Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 6

Es war um die zehnte Morgenstunde, als Gidi sich dem Finkenhof näherte. Kaum trugen ihn noch die Füße; den Weg von der Höhe der Höllbachklamm bis ins Tal, auf dem ein anderer mit gesunden hurtigen Füßen seien wohl gemessenen zwei Stunden geht, hatte er in kaum einem Viertel dieser Zeit zurückgelegt.

Als er den Zaun des Finkenhofes erreichte, fuhr er mit den Händen über die Augen, denn er meinte zu träumen, da er nicht zu fassen wusste, was er gewahrte. Er hörte das summende Geflüster vieler Leute, die den Hofraum erfüllten und zumeist in schwarze Gewänder gekleidet waren, als hätten sie sich zu einem Leichengang gerüstet.

Zögernden Schrittes trat Gidi in den Hof, fasste den Nächsten beim Arm und fragte mit bebender Stimme: "Was is denn? Was soll denn das heißen? Was hat's denn 'geben?"

"Ja weißt es denn Du noch net? Die Hanni is g'storben, verunglückt im Wasser, drin in der Münchnerstadt. G'wiss wahr, 's ganze Ort is rebellisch worden, wie die Botschaft um'gangen is heut in der Fruh. Eine Stund kann's her sein, da is die Finkenbäuerin 'kommen, und da haben s' auf'm Wagen den Sarg von der Station 'bracht. Natürlich bin ich auch mit draußen g'wesen, wie sie den Sarg mit Fahn und Lichter an der G'mein'grenz abg'holt haben. Du, ich sag Dir's ... völlig erbarmt hätt's Dich, wann die Bäuerin g'sehen hättst, wie s'verweint und derkeit g'wesen is, und wie sie sich hing'worfen hat am Bauern' sein' Hals und g'schluchzt hat: 'O mein Jörg! O mein armer Jörg!' Und der id Dir da g'standen, kaasweiß im ganzen G'sicht, aber net ein Zahrl is ihm aus die Augen g'ronnen! Grad 's Bahrtuch hat er allweil ang'stärrt, hat den schwarzen Zipfel 'packt, und nimmer ausg'lassen hat er ihn auf'm ganzen Weg. Jetzt is die Leich ... gleich muss der Pfarrer kommen."

Kein Laut kam über Gidis Lippen. Doch als er sich der Türe zudrängte, starrten ihm die Leute mit scheu verwunderten Augen in das fahle, verstörte Gesicht. Mit Mühe gelangte er zur Türe. Falber, zuckender Kerzenschein erfüllten den Flur, in welchem der offene Sarg auf einem schwarz verhängten Schragen stand. Ein Zittern überkam den Jäger, als seine Blicke auf die Leiche fielen. Die Tote war in ein dünnes, weißes Gewand gekleidet, das die schlanken und sanften Formend es schönen Körpers umschmiegte. Mit weichen Wellen übergoss das offene braune Haar die Schultern und die Brüste, und verschleierte die weißen Hände, die, über der Brust gefaltet, ein kleines Kreuz aus Ebenholz umschlossen hielten. Wachsbleich hob sich aus der dunklen Umrahmung der losen Flechten das schmale, feine Gesicht. Es war im Leben nicht schöner gewesen, als jetzt im Tode. Gleich sichelförmigen Schatten lagen auf den Wangen die Wimpern der dünnen Lider, durch deren Blässe die dunklen Augensterne hindurchzuschimmern schienen. Ein schmerzlicher Zug war um den schönen Mund gelegt, der dennoch zu lächeln schien - es war, als läge noch ein unausgesprochenes, liebevolles Wort auf diesen Lippen.

Am Haupt der Bahre stand die Finkenbäuerin, weinend und betend; ihr zu Füßen Kniete Beverl, das schluchzende Lieslein an ihrer Seite; unter der offenen Stubentüre kauerte der Knabe, mit verdutzten Blicken bald die Bahre, bald die Mutter und bald den Vater streifend, der drüben am Geländer der Treppe lehnte, mit krampfhaft verschlungenen Händen, ein Bild qualvoller Trauer und tiefen Schmerzes. Als Gidi die Schwelle betreten hatte, war Jörg zusammengefahren, hatte die Augen mit bangen Blicken der Türe zugeworfen und war wieder in sein brütendes Niederstarren versunken.

Eine Weile stand Gidi in stummen Gebet, dann bückte er sich nach dem Weihwasserkessel, der zu Füßen der Bahre stand, sprengte einige Tropfen des geweihten Wassers über die Leiche und verließ den Flur. Auf der Schwelle begegnete ihm Emmerenz. Sie war schwarz gekleidet und hatte verweinte Augen. Gidi fasste sie beim Arm und zog sie mit sich fort, dem Gesindehaus zu. "Enzi, sei so gut," flüsterte er mit bebender Stimme, "kann ich mein G'wehr und mein' Rucksack einstellen bei Dir ... und ... nachher muss ich Dir was sagen."

Wispernd blickten die Leute den beiden nach und wussten nicht, was sie denken sollten, als sie die Dirne unter der Tür des Gesindehauses jammernd die Hände ineinander schlagen sahen. Neugierig eilten einige von den Leuten hinzu, doch hinter den beiden schloss sich schon die Türe.

Im gleichen Augenblick scholl vom Kirchturm her das beginnende Geläut der Glocken, und an einer Wendung der Straße erschien der greise Pfarrer im weißen Chorrock. Ihm folgen der Messner mit dem Rauchfass und die Ministranten mit Fahne, Kreuz und Laternen.

Während im Flur die Aussegnung der Leiche vollzogen wurde, erschienen Emmerenz und Gidi unter der Tür des Gesindehauses.

"Du musst es ihm sagen, Gidi," stammelte die Dirne, "jetzt gleich! Es muss ja was g'schehen!"

