Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 8

Langsam bewegte sich der Almenzug des Finkenbauern durch das Dorf. Das Blöken und Brüllen der Tiere und das Läuten der Glocken rief an allen Häusern die Leute zu den Fenstern und vor die Türen. Bald mit kurzen Worten, bald nur mit einem hastigen Nicken erwiderte Jörg die freundlichen Grüße und die guten Wünsche, die ihm von allen Seiten zugerufen wurden. Während er so dem Zug voranschritt, hatte er alle Mühe, die Schafe in dichter Schar beisammen zu halten und die übermütigen Kalben zurückzutreiben, die mit bockenden Sprüngen der Herde voranzueilen suchten.

Ebenso rührten Dori und Emmerenz mit unermüdlichem Eifer ihre langen Stäbe hinter den trägen, neugierigen Kühne, die vor jedem kleinsten Grasfleck sich verhielten, vor jedem kreischenden Kind, vor jedem kläffenden Hund mit glotzenden Augen stehen blieben. Aber während Dori mit lautem, lustigen Geschrei hinter den Tieren her war, schwang Emmerenz mit verdrossenem Gesicht und zornigen Rufen ihren Stab. Als sie dann gar hinauskamen auf die taunassen, in der frühen Sonne glitzernden Weisen und die Herde immer größere Neigung zum Wandern in die Breite zeigte, steigerte sich Enzis Unmut zu schluchzendem Ingrimm, und während sie unter Keifen und Schelten hin und wieder lief, schossen ihre Augen ein um das andere Mal mit zornigen Blitzen über den waldigen Berghang empor nach einem kleinen schimmernden Punkt, der in halber Berghöhe aus lichtgrünen Lärchen winkte.

Mit desto hellerem Gesicht blickte Dori der Höhe zu, der sie entgegen stiegen - und als der Zug den Frühschatten der ersten Bäume erreichte, begann er ein Jodeln und Juchzen, dass es nur so widerhallte im steilen, rauschenden Bergwald. Als aber einmal der Weg am Höllbachgraben hart vorüberführte, verstummte Dori plötzlich inmitten eines Jodlers und murmelte: "Jesses na ... der Höllbachgraben ... und der Bauer ... und ich kann schreien wie ein Jochgeier."

"Wenn Du's nur einsiehst," brummte die Dirne, "is mir auch schon lang z'wider, das ewige Gekrachz."

"No, no, no ... stell Dich nur net gar so!", fuhr Dori auf, schnitt eine Grimasse und stieg schweigend hinter Emmerenz einher.

So mochten sie etwa eine Stunde empor gewandert sein, als über den Höllbachgraben her ein kläffender Laut sich vernehmen ließ. Da überflog der Bursche mit einem lustig zwinkernden Blick die Gestalt der Sennerin und stupfte sie mit seinem Stock in die Seite: "Du, mir scheint, der Jager ist heroben in seiner Hütten!"

"Meinetwegen! Was geht denn mich das an! Lass mir mein' Ruh, Du!", zürnte die Dirne und schoss einen wütenden Blick nach dem Burschen.

"Ja, das muss sein Hund g'wesen sein! Und da schau hin, zwischen die Bäum geht der Rauch auf von seiner Hütten. No, morgen wird er schon zusprechen bei uns droben auf der Alm."

"Glaub kaum!", fuhr es über Enzis Lippen. Es war ein recht gedrückter, kleinmütiger Ton in der Stimme, mit der sie diese Worte vor sich hin stieß.

Des langen und breiten begann Dori nun das Lob des Jägers zu singen. Enzi aber gab ihm keine Silbe mehr zur Antwort, so dass er sich schließlich zu der unwilligen Bemerkung veranlasst sah:

"Du, mit Dir is heut ein harts Diskrieren!"

"So! Wann Du's nur einmal merkst!", gab Emmerenz brummend entgegen.

Und wieder stiegen sie schweigend den steilen Weg empor, manchmal nur mit einem kurzen Ruf oder mit einem sachten Stockschlag ein träges oder ermüdetes Stück der Herde zu rascherem Marsch antreibend.

Als sie die Stelle erreichten, an welcher der Weg unweit unter der "hohen Platte" aus der Nähe des Höllbachgrabens seitwärts hinweglenkte gegen die nicht mehr allzu weit entlegene Almenlichtung, fasste Dori die Emmerenz beim Arm. "Du, da schau ... der Bauer!", flüsterte er und deutete nach dem von Gestrüpp überwucherten Hang, über welchen Jörg emporstieg, in der Richtung nach der hohen Platte.

"No ja, er wird halt droben ein Vaterunser beten," meinte die Dirne.

"Du," fragte Dori nach einer Weile, "weswegen hat er denn an dem Platzl, wo's Unglück g'schehen is, noch allweil kein Marterl aufrichten lassen? Das g'hört sich doch!"

Enzi zuckte die Schultern. "Was weiß denn ich! Und was geht's denn uns an, wenn der Bauer net tut, was der Brauch is? Das is sein' Sach, net die unser!"

Dori schwieg, runzelte die Stirn und schaute im Weiterschreiten dem Bauer nach, der zwischen hohen Büschen verschwand. Hätte er ihm noch weiter mit den Blicken folgen können, so würde er wohl zu der Ansicht gekommen sein, dass Emmerenz mit ihrer Meinung, was der Bauer dort oben beginnen möchte, nicht das Richtige getroffen hatte. Wenigstens schien Jörg keine Eile zu haben, die Unglücksstelle zu erreichen. Als er sich aus dem wirren Buschwerk auf den freien, von Felsenklötzen übersäten Hang gewunden hatte, verheilt er aufatmend die Schritte, setzte die Kraxe nieder auf einen Stein und löste die Arme aus den Tragbändern. So stand er geraume zeit und lauschte nach dem Weg hinunter, bis Enzis und Doris Schritte verhallten, bis das Läuten, Blöken und Brüllen der almwärts ziehenden Schafe und Rinder fern und gedämpft einher klang durch das dichte Gehölz.

