Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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         Edelweißkönig
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Kapitel 5

Still und finster lag noch die Nacht über dem Dorf; nur einzelne Bergspitzen hoben sich mit mattem, fahlem Schimmer aus dem alles umhegenden Dunkel. Auf jenen Höhen ruhte noch der Blick des Mondes, dessen Scheibe dem Tal schon hinter dem waldigen Grat der Höllenleite entschwunden war.

Mit sachtem Rauschen zog ein kühler Wind hernieder über die finsteren Gehänge, spielte um die Erker und Türmchen des Schlosses, machte die Wetterfahnen knarren und singen, plauderte durch die kärglich belaubten Bäume des talwärts zeihenden Parks und fuhr mit fauchenden Stößen durch die offene Tür des Jägerhauses, dass in der Küche die Herdflamme hoch emporloderte und die im Feuer hängende Pfanne mit glimmenden Kohlenstäubchen übersprühte.

Plötzlich hob er den Kopf und spannte die Nasenflügel. Er hatte den leichten Brandgeruch wahrgenommen, der aus der Pfanne stieg. Hastig stocherte er mit dem Löffel den brodelnden Schmarren durcheinander und brummte: "Auweh zwick, jetzt hätt's Dich schiergar ein bissl an'packt."

Die Speise war gar. Gidi stellte die dampfende Pfanne vor sich hin auf ein schon bereitliegendes, rußiges Brettchen, holte aus der Schublade eines weißen Schrankes einen Löffel herbei und begann zu essen, langsam und bedächtig. Manchmal, wenn er ein etwas zu heißes Bröckchen erwischt haben mochte, schnackelte er mit der Zunge und öffnete unter lautem Hauchen weit den Mund. Als er den Inhalt der Pfanne zur Hälfte verzehrt hatte, goss er kaltes Wasser über den Rest, bröckelte ein tüchtiges Stück Brot dazu und stellte die Pfanne dem schwarzen, hochstämmigen Schweißhund vor, der auf einen kurzen Pfiff des Jägers in hurtigen Sätzen durch den Flur herbei gesprungen kam. Während der Hund sein Schlappern und Schlingen begann, trat Gidi in die Stube. Da stand ein flackerndes Kerzenlicht auf dem eisernen Ofen. Der Tisch, die Bänke und Stühle, das mit braunem Leder überzogene Sofa, wie auch der Schrank und die Kommode waren aus rötlichem, glatt poliertem Lärchenholz gefertigt. Die Wände starrten von schwarzen Gamskrucken und zackigen Hirsch- und Rehgeweihen, die ihren zitternden Schatten über den schneeweißen Kalkgrund warfen. Das größte der Hirschgeweihe hing quer über dem Tischwinkel und trug auf seiner bleichen Schale ein kleines Kruzifix. Die ganze Wandseite zwischen Tür und Ofen nahm ein breites, schweres Zapfenbrett ein, an welchem Gidis Jagdgeräte hingen: Die drei Gewehre, der Hirschfänger, die beiden Rucksäcke, das Fernrohr, die Schneereife und Steigeisen.

Wohin man auch blicken mochte, nirgends war ein Stäubchen, nirgends ein Fleckchen zu gewahren, überall peinliche Ordnung und Sauberkeit.

Gidi schritt durch die Stube in die anstoßende Kammer, um das Bett zurecht zu machen und mit dem weißen Tuch zu überdecken, das sorgfältig gefaltet auf einem Stuhl lag. Außer einem Schrank bildeten Stuhl und Bett die ganze Einrichtung der Kammer. Gidis Waschtisch war der Brunnen, der draußen vor dem Haus plätscherte. Dafür aber zeigte sich an der Wand die darstellende Kunst durch einen fürchterlichen Farbendruck vertreten; und doch hatte dieses Bild einen hohen Wert, für die beiden Augen wenigstens, die es so gerne betrachteten. Es hieß "des Jägers Leichenzug". Vier Hirsche trugen auf ihren Geweihen den offenen Sarg, darin der tote Jäger in grasgrüner Uniform auf Tannenreis und Eichenlaub gebettet lag. Ein Hase in weißem Röcklein trug das kreuz voran. Zwei Kaninchen folgten als Kerzenträger, vier Maulwürfe mit winzigen Spaten als Totengräber. Als Pfarrer in schleppendem Talar fungierte der Dachs, dem die kugelrunden Tränen der Rührung über die dachswürdig fetten Wangen rannen. Hinter dem Sarg trollte als erster Leidtragender des Jägers Hund, die Nase traurig gesenkt. Ihm folgte, auf der Erde und in den Lüften, alles gefiederte und behaarte Getier des Waldes mit Zeichen und Meinen des tiefsten Schmerzes. Nur der Fuchs, der Marder und der Iltis bildeten in diesem Trauergefolge eine rechte Pharisäergruppe und schielten mit scheinheiligen Augen zu dem Fähnlein empor, das, von einem Rehkitzlein getragen, die Inschrift ersehen ließ:

"Den ihr da liegen secht,
Das war kein Schindersknecht,
Das war ein guter Jäger,
Darumb ein guter Heger,
O dass ein solcher wiederkommen möcht!"