"Ich kann's ihm jetzt net sagen! Soviel erbarmt er mich! Und es hat ja auch kein' Sinn und kein' Zweck. Aus'm Höllbachgraben gibt's kein' Hilf und Rettung. Da kann ich mir net einmal ein Wunder denken. Denn wann er sich net schon zerschmettert hat an die Felsen, so hat ihn das eisige Wasser erstickt. Und wenn auch was g'schehen sollt wegen der Leich ... der Höllbachgraben hat ja nur ein paar Platzln, wo man zukann, und das is gar kein Denken, dass man grad da was finden sollt von ihm. Wenn's jetzt net geht wie vor zwei Jahr mit demselbigen Holzknecht, den's im Tal herunten bei der Höllbachmühl ans Wehr hing'schwemmt hat, nachher kriegt man vom Ferdl aller Lebtag nix mehr z'sehen. Na, na, es hat kein' Sinn, glaub mir's, Enzi, es is g'scheider, ich sag's ihm erst nach der Totenmess, wann sich die Leut verlaufen haben."

"Wie Du meinst!"

"So viel Elend! So viel Elend auf ein einzigsmal! Aber lass Dir's g'sagt sein, Enzi ... pass auf, der Hanni ihr seltsames Sterben, dem Ferdl sein' traurige G'schicht und noch was, was mir im Kopf umgeht, das hängt mit einander z'samm! Da is was g'schehen, was sich kein Mensch net denkt." Lauschend fuhr Gidi auf. Dumpfe Schläge hallten aus dem Flur des Wohnhauses. "Jetzt nageln s' den Sarg schon zu. Also, Enzi, gelt, red vorderhand nix ... und b'hüt Dich Gott derweil."

Fest und lange schüttelten sie sich die Hände; der Ernst der Stunde hatte die beiden ihres Haders vergessen lassen.

Nun ordnete sich der Leichenzug. Vor dem Sarg ging der Priester, dessen schmerzerfüllten Zügen es anzusehen war, mit wie schwerem Herzen er seines geistlichen Amtes waltete. Hinter dem Sarg wankte Jörg einher, der keinen Blick von der Erde hob. Ihm zur Seite schritt sein weinendes Weib. Den beiden folgte Beverl, deren blasses Gesicht den Leuten zu denken und zu reden gab. Das Mädchen schien in einer Nacht um Jahre gereift. An jeder Hand führte Beverl eines der Kinder, und während das Lisei ein gar betrübtes Gesichtlein zeigte, schien der Knabe seine helle Freude an der großen roten Kerze zu haben, die er als Angehöriger des Trauerhauses zu tragen bekommen hatte. Hinter den Kindern gingen die Dienstboten des Finkenhofes. Dass Baltl nicht unter ihnen war, hatte seien gute Ursache. Aber auch Dori fehlte. Seit der Sarg vom Wagen gehoben worden, hatte man den Burschen nicht mehr im Hof gesehen. In langer Reihe folgten die übrigen Leute, zuerst die Männer, zu denen sich Gidi gesellt hatte, und hinter ihnen die Frauen und Mädchen.

Der Zug erreichte den die Kirche umziehenden Friedhof und das offene Grab.

Mit zitternder, häufig versagender Stimme sprach der Priester die kirchlichen Segnungen. Dann schloss er das Buch, und lange sah er mit nassen Augen auf den Sarg, bevor er die Leichenrede begann. Es waren nicht viele Worte, die er sprach - und die Leute machten gar seltsame Gesichter zu diesen Worten, und nicht wenige meinten, dass die Rede für eine Leiche aus dem reichen Finkenhof zu kurz und nicht andächtig genug ausgefallen wäre.

"Ich brauche der Toten kein Wort des Lobes nachzusprechen in das Grab," so sagte der Priester, nachdem er den Tag der Geburt, das Firmungsjahr und den Todestag der Heim gegangenen genannt hatte, ohne der Art ihres Todes mit einer Silbe zu erwähnen. "Ihr alle habt sie gekannt und habt sie geehrt um ihres seltenen Herzens, um ihres sanften und reinen Wesens willen. Und wäre einer unter Euch, der kein Auge gehabt hätte für Johannas Wert, der mag ihn jetzt erkennen aus dem tiefen Schmerz, in welchem jene ihr Grab umstehen, mit denen sie ein Herz und eine Seele war. Wir mit unserem Menschenherzen möchten sagen: Sie hätte verdient, mit jenen zu leben, die sie liebte, um Glück zu spenden und Glück zu genießen. Doch über uns ist der Herr, und unerforschlich sind die Wege, die er wandelt." Verstummend richtete er die Blicke auf Jörg, als hätte er zu ihm nun sprechen wollen in tröstenden Worten. Aufseufzend aber hob er das Haupt und ließ die feuchten Augen über die Gesichter der Menge gleiten. "Euch allen ist sie gestorben. Denkt nur der leiben freundlichen Worte, die sie zu euch gesprochen, denkt der milden und reichen Gaben, die sie euren Kranken und Bedürftigen gespendet, und denkt alle der vielen Stunden, in denen sie das drinnen zwischen den geheiligten Mauern mit dem lieblich frommen Klang ihrer Stimme Eure Herzen zur Andacht erhob. Und mir, auch mir ist sie gestorben. Was sei mir gewesen ist, mir und meiner seligen Schwester, die da drüben unter der stillen Erde ruht ... wie soll ich es Euch sagen! Wenn das Herz uns bange war von Sorge, wenn die Bürde des Alters schwer und lastend auf unsere schwachen schultern drückte, da war es Johanna ... Johanna ..." Unter ausbrechenden Tränen erstickte seine Stimme. "Und nun ... und nun! ... Mir will ein Lied nicht aus dem Sinn, das ich stets so gerne von ihr hörte, das sie mir zu hundert Malen sang in abendlicher Dämmerstunde:

Es ist ein Frost gefallen
Wohl über den grünen Wald,
Es ist ein Sturm gegangen
Wohl über die blumige Hald.

Ein Blümlein ist gebrochen,
Ein Pflänzlein hold erfror.
Kaum Einer mag es wissen,
Was da die Welt verlor!"

