Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 7

"Was hat denn der Bauer heut? Was hat er denn nur?", so ging es am folgenden Morgen unter den Dienstboten des Finkenhofes mit flüsternder Frage von Mund zu Mund.

"Das is schon g'spaßig, ja!", versicherte der Schmied, der seit Baltls Abgang vom Finkenhof die Oberaufsicht über die Pferde führte, und zwar mit einer Strenge, welche Dori bitter empfinden musste. "Recht g'spaßig, ja! Denn wer ihn gestern noch g'sehen hat, so ganz derkeit und verloren vor Gram und Herzleid, und wer ihn heut so b'schaut, wie's ihm umtreibt im ganzen Hof, als hätt er Wieselblut in seine Füß, der muss schon sagen: Das is g'spaßig, ja!"

"Werdts es schon sehen," pfiff und quickste die alte Waben zwischen ihren Zahnlücken hervor, "und nachher könnts sagen: Ich hab's g'sagt! Gebts acht ... dem Bauern sein' Kümmernis hat sich aus'm Herz ins Kopfgeblüt verschlagen. Da kocht sich nix Guts net aus ... werdts es schon sehen!"

"Kochen? Was wird sich denn da jetzt kochen? G'wiss nix zum essen!", brummte die Stalldirne. "No, von mir aus kann der Bauer sein, grad wie er mag! Solang ich net hungern muss und richtig mein' Lohn krieg, is mir alles andere einding."

"Natürlich, Dir auf Deiner g'fressigen Bank kann gar nix an," fertigte Dori die Dirne zornig ab. "Dir is halt lang schon 's Herz in' Magen g'fallen!"

Emmerenz allein schwieg still zu all diesen Reden, verfolgte aber mit desto aufmerksameren und besorgteren Blicken das seltsame Gebaren des Bauern.

Als wäre Jörg durch lange, lange Zeit von seinem Hof fern gewesen und in der verwichenen Nacht erst zurückgekehrt, so ging er rastlos überall umher, betrachtete alles und fragte nach allem. Doch immer nur wenige Sekunden duldete es ihn auf der gleichen Stelle. Wenn er seien Dienstboten ansprach, sprang er vom einen aufs andere, und wenn er Fragen an sie stellte, ging er häufig davon, ohne die Antwort abzuwarten. Sein ganzes Wesen war Ungeduld und Unruhe. Hundert Mal wohl im Laufe des Vormittages sah man ihn die Uhr aus der Tasche ziehen, als schliche ihm die Zeit in unerträglich trägem Schneckengang dahin. Oft sah man ihn inmitten des Hofes stehen, mit erhobenem Kopf, wie hinauslauschend in unbestimmte Ferne. Häufig auch gewahrte man, wie er plötzlich ohne jede Ursache zusammenfuhr und die scheuen, ängstlichen Blicke nach der Straße, über das Haus und gegen den Garten irren ließ. Dabei geschah es manchmal, dass seine Blicke den forschenden Augen der Emmerenz begegneten, und dann fuhr es bald wie röte, bald wie Erblassen über sein Gesicht.

Als Enzi kurz vor der Mittagsstunde die Straße betrat, um ein zu Schaden gekommenes Küchengerät zu einem in der Nähe der Kirche wohnenden Handwerker zu tragen, gewahrte sie, dass kurz vor ihr der Bauer den Hof verlassen hatte und ihr voraus den Weg einschlug, den sie zu gehen hatte.

Vor der Kirche lenkte er seitwärts gegen den Pfarrhof ab. Da sah ihn Emmerenz plötzlich stehen bleiben, das weiße, stille Haus betrachten und wieder umkehren, als hätte er die Absicht bereut, die ihn hierher geführt.

Emmerenz grüßte ihn, als er auf dem Rückweg an ihr vorübereilte. Jörg sah die Dirne nicht und überhörte ihren Gruß.

Lange stand sie und blickte dem Bauer in Gedanken nach.

Als sie von ihrem Gang zurückkehrte, war Essenszeit. Bei Tisch musste sie eine tüchtige Standrede halten, um die schwatzhaften Mäuler zum Schweigen zu bringen und ihren Untergebenen klarzulegen, dass es sich für ordentliche Dienstboten nicht schicke, gegenüber einem Unglücksfall, der die Herrschaft betroffen, in den "nixnutzigen Tratsch" des Dorfes einzustimmen. Dori freilich hätte einer solchen Mahnung nicht bedurft, denn von seinen Lippen kam keine Silbe, welche die traurige Geschichte der vergangenen Tage berührte.

Während der Nachmittagsstunden war der Bauer mit keinem Blick im Hofraum zu ersehen. Emmerenz musste ihn suchen, als sie in einer wirtschaftlichen Angelegenheit seinen Willen hören wollte. Sie kam von einer der Scheunen her durch den Garten. Dort sah sie Beverl unter einem Baum sitzen, die Arme um die aufgezogenen Knie geschlungen, mit ziellosen Blicken hinausstarrend ins Weite; dem Mädchen zur Seite kauerten die beiden Kinder auf der Erde. Sie hatten auf Hassls Grab ein Steckenkreuz errichtet, das sie nun mit einem Kränzlein von Himmelsschüsseln schmückten.

"Pepperl, wo is denn Dein Vater?", sprach Emmerenz den Knaben an.

Seufzend richtete sich das Bürschlein auf und wischte die Händchen über die Hüften. "Der Vater? Drin is er, in der Stuben. Ich weiß net, was er tut ... wir haben net drin bleiben dürfen, wir zwei und die Beverl ... uns hat man naus g'schickt. No," dabei warf er schnüffelnd das Mäulchen auf und zog die Schultern in die Höhe, "macht nix, im Garten is auch schön!"

"Habts halt drin ein rechten Spitakl g'macht, gelt, Schlankerln!", lächelte Emmerenz und eilte durch die Hintertür in das Haus. Als sie die Stube betrat, sah sie den Bauer und die Bäuerin vor dem Tisch stehen. Die beiden waren damit beschäftigt, allerlei Gewandstücke und Esswaren in einen Rucksack zu verpacken. "Ich hab fragen wollen, Bauer ...", begann Emmerenz noch auf der Schwelle, aber sie kam mit ihr Frage nicht zu Ende. Während die Bäuerin in ängstlicher Hast ein Tuch über die Gegenstände warf, die auf dem Tisch lagen, fuhr Jörg, obwohl er über Enzis Eintritt mehr erschrocken als erzürnt schien, die Dirne mit heftigen Worten an: "Was willst! Was hast denn in der Stuben herin zu suchen? Das taugt mir net ... das Umstreunen am hellen Tag. Mach weiter und schau, dass zu Deiner Arbeit kommst!" Da wusste Emmerenz in ihrer Verblüffung über diesen Empfang nichts Besseres zu beginnen, als wortlos und hurtig den Rückzug anzutreten. Eine Weile stand sie im Flur, nachdenklich vor sich nieder blickend, dann ging sie kopfschüttelnd der Hoftüre zu. Draußen begegnete sie dem Kommandanten, der sich mit zögernden Schritten von der Straße her näherte. Er war ohne Gewehr und trug die Feiertagsmontur. Der Ausdruck ängstlicher Unbehilflichkeit, welcher auf seinen sauer lächelnden Zügen lag, war beinahe Mitleid erweckend.

"Ischt der Finkebauer daheim?", fragte er die Dirne mit lispelnder Stimme, während seine scheu verlegenen Blicke die Fensterreihe des Hauses musterten.

