Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 11

Drei Nächte und zwei Tage war Beverl schon vom Finkenhof fern. "Na, so eine weite Wallfahrt!", schmollte das Liesei unablässig, und immer wieder rechnete sie dem Pepperl an den Fingerchen vor, welch eine "fürchtig" lange Zeit verstrichen wäre, seit die Beverlbas den Hof verlassen hatte.

Und diese lange, lange Zeit, wie kurz war sie dem fernen Mädchen selbst erschienen!

In dieser immergleichen, von flackerndem Fackelschein erhellten Nacht, in der sie weilte, hatte Beverl alles Gefühl für die verstreichende Zeit verloren. Draußen über den Felsen brach der dritte Tag schon an, und Beverl wähnte die erste Nacht noch nicht vergangen. Bei allem, was sie sah und hörte, was sie dachte und fühlte, waren ihr die Stunden wie Minuten verflogen. Sie konnte sich nicht einmal darüber wundern, dass sie so häufig zu essen und zu trinken bekam und immer wieder zu schlafen vermochte - sie schrieb das kurzweg auf Rechnung der "zaubermassigen" Behandlung, in der sie sich mit ihrem kranken Fuß zu befinden wähnte. So musste sie auch glauben, dass die Besserung, die ihr Fuß in diesen Tagen und Nächten zeigte, der Erfolg von wenigen Stunden wäre. Das erfüllte sie aber durchaus nicht mit irgend welchem staunenden Respekt vor der Heilkunst ihres Alfen, es war das in ihren Augen nur die selbstverständliche Bestätigung für eine jener wundersamen Anschauungen, die sie von ihrem wunderlichen Vater überkommen und während ihres einsamen, idyllischen und träumerischen Lebens im Waldhaus genährt und großgezogen hatte, an die sie glaubte wie an den lieben Herrgott im Himmel droben. Ihre Seele glich dem See im Märchen, um welchen Kobold, Wichtlein und Zwerg ihre Spiele treiben, in welchem Nixen und Schwanjungfrauen auf- und nieder tauchen und goldene und silberne Fischlein schwimmen, um dessen weiße Rosen die lustigen Elfen ihren Reigen schlingen, während hoch darüber hin im Blumenwagen die Feen schweben, indes der Himmel mit seinen ewigen Sternen in der Flut sich spiegelt, die so lauter und keusch ist wie der Quell, der aus Felsen springt. Und so liegt der See in seiner geheimnisvollen Stille, bis das bärtige Sonntagskind an seine Ufer tritt, den Zauber bricht und die in den See gebannte Maid gewinnt für ein Leben in Glück und Sonne - "in Glück und Licht", wie Beverl den Edelweißkönig in ihrem seltsamen Traum hatte sagen hören.

Als sie damals aus dem Schlaf erwacht war, der an den "Traum" sich angesponnen, hatte sie sich an alles genau erinnert, was sie geträumt zu haben glaubte. Und da hatte sie um ihrer "geträumten Keckheit" willen kaum den Mut gefunden, ihrem Edelweißkönig ins Gesicht zu schauen. Es war aber auch fast anzusehen, als hätte der Alf in Wirklichkeit gespürt, was sie ihm in ihrem Traum Liebes erwiesen, ein so freundliches Lächeln und eine so helle Stirn wusste er ihr zu zeigen. Und wie er zu ihr war! Wie er mit ihr plauderte! Wie er alles und alles tat, was er nur zu tun vermochte, um sie vertraut und gesprächig zu machen. Er trank mit ihr die Milch aus der gleichen Schale, das Wasser aus dem gleichen Krug. Wenn sie aß, aß er mit ihr vom gleichen Teller, und wenn sie die Augen zum Schlaf schloss, legte auch er sich zur Ruhe auf seinen Mantel nieder, der, wie Beverl beschwören hätte können, aus den silbergrauen Blättchen von aberhundert Edelweißpflänzchen kunstvoll gefertigt war, wenngleich er sich ansah wie eine ganz gewöhnliche graue Lodenkotze. Das war es ja auch, was ihm Beverls Zutrauen zumeist gewann, dass er jedem Ding, welches in den Bereich ihrer Blicke kam, ein so Vertrauen erweckend natürliches Ansehen gab, und dass er alles, was er trieb und tat, so einfach und natürlich tat, "akrat wie ein richtiger Mensch", und so ganz ohne jedes "schreckhafte" Zauberwerk. Freilich - eine Probe seiner Zauberfertigkeit hatte er ihr doch gegeben - aber das hatte er ja nur getan, um ihr eine Freude zu machen. Und welch eine Freude! Sie hatte ihm berichten müssen, wie sie denn eigentlich so spät in der Nacht an jene Stelle gekommen wäre, an welcher er sie gefunden; und da hatte sie ihm von dem Wiedersehen mit ihrem Hansei erzählt, von der Verfolgung des Vogels und dazu des Vogels ganze Geschichte. "So? So is die Sach?", hatte er darauf gesagt. "Ja, wenn Du den Vogel gar so viel lieb hast, da muss ich schon was Übrigs tun!" Ehe sie noch recht gewusst hatte, was sie zu diesen Worten denken sollte, war er aus der Höhle verschwunden, dann war es ihr gewesen, als hätte sie durch die Felsen eine leisen Pfiff und ein lockendes Schnalzen vernommen - und dann plötzlich war er wieder vor ihr gestanden, auf der ausgestreckten Hand ihr liebes Hansei tragend, das die Flügel reckte und lustig darauf los schnatterte: "Do, do, a do, Echi, a do!" Geweint und gelacht hat sie vor heller Freude, und nicht mehr aus den Händen hatte sie den Vogel gelassen, der bald wieder so vertraut zu ihr wurde, als wäre er nie von ihr getrennt gewesen. Sie wurde nicht müde, mit ihm zu scherzen und ihn zu kosen, wobei sie seiner Zunge manch ein vergessenes Wort in Erinnerung brachte - und jener, dem sie diese Freude dankte, saß dabei zu Füßen ihres Lagers und betrachtete sie mit stillem Lächeln. Unterbrach sie das Spiel, so begann er mit ihr zu plaudern. Und was sie da alles zu hören bekam! Es machte sie ordentlich stolz, dass er so gar nicht geheim tat vor ihr. Als wäre sie seinesgleichen, so erzählte er ihr von seinem Geisterleben, von seinen Geistersorgen, von der unglaublichen Mühe, die ihm die Wartung und Behütung seiner zahllosen Schützlinge breite, wie überhaupt von allem, was als Edelweißkönig so seine Pflicht und Schuldigkeit wäre. Dazu erzählte er ihr die merkwürdigsten Geschichten von allerlei Menschenkindern, die durch die Kraft der Königsblume den Weg zu ihm gefunden. Bei all diesem Geplauder umspielte ein so eigenes Lächeln seinen Mund, als hätte er seine Freude an ihrem atemlosen Lauschen und Staunen. Und wie gut ihr dieses Lächeln gefiel! Wenn er so lächelte, konnte sie keinen Blick von seinem Gesicht wenden - sie trank es ordentlich hinein in ihre Augen. Und dieses Gesicht überhaupt! Freilich - er sah ja auch der Hannibas so ähnlich, die so schön gewesen war. Schon mehrmals hatte er mit ihr vom Dorf drunten geplaudert und von Leuten, die sie kannte - und da fragte sie ihn einmal, ob er auch ihre Hannibas gekannt habe. Eine Weile hatte er daraufhin geschwiegen und sie so eigen angeblickt, dann hatte er mit nickendem Kopf vor sich hingeflüstert: "Ob ich s' 'kennt hab, die Hanni, ob ich s' 'kennt hab!" Natürlich, wie hätte er die Hanni nicht kennen sollen, da er als richtiger Geist doch alle Menschen kennen musste. Und er wusste wohl auch von ihrem traurigen, frühen Tod, der ihm bitter leid tat in seinem guten Geisterherzen - das meinte sie aus dem schmerzdurchzitterten Ton seiner Stimme gehört zu haben. Sie hatte schon davon reden wollen, da war er plötzlich aufgesprungen, um an ihrem Fuß den Verband zu lösen. Dann hatte er sie einen Versuch machen lassen, ob sie schon zu stehen vermöchte. Prächtig war der Versuch gelungen. Sie hatte sogar ein paar Mal den ganzen Raum der Höhle durchschritten, ohne Schmerzen im Fuß zu empfinden. Nur ein wenig müde war sie geworden. Das hatte ihn zuerst so sehr gefreut. Auf einmal aber war er ganz still geworden, fast traurig, und als sie wieder auf dem Lager ruhte, hatte er sie lange angeschaut mit einem Blick, unter dem ihr bald heiß, bald kalt geworden war, und hatte gesagt: "Wie lang noch dauert's, nachher is Dein Fußerl ganz in Ordnung ... und nachher ... freilich, was hast denn nachher noch zu suchen bei mir? Nachher wirst halt gehn!" Es hatte ihr einen Stich durchs Herz gegeben bei dem wehmütigen, bitteren Klang dieser Worte. Dass sie einmal wieder gehen musste, von hier und von ihm - daran hatte sie bis zu diesen seinen Worten mit keinem Gedanken noch gedacht. Und nun, da er sie daran erinnert hatte, wusste sie gar nicht, wie seltsam ihr zu Mute wurde. Der Gedanke an das Gehen, an die Heimkehr zu den Ihrigen musste ihr doch Freude machen - und dennoch hätte sie lieber weinen als lachen mögen. Dann wieder dachte sie an ihn und meinte, das Gefühl, das in ihr war, nur um seinetwillen zu empfinden. Wie von Herzen gut musste er ihr geworden sein, da ihm der Gedanke an ihr Gehen so bitter wehe tat. Wie freundlich war er zu ihr gewesen! Was alles hatte er für sie getan! Wie hatte er sie gewartet und gepflegt. Und da sollte es nun ihr ganzer Dank sein, dass sie ein "Vergelts Gott" sagte und ihn allein ließ, so sterbensallein!