Der Priester schweig und hob die zitternde Hand vor seine Augen. Als er sie wieder sinken ließ, um die letzten Worte zu sprechen, klang seine Stimme so müd und leise, dass kaum die Zunächst stehenden sie verstanden: "Es ist ein Sturm gegangen, ein Blümlein ist gebrochen! Johanna, schlafe den stillen Schlaf, bis der Frühling der Ewigkeit Dich wieder auferweckt zu engelschönem Blühen im Garten des Gottes, der über Dein Leben richten wird, nicht über die Stunde Deines Todes. Er wird Dir gnädig sein, und in Frieden wahre die Erde Dein Gebein bis zum Tag der Auferstehung! Amen!"

Starr und tränenlos hatte Jörg diese Worte mit angehört, doch als die Stricke rasselten und der Sarg nieder glitt in die Grube, schlug er die beiden Fäuste vor die Stirn. "Hanni, Hanni, mein' Hanni, mein' arme Hanni!", schrie er auf und brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Als er die kleine Schaufel ergreifen sollte, um als nächster Anverwandter die erste Scholle auf den Sarg zu werfen, musste ihm die Mariann die Hand führen; und sie zog ihn auch mit sich fort in die Sakristei.

Nun traten alle der Reihe nach, so wie sie der Bahre gefolgt waren, vor das Grab, und jede Hand warf eine Schaufel Erde über den Sarg. Dann verloren sich die Leute in die Kirche, um der Totenmesse beizuwohnen. Nach derselben ging man im Zug dem Bräuhaus zu, wo das Totenmahl bereitet war.

Dort unter der Türe fasste Jörg die Hand seines Weibes. "Gelt, Mariann, bleib Du bei den Leuten und mich lass heimgehen."

"Um Gottes willen, Jörg," stammelte die Bäuerin, "ich bitt Dich, schau, nimm Dich doch grad ein bissl z'samm. Was möchten die Leut denn reden, wann Du net beim Mahl bist!"

"Lass sie reden! Ich muss heim ... ich halt's net aus ... ich muss was erfahren!"

Und ehe Mariann noch antworten konnte, rang er seien Hand aus der ihren und wandte sich eilenden Ganges durch das Gärtchen des Bräuhauses den Wiesen zu.

Er erreichte seinen stillen Hof und wankte in die Stube, die von schwerem Weihrauchduft erfüllt war. Er trat in die Schlafkammer, öffnete eines der Fenster, die nach dem Garten führten, lauschte hinaus und blickte mit starren Augen der Höhe zu. Dann kehrte er wieder in die Stube zurück und sank auf eine Bank. Doch wenige Minuten nur saß er so, dann sprang er zitternd auf. Draußen lenkten flüchtige Tritte um das Haus, die Tür öffnet sich, und Dori erschien auf der Schwelle. Er hatte zum äußeren Zeichen seiner Trauer die lichtgrünen Schnüre seines Hutes mit einem schwarzen Halstuch überbunden. Sein Gesicht war blass vor Erschöpfung.

Jörg war auf ihn zugestürzt und hatte ihn am Arm in die Tiefe der Stube gezogen.

"Red, Dori! Red, ich bitt Dich, red!", stieß er mit heiserer Stimme hervor.

"Ja, Bauer, ja!", keuchte der Bursche, der kaum Atem und Worte fand. "Der fremde ... das hab ich gleich erfahren ... der is in der Nacht noch fort g'ritten. Und die andern zwei ... grad sind s' heim 'kommen ... der Kommandant und der ander ... vom Höllberg her über d'Wiesen ... ganz, ganz allein!"

Ein tiefer Seufzer schwellte die Brust des Bauern. "Unserm Herrgott sei Lob und Dank! Er ist über der Grenz!" Da fiel sein Blick auf die offene Tür und auf den Grafenjäger. Jörg starrte ihn an - und Gidi schlug vor diesem Blick die Augen nieder, schwieg und rührte sich nicht.

"Um aller Heiligen willen," fuhr der Bauer stammelnd auf, "Gidi, Du bringst nix Guts!"

"Na, Finkenbauer, na ... unserm Herrgott muss ich's klagen! Schau, nimm Dich z'samm ... ich weiß ja so net, wie ich Dir's sagen soll. Der Ferdl ... Dein Ferdl ..."

"Na! Na! Du weißt nix anders, als was ich selber weiß! Der Ferdl is über der Grenz ... lang über der Grenz!"

"Ja ... über der Grenz, die zwisch'm Leben liegt und zwischen der Ewigkeit. Im Höllbachgraben liegt er drunt ... und ich hab's mitanschaun müssen ... und 'Jesus Maria! Grüß mein' Jörgenbruder!' ... das war sein' letzte Red."

Weiß quollen dem Bauern die Augen aus den Höhlen, und das Entsetzen verzerrte seine aschfahlen Züge. So stand er eine Weile regungslos; dann tastete er sich zur Bank und sank darauf nieder unter den stöhnenden Worten: "Meine Füß ... o, meine Füß ..."

Dem Dori begannen die Zähne zu klappern, und er brachte die Hand kaum zum Gesicht, um ein Kreuz zu schlagen.

Zögernden Schrittes ging Gidi auf den Bauer zu und rüttelte ihn and er Schulter: "Finkenbauer! Jörg!"

Da kam ein Schauer und ein Zittern über ihn. Er betastete mit den Händen seinen Kopf und seine Brust und lallte mit schwerer Zunge: "Ja ... ja, ich g'spür mich noch! Und er! Er! Aus und gar is mit ihm! Und ich kann's wissen und leb noch und kann noch reden davon! Er und die Hanni bei'nander, und ich bin noch übrig! Wo bleibt denn unser Lieb, die nimmer voneinander lasst! Unser Lieb! Unser Lieb!" Immer und immer wieder stöhnte er dieses Eine Wort vor sich hin; die Tränen stürzten ihm aus den Augen, und schluchzend warf er die Arme über den Tisch. Dann wieder sprang er auf, und in wilder Hast sprudelten ihm die Worte von den Lippen: "Ich bin einer! Ich bin einer! Da kann ich sitzen und kann reden ... reden ... und - - Jesus, und kein Mensch daheim? Wo sind denn Leut? Wo sind denn Leut?"