"Ja, daheim is er schon, aber ...", erwiderte Emmerenz, den Nachsatz verschluckend, der ihr auf der Zunge gelegen.

Herr Wimmer rückte die Mütze in die Stirn und kraute sich den Hinterkopf. "Das ist eine verfluchte Geschichte!", murmelte er vor sich hin und betrat, mit vollen Backen blasend, die Schwelle.

Sacht klopfte er an die Tür. Er hörte in der Stube ein hastiges Flüstern, rasch enteilende Tritte, und dann des Bauern laute Frage: "Wer is da?"

Herr Wimmer trat ein. "Nix für ungut, Finkebauer, nix für ungut ... aber ich hab kommen müssen ... ich hab müssen ... es hat mich nimmer g'litten!", stammelte er, während ihm der Schweiß in dicken Tropfen aus Stirn und Schläfen brach. Da er die steifen Blicke krampfhaft in die Dielen bohrte, konnte er nicht gewahren, wie Jörg seine verstörten Züge zur Ruhe, seine Lippen zu einem Lächeln zwang. "O mein Gottele, gelten S', Finkebauer, gelten S'," stotterte Herr Wimmer in das weiß und blau gewürfelte Taschentuch, mit dem er Hals und Wangen trocknete, "schreckliche Sachen hat's 'geben, schreckliche Sachen, seit wir uns nimmer g'sehen haben! Aber mein liebs Herrgöttle soll mir's bezeugen: Ich, Finkebauer, ich kann nix dafür, dass es so bitterlich fürchtig aus'gangen ischt ... wägerle, wägerle, ich kann nix dafür!"

"Ich weiß schon, Herr Kommandant, Sie hätten's anders g'macht, wenn 's anders zum machen wär g'wesen! Was von Ihnen aus g'schehen is, hat g'schehen müssen. Sie sind ja ang'stellt dafür und haben g'schworen."

Herr Wimmer traute seinen Ohren kaum, als er den Bauer solche Worte sprechen hörte. Über ihrem, seinen stillen Plänen so hochwillkommenem Sinn übersah er völlig die hastige, zitternde, ängstliche, fast lauernde Art, in der sie gesprochen waren. Und als er nun gar die vor Staunen weit offenen Augen hob und den Bauer mit ausgestreckten Händen auf sich zukommen sah, wusste er vor Verblüffung und Verwirrung kaum die Tasche für sein Schnupftuch zu finden. Früher als sein Verstand kam seine Zunge zur Besinnung. Er fasste Jörg bei den Händen, zog ihn nach dem Tisch und übersprudelte ihn mit Trostworten und mit Versicherungen seiner Teilnahme und Freundschaft. Er beklagte Ferdls Schicksal und sprach unter Tränen, auf die er durch häufiges Wischen der Augen aufmerksam zu machen suchte, von dem plötzlichen Tod des "lieben, schönen Fräuleins Johanna". Dann wieder erzählte er in überhasteten Worten von jenem traurigen Morgen. Er war dabei allzu sehr mit dem beschäftigt, was er in jenen "fürchtigen Stunden" gedacht, empfunden und getan, um ein Auge für die zitternde, lauernde Unruhe zu haben, mit welcher Jörg ihm gegenüber saß.

"Aber jetzt," unterbrach der Bauer plötzlich den Redefluss des Kommandanten, "aber jetzt, wo's aus is und gar mit ihm ... was is nachher jetzt? Is jetzt eine Ruh? Is jetzt ein Fried? Sind s' jetzt z'frieden, die drin in der Stadt? Wird keiner mehr kommen und fragen, wie's war und wie's sein könnt?"

"No freilich ischt jetzt eine Ruh, no freilich isch jetzt ein Fried!", beteuerte Herr Wimmer. "Was wollt man denn da noch wollen, wo nix mehr zum haben ischt! Wo der Tod sein Wörtle g'sprochen hat, da steckt auch die G'rechtigkeit ihr Schwert in die Scheid. Da kann der Finkebauer ruhig sein, ganz ruhig. Da hab ich schon g'sorgt dafür, denn ich bin dem Finkebauer sein Freund. Ja, ja, da hätt der Finkebauer nur den Bericht lesen sollen, den ich aufg'setzt hab und eing'schickt in die Stadt. Wenn Sie da g'lesen hätten, wie ich die Sach mit der Fluchtunterstützung darg'stellt hab, und alles andere, was da noch drin g'standen ischt ... nachher möchten Sie mir alle beide Händ drucken und möchten sagen: Der Herr Kommandant ischt mein Freund, und dem muss ich's danken, wenn jetzt eine Ruh ischt und ein Fried. Ja, so ischt die Sach ... da beißt kein Mäusle mehr ein' Faden ab!"

Das Gesicht des Kommandanten erglänzte vor freudiger Erregung, als Jörg nun wirklich tat, was ihm so nahe gelegt worden war.

"Ich dank, Herr Wimmer, ich dank, ich dank! Das vergiss ich Ihnen nimmer, nie in mei'm ganzen Leben!", stammelte der Bauer mit schwankender Stimme, während er unablässig die Hände des Kommandanten drückte und schüttelte. "Und gelten S', Herr Wimmer, gelten S' ... wie 's jetzt auch sein mag, und was auch kommt ... wir zwei bleiben gute Freund miteinander, recht gute Freund!"

"G'wiss, Finkebauer, älleweil gute Freund, älleweil!", versicherte Herr Wimmer, der sich vor Stolz und Selbstbewusstsein dehnte und streckte. In diesem Gefühl seines Wertes begann er nun gnädig mit Jörg zu reden, dem er noch einmal des langen und breiten vorhielt, was er aus Freundschaft für ihn getan. Nicht als das geringste seiner Verdienste bezeichnete er den Umstand, dass er alles tun wollte, um das Gerede im Dorf zu beschwichtigen, wie er ja auch schon während der beiden vergangenen Tage die unermüdlichen Fragen der Leute entweder mit Schweigen oder mit ausweichenden, vertuschelnden Worten erwidert hätte. Als er sich endlich zum Abschied erhob, klopfte er Jörg vertraulich auf die Schulter und versicherte ihm zu wiederholten malen, dass er "älleweil ganz ruhig" sein und sich auf ihn verlassen könnte. Stolz erhobenen Hauptes stapfte er der Türe zu. Bei all seinem Selbstbewusstsein aber hätte es ihn stutzig machen müssen, wenn er das gering schätzende Lächeln gewahrt haben würde, mit welchem Jörg ihm bis zur Schwelle des Geleit gab, und wenn er durch die geschlossene Türe hätte sehen und hören können, wie der Bauer aufatmend sich emporrichtete und vor sich hin murmelte: "Den hab ich mir 'kauft!"

Inzwischen stand Herr Wimmer draußen im Hof, zog an seinem Uniformrock die Falten glatt, drückte die Säbelkuppel über das Bäuchlein nieder und blickte unter Räuspern und Husten zu den Fenstern des oberen Stockes auf. Griesgrämliche Enttäuschung malte sich auf seinem fetten Gesicht, als er zögernd gegen die Straße schritt. Da gewahrte er Beverl und die beiden Kinder zwischen den Bäumen des Gartens. Wie angewurzelt stand er. Ein gieriges Funkeln erwachte in seinen glotzenden Augen, und schmatzend bewegten sich seine Lippen. Schon begann er in kühner Unternehmungslust mit beiden Händen den dicken Schnurrbart aufzudrehen, als sich ihm Dori, der mit einem gefüllten Wassereimer auf dem Kopf vom Brunnen kam, breit in den Weg stellte, mit der Frage:

"Wie geht's, wie steht's, Herr Wimmerle? Älleweil gut? Älleweil gut?"