Ein kunstvoll geschnitzter Rahmen umzog das Bild, dem in einer Ecke des schmalen, weißen Papierrandes die Worte aufgeschrieben waren: "Ferdinand Fink z.f.E. s/l Egidius Eberl."

"Jeh, jetzt heißt's aber tummeln!", murmelte Gidi, als die Turmuhr mit brummendem Schlag die zweite Morgenstunde verkündete.

Er eilte in die Küche, spülte die Pfanne und häuselte die Asche über die verglimmenden Kohlen. Dann kehrte er in die Stube zurück, nahm Fernrohr, Rucksack und Büchse und griff nach dem Hut.

"Du wirst Dich aber schneiden, meine Lieber," sprach er, als er aus einer Ecke des Flurs den Bergstock herbeiholte, den Hund an, der ihn mit freudigem Gewinsel umsprang. "Heut is nix, heut heißt's daheim bleiben, ich kann Dich net brauchen!"

Der Hund musste diese Worte wohl verstanden haben. Demütig zog er die Rute ein und senkte traurig die Schnauze. Gidi öffnete eine Tür, die der Stube gegenüber in ein leeres Zimmer führte, und breitete hier in einer Ecke einen alten Wettermantel über die Dielen. "So, da legst Dich schön nieder und tust mir ordentlich haushalten, verstehst mich! B'hüt Dich Gott!"

Der Hund schlich auf den Mantel zu, bestieg ihn mit vorsichtigen Füßen, drehte sich schnüffelnd ein paar Mal im Kreis und legte sich nieder.

Gidi kehrte in den Flur zurück, sperrte alle Türen ab und trat hinaus in die stille Nacht. Er warf einen Blick auf den sternhellen Himmel, hob die Hand, um den Wind zu prüfen, und nickte befriedigt vor sich hin.

Rasch ging er die Parkmauer entlang, an welche das Jägerhäuschen angebaut war, trat durch das breit in die Mauer gesprengte Tor auf die Straße und wanderte rüstigen Schrittes durch das schlummernde Dorf.

Still und dunkel lagen die Häuser, nur am Wohnhaus des Finkenhofes sah Gidi hellen Lichtschein durch die herzförmigen Ausschnitte der Fensterläden dringen.

Er fragte sich, was wohl die Leute da drinnen so früh schon aus den Federn getrieben haben könnte. Er wusste noch nicht, wem am verwichenen Abend die Totenglocke geläutet hatte.

Lange hingen seine Blicke an dem dunklen Gesindehaus, und besonders lange an dem kleinen, eng vergitterten Fenster des oberen Stockes.

"Ah ja!", seufzte er endlich und wandte sich wieder der Straße zu, die er bald verließ, um dem über die stielen Weisen der Höhe des Bründlkopfs zuführenden Steig zu folgen.

Mit eilenden Schritten suchte er die vor dem Finkenhof versäumten Minuten einzuholen. Als er das Gehölz erreichte, wurde sein Gang wieder sachter und beinahe lautlos sein Schritt. Er lüftete die Joppe und öffnete das Hemd. In langen, ruhigen Zügen ging sein Atem, während er zwischen Büschen und bäumen den finsteren Weg emporstieg, auf dem nur ab und zu eine blanke Felsplatte das Dunkel mit mattem Weiß durchschimmerte. Gidis Augen und Gedanken eilten seinen Schritten voraus, denn sie brauchten sich um den Weg nicht zu kümmern. Der lag ihm schon so in den Füßen - sei kannten jede Stufe, jede Krümmung, die Lage eines jeden Steines und jede stelle, an welcher eine Wurzel den Gangsteig kreuzte.