Er wollte der Tür zustürzen; aber Gidi hielt ihn am Arm fest. "Sorg Dich net, Jörg, wir brauchen keine Leut! Du und der Dori und ich, wir drei sind g'nug! Und droben im Höllbergschlag, da arbeiten sieben oder acht Holzknecht. Die haben alles, was wir brauchen, Strick und Hacken und Beiler, alles!"

"Ja, ja! Kommts nur grad, kommts, kommts ... jede Minuten is eine Sünd, eine Sünd!", stotterte Jörg und eilte den beiden andern voraus in den Hof.

Sie schlugen den nächsten Weg durch den Garten ein, Jörg immer voran um ein Dutzend Schritte.

"Du, da schau," flüsterte Dori unter Zähren dem Jäger zu, als sie an einem frisch aufgeworfenen Erdhügel vorüber kamen, "da hab ich unsern Hassl ein'graben, den armen Tropf! Den hat der ander Schandarm erschlagen, heut in der Nacht."

Dann sprachen sie kein Wort mehr, bis sie das Gehölz erreichten. Da fragte der Bursche: "Gidi, sag, an welchem Platzl is' denn g'wesen?"

"Droben bei der hohen Platten."

"O mein, o mein ... b'hüt Dich Gott, Ferdl! Da is' aus!", stammelte Dori. Wieder schlug er ein Kreuz, und raunend und schluchzend begann er ein Gebet für die arme Seele.

Auf dem Höllbergschlage fanden sie die Holzknechte, die bei der ersten Kunde von dem Unglück ihre Arbeit ruhen ließen. Der eine und der andere dieser Männer hatte wohl ein Wort über die Nutzlosigkeit aller Rettungsversuche auf der Zunge. Doch als sie dem Finkenbauer in das Gesicht sahen, schwiegen sie und eitlen willig mit ihm der Höhe zu.

Als sie die hohe Platte erreichten, wurde einer der Holzknechte an langem Seil in die Schlucht niedergelassen; aber er musste wieder emporgezogen werden, noch eh' er zur Wassertiefe hatte gelangen können. Auf weite Strecke war der Weg zum Grund durch zwei schief übereinander greifende Felsgefüge versperrt.

"Eine Lucken is schon da, dass einer durchkönnt und leicht auch noch ... natürlich, da muss's ihn auch durch g'rissen haben, den armen Teufel," berichtete der Mann, wobei er aus Mitleid für den Finkenbauer verschweig, dass er auf einer steil abfallenden Platte reichliche Blutspuren gefunden. "'s Kurasch is g'wiss net z'wenig bei mir ... aber da wenn sich einer durchlasst, dem wär 's Hinsein zuprotokolliert. Halten kannst Dich ja nienderst net, so glatt und hail is alles da drunten. Da hängst nachher mit die'm ganzen G'wicht am Seil ... und da dürft ein Seil von Eisen sein ... wenn's zweimal um's Eck rum muss ... die kantigen Steiner haben ja eine Schneid wie ein Messer ... da kostet's grad ein Ruckerl, nachher liegst drunten und hast ausg'schnauft! Und g'holfen is auch nix. Aber wenn ich raten möcht ... probieren wir's ein bissl weiter unten, wo die Klamm den Kessel macht ... 'leicht dass man von unten auf zukönnt?"

Alle, auch Jörg, wussten, dass der Mann sein Möglichstes getan hatte, und alle sahen ein, dass sein Rat der beste war.

Schweigend eilten sie am Rand der Schlucht jenem Kessel zu. Dort trafen sie schon mit Leuten zusammen, die aus dem Dorf kamen, in welchem sich die Nachricht von dem Unglück auf die vom Kommandanten beim Bürgermeister erstattete Anzeige hin rasch verbreitet hatte. Von den Finkenhofleuten kam als erste die Emmerenz. Wortlos reichte sie dem Bauer die Hand, dann streifte sie die Ärmel auf und stellt sich zu den Holzknechten an das Seil. Während sie da hielt und zog, dass ihr vor Anstrengung die Schläfenadern schwollen, schien sie gar nicht zu beachten, dass es Gidis Hände waren, welche hart neben den ihr eigen das Seil umklammerten.

Es kam die Finkenbäuerin, die sich schluchzend an den Hals ihres Mann hing - und Beverl kam, bleich, zitternd und atemlos.

Da waren nun hundert Arme zur Hilfe bereit. Doch war außer Jörg unter allen nicht einer, der unter dieser "Hilfe" etwas anderes verstand, als den Versuch, die Leiche des Zerschmetterten zu finden.

Als es zu dämmern begann, schickte Jörg die Weiberleute nach Hause. Emmerenz führte die Bäuerin, die kaum auf den Füßen zu stehen vermochte. Beverl aber schien die Anordnung des Bauern überhört zu haben; ganz in sich zusammengekauert saß sie auf einem Stein; und als sie von Jörg gemahnt wurde: "Beverl, geh heim ... schau, die Mariann is schon fort!" - Da schluchzte sie auf: "Jörgenvetter, Jörgenvetter, lass mich bleiben!" Und so bleib sie.

Die sinkende Dunkelheit unterbrach die traurige Arbeit nicht. Sie wurde beim schein lodernder Kienfackeln fortgesetzt. Auf allen Vorsprüngen der Schluchtwände wurde dürres Holz gesammelt und entzündet, so dass die hoch aufschlagende Flamme den tiefen Abgrund mit grellroter Helle erfüllte.