Jetzt schlich er geduckten Leibes am Rand des Gebüsches entlang. Als er den stielen Absturz erreichte, lauschte und lugte er wieder emporgereckten Hauptes - diesmal über die Schlucht hinweg der Richtung zu, in welcher die Jägerhütte stand. Dann las er drei faustgroße Steine von der Erde und steckte sie in die Joppentasche. Vorsichtig stieg er über den Schluchtrand auf einen Vorsprung nieder, der sich wie ein bandartiges Gesims an der jäh abfallenden Wand entlang zog, Steinschrunden, Felsecken und kümmerndes Gesträuch boten für seine Hände den nötigen Halt, während er langsam dem der Höhe zuführenden Gesimse folgte. Wo dasselbe höher an den Schluchtrand stieg, ging Jörg gebückt, als fürchte er die Blicke irgend eines Menschen, den Zufall oder Absicht etwa in die Nähe des Höllbachs geführt hatte. Achtsam setzte er Fuß vor Fuß, und dennoch dämpfte das Rauschen, das aus der Tiefe quoll, kaum das Geräusch seiner Tritte. Der Firnenschnee, der unter Föhn und Sonne zur Frühjahrszeit die brausenden Gewässer durch die Höllbachschlünde ins Tal geschickt, war längst zerschmolzen bis auf wenige, schmutzig graue Felder, und seit Wochen war kein starker Regen mehr gefallen. Der Höllbach nährte sich fast nur noch aus den spärlich rinnenden Quellen, die mit Triefen und Rieseln über die steil abfallenden Wände ihren Weg suchten. Wenn Jörg auf seinem gefährlichen Pfad das Rinnsal solch einer Quelle passierte, wurde er übersprüht von dünnen Tropfen und weißlichem Wasserstaub. Endlich hielt er an; während er den linken Arm zu besserem Halt in eine Felsschrunde presste, holte er mit der rechten Hand einen der drei Steine aus der Tasche und ließ ihn niederfallen in den Abgrund. Hin und wieder prallend von Wand zu Wand, verschwand der Stein zwischen den ineinander greifenden Felsgefügen, die den Blick in die Tiefe wehrten. Ein Poltern und Kollern folgte, das mit einem dumpfen Klatschen erlosch. Im gleichen Augenblick warf Jörg den zweiten Stein - dann stand er eine Weile lauschend und rührte wie zählend die Lippen, bevor er den dritten Stein von der ausgestreckten Hand in den Abgrund sinken ließ. Wieder folgte jenes Poltern und Klatschen - doch kaum es verhallt war, schwirrte aus der Tiefe ein klirrender Laut empor - das klang, als wäre dort unten ein eiserner Stachel heftig wider einen Stein gestoßen worden. Jörg nickte vor sich hin, als hätte er diesen Laut zu hören erwartet, und wandte sich zur Umkehr. Doch wenige Schritte nur hatte er getan, als ein seltsames Geräusch ihn nieder blicken machte in die Tiefe. Unter den überhängenden Felsen kam ein weißer Vogel von Taubengröße hervorgeflattert, setzte sich auf einen von blassgelben Algen überwachsenen Steinvorsprung, öffnete wie gähnend den Schnabel, reckte schlagend die Schwingen und ließ sich mit krächzender Stimme vernehmen: "Echi, do, do, a do Echi, Echi."

"Ja gehst net ...!", flüsterte Jörg und suchte mit fuchtelndem Arm den Vogel zu verscheuchen. Der aber rührte sich nicht vom Fleck. Hurtig wendete er den Hals hin und her, lugte bald mit dem einen, bald mit dem andern seiner kleinen schillernden Augen zu Jörg empor und plapperte dazu: "Do, Görgi, do, a do, gedegg, gedegg."

Mit ungeduldigen Fingern bohrte Jörg ein Steinbröckchen aus einer morschen Stelle der Felswand und schleuderte es mit scheuchendem Zischen nach dem Vogel. Der hüpfte erschrocken empor und ließ dabei seine Stimme vernehmen, dass es halb wie zorniges Gackern, halb wie Gelächter klang, dann breitete er die weißen Schwingen und schwebte in kreisendem Fall der Felsspalte zu, aus der er empor geflattert war.

Eine Weile noch lauschte Jörg wie in ängstlicher Besorgnis in die Tiefe nieder, dann trat er den Rückweg an. Als er den Stein erreichte, auf welchem seine Kraxe stand, löste er die Verschnürung derselben, zog einen schweren, mit grobem Tuch umwickelten Pack hervor und schlich mit ihm einer dichten Stelle des Gebüsches zu. Hier hob er von der Erde mit schwerer Mühe eine Felsplatte empor, unter welche reine kleine Höhlung zum Vorschein kam. In diese legte er den Pack und deckte die Platte wieder darüber. Dann kehrte er zu seiner Kraxe zurück, lud sie auf seine Schultern und folgte mit rüstigen Schritten dem Weg, auf welchem das Brüllen und Läuten der Herde längst verklungen war.

