Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Edelweißkönig
            Titel
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13

Kapitel 9

Wochen und Wochen vergingen. Die Tage begannen schon wieder kürzer, die Nächte kühler zu werden. Der Bergwald dehnte sich in dunklem Grün, die Almenrosen hatten ausgeblüht, doch auf den Wind umwehten Schroffen und Gehängen spannte jetzt die lieblichste aller Hochlandsblumen ihre schneeigen Sterne in stiller keuscher Schönheit über das ärmlich kümmernde Höhengras.

Wenn der Sommer scheiden will mit seinen Rosen und Schwalben, wenn der nahende Herbst den Bergen die ersten kalten Stürme einher schickt über Gletscher und ewigen Schnee, während man drunten im geschützten Tal den Nahenden noch kaum verspürt - das ist die Zeit der Edelweißblüte.

Da war es in der zweiten Augustwoche, als Dori eines grauenden Morgens aus der niederen, dachförmigen Reisighütte kroch, welche er sich hoch oben im Gestein errichtet hatte, um den auf den Lahnern weidenden Schafen auch zur Nachtzeit nahe sein zu können. Von der Kälte, die er während des Schlafes gelitten, waren ihm die Glieder so steif geworden, dass es ihm Mühe kostete, durch das wirre Latschengezweig nach der Stelle zu gelangen, von welcher er die Glocke des Widders und die Schellen der Muttertiere hörte. Mit hellem Zungenschlag und blökendem Ruf lockte er die Tiere. Am hurtigsten folgten die Lämmer seinem Locken, und er überzählte sie, während sie ihm unter lustigen Sprüngen näher kamen. Sieben zählte er - das achte fehlte. "Jesses na! Es wird doch net schon wieder - -", stammelte er erschrocken. Im gleichen Augenblick hörte er vom tieferen Hang herauf das klagende Blöken des Mutterschafes. Hastigen Laufes sprang er über Latschen und Felsen der tiefe zu, und als er das Tier gefunden, liebkoste er es und sprach zu ihm in schmeichelnden, tröstenden Worten. Dann machte er sich auf die Suche. Dabei folgte ihm das Tier auf Schritt und Tritt, als verstünde es die Absicht, die den Burschen leitete.

Der Mittag kam, und Dori hatte das Lamm nicht gefunden - dafür aber in der Nähe des Weideplatzes auf feuchtem Sand die frische Fährte eines genagelten Männerschuhes.

Nun eilte er zur Sennhütte hinunter, um der Emmerenz zu bereichten, was vorgefallen. Obwohl die beiden nicht s anderes dachten, als dass das Lamm gestohlen worden wäre - vielleicht von einem, der längst wieder über der nahen Grenze drüben in sicherem Versteck saß - verbrachten sie doch den ganzen Nachmittag mit Suchen und Suchen. Sie hatten sich geteilt, und Dori suchte gegen den Höllbachgraben zu. Dabei geriet er in die Nähe der Jagdhütte und sah, wie Gidi gerade das Häuschen verließ. Er rief den Jäger an und eilte auf ihn zu.

"Was sagst! Jetzt geht mir schon wieder ein Lampl ab."

"Seit wann?", fuhr Gidi auf.

"Seit heut in der Nacht."

Gidi tat eine leisen, gedehnten Pfiff. "Jetzt da schau ... jetzt is das ein Schafdieb g'wesen! Und ich hab mir schon 'denkt - - Weißt, heut in der Nacht bin ich droben g'sessen unter der Höllenleiten, weil ich g'meint hab, ich müsst doch einmal draufkommen, was denn das allweil für ein Treiben is im Berg umeinander. No, und wie ich so sitz ... um zwei rum in der Fruh kann's g'wesen sein ... da hör ich auf einmal Steiner gehen, auf vier, fünfhundert Schritt von mir. Z'erst hab ich g'meint, es is ein Gams lebendig ... wie ich aber auf einmal ein' Bergstock g'hört hab, nachher hab ich mir 'denkt: Holla! Mondlichten is freilich g'wesen, aber wenn's einmal über hundert Schritt naus geht, da erkennst ja nix mehr ... und der Kuckuck hat mir eingeben müssen, dass ich mein' Hund daheim hab 'lassen in der Hütten! Ein' Zeitlang hab ich Dir g'lust ... und wie ich g'hört hab, dass's gegen den Höllbachsteig nunter geht, da bin ich Dir aber auf, oben rüber über'n Höllbach, bergab bis auf'n Steig und wieder in d' Höh bis zur selbigen Lichten im Altholz ... Du kennst es ja! Da, hab ich mir 'denkt, muss er mir grad in d' Händ 'nein laufen. Und richtig ... keine fünf Minuten bin ich Dir noch g'sessen, da hab ich ihn schon daher rasseln hören. Und jetzt steht er da vor mir auf fufz'g oder sechz'g Schritt! Ein' Mordsbart hat er g'habt und lange Haar wie ein stadtischer Maler ... und auf'm Buckel droben hat er was 'tragen ... ja g'schworen hätt ich, es is ein Gamsjahrling g'wesen. "Halt, Lump!", fahr ich auf, und bin mit der Büchsen auch schon im G'sicht. Aber natürlich, so aufs Gardwohl schießen kannst dengerst auch net und ... ich b'sinn mich noch kaum, is er mit ei'm Satz schon drunten g'wesen über'm Steig. Ich aber hint'nach unter die Bäum, bergab, bergauf, über's G'steinet und durch d' Latschen, am Höllbachgraben in d' Höh nach der hohen Platte zu ... ein paar Mal hab ich ihn auf ein' Wischer dersehen ... aber natürlich, in die Latschen is er mir wieder unter 'gangen ... und ehvor ich mich noch nauswind auf die offenen Platten, hör ich auf einmal kein' Schritt mehr und kein' Tritt. Für'kommen is mir's noch, als hätt ich ein richtigs Trumm Felsen rumpeln hören ... und stad is alles g'wesen, mäuserlstad. Wart, Lump, Du stimmst mich net, hab ich mir 'denkt, hast Dich halt 'nein druckt hinter ein Klotzen und - - ich kann Dich schon derwarten. So bin ich g'standen ... ein Ruckerl wann er g'macht hätt, hätt ich ihn hören müssen im G'steinet, wo kein Mösl und kein Grasl is ... aber Tag is worden, und nix hab ich g'hört, nix hab' ich g'sehen! Verschwunden is er g'wesen, wie wann ihn der Teufel g'holt hätt auf ein' Sitz!"

Dori riss Mund und Augen auf zu dieser Geschichte. Eine Weile noch redeten sie darüber hin und her, bis Gidi sagte: "No, weil ich jetzt nur weiß, dass's ein Schafdieb g'wesen is, da geh ich doch ein bissl leichter ins Tal."

"Was? Gehst heim?"

"Ja. Morgen muss ich ins Stadtl 'nein, da hab ich G'richtsverhandlung weg'm Leitnervaltl."

"Was Du sagst! Aber könntst uns ein' G'fallen erweisen, wann mei'm Bauern Nachricht geben möchst von wegen der G'schicht mit dem Lampl?"

"Ja, ja! Will's ihm schon z'wissen tun, und will ihm auch sagen lassen, dass Du kein' Schuld dran hast. Aber musst halt fleißig weiterwachen, weißt! Und somit b'hüt Dich Gott!"

Dori stand wortlos und blickte dem Jäger nach, der, ohne lang den Steig zu suchen, geraden Weges talwärts stieg. Lange waren Gidis Schritte schon verhallt, und immer noch stand Dori, vor sich nieder starrend, die Nägel der einen Hand benagend. Endlich richtete er sich seufzend auf, eilte dem Höllbachgraben zu und überschritt die Schlucht auf dem schwankenden Baum.