Diese Gedanken ließen nicht mehr von ihr, und über all dem Denken vergaß sie des Redens. Sogar ihr liebes Hansei hatte darunter zu leiden - am meisten aber wohl jener, der das Wort gesprochen, das so jählings ihren traulichen, an der Minute sich genügenden Verkehr zerstört hatte gleich einem bös wirkenden Zauber. Er wurde so wortkarg und in sich gekehrt. So still tat er alles, was er sonst mit freundlichen Worten und unermüdlichem Geplauder begleitet hatte. Aber so stumm auch ihre Lippen geworden waren, eine Sprache war ihnen geblieben. Wenn er zu Füßen ihres Lagers saß, wenn sie still lag und er kein Wort zu finden wusste, um das bedrückende Schweigen zu brechen, dann wussten immer wieder ihre scheuen, bangen Blicke seine traurigen Augen zu finden, und je häufiger sie sich fanden, desto länger hielten sie sich fest in still geheimnisvoller Sprache.

Aus solcher stummen Zwiesprach fuhr er einmal auf mit tiefem Seufzer und schüttelte den Kopf, als wollte er Gedanken von sich wehren, die ihn wider Willen überkamen. Mit bebenden Händen löste er den Verband von Beverls Fuß, und seine Worte klangen kurz und rau, als er sie aufforderte, nun wieder das Gehen zu versuchen. Da wurde sie völlig blass vor Schreck, und fühlte schon ein Zittern in allen Gliedern, noch ehe sie auf den Füßen stand. Er brachte ihr die Schuhe, und als sie dieselben angezogen hatte und ihm versicherte, das sie nicht den geringsten Druck oder Schmerz verspüre, nickte er nur. Dann wunderte sie sich darüber, wie prächtig sich das Gehen machte. Langsamen Schrittes wanderte sie ein um das andere Mal in der Höhle auf und nieder, und dabei sah sie ihn unablässig an, als warte sie auf ein Wort von ihm, dass es nun genug wäre.

"No schau, es geht ja ganz sauber," sagte er endlich. "Und da könnten wir ja gleich ein' größeren Spaziergang machen. Ich muss Dir doch einmal mein' ganze Behausung zeigen."

Er fasste ihre Hand und führte sie einer Stelle der Felswand zu. Zögernd folgte sie seiner Leitung, befangen von zitternder Scheu. "A do, a do!", schnatterte das Hansei und flatterte vom Kopfende des Bettes auf die Schulter des Mädchens, das sich vor eine dunkle, die Steinwand schief durchbrechende Felsenspalte geführt sah. Beverl hatte diese Spalte bisher mit keinem Blick noch gewahren können, und so dachte sie nicht anders, als dass ihr Alf mit einem stummen Zauberwort "die Felsen in aller Mitten auseinanderg'rissen" hätte.

Drei oder vier Schritte gingen sie im Dunkeln, wobei jenes Murmeln und Rauschen, welches Beverl unaufhörlich vernahm, sich zu nähern und zu verstärken schien. Dann machten sie eine Wendung, und mit einem leisen staunenden Ruf verhielt das Mädchen den Fuß. Sie stand in einem halbkugelförmigen Höhlenraum. Ein schmaler, feuchter Steingrund lief an der gekrümmten Wand entlang gegen ein enges Felsentor, durch das ein fahles Zwielicht schimmerte, ohne den tiefblauen Dämmerschein zu stören, der den ganzen Raum erfüllte. Dieses magische Licht schien aus dem kleinen See zu quellen, der dicht vor Beverls Füßen lag, jetzt ruhig und so glatt wie ein geschliffener Saphir von dunkler Farbe, im nächsten Augenblick aufwallend und Blasen werfend wie kochendes Wasser, und wieder still und ruhig, bis das alte Spiel begann. Dazu ein unablässiges Triefen und Rieseln an den Wänden, ein immerwährendes Klatschen der schillernden Tropfen, die von all den abenteuerlich geformten, bläulich schimmernden Zacken und Buckeln der gewölbten Decke niederfielen in die geheimnisvolle Flut.

"Wie g'fallt's Dir denn da?", hörte Beverl in ihrem bangen Staunen und Schauen den Alfen fragen. "Schau, das is mein Brunnen."

Sie nickte und flüsterte tief atmend vor sich hin: "Der Zauberbrunn!"

"Ganz recht, der Zauberbrunn," lächelte er, "weißt, aus dem ich 's Wasser trink, das ewig jung macht und ewig g'sund. Aber komm, da schau, da kannst Dich ein bissl setzen ... da sitz ich oft selber ganze Stunden lang und schau so 'nein in das blaue Wunder, weil's mir selber so viel g'fallt."

Er führte sie zu einer aus groben Felsenstücken an der Wand errichteten Bank, über welche ein Brett gelegt war. Lange saßen sie hier, schweigend vertieft in den Anblick des wundersamen Schauspiels.

Da schauerte Beverl fröstelnd zusammen. Sie war wohl völlig angekleidet, doch hatte sie ihr Tuch nicht umgeschlungen, so dass allein das dünne Linnen ihre Schultern deckte.

"Gelt ein bissl frisch is halt herin!", hörte sie den Alfen sagen. "Komm, gehn wir da naus, da draußen is dengerst ein wenig wärmer."

Er erhob sich und führte sie jenem engen Felsentor zu, durch das sie in einen breiten Höhlenraum gelangten, der ihnen gegenüber eine lang gestreckte, mannshohe Öffnung zeigte. Dieselbe musste ins Freie führen, denn durch sie erhielt der Raum ein Licht, als läge er im Frühschein eines erdämmernden Morgens. Für Beverls Augen schien nach all der langen Nacht, in der sie geweilt hatte, dies graue Licht der helle Tag zu sein. Unter halb geschlossenen Lidern hervor schaute sie umher und sah mit einem scheuen, verwunderten Blick ihren Alfen an.

"Siehst, das is mein' Werkstatt," sagte er, "mein Keller, mein Stadel, mein Schupfen, alles in ei'm. Und da draußen is der Stall. Ja, schier ein' ganzen Bauernhof hab ich da bei'nander."

Nahe der hellen Öffnung stand ein kleiner Tisch, der als Schnitzbank zu dienen schien und mit allerlei Werkzeug und halbvollendeten Schnitzereien bedeckt war. Daneben stand ein plump aus Brettern gefügter Schrank. In Ecken und Nischen waren Vorräte von Schnitz- und Brennholz aufgespeichert. An einem in der Wand befestigten Zapfen hingen große Stücke frischen Fleisches, und darunter sah mein ein blutiges Lammfell zum Trocknen über gekreuzte Stäbe gespannt.