Kirschrot färbte sich das Gesicht des Kommandanten. "Wimmer heiß ich, Wimmer, Wimmer ... und für Dich, dass Dir's merkst, bin ich der Herr Kommandant, Du Tröpfle, Du eiskalts!", kreischte er, indem er den Burschen zu haschen suchte. Der aber machte flinke Füße und neigte unter kicherndem Didididi den Eimer nach rückwärts, so dass das verschüttete Wasser die Feiertagsmontur des Kommandanten über und über bespritze.

Fluchend stellte Herr Wimmer die Verfolgung ein. "Wart, wenn ich erscht einmal was z'reden hab im Finkenhof, nachher ischt's aus mit Deiner guten Zeit!" So knirschte er zwischen den Zähnen hervor, während er mit dem Taschentuch die Wassertropfen von seiner grünen Hülle wischte und hinaustrat auf die Straße.

Bald nach ihm verließ der Finkenbauer den Hof, den schwer bepackten Bergsack auf dem Rücken.

Als am Abend die Nachbarsleute zum "Dreiß'gerbeten" kamen und nach dem Bauer fragten, sagte ihnen die Mariann, dass ein dringendes Geschäft ihn nach einem weit entfernten Dorf gerufen hätte.

Fast eine Woche blieb er aus. Spät an einem Abend kehrte er zurück und betrat das Haus durch den Garten. Der Zufall wollte, dass ihm Emmerenz mit einem Licht im Flur begegnete. Als sie den Bauer betrachtete, meinte sie, er könnte eher von schwerer Arbeit zurückkommen, als von einer Reise und von Geschäften. Wenigstens sahen seine schrundigen Hände und seien arg mitgenommenen Kleider danach aus.

In der Wohnstube brannte in dieser Nacht die Lampe bis in den Morgen hinein. Das Frühlich graute schon durch die Fenster, als das kleine Lieslein, das einen gar leisen Schlaf hatte, die Eltern zur Ruhe gehen hörte.