Es übt einen seltsamen Reiz, solch ein zu Berge Steigen in stiller Nacht. Geheimnisvolles Rauschen zieht durch Busch und Baum. Durch spärliche Lücken der Äste blinken die Sterne. Bald näher und heller, bald ferner und schwächer hört man das Raunen und Murmeln der Felsenquellen, der talwärts rinnenden Bächlein. Da trifft aus dem Dunkel ein fahles Leuchten das Auge - dort liegt ein modernder Baumstrunk im nassen, nachtschwarzen Moos. Im Dickicht raschelt das dürre Laub, und vor dem Wanderer flüchtet das aus dem Schlummer gescheuchte Wild waldeinwärts. Jetzt ein kurzes Pispern, ein ängstliches Flattern, und wieder Stille. Seitwärts vom Pfad hört man ein leises Klappern; lauschend steht man still; das war wie ein Schritt; aber kein Menschenfuß ist da gegangen, ein Stein hat wieder einmal einen Schritt getan auf seiner weiten Reise von der Felsenhöhe zum Tal. Wieder steht man; aus finsterem Gezweig glühen gleich glimmenden Kohlen zwei große, kreisrunde Augen - ein fauchendes Flattern - und lautlos streicht die Eule dahin durch das schwarze Gehölz. Man kommt höher und höher; stellenweise gewinnt man schon über steile Hänge einen Ausblick in das Tal, in welchem einzelne Lichter wie winzige Sternlein flimmern, wenn der dunkel ziehende Neble sie nicht verhüllt. Man schreitet weiter; aus dichtem Tannenbestand windet sich der Steig über große Rodungsflächen, auf denen man bereits auf weite Strecken die Konturen der niederen Büsche und Wurzelstöcke zu unterscheiden vermag; und wieder verliert sich der Steig in den Bergwald mit seinen schütteren Stämmen.

Zwei Stunden war Gidi so emporgestiegen. Über ihm begannen die Sterne zu erblassen, ein mattes Dämmern erwachte unter den Bäumen, und von Osten her blickte der Himmel schon mit fahlem Grau durch das Gezweig, in welchem sich bereits vereinzelte Vogelstimmen schüchtern vernehmen ließen. Lautlos glitt der Fuß des Jägers über das Moos, die zerstreut liegenden Steine und Reiser achtsam vermeidend, und oft in weitem Bogen die grauen, von Tannennadeln übersäten Schneeflächen umgehend, die unter dichter stehenden Bäumen ein spätes Dasein fristeten.

Ab und zu verhielt der Jäger die Schritte und lauschte bergwärts. Dann stieg er weiter, blieb wieder stehen, und endlich hörte er, was er zu hören hoffte: Jenes matt und hölzern klingende Klippklipp, das kein Jäger mit ruhigem Herzschlag vernimmt.

Eine Strecke von etwa fünfzig Schritten pirschte Gidi noch unter den Bäumen dahin, dann begann er "den Hahn anzuspringen". Regungslos wie eine Säule stand er, solange der Auerhahn schweig und solange das Klippen währte, das nun schon näher klang und anzuhören war wie helle, rascher und rascher werdende Zungenschläge; doch wenn das Klippen mit dem "Hauptschlag" überleitete in das "Schleifen" - in diesen seltsamen, aus Wispern, Blasen und Pfeifen gemischten Liebesgesang, während dessen der sonst so wachsame Auerhahn blind und taub ist für alles, was in seiner Nähe vorgeht - dann suchte sich Gidi mit drei oder vier hastig ausgeführten Schritten dem Baum zu nähern, auf dem er den Hahn vermutete - und laut- und regungslos stand er wieder, ehe das Schleifen noch völlig zu Ende war. Einige Sekunden verstrichen, dann begann der Hahn sein "G'setzl" aufs neue, und wieder sprang der Jäger. Als Gidi dem Standort des Hahnes sich so weit genähert hatte, dass er den "Falzgesang" bis auf den leisesten Ton genau vernehmen konnte, ließ er mehrere Gesetzlein vorübergehen, ohne sich vom Platz zu rühren.

"Das is der alte Hahn net," murmelte er vor sich hin, "da lass ich mich köpfen, wenn das net ein junger Hahn is, der heut oder gestern erst zug'standen is."

Eine Weile spähte er durch das Gezweig der Bäume. Wieder begann der Hahn sein Klippen, und Gidi suchte sich schon auf dem Moosgrund die Stelle aus, auf welcher er nach den nächsten Sprüngen am besten verharren könnte, als seine Augen auf ein weißes Etwas fielen, das, so unscheinbar es sich ansah, durch seinen Anblick das Blut des Jägers sieden machte. Jetzt fing der Hahn sein Schleifen an, und mit hastigen Sprüngen schoss Gidi auf die weiße Flocke zu und haschte sie von der Erde. Es war ein zersetzter, halbverbrannter Papierpropf.

Nun wusste er es gewiss: Hier war ein Schuss gefallen, der dem alten Hahn gegolten hatte. Und das musste an jenem Morgen gewesen sein, an welchem der Finkenbauer seinen Knecht in Zwielicht vom Bründlkopf über die Wiesen hatte niedersteigen sehen.

"Wart, Dir leg ich 's Handwerk noch, Du Haderlump!", stieß Gidi zwischen den Zähnen hervor.