Nach einem halbstündigen Marsch erreichte er die Almenlichtung. Die ermüdeten Rinder lagerten im Gras rings um die Hütte, in welcher schon ein lustiges Feuer auf dem offenen Herd flackerte. Die brennenden Wachholderzweige erfüllten den kühlen Raum mit einem schweren, süßen Duft: Der treibt die unfreundlichen "Schneewichtln" aus allen Klumsen und Ecken und ist von kräftiger Wirkung wider allen "unguten Zauber" - so hatte Dori von Beverl erfahren und hatte deshalb, ihrer Anordnung gemäß das Sprüchlein murmelnd, das sie ihn gelehrt, die Geister bannenden Zweiglein kreuzweis in das Feuer gelegt. Enzi freilich brummte ein wenig über die "dalkete G'schicht", als ihr der schärfer und schärfer werdende Qualm die Tränen aus den Augen beizte. Dori aber versöhnte sie wieder, indem er ihr nach besten Kräften bei der Einrichtung der Hütte an die Hand ging. Auch Jörg half dabei mit, so weit es die beiden andern zuließen. "Auf der Alm heroben g'hört der Bauer aufs Bankl," meinte Dori, "und hat sich mit nix anders net zu plagen, als dass er d'Füß ausstreckt."

Zu Mittag kochte die Emmerenz eine Pfanne voll Schmarren, das sich daran sechs Holzknechte hätten satt essen können. Da aber Dori nicht nur für den Hüterbuben, sondern daneben noch für drei hungrige Drescher aß, blieb in der Pfanne kein Bröselchen zurück.

"Schau, Bub, es is Dir ja vergönnt," versicherte Emmerenz, "aber ich kann's nett fassen, wie man so viel in sich 'nein würgen mag."

"O mein," erwiderte der Bursche mit einem tiefen Seufz7er, "mir is halt 's G'müt so schwer, und weißt, da muss der Magen 's Gleichg'wicht geben."

Jörg lächelte zu diesen Worten. "Hast schon recht! Iss nur zu und lass Dir's schmecken, solang Dir's schmeckt! Die Zeit, wo ei'm jeder Löffelvoll z'wider is, kommt ei'm von selber, und allweil einder, als ei'm lieb is!", sagte er; dann stopfte er die Pfeife, legte ein glimmendes Kohlenstückchen auf den Tabak, klappte den silbernen Deckel zu und setzte sich vor der Hütte in die Sonne. Dort saß er lange Stunden auf der in die Hüttenwand eingelassenen Holzbank, schmauchend und qualmend, und ließ die Blicke langsam in die Runde schweifen.

Ja, ja, die Emmerenz hatte recht, wenn sie die Bründlalm ein "gar liebes Platzl" nannte. Rings um die Hütte der weit gedehnte, mit saftigem Gras bewachsenen Hang, so steinfrei fast wie eine Wiese im Tal. Zur Rechten und Linken, und nieder ziehend zur Tiefe der rauschende, duftende, hohe, dunkle Bergwald mit den schlanken regsamen Wipfeln. Wo er endete, griff er mit Zacken und Bogen niederwärts in den mächtigen grünen Kessel, darin in stiller Ruhe das Dorf gebettet lag mit seinen funkelnden, rauchenden Dächern, mit der weiß blinkenden Straße und dem blitzenden Bach, welcher sich hinschlängelte durch das Gelände und im welligen Meer der bewaldeten Vorberge sich verlor, um als breiter Strom im flachen Land wieder zu erscheinen, dass sich hinausdehnte in weite, graue, unabsehbare Ferne. Wie war das so weit - und dennoch nicht zu weit für den blauen, Wolken umlagerten Bogen der luftigen Brücke, die der Himmel aus jener Ferne einher spannte zu den stielen Felsenspitzen, zu den grauen Schroffen und schneegelockten Firnenhäuptern, welche starr und still nieder blickten auf das flache, steinbelegte Dach der Bründlhütte.

Immer und immer wieder wanderte Jörg mit den Augen auf dieser Brücke hin und her, oder schaute wohl auch den bläulichen Wölklein nach, die der laue Wind von seinen Lippen zu den sonnigen Höhen entführte.

Von den steinigen Hängen hernieder klangen die Schellen der Schafe, rings um die Hütte die sanften Glockenstimmen der weidenden Rinder, und herüber durch den Bergwald schickte der Höllbach sein dumpfes Rauschen, darein sich das Murmeln und Plaudern mischte, mit welchem das "Bründl", von dem die Alm den Namen führte, aus moosbehangener Röhre seinen kristallenen Strahl in den lang gestreckten Trog ergoss.

Bei Einbruch der Dämmerung erst erhob sich Jörg, um den Heimweg anzutreten. Mit freundlichen Worten und guten Wünschen verabschiedete er sich von der Sennerin und dem Hüterbuben, nahm die leere Kraxe auf den Rücken und stieg mit eiligen Schritten talwärts.

Am nächsten Morgen langte Jörg mit schwer beladener Kraxe zu Hause an. Die Leute im Finkenhof glaubten natürlich, dass der Bauer bei grauendem Tag die Alm verlassen hätte - während droben die Emmerenz meinte, der Bauer könnte wohl noch vor der "ärgsten Finstern" den Finkenhof erreicht haben.

In emsiger Arbeit verbrachte Enzi den Tag, während Dori jodelnd hoch droben im Gestein bei seinen Schafen hockte. Als der Abend kam, fachte die Dirne die auf dem Herd glimmenden Kohlen zu hellem Feuer an und schüttete Mehl zum Schmarren in die Pfanne. Da hörte sie Schritte: "Dori?", rief sie - keine Antwort folgte, aber die Schritte kamen näher. Jetzt erkannte sie diesen festen, gleichmäßig raschen Gang, und eine jähe Röte flog über ihre Wangen.

Gidi erschien unter der Türe. "Grüß Dich Gott, Sennerin! Is's verlaubt, dass man zukehrt in Deiner Hütten?", sprach er die Dirne an, die keinen Blick von ihrer Pfanne wandte.

"Warum net? 's Bankl is leer ... und is g'macht zum rasten. Und grüß Dich Gott auch."