Tage und Wochen vergingen. Das Leben auf dem Finkenhof schien wieder im alten Geleis zu rollen; und dennoch hatte es ein anderes Gesicht bekommen. Die Mariann, die sonst so resolut in ihrer Wirtschaft geschaltet und gewaltet hatte, war so still geworden, so in sich gekehrt. Wer sie beobachtete, konnte gewahren, wie immer und immer ihre gutmütigen Augen mit dem Ausdruck tiefer Sorge auf dem ergrauten Haupt und den alternden Zügen ihres Mannes ruhten. Der hatte sich seit jenem Tag, an welchem Emmerenz bei ihrem Eintritt in die Stube so übel empfangen worden war, in seinem Wesen wohl ein wenig zum Besseren verwandelt; aber die schweigsame Zerstreutheit und eine Art "schreckhafter" Unruhe waren ihm verblieben. Wenn die Eh'halten darüber ihr Gerede führten, pflegte Enzi zu sagen: "Lassts den Bauern in Fried! Der hat halt ein Herz, und das trauert sich so g'schwind net aus." Häufig war Jörg vom Haus abwesend. Entweder wanderte er mit dick angepacktem Rucksack die Straße hinaus, oder er fuhr in seinem einspännigen Bernerwägelchen davon, welches fast immer mit mancherlei Kistchen und Schachteln beladen war. Zumeist blieb er nur eine Nacht vom Hof fern, manchmal aber auch durch mehrere Tage. Diese Wege und Fahrten hatten stets eine triftige Ursache, welche für die Dienstboten durchaus kein Geheimnis war, ihnen im Gegenteil von der Bäuerin immer mit vertraulicher Genauigkeit klargelegt wurde. Bald war es ein Kauf- oder Tauschgeschäft mit Vieh und Pferden, was den Bauer vom Hof entführte, bald ein Holzhandel, bald der nötig gewordene Ankauf von Sämereien, von Geräten für die Wirtschaft, bald dies, bald jenes. Diese Wege und Fahrten häuften sich aber so sehr, dass trotz aller Triftigkeit nicht nur unter den Dienstboten, sondern auch im Dorf ein Gemunkel darüber entstand, das freilich so arm an Zweck und Ziel, wie reich an Worten war. Auch hier war es Emmerenz, die ein erklärendes Wort gleich bei der Hand hatte: "Daheim, wo ihn alles an die traurigen Tag vermahnt, kann halt der Bauer sein' Hamur nimmer finden; drum sucht er ihn draußt umeinand und b'sorgt halt selber jetzt, was er sonst von andere hat b'sorgen lassen." Bei Gelegenheit eines Kirchganges geriet sie einmal hart mit dem Baltl zusammen, der bei dem übel berüchtigten Leitenbauer in Dienst getreten war und nun offen die Leute gegen seinen ehemaligen Dienstherrn hetzte. Als sie dem Bauern in entrüsteten Worten davon Mitteilung machte, schwieg Jörg eine Weile und sagte dann: "Ich dank Dir, Enzi! Aber den Baltl lass reden ... sein Reden tut mir net weh!" Doch war er von nun an seltener vom Hof abwesend, dass er sich häufig in der dunklen Abenddämmerung durch den Garten davonschlich und bei grauendem Morgen wieder heimkehrte in das Haus, was wusste nur die Mariann. Viel begann sich Jörg in dieser Zeit mit seinen Kindern zu beschäftigen, die sich ihrerseits wieder eng und herzlich an den Vater anschlossen. Waren sie doch mit der Beverlbas seit langen Wochen gar nicht mehr zufrieden! Früher, wenn sie mit ihnen in der Stube oder im Garten beisammen gesessen, war sie ein Kind mit den Kindern gewesen, hatte ihre Spiele geteilt und hatte ihnen stundenlange vorgeplaudert von allem, was sie wusste, was sie in Herz und Köpfchen trug. Jetzt aber war sie schweigsam und verschlossen. Aus einer Genossin der Kinder war sie zur stillen Wächterin geworden, wenn die Kinder zu ihren Füßen spielten, saß sie mit verschränkten Armen oder mit im Schoß gefalteten Händen, aufstarrend zur Stubendecke oder hinausblickend in ziellose Ferne. Ernster noch und träumerischer als früher staunten die dunklen Rehaugen aus ihrem lieblichen Gesicht, das manchmal blass und durchsichtig war wie die Kelchblätter einer Schneerose und dann wieder blühte und glühte in duftigem Rot wie ein Apfel bei beginnender Reife. Dabei streckte sich die Gestalt des Mädchens fast sichtlich von Tag zu Tag, und runder und voller sprossten ihre Formen. Wenn auch nur Jörg allein diese plötzliche Wandlung zu verstehen meinte, so fiel sie doch allen im Finkenhof auf. Ein einziger nur hatte keine Augen dafür - der Dori. Beverl war ihm eben Beverl, und so, wie sie war, war sie ihm alles. Er sah sie viel zu häufig an, um die Veränderung gewahren zu können, die mit ihr vorging. Dieser langohrige Bursche war der einzige Glückliche im ganzen Finkenhof. Sein toller Übermut hatte bald die Oberhand über die Trauer seines guten Herzens gewonnen. Er stand bei Jörg in goldener Gunst - und was für ihn die Hauptsache war: Seit Baltls Abgang konnte er ungestört seiner wunschlosen, halb komisch, halb innig berührenden Verehrung für Beverl nachhängen. Er tat, was er ihr nur an den Augen absehen konnte. Von keinem Weg kam er zurück, ohne ihr einen "Buschen" oder ein einzelnes, seltenes Blümlein mit nach Hause zu bringen. Für solche Zeichen seiner Verehrung dankte ihm Beverl bald mit einem guten Wort, bald mit ihrem stillen, liebreizenden Lächeln - und wenn er so vor ihr stand und dieses dankende Lächeln hinein trank in seine zuckenden, zwinkernden Augen, dann zitterte das lange, knochige Ungetüm vor tief innerlicher Freude am ganzen Leib. Und wusste Dori schon für Beverls willen den beiden Kindern hundert kleine Freuden. Er fertigte ihnen mancherlei Puppengerät, Grillenhäuschen, Maikäferkutschen, fliegende Drachen und bewegliche Schlangen, baute ihnen Wassermühlen und Windräder, und schnitzte für sie aus knorrigen Wurzeln allerlei unförmliches Getier. So saß er auch einmal im Garten und suchte für den kleinen Pepperl ein "Hottohü-Ross" aus einem Wurzelstück zu bosseln. Doch an dem störrigen Holz zerbrach die dünn verschliffene Klinge seines "Feitels". Dori aber wusste sich zu helfen, um das heulende Bürschlein zu trösten, das schon auf sein Hottohü-Ross verzichten zu müssen fürchtete. Vor einigen Wochen hatte er auf Anordnung des Bauern eine große Kiste von der Bahn geholt. Beim Abladen vom Wagen war der Deckel losgesprungen, so dass der Inhalt ersichtlich wurde. Gar ärgerlich hatte Jörg über die schlechte Kiste und die nichtsnutzigen Nägel gescholten und dann gesagt: "Dem Ferdl seien Schnitzersachen sind's, seine Messer und die andern Werkzeug halt. Ich hab s' von Bertlsgaden schicken lassen, denn wenn das Zeug für mich auch gar kein' Nutzen hat, man kann's deswegen doch net gradwegs fremde Leut überlassen." Diese Kiste nun, die in der Bodenkammer verwahrt worden war, suchte Dori auf - aber als er den Deckel öffnete, fand er die Kiste leer. Schon wollte er sich wieder davonschleichen, als der Bauer mit Zorn gerötetem Gesicht vor ihm stand und ihn anfuhr mit bebender stimme: "Du Nixnutz Du, was hast denn Du da umeinander zu strühlen!" Bei diesen Worten war ihm auch die Hand schon ausgerutscht, und zwar nach einer Richtung hin, in welcher ihr Doris Riesenohr recht hinderlich im Wege war. Stotternd und stammelnd berichtete der Bursche, was ihn hierher geführt. Rasch legte sich der Zorn des Bauern. "Natürlich is die Kisten leer ... ich hab die Sachen aufg'hoben, drunt im Kasten," sagte er, "weißt, man kann s' doch net ganz und gar verrosten lassen ... daheroben! Hättst halt ein Wörtl g'redt zu mir! Und dass Du z'frieden bist ... da hast ein' Schmerzensdank, Du Unfirm Du! Das schenk ich Dir!" Und das Geschenk, das Jörg dem Burschen reichte, war sein eigenes, mit Schildplatt beschlagenes Taschenmesser, das neben drei blitzenden Klingen eine kleine Säge und ein Bohrer enthielt. "Mein Gott, Bauer ... so ein Messer!", jubelte Dori, "da is eine Tachtel schon z'wenig, da musst mir schon noch ein paar feste dazuschlagen!" Jörg lächelte. "Geh weiter und schau, dass mein Bub sein' Holzgaul kriegt." Und richtig hatte Pepperl am andern Tag sein Hottohü-Ross, für dessen Schweif und Mähne Enzis Staubbesen die nötigen Haare lassen musste. Die Dirne merkte bald den Schaden, forschte mit Scharfsinn den Täter aus und überzahlte hinter Doris Ohren den Wert des Messers. Bis in die Nacht hinein schalt und räsonierte sie über dem "unsinnigen G'lachel". Sie war überhaupt in der letzten Zeit gar übler Laune, die Emmerenz, und musste deshalb am Gesindet sich manch ein spitziges Wörtlein hören. Da fragte man sie mit Vorliebe, weshalb sich denn der Grafenjäger nie mehr im Finkenhof sehen ließe. Die alte Waben sagte einmal gerade heraus: "Gelt, Du Feine, jetzt hast ihn nausbissen mit Deiner Zannerei, jetzt reut's Dich, und jetzt tätst ihn am liebsten wieder einibeißen!" Spöttisch lachte Emmerenz bei diesen Worten und verließ ohne Widerrede die Stube. Tatsache war es aber doch, dass Gidi seit dem Begräbnistag der Hanni den Finkenhof nicht mehr betreten hatte. Um so fleißiger sprach Herr Simon Wimmer vor, wenngleich ihm Doris unermüdliche Streiche diese Besuche gar sehr verbitterten. Der Bursche hatte es bald gewittert, auf welch geheimen, absichtsvollen Wegen die "Verfluchte Geschichte" wandelte, und da sann er nun allnächtig lange Stunden nach, welch ein Schabernack er am kommenden Morgen dem "Didididi" wohl spielen könnte. Redlich wurde Dori von Beverl unterstützt, um Herrn Wimmers hoffnungsvolle Laune zu trüben. Ein einziges Mal nur war es ihm gelungen, das Mädchen zu sprechen, und Beverl hatte nach dieser Unterredung, so kurz sie gewesen war, durch lange Stunden ein rotes Mal auf der Wange umher getragen. Seitdem floh sie wie ein gescheuchtes Reh in die verborgensten Winkel des Hauses, wenn sie vom Hof her das bekannte, würdevolle Räuspern und Husten hörte. In der Hoffnung, Beverl zu treffen, stellte sich Herr Simon Wimmer sogar manchmal beim "Dreiß'gerbeten" ein; aber nur ein einziges Mal glückte es ihm, den Platz an Beverls Seite zu erobern. So oft er dann wieder kam, fand er die Emmerenz zur Linken, den Dori zur Rechten den Mädchens. Dafür trug er aber vom letzten "G'sturitrunk", der am fünfundzwanzigsten Mai gehalten wurde, ein seiner "Büldung" wenig entsprechendes Räuschlein mit nach Hause. Die Leute wunderten sich damals, dass Jörg zugleich mit dem Rosenkranz für die Hanni auch die Gebete für den Ferdl schließen ließ, für welchen doch nach Recht und Brauch zwei Tage länger hätte gebetet werden sollen. Das Benehmen des Finkenbauern in dieser Sache hatte überhaupt manches Verwunderliche. Während er den Rosenkranz für die Hanni stets mit lauter Stimme mitzubeten pflegte, rührte er bei den Gebeten für den Ferdl keine Lippe, oder verließ wohl auch, wenn sie begannen, die Stube. Die Leute machten natürlich ihre Glossen, und die meisten meinten: "Er zürnt sei'm Brudern noch im Tod und kann 's ihm net vergessen, dass er ihm die Schandarm rein 'züngelt hat in sein' rechtlichen Hof!"

Am Morgen nach dem letzten "G'sturitrunk" stieg Emmerenz bei grauendem Tag zu Berge. Die Zeit der Almfahrt war schon nahe, und da wollte die Dirne Nachschau halten, wie ihre liebe Bründelalmhütte sich "g'wintert" hätte, und ob sie nicht durch die Lawinenstürze und Föhnstürme zu Schaden gekommen wäre.