Der Versuch, die Absturzstelle unter der hohen Platte von jenem Kessel aus zu erreichen, war missglückt. Mit wilder Brandung sperrte das aus der Mündung des Höhlenganges stürzende Wasser den Weg. Man schob an langen Stangen brennende Fackeln in die Höhlung; aber so weit der Fackelschein reichte, gewahrte man nur die kahlen, glatt gewaschenen Wände und zwischen ihnen die schwarz und rasend einher schießende Flut. Man warf von der hohen Platte lohende Scheite in den Abgrund, und immer nach wenigen Sekunden schon kamen die erloschenen Stümpe im Wirbel des Kessels zum Vorschein. Da schien es keine denkbare Möglichkeit, dass die Leiche im Höhlengang festgehalten wurde. Das Wasser musste sie längst den tiefer liegenden Kesseln zugeschwemmt haben.

Man eilte von Gefäll zu Gefäll, von Kessel zu Kessel. Überall, wo ein Niederstieg oder eine Einseilung möglich war, wurde das Wasser mit Stangen und Hacken durchwühlt, jede Wandecke und Felsrinne mit unermüdlichen Augen durchforscht. An Stellen, an denen keiner der Holzknechte, nicht einmal Gidi mehr den Weg in die Tiefe wagte, ließ immer noch Dori sich an das Seil knüpfen und in den Abgrund senken. Wohl stand er immer bleich und zitternd am Rand der Schlucht, wenn er sein Stoßgebetlein sprach, bevor er den grausen Weg begann - doch stets auch warf er einen Blick auf Beverls blasse, verstörte Züge und schwang sich dann mit einem mutigen Lächeln hinaus über den Fels. Wenn er wieder empor tauchte aus der Tiefe und statt aller Worte nur den Kopf schüttelte, dann musste man den Finkenbauer mit Gewalt zurückhalten, damit der schwere, erschöpfte Mann nicht selbst von neuem begänne, was Dori vergebens unternommen hatte.

Die Nacht entschwand, der Morgen kam mit Glühen und Leuchten, und noch immer war keine Spur des Verunglückten gefunden.

Gegen Mittag erreichte man den Kessel des Letzten Gefälles, mit welchem der Höllbach den Bergwald verlässt, um hundert Schritte tiefer im Tal mit seiner klaren, gezähmten Flut das fleißig klappernde Werk der Höllbachmühle zu treiben.

Vergebens wurde auch dieser letzte Kessel bis auf den Grund durchwühlt.

Alle, alle hatten gewusst, dass es so kommen würde. Jörg allein hatte es nicht glauben wollen - und er kannte den Höllbach doch eben so genau wie die andern. Vier Menschen hatte das unheimliche Wasser während der letzten zwanzig Jahre verschlungen. Nach jedem hatte man gesucht wie jetzt nach dem Ferdl - nach jedem gleich vergebens. Nur einen von den vieren, einen Holzknecht, hatte die Strömung lange Wochen nach dem Unglückstag an das Wehr der Höllbachmühle geschwemmt, beinahe zur Unkenntlichkeit verstümmelt und grauenvoll zerrissen.

Als die Leute bei der Höllbachmühle auseinander gingen, drückte Jörg einem jedem die Hand. Die Holzknechte bestellte er auf den Abend in den Finkenhof. Zu Gidi sagte er mit müder, gebrochener Stimme: "Wir reden noch, Gidi ... wir reden noch drüber."

Nun war er allein mit Beverl und Dori. Wortlos winkte er den beiden zu, dass sie nach Hause gehen möchten. Sie wollten widersprechen, aber der Blick, der sie aus seinen Augen traf, verschloss ihnen die Lippen; zögernd gingen sie über die Wiese der Straße zu; immer wieder blieben sie stehen und schauten zurück. Sie sahen, wie Jörg beim Mühlwehr sich auf das Ufer niederließ, die Arme auf die Knie stützte und regungslos hineinstarrte in die strömende Flut.

Als sie mit dieser Nachricht nach Hause kamen, eilte die Mariann zum Tor hinaus. Spät am Abend erst kehrte sie mit dem Bauer zurück.

Reichlich beschenkte Jörg die Holzknechte, die seiner warteten. Dann ging er in das Gesindehaus, wo er die ganze Stube von Menschen erfüllt fand. Alle Nachbarsleute hatten sich eingefunden, um den "Dreiß'ger" für die Hanni und den Ferdl mitzubeten. Es wurde der Sitte gemäß Brot, Bier und Branntwein gereicht. Schweigend aßen und tranken die Leute. Dann begannen sie die Totenlitanei für die Hanni. Jörg kniete bei der Tür vor einem Stuhl. Wortlos bewegten sich seine Lippen, wenn die anderen auf die Absätze der Litanei das "Herr gib ihr die ewige Ruh!", erwiderten. Als sie für den Ferdl zu beten begannen, brach er in lautes Weinen aus und wankte zur Türe.

Drüben in der Wohnstube setzte er sich hinter den Ofen, nahm die beiden Kinder auf den Schoß, drückte sie mit zitternden Armen an seine Brust, als fürchte er dass jede kommende Minute sie ihm entreißen könnte - und so saß er bis tief in die Nacht. Gegen Mitternacht erst erhob er sich, um die Kinder, die längst schon auf seinem Schoß eingeschlafen waren, zu Bett zu tragen. Dabei erwachte das Lieslein; als es aber den Vater ansah, wagte es kein Wort zu sagen. Bis zum Morgen lag das Kind mit offenen Augen in den Kissen und hörte bis zum Morgen in der Schlafstube der Eltern den Vater und die Mutter leise miteinander reden.

Als Beverl in der Frühe die Kammer betrat, fragte das Liesei:

"Gelt, Beverl, gelt, Du hast g'sagt, der Edelweißkönig is ein guter Geist?"

"Ja, Liesei, ja, ein ganz ein guter!"

"Net wahr is, Beverl, net wahr is! Sonst hätt er den Ferdl net neinfallen lassen in den tiefen, tiefen Graben! Oder er hätt ihn wieder nauftragen in d' Höh, dass ihm gar nix g'schehen wär, und dass mein liebs, arms Vaterl jetzt net so traurig sein müsst!"