"No ja, niedersetzen kann ich mich ja ein bissl," meinte Gidi, während er die Büchse an die Holzwand lehnte und der Bank zuschritt, "aber weißt, weg'm Rasten hätt ich mich grad net daher verirren müssen. Sind ja draußen Stein und Stöck g'nug umeinander, wo man sich draufsetzen kann, ja, recht kammod auch noch."

"No, weswegen hast Dich denn daher verirrt?", lautete die bissige Antwort.

Gidi stützte die Arme auf die Knie, drehte die Daumen und begann mit den Füßen zu trommeln. "Ja mein, weißt, ich hab mir halt 'denkt, ein jeder Handel, der ang'redt worden is und hat sich verfahren, muss ausg'redt werden auch wieder. Meinst net auch? Schau, und drum hab ich mir 'denkt, was wir zwei mit einander haben, dürft auch net verlaufen wie 's Hornberger Schießen."

"Was wir zwei miteinander haben?", wiederholte Emmerenz erstaunten Tones, und dabei rührte und rührte sie, dass der eiserne Löffel nur so klapperte in der Pfanne. "Ja was haben denn wir zwei mit einander?"

Gidi nickte ein Weile schweigend vor sich hin, dann plötzlich richtete er sich auf und henkte die Daumen in die Hosenträger ein. "Du! Heut is fein grad ein Jahr, dass wir zwei uns zum ersten Mal g'sehen haben."

"Was Du sagst! Na, hast Du aber ein G'mirk!", fuhr Enzi mit gezwungenem Lachen auf.

"Ja, grad ein Jahr!", plauderte Gidi ruhig weiter, während ein leises Lächeln um seine bärtigen Lippen zuckte. "Und ... Du ... selbigsmal hab ich Dir fein g'schaut, wie ich so 'rein bin in Dein Hütten und hab Dich so dastehen sehen, ja ... gleich hast mir g'fallen!"

Hastig wandte Enzi das dunkel gerötete Gesicht dem Jäger zu. Ihre Augen schossen Blicke wie brennende Pfeile, und in ihrer Rechten schwang sie gleich einem Schwert den eisernen Schmarrenlöffel. "Du ... föppeln lass ich mich fein net ... ich sag Dir's ... ich sag Dir's!"

"Föppeln? Ah na! Ich will ja nix als wie verzählen ..."

"Ich hab kein' b'sondere Freud an G'schichten," brummte die Dirne und machte sich wieder mit ihrer Pfanne zu schaffen. "Aber no .... wenn meinst, es müsst sein ... meinetwegen. Aber gelt, mach's net wie's Testament, dass anfangt mit der Erschaffung der Welt!"

"No, wär net einmal so z'wider, so ein Anfang! Denn grad wie der Adam hab ich selbigsmal g'meint, der Herrgott hätt mir mein' Eva g'schickt. Ja, so viel hast mir g'fallen! Und da bin ich halt nachher dag'wesen Tag für Tag. Und gar net z'wider is Dir's g'wesen! Gern hast mit mir 'plauscht ... und wann ich runter g'stiegen bin über's G'wänd und hab mich ang'meldt mit ei'm Juhschrei, da hast mir zug'jodelt ... grad sakrisch!"

"Ah geh?", fuhr Enzi mit spitzigem Kichern auf.

"Ja, grad sakrisch! Und natürlich, wie's halt so weiter 'gangen is, da hab ich mir 'denkt: Da brauch ich ja gar net z'reden, das gibt sich ja ganz schön von selber ... denn das hab ich bald g'merkt, wie gut als Du mir worden bist mit der Zeit, ja, arg gut!"

Enzi stieß das Holzscheit, das sie von der Erde gehoben, in die Kohlen, dass eine knisternde Funkengarbe hoch aufsprühte über die Pfanne und deren brodelnden Inhalt, und unter hellem Gelächter stammelte sie: "Jetzt das is mir was Neus ... ah, ah, ah ... jetzt das is mir was Neus!"

"Was? Das hast Du gar net g'wusst?", fragte Gidi mit gemächlichen Worten, während er die Dirne mit einem zwinkernden Blicke streifte. "No, nachher sag ich Dir's halt jetzt: Ja, arg gut bist mir worden ... und mir kannst es glauben, denn ein richtiger Jager, weißt, der schaut sein g'nau auf d' Fährten, ehvor er sagt: Der Hirsch is drin im Bogen. Und wie schön is er drin g'wesen! So recht g'sangig! Ja ... den Hirsch, hab ich mir 'denkt, den kann ich grad abstechen, wann's an der Zeit is. Und schau ... was wär das für ein schöner Winter g'wesen ... und ... wer weiß, vielleicht könnten wir schon lang mit einander hausen, wenn ..."

"Wenn ich mögen hätt ... wenn ich mögen hätt!", unterbrach die Dirne mit zorniger Stimme die ruhigen Worte des Jägers. "Denn das wirst mir doch zugeben, dass ich bei so was g'fragt hätt werden müssen auch!"

"Natürlich hättst g'fragt werden müssen! Aber sorg Dich net, hättst schon Ja g'sagt, bist mir ja gut g'wesen! Ah na ... mit dem Wenn, da hab ich was anders g'meint: Da hab ich g'meint: Wenn mich der leidige Zufall net grad in derselbigen Stund in Dein' Hütten g'führt hätt ... was für eine Stund ich mein', das wirst schon wissen?"

"Ob ich's weiß! Ob ich's weiß!", fuhr Enzi drohend auf. "Und dass Dich nur net schamst und selber davon reden kannst! 's Stadsein stünd Dir besser an!"