Dir Dirne kam von ihrer Bergfahrt früher zurück, als man erwartet hatte. An heller Aufregung suchte sie den Bauer und fand ihn in der Stube. "Denk Dir grad, Finkenbauer," berichtete sie unter Tränen der Entrüstung, "mein' ganze Hütten is mir ausg'raubt worden! 's eiserne Pferl haben s' raus g'rissen aus der Holzstuben, 's ganze Kreisterbett haben s' davon, den Tisch mitsamt der Bank und die zwei Stühl, alles G'schirr, was droben g'wesen is übern'n Winter, und noch net g'nung, mein' Herrgott haben s' mir mit g'nommen, die unchristlichen Halunken, und all meine Heiligenbildln dazu!"

"Ja was Du sagst ... was Du sagst!", tat der Bauer ganz erschrocken und erzürnt.

"Ja, und g'wiss vor drei, vier Wochen muss die Rauberei schon g'schehen sein. Wo s' den Ofen raus g'rissen haben aus der Wand, da sind die Riss und Brüch ganz alt schon zum anschaun. Und ein' Schlüssel zur Hüttentür müssen s' auch g'habt haben, oder es is gleich gar ein Schlosser dabei g'wesen, denn an der Tür kannst gar nix sehen, dass was auf g'sprengt wär ... ganz schön is 's Schloss wieder zu g'sperrt. So eine Lumperei!"

Die Hände auf dem Rücken, wanderte Jörg in der Stube auf und nieder und schalt und wetterte, dass die Fenster klirrten.

"Ja mein, Bauer, mit'm Schimpfen is gar nix g'holfen! Da muss was g'schehen! Was is denn, soll ich 'leicht zum Kommandanten nauf laufen, dass er herkommt und die Sach zur Anzeig nimmt?"

"Was! Anzeigen! Das wär mir noch 's Rechte!", fuhr der Bauer auf. "Dass ich zum Schaden den Spott auch noch tragen müsst. Meintwegen sollen s' hin sein, die paar lumpigen Mark, die das Sach wert is! Is mir lieber, als dass mich die Leut auslachen täten im ganzen Ort. Und drum brauchst weiter nix z'reden ... ich lass Dir Dein' Hütten schöner wieder herrichten, als wie's z'erst g'wesen is!"

Das geschah nun auch in den nächsten Tagen, und zwar auf eine Weise, dass niemand Ursache fand, nach dem Verbleib der alten Geräte zu fragen.

Der Sonntag kam, an welchem im Wirtshaus der Almtanz abgehalten wurde, eine Art von Abschiedsfeier für die Sennerinnen, die in den folgenden Tagen den Auftrieb nach den Almen vollführen sollten.

Da war es zur Nachmittagszeit, als Gidi von den Bergen niederstieg ins Tal. Von weitem schon hallten ihm die fröhlichen Tanzweisen, die johlenden Jauchzer und lustigen Gesänge entgegen. Was aber ging ihn all dieser Jubel an? Vierzehn Tage hatte er droben in seinen Jagdhütten verbracht. Sein Mundvorrat war aufgezehrt, und um ihn zu erneuern, kam er nun in das Dorf. Bei grauendem Abend wollte er wieder hoch oben sein im schönen, geliebten Bergwald.

Doch als er am Wirtshaus vorüber schritt, rief ihn der Wirt mit freundlichen Worten an, und manch ein Bekannter winkte ihm mit dem Krug den Willkomm zu. Da konnte Gidi nicht anders. "No, meinetwegen, auf ein Stamperl!", lächelte er und schritt auf die mit grünem Birkenreis geschmückte Türe zu. Vielleicht zog ihn neben Durst und Höflichkeit doch auch noch etwas anderes in das lustige Haus, denn mit forschenden Blicken musterte er die offenen Fenster des im oberen Stock liegenden Tanzsaales.

Er betrat die Stube, deren Decke unter den Füßen der Tanzenden zitterte und dröhnte. Eine Weile währte es, bis er mit "Gott g'segn's!" und "Vergelt's Gott!" von Krug zu Krug die Runde gemacht hatte. Dann ging er in die Schlafkammer der Wirtsleute, um seine Büchse in eine sichere Ecke zu stellen. Daneben warf er den Rucksack auf die Dielen und hieß den Hund sich darauf nieder kuschen. Als er wieder in die Stube zurückkehrte, fielen seine Blicke auf das Zapfenbrett, an welchem in langer Reihe die Hüte der Gäste hingen. Einer dieser Hüte fiel dem Jäger auf. Hastig ging er darauf zu und nahm ihn vom Brett herunter. "Ich hab mir's gleich 'denkt ... ganz frisch is er noch," so murmelte er, während er den Auerhahnstoß betrachtete, der dem Hut als Zierde aufgesteckt war.

"Was hast denn Du an mei'm Hut umeinander z'schnuffeln?", klang eine meckernde Stimme über Gidis Schultern, während ihm eine knöcherne Hand den Hut entriss.

Der Jäger fuhr auf. Vor ihm stand der Brenner-Wastl, ein magerer Bursche, dessen ländlich geckenhafter Anzug das Sprichwort rechtfertigte, das im Dorf gang und gäbe war: "Hoffärtig wie der Brenner-Wastl."

"No mein, da musst dich jetzt gar net vereifern," lächelte Gidi. "Dein Auerhahnstoß hat mich halt ein bissl verintressiert. Wo hast ihn denn her?"

"Geht's Dich was an? Ob ich ihn g'funden, 'kauft oder g'stohlen hab ... das is mein Sach!"

"Da hast recht! Aber weißt, ich hab halt grad so g'meint! Nix b'sonders hast da net am Hut. Er hat ja kaum ein paar einschichtige Sprenkeln, der Stoß. Und g'schaufelt is er gar net schön. Da hebst sein net viel Ehr damit auf. Du, da hab ich ein' andern daheim, ein' Spielhahnstoß! So ein' hast fein noch net g'sehen in dei'm Leben. Der is Dir auseinander g'schaart, dass keiner mit der Hand sein' Schaar derspannt, kohlrabenschwarz und schimmrig wie frischer Stahl, und in der Mitten bluhweiß g'flaumt. Du! Den wenn auf Dei'm Hütl hättst! Da müsst ein jeder stehen bleiben, der Dich antrifft auf der Straßen! Und die Madln erst täten schauen! Du! Die Madln erst!"

Gierig funkelten die Augen des Burschen aus seinem sommersprossigen Gesicht. "Gidi! Verkauf mir den Stoß, ich lass Dich nimmer aus!", sprudelte es über seine dünnen Lippen. "Verlang, was Du magst dafür! Ich gib Dir fünf Mark, achte, neuen, zehne ... da hast zehn Mark, und der Stoß g'hört mir!" Dabei wühlte er schon mit zitternder Hand in seiner Tasche.

"Geh, plag dich net!", wehrte Gidi, während ein spannungsvoller Ernst seine Züge verschärfte. "Den Stoß verkauf ich net, denn so ein' krieg ich selber nimmer, und wenn ich hundert Jahr alt werd! Aber ...", nun zögerte er, und seine Stimme dämpfte sich zu leisem Flüstern, "aber ich schenk Dir den Stoß, wenn mir sagst, von wem den andern hast."

Mit verdutzten, zweifelnden Augen sah der Bursche dem Jäger ins Gesicht, dann lugte er mit scheuen Blicken um sich und wisperte: "Gidi ... sag: Auf Ehr und Seligkeit!"

"Mein Wort könnt dir g'nug sein ... aber meintwegen: Auf Ehr und Seligkeit."

"Und dass Du mich net verratst?"