Als er den Steig erreichte, hörte er plötzlich aus der Tiefe das Geräusch leichter Tritte. Er lugte durch die Bäume und Büsche, gewahrte den Schimmer eines lichten Gewandstückes, und jetzt - - jetzt stieß er einen gellenden Juhschrei aus, und mit den stammelnden, halberstickten Rufen: "Beverl, Beverl, Beverl!", stürzte er über Hals und Kopf den Steig hinunter. Unter der Wucht des schwer zu hemmenden Laufes brach er vor dem erschrockenen Mädchen fast in die Knie. Der Bergstock kollerte ihm aus den Händen, und der Hut flog ihm vom Kopf.

"Aber Dori, na, na, um Gottswillen," stotterte Beverl, "was kommst denn jetzt gar so daher g'rennt."

"Beverl, Beverl, Beverl!", schluchzte und jauchzte der Bursche, und die hellen Tränen rannen ihm über die Wangen, während er sich aufrichtete mit zitternden Knien und sich emporzog an den Händen des Mädchens.

Mit scheu verwunderten Augen blickte Beverl in Doris Gesicht, und eine dunkle Röte erschien auf ihren Wangen. Sie sprach kein Wort, von den Lippen des Burschen aber sprudelte Frage um Frage:

"Ja wie geht's Dir denn? Wie is Dir's denn allweil g'wesen die ganze Zeit? Wie kommst denn auf einmal da rauf? Was hast denn zum suchen auf der Alm? Und ganz allein bist 'gangen? Hast denn 's Steigel richtig g'funden? Hast Dich net verirrt? Wie hat Dich denn der Bauer so allein gehen lassen können? Bist denn auch schön langsam g'stiegen? Hast Dich gut schnaufen können? Bist gar net müd ... bist gar net Müd? Schau, magst Dich net ein bissl niedersetzen? Da schau, da is Dir grad ein so schöns Platzl, so ein kammods! Da schau, geh, komm, setz Dich ein bissl nieder und ruh Dich schön aus!" Dabei sprang er einem kleinen Mooshügel zu, der zu Füßen einer riesigen Fichte lag, scharrte und kratzte die dürren Reiser aus dem weichen, dunklen Moos und klatschte die Stelle glatt mit beiden Händen. "Da, komm, da schau, da kannst ja sitzen akrat wie auf'm Kanapee ... sodala, so so!" Nun fuhr er ganz erschrocken auf, als er gewahrte, dass Beverl seinen Hut und Bergstock von der Erde hob. "Jesses na, Beverl, wie magst Dich denn bucken um so ein G'lump!" Hastig nahm er ihr die beiden Sachen ab und zog sie an einer Rockfalte dem sauber bereiteten Ruheplätzchen zu. "So, so! Gelt, da is gut sitzen? Ja, jetzt lass Dir's nur wohl sein! Lass Dir's nur wohl sein1" Zu Beverls Füßen kauerte er sich nieder ins Moos, zog die Knie an den Leib, schlang die Arme darum und starrte mit seligen Augen zu dem Gesicht des Mädchens empor. "Aber jetzt ... jetzt, Beverl," fuhr er nach einer stummen Weile auf, "jetzt sag mir nur grad, wie kommst denn auf einmal daher? Ja hat Dich denn der Bauer gehn lassen?"

"Der Jörgenvetter is gar net daheim, der is um Mittag schon fort ... ein G'schäft hat er wo draußen in einer von die Ortschaften ... und morgen am Abend erst kommt er z'ruck. Und bei der Bäuerin hab ich's schon verbettelt, dass ich fort hab dürfen ... no, vielleicht hat s' ihr auch ein bissl denken können, was ich haben möcht von der Alm. Weißt, übermorgen is ihr Namenstag. Und da hätt ich halt gern ein paar Kranzln g'macht und ein' recht schönen Buschen. So hab ich mir 'denkt, ich will mich um ein bissl Almrausch umschauen und umein Edelweiß."

"Almrausch? O mein, Beverl," jammerte Dori, "da is aus und gar. Z'höchst droben, ja, da könnt man noch ein paar einschichtige Bleamln finden, aber ganz blass in der Farb sind s' schon, und so viel müd schauen s' aus. Aber Edelweiß! Edelweiß grad g'nug! Da pass auf, da brock ich dir morgen ein' ganzen Arm voll."

"Ja, Dori, ja ... aber gelt, ich selber möcht schon auch eins brocken, weil's ein' gar so viel g'freut, wenn man so ein liebs Bleaml findt."

"Aber freilich, aber g'wiss! Weißt, ich brock s' an die schlechten Platzl, und Dich führ ich nachher hin, wo s' ganz kammod zum haben sind. Ja, schau, gleich da drüben kannst eine finden, wo's ein bissl licht is, am Höllbachgraben nauf."

Beverl erblasste, und ein Schauer überflog ihre Schultern. "Na, na, Dori," unterbrach sie den Burschen mit bebender Stimme, "da mag ich keine net ... vom Höllbachgraben ... na, na!"

Erschrocken blickte Dori in Beverls Gesicht. Mit beiden Händen fuhr er sich hinter die Ohren und schnitt dazu eine Grimasse, als hätte er Essig getrunken. "Jesses, mein ... ich bin aber einer!", stammelte er. "Dass ich aber auch gar net dran denken kann ... und schau, musst mir net harb sein, weil ich ... und - -"

Seine Stimme verlor sich in hilfloses Stottern. Noch einmal schielte er mit ängstlichen Augen zu dem Mädchen empor, dann verstummte er, raffte ein dürres Reis von der Erde und zerknickte es zwischen den zitternden Fingern zu winzigen Splittern.

Beverl lockerte das Halstuch über dem Mieder und schüttelte hastig das Köpfchen.

So saßen sie schweigend, bis Beverl aufseufzend das weiße Bündelchen, welches sie am Arm trug, auf den Schoß nahm und die verknüpften Zipfel zu lösen begann. "Da, Dori ... magst net ein bissl zugreifen?", fragte sie, während sie das Tuch auseinander faltete.

Dori spitzte schlürfend die Lippen, und lüstern funkelten seine Augen, als er die braunen, fett glänzenden, kugelrunden "Brandnudeln" sah, die sich auf dem weißen Tuch gar appetitlich ausnahmen. Als aber Beverl ihre Aufforderung wiederholte, blies er kopfschüttelnd die Backen auf.

"Ah na, ah na, iss nur Du, Beverl ... wirst die Nudeln schon allein zwingen! So ein Weg macht Hunger!"

Das Mädchen redete ihm zu, bat und schmollte. Dori aber wehrte und sträubte sich solange, bis Beverl Meine machte, das Tuch wieder zuzuknüpfen, und dazu sagte: "No also, wenn Du net teilen willst mit mir, nachher iss ich auch nix ... und wann ich auch gleich so ein' fürchtigen Hunger hab!"

Da stotterte er: "Jesses na!" ... und fuhr mit beiden Händen auf die Nudeln zu.

So saßen sie nun und aßen darauf los, dass sich der Vorrat auf dem weißen Tüchlein hurtig verminderte. Dori entwickelte dabei eine geradezu staunenswerte Emsigkeit. Und während er kaute, schmatzte und schluckte, dass ihm die Zähne krachten und die Wangen zitterten, während er immer und immer wieder vor Wohlbehangen mit der Zunge schnalzte, wandte er keinen Blick von den lieblichen Zügen des Mädchens, das zerstreut und langsam aß und dabei mit träumerischen Augen hineinlugte in den leise rauschenden, von wispernden Vogelstimmen erfüllten Bergwald, dessen regsame Wipfel unter dem rötlichen Licht der sinkenden Sonne wie vergoldet erschienen.