Unter Tränen erstickten die Worte des Kindes. Über Beverls blasse Züge flog ein Zittern, und sie drückte die flachen Hände vor die Stirn, während das Liesei weinend plauderte:

"Gelt, Beverl ... und Du hast ihn gar net 'kennt, den Ferdl! Du! Den hättst fein gern haben müssen! Der hätt Dir fein g'fallen ... so gut is er allweil g'wesen mit uns. Jeds Mal hat er uns was mit'bracht, so oft er 'kommen is ... und allweil hat er g'häuselt mit uns ... und mir hat er schöne Docken g'schnitzelt und dem Pepperl Rösser und Knecht. Aber Du, Beverl, sag ... weswegen is denn jetzt der Ferdl net gleich daher 'kommen zu uns? Weswegen hat er denn ..."

Das Kind verstummte. Jörg war unter der Tür erschienen, zum Ausgang gekleidet, den Hut auf dem Kopf. Mit irrem Lächeln winkte er dem Liesei einen Gruß zu und streifte mit trüben Blicken das Bettchen, darin sein Knabe noch in tiefem Schlaf lag, mit offenem Mäulchen schnarchend.

Jörg wandte sich in die Stube zurück und verließ das Haus. Alle, die ihm nachsahen, wussten, wohin er ging. Er schlug den Weg zur Höllbachmühle ein.

Draußen auf der Wiese kam ihm der Müller schon entgegen. "Da schau her, Finkenbauer, was ich g'funden hab, draußen am Wehr, heut in aller Fruh," sagte er und hielt dem Bauer eine nasse, zerrissene Soldatenmütze hin.

Mit beiden Händen griff Jörg danach, und lange stand er, mit zuckenden, herb geschlossenen Lieben, und starrte auf das blaue Tuch. Dann ging er dem Kessel zu, den der letzte Fall des Höllbachs bildet. Dort stand er wohl eine Stunde und stierte vorgebeugten Leibes in das Wasser, durch dessen kristallene Klarheit der kiesige Grund empor schimmerte. Tief seufzend richtete er sich endlich auf und schritt am Ufer des Baches dem Wehr entgegen, vor welchem er sich auf den gleichen Felsblock niederließ, auf dem er am verwichenen Tag bis spät in den Abend gesessen.

Keinen Blick wandte er von der Flut, die mit Murmeln und Gurgeln das Wehr durchströmte, Schaum, Blätter und Reisig aufstauend vor den Stäben des hölzernen Gitters.

Gegen Mittag kam die Mariann mit dem Pfarrer. Herzlich und eindringlich redeten ihm die beiden zu, dass er nach Hause gehen möchte; aber auf all ihre Mahnungen hatte Jörg nur das eine Wort: "Lassts mich sitzen ... lassts mich sitzen!"

Sie blieben bei ihm, bis die Sonne aus rot überglühten Wolken hinsank über den Grat der Berge.

Wortlos wanderte Jörg zwischen seinem Weib und dem Pfarrer dem Dorf zu. Als sie den Finkenhof erreichten, sagte er: "B'hüt Gott derweil ... ich hab noch ein' Gang."

Die beiden wollten ihn zurückhalten, er aber schüttelte den Kopf, wand seinen Arm aus den Händen seines Weibes und eilte davon. Hinter den Häusern des Dorfes stieg er über Wiesenwege den Schlossberg empor. Als er die Parkmauer erreichte, stand er lange und starrte das Tor an, als widerstrebte es ihm, die steinerne Schwelle zu betreten. Ein Schauer rüttelte seine Schultern, als er endlich zögernden Fußes das Tor durchschritt. Er ging an der Mauer entlang dem Jägerhäuschen zu. Bellend fuhr der Hund ihn an, und aus der Stube hörte er Gidis Stimme; der Jäger sprach in raschen, erregten Worten.

Jörg betrat den Flur und sah die Stubentür offen. Gidi und die alte Wirtschafterin des Schlosses standen vor ihm und blickten mit scheu verwunderten Augen den Bauer an. Mit ängstlicher Hast suchte das Weib einen Brief, den es in Händen hielt, in der Tasche zu bergen und huschte, als Jörg die Stube betrat, an ihm vorüber aus dem Haus.

"Finkenbauer ... was willst von mir?", fragte Gidi mit stammelnden Worten.

Jörg ging zum Tisch, und schwer sank er auf die Holzbank nieder, während er den Hut vom Kopf nahm.

"Gidi! Erzähl! Alles ... und g'nau!"

Der Jäger schien diese Worte nicht zu hören. Er stand und starrte mit weit offenen Augen den entblößten Kopf des Bauern an.

"Finkenbauer ... o mein lieber Herrgott ... wie schaust denn aus! Grau bist worden ... über und über grau! Wie kann denn so was g'schehen ... in einer einzigen Nacht?"

"So? So?", murmelte Jörg und strich die zitternden Hände über das Haar. "Ah ja, alles, alles kann g'schehen, wann unser Herrgott schlafen geht, statt dass er aufpasst auf sein' Welt und seine G'schöpfer." Mit traurigem Lächeln betrachtete er die Innenfläche seiner Hände, wie um zu sehen, ob nicht an ihnen das frische Grau seiner Haare sich abgefärbt hätte. "Aber jetzt erzähl ... erzähl, Gidi!"

Und der Jäger begann zu erzählen, die ganze ausführliche Geschichte jenes traurigen Morgens, bis er mit den Worten schloss: "Und wie's ihn nieder g'rissen hat über's G'steinet, da hat er die Arm aufg'schlagen und hat gradaus g'schrien: Jesus Maria ... grüß mein' Jörgenbruder!"

Mit keiner Silbe hatte Jörg die Erzählung des Jägers unterbrochen. Das Haupt zwischen die Schultern versenkt, die zitternden Fäuste auf die Knie gestützt, hatte er gesessen und mit brennenden Augen unablässig auf die Lippen des Jägers geblickt. Nun aber fuhr er schluchzend auf: "Sag's noch einmal ... sag's noch einmal!"

"Jesus Maria ... grüß mein' Jörgenbruder!"