Beverl schaute und schaute, und ihr Köpfchen hatte alle Gedanken voll zu tun, um diese ganze Natürlichkeit, die sich ihren Blicken bot, ins Übernatürliche zu übersetzen. Gar flink auch kam sie mit allem zurecht - nur mit den dicken Berggras-Büscheln, die in einer Ecke aufgeschichtet lagen, wusste sie nichts anzufangen, denn ihre erste Meinung, als wäre das eine Art von Geistergemüse, schien ihr denn doch ein wenig zu gewagt. Aber die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten, denn als sie sich mit ihrem Alfen jener Öffnung näherte, sah sie da draußen auf einem von magerem, mattfarbigem Moos bewachsenen Raum eine Ziege liegen. Meckernd sprang das Tier in die Höhe während das Hansei mit krächzendem "gedegg, gedegg" von Beverls Schultern flatterte und durch die Öffnung entflog.

"Jesses, mein Hansei!", fuhr Beverl stammelnd auf, die beiden Arme nach dem fliehenden Vogel ausstreckend.

"Geh, musst Dich net sorgen! Der Vogel kommt schon wieder. Der fliegt halt ein bissl umeinander, frische Luft schnappen."

Sie trat hinaus auf den von dicht ineinander geflochtenen dürren Latschenzweigen umhegten moosigen Raum - es war die Oberfläche einer mächtigen, überhängenden Felsplatte - und da wusste sich Beverl mit einem Mal jenes unablässige Murmeln und Rauschen zu erklären. Weißschäumende Wellen rollten ihr zu Füßen rasch vorüber, um weiter abwärts zwischen steil gesenkten Wänden brausend zu verschwinden, als stürzten sie in bodenlose Tiefe. Ein Schauder überflog das Mädchen, während es die Augen über den Lauf der Wellen aufwärts gleiten ließ bis zu einem brodelnden Wasserkessel, in den aus dunkler Höhe rauschende Fluten sich ergossen. Es war ein finsterer, unheimlicher Anblick, der ihren Augen auf diesem Weg sich bot: Überall Zeichen einer wilden Zerstörung und Verwüstung, überall verwaschenes, unterwühltes und zerrissenes Gestein, und in allen Fugen und Schrunden ein wirrer Wust von Unrat und zertrümmertem Holz. Und als sie von diesem finsteren Bild die Augen zur Höhe hob, in unwillkürlicher Sehnsucht den lichten Himmel suchend, versperrten vorspringende Steinplatten und ineinander greifende Felsgefüge ihren Augen den Aufblick, so dass sie trostlos wieder zurückkehren mussten zu dem unheimlich rauschenden Gewässer.

"Wie grausig, o, wie grausig!", seufzte Beverl schaudernd auf.

Und der an ihrer Seite stand, nickte mit dem Kopf und raunte vor sich hin: "Wie halt der Höllbach is!"

Erbleichend taumelte Beverl zurück. "Jesus Maria! Das is ... der Höllbach?", stotterte sie mit versagender Stimme und hob die zitternde Hand, um sich zu bekreuzigen. "Ich bitt gar recht schön ... dass wir fortgehn ... fort von da!"

Sie fühlte kaum, das er mit kalter, bebender Hand die ihre fasste, dass er sie zurückführte zu ihrem Lager - sie achtete nur darauf, dass jenes grausige Bild aus ihren Blicken schwand, dass jenes Brausen und Tosen ferner klang und wieder zu sachtem Murmeln und Rauschen sich dämpfte.

Zitternd sank sie auf das Lager und starrte mit angstvollen Augen ihren Edelweißkönig an, der ihr zu Füßen auf den Stuhl sich niederließ, die Arme auf die Knie stützte und wie in tiefen Gedanken die Stirn in die beiden Hände legte.

Als er nach langer, stummer Weile sich wieder emporrichtete, fragte er mit zögernden Worten: "Sag, Beverl, weswegen bist denn gar so arg erschrocken vor'm Höllbach?"

"Weil da ein Unglück g'schehen is, ein fürchtigs Unglück!", hauchte es von Beverls Lippen. "Das hat mei'm Jörgenvetter die Haar grau g'macht und hat ei'm 's Leben 'kost', der 's Leben wert wär g'wesen! Du musst es ja wissen ... Du ... der alles weiß!"

"Ah ja! Wer sollt's denn wissen, wenn ich's net weiß."

Beverl hatte kein Ohr für den seltsamen Ton dieser Worte. "Und Du ... Du hättst die Macht g'habt, das Unglück zu verhüten ... es is ja g'schehen in die Berg," so stammelte sie weiter in zitternder Hast, "weswegen net hast es 'tan ... weswegen net hast ihn g'rett'?"

"Schau, wann ich g'wusst hätt, dass er Dich gar so dauert ... wer weiß, 'leicht hätt ich's 'tan, Und wenn er jetzt leben tät ... sag, Beverl, wärst ihm ein bissl gut g'wesen?"

"O, g'wiss! Von ganzem Herzen gut! Ein einzigs Mal grad hab ich ihn g'sehen ... aber in der Nacht halt ... und so viel erschrocken bin ich g'wesen! Aber allweil hab ich an ihn denken müssen. Und alle, alle sagen, dass er so brav g'wesen is und so rechtschaffen, und keiner will's glauben, dass er so was Fürchtigs ang'stellt haben könnt, und dass er ..."

"Dass er Menschenblut an seien Finger hat!"

Beverl erschrak bis in die Seele vor dem dumpfen, tonlosen Klang dieser Stimme.

"Gelt? Jetzt verschlagt's Dir die Red! Und dengerst, schau, wenn Du wissen tätst, wie alles 'kommen is, 'leicht tätst von der Sach ein bissl besser denken als wie 's G'richt, das man hinter ihm herg'hetzt hat. Freilich ... 's G'richt is 's G'richt ... das därf net fragen: Warum? Das kann bloß fragen: Was? Aber Du! Sag, Beverl, wer is Dir 's Liebste g'wesen in dei'm ganzen Leben?"

"Mein Vaterl selig."

"Und jetzt denk Dir, es wär einer 'kommen, der Dein liebs Vaterl um sein' Ruh 'bracht hätt, um sein Glück und sein Leben ..."

"Ich hätt's net g'litten!", fuhr Beverl mit bebendem Worten auf. "Na! Na! Ich hätt's nett g'litten! Ich hätt ihn 'packt, den wilden Kerl ..."

"No schau, und gar viel anders hat's der Ferdl auch net g'macht. Was Dir Dein Vaterl war, das is dem Ferdl die Hanni g'wesen, sein Auf und Nieder, sein Alles! Und so viel g'freut noch hat er sich, wie s' ihn einb'rufen haben nach München zum Militär, weil die Hanni drin war in der Stadt. Und er hat s' auch oft g'nug g'sehen. Aber allweil schon hat er sich ein bissl Sorgen g'macht, weil s' so viel traurig drein g'schaut hat. 's Heimweh, hat er halt g'meint, 's Heimweh hätt ihr Herzl an'packt. Auf was anders hätt er gar kein Denken net g'habt! Und da hat er noch sei'm Brudern g'schrieben, ob's net g'scheider wär, sie täten die Hanni heim ... sie selber freilich hat nie nix wissen wollen, wann er mit ihr davon g'redt hat. Ja, und so kriegt er z' Mittag einmal ein' Brief vom Jörg, dass die Mariann kommt am andern Tag und die Hanni heimholt. Da is er gleich zur Hanni g'laufen und ... freilich hat er g'sehen, wie s' erschrocken is, aber er hat sich 'denkt: Vor lauter Freud. Am andern Morgen findt er auch ganz richtig die Mariann auf'm Bahnhof, und denen zwei ihr erster Weg, natürlich, is zur Hanni g'wesen. Die Hanni wär schon fort 'gangen, haben s' dort erfahren, und hätt die Richtung gegen dem Ferdl sein' Kasern zu g'nommen. Da sind s' halt jetzt der Hanni nach ... und ... und wie s' zur Torwach hinkommen, wird dem Ferdl ein Brief über'geben ... ein bildsaubers Fräulein hätt ihn da'lassen, hat der Posten g'sagt, und wär nachher gegen die Isar 'nunter'gangen."