"Gelt," fragte Dori einmal mit vollem Mund, "gelt, schön is heroben bei uns, im Wald?"

"Ja, schön, so viel schön!", nickte Beverl. "Ah ja, der Wald! Der Wald! Wie sollt denn mir der Wald net g'fallen! All mein' Lieb und all mein Denken geht ja z'ruck in' Wald. Aber weißt, Dori ... so viel er mir g'fallt, so viel traurig muss er mich machen, der Wald ... denn schau ich ein Bäumerl an, fallt mir mein seligs Vaterl ein. Du, wie der den Wald erst mögen hat, das is Dir gar net zum sagen! Zehn Wörtln wann er g'sagt hat, war Dir g'wiss in neune d'Red vom Wald. Mein' schier, es könnt ihm gar net g'fallen im lieben Himmel, wann kein Wald net droben is."

"Geh, Beverl, sorg Dich net, es wird schon einer droben sein, ein Wald, ah ja, ganz g'wiss!", beteuerte Dori zwischen Pamfen und Schlucken. "Und wenn's früher noch kein' net 'geben hat ... sobald Dein Vaterl 'kommen is, hat unser Herrgott auf der Stell ein' derschaffen. Ja, ich hätt's auch so g'macht, wann ich der Herrgott wär! Schier auf mei'm Herrgottsstuhl noch hätt ich d'Feichten wachsen lassen ... dei'm Vaterl z'lieb ... ich schon!"

Beverl schien kein Ohr für Doris Worte zu haben. In Gedanken versunken blickte sie empor zu dem von goldenen Lichtern durchzitterten Gezweig und fühlte wohl kaum die Zähren, die ihr langsam nieder rannen über die leicht geröteten Wangen. Dem Dori aber blieb, als er diese Tränen sah, der Bissen im Hals stecken. Er würgte und würgte, in ängstlicher Unruhe näher und stammelte: "Beverl ... geh, Beverl ... musst net weinen! Schau, musst denken, um wie viel besser Du noch dran bist gegen mich! Du kannst in Lieb und Freuden an Deine Mutter und an Dein Vaterl selig denken! Aber ich! O mein! Ich weiß ja net mal, ob ich ein' Vater g'habt hab! Und von meiner Mutter hab ich nur verzählen hören, dass man s' auf der Straßen draußen g'funden hat im Winter, starr und stad. Kein Mensch hat s' 'kennt, und niemand net hat g'wusst, wo s' her is. Ja ... und den Bauernknecht, der s' g'funden hat als Tote, und mich daneben als schreiendes Würmerl ... den hat der Bürgermeister noch recht g'scholten auch, weil er uns net um ein' Tag später g'funden hat. No ... viel Unkösten hab ich der G'meind net g'macht! Wie ich einmal laufen hab können, hab ich mich halt so umeinander 'bettelt in die Bauernhöf. Du lieber Herrgott ... Hunger, Schläg und Schimpferei, das is mein erinnern, wann ich z'ruck denk an mein' Bubenzeit. Erst, wie sich der Finkenbauer meiner erbarmt hat, da is mein' gute Zeit an'gangen ... da hab ich mein ausgibigs Essen g'habt und mein' warme Liegerstatt, und da hab ich mir 'denkt, jetzt geht mir gar nix ab und schöner könnt man's nie net haben. Wie aber Du am Hof her'kommen bist, und wie ich Dich oft so halb verzählen hören von Deiner Heimat drin im Wald, von Deiner Mutter und Die'm Vater selig, da hab ich erst vermerkt, dass's noch was Bessers gibt fürs Menscheng'müt, als eine Schüssel voll Kraut und 'bachene Nudeln, und was das heißt: Eine Mutter und ein Vaterl g'habt haben, wo man dran denken kann in Lieb, und wo's ei'm dabei ganz warm wird in ei'm drin. Na, Beverl ... ah na ... Du därfst net weinen, mich musst anschaun, und nachher musst lachen, lachen mit Die'm ganzen G'sichtl!"

Mit beiden Händen fuhr sich Beverl über die Augen und nickte seufzend vor sich hin: "Ja, Dori, ja ... wahr is ... wahr is! Aber weißt, so ein' Vater, wie ich ein' g'habt hab, so ein' hat's nie net 'geben ... und da muss ich mir halt allweil denken, dass 's Haben dengerst besser wär, als wie 's G'habt haben."

"Hast ihn ja noch! Hast ihn ja noch!", fuhr Dori mit sprudelnden Worten auf. "Und wo Du ihn jetzt hast, kannst ihn nimmer net verlieren. Droben heben s' Dir ihn auf ... da fehlt sich nix ... und in Dir selber tragst ihn umeinander, und überall, wo Du hinschaust, hast ihn in die Augen. Geh ... hast es ja grad noch selber g'sagt ... so schau halt umeinander im Wald ... bei jedem Bäuml siehst ihn stehen und hörst ihn noch verzählen, wie's Bäumerl heißt, wie's wachst und seine Asterln streckt, und was ihm taugt und was ihm wohl tut ..."

"O mein, o mein ... ja, ja .. wie schön is das oft g'wesen, wie schön, wie schön, wann ich mit ihm so draußen g'sessen bin im Wald, und wann er mit mir so g'redt hat über alles. Du, den hättst verzählen hören sollen ... da hättst g'schaut und g'lust! Wie der vom Wald hat reden können! G'wiss wahr ... oft hat er g'sagt zu mir: Weißt, Miezei, der Wald, der is akrat als wie ein G'schichtenbuch, wo recht schön 'bunden is. Die mehresten Leut, die net lesen können, die schauen das Buch grad von außen an und meinen nachher, sie haben alles g'sehen, was Schöns dran is. Die aber, die lesen können, die setzten sich hin vor 's Buch und fangen 's Blattln an, ganz stad im Anfang, und allweil g'schwinder nachher und g'schwinder, weil sie's schiergar nimmer derwarten können, was drin steht, vor lauter Eifer und Verwundern, vor lauter Freud und G'fallen. Und mehr, als wie ein G'schichtenbuch verzählen kann, verzählt der Wald. Der Wald mit seine Bäum und Pflanzerln is grad wie d' Welt mit ihre Menschen, hat mein Vaterl g'sagt. Grad wie sich d' Leut im Ort drunt plagen müssen um ihr täglichs Brot, so hat er g'sagt, grad wie die einen riech werden und die andern arm, grad wie die einen alles haben und die andern wenig oder nix, und wie's halt d' Leut im Leben haben oder treiben, so hat mein Vaterl g'sagt, so is auch mit die Bäum und Pflanzen daheraußt im Wald und überall, wo halt was wachst im Boden."

"Ah, ah, aber geh, na, so was!", staunte Dori und brachte vor Staunen den Mund nicht wieder zu.

"Ja, Dori, kannst es glauben ... mir hat's mein Vaterl g'sagt. Und da, schau ... schau Dir nur einmal den Buchstamm an da drüben!" Beverl deutete bei diesen Worten nach einer Buche von reisigem Wuchs und majestätischer Schönheit. "Schaut sich der Baum net grad so an als wie recht ein reicher Bauer, der dicke rund dicker wird mit jedem Tag, der um sein' Hof rum allen Grund ankauft, weil er's Geld und d' Macht hat, dass er die andern drucken kann und nöten?"

"Ja, ja," lachte Dori, "und der sich breit macht, wann er ins Wirtshaus kommt, und sagt: Jetzt alles z'ruck, jetzt bin ich da, der Bauer von so viel Grund und Boden."