"No, weißt, wie man die Sach halt anschaut! Dass Du mir g'fallen hast, das is mein' ganze Sünd. Und da möcht ich ehnder noch stolz sein drauf, als dass ich mich scham. Ich bin in derselbigen Fruh in Dein' Hütten 'rein ... grad so wie jedes andremal ... und wie ich Dich net g'sehen hab, da hab ich halt nein g'schaut in Dein Kammer! - - das hab ich ja net wissen können, dass Dich grad umkleiden tust zum Abtragen."

"So? So?", stieß Enzi in stammelnden Worten hervor, während die Erinnerung an jene "Stunde" die Röte auf ihren Wangen vertiefte und einen Schauer über ihre Schultern jagte. "Hast es 'leicht auch net g'hört, wie ich grad naus g'schrien hab im Schrecken, und wie ich g'weint hab und 'bettelt ..."

"Ja, das is wahr! Was wahr is, muss ich sagen!", bestätigte Gidi mit wichtig tuenden Worten und nickte dazu bedächtig mit dem Kopf vor sich hin. "Aber schau ..." und als er bei diesen Worten das Gesicht emporhob, blitzte ein lachender Glanz in seinen Augen auf, und eine treuherzige Wärme wehte aus dem Klang seiner Stimme, "schau, wie halt nachher so dag'standen bist vor mir, so sauber g'waschen, mit die frisch 'kampelten Haar und mit bluhweißen Hemderl ... und wie Dich so neindruckt hast ins Winkerl und hast Dich ganz z'samm g'wuzelt vorlauter Angst und G'schamigkeit, und wie so g'weint hast und bettelt: Geh naus, ich bitt Dich, ich bitt Dich gottstausendmal, geh naus ... schau, da hast mir schon so viel g'fallen ... und dass wir zwei z'samm g'hören, hab ich mir so wie so schon allweil 'denkt ... und schau, da hat's mir von ihm selber die Arm ausg'streckt ... ich hab Dich herziehen müssen an mich und ein Bussl 'nauf drucken auf Dein saubers Göschl ... da hat nix g'holfen ... geben 's Müssen kannst einmal nix machen!"

"Na ... na ... heut noch, wenn ich dran denk, möcht ich 'nein sinken in Grund und Boden!", sprudelte es in heiseren Worten von Enzis Lippen, während sie, zitternd am ganzen Leib, die beiden Arme vor die Augen schlug. "Freilich, freilich, jetzt kannst reden, wie's Dir taugt, gelt, weil Dich 'täuscht hast in mir! Gelt, hast g'meint, ich bin so eine, wo man grad d'Arm ausstrecken braucht ..."

"Enzi!"

Die Holzwände der Hütte widerhallten von dem scharfen, heftigen Klang dieses Namens. Jählings war Gidi von der Bank aufgesprungen, seine Hände schlossen sich zu Fäusten, und mit finsteren Blicken maßen seine Augen die Gestalt der Dirne. So stand er eine stumme Weile, dann schüttelte er langsam den Kopf, ein tiefer Atemzug schwellte seine Brust, und ruhig wie zuvor klang seine Stimme: "Enzi ... unser Herrgott soll mich strafen auf dem Platzl da, wenn selbigsmal ein einziger unguter Gedanken in mir g'wesen is. Das hättst auch gleich merken können, wenn ein' Spaß verstanden hättst ... von ei'm, der Dich gern hat. Aber bist mir ja gleich 'nein g'fahren ins G'sicht mit alle zehn Klupperln ... ja, vier Wochen lang hab ich die blutigen Kreller umeinander 'tragen. No, da drüber hab ich g'lacht, das hat mich ehnder noch g'freut! Ich bin schon so! Ich steck kein Edelweiß auf mein' Hut, das auf'm Lahner wachst, wo sich ein jeder Kühbub nur bucken braucht. D'Händ und Knie muss ich mir verschwunden haben im gachen G'schröff, nachher freut mich 's Bleamel. Und auch darnach ... wie Tag um Tag vergangen is, und Du bist allweil schiecher worden gegen mich, da hab ich mir mit'm Sprichwort 'denkt: Tu Dich net hetzen, 's wird sich schon setzen ... gern hat s' Dich ja doch! Schau, oft hab ich zu Dir reden wollen, wie ich heut red; aber hast mich ja nie dazu kommen lassen ... bist mir ja gleich allweil übern Schnabel g'fahren mit ei'm von Deine unguten Sprüch. So is 'kommen, dass von der Alm ab'zogen bist, ohne dass 's wieder richtig worden is mit uns, und im Winter und Fruhjahr hast Dich g'stellt gegen mich wie ein Igel, gar net zum angreifen. Aber dengerst is mir der Schnaufer net aus'gangen ... weißt, eine richtige Lieb, die halt wie eiserne Strick. Wann mich oft so ab'brüht hast mit Deine spöttischen Reden, hab ich mich g'schüttelt wie ein Pudel und hab mir g'sagt: Wart's ab, da hat sich halt jetzt d'Lieb verdreht, wird sich umdrehn auch wieder! Im Fruhjahr, so hab ich mir 'denkt, wenn mein junger Graf zum Hahnfalz kommt, nachher will ich ihn fragen, ob's ihm recht is, wenn sich der Jager um eine Jagerin schaut ... und nachher, hab ich g'meint, wird sich das Stündl schon einmal finden, wo alles zum gleichen is. Mein Graf aber is aus'blieben ... wirst ja doch ein bissl was wissen, was g'schehen is ... und wenn's auch jetzt seit ein paar Wochen mit ihm auf der Bessern is, eine Zeit wird's allweil dauern, bis dass ich ihn wieder zum sehen krieg. Mein Graf is aus'blieben - - dafür aber is der letzte Sonntag 'kommen."

Tief atmend verstummte Gidi. Mit brennenden Blicken hingen seine Augen an der Gestalt der Dirne, die, dem Jäger den Rücken kehrend, mit verschränkten Armen vor dem Herd stand und in finsterem Trotz nieder starrte in das flackernde, knisternde Feuer.

