner Mariann und seine Kinder! Leicht dankst mir nachher mit ei'm guten Gedanken ... und wann erfahren sollst, dass Geister Menschen werden, so musst mir fein net z'arg erschrecken. Jetzt b'hüt Dich Gott!"

Mit beiden Händen hielt er ihre Hand gefasst und schüttelte sie unablässig, während ihm die Tränen in die Augen stiegen.

Nun wandte er sich hastig von ihr, taumelte Schritt um Schritt dahin - dann plötzlich wieder kehrte er sich zu ihr zurück, "Bevi, Bevi!", brach es schluchzend aus ihm hervor, mit ausgestreckten Armen eilte er ihr entgegen und riss sie an seien Brust, mit stammelndem Mund ihre Lippen suchend.

Sie wusste nicht, wie ihr geschah, wusste nicht, dass sie den eigenen Arm mit zärtlichem Druck um seinen Nacken geschlungen hielt - sie hatte die Augen geschlossen und trank unter Schauer und Zittern die heiße Glut dieses Kusses in ihre Seele.

Wer weiß, wie lange sie an einander würden gehangen haben, hätte nicht das Hansei, das zwischen Brust und Brust in drückende Gefangenschaft geraten war, mit zornigem Krächzen den Zauber dieses Augenblicks gebrochen.

Da löste Ferdl seine Arme, nahm Beverls Haupt in beide Hände und schaute sie an mit trunkenen Blicken. "Jetzt, Bevi, jetzt kann kommen, was mag!", jauchzte er mit klingenden Worten, drückte noch einen herzhaften Kuss auf ihre Lippen und stürzte davon, im grauen Nebel verschwindend.

Beverl stand und starrte ihm nach. Es lag über ihr wie Rausch und Betäubung. Alles Denken war in ihr erloschen - Gefühl war alles, was in ihr lebte und zitterte - Gefühl des Glückes und der Freude. Der Freude? Worüber? Doch wohl darüber nur, dass jetzt der Jörgenvetter wieder heimkehren sollte zu Weib und Kind? Das war ja beschworen - er hatte es ja versprochen - er, er! Und da fing sie nun doch schon wieder zu grübeln an. Ob es ihm leicht oder schwer werden würde, des Jörgenvetters Unschuld an den Tag zu bringen? Und welch ein Wort nur war das gewesen, das er gesprochen hatte? Vom Menschwerden? Aber wie einfach und selbstverständlich war der Sinn dieses Wortes! Unter all den Herren vom Gericht hatte doch keiner die Königsblume gefunden - und so musste doch der Alf aus freien Stücken menschliche Gestalt annehmen, wenn er diesen Leuten haarklein auseinandersetzen wollte, wie die Sache mit dem Jörgenvetter stünde. Und nichts, nichts, gar nichts hatte er von ihr zum Dank dafür begehrt. Er hatte sie im Gegenteil noch mit ihrem lieben, lieben Hansei beschenkt und hatte - hatte - -

Da schrak sie zusammen und fühlte, wie ihr alles Blut zu Herzen schoss. Er hatte sie geküsst! Und das wusste sie: Ein Geisterkuss tötet noch in der Stunde, in der man ihn empfangen. Sterben! Sterben! Und sie war so jung! Und die Welt ist so schön - die Berge, das Tal, der Wald, die Wiesen! Und sterben! Aber als sie so mitten in der Nacht davon gestürzt war, dem Jörgenvetter zuliebe, hatte sie da nicht gleich gedacht, dass es ans Sterben ginge? Umsonst ist der Tod! Und nun gab sie ihr Leben für das, was sie vor einem Augenblick noch umsonst erreicht zu haben meinte. Aber was lag an ihr! Der Jörgenvetter war gerettet! Und der Tod, der ihr bevorstand, konnte kein schwerer und schmerzhafter sein, das fühlte sie jetzt schon in ihrem Innern - es war ihr so - so - - sie wusste nicht wie! Doch bevor er käme, dieser gute, leichte, süße Tod, sollte doch die Mariann noch ihren Trost haben und sollte erfahren - -

Da fing sie schon zu laufen an, dass ihre Zöpfe sich lösten, dass ihre Röcke flogen und flatterten. Als sie den Finkenhof erreichte, kamen ihr die Kinder entgegengestürmt. Um ihren Händen und Fragen sich zu entwinden, überließ sie ihnen das Hansei. In der Stube traf sie die Mariann - kopfschüttelnd, mit gerungenen Händen, kam ihr die Bäuerin entgegen.

"Mariann, Mariann!", jauchzte und schluchzte Beverl. "Musst nimmer weinen! Musst nimmer jammern! Ich bin bei ei'm g'wesen, der helfen kann! Und es is auch schon g'holfen ... und der Jörgenvetter kommt wieder heim ... morgen, morgen schon ... 'leicht heut noch am Abend!"

Weshalb denn fuhr sich die Mariann nicht mit den Händen in das Gesicht, um ihre Tränen zu trocknen? Weshalb denn lachte sie nicht? Weshalb nicht schlang sie in Dank und Freude die Arme um Beverls Hals?

"Mein Gott, mein Gott, Beverl, was hast denn da jetzt ang'stellt!", jammerte die Bäuerin. "Na, na, was wird mein Jörg dazu sagen! Jetzt is alles, alles umsonst g'schehen ... alles für nix und wieder nix!"

"Na, net umsonst, Mariann, net umsonst!", stotterte Beverl. "Einer hat ja g'schworen, dass er helfen will! Und der hat nie ein' Schwur noch 'brochen. Du kannst ja net wissen ... Du kannst Dir ja net denken, wo ich g'wesen bin!"

"Freilich weiß ich's, freilich kann ich's denken! Wo anders wirst denn g'wesen sein, als droben am Berg, im Höllbachg'höhl, beim Jörg sei'm Brudern ... beim Ferdl droben!"

Mit leichenblassem Gesicht, wie zu Stein verwandelt, stand das Mädchen und starrte mit entsetzten, gläsernen Augen auf die Bäuerin, die des Jammerns kein Ende fand: "Und jetzt is alles umsonst ... das Wunder, das ihn g'rett' hatt aus'm Höllbach, das ganze, lange, traurige Leben im G'höhl, alles, alles, was mein Jörg um seinetwillen durch g'macht hat ... alles, alles umsonst ... und wann s' ihn erst haben, den armen Ferdl, nachher b'halten s' ihn auch und sperren ihn ein, wer weiß, wie lang ... dass er 's Heimkommen nimmer erlebt! Na, na, was wird mein Jörg - - aber Beverl, um Gottes willen, was is Dir denn!"

Beverls Lippen gaben keine Antwort mehr. Sie stand, die Hände auf die Brust gepresst, mit aschfahlen Zügen, mit gebrochenen Augen - jetzt kam ein Zittern und Schwanken über ihren Körper, und ehe Mariann mit den Armen die Ohnmächtige aufzufangen vermochte, stürzte sie mit dumpfen Schlag zu Boden.

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1 Jähzorn ^

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