Unwillkürlich spähte er mit forschenden Blicken zwischen den Bäumen umher, und da sah er plötzlich den Hahn auf dem untersten ast einer noch laublosen Buche stehen. Scharf hob sich der schwarze Vogel von dem morgenblassen Himmel ab und falzte, dass es eine Freude war, ein "Gsangl" um das andere, fast ohne abzusetzen, und dabei tanzte er lustig auf seinem Ast hin und her, duckte und streckt sich, blähte den Hals, an dem sich die spitzen Federchen gleich Stacheln sträubten, spreizte die Schwingen und fächerte den "Stoß".

"Ich hab's ja g'sagt: Ein junger Hahn!", murmelte Gidi, als er die breiten, weißen Sprenkeln der Stoßfedern zu erkennen vermochte. "Da hat er ihn richtig g'holt, den alten, der Tropf, der miserablig!"

Da fuhr der Jäger lauschend auf; es war ihm, als hätte er ein Reis knacken hören, wie unter einem Tritt - und er konnte sich nicht getäuscht haben, denn der Hahn, der eben ein neues Gesetzlein beginnen wollte, ließ plötzlich sein Falzlied verstummen - ein Zeichen, dass er in seiner Nähe verdächtiges Geräusch vernommen hatte - und strich mit klatschendem Schwingenschlag talwärts durch die Bäume.

Hastig wandte sich Gidi der Richtung zu, aus welcher jenes Geräusch gekommen war und sah aus einem nahen Tannendickicht den in der Dämmerung matt blinkenden Lauf einer Flinte gegen seine Brust gerichtet.

"Wer da?", rief ihn eine raue Stimme an; Gidi aber hörte diese Worte nicht; einen kurzen Pfiff nur stieß er aus, während er mit raschem Sprung hinter einem Baum Deckung suchte, und schon lag ihm die Büchse im Anschlag an der Wange.

"G'wehr nieder, sag ich, oder es schnallt!", so klang sein drohender Anruf.

Im Gebüsch senkte sich die Flinte, und Gidi hörte eine wohlbekannte Stimme: "Das ischt er ja net ... das ischt ja der Grafenjäger!"

"Jeh, da schau!", murmelte Gidi und ließ die Büchse sinken.

Zwei dunkle Gestalten lösten sich aus dem Dickicht: Herr Simon Wimmer in Begleitung eines Gendarmen.

"Was is denn jetzt das für eine Art?", lachte Gidi. "Meints leicht, ich bin eine Scheiben für Eure ärarialischen Schießprügel? Was habts denn zum suchen da, ihr zwei miteinander?"

"Nix für ungut, Herr Eberl, nix für ungut," stammelte der Kommandant unter Pusten und Schnauben, "bei derer Dunkelheit ischt ja so eine Verkennung älleweil eine mögliche Sach ... wie ja der Augenschein 'zeigt hat. Aber Sie dürfen mir's glauben, es ischt ja so ein Verkennung älleweil eine mögliche Sach ... wie ja der Augenschein 'zeigt hat. Aber Sie dürfen mir's glauben, es ischt für uns selber fürchtig, gar arg fürchtig ... denn wägerle, die Bergsteigerei bei der Nacht, die hab ich dick ... und da haben wir uns jetzt schon g'hofft, es hätt ein End und ... das ist eine verfluchte Geschichte, eine verflu ..u .. u .. uchte Geschichte!" Seine Stimme erstickte unter den Falten des ungeheuren Taschentuches, mit dem er an Hals und Wangen den rinnenden Schweiß zu trocknen suchte.

Ein Gutes hätte diese Begegnung doch, so ließ sich jetzt der Begleiter des Kommandanten vernehmen, denn sicherlich könnte der Jäger darüber Aufschluss erteilen, ob der Steig schon gangbar wäre, der über die Bründlalm und den Grat der Höllenleite nach dem Grenzpass führe und von dort zurück gegen den Hochgraben der Höllbachklamm.

"Gangbar is er schon, der Steig," erwiderte Gidi, aber er kost' ein' Schnaufe rund ein paar Tröpfl Schweiß! Und droben am Ruck heißt's ordentlich stapfen im Schnee. Da passen S' auf, Herr Wimmer, da werden S' wimmern! Aber ... wenn man fragen darf ... was wollts denn eigentlich droben beim Grenzpass? Habt's leicht ein' Schwärzer auf der Muck!"