"Ein bildsaubers Fräulein?", warf Beverl unter einem Seufzer flüsternd ein. "Das kann doch g'wiss niemand anders g'wesen sein, als die Hannibas!"

Er nickte müde vor sich hin. Nach einem schweren, stockenden Atemzug sprach er, die verschlungenen Hände zwischen die Knie pressend, mit tief bewegter Stimme weiter. "Der Ferdl macht den Brief auf und denkt sich noch allweil nix. Kaum aber fangt er 's lesen an, da hat sich alles 'dreht um ihn, und es is ihm g'wesen, als fielen die Häuser über ihn her und der Himmel und alles. Und die Mariann hat er bei'm Arm 'packt ... "komm, um Tausendgottswillen, komm," so hat er grad nausg'schrien, "'leicht is 's noch net z'spat, 'leicht holen wir s' noch ein" ... und fortg'rennt sind s' miteinander dass ihnen der Schnaufer schier aus'gangen is. Aber lang schon z'spat is g'wesen! Denn wie s' 'nunter kommen zur Isar, da sehen s' eine Menge Leut bei'nander stehn und - - Beverl, Beverl, wie soll ich Dir sagen, was das für ein Anblick war, wie s' so dag'legen is, die arme, arme Hanni, auf'm pflastrigen Boden, blass und stad ... und 's Wasser is von ihr g'ronnen ... und kein' Rührer nimmer hat s' 'tan!"

Beverl sah die Tränen nicht, die ihrem Alfen aus den starren Augen nieder kollerten in den Bart. Sie saß gebeugt und schluchzte leise in die vorgehaltenen Hände.

"Gelt, Beverl, Du weißt es schon noch, wie Dir selbigsmal g'wesen is, wie Dein Vaterl so dag'legen is vor Dir ... und da wirst Dir auch denken können, wie's dem Ferdl war! Du aber, Du hast weinen können und beten zum lieben Herrgott. Dem Ferdl aber hat kein Zährl den Brand in seine Augen 'kühlt, und nix anders net hat er sich denken können als wie das einzige: Mein' Hanni is dahin ... und der s' betrogen hat um ihr' Ruh und ihr Glück, der s' nein'zogen hat in die Schand, ins Wasser und ins ewige Verderben, der lebt ... der lebt! Und da is über ihn was 'kommen, wie Feuer ins Hirn, wie Nesseln ins Blut ... an kein' Mariann nimmer hat er 'denkt und an gar nix mehr, grad fort 'trieben hat's ihn, hin zu dem, der die Hanni auf sei'm G'wissen hat. Wie's ihm g'wesen is von dem Augenblick an, wo er die Hanni aus'm G'sicht 'kriegt hat, was er sich 'denkt hat, dass er denn eigentlich möcht, wie er den Weg zum selbigen g'funden und was er ihm zug'schrien hat ... auf das alles hätt er sich darnach nimmer erinnern können, und wenn's sein ewiges Leben 'golten hätt! Erst wie dem andern 's helle Blut über 's weiße G'sicht g'laufen is, wie er ihn niederstürzen hat sehen vor ihm, da is ihm die B'sinnung wieder 'kommen, da is ihm eiskalt worden über'm ganzen Leib ... und wie er in der eigenen Hand den blanken, blutigen Säbel g'sehen hat, da hat er erst verstanden, was g'schehen war ... da hat ihn aber auch schon die Angst und 's Grausen 'packt, dass 's ihn fort'trieben hat, g'martert von doppelter Verzweiflung ... über der Hanni ihr trauriges Sterben und über sein' eigene Schandtat..."

"Na, na, es war keine Schandtat net, es is ein Unglück g'wesen," schluchzte Beverl, "und unser Herrgott wird's ihm net vergessen haben, dass ihm das Herzleid um sein' liebe Schwester den Sinn verwirrt hat!"

"Beverl! Das war ein freundliches Wörtl und tausendmal sag ich Dir - -"

Betroffen von dem tiefinnigen Ton dieser Worte blickte Beverl auf, und da verstummte er, zog die Hände zurück, die er ihr in überwallender Bewegung entgegengestreckt hatte und sprach nach kurzem Schweigen mit leiser Stimme weiter. "Ja, tausendmal hab ich mir schon 'denkt, dass der liebe Herrgott Gnad für Recht hat ergehen lassen, weil er's dem Ferdl wenigstens erspart hat, ein Menschenleben auf sei'm G'wissen tragen z'müssen. Freilich ... es brennt ja Menschenblut schon g'nug! Und alles andere! Alles andere noch dazu! Aber ..." Dabei sprang er auf, mit einem Kopfschütteln und einer Armbewegung, als wollte er alle Erinnerung an diese trübe Geschichte jählings von sich abwerfen, und während er sich auf die Knie niederließ, sagte er: "Schau ... das is doch auch net recht, dass wir über dem Ferdl auf Dein Fußerl ganz vergessen."

Seufzend bückte er sich, um ihr die Schuhe abzuziehen; dann hielt er ihr zwei schwarze, wenig geisterhafte Filzpantoffel hin, in deren jedem eines ihrer Füßchen verschwand wie ein weißes Mäuschen im Dachsbau.

Mit irren Blicken schaute Beverl auf ihn nieder. Sie war wie betäubt von allem, was sie gesehen und gehört. Ein Schwindel hatte sie befallen, der all ihr Denken erdrückte, und gegen den nur noch die Überfülle ihrer Empfindungen die Waagschale hielt. Bald fröstelte sie, bald glühten ihr die Wangen. Dazu war in ihren Ohren ein Sausen, durch das ihr die Stimme des Alfen gar seltsam hohl und tief erklang, als er, die Untersuchung beendend, sagte: "Ich glaub, es braucht's gar kein' frischen Umschlag mehr. Ein bissl Ruh halt noch, und nachher is alles in Ordnung."

Er erhob sich, nahm seinen Platz auf dem Stuhl wieder ein, kreuzte die Arme, nickte seufzend vor sich hin und schaute mit regungslosen Augen auf das Mädchen. Beverl heilt eine Weile seine Blicke aus, dann senkte sie die Lider, als würde ihr bange vor diesem Funkeln und Glühen.

Da sagte er: "Gelt, freust Dich schon, dass jetzt bald wieder 'raus kommst aus der Finstern und Heim zu Deine lieben Leut?"

Sie zuckte zusammen, schwieg und rührte sich nicht.

"Und ... sag, Beverl ... wann nachher daheim bist, wirst auch diemal an mich denken?"

Hastig nickte sie mit dem Köpfchen.

"Aber ...", er bückte sich, um des Mädchens Schuhe tiefer unter das Bettgestell zu rücken. Als er sich wieder aufrichtete, setzte er sich nicht mehr auf den Holzstuhl, sondern an Beverls Seite auf das Lager, "aber ... das därf ich mir doch net hoffen, dass Du mich wieder einmal b'suchen tätst."

"Wann ich auch wollt, das ging ja gar net," stammelte Beverl, "ich hab ja mein Königsblümerl verloren."

"Ah so, ja, jetzt hast Du wieder recht," bestätigte er, "und ich weiß schon, so eins wachst alle Jahr bloß ein einzigs in die Berg. Aber no, das wär ja kein Hindernis net. Denn weißt, wenn ich einmal wem b'sonders gut bin, da is nachher 's Königsblümerl gar net nötig. Da gibt's schon andere Sachen auch noch, wo ich ganz gern drauf geh. Zum Beispiel ... wenn Du so um die Zeit, in der die Sonn untergeht oder aufgeht, allweil am Höllbach in die Höh steigen tätst, bis ... kennst Du das Platztl ... die hohe Platten heißt man's ..."

"Die hohe Platten! Wo das Unglück mit dem Ferdl g'schehen is!", stammelte Beverl, während sie ein Gefühl hatte, als begännen sich auf ihrem Kopf die Haare zu rühren.

"Ganz recht ... weißt, so ein Platzl is halt b'sonders g'schickt für so was! Ja ... wenn Du am selbigen Platzl ein' Stein in Höllbach nunterwirst, und nachher langsam bis auf zehne zählst, und wieder wirst und wieder zählst, und so fünfmal hintereinander, nachher tät ich wissen, dass Du droben bist, und wär auf der Stell bei Dir! Aber ...", er seufzte und drückte, gleichsam zum fühlbaren Vorwurf, den Ellbogen sachte an Beverls Arm, "was strapezier ich mich denn? Du kommst ja dengerst nimmer!"