"Schau, Enzi," sprach Gidi nach einer Weile mit ernst bewegten Worten weiter, "ich hab ein guts Auskommen, das für zwei reicht ... und für mehrer auch noch! Aber natürlich, prassen kann man net dabei, 's Hausen und 's Sparen muss man ordentlich verstehn ... und wenn man z'frieden sein will, muss halt auch die richtige Lieb dabei sein, wo aushalt für Leben und Sterben. Hab allweil g'meint, es wachst sich dengerst so was noch aus bei Dir ... aber der letzte Sonntag hat mir d'Augen aufg'macht. Das is nix, Enzi ... ah na, das is gar nix, das bissl gern haben, das 'leicht hinter die'm Trutzen noch stecken mag! Das is z'wenig für achthundert Mark im Jahr, wo d'Lieb ein' jeden Pfennig strecken muss. Und mehrer is net da bei Dir, das hab ich g'merkt am letzen Sonntag ... denn weißt, die Spöttlerei den ganzen Winter über, die hätt nix bedeut't ... aber dass Du mich am letzten Sonntag vor alle Leut beleidigen hast können bis in d' Seel 'nein, dass Du sagen hast können: An mir musst Schand und Spott erleben, und dass Du's grad vor demselbigen hast sagen können, der mir der Z'widerste is im ganzen Tal, gegen den sich 's Jagerblut in mir drin wehrt mit Wut und Hass ... schau, Enzi, da draus hab ich sehen müssen, dass ich Dir so viel net wert bin, als ich Dir wert sein müsst, wenn wir z'samm stehen sollten fürs Leben, und dass nix G'rechts mit uns zwei nimmer werden kann. Arg g'nug is mir's, das kannst glauben ... aber ich wird's schon verdrucken in mir drin mit der Zeit und - - Dir liegt ja nix dran! Oder ... oder is 'leicht anders?"

"Was fragst denn noch," stieß Enzi, ohne sich zu rühren, ohne die Blicke vom Feuer zu heben, zwischen den geschlossenen Zähnen hervor, "was fragst denn noch, wenn Du's eh so g'wiss schon weißt!"

"Ja, ja!", nickte Gidi zögernden Wortes vor sich hin. "Und was ich noch hab sagen wollen ... schlecht musst net denken von mir wegen dem, was am Sonntag darnach noch g'schehen is. Ich bin keiner, der Streit und Händel sucht. Aber wenn man so gach im Augenblick sein' ganze hoffende Freud verliert, da muss ja der Mensch wild werden. Natürlich ... was hätt ich mit Dir denn machen sollen? Bist ja ein Deandl! So hab ich halt den andern 'packt ... auf Abzahlung, bis ich mit ihm ans letzte Rechnen komm ... er lauft mir schon einmal wo überzwerch, wo er net hing'hört. Jetzt hat er mich derweil verklagt beim G'richt ... wegen Körperverletzung. Aber so g'scheid bin ich dengerst in der ganzen Wut noch g'wesen, dass ich kein Tröpfl Blut verschuldt hab an ihm ... da wird's halt nachher "grober Unfug" heißen, hat der Didididi g'sagt ... und da werden s' mich halt einsperren ein paar Tag oder strafen um dreiß'g oder vierz'g Mark. No, das sind halt nachher die Kurkosten für die einbilderische Krankheit, von der mich am letzten Sonntag kuriert hast. Und wenn ich's g'nau anschau, bin ich eigentlich noch ganz billig - -" Gidi unterbrach sich, während er die Nase schnuppernd in die Höhe zog. "Enzi, gib acht, Dein Schmarren brennt an!"

Die Dirne fuhr auf, als hätte dieses Wort sie aus tiefen Gedanken geweckt. Verstanden musste sie es aber doch wohl haben, das war der Antwort zu entnehmen, die sie dem Jäger gab: "Du musst ihn ja net essen, es is ja mein Schmarren, der anbrennt!" Dennoch griff sie mit hastiger Hand nach dem Pfannenstiel, schüttelte und rüttelte daran und begann mit dem eisernen Löffel ein Kratzen, Stochern und Schaufeln, dass es nur so klapperte und rasselte. Dabei entstieg der Pfanne unter Brodeln und Zischen eine dicke Dampfwolke, welche den ganzen Hüttenraum mit Brandgeruch erfüllte.

Schweigend sah Gidi der Dirne eine Weile zu, dann fuhr er seufzend mit der Hand nach dem Hals, als wäre ihm plötzlich der Hemdkragen zu eng geworden, und sagte: "No also, da wär ja nachher jetzt unser Handel ausg'redt in aller Ordnung ... ich weiß, wie ich dran bin, und ... und Du hast von heut an Dein' gute Ruh vor mir. Der Berg is weit ... und ein jeder Weg, wo ich ehnder g'meint hab, er lasst sich net besser gehen als grad vorbei an Deiner Hütten, lasst sich anders machen auch. Meine Schuh drucken Dir kaum mehr eine Nagelspur in Dein' Hüttenboden. Und wenn mich grad einmal brauchen tätst ... man weiß ja net, was einer Sennerin auf der Alm zustehn kann, wo s' ein paar gute Arm vonnöten hat ... weißt ja, wo 's Jagerhäusl steht - - da musst mir's dengerst sagen lassen, oder musst mich selber holen."

"Du, gelt, da lass Dich aber 's Warten net verdrießen!", klang es mit ingrimmigem Lachen vom Herd her.