"Dass ich Dich net verrat!"

"Vom Leitner-Baltl hab ich ihn 'kauft ... vor drei Wochen ... um vierthalb Mark .... ganz feucht in die Spulen is er noch g'wesen, wie ich ihn 'kriegt hab."

"Is gut! Zwischen sechse und sieben bin ich daheim, da kannst wen schicken um Dein' Stoß," erwiderte Gidi und wandte sich kurz von dem Burschen, vor sich nieder murmelnd: "G'wusst hab ich's ja eh schon! Aber 's g'wiss Wissen is dengerst besser als wie 's Wissen."

Er betrat den Flur und wollte die mit plaudernden und schäkernden Paaren verstellte Treppe zum Tanzboden emporsteigen. Da schlug durch die offene Hintertür der Klang einer Zitter und ein Gewirr von lachenden Stimmen an sein Ohr - und aus all diesen Stimmen kicherte eine besonders hell und lustig auf.

Mit langen Schritten eilte Gidi jener Türe zu. Sie führte nach einem weiten, von einzelnen Bäumen durchsetzten Hofraum, den ein hoher Staketenzaun von der Straße trennte. In der Tiefe des Hofes war Brennholz in langen, plumpen Scheiten zu einer klafterhohen Mauer aufgeschichtet. Rechts und links von der Türe standen im Schatten des vorspringenden Daches zwei Tische. Den einen sah Gidi besetzt mit Burschen, deren Gesichter von Trunk und Tanz gerötet waren. Er zuckte mit keiner Wimper, als er Baltl unter ihnen gewahrte. Mit stummem Nicken erwiderte er den grüßenden Zuruf einiger Burschen und steuerte gemächlichen Schrittes dem anderen Tisch entgegen, um welchen dicht gedrängt eine kleine Schar von Mädchen saß.

"Du, jetzt pass auf, jetzt holt Dich einer!", kicherte eine schwarzhaarige Dirne und stieß der neben ihr sitzenden Emmerenz den Ellbogen in die Seite.

"Lass mir mein' Ruh! Dein' Botschaft is kein' Puff net wert!", brummte Enzi und verdrehte die Augen.

Da stand der Jäger schon vor ihr. "Was is, Emmerenz, probieren wir ein' miteinander? Hörst es, ein' Landlerischen spielen s' droben, das is mein liebster! Und nachher der erste Tanz mit Dir ... da kann nix fehlen!"

Emmerenz runzelte die Stirne, erhob sich langsam und legte ihre Hand in die Rechte des Jägers. Während die beiden so der Türe zuschritten, begann am andern Tisch die Zitter zu schwirren, und mit heiserer Stimme fiel Baltl in die Weise ein:

"Der Bub, der is kurz,
Und sein Deandl net lang,
Und da sind die zwei richtigen
Stutzln beisamm."

Schallendes Gelächter erhob sich, denn es war unverkennbar, wem das Trutzlied gelten sollte. Baltl aber sang weiter:

"Und die zwei sind schon g'recht,
Und die zwei passen z'samm,
Und das gibt eine Rass'
So lang wie ein Daam1."

Das Lachen und Johlen verstärkte sich, wobei alle Blicke an dem Jäger hingen. Eine unheimliche Blässe lag auf Gidis Stirn und Wangen, ein drohendes Funkeln glomm in seinen Augen, aber sein Mund lächelte, und fester schlossen sich seine Finger, als er fühlte, dass Emmerenz ihre Hand aus der seinen zu ziehen versuchte.

"Und 's Deandl is kugelrund ..."

So wollte Baltl von neuem beginnen, aber sein heiseres Kreischen wurde von der hell klingenden Stimme des Jägers übertönt, der in die Ländlerweise, welche durch die offenen Fenster des Tanzsaales hernieder tönte, mit den Worten einfiel:

"Der Haber muss reif sein,
Eh kann man net mahn,
Und ein Hirsch, der vermirkt's net,
Wann d' Aasraben kraahn!"

Lauter Beifall folgte dieser Strophe; selbst auf Enzis Lippen erschien ein leises Lächeln der Befriedigung, das aber rasch wieder verschwand, als sie die Antwort vernahm, welche Baltl der Strophe des Jägers folgen ließ:

"Und der Jaagerknechts-Bua
Und die Stallmagd dazua,
Und sein räudiger Hund
is ein gar schöner Bund!"

Lautlose Stille herrschte nach diesen Worten. Das war keine Anspielung mehr, welche die Ausrede hätte zulassen können: "Ich hab Dich net g'meint!" - das war offene Beleidigung.

Dunkle Röte goss sich über Enzis Gesicht, die Tränen schössen ihr in die Augen, und dem Jäger ihre Hand entreißend, stieß sie zornig hervor: "Schand und Spott muss man auch noch erleben mit Dir ... da such Dir eine andere dazu!"

Mit irren Blicken schaute Gidi der Dirne nach, als sie dem Platz zuschritt, von dem er sie geholt hatte. Dann wandte er sich dem Knecht zu. Sein ganzes Gesicht verzerrte sich, und in bläulicher Röte schwollen ihm die Adern. Jetzt schleuderte er den Hut beiseite, warf mit einem gurgelnden Wutschrei die Arme in die Luft und stürzte auf Baltl los, der die Zitter beiseite stieß und hastig aufsprang, dem Jäger die Hände mit gespreizten Fingern zur Abwehr entgegenstreckend.

Kreischend fuhren die Mädchen auseinander, die Burschen schnellten von der Bank empor, um sich zwischen die beiden zu werfen; aber eine Vermittlung schien da nicht vonnöten, denn wie erstarrt stand Gidi vor dem Knecht. Nun ließ er die Fäuste sinken, und keuchend klang es über seien zuckenden Lippen: "Na! ... Na! Abkühlen muss ich mich z'erst ... abkühlen ... sonst könnt' sein Unglück geben!"

Und eh noch die andern zu fassen wussten, was diese Worte bedeuten sollten, stürmte Gidi dem aufgeschichteten Brennholz zu und sprang, den Kopf in den Nacken duckend, die Arme eng anziehend an die Brust, mit mächtigem Satz frei von der Erde über die hölzerne Mauer.

Die Burschen und Mädchen standen mit verblüfften Gesichtern, sahen sich mit verdutzten Augen an und blickten nach dem aufgebeugten Holz, über dessen Höhe Gidi schon wieder einher geschossen kam. Unter der Wucht des Sprunges sank er in die Knie, raffte sich auf, nahm einen kurzen Anlauf, sprang von neuem - und sprang, bis sein Atem keuchend und rasselnd ging, bis der Schweiß ihm nieder tropfte über den Bart. Eine förmliche Tollwut schien ihn überkommen zu haben. Wie er es trieb, es war ein halb beängstigender, halb komischer Anblick. Die Dirnen begannen zu kichern, nur eine blieb stumm und drückte sich mit finsteren Augen an die Mauer. Die Burschen huben zu lachen an, einzelne riefen dem Jäger scherzende Reden und Worte des Beifalls zu, denn wenn sie sein Treiben auch absonderlich fanden, so bewunderten sie doch seine wilde Kraft und zähe Gelenkigkeit. Nur einer von ihnen lachte nicht, dieser eine griff verstohlen nach seiner rechten Hüfte und lockerte das Messer in der Scheide.

Wieder kam Gidi über das Holz einher gesprungen. Aufatmend hielt er einen Augenblick still, dann stemmte er Schultern und Nacken gegen die Scheite und schob und drückte, bis die hölzerne Mauer zu wanken und sich zu neigen begann, so dass sie mit Krachen und prasseln zu einen wirren Haufen ineinander stürzte.