"Grüß ... mein' Jörgenbruder!", wiederholte der Bauer in stammelnden Worten: "Ich bin sein letztes Denken g'wesen und mir hat sein' letzte Red noch 'golten! Ja, ja! Der hat mich mögen! Der! Und weil er Ehr im Leib g'habt hat und Lieb im Herzen, drum muss er jetzt drunten liegen, wo kein Sonnlicht nimmer nunter steigt. G'rechtigkeit ... ah ja ... G'rechtigkeit ..." In unverständlichem Gemurmel verlor sich seine Stimme. Dann erlosch er sich mühsam, griff nach seinem Hut, und wieder rannte er vor sich hin: "Grüß ... mein' Jörgenbruder! Ja, Ferdl, ja! Den Gruß will ich Dir danken ... in meiner Sterbstund noch!" Nun reichte er dem Jäger die Hand. "Gelt, Gidi, musst net harb sein, dass ich schon wieder geh, komm dass ich ghört hab, was ich hören hab wollen. Aber weißt ...", eine wilde Bitterkeit quoll aus dem Klang seiner Stimme, "mich leid's net recht, da wo ich steh ... es is ja Grafengrund! Grafengrund!"

"Wird auch net schlechter sein wie Bauernboden!"

"Ja, ja, hast recht, der Boden is der gleiche! Grad unter denen, weißt, die er tragt, is diemal einer anders wie der ander! Aber reden wir nix ... reden wir nix!" Und wieder schüttelte Jörg dem Jäger die hand. "Dir, Gidi, Dir sag ich kein Vergeltsgott net ... wo die Lieb was tut, da will s' kein' Dank dafür ... ich weiß ja, dass Du ihn gern g'habt hast."

"Ja, Finkenbauer, gern, von herzen gern! Aber ... aber raussagen muss ich's ... mein' Lieb' hängt an ei'm andern auch, der jetzt im Sterben liegt, drin in der Münchnerstadt. Du weißt schon, wen ich mein'! Du weißt es schon!"

"Nix weiß ich ... nix ... gar nix!", flog es in zitternder Hast von den Lippen des Bauern.

"So musst net reden, Finkenbauer," erwiderte Gidi mit fliegenden Worten. "Du musst der erste g'wesen sein im Ort, der's g'hört hat ... g'hört von dem, der schuld is dran! Na! Na! Gar net sagen kann ich Dir's, wie mir's z'Mut war, jetzt grad, wo die Schlosshauserin dag'wesen is mit dem Brief vom alten Eustach. Mein armer, lieber, junger Graf ... und Du gütiger Herrgott ... die arme Frau Gräfin! Na! Na! Sag nur grad, Finkenbauer, wie hat dem Ferdl so was zustehen können, dass er so was tut!"

"Gidi, Gidi," stöhnte Jörg, "der Ferdl is drüben, wo kein' mehr fragen kannst und keiner Red mehr steht. Und über ein' Toten sollst net reden ..."

"Alle, alle sagen's drin im Grafenhaus ... es kann kein andrer g'wesen sein als der Ferdl. Wie er 'rein is ins Haus, hat freilich keiner g'sehen. Aber alle haben's g'sehen, wie er naus is, kreidenblass und ganz verzweifelt, wie wenn der ledige Stan her wär hinter ihm! Und droben haben s' den jungen Grafen g'funden, unter der Tür, von Blut übergossen, mit ei'm Säbelhieb gradaus über d' Stirn. Der Ferdl hat ihn erschlagen, Finkenbauer ... Dein Bruder ... Dein Bruder!"

Totenstille herrscht ein dem Gemach. Aug in Auge standen sich die beiden gegenüber. Die Faust auf die Tischplatte stützend, richtete Jörg sich hoch empor, und eine steinerne Starre lag über seinem Gesicht, während von seinen farblosen Lippen rau und heiser die Worte brachen: "Und wenn's so wär - - weißt Du denn auch, ob ihm net recht g'schehen is, die'm Grafen!"

"Recht?", fuhr Gidi auf. "Was könnt mein junger Graf dem Ferdl an'tan haben! Freilich, ich weiß schon ... und wenn ich mir auch sonst noch denk, was man sich denken muss, wenn man alles anschaut, was g'schehen is ... aber was der Ferdl sich auch ein'bildt haben mag - - mir, Finkenbauer, mir kannst es glauben: Was keiner g'sehen hat, hab ich mit meine Jageraugen g'merkt. Stund um Stund im letzen Sommer war ich mit mei'm Grafen, wann's ihn allweil fort 'trieben hat aus'm Schloss, und wann's ihn wieder runter 'zogen hat, kaum dass er droben war mit mir auf unsere Berg. Mir kannst es glauben: Wenn einer is, dem der Hanni ihr traurigs Sterben z'tiefst zum Herzen 'gangen is, so war's mein junger Graf. Und wie's jetzt allweil zu'gangen sein mag mit der Hanni - - da schau her, Finkenbauer, da leg ich mein' Hand auf'n Tisch, und weghacken las ich mir s', wurzweg vom Arm, wenn mein junger Graf was Übls hat verüben können."

Vorgereckten Halses stand der Bauer und starrte mit düster funkelnden Blicken in das vor Erregung glühende Gesicht des Jägers. Seine Lippen bewegten sich, als wollte er sprechen. Nun aber schüttelte er den Kopf, und in sich versinkend, drückte er den Hut über das ergraute Haar. "Gidi, Gidi," stieß er in einem Ton hervor, der warnend klang und drohend zugleich, "Dein' Hand musst net verschwören! Zieh Dein' Hand z'ruck, denn es wär mir leid drum, wenn ich reden möcht!" Und ohne dem Jäger einen Gruß zu bieten, schritt er der Türe zu.

Aufseufzend trat er hinaus unter die rauschenden Bäume und eilte zum Tor, als wäre die Erde, die sein Fuß berührte, Feuer unter seinen Sohlen.