Beverl hatte nicht den Mut, zu schweigen. "Man kann net ... wissen ...", stotterte sie, bebend am ganzen Leib.

"Man kann net wissen?", wiederholte er. "Hast schon recht ... das heißt ... was ich weiß, weiß ich g'wiss: Dass mir arg bang sein wird um Dich, dass ich Dich arg schwer g'raten kann, und dass ich öfters, als Dir 'leicht träumst, bei Dir sein will mit meine ganzen Gedanken. Du hast mir so liebe Stunden 'reinbracht in mein unguts Leben, Du bist mir g'wesen wie ein freundlichs Lichtl in der Finsternis ... und wann jetzt fortgehst, wird's wieder Nacht um mich, und doppelt traurig schaut sich mein Leben für mich an!"

Beverl saß mit tief geneigtem Kopf, die zitternden Hände im Schoß gefaltet. Sie spürte in sich ein fliegendes Pochen und fühlte auf ihren Schultern Schauer mit Schauer wechseln. Wie sprach er so lieb zu ihr! Und dennoch war ihr die Brust zusammengeschnürt wie in Furcht und Bangen, und Herz und Seele wie von namenloser Angst erfüllt.

Als er verstummte, spähte sie mit scheuen Augen zu ihm empor und erbebte vor der leidenschaftlichen Flamme, die ihr aus seinen Blicken entgegenschlug. Und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er ihre Hand ergriffen, seinen Arm um ihre Schulter geschlungen, und so zog er sie an seine Brust, unter den bebenden Worten: "Beverl ... schau ... g'wiss wahr ... am liebsten ließ ich Dich gleich gar nimmer fort von mir und tät Dich b'halten für Leben und Ewigkeit!"

Da sprang sie auf mit einem markerschütternden Schrei und riss sich aus seinen Armen.

"Beverl! Beverl!", stammelte er und streckte die Hände nach ihr. Sie aber taumelte vor ihm zurück. "Jesus Maria! Jesus Maria!", stöhnte sie unablässig mit blassen Lippen und schlug in Angst und Grauen die Arme über das Gesicht.

Wenige Schritte folgte er ihr, mit gestreckten Händen, unter flehendem Stammeln - dann plötzlich blieb er stehen, wie gewaltsam sich bekämpfend, und starrte sie lange wortlos an, bis er sich langsam wandte, mit den Händen die Schläfen presste und wankenden Ganges aus der Höhle schritt.

Zitternd und mühsam nach Atem ringend richtete Beverl sich empor. "Fort, fort, fort!" Das war in ihrer Todesangst und in ihrem missverstandenen Empfinden ihr einziger Gedanke. Sie starrte um sich, ihre Augen trafen auf den dunklen Trichter des Felsenganges, trafen auf die flackernde Flamme der Fackel ... und da huschte sie auf das Lager zu, fuhr in ihre Schuhe, riss die Fackel von der Wand und stürzte mit ihr dem dunklen Schacht zu, auf den Lippen das Stoßgebet: "Heilige Mutter Gottes, Dir b'hüt ich meine Seel!"

Keuchend hastete sie sich empor über Stufen und Geröll. Der Qualm der Fackel benahm ihr fast den Atem, manchmal lehnte sie sich erschöpft an die Steinwand, um gleich wieder aufzufahren, zu Tod erschreckt durch das gespenstige Flattern der "Geisterdrachen", zu denen in ihren Augen die aus den Felsschrunden aufgescheuchten Fledermäuse wurden. Vorwärts und vorwärts stürzte sie. Bei diesem angstvollen Hasten und Fliehen wurden ihr die Minuten zu Stunden - und nun endlich war der Schacht zu Ende, aber vor sich und zu beiden Seiten fühlte und gewahrte sie nur kaltes, regungsloses Gestein. Im gleichen Augenblick klang hinter ihr eine erregte Stimme, die ihren Namen rief und unter dem Widerhall der hohlen Wände dumpf und schaurig dröhnte. Die Fackel sank aus Beverls schreckgelähmten Händen, sie erlosch - und durch die Finsternis schimmerte in dünnem Streif ein blendend grelles Licht den Augen des Mädchens entgegen. Den Namen des Erlösers kreischend, stürzte sich Beverl gegen die lichte Stelle, der Stein gab nach, und aufjubelnd wankte sie hinaus in den hellen Tag, fast erblindend vor dem lang entbehrten Glanz der Sonne. "Beverl! Beverl!", tönte es noch mit dumpfer, hohler Stimme aus dem Schacht, dann schloss sich mit polterndem Rollen die steinerne Pforte, und wie ein gehetztes Reh floh Beverl talwärts durch die schlagenden Zweige der dichten Latschenbüsche. Als sie den Almensteig erreichte, brach sie erschöpft zusammen. Sie faltete die Hände und wollte zu beten beginnen, aber ein donnerndes Krachen schreckte sie wieder auf und trieb sie zu neuer Flucht - - - - -

Ganz nahe war ein Schuss gefallen - über dem Höllbach drüben, vor der Jagdhütte.

"Ein' Schuss, Herr Graf," hatte Gidi zu seinem Herrn gesagt, "ein' Schuss sollten S' doch machen, vor wir naufsteigen, damit S' doch wissen, ob auch 's Büchsl noch richtig hinschießt.

Schweigend hatte Luitpold das Gewehr aus Gidis Händen genommen und an die Wange gehoben. Auf hundertfünfzig "Gänge" lag zwischen den Bäumen ein faustgroßer, weißer Stein im Moos. Als der Schuss krachte, war er verschwunden, zertrümmert.

"Geht schon noch! Sauber auch noch!", schmunzelte Gidi. Es war ja das für ihn, seit sie am verwichenen Nachmittag das Schloss verlassen hatten, der erste vergnügte Augenblick.

Und eine recht trübselige Nacht war das gewesen! Drinnen in der Hütte waren die beiden vor dem flackernden Feuer gesessen, und Gidi hatte erzählen müssen - die ganze, traurige Geschichte "vom selbigen Tag in der Hahnfalzzeit."

Der Morgen hatte schon durch die kleinen, vergitterten Fenster gegraut, als sie zur Ruhe gegangen waren. Da hatte natürlich von einer "Frühpirsch" auf den "Kapitalhirsch" keine Rede mehr sein können.

Jetzt aber ging es der Höhe zu. Es galt jenen drei "Fetzengamsböcken", die so "g'fangig" standen. Mit zuversichtlichen Mienen stieg Gidi, den Hund an der Leine führend, seinem Herrn voran. Er hätte darauf schwören mögen, dass es da droben "schnallen" würde, dass zum mindesten einer der drei Böcke "dran glauben" müsste. Freilich hieß es, "woltern aufisteigen", um guten Wind zu bekommen, "schnurgraden Aufwärtswind". Die Sonne stand ja schon hoch über dem Grad der Höllenleite. "Unter acht oder neun Stund wird aus Heimkommen net zum denken sein."

Das war nun allerdings ein Weg, der des von Gidi erwünschten Erfolges wert gewesen wäre. Doch als die beiden Jäger zu dämmernder Abendzeit in die Jagdhütte zurückkehrten, war der dicke "Edelweißbuschen" auf Gidis Hut die ganze Beute. Gidi machte aber auch ein Gesicht wie "neun Tag Regenwetter". Hatte er doch beim "Anriegeln" des "Bogens" von der Schneide der Höllenleite aus durch das Fernrohr mit angesehen, wie sich der stärkste der drei Böcke vor den "Stand" des Grafen hingestellt hatte, "schier mit'm Bergstecken zum erschlagen"; vergebens aber hatte Gidi nach dem mit jedem Augenblick erwarteten "Schnaller" ausgelauscht. Die Büchse quer im Schoß und das Haupt in die Hände gestützt, so hatte er den Grafen regungslos sitzen sehen, während das stattliche Wild an ihm vorüber zog, gemächlichen Schrittes, als wüsste es, wie wenig Gefahr ihm drohe von dem so tief in Gedanken und Erinnerung Verlorenen.

"No mein, es is ja alles recht! Aber ein' Gamsbock, der sich ei'm hinstellt auf ein Dutzend Gäng, den braucht man deswegen doch net auslassen!", lautete Gidis brummig abgegebenes Endurteil.