Gidi zuckte die Achseln und schnitt eine bedenkliche Meine. "No, man kann net wissen ... weißt, b'schreien sollst gard auch nix! Und - - b'hüt Dich Gott somit!" Er sah noch, wie Enzi zum Gegengruß langsam mit dem Kopf nickte, dann rückte er den Hut, warf die Büchse hinter die Schulter und schritt der Türe zu. Auf der Schwelle blieb er wie angewurzelt stehen. Lauernde Spannung lag in den Blicken, mit denen seine Augen an der Dirne hingen. Eine stumme Weile verstrich. Enzi aber rührte sich nicht, sie hatte nur Augen für die dampfende Pfanne. Wieder zuckte Gidi die Schultern, hob, mit den Fingern schnippend, die Hand zur Stirn, "B'hüt Dich Gott!", klang es noch einmal kurz und scharf von seinen Lippen, und mit einem langen, hastigen Schritt trat er ins Freie.

Jetzt fuhr die Dirne auf; mit scheuem Blick kehrte sie das Gesicht der Türe zu, und als sie die Schwelle leer sah, schrak sie erblassend zusammen. "Gidi?", huschte es mit zitterndem Ruf von ihrem Mund, und dabei streckte sie die Arme, als bedürfte sie einer Stütze.

Dem feinen Ohr des Jägers war dieser Ruf nicht entgangen. Wie ein Wetterleuchten der Freude flog es über sein Gesicht - und dennoch verhielt er den Fuß nicht. "Bub, sei g'scheid ... sei g'scheid!", murmelte er durch die geschlossenen Zähne, drückte die Augen zu, krampfte die Hand noch fester um den Lauf der Büchse und beschleunigte seien Schritte.

Drinnen in der Stube hörte die Dirne, wie dieser Schritt sich entfernte, wie er verhallte. Und immer noch stand sie und starrte offenen Mundes die Türe an. Endlich kehrte sie sich wieder dem Herd zu, warf den eisernen Löffel in die Pfanne und griff nach der Schürze, als wollte sie die Hände trockenen. Jählings aber fuhren diese Hände mit der Schürze nach ihrem Gesicht, und niedersinkend auf den berußten Herdrand, brach sie in lautes Schluchzen aus.

Schwäche rund schwächer wurde das Brodeln und Zischen in der Pfanne, das Feuer erlosch, die Glut der Kohlen begann sich mit grauer Asche zu überziehen, und immer noch wollten Enzis Tränen nicht versiegen.

Plötzlich sprang sie in die Höhe, stöberte hastig mit einem Holzscheit die verglimmenden Kohlen auf und fing in der Pfanne mit dem Löffel ein emsiges Rühren an.

Klappernde Tritte klangen -und Dori stolperte über die Schwelle. Unter der Türe schon hob er die Nase. "Aber Emmerenz! Da bremselt ja was!", stammelte er zwischen Schnuppern und Schnüffeln. "Um Gottes willen, wirst doch 's Essen net an'brennt haben?" Mit einem einzigen Satz seiner langen, mageren Beine stand er vor dem Herd und beugte das Gesicht tief über die Pfanne. Kummer und Entrüstung malten sich in seinen zuckenden, zwinkernden Meinen, als er sich kopfschüttelnd wieder emporrichtete.

"Na, Du ... den Schmarren kannst allein essen! Der schaut ja aus, als ob ihn der Schmied in die Händ g'habt hätt!"

Enzi erwiderte keine Silbe. Mit dem Ellbogen schob sie den Burschen beiseite und hob die Pfanne vom Herd.

Da schaute ihr Dori mit verdutzten Blicken ins Gesicht und in die rot verquollenen Augen. "Ja Sennerin, was is denn ... Du hast ja g'weint!"

"G'weint? Was net gar! Du Lalle, Du dummer! Zwiefel hab ich g'schnitten zum Schmarren!"

"O mein ... die schönen Zwiefel!", jammerte Dori, während er die Pfanne mit einem traurigen Blick streifte. Dann schlich er einer hölzernen Truhe zu und holte daraus einen mächtigen Brodlaib hervor.

Enzi nahm einen Zinnlöffel von einem an der Wand hängenden Rahmen, setzte sich auf die Bank und begann aus der Pfanne zu essen. So oft sie den Löffel ihrem Mund näherte, zog sie die Lippen von den Zähnen zurück; und während sie so kaute und mit jedem Bröcklein sich würgte, lud sie ein- um das andere Mal den Dori zum Mitessen ein.

Der aber schüttelte beharrlich den Kopf: "Ah na! Ich dank Dir schön! Ich muss net von allem haben ... bin gar net g'näschig." Und unter seinen Zähnen krachte das harte Brot. "Das musst schon allein ausessen, was Dir da ein'kocht hast."

Der Dirne sprangen die Tränen in die Augen. Es war für sie ein hartes Wort gewesen, das der Zufall da auf Doris Lippen gelegt hatte.

Lange Stunden später, als sie schon auf dem knisternden, raschelnden Heubett lag, scheuchte ihr dieses Wort noch den Schlaf von den Augen; immer und immer raunte sie im Finstern mit bebenden Lippen vor sich hin: "Ja, ja, jetzt muss ich ausessen, was ich mir ein'kocht hab."