"Ja, gelt, so schaut der Buchstamm aus! Aber weißt, der Baum is ehnder einmal ein Bäumerl g'wesen, und bis er worden is, wie er sich jetzt anschaut, hat er grad arbeiten müssen und fleißig sein. Wo er ein Stückl Boden g'sehen hat, auf das kein andrer auf'passt hat, da hat er g'schwind eine Wurzen drüber g'streckt. Und was er aus'm Boden 'zogen hat, das hat er g'spart und g'sammelt, dass er g'wachsen is und allweil stärker 'worden. Und seine Äst und Asteln hat er g'streckt, ich sag Dir's, so viel g'scheid, dass keins das andre druckt und engt. Und seine Blattln hat er g'schoben, ein jeds am richtigen Platz, dass jeds sein' Luft hat und sein' Sonn. Drum steht er aber jetzt auch da, dass ihm kein Sturm net ankann und kein Wetter net! Aber weißt, wo einer g'winnt, da muss ein anderer verlieren, hat mein Vaterl g'sagt. Ja, da därfst Dir grad den dürren Lärchbaum anschaun, der neben der Buchen steht. Is woltern noch net z'alt, und dengerst schon krank und dürr von unten auf bis oben. Weißt, der hat halt 's Fleißgisein eing'stellt in der besten Zeit und hat nimmer auf'passt auf sein' Sach. Und da is ihm der Buchstamm über'kommen, hat ihn untergraben, hat ihm d' Wurzen g'hoben und hat ihm d' Luft weg g'schnappt und 's Licht versperrt."

"G'schieht ihm ganz recht! Weswegen is er so faul worden und hat sich net g'wehrt!"

"Und gar erst, da drüben wenn Du 'nein schaust untern Schatten von der Buch ... da sind die armen Hascherln daheim, die niedern Fichtenböscherln, die magern Ahornstammerln, und wie s' alle heißen. Das sind die richtigen Tagwerksleut ... die müssen sich plagen um ihr bissl Saft und Kraft, müssen sich fretten auf dem kleine Platzl Boden, das dem Buchstamm z' g'ring is oder schlecht, und müssen sich g'nügen an dem bissl Sonnlicht, das der Buchstamm durchlasst. O mein, da geht gar manchem vor der Zeit der Schnaufe raus, und wenige derwarten's, bis übern Buchstamm 's Alter kommt und 's Sterben, oder der Holzknecht mit der Axt. Aber nachher, wenn s' Platz und Boden erben, nachher fangen s' Dir zum Arbeiten und zum Treiben an und wehren sich gegen einander ... und mit der Zeit geht's nachher mit dem ein' und mit dem andern, wie mit dem Buchstamm und dem Lärchbaum da! Ja, und weißt, da gibt's nachher andere auch noch g'nug, so ganz verlassene Schlucker und Bettelleut, die gar kein' Heimat haben, die sich nie net aufstellen können auf die eigenen Füß und grad froh sind, wann s' wo unterschupfen können unter ein sichers Dach, so hat mein Vaterl g'sagt. Da, schau, da is so einer, der Efeu dort, der sich so schön stad auf'n Buchstamm zug'macht hat. No, und der Buchstamm is ein guter Kerl, hat zu dem armen Hascherl g'sagt: so geh halt he rund heb Dich in d' Höh an mir und lass Dir' swohl sein bei mir heroben, solang Dir's taugt, ich kann ja was ablassen, ich hab ja g'nug. Da hat sich halt der Efeu jetzt schön b'hutsam auffig'schlangelt übern Buchstamm ... ganz gut vertragen sich die zwei, und ihre Blattln plauschen miteinander. Und der Efeu ist Dir so eine brave, dankbare Seel ... weil ihn der Buchstamm so mit hin'kommen lasst, deswegen legt er seine hundert tausend ewiggrünen Blattln wie ein' dicken, warmen Mantel um ihn rum, so dass der Buchstamm kein' Frost und Kälten leiden müss ... net einmal im harbsten Winter ... so sorgsam macht ihn der Efeu ein!"

"Das is aber auch sein' Pflicht und Schuldigkeit," versicherte Dori. "Wohltaten muss man vergelten!"

"Da hast recht! Aber weißt, es denken net alle so, wie der Efeu. Wie 's oft im Leben is, dass man von ein'm, dem man nix als Liebs erwiesen hat, nix anders erfahrt als Wehdam und Kümmernis ... schau, grad so geht's diemal im Wald zu, hat mein Vaterl g'sagt." Beverl verstummte und schaute eine Weile mit forschenden Blicken um sich; dann schüttelte sie das Köpfchen und sagte: "Ich seh keins ... es is keins in der Näh ... aber weißt, 's Gaisblattstäudl und 's Jelängerjelieberpflanzl, das sind ein paar solche sauberen Heimtücker! Ja, ich sag Dir's ... so lieb und freundlich sind s' zum anschaun und haben so ein scheinheiligs und bösartigs Wesen! Ganz zutraulich schleichen s' daher über d' Wurzen zu so ei'm Baum und machen so ein unschuldigs G'sichtl ... aber wie s' das gute Bäuml erst einmal beim Zwickl haben, kreisen s' Dir dran in d' Höh, so gierig und g'fressig, und lassen nimmer aus ... wie eiserne Klammern würgen s' ihre Schlangenarm drum rum und schneiden ganze Furchen 'nein in d' Rinden, dass dem armen Bäuml schier der Schnaufer ausgeht."

"Na, na, aber das sind Lumpen! Die sollt man ja doch gleich ...", fuhr Dori auf und schüttelte zornig die Fäuste.

"Ja, ordentlich erbarmen muss ein' so ein Bäuml. Das muss sich jetzt nachher doppelt plagen, weil 's d' Hälfte von allem Saft, den 's aus'm Boden zieht, hergeben muss für die schlierigen Schmarotzer, die sich mit die eigenen Wurzeln gar nimmer um's Fortkommen strapazieren und ganz g'mütlich dem armen Bäuml das weiße Pflanzenblut raussaugen durch sein' Rinden. Da schüttelt nachher freilich gar oft so ein Bäumerl recht traurig sein grüns Köpferl, als wie wenn's sagen wollt: Jetzt den schau an, dem hab ich so viel z'lieb 'tan, und jetzt macht er mir's so ... das hätt ich nie net 'denkt!"

"Du, Beverl, sag, is denn jetzt das auch möglich, dass so ein Baum sich so was denken kann, und dass er so was g'spürt?"

"Aber Dori! Der Baum, der denkt und g'spürt Dir freilich nix ... aber d' Alfin denkt und g'spürt, die in dem Baum drin haust, so hat mein Vaterl g'sagt. Das is Dir grad wie mit der Seel beim Menschen. D' Seel' is 's, welche leibt und hasst, und die sich g'freut und kümmert ... und wann d' Seel verflogen is, der Tote g'spürt nie nix mehr."

"Ja, ja, jetzt das versteh ich schon. Aber, mein' ich, so eine Alfin, weißt, die sollt halt g'scheid sein und sollt sich sorgen um ihr Bäuml!"