Tiefe Dämmerung lag schon über dem Dorf, als er den Finkenhof erreichte. Aus dem Gesindehaus klang das eintönige Murmeln der Betenden. Jörg beschleunigte seine Schritte. Als er die Eh'haltenstube betrat, nickte er einigen von den Leuten, die sich nach ihm umblickten, grüßend zu und ließ sich neben seinem Weib auf die Knie nieder. So verharrte er bis zum Schluss der Gebete, welche für die beiden Toten gesprochen wurden. Während sich die Leute zum üblichen "G'sturitrunk" in die Bänke schoben, ging er hastigen Schrittes der Türe zu. Draußen im Hof holte ihn die Mariann ein, fasste seine Hand, und so betraten sie das Wohnhaus und die Stube, in welcher die Lampe brannte. Eine Weile später kam Enzi und deckte den Tisch. Als Jörg und Mariann sich niederließen, erschien Beverl unter der Kammertür.

"Schlafen s' schon?", fragte die Bäuerin.

Das Mädchen nickte nur. Mit leiser Stimme sprach sie das Tischgebet und rückte in den Herrgottswinkel. Manchmal während des Essens hob sie ihr blasses Gesichtchen und streifte mit Scheune, traurigen blicken das Gesicht des Jörgenvetters, der an jedem Bissen würgte, immer wieder den Löffel fallen ließ und unter lauten Atemzügen das Gesicht in die aufgestützten Hände drückte.

Als der Tisch geräumt und das Dankgebet gesprochen war, entzündete Beverl ein Kerzenlicht und verließ mit einem schüchternen "Gut Nacht" die Stube. Eine Weile machte sich die Bäuerin mit allerlei zu schaffen, dann trat sie vor den Bauer hin, der regungslos noch immer auf seinem Platz saß.

"Jörg ... ich leg mich schlafen."

Er nickte nur.

"Gelt, Jörg ... bleibst auch nimmer z'lang! Schau, musst doch ein bissl an Dich selber denken ... und an Deine Kinder."

Wieder nickte er wortlos vor sich hin. Schweigend blieb Mariann vor ihm stehen, dann strich sie ihm langsam die zitternde Hand über das ergraute Haar, und zwei Zähren rollten ihr über die Wangen. Hastig wandte sie sich ab, und die Schürze vor die Augen drückend ging sie der dunklen Kammer zu. Lange saß sie im Finstern auf dem Rand ihres Bettes, ehe sie sich zu entkleiden begann. Als sie in den Kissen lag, vernahm sie aus der Stube nur das träge Ticken der Wanduhr und von Viertelstunde zu Viertelstunde ihren rasselnden Schlag.

"Jörg!", rief sie einmal mit leisem Mahnen, ohne eine Antwort zu erhalten.

Sie hörte noch, wie die Uhr die elfte Stunde ausschlug, dann überkam die Erschlaffung des beginnenden Schlummers ihren Leib.

Plötzlich fuhr sie auf. Sie wusste, dass sie geschlafen hatte. Aber das Geräusch, von dem sie erweckt worden war, klang ihr noch in den Ohren nach. Das war ein Klirren gewesen, als hätte draußen im Hof jemand an eines der Stubenfenster gepocht.

Jetzt wiederholte sich das Klirren, und im gleichen Augenblick hörte Mariann, wie der Bauer aufsprang vom Tisch mit ersticktem Schrei, mit stammelnden Worten: "Heiliger Herrgott ... alle guten Geister loben ..."

Da erloschen seine Worte in einem gurgelnden Laut, aus dem nicht Angst und Schrecken klangen, sondern jäher Jubel und jauchzende Freude.

Mariann hörte seine Schritte im Flur verhallen, hörte, wie der Riegel der Haustür zurückgestoßen wurde - dann herrschte lautlose Stille.

Mit zitternder Hast erhob sie sich und stürzte notdürftig gekleidet in die Stube. Die Tür stand vor ihr offen. Sie eilte in den Flur und über die Schwelle. Nun verharrte sie und rief den Namen ihres Mannes mit bebender Stimme hinaus in die Nacht. Da hörte sie zu ihrer Linken ein schwaches Geräusch und gewahrte unter den nahen Bäumen eine Gestalt. Deutlich unterschied sie bei dem aus dem Fenster fallenden Lichtschein das blasse Gesicht und die weißen Hemdärmel des Bauern. Sie wollte sich ihm nähern - er aber winkte ihr mit erhobenen Armen hastig zu, dass sie bleiben, dass sie zurückgehen möchte, und verschwand um die dunkle Ecke des Hauses.

An der Wand sich hintastend, kehrte Mariann in die Stube zurück und ließ sich vor dem Tisch auf die Holzbank nieder, die zitternden Hände im Schoss faltend.

Sie harrte und harrte. Eine Stunde verstrich, dann hörte sie draußen auf der Grät das sachte Knirschen vorsichtiger Tritte. Das musste der Bauer sein - Mariann erkannte den Schritt ihres Mannes. Nun trat er in den Flur, schloss die Haustür, schob den Riegel vor - und jetzt erschien er in der Stube.

Seine Brust arbeitete, sein Atem flog, eine dunkle Röte brannte auf seinen Wangen, welche nass waren von Tränen, seine Lippen zitterten wie zwischen Lachen und Weinen, und Weh und Freude sprachen zugleich aus den flackernden Blicken seiner weit geöffneten Augen.

Mariann sprang auf und schlug die Hände ineinander. "Um Christi Willen, Jörg, was hast! Was is denn g'schehen?"

Da begann er mit den Armen zu fuchteln und wankte zum Tisch. "Mariann," brach es ihm in halb erstickten Worten von den Lippen, "es gibt noch ein' Gott, Mariann ... es gibt noch ein' Herrgott ... es gibt noch ein'!"

"Jörg! Ja wie is mir denn ... so sag nur grad ...", schluchzte das Weib und streckte die Arme.

Er aber wehrte sie von sich - in helles Weinen ausbrechend, stürzte er vor dem Tisch auf die Knie, schlang die Hände ineinander, starrte mit brennenden Augen empor zum Kruzifix und fing zu beten an, laut und hastig, mit einer Stimme, welche bebte und zitterte vor trunkener Freude.

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