Jetzt stand er im Küchenraum der Jagdhütte vor dem Herd und starrte verdrießlich in die Pfanne, in welcher die "Röschnocken" schmorten, sein und seines Hundes Nachtmahl.

In der Jägerstube saß Luitpold, durch das offene Fenster aufblickend in den dämmernden Himmel. Manchmal nippte er von dem roten Wein, der vor ihm auf dem Tisch stand, und aß dazu ein weißes Brot in winzigen Stückchen.

Als Gidi hereinkam, um die Hänglampe anzuzünden, erhob sich Luitpold, wünschte seinem Jäger mit kurzem Wort eine gute Nacht, lockte den Hund zu sich und zog sich zur Ruhe in das "Grafenstüberl" zurück.

Seufzend blickte ihm Gidi nach, und als sich die niedere Türe schloss, nickte er vor sich hin: "Du lieber Herrgott! Den hat's arg erwischt! Der braucht seine Zeit, bis er sich wieder z'sammklaubt! Lasst ein' Gamsbock durch!"

Er ging in die Küche zurück, um das benützte Geschirr zu spülen und aufzuräumen. Als er damit zu Ende war, trat er ins Freie, schaute nach Wind und Wetter aus, schloss an allen Fenstern die Läden und versperrte, als er in die Hütte zurückkehrte, hinter sich die Türe.

Drinnen in der Stube schob er sich in den Tischwinkel, zündete paffend seine Pfeife an und ließ sich den Rest des Weines schmecken. Plötzlich erhob er sich, nahm seinen Hut vom Zapfen, legte ihn vor sich hin und betrachtete mit wägenden Blicken den Edelweißbuschen. Dann schüttelte er mit einem kurzen Pfiff den Kopf, streifte mit ausgestrecktem Arm den Hut auf die Bank hinunter und machte ein Gesicht, als hätte er eine schwere Versuchung tapfer überstanden. Aber diese Siegesgewissheit währte kaum einen Paffer lang. Da lag der Hut schon wieder auf dem Tisch - und es dauerte nicht lang, so saß er auf Gidis Kopf.

"Ah was! Ich trag ihr den Buschen nauf! Weil er gar so schön is! Sie braucht sich ja net grad z'denken, dass er von mir kommt ... eine Freud hat s' dengerst dran!"

Das hatte er noch nicht ausgedacht, als er schon in der Küche stand. Lautlos zog er den Schlüssel aus dem Schloss, öffnete die Türe, sperrte sie von außen wieder zu und eitle durch die Nacht dem Almensteig entgegen.

Als er jene Lichtung erreichte, auf welcher er wenige Nächte zuvor mit dem "Schafdieb" zusammengetroffen war, stockte ihm plötzlich der Fuß. Es war ihm, als hätte er ein Geräusch gehört, ein Rascheln im Gebüsch. Lange lauschte er in die Nacht hinhein. "Wird halt ein Stückl Wildpret g'wesen sein!", dachte er endlich und eilte weiter in der Richtung der Bründlalm.

Im Wald verhallten seine Schritte - und da tauchte aus den Büschen eine dunkle Mannsgestalt empor, die sich über die schräg liegenden Felsplatten lautlos auf den Steig nieder gleiten ließ. Scharf hob sich die finstere Kontur des Gesichtes mit dem gedrehten, bis auf die Brust nieder hängenden Schnurrbart von den helleren Steinen ab. Mit nickendem Kopf schaute der Bursche der Richtung zu, in welcher Gidi verschwunden war, und warf die kurze Büchse, die er in der Hand getragen, hinter die Schulter.

"Dich hab ich aber g'legen derschaut!", glitt es mit höhnischen Worten leise von seinen Lippen. "Jetzt will ich Dir den Almtanz danken! Geh nur fensterln, Du ... ich zünd Dir derweil ein Lichtl an, dass du leichter wieder heimfindst!"

Hastigen Laufes folgte er dem Pfad, bis die stille, dunkle Jägerhütte vor ihm lag. Neben der Türe sah er dicke Reisigbündel, wie sie zum Entzünden des Herdfeuers dienen, hoch aufgeschichtet. Eines um das andere dieser Bündel nahm er auf und reihte sie lautlos zu Füßen der Holzwand rings um die Hütte. Schon hatte er den umheimlichen Kranz geschlossen, als er aus dem Innern der Hütte das Knurren und den kurzen Anschlag eines Hundes vernahm.

"Schau, jetzt hat er sein' Jagdhund daheim 'lassen! No, die Jagdhund mögen ja 's Warmhaben gern verleiden."

Er bückte sich, ein leises Zischen folgte, und durch das dürre Reisig züngelte ein blaues Flämmchen.

Da fuhr der Bursche erschrocken auf. Ein klirrender Laut war an sein Ohr geschlagen, als wäre über ihm in der Höhe der Latschenfelder die eiserne Spitze eines Bergstockes wider einen Stein gestoßen worden.

Der Bursche spähte über den Berghang empor, aber seine stechenden Blicke drangen durch die Nacht nicht hinauf bis zu jener Höhe, in welcher zwischen dichtem Latschengebüsch zwei Männer standen, Hand in Hand.

"Und b'hüt Dich Gott jetzt!", sagte der eine, der den Bergstock trug und auf dem Rücken die schwer beladene Kraxe. "Ich hol nachher schon in einer von die nächsten Nächt, was ich heut net tragen kann. Leicht is bis dahin auch ein Schreiben von dem Münchener Advokaten da. Aber wie auch die Antwort ausfallt, die ich Dir bringen kann ... in derselbigen Nacht noch musst mir fort und über die Grenz."

"Das wird mich was kosten! Jetzt geh ich doppelt schwer!"

"Es muss aber sein! So geht's nimmer fort. Es reden ja die Leut schon davon, dass ich so oft in der Nacht net daheim bin! Aber ... das is ja kein Platz zum reden net! B'hüt dich Gott ... und gelt, sei g'scheid und nimm Dich in acht, damit net am End auf die Letzt noch wer dahinter kommt, wer daheroben haust. B'hüt Dich Gott!"

Mit festem Druck schüttelten sie sich die Hände, und während der eine sich niederließ auf das Gestein und den Kopf wie unter trüben Gedanken in die Hände stützte, rückte der andere die Kraxe höher über die Schultern und stieg mit raschen Schritten durch die Büsche nieder.

Als er den Almensteig erreichte, hörte er sich plötzlich angerufen: "Wer is da!" Fast brachen ihm die Knie vor Schreck. Doch nur einen Augenblick währte die Schwäche, die ihn beim Klang dieser Stimme überkommen hatte; dann raffte er sich auf, sprang hinaus über den Steig und keuchte dem finsteren Wald zu, verfolgt von jenem, der ihn angerufen. Talwärts ging es in wilder Jagd. Furcht und Verzweiflung schienen dem Fliehenden übermenschliche Kräfte zu geben, so dass er einen beträchtlichen Vorsprung gewann. Aber die Last auf seinem Rücken wurde für ihn zu Blei - der Atem begann ihm zu versagen - von Schritt zu Schritt verminderte sich die Hast seines Laufes - aus dem Wald vermochte er noch hinauszuwanken auf eine lichtere Rodung, dann versagten ihm die Kräfte. Da stand auch schon der Verfolger vor ihm, und Aug in Auge starrten sich die beiden an.

"Finkenbauer! Du!"

"Ja, Gidi ... ich bin's! Aber musst Dir net denken ... um Tausendgottswillen bitt ich Dich ... komm morgen zu mir ... und las mit Dir reden!"

"Der Finkenbauer auf Schleicherweg? Das hätt ich mir nie net 'denkt! Und da brauch ich auch weiters nix z'wissen. Das geht ja kein' Jager nix an ... das schlagt ja ins Steuerfach!"

Die Achseln zuckend wandte sich Gidi von Jörg und schritt, auf die leisen, flehenden Rufe des Bauern nicht hörend, dem Saum des Waldes zu. Er suchte den Steig nicht wieder zu gewinnen, quer über den waldigen Berghang nahm er die Richtung nach der Jagdhütte.

Manchmal blieb er stehen, um seinen erregten Atem zur Ruhe kommen zu lassen, und dann immer murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin: "Na, na, was man erleben kann! Der Finkenbauer auf Schleicherweg!"