"Aber Dori, schau, das tut s' ja g'wiss!", bestätigte Beverl mit eifrigen Worten. "Aber weißt, es hat halt jeder Baum sein' Alfin, und jedes Pflanzerl hat sein' Fey oder sein Wurzenweiberl, und da kommt's halt nachher drauf an, wer mehrer sorgt und g'scheider denkt. Und wenn auch d' Alfinnen 's Unsichtbarmachen und 's ewige Wesen von der Gottheit haben ... im übrigen sind s' akrat wie d' Menschen, hat mein Vaterl g'sagt ... und drum, hat er g'sagt, drum geht's im Wald auch zu akrat wie in der Welt. Ja, die eine bringt's zu was, die andre kommt um ihren Baum, wie d' Menschen oft um Haus und Hof. Und kannst es glauben, so ein arms Hascherl, wann s' ihren Baum verloren hat, is net zum neiden. Als Waldweibl muss s' umeinander irren Tag und Nacht im Wald, bis s' wieder ein Pflanzerl findt, grad in dem Augenblick, wo's rausspitzt aus'm Boden. Da kann sie sich nachher wieder einrichten drin. Derweil aber hat s' ein bitters Leben; die andern Alfinnen spotten s' aus, und in die Freinächt treibt s' der wilde Jager umeinander und hat sein grausamen G'spaß damit ... und nie net haben s' eine Ruh vor ihm, und nienderst können s' rasten, wenn s' net ein' Baumstock finden, in den eine fromme Hand die schiefen Kreuz 'nein g'schnitten hat.

"Ja, Du, Beverl, seit Du mir das zum ersten Mal g'sagt hast, bin ich an kei'm Baumstock mehr vorbei, ohne dass ich mein' Feitl raus'zogen hab. Aber weißt, was mich g'reuen tät? Wann ich einmal eins sehen möcht, so ein Waldweibl! G'spassig müssen s' ausschauen! Sag, is Dir schon eins begegnet?"

"Na! Aber mein Vaterl selig hat gar oft eins g'sehen ... weißt, vor dem haben sie sich halt gar net g'scheut, weil s' schon g'wusst haben, wie gut er's ihnen meint."

"No, Du meinst es ihnen doch auch net schlecht! Da könnt sich schon einmal eins sehen lassen. Oder weißt, was ich mir denk ... wann jetzt morgen Edelweiß brocken gehst, am End findst gar dem Edelweißkönig sein Königsbleaml!"

"Aber Dori!", schmollte Beverl und blickte mit vorwurfsvollen Augen zu dem Burschen nieder. "Mit so was därf man kein' Spott net treiben!"

"Das is kein Spott nett!", stotterte Dori. "Gott bewahr! Ich hab mir halt 'denkt, wenn eins die richtige Hand zu so was hat, nachher hast es Du!"

Beverl schwieg. Sie pflückte einen hoch über das Moos emporgeschossenen Grashalm und betrachtete mit aufmerksamen Blicken die zierliche Rispe.

Seufzend ließ sich Dori von seinem Sitz gleiten, streckte sich der Länge nach auf den Bauch, legte die Wangen in die aufgestützten Hände und schlenkerte mit den Füßen.

Tiefe Stille herrschte rings umher. In den Wipfeln der Bäume hatte sich das Rauschen gelegt, die Vöglein waren verstummt, und die Dämmerung webte ihre ersten leichten Schleier durch den Wald, von welchem der letzte Strahl der Sonne längst geschieden war.

"Du, Beverl, sag," fragte Dori nach einer stillen Weile, "wann's jetzt dengerst so wär, und der Edelweißkönig möcht sich sehen lassen vor Dir ... tätst Dich fürchten vor ihm?"

"Ja warum denn fürchten?", fragte Beverl ganz erstaunt. "Der Edelweißkönig is ja ein guter Geist, der die Menschen gern hat."

"No, jetzt weißt, das is halt doch so eine Sach," erwiderte Dori zögernden Wortes, "und vielleicht redst bloß so, weil Dir noch nie so was begegnet is, und weil Du noch nie kein' Geist net g'sehen hast."

"Meinst?", klang es leise von Beverls Lippen.

Dori ließ die Füße sinken und spitzte die Ohren. "Ja wie is mir denn? Wirst doch net sagen wollen, dass Du schon einmal ein' g'sehen hast ... ein' Geist?"

Ein stilles, inniges Lächeln spielte um den Mund des Mädchens, das mit schwärmerischen Augen aufwärts blickte in das dunkelnde Gewirr der Äste.

"G'sehen, Dori? Ob ich ein' g'sehen hab ... ich weiß net g'wiss. Oft träumt man was und meint, man hätt's mit wache Augen g'sehen ... und diemal sieht man was und meint, man hat's bloß 'träumt. Aber noch gar net lang is her ... da hab ich ein' g'hört, ein' Geist, und hab verspürt, dass er dag'wesen is."

Mit einem Ruck saß Dori an Beverls Seite. "Ja was Du sagst! Geh, Beverl, geh, so red doch, red! Ja was is denn jetzt das! Ja so sag nur grad, was für ein Geist kann denn das nachher g'wesen sein?"

Da neigte Beverl ihren Mund zu dem Ohr des Burschen nieder und flüsterte: "Der Hannibas ihre arme Seel."

"Ah geh! Ah geh!", murmelte Dori, während ein Gruseln seine Schultern überflog.

Beverl nickt. "Ja beim Namen hat s' mich g'rufen, ganz stad und sanft, in derselbigen Nacht, ehrvor man d' Leich raus'bracht hat aus der Stadt ... wie ich drin g'standen bin in ihrem Stübl und hab ihr das Armeseelenmahl auf's Fensterbrettl g'stellt, ein' weißen Wecken und ein Schüsserl Milch. Ja, und in der Fruh, wie ich nachg'schaut hab, da war der Wecken 'gessen, und d' Milch is 'trunken g'wesen."

Beverl sah nicht, wie Dori bis hinter die Ohren erblasste. Sie hörte nur das heisere Lachen, das von den Lippen des Burschen schütterte, und dazu die stotternden Worte: "Aber ... aber Beverl ... wie kannst denn so was glauben! Wer da 'gessen und 'trunken hat, kann denn das net ein Mensch g'wesen sein, ein richtiger Mensch mit Blut und Beiner?"

Ernst schüttelte Beverl den Kopf. "Ah na, so was is gar net zum Denken! Wie käm denn in der Nacht ein Mensch aus Fenster nauf in obern Stock. Und so was tät ein Mensch schon gar net ... denn wann sich einer am Armeseelenmahl vergreift, so hat mein Vaterl g'sagt, der muss im selbigen Jahr noch sterben."

"Sterben ... sterben ... Jesus Maria!", stammelte Dori und fuhr mit beiden Händen nach den Schläfen.

"Ja was hast denn, Dori, was is Dir denn?", fragte Beverl verwundert.

Hastig schüttelte Dori den Kopf, den er tief auf die Brust senkte. "Nix, nix ... gar nix! Nur 'denkt hab ich mir ... wenn einer so was tät, wie fürchtig das wär, wie fürchtig, wie fürchtig! Aber sag Beverl ... sag um Tausendgottswillen ... wann jetzt so einer gar net wissen tät, dass das ein Armeseelenmahl war, von dem er 'gessen und 'trunken hat?" Und mit dem Ausdruck flehender Angst hingen die weitoffenen Augen des Burschen an Beverls Lippen.

Beverl besann sich eine Weile, dann schüttelte sie langsam das Köpfchen und entschied mit allem Ernst, dessen ihr liebliches Gesichtchen fähig war: "So was muss man wissen!"

Dem Burschen schrumpfte der Kopf zwischen die Schultern, und sein Kinn bewegte sich, als wollten ihm die Zähne zu klappern beginnen. "O heilige Maria ... jetzt is schön ... jetzt si schön! Und ... und so ei'm ... is gar nimmer z'helfen?"

"O ja!", nickte Beverl - und da streckte Dori die Hände, als wollte er sich an den Rock des Mädchens klammern, und sein Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, das sich halb wie Lachen ansah, halb wie Weinen. "O ja, weißt, so einer muss halt sein verfallens Leben lösen und muss ei'm andern Menschen 's Leben retten, hat mein Vaterl g'sagt."