"So, jetzt bin ich ab'kühlt ... jetzt bin ich g'recht für Dich ... Du ...", keuchte er, stürzte zusammen geduckten Leibes auf Baltl zu und warf sich über ihn, dass der Tisch ins Wanken kam, dass Zitter und Krüge mit Klirren und Klappern zur Erde flogen. Baltl hatte mit einem Fluch dem Angreifer den linken Arm entgegengestemmt, während in seiner hoch erhobenen Rechten das Messer blitzte.

Ein wildes Schreien und Kreischen erhob sich. Schon aber hatte der Jäger Baltls Arm erhascht, und den Burschen mit sich niederreißend auf das Pflaster, schmetterte er ihm die Hand, welche das Messer umklammert hielt, wider die Steine, dass die Klinge weit hinausflog in den Hof.

Droben im Tanzsaal verstummte die Musik, neugierige Gesichter erschienen an allen Fenstern, die Türe füllte sich mit herbeieilenden Leuten, Bursche und Männer stürzten auf die Ringenden zu, um sie auseinander zu reißen, aber wie ein wütender Eber die verfolgende Meute, so schüttelte Gidi die Fäuste von sich ab, die über seine Arme und Schultern herfielen. "So? Stechen willst auch noch? Stechen? So?", keuchte und schrie er, indem er seinen Gegner empor zerrte von der Erde. "G'hörst Du da her? G'hörst Du unter Menschen? Wart! Dir zeig ich, wo Du hing'hörst ..." Und unter Würgen und Drosseln stieß und schleifte er den Knecht vor sich her dem Zaun zu, in dichtem Knäuel das ganze Rudel der Abwehrenden hinter sich nachziehend. Baltl schlug mit Händen und Füßen um sich, kratzte und biss, aber dieser wilden, von Wut und Hass entfesselten Kraft gegenüber gab es kein Entrinnen. Mit jähem Ruck hob Gidi den Burschen empor und wälzte ihn über die knackenden Staketen hinweg, dass er gleich einem vollen Sack auf die Straße plumpste und über Staub und Steinen nieder kollerte in die tiefer liegende Wiese.

Mühsam erhob sich Baltl. "Wart, Jaager ... das brock ich Dir ein!", knirschte er und verzog sich unter dem Gelächter der Leute hinter die nahen Haselnussstauden.

Lachend kehrten die Männer und Burschen zu den Tischen und in das Wirtshaus zurück. Sie alle waren froh darüber, dass diese Sache, die ein so böses Gesicht gezeigt, einen so annehmbaren Ausgang gefunden hatte.

Gidi stand eine Weile, tief atmend, und wischte sich mit dem Joppenärmel die Wangen und das Gesicht. Dann schritt er geraden Weges auf Emmerenz zu.

"So, Deandl, der Weg is frei! Jetzt komm zum Tanz!"

"Gelt, Du ... lass mich in Ruh!"

"Enzi!"

"Enzi? Enzi hat mein' Mutter zu mir g'sagt und kann mein Bauer sagen. Für Dich heiß ich Emmerenz. Und zum Tanz such Dir eine andere, Du wütiger Teufel, Du!"

"Schau, aber grad mit Dir möcht ich tanzen!", stieß Gidi mit scharfer, bebender Stimme hervor und haschte das Handgelenk der Dirne. Da half ihr nun kein Wehren und Sträuben - wortlos zog er sie mit sich fort in den Flur und über die Treppe empor in den Tanzsaal. Mit Lachen und Kichern drängten die Mädchen und Burschen sich ihnen nach.

Für keinen Augenblick gab Gidi die Dirne frei. Mit der linken Hand zog er sein Schnürbeutelchen aus der Tasche, öffnete es mit Fingern und Zähnen und warf einen Preußentaler auf den Musikantentisch.

"Ein' Landlerischen!", befahl er, und als die Weise begann, schwang er mit einem Juhschrei den Hut, schraubte die Arme um Enzis Hüften und wirbelte sie durch den niederen Saal, dass ihre Röcke flogen und die dicken, rotblonden Zöpfe sich loslösten von ihrem Haupt. Rings um die Wände stand Paar an Paar gereiht, und sie alle folgten mit ihren Blicken diesen beiden. Gidi war ja bekannt als der beste Tänzer des ganzen Tales. Es war immer ein "Staat", ihn tanzen zu sehen.

Jetzt löste er mit einem Juhschrei den einen Arm, schwang mit der erhobenen Rechten die Tänzerin ein paar Mal noch an der Hand im Kreis und begann zu "platteln", die hurtig sich drehende Dirne mit forschenden Augen verfolgend, ob sie nicht etwa ans Ausreißen dächte. Enzi aber mochte sich wohl längst gesagt haben, dass hier jeder Widerstand ohne Sinn und Zweck wäre. Die vielen Blicke, die auf ihr ruhten, stachelten wohl auch ihren Ehrgeiz, und so schien sie ganz bei der Sache und bot all ihre Gewandtheit auf, um sich und ihrem Tänzer keine Schande zu machen. Das hatte auch Gidi bald heraus, und da hub er nun im Takt mit der Musik ein Schlagen, Stampfen, Schnalzen, Schnackeln und Springen an, dass es nur so hallte, klatschte und wirbelte, dass es eine Musik für sich im kleinen war. So oft er, den Absätzen der Tanzweise entsprechend, seinen "Plattlgang" vollendet hatte, sprang er, halb sich überschlagend, unter einem gellenden Jubelschrei so hoch empor, dass die Nägel der einen Schuhsole das Gebälk der Decke streiften. Dann wieder fasste er Enzi um die Hüften und drehte sich mit ihr unter den mannigfachsten Wendungen und Armverschränkungen, die den beiden so geschickt und zierlich gelangen, als wären sie zusammen auf dem Tanzboden aufgewachsen.

Lauter Beifall erhob sich, als die Musik verstummte und Gidi zum letzten Jauchzer die Dirne mit beiden Armen hoch aufschwang über seinen Kopf.

Stolz lächelnd blies Enzi, als sie wieder auf den Dielen stand, die hochroten Backen auf und wollte ihrem Tänzer die Hand reichen, um sich aus dem Saal führen zu lassen.

Gidi aber übersah diese Hand. "Das war unser erster Tanz, Emmerenz," sprach er die Dirne leise an, "und ich mein' schier, unser letzter! Ich danke Dir schön ... und nix für ungut!" Damit rückte er den Hut und stapfte davon.

Wenige Minuten später wanderte er schon mit langen Schritten dem Schlossberg zu, die Büchse auf dem Rücken, begleitet von seinem Hund, der unter fröhlichem Gebell und mit spielenden Sprüngen seinen Herrn umkreiste.

Im Finkenhof aber war ein arges Verwundern darüber, als die Oberdirne lange vor "Betläuten" schon vom Almtanz nach Hause kam, mit einem so fuchsteufelswilden Gesicht, dass ihr alles Gesinde sorgsam aus dem Weg ging.

Drei Tage verstrichen, und unter den Sticheleien der Dienstboten verschlimmerte sich Enzis Laune noch. Am bittersten musste Dori darunter leiden. Wie er seine Arbeit auch tun mochte, immer hatte die Oberdirne daran zu nörgeln. Sie bekam in diesen Tagen eine gar "rutschige Hand," mit welcher sie dem Burschen ihre unwillige Meinung bei jeder nur denkbaren Gelegenheit in des Wortes empfindlichster Bedeutung zu "Gehör" zu bringen pflegte.