Der Morgen kam, und Tag um Tag verging. Der Duft der Wachholderzweige, welche Dori am Abend der Auffahrt in das Herdfeuer gelegt hatte, mochte von geringer Wirkung gewesen sein. Ein böser Geist schien auf der Bründlalm sein Unwesen zu treiben. Gleich in der ersten Woche hatte sich zu Enzis Kummer eine der beiden Ziegen, die der Bauer nachgeschickt, versteigen oder erstürzt, und trotz des eifrigsten Suchens war nicht Haar noch Knochen von dem Tier zu finden. Dann waren in kurzer Zeit von Doris kleiner Herde zwei Kämmer verschwunden. Sie mussten während der Nacht von den Muttertieren weggestohlen worden sein. Das aber waren Dinge, wie sie auf jeder Alm geschehen können, und Dori hätte darüber schwerlich so viel von seiner guten Laune verloren, wenn ihm nicht ein anderer Umstand schwer zu Gemüt gegangen wäre. Lange vor der Auffahrt schon hatte Enzi dem Burschen versprochen, ihm für diesen Sommer das Geschäft des Abtragens zu überlassen. Als aber am ersten Samstag die mit Käslaiben und Butterballen beladene Kraxe bereit stand und Dori sich schon zum Abtragen anschickte, erschien der Finkenbauer plötzlich in der Bründlhütte. Der sprach zur Enzi von Verfettung und Blutstockungen, die sich bei ihm seit einiger Zeit verspüren ließen; und da es hiegegen kein besseres Mittel gäbe, als andauernde, ermüdende Bewegung, hätte er sich entschlossen, in diesem Sommer den wöchentlichen Almgewinn auf den eigenen Schultern ins Tal zu fördern. Und in der Folge erschien er auch pünktlich an jedem Samstag in der Bründlhütte, um sich bei Beginn der Dämmerung mit der schwer beladenen Kraxe auf den Weg zu machen. Da war nun freilich mit einemmal die ganze stille Hoffnung zerstört, welche Dori beim Abschied von Beverl auf diese Samstag gesetzt hatte. Sein einziger Trost war jetzt der Jäger, der doch manchmal ins Tal hinunter kam; So oft er im Bergwald oder hoch oben auf den steinigen Hängen mit Gidi zusammentraf, wusste er mit Fragen nach Beverls Aussehen und befinden zu keinem Ende zu kommen - Fragen, die er natürlich an den Bauer nicht zu stellen wagte. Als ihn der Jäger einmal wegen dieser "g'spaßigen Neugier" mit scherzenden Worten aufzog, meinte Dori mit einem hilflos verlegenen Lächeln: "Weißt, ich hab mich halt soviel an das liebe Deandl g'wöhnt ... ja, mir is jetzt grad z'Mut, wie ei'm Hundl, das sein' Herrn verloren hat."

Geschickt verstand es Gidi, bei solchen Zusammenkünften die Rede auf Emmerenz zu bringen, und immer erhielt er dabei von Dori den gleichen Bescheid, wenn auch stets in anderen Worten.

"Ich weiß net, was mit der Sennerin is! Ich kenn s' gar nimmer ... und schier zum verwundern is, wie sich die verwandelt hat," erzählte Dori eines Tages. "Ganz z'sammgehn tut s', und ein ganz anders G'sicht hat s' 'kriegt. Und das G'schau, wo s' allweil macht ... als ob ihr 's Weinen lieber wär als 's Lachen! Wann mir diemal ein Juhschrei auskommt, oder ein Jodler, das kann s' sein gar nimmer vertragen. Und dengerst hör ich kein' ungute Red von ihr, ja, und so eine sanfte Hand hat s' 'kriegt ... ich sag Dir's, meine Ohrwascheln haben heilige Zeiten jetzt! Völlig traamhappet geht s' der Arbeit nach, und diemal hockt s' Dir da, am Herd oder vor'm Rührfassl, und rührt sich net und schaut grad allweil in ein Loch 'nein! Ich sag' Dir's, Jaager, wirst es sehen, bei der kocht sich eine Krankheit aus, eine schwere Krankheit!"

Wenn Gidi solche Worte hörte, kam ein merkwürdiges Zwinkern über seine Lider, und ein leises Schmunzeln spielte um seine Lippen, obwohl er doch sonst immer mit einem Gesicht umherging, welches das Lachen verlernt zu haben schien. Schwere Sorgen mussten ihn drücken. Tag und Nacht war er auf den Füßen, denn Dori begegnete ihm zu den verschiedensten Stunden, und häufig an Plätzen, wo er den Jäger mit keinem Gedanken vermutet hätte. Oft tauchte er plötzlich vor dem Burschen aus einem Latschenbusch oder hinter einem Felsblock auf, und wenn dann die beiden Seite an Seite saßen, verrieten Gidis Meinen und Bewegungen ein unablässiges Spähen und Lauschen. Zu Dutzend Malen hörte Dori von ihm die Frage: "Hast niemand net g'sehen? Hast niemand net 'troffen?" Immer war ein Kopfschütteln die einzige Antwort, die der Bursche zu geben wusste - und da hörte er einmal den Jäger mit erregten Worten sagen: "Ich kenn mich nimmer aus, ich weiß nimmer, was das is! Allbot find ich Trittspuren, bald da, bald dort, und nie net seh ich ein' Menschen und nie net hör ich ein'! Oft, wenn ich in der Fruh an ein Platzl komm, wo ich am Abend noch g'wesen bin, is in der Nacht wer drüber 'gangen. Und wann ich die Fährten nachsuch ... keine führt ins Tal! Und diemal hören s' auf, wie wann der Kerl fort g'stiegen wär in die Bäume oder verschwunden in der Luft."

Dori hörte mit offenem Mund diese Worte an, dann meinte er, das wären "g'spaßige Sachen", und erzählt emit zögerndem Flüstern von mancherlei Spuk und Geistertreiben. "Gib acht, Gidi, gib acht," zischelte er dem Jäger ins Ohr, "da is was net richtig ... daher oben is ja grad der Platz zu so was ... weißt ja, was g'schehen is da in der Näh, wo allweil noch kein Marterl steht." Dabei winkte er mit dem Kinn hinüber gegen den Höllbachgraben.

"Ah was, Dummheiten!", fuhr Gidi ärgerlich auf.

Und von diesem Tag an unterließ er es, zu Dori von den Sorgen zu sprechen, die jene rätselhaften Trittspuren ihm bereiteten.

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