Trostloser Jammer malte sich wieder auf Doris Zügen. "O mein ... o mein," stammelte er, "das is ja grad wie gar nix! Wie kommt denn so einer g'schwind zu so was ... das is ja gar net zum denken!"

Beverl schien diese Worte nicht mehr zu hören. Hastig war sie aufgesprungen, und während sie die Röcke schüttelte und glättete, schmollte sie: "Na, na, schau nur grad an, wie spat als 's worden is! Wie man sich nur so verplauschen kann! Geh, komm, Dori, jetzt heißt's aber tummeln, komm, komm!" Und hurtigen Schrittes eilte sie schon auf dem bergwärts führenden Pfad dahin durch den dämmernden Wald.

Mühsam erhob sich Dori, und seine Füße schienen ihn kaum tragen zu wollen, als er dem Mädchen folgte.

Nach Kurzer Wanderung erreichten sie eine Stelle, an welcher der Pfad eine Biegung machte, um quer über den waldigen Berghang eben fortzulaufen.

"Beverl!", rief plötzlich Dori das Mädchen an, und als es die Schritte verhielt und ihm fragend entgegenblickte, sagte er mit stockenden Worten, ohne die Augen von der Erde zu heben. "Gelt, Beverl, musst net harb sein, dass ich net weiter mit Dir geh? Aber von jetzt an findst den Weg ja blindlings ... weißt, ich muss noch weit in d' Höh ... ich hab mein' Liegerstatt da droben, wo meine Schaf auf der Weid sind ... und es wird so wie so schon Nacht, bis ich naufkomm. Und dass ich dabei bin, das is schon so viel nötig, denn jetzt is schon wieder ...", er verschluckte das Wort, das ihm auf der Zunge lag. Vielleicht fürchtete er, dass sich das Mädchen kümmern möchte, wenn es erführe, dass der Jörgenvetter abermals um ein Lamm ärmer geworden wäre.

"Aber ja, geh, Dori, geh! Lass Dich von mir net abhalten!", mahnte Beverl. "Ich find mich schon hin zur Hütten! Und morgen in der Fruh, da kommst ja runter und holst mich ab zum Edelweißbrocken, gelt?"

"Ja, schon ... wann ich noch kommen kann!", stieß Dori mit versagender Stimme vor sich hin, während er den Stachel des Bergstockes in die Erde wühlte.

"Weswegen sollst denn net kommen können! Brauchst ja bloß Deine Füß ein bissl rühren!", lachte Beverl und streckte dem Burschen die Hand entgegen. "Also, b'hüt Dich Gott derweil!"

Dori drückte und schüttelte Beverls Hand und erwiderte ihr "B'hüt Dich Gott" mit einer Stimme, als gälte es einen abschied für's Leben. Da schaute ihm Beverl verwundert und besorgt ins Gesicht. Eine Frage lag ihr auf der Zunge, schon aber riss sich Dori los und stürmte, ohne sich noch einmal umzusehen, geraden Weges den stielen Hang empor.

"Was hat er denn? Was hat er den?", murmelte Beverl, während sie dem Burschen kopfschüttelnd nachschaute, bis er im Dickicht verschwand und seine Tritte verhalten.

Zögernden Schrittes und sinnend vor sich nieder blickend folgte sie dem Weg.

Bald erreichte sie die Lichtung, auf welcher, wie Dori vor kaum einer Stunde erfahren, die Begegnung Gidis mit dem rätselhaften Schafdieb stattgefunden hatte.

Eine falbe Helle lag noch über dem Platz, den spärliches Buschwerk bedeckte, daraus sich einzelne verwitterte Felsblöcke erhoben.

Beverl hatte die Lichtung überschritten und wollte schon wieder den dunklen Wald betreten. Da hörte sie plötzlich einen schwirrenden Flügelschlag und dann ein kurzes Flattern. Hastig blickte sie der Richtung zu, aus welcher sie das Geräusch vernommen hatte - und ein leiser Aufschrei glitt von ihren Lippen. Auf einem der Felsblöcke sah sie einen weißen, schwarz geschnäbelten Vogel sitzen, der wie nach eben erst vollendetem Flug die Schwingen schloss.

"Na! Na! Das is ja net möglich, das kann ja net sein!", stammelte sie, während sie zögernden Fußes um einige Schritte zurücktrat in die Lichtung und dabei mit beiden Händen nach ihrem Gesicht fuhr, als wollte sie mit Fingern fühlen, ob es denn wirklich wachende, offene Augen wären, mit denen sie zu sehen meinte, was sie doch nicht glauben konnte.

Der Vogel musste wohl ihre murmelnde Stimme und das Geräusch ihrer Schritte vernommen haben. Hurtig reckte und drehte er den Kopf, dann duckte er sich und begann zu plappern: "Do, do, Echi, a do, a do!"

"Jesses ja, o Du mein lieber Herrgott!", jubelte Beverl auf und eilte mit ausgestreckten armen durch das Gestrüpp dem Felsblock zu. "Ja Hansei, o mein liebs Hansei! Hansei! Hansei!"

Schon war sie dem Stein so nahe, dass sie den Vogel haschen zu können meinte, da flatterte er mit zornigem Krächzen empor und flog dem Wald zu.

"O mein Gott, o mein, er kennt mich nimmer!", schluchzte Beverl unter plötzlich ausbrechenden Tränen, und während sie der Richtung zueilte, in welcher der Vogel zwischen den Bäumen verschwunden war, rief sie lockend und schluchzend unablässig den Namen: "Hansei, Hansei, mein liebs Hansei!"

Trotz der Dämmerung, die schon im Wald herrschte, sah sie bald hier, bald dort auf einem Ast das weiße Gefieder des Vogels schimmern. Sie hörte ihn durch die Zweige flattern, und manchmal vernahm sie auch sein schnarrendes Plappern: "Do, do, gedegg, a do!" Doch immer, wenn sie ihm nahe kam, floh der Vogel mit scheuem Krächzen vor ihr der Höhe zu. Mit Weinen, Jammern, Locken und Rufen folgte sie ihm. Sie achtete des Weges nicht, den sie ging, nicht der Richtung, nach welcher dieser Weg sie führte, und vernahm nicht das dumpfe Rauschen, das näher und näher klang, je weiter sie den fliehenden Vogel verfolgte. Sie kam aus dem Wald, sie wand sich durch dichtes Latschengestrüpp - und nun gelangte sie auf einen steilen, von massigem Steingeröll überlagerten Hang.

Wieder sah sie den Vogel auf einem Steinblock sitzen, wieder suchte sie ihn zu haschen, wieder floh er vor ihr - mühsam folgte sie ihm eine kurze Strecke - da plötzlich entschwand er ihren Augen, als versänke er in die Erde - einige Schritte noch tat sie, dann fuhr sie erschaudernd zurück, denn ihr zu Füßen gähnte schwarze bodenlose Tiefe.

"Jesus Maria ... der Höllbachgraben!", stammelte sie und wollte von der Stelle fliehen, während sie mit zitternder Hand sich bekreuzte. Doch schon beim ersten Schritt trat ihr Fuß auf einen locker liegenden Stein, der unter ihrem Tritt ins Rollen kam. Sie wankte, versuchte im Wanken seitwärts zu springen und stürzte dabei mit dem einen Fuß beinahe bis ans Knie in eine enge, vom Mooswerk überdeckte Felsenschrunde. Ein jäher, stechender Schmerz durchfuhr ihren Knöchel, und stöhnend brach sie zusammen. Schwer nur gelang es ihr, den heftig schmerzenden Fuß aus der Spalte zu befreien - doch als sie sich empor zu richten und den verletzten Fuß zu gebrauchen versuchte, hatte sie ein Gefühl, als trete sie auf spitze Nadeln. Mit aller Überwindung verbiss sie den Schmerz, unter Marter und Mühe machte sie einige kurze Schritte, aber es wollte ihr nicht gelingen, sich aufrecht zu halten - und wieder sank sie nieder auf das raue Gestein.