So stand er wieder einmal still, und da war es ihm, als vernähme er zwischen den Bäumen leise Tritte, die sich ihm zu nähern schienen.

"Ja Himmel! Is denn heut der ganze Berg lebendig!", flüsterte er vor sich hin und lauschte wieder auf jene Schritte.

Jetzt sah er eine dunkle Gestalt unfern an sich vorüber schreiten. Heiß schoss ihm das Blut zu Kopf, als er über die Schultern jener Gestalt den schwarzen Lauf einer Büchse aufragen sah - und im gleichen Augenblick gewahrte er auch die scharfe Linie des Gesichtes mit dem lang nieder hängenden Schnurrbart.

"Meiner Seel! Der Baltl!", fuhr es ihm durch die Zähne, und da sprang er auch schon mit mächtigem Satz auf den Burschen los und schlug ihm die Fäuste ins Genick. "Hab ich Dich einmal, Du Lump, Du gottvergessener!"

"Für heut noch net!", zischte Baltl auf und riss, unter Gidis Fäusten sich duckend, das Gewehr von der Schulter.

Gidi erkannte die Gefahr und fuhr mit beiden Händen nach der Büchse - zu spät.

Ein Blitz ein Knall - und "Jesus Maria!" konnte Gidi noch stöhnen, dann stürzte er zusammen, und Moos und Farren tranken sein rinnendes Blut.

Grollend rollte der Hall des Schusses empor über den Berghang und brach sich mit dumpfem Widerhall an den finster ragenden Felsen.

Da fuhr auch jener einsame Träumer, der immer noch, seitdem ihn Jörg verlassen, regungslos auf dem Stein saß, empor aus seinem tiefen Gedanken.

"Ein Schuss? Wer kann jetzt g'schossen haben? Mitten in der Nacht! Da muss 's was 'geben haben!", raunte er vor sich hin und spähte talwärts über die dunklen Latschen.

Da sah er über dem Höllbach her eine grelle Röte durch die Bäume leuchten und züngelnde Flammen aufschlagen über die schwarzen Lärchengipfel.

"Ja lieber Herrgott im Himmel, was kann denn das sein! Um Gottes willen doch net - - ja, ja! Dem Gidi sein' Hütten is's! Da hat's ein Unglück 'geben! Und er is heroben, er ... er und der Gidi! O grundgütiger Herrgott! Lass mich nur grad jetzt net z'spät kommen!"

Das waren nicht mehr Gedanken, es waren stammelnde Schreie - und der sie ausstieß, stürzte in rasendem Lauf talwärts, immer entlang dem jäh abstürzenden Ufer des Höllbachgrabens, der Gefahr nicht achtend, die ihm bei jedem Schritt drohte, und oft in mächtigen Sprung hinwegsetzend über Steinblöcke und wirres Buschwerk. Als er den Steig erreichte und hinwegeilte über den schwankenden Balken, der den Höllbach überbrückte, hörte er schon das Krachen des brennenden Gebälks, das Rauschen der lodernden Flammen und dazwischen das Mark und Bein durchdringende Geheul des Hundes.

So grausig diese Laute seinem Ohr auch klangen, sie gaben ihm Hoffnung, sie sagten ihm, dass in der Hütte das Leben noch nicht zur Unmöglichkeit geworden wäre.

Nun stand er vor dem brennenden Haus, sah, wie der Rauch in dicken Stößen aus den offenen, eng vergitterten Fenstern quoll und sah die Flammen empor- und niederlecken über die geschlossene Türe. Wie diese Türe öffnen? Mit verzweifelten Blicken starrte er umher. Kein Balken, kein Pfahl, kein Scheit! Aber dort, unter einer Lärche, stand der schwere Eichenblock, der als Hackstock diente. Auf diesen Block stürzte er zu, riss ihn mit Anspannung aller Kräfte empor und schleuderte ihn wider die glimmende Türe. Krachend klafften die Bretter auseinander, und während der Block zurückrollte von der Schwelle, zwängte sich schon der Hund mit heiserem Gewinsel durch die eröffnete Lücke, stand mit hängender Zunge und weit geöffnetem Rachen, schüttelte die Funken von seinem Fell und stürzte aufheulend davon, zwischen den Bäumen verschwindend.

Ein Ruck der kräftigen Arme, die den Block geworfen, und die klaffenden Bretter der Türe flogen vollends zur Seite. Ein rötlich beleuchteter Qualm schlug dem Eindringenden entgegen und trieb ihn für Sekunden wieder zurück über die Schwelle. Unter einem tiefen Atemzug hob sich seine Brust, dann stürzte er wieder vorwärts, hinein in den von zuckender Helle und dichtem Rauch erfüllten Küchenraum. Da stieß sein Fuß an eine weiche Masse. "O lieber Herrgott!", schrie er auf, warf sich nieder auf den gepflasterten Boden und fühlte unter seinen Händen einen wie leblos hingestreckten menschlichen Körper. Er riss ihn empor an seine Brust und wankte mit ihm ins Freie. Aufatmend stand er still und starrte in die bleichen, regungslosen Züge in Luitpolds Gesicht. "Er! Er!", brach es mit dumpfen Lauten von seinen Lippen, und seine Augen hingen wie gebannt an dieser weißen, von der breiten Narbe durchzogenen Stirn. "Aber der Gidi ... o mein Gott, der Gidi!", fuhr er plötzlich auf, ließ die Last seiner Arme nieder gleiten in das Moos und wandte sich wieder der brennenden Hütte zu. Schon stand er auf der Schwelle, da stürzte ein qualmender Pfosten vor ihm nieder, und krachend neigte sich die eine Seite des Gebälkes, dessen Klammern das Feuer schon gebrochen hatte. Aufstöhnend taumelte er zurück. "Aus is ... da gibt's kein Retten nimmer! Armer Kerl ... unser Herrgott sei Dir gnädig!" Mit zitternder Hand bekreuzte er sich und starrte mit nassen Augen in den wüsten, glostenden, rauchenden Haufen. Nun schrak er aus seinem Brüten auf, fuhr sich mit den Händen über die Stirn und eilte zu jenem zurück, den er auf seinen Armen aus Rauch und Flammen getragen. Er warf sich zu ihm nieder, riss ihm die Joppe auf, die Weste und das Hemd, griff nach der Stelle des Herzens - und fühlte unter den zitternden Fingern ein mattes Pochen.

"Leben tut er noch! Leben! Und kein Wasser net da, kein Tröpferl Wasser net!"

Ratlos starrte er um sich, dann sprang er in die Höhe, raffte den Körper des Bewusstlosen empor auf seine Arme und eilte mit seiner Last in keuchendem Lauf dem Steige zu.

Als er den Höllbach überschritten hatte, stand er einen Augenblick still.

"Zur Alm hin brauch ich eine halbe Stund, wenn's gut geht," stammelte er, "ich muss ihn zu mir nauf tragen!"

Noch hatte er diese Worte nicht ausgesprochen, da stieg er schon vom Pfad hinweg, empor über den steinigen Berghang, wo ihn bald die dichten Büsche verschlangen.

Er sah nicht mehr den zitternden Fackelschein, der sich auf dem Almensteig hastig einherbewegte durch den Wald, und vor dem Rauschen des Höllbachs hörte er nicht mehr die ängstlich rufende Mädchenstimme, die zwischen den Bäumen erscholl:

"Da bin ich, Dori! Da! Da!"

"Ja, Enzi, ich seh Dich schon!", klang tiefer aus dem Wald die Antwort des Burschen, der in hastigem Lauf der Dirne folgte. "Was is denn? Z'erst, wie ich aufg'fahren bin aus'm Schlaf und hab Dein Rufen g'hört, da hab ich schier g'meint, es träumt mir! Wie ich aber nachher g'sehen hab - - Was is denn, sag? Was is denn?"

"Es muss was 'geben haben! Eine Stund kann's her sein, da bin ich aufg'wacht, und es is mir g'wesen, als hätt ich Schritt g'hört vor der Hütten." Dass sie Gidis Schritte erkannt und gleich darauf den schönen Edelweißbuschen vor ihrem Fenster gefunden hatte, das verschwieg sie. "Und da hab ich nimmer einschlafen können ... und auf einmal, da hab ich ein' Schuss g'hört! Und gleich hab ich mir 'denkt, da muss was net in der Ordnung sein ... mit'm Jager! Angehen tut er mich freilich nix ... der Jager ... aber ein Mensch is er ja doch!"