"O mein Gottele, mein Gottele," jammerte der Kommandant, "lieber möcht ich streifen auf eine ganze Schmugglerbande, als auf den einzigen, der da zum suchen ischt. Da hab ich mich jetzt gestern noch drüber so feindlich g'freut, dass ich mich so gut steh mit dem Finkebauer, und hab mir schon 'denkt ... und ... das ist eine verfluchte Geschichte ... denn natürlich, der Mann wird jetzt sein' ganzen Hass auf mich unschuldigs Würmle verkehren und wird net denken, dass gegen die Berufspflicht ein- und ällemal nix z'machen sicht. Und wann ich mir so denk ..."

"Ho, ho, ho, ho, was reden S' denn daher!", unterbrach Gidi mit ernsten Worten Herrn Wimmers wehklagenden Redefluss. "Was könnt denn der Finkenbauer mit Schandarmenweg zum schaffen haben?"

"Sie, so müssen S' sein grad auch net reden!", fuhr der Begleiter des Kommandanten beleidigt auf. "Der Schandarm geht vor'm Recht und hinter'm Unrecht her, und ich weiß net, ob ich auf Schandarmenweg net lieber geh als wie auf Jagerschlich."

"Gehen S' weiter und strapezieren S' Ihnen net so! Ich hab nix Übels 'denkt bei meiner Red, und im übrigen ... b'hüt Gott, wenn's Ihnen gar so pressiert!", brummte Gidi dem Gendarmen nach, der sich mit wortlosem Gruß bergwärts gewandt hatte.

"Lassen S' ihn gehen! Ischt halt ein Hitzköpfle," seufzte Herr Wimmer unter seinem rührigen Taschentuch hervor. "Aber das eine dürfen S' mir wägerle glauben, dass der Finkebauer jetzt mehr mit uns z'schaffen hat, als ihm selber und uns älle lieb sein kann. Denken S' ihnen nur grad, jetzt müssen wir da streifen auf sein' Brudern, auf den Fink Ferdinand, der von sei'm Regiment desertiert sicht und auch sonst noch in ei'm gar fürchtigen Verdacht ..."

"Der Ferdl! Und desertiert!", fuhr Gidi erschrocken auf. "Na, das is net wahr, das glaub ich net!"

"Und doch ischt die Sach net anderscht, leider Gottes!", jammerte Herr Wimmer, und schon wollte er einen ausführlichen Bericht der Vorgänge beginnen, die sich während der verwichenen Nacht auf der Schwelle des Finkenhofes abgespielt hatten, als ihn ein schriller Pfiff seines Begleiters zur Eile mahnte.

Gidi hörte die Worte nicht mehr, mit denen der Kommandant ihn zum Abschied übersprudelte. Er stand in Gedanken und starrte hinaus in die Dämmerung; als er endlich auffuhr, eine Frage auf den Lippen, sah er sich allein. Nur noch ein leises Knirschen und Rascheln in der Höhe des Waldes verriet ihm die Richtung, welche die beiden genommen hatten.

Er stieß den Bergstock in das Moos und ließ sich auf einen Baumstrunk nieder.

Ferdl desertiert! Das Wort war ihm in die Glieder gefahren. Er fühlte eine Schwere in seinen Knien, wie manchmal zur Sommerzeit, wenn er vom grauenden Morgen bis in die sinkende Nacht in pfadloser Felsenwildnis umher gestiegen war.

Ferdl desertiert! Ferdl, der durch seine Ehrenhaftigkeit und seinen rechtlichen Sinn sich alle Leute zu guten Freunden gemacht, der niemals Unrecht übte und niemals Unrecht duldete, der niemals Streit begann und Streit bei andern stets mit dem rechten Wort zu schlichten wusste. Der das beste Gut des Menschen in einem ehrlichen Namen sah; der in rastloser Arbeit die Freude seines Lebens fand und alles, was er tat, aufs beste zu tun pflegte; der, als er Soldat wurde, Soldat auch mit dem ganzen herzen war, den blauen Rock des Königs stets mit Stolz getragen hatte und für seine Tapferkeit auf dem Schlachtfeld mit dem eisernen Kreuz und der goldenen Medaille geschmückt worden war - dieser gleiche Ferdl sollte nun gehandelt haben wie ein Ehrloser, wie ein Feiger!

"Der Ferdl! Und desertiert! Ich kann's net fassen!"

Und jenes andere Wort, das der Kommandant gesprochen! Welcher Art mochte jener "fürchtige Verdacht" sein, der auf Ferdl lasten sollte? Aber ein Verdacht ist noch keine Tatsache, ein Verdacht kann falsch sein und ungerechtfertigt, muss es sein gegenüber einem Menschen von Ferdls Art und Wesen. Aber ein Mensch ist doch immer nur ein Mensch, und es können Stunden kommen, in denen man seiner selbst vergisst. War eine solche auch für Ferdl gekommen? Und wenn es so war, zu welch entsetzlicher Tat musste sie ihn verführt haben, da ihn die Furcht vor der Strafe, oder auch nur die Reue zu solcher Flucht verleiten konnte, die zum Unrecht neues Unrecht fügte.