Um dieses einen Umstandes willen atmete Dori ordentlich auf, als der Morgen kam, an welchem der Auftrieb zur Alm erfolgen sollte. Er hoffte, dass die gesunde Bergluft die Hand der Oberdirne von diesen für ihn so schmerzhaften Nervenzuckungen kurieren möchte. Andererseits freilich war ihm das Herz gar schwer, denn dieser Morgen brachte ja den Abschied von Beverl. Als er bei grauendem Frühlicht in die Gesindestube zur Morgensuppe kam, hatte er verschwollene, rote Augen - und immer wieder fuhr er sich mit den Fäusten über die Wangen und unter die schnuffelnde Nase, während er die siebzehn Schafe, die droben auf den Bergen seiner Aufsicht unterstehen sollten, aus dem Pferch in den Hof trieb, wo er den Muttertieren die kugeligen Schellen, dem Hammel die Leitglocke um den wolligen Hals befestigte. Inzwischen tobte und rumorte die Emmerenz zwischen Hof und Ställen hin und her. Unter Schelten und Schreien trieb sie die läutenden, brüllenden Kühe und blökenden Kälber vor dem Zaun auf einen Knäuel zusammen und fuchtelte mit ihrem langen Haselnussstab, wie ein Fuhrmann mit der Peitsche.

Inmitten des Hofes stand Mariann in leisem Gespräch mit dem Bauer, der den Bergstock in den Händen hielt und die schwer bepackte Kraxe schon auf dem Rücken trug.

Beverl lehnte, die beiden Kinder an ihrer Seite, am Geländer der Grät und blickte mit großen Augen in das laute, lebende Treiben. Die eine Hand hielt sie in der Tasche ihres Röckchens vergraben. "Dori, Dori!", hatte sie schon ein paar Mal leise gerufen - aber so oft der Bursche in ihre Nähe kam, eilte er abgewandten Gesichtes an ihr vorüber.

Jetzt mahnte der Bauer die Emmerenz, dass sie doch das Schelten und Fuchteln lassen möchte. Mit Ruhe käme sie rascher zum Ziel. Es wäre an der Zeit, mit dem Auftrieb zu beginnen, wenn man vor der Mittagshitze die Bründlalm erreichen wollte.

Als Beverl den Jörgenvetter so drängen hörte, verließ sie die Grät, um Dori unter seinen Schafen aufzusuchen. Die beiden Kinder trippelten ihr hurtig nach. Der kleine Pepperl haschte den Widder bei den gewundenen Hörnern und suchte ihn als Reitpferd zu benützen, wogegen das ungefällige Tier mit Blöken und Bocken ernstliche Einsprache erhob. Das Liesei aber stellte sich, die nackten Ärmchen unter dem Schürzlein verschränkend, an Beverls Seite, die den Burschen mit vorwurfsvollen Worten ansprach: "Aber Dori! Willst gar auf die Alm auftreiben, ohne dass mir B'hüt Gott sagen tätst?"

In dem Gesicht des Burschen begann ein Zwinkern und Zucken, als wollte er die Augen aus ihren Achsen drehen und die Kiefern aus ihren Angeln renken. "Ah na, Beverl," stammelte er und fuhr mit der schnuffelnden Nase in die Höhe, "ich wär schon noch 'kommen; g'wiss, ganz g'wiss!"

"No, jetzt brauchst ja nimmer kommen, jetzt bin ich ja da," erwiderte das Mädchen mit treuherzigem Lächeln. "Und schau, Dori, da hab ich dir was 'bracht, das gib ich Dir mit auf d'Alm, weil mir doch auch schon oft eine Freud g'macht hast und so ein viel guter Mensch bist!" Dabei zog sie die Hand aus der Tasche und reichte dem Burschen ein winziges, aus dunkeln Seidenstoff gefertigtes Säckchen, das an einer dünnen Schnur befestigt war. "Das musst um Dein' Hals rumhängen ... ein heiligs Bannwürzerl is drin, das b'schützt vor gachem Unglück und vor Zaubermacht ... so hat mein Vaterl g'sagt, der mir's 'geben hat."

Die dicken Zähren schossen dem Burschen in die Augen. "Beverl, jesses na, o mein Gott, o mein Gott, na, na, das kann ich net nehmen," stotterte er, griff aber mit beiden Händen nach dem Schnürchen. Danken konnte er dem Mädchen nicht mehr, denn Beverl musste dem kleinen Pepperl zu Hilfe eilen, der an die Hörner des Widders angeklammert hing und von dem wild gemachten Tier unter den scheu auseinanderstiebenden Schafen umhergeschleift wurde. Dori wollte dem Mädchen nachstürzen, aber das Liesei hielt ihn an der Joppe zurück.

"Du, Dori, dauert's noch lang, bis die Edelweißbleamln blühen?", fragte das Kind.

"O mein, noch g'wiss sechs Wochen," erwiderte der Bursche hastig und versuchte seinen Joppenzipfel aus den Händen des Kindes zu ziehen.

Das Liesei aber hielt fest. "Gelt, Dori, wenn s' nachher blühn, nachher suchst mir eine, und bringst mir s', gelt, recht schöne Stammerln. Und wann 'leicht dem Edelweißkönig sein Königsbleaml finden tätst, nachher bringst mir's auch, gelt, Dori? Weißt, ich gib Dir schon was dafür ... zwei Schmalznudeln ... gelt, Dori, gelt?"

"Ja, ja, Liesei, is schon recht, ich bring Dir's schon, aber lass mich nur jetzt grad ein bissl aus, ich muss ja ..."

Weiter kam Dori nicht, denn der Bauer mahnte: "Schau, dass Dein' Kraxen in d'Höh bringst! Es is an der Zeit!" Dann reckte er sich hoch auf und rief über die Herde hinweg: "Enzi! Jetzt wird einmal marschiert!"

"Ja, Bauer, ich bin schon g'recht!", scholl die Stimme der Dirne entgegen.

Jetzt kam die Mariann herbeigeeilt. Sie hatte das Weihbrunnkesselchen aus der Stube geholt, rief die Sennerein und den Hüterbuben zu sich, besprengte sie mit dem geweihten Nass und wünschte ihnen glückliche Almenzeit - "für Enk zwei und für's Vieh und d'Schaf," sagte sie.

Nun setzte sich der Zug in Bewegung. Der Bauer schritt voraus. Ihm trotteten die Schafe nach, dann kamen mit Läuten und Brüllen die Kühe und Kälber, denen Enzi und Dori mit ihren hohen Kraxen und langen Stäben folgten.

Am Zaun glückte es dem Dori noch, Beverls Hand zu erhaschen. Er sprach kein Wort, er schnuffelte und schluckte nur unter Tränen. Doch als er die Straße erreichte, fuhr er sich mit der Faust über die Augen, schnalzte mit der Zunge und ließ einen Juhschrei in die lüfte schrillen, dass klingend und hallend von allen Bergen das Echo wieder tönte.

"So is recht! So g'hört sich's!", lächelte Mariann, dann aber wandte sie sich mit ernstem Gesicht zu Beverl. "Dass sich d'Enzi gar net hören lasst! Ich weiß net, die zieht heuer mit ei'm recht unguten G'müt auf d'Alm, und so was is net gut, für sie net und net für's Vieh." Und mit besorgten Blicken sah sie der Dirne nach, die hinter ihrer Herde einherschritt, als ging es weiß Gott wohin, nur nicht nach der Bründlalm, nach ihrem "liebsten Platzl auf der weiten Gotteswelt."

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