"Freilich, freilich!", stotterte Dori und schielte, während er mit der Dirne kaum Schritt zu halten vermochte, nach ihrem blassen, von der Fackel grell beleuchteten Gesicht, dessen Lippen zuckten und zitterten, dessen nasse Augen ängstlich aufspähten in die dunkle Nacht.

"Und drum hat's mir kein' Ruh nimmer 'lassen, drum hab ich mich gleich in d' Höh g'macht und ..."

Mit einem kreischenden Aufschrei verstummte Enzi. Irgend ein erschreckendes Etwas war dicht an ihren Röcken vorüber gefahren. "Was is denn das jetzt g'wesen?", stammelte sie und neigte die Fackel zur Erde.

"Dem Gidi sein Hundl is! Dem Gidi sein Hundl!", schrie Dori und deutete dem Tier nach, das mit gesenkter, suchender Nase über den Steig dahin schoss und nun vom Pfad hinweg sprang zwischen die talwärts ziehenden Büsche.

"O heilige Mutter! Jetzt is g'wiss! Jetzt is ihm was g'schehen!", schluchzte Enzi und fing zu laufen an, dass dem ihr folgenden Burschen schier die langen Beine zu kurz wurden.

Nun ereichten sie die Höhe einer Bergrippe, über welche der Steig hinwegführte, und da leuchtete ihnen die helle Röte des Brandes entgegen.

Enzi stand wie gelähmt und brachte kein Wort hervor. Dori aber schrie: "O Du mein Gott ... da schau! Die Hütten brennt! Dem Gidi sein' Hütten!" Er riss der Dirne die Fackel aus der Hand uns stürzte davon, in atemlosem Lauf dem Steig folgend. Erst als er vor dem glühenden, rauchenden Trümmerhaufen stand, der einst das schmucke, freundliche Häuschen gewesen, erinnerte er sich wieder der Dirne, und da sah er sie plötzlich an seiner Seite, mit totenblassem, verzerrtem Gesicht, mit starren Augen auf die glostenden Trümmer stierend.

"Enzi - - was sagst!", glitt es mit versagender Stimme von den schreckensbleichen Lippen des Burschen.

Da rüttelte ein Schauer die Gestalt der Dirne. "Na, na," schrie sie auf, "wie mag ich denn denken - - er kann ja net drin g'wesen sien, sonst hätt er ja net ..."

Jählings verstummte sie, und mit schwerer, zitternder Hand auf Doris Arm sich stützend, lauschte sie der Tiefe zu.

"Dori ... hörst es!", stieß sie mit bebendem Flüstern hervor. "Hörst es denn net ... da drunten ..."

Die Worte erstarben ihr auf den offenen Lippen, den fliegenden Atem verhaltend lauschte sie vorgereckten Kopfes in die Nacht hinaus - und da war es deutlich zu vernehmen, das klägliche Geheul des Hundes, der seinen Herrn gefunden.

Ehe noch Dori den Gedanken auszudenken vermochte, den jene unheimlichen Laute in ihm wachriefen, war Enzi schon zwischen den Bäumend es talwärts ziehenden Waldes verschwunden. Da raffte er sich auf und rannte mit hocherhobener Fackel der Richtung zu, welche sie genommen. Wohl vernahm er immer und immer vor sich das Rauschen und Brechen der Büsche und Zweige, und dennoch gelang es ihm nicht, die Dirne einzuholen. Näher und näher klang ihm das Geheul des Hundes - und jetzt durchzitterte ein herzzerreißender Schrei die stille Nacht, und durch die finsteren Bäume hallte Enzis jammernde Stimme: "Gidi! Gidi! Mein Bub! Mein Herzensbub!"

Keuchend erreichte Dori die Unglücksstelle und stand, in wortlosem Schreck an einen Baum sich lehnend. In seinen Händen zitterte die Fackel, die mit zuckender Helle das traurige Bild übergoss: Den Jäger, regungslos ausgestreckt auf der Erde, die Dirne, über ihn hingeworfen in verzweifelndem Schmerz, und den Hund, welcher winselnd die Hand seines Herrn beleckte.

"Enzi! Enzi!", stammelte Dori endlich und näherte sich schwankenden Ganges. Da fuhr die Dirne auf und schrie unter krampfhaftem Schluchzen: "Dori ... da schau ... jetzt haben s' ihn mir erschossen ... mein' Buben! Mein Buben!" wieder warf sie sich über den Jäger hin, rüttelte in ihren Händen sein blutiges Haupt, hob es in ihren Schoß, und nun mit einem Mal kreischte sie auf! "Jesus Maria ... die Augen hat er offen ... und reden möcht er und anlachen tut er mich! Gidi! Du Lieber, Du Guter, Du! Um tausendgottswillen ... mach die Augen nimmer zu ..." In Tränen erstickten ihre Worte, und mit hoffendem Bangen starrte sie in Gidis Gesicht, dessen Lider schon wieder geschlossen lagen, während noch immer ein mattes Lächeln den bleichen Mund umspielte. Nun fuhr sie mit einem stockenden Seufzer auf, und während sie mit dem einen Arm das Haupt des Wunden an ihren Busen drückte, mit dem andern über ihre Augen fuhr, sprudelte es von ihren Lippen: "Na! Na! Ich bin die Richtige! Weinen kann ich, nix als weinen, wo 's Helfen g'scheider wär! Weiter, Dori, weiter! Steck 's Licht in Boden! Und her zu mir!"

"Ja, Enzi, ja!", stammelte der Bursche und stieß die Kienfackel in den moosigen Grund, dann richtete er sich lauschend auf: "Enzi ... mir is, als hört ich Leut im Wald!"

"Leut! Die schickt mir der liebe Herrgott, der dengerst ein Einsehen hat!" Und mit hallender Stimme rief Enzi in den Wald hinein: "Ho! Ho! Leut! Da her! Da her!"

"Ho! Ho!", scholl es von verschiedenen Seiten, und dunkle Gestalten tauchten unter den Bäumen auf. Es waren die Holzknechte, die in der Holzerhütte auf dem Höllbergschlage hausten. Sie hatten den Schuss gehört, die Röte des Brandes gewahrt, waren herbeigeeilt und hatten die jammernde Stimme der Dirne vernommen. Da wusste nun jeder einen Rat, und es schien ihnen das klügste, den Jäger hinunter in das Schloss zu tragen.

"Nix da! Nix da!", fuhr Enzi mit fliegenden Worten auf, während ihr noch immer Träne um Träne über die Wangen rollte. "Dritthalb Stund ins Ort! Seids denn verruckt! Zu mir in mein' Hütten kommt er nauf. Weiter, Dori, da her, Du haltst mir mein' armen Buben. Du, Hies, rennst nunter ins Ort um ein' Dokter! Weiter! Weiter! Du, Sepp, springst nauf in mein' Hütten, zündst ein Feuer an, stellst Milli und Wasser dazu ... da hast den Schlüssel zu meiner Truhen, da nimmst Dir ein meinigs Hemd und schneidst es in handbreite Streifen! Mach weiter! Weiter! Und Du und Du ... ihr zwei machts aus Stecken eine Bahr z'samm! Und Du, Lenzei, Du hilfst mir Daxen reißen zum drauflegen!"

Einen Blick noch warf sie in Gidis stilles Gesicht, dann legte sie sein Haupt in Doris Arme, sprang auf und eilte auf die nächste Fichte zu, die Hände schon nach einem der buschigen Zweige streckend. Sie zog und zerrte die Äste nieder, dass es nur so krachte durch den Wald, dass die rauen Rinden ihr die Hände blutig rissen, und dass ihr der Schweiß in dicken Perlen von der Stirne troff. Ihr Mut und Eifer feuerte auch die Männer an. Eine Hand kam der andern zu Hilfe - und ehe noch wenige Minuten vergangen waren, konnten sie schon den Wunden auf die fertige, weiche Bahre legen. Dann hoben sie die Stangen auf die Schultern - drei Holzknechte und Enzi. Dori leuchtete ihnen mit der Fackel voran, und ihm zur Seite trippelte der Hund, der immer wieder stehen blieb und winselnd aufblickte zu der stillen Last, die da getragen wurde.

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