"Aber na! Na! Ich kann mir nix Schlechts vom Ferdl net denken!"

Und wieder versank der Jäger in stummes Brüten.

Rings um ihn erwachte der Tag. Rotes Licht übergoss den Himmel und flutete durch den Bergwald, um wieder zu erblassen vor den lichtsprühenden Strahlen, die von Osten her emporschossen über das Firmament. Das schneebedeckte Felsenhaupt, hinter welchem die Sonne empor tauchte, sah sich an, als trüg' es eine Reisenkrone von weiß glühendem Erz.

Ein blendendes Leuchten und Flimmern webte durch das Gezweig der Bäume und über den Moosgrund, auf dem die Tautropfen in bunten Farben funkelten.

Ein Flattern, Pispern und Zwitschern huschte von Ast zu Ast. Draußen auf der Rodung klang aus dem dichten Heidelbeerkraut das Glucksen der Auerhennen, und mit leisem Krächzen schoss eine verspätete Schnepfe über die niederen Büsche. Vom tieferen Hang empor tönte das Gurren einer wilden Taube, und aus dem höheren Tann hernieder hallte der melancholische Schrei eines Spechtes.

Lautlosen Trittes zog ein Reh aus dem Dickicht, windend und sichernd mit erhobenem Kopf. Lange stand es, die grünen Lichter in Neugier auf die regungslose Gestalt des Jägers gerichtet; dann trippelte es weiter, um draußen auf der Rodung die warme Sonne zu suchen.

Da klang von ferner Felsenhöhe hernieder ein dumpfes Brummen und Knattern.

Gidi fuhr auf und riss den Bergstock aus dem Moos.

Dort oben musste über eine der stielen Wände eine Schnee- oder Steinlawine niedergegangen sein. Wer mochte sie gelöst haben? Eine flüchtende Gämse - oder -

Heiß schoss dem Jäger das Blut in die Stirn. Dass ihm aber auch jetzt erst dieser Gedanke kam! War es nicht sein Freund, der da umherirrte im Bergwald oder zwischen Felsen - und wenn er des Schutzes bedurfte, musste er ihn nicht zuerst beim Freund suchen?

Gidi stürzte über den Hand dahin, dass unter seinen Schuhen die Steine klapperten und flogen. Auf und nieder über Buckeln und Gräben führte sein Weg, aus dem Bergwald hinaus über die Weidelichtung der Bründlalm, und wieder dahin unter ragenden Tannen, der Höllbachklamm entgegen, aus der ihm von Ferne schon das Brausen und Tosen der wilden Gewässer entgegendröhnte. Jetzt erreichte er die Schlucht; ein mächtiger Baumstamm war als Steg über den schwarz und bodenlos gähnenden Abgrund geworfen. Gidi eilte darüber hinweg, als wär' es breite Straße.

Keuchend und triefend von Schweiß erreichte er die aus Blöcken gefügte Jagdhütte. Sie stand auf einem grasigen Hügel, überschattet von riesigen, moosbehangenen Lärchen.

Erschöpft lehnte sich Gidi an die Hüttenwand, verhielt den Atem und lauschte gegen die Höhe. Er vernahm nur das Rauschen der Bäume und das dumpfe Donnern des Höllbaches.

Nun schloss er die aus dicken Bohlen gebildete Türe auf und trat durch den Küchenraum in die Stube. Er legte Büchse und Rucksack ab, öffnete die beiden kleinen, mit starken Eisenstäben vergitterten Fenster und stieß die Läden auf. Grelles Sonnenlicht erhellte den mit Brettern verschalten Raum, dessen Einrichtung aus Tisch und Bänken, einem Wandschrank und Geschirrrahmen, einem kleinen eisernen Ofen und einem mit wollenen Kotzen überdeckten Bett bestand.

Mit zerstreuten Blicken irrten Gidis Augen über die Wände. Mechanisch rührte er die Klinke der versperrten Türe, die zu der anstoßenden "Grafenstube" führte. Dann ließ er sich auf die Holzbank niedersinken; doch schon nach wenigen Sekunden sprang er wieder auf und eilte ins Freie. Die forschenden Blicke zur Erde gerichtet, umkreiste er die Hütte.

"Dagewesen is er ... und keine zwei Stund kann's her sein!", murmelte er.

Vor den Fenstern war das Gras zertreten, und an einer kalten, feuchten Bodenstelle zeigte sich mehrfach und deutlich der Abdruck eines Männerfußes, einer glatten, ungenagelten Sohle.