Unter bitterlichem Schluchzen barg sie das Gesicht in beide Hände. Nun wusste sie, dass sie ohne fremde Hilfe keinen Schritt mehr von der Stelle käme. Unter dem Schmerz, den sie empfand, fürchtete sie, den Fuß gebrochen zu haben. Eine Stunde noch, dann musste sich die Dämmerung zu tiefer Nacht gewandelt haben - und diese ganze, lange Nacht nun sollte sie hier verbringen, an diesem grausigen, unheimlichen Ort - denn nun erkannte sie die Stelle wohl, an welcher sie sich befand: Die "hohe Platte", auf der das Unglück mit dem Ferdl geschehen war.

Bei diesem Gedanken ließ Beverl die Hände sinken, und "Dori, Dori, Dori!", klang es mit schrillenden Rufen von ihren Lippen in die Lüfte. Sie hoffte, dass der Bursche noch so nahe wäre, um ihren Hilfeschrei vernehmen zu können. Wieder und wieder rief sie seinen Namen, aber zwischen Wald und Felsen verhallten ihre Rufe, ohne dass ihnen Antwort kam.

Endlich verstummte sie und starrte, die Hände im Schoß gefaltet, trostlos vor sich nieder. Da plötzlich gewahrte sie zu ihren Füßen auf einem kleinen, von spärlichem Gras überwachsenen Fleckchen einen weißen Schein. Ein zitternder Schreck überkam sie, hastig neigte sie sich nieder, und sie hatte sich nicht getäuscht - was da im Abendwind auf hohem, dünnem Stengel sachte schaukelte, es war ein Edelweiß von seltener Größe.

Wohl nur die Trostlosigkeit der Lage, in welcher sich Beverl befand, mochte sie an die Hoffnung glauben lassen, welche jäh und brennend in ihrem Herzen emporschoss, während sie sich von ihrem Sitz gleiten ließ und dem grasigen Fleckchen näher rückte. Wie ein Espenzweiglein bebte ihr die Hand, mit der sie die schwankende Blume brach. Ein tiefer, angstvoller Seufzer schwellte ihre Brust; dann hob sie die Blume nahe zum Gesicht, doch bei der herrschenden Dämmerung sah sie nur einen runden, weißen Schimmer vor den in Tränen schwimmenden Augen. Mit zitternden Fingern begann sie die Strahlen des Edelweißsternes zu befühlen - nannte dazu mit flüsternden Lippen Zahl um Zahl - je weiter sie zählte, desto mehr steigerte sich ihre Unruhe und Erregung - bis auf zwanzig hatte sie schon gezählt, als sie tief atmend einen Augenblick inne hielt - dann zählte sie weiter - "sieb'nundzwanzig, achtundzwanzig," stieß sie mit stockender Stimme vor sich hin - und da nannte sie nun keine Zahl mehr, doch wieder fühlte sie einen Strahl des Sternes - - und jetzt den letzten vor den beiden Fingern, in denen sie zum Merkmal noch den ersten hielt.

"G'funden hab ich's ... g'funden ... 's Edelweißkönigsbleamerl!", stammelte sie unter Zittern und Schluchzen. "Du lieber, Du guter Herrgott, Du willst mir helfen in meiner Not, Du hast - -" Sie verstummte, doch nur für die Dauer eines stockenden Atemzuges, dann klangen mit leisem Raunen, jedoch in fliegender Hast, von ihren Lippen die Worte:

"Edelweißkönig, ich ruf Dich an!
Ich lieb Deine Bleamerln, hab kei'm noch was 'tan!
Dreiß'g sammetne Strahl am gottseinzigen Stiel,
Is nimmer net z'wenig, is immer net z'vile!
Dein Bleaml is g'wachsen, Dein Bleaml hat 'blüht,
Der Herrgott hat's g'schaffen und Du hast es b'hüt!
Aus Näh oder Weiten, aus Berg oder Tal,
Dein Bleaml, das b'ruft Dich von überall!
Ob z'öberst in Lüften, ob z'tiefest im Grund,
Edelweißkönig, jetzt tu Dich kund,
Edelweißkönig, in Herrgotts Nam,
Edelweißkönig, ich ruf Dich an!"

Da war es gesprochen - und jetzt erschrak sie vor ihrem eigenen Mut. Sie begann an allen Gliedern zu zittern, krampfhaft umschlossen ihre Finger den Stengel der Blume, Frost und Hitze wechselten auf ihrem Leib, ihr Herzschlag stockte, und der Atem drohte ihr zu versagen. Mit angstvollen Blicken starrte sie umher in der tiefen Dämmerung - mit jedem Augenblick meinte sie die geisterhafte Gestalt des Beschworenen vor sich auftauchen zu sehen - aber Sekunde um Sekunde verrann, die Sekunden wurden zu Minuten, mehr und mehr verschleierte die sinkende Nacht den Grund, und nur das dumpfe Rauschen des Höllbachs war zu hören, sonst kein Laut rings in der dunklen Runde.

Endlich schüttelte Beverl aufseufzend das Köpfchen. Es war Erleichterung, was sie empfand, und nicht Enttäuschung. "'s muss dengerst net das rechte Bleaml sein!", flüsterte sie.

Nun fühlte sie auch wieder an ihrem verletzten Fuß den brennenden Schmerz, den die Erregung der verwichenen Minuten in ihr übertäubt hatte. Sie machte abermals einen Versuch, sich empor zu richten, und sank mit dumpfem Wehlaut wieder zurück. "Es hilft nix ... bleiben muss ich ... bleiben die ganze Nacht!", schluchzte sie, und dachte dann unter Tränen wieder an den Vogel, der sie hierher verlockt. Hätte sie ihn nur haschen können! Welch ein Trost hätte sie jetzt an dem Tier! Sie wäre nicht allein, sie hätte mit ihrem Hansei plauschen können, und die Erinnerung an vergangene Zeiten hätte ihr die Nacht gekürzt, die ihr bevorstand. Durch zärtliche Liebkosung hätte sie den wieder gefundenen Liebling entschädigt für die rauen Tage, die er auf seiner Irrfahrt vom verwaisten Waldhaus bis hierher doch gewiss erlebt haben musste. Sie dachte daran, wie sie in Gemeinschaft mit ihrem Vaterl das Tier verwöhnt und verhätschelt hatte. Da mochte das Hansei wohl schwer gelernt haben, sich selbst zu nähren, sich zu schützen vor Frost und Stürmen. Ob es wohl noch der warmen traulichen Stube im Waldhaus sich erinnerte, wenn es nun einsam in seinem kalten Schlupf saß, vielleicht in einer Felsenschrunde des Höllbachgrabens?

Im Höllbachgraben! Beim Gedanken an diesen schauerlichen Ort zuckte in Beverls Köpfchen ein beängstigter Zweifel auf. War der weiße Vogel, dem sie gefolgt, auch wirklich ihr Hansei gewesen - nicht etwa ein Spuk, der sie zu ihrem Unheil hierher gelockt in diese Felsenöde? Aber nein, nein! Sie hatte den Vogel zu genau erkannt und hatte ihn Worte plaudern hören, die er im Waldhaus einst gelernt. "Echi" - das war in des Vogels Sprache ihr eigener Name, das sollte "Evi" heißen. "So, bist aa do?" hatte ihr Vaterl oft den Vogel lächelnd angesprochen, der dann mit seinem "do, a do" die Worte nachzuplappern pflegte. Und sein "gedegg" erinnerte sie daran, wie häufig der Vater das Hansei, wenn es ihm bei der Arbeit lästig wurde, mit zürnendem "Geh weg!" von der Hobelbank scheuchen musste.