Langsam kehrte Gidi zur Tür zurück und setze sich kopfschüttelnd auf die Schwelle nieder. Mit funkelnden Augen starrte er eine Weile empor zu den felsigen, schneebedeckten Höhen; dann zog er das Fernrohr auf und suchte mit ihm die stielen Hänge und den Grat der Höllenleite ab. Seufzend ließ er das Glas wieder sinken und verfiel in das alte Aufstarren zur Höhe.

Plötzlich fuhr er zusammen. "Was is denn jetzt da droben ... das kann doch kein Gams net sein!"

Hastig riss er das Fernrohr vor das Auge und richtete es nach dem schwarzen, beweglichen Pünktchen, das er hoch zwischen klotzigen Felsen auf dem stielen, schneebedeckten Hang wahrgenommen hatte.

"Ja, ja, Jesus Maria, es is der Ferdl! Und mein Gott, mein Gott, grad in d'Händ muss er ihnen laufen, wenn er aussteigt übern Grat."

Gidi stürzte in die Stube, riss die Büchse an sich, stürmte wieder ins Freie und schmetterte hinter sich die Tür ins Schloss.

Er eilte den stielen Berghang empor, als hätte er ebenen Grund unter sich. Noch ehe der Bergwald zu Ende ging, begann der Schnee, der sich in dicken Klumpen an Gidis Schuhe heftete.

Jetzt erreichte er eine offene, von Felsentrümmern übersäte Fläche. Da verheilt er die Schritte und starrte zur Höhe. Nun konnte er schon mit freiem Auge die Gestalt des Freundes unterscheiden, den nur noch eine kurze Strecke vom Grat der Höllenleite trennte.

"No also, ich hab mir's ja 'denkt!", stammelte Gidi, denn der gleiche Blick, der ihm den Freund gezeigt, hatte ihn auch die scharf vom lichten Himmel sich abhebende Gestalt gewahren lassen, welche vom jenseitigen Berghang über den Grat empor tauchte.

Mit zitternder Hand brachte Gidi aus seiner Tasche eine Stücken Birkenbast hervor, führte es an die Lippen, und nun schrillte ein Laut in die Lüfte, der dem gellenden Schrei des Habichts glich. Dreimal wiederholte er dieses Warnungszeichen. Das musste Ferdl hören und musste sich an frühere Zeiten erinnern, in denen sich gar häufig die beiden Freunde mit diesem Ruf im Bergwald gesucht und gefunden hatten.

Noch gellte der dritte Schrei, da sah der Jäger, wie Ferdl im Anstieg plötzlich innehielt und in rasender Flucht sich talwärts wandte. Gidis Warnungsruf konnte noch nicht bis in jene Höhe gedrungen sein - Ferdl selbst musste die Gefahr gewahrt haben, die über ihm drohte. Doch auch der Verfolger musste von der Höhe des Grates den Flüchtling erblickt und erkannt haben, denn er stürmte über den stielen Hang hernieder der Stelle zu, von welcher aus die Fährte im Schnee ihm den Weg verraten musste, den Ferdl genommen. Gidi meinte in dem Verfolger den Begleiter des Kommandanten zu erkennen -und er sah ihn allein. Hatten die mühsamen Pfade jenseits des Grates den Kommandanten hinter seinem Begleiter zurückbleiben lassen - oder war er überhaupt nicht emporgestiegen zum Grat, sondern andere Wege gegangen?

Gidi nahm sich die Zeit nicht, diese stumme Frage zu beantworten. Er zwängte sich zwischen Felsblöcken hindurch, wand sich über Geröll und klotziges Gestein und eilte dem Rand der Höllbachklamm entgegen. Immer dem Abgrund folgend, mühte er sich keuchend der Höhe zu. Das Rauschen und Brausen der Gewässer, die ihm zur Seite in dunkler Tiefe ihre schäumenden Wirbel schlugen, erstickte das Geräusch seiner Tritte. Es gehörte der schwindelfreie Blick und der sichere Fuß des Jägers dazu, um solchem Weg mit solcher Eile zu folgen; da war nirgends ein Übergang von der offenen Höhe zur Tiefe, überall jäh abstürzendes Gestein; bald erweiterte sich die Schlucht zu riesigen Kesseln, in deren Abgrund die milchweiße Brandung kochte, bald wand und krümmte sie sich im Bogen oder im Zickzack, und da brüllte der Bach unter dem Zwang seiner engen Fesseln, sich aufbäumend an verwaschenen Felsen; bald wieder verschwand das Wasser mit dumpfem Brummen und Murmeln unter vorspringenden Felsgefügen, unter schief in bodenlose Tiefe sich senkenden Wänden. Überall entquoll eine dunstige Kälte dem Abgrund, und dünne Neble schwebten aus ihm empor, um in der Sonne zu zerfließen.