Nein! Nein! Sie konnte nicht länger zweifeln - der Vogel, den sie gesehen, war wirklich und wahrhaftig ihr Hansei gewesen. Wie hatte sie auch nur einen Augenblick so töricht sein können, an einen Spuk zu glauben! Freilich - der Höllbachgraben - und -

Ein Schauer überlief sie, und mit Gewalt suchte sie die Gedanken zu unterdrücken, die in ihr rege wurden. Mit scheuen Augen starrte sie durch die Finsternis der Richtung zu, aus welcher das dumpfe Rauschen klang. Dann hob sie die zitternde Hand, bekreuzigte sich und begann zu beten.

Während sie mit leiser Stimme ein Vaterunser um das andere sprach, überkam eine ruhige, tröstliche Stimmung ihr Gemüt. Sie konnte beten - was hatte sie da zu fürchten? Ewig würde die Nacht ja auch nicht währen, meinte sie - und bei grauendem Morgen schon musste Dori in die Sennhütte kommen; dann würde er mit Enzi ausgehen, um sie zu suchen und zu finden.

So begann sie sich in ihr Schicksal zu ergeben, und mit Geduld ertrug sie die heftigen Schmerzen an ihrem Fuß, um dessen Knöchel sich eine glühende Geschwulst gebildet hatte.

Die Nacht war da. Kühl und finster lagerte sie über den Bergen; nur wenige Sterne funkelten mit mattem Schein am Himmel, der sich mit dünnen Nebelschleiern überzogen hatte. Von den felsigen Höhen fuhr ein kalter Wind zu Tal, bald zu trägem Luftzug sich dämpfend, halb fauchend unter jähen, heftigen Stößen. Es war ein Wind, der nahen Regen verkündete.

Beverl kannte die Bedeutung dieses Windes. Mit besorgten Blicken schaute sie in die westliche Ferne und sah vom Horizont eine schwarze Wolkenmauer emporsteigen, die auf ihrem Zug Stern um Stern vom Himmel löschte.

Mühsam rückte Beverl einem Felsblock entgegen, hinter welchem sie die scharfe Kälte des Windes weniger zu spüren hatte und wohl auch eineigen Schutz vor dem Regen finden konnte, wenn das drohende Unwetter zum Ausbruch kam.

Kaum hatte sie ihren Sitz zu Füßen des Blockes eingenommen, als sie mit beiden Händen hastig an die Brust fuhr. Sie fürchtete, das Edelweiß verloren zu haben, das sie ins Mieder gesteckt hatte. Erleichtert atmete sie auf, als sie die Blume fühlte. Sie wollte dieselbe bewahren zum lebenslangen Gedenken an diese Nacht und an die verwegene Hoffnung, die der ersten Anblick des weißen Sternes in ihr erweckt hatte. Bei dem Gedanken an jene Minuten schalt sie sich im stillen um der herz- und atemstockenden Angst willen, von der sie sich beim letzten Wort der so mutig begonnenen Beschwörung hatte befallen lassen. Was hätte sie zu fürchten gehabt - von diesem "so viel guten Geist, der alle braven Menschen gern hat," wie ihr "Vaterl" wohl zu hundert Malen ihr versichert hatte. Sei sah den Alfen im Geist vor sich stehen, in der Gestalt, die ihr der Vater einst geschildert - sie sah den grauen, faltigen Mantel, das weiße Gesicht mit den blauen Augen, den braunen Bart und auf dem lockigen Haar den mit der Edelweißkrone gezierten Hut - eine Gestalt zum "gern haben eher als zum Fürchten". Das hätte sie sich wohl gefallen lassen können, meinte sie jetzt, wenn er in solcher Gestalt ihr erschienen wäre, wenn er sie auf seine arme gehoben, bis zur Hütte getragen, mit einer Berührung seiner Hand ihren Fuß geheilt und sie noch überdies mit reichen Geschenken bedacht hätte. Hatte er doch gleiche Wohltat vielen andern schon erwiesen - das wusste sie, ihr "Vaterl" hatte das gesagt. Und wenn nun solches nicht auch ihr widerfahren war - an ihr selbst hätte das gewiss nicht gelegen. Sie hätte beschwören können, dass sie von dem Sprüchlein, das der Vater sie einst gelehrt, kein Buchstäbchen vergessen hatte. "Das Blümel halt," dachte sie, "'s Blümel kann net 's rechte sein!" Sie musste sich wohl beim Zählen der Strahlen geirrt und sicherlich den einen und anderen doppelt gezählt haben.

Zögernd löste sie die Blume von ihrer Brust und begann mit den Fingern die samtweichen Zacken des Sternes abzufühlen. Und wieder zählte sie dreißig Strahlen. Sie schrak zusammen, die Wangen wurden ihr heiß, und ein Zittern kam in ihre Hände. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte nicht glauben . "Ah ja, freilich, ich hab ja vergessen ...", stammelte sie plötzlich, tastete nach der Mitte der Blume - und fühlte richtig die "sechs Schöpferln," sechs kugelige Samenknöpfchen. Ein Schauer überlief ihre Schultern. "Na! Na! Und es kann ja doch net 's rechte Bleaml sein ... sonst hätt er ja kommen müssen," stotterte sie, begann aufs neue die Strahlen zu zählen -und dabei vergaß sie des schmerzenden Fußes, vergaß sie der Nacht und des Himmels, der in der weiten Runde schon behangen war mit dicht geballtem, wogendem Gewölk. Erst als ein greller Blitz zur Erde zuckte, dem ein rascher, krachender Donner folgte, fuhr sie auf.

Da fielen auch schon die ersten, schweren Tropfen, und ehe noch Beverl zum Schutz sich enger an den Fels zu schmiegen vermochte, rauschte und klatschte schon ein strömender Regen über das Gestein.

Beverl legte die Blume in ihren Schoß, zog die Knie in die Höhe und schlug das oberste Röcklein gleich einem Mantel um die fröstelnden Schultern. Es war ein karger Schutz, den sie dadurch gewann. Mit Sausen und Wirbeln peitschte der Wind ihr den Regen entgegen, und bald fühlte sie, wie die kalte Nässe durch das dünne Gewebe an ihren Körper quoll. Ungeduldig harrte sie auf einen Blitz, bei dessen schein sie in ihrer Nähe einen besseren Unterschlupf zu gewahren hoffte.

Mit einem Mal fuhr sie lauschend auf - es war ihr gewesen, als hätte sie Tritte gehört - und nun wieder vernahm sie ein Knirschen und Klirren, als ginge einer mit genagelten Schuhen über das Geröll.

"Dori? Dori?", so rief sie mit flehender Stimme in Sturm und Nacht hinein.

Die Tritte verstummten, und schon wollte das Mädchen zu neuem Ruf die Lippen öffnen. Da jählings loderte mit einem Donnerschlag, unter dem die Erde bebte und schütterte, ein Blitzstrahl aus den Wolken, bei dessen flammendem Schein der Wald und die Berge wie in Feuer zu schwimmen schienen - und mit gellendem Aufschrei warf sich Beverl in die Knie. Wenige Schritte vor ihr, inmitten der lohenden Helle, ersah sie eine Gestalt in grauem Mantel, mit geisterblassem Gesicht, welches ein dunkler Bart umrahmte und lockige Haare umwallten, darauf der Spitzhut saß, den eine Krone von Edelweißsternen schmückte.

"Alle guten Geister - - der Edelweißkönig!", vermochte Beverl noch zu stammeln, dann schwanden ihr sie Sinne.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.