Höher und höher eilte Gidi, in Angst und Sorge, ob er wohl rechtzeitig noch jene Stelle erreichen würde, an welcher der Abgrund seien Ränder so nahe aneinander zieht, dass er mit einem herzhaften Sprung zu übersetzen war. Ferdl musste auf seiner Flucht in die Nähe jener Stelle gelangen, denn weiter drüben sperrten steil abstürzende Felsen seinen Weg, und die offene Almenlichtung durfte er nicht betreten. So hoffte Gidi, dass es ihm gelingen möchte, den Freund im richtigen Augenblick an jene Stelle zu rufen - und wenn er ihn erst an seiner Seite hatte, dann wusste er ihn schon auf Wege zu führen, auf denen kein dritter ihnen folgen würde.

Ein Aufstieg von wenigen Minuten noch, dann musste Gidi jene Stelle erreichen. Nur eine offene von Geröll überdeckte Felsfläche und einen niederen, von Latschen und kümmernden Fichten bewachsenen Hang hatte er noch zu überwinden.

Nun erreichte er jene offene Felshöhe, und da erstarrte ihm jählings der Fuß. Auf dem jenseitigen Rand der Schlucht sah der den Kommandanten hinter einem Steinblockkauern. Lauschend hielt Herr Wimmer den Kopf erhoben und spähte über die Kante des deckenden Steines hinweg; jetzt richtete er sich hastig in geduckte Stellung empor - aus dem bergwärts ziehenden Latschendickicht hallte ein lautes Rappeln, Rollen und Brechen - "Halt!", ließ eine heiser schreiende Stimme sich vernehmen - jenes Klappern und Brechen verstummte nicht, es verstärkte sich, kam näher und näher - im Latschendickicht sah man die ragenden Wipfel und Äste zittern, schwanken und schlagen - "Halt!", wiederholte sich jener heisere Ruf - nun teilten sich die Zweige, und Ferdl wankte auf das offene Gestein, keuchend und röchelnd wie ein gehetztes Wild. Einen Augenblick unterbrach er, um Atem zu schöpfen, seinen Lauf und drückte die eine Faust, welche die blaue Mütze krampfhaft umschlossen hielt, auf die fliegende Brust, die andere auf die rechte Hüfte, von welcher das Beinkleid nieder gerissen war und den Blut überronnenen Schenkel entblößte; dann wieder wollte er talwärts fliehen; da sprang der Kommandant aus seinem Versteck hervor und versperrte den Weg:

"Ergeben S' Ihnen in Güt, Ferdinand Fink ... es sicht kein Ausweg mehr!"

Stöhnend taumelte Ferdl zurück, starrte mit brennenden Augen um sich, sah drüben den Jäger stehen und stürzte unter gurgelndem Aufschrei dem Rand der Höllbachschlucht entgegen.

Hinter ihm aber brach in diesem Augenblick der Verfolger aus dem Dickicht und riss mit dem dritten "Halt" das Gewehr and die Wange.

"Net schießen ... net schießen!", kreischte der Kommandant, stürzte auf den Gendarmen zu, und während er ihm das Gewehr in die Höhe schlug, dass der Schuss sich krachend in die Luft entlud, fuhr drüben über der Schlucht der Jäger aus seiner Erstarrung auf mit dem schrillenden Ruf:

"Ferdl, Ferdl, um Gottes willen, das is ja verruckt, da springt ja kein Hirsch herüber!"

Doch die Warnung kam zu spät. Schon schnellte sich Ferdl mit hohem Satz hinaus über den Rand der Schlucht - die Verzweiflung musste ihm die Kräfte zu solchem Sprung gegeben haben - glücklich erreichte er auch mit den Füßen das andere Ufer, doch unter der Wucht des Sprunges brachen ihm die Knie. Jammernd warf sich Gidi mit ausgestreckten Armen dem Freund entgegen; doch eh er ihn noch zu erreichen vermochte, sah er ihn taumeln, die Arme kreisend in die Luft schlagen und rückwärts niederstürzen über den Felsenbord, unter dem gellenden Aufschrei: "Jesus Maria! Grüß mein' Jörgenbruder!"

Ein dumpfer klatschender Schlag, das Rasseln und Poltern der nachstürzenden Steine ... und aus der Tiefe war nur noch das Brausen und Rauschen des Wassers zu hören, während in der Höhe der schneebedeckten Felsen mit grollendem Halt das Echo des Schusses verrollte.

"Aus is'! Aus is'!", stammelte Gidi. "Unser Herrgott sei gnädig Deiner armen Seel!"

Er hob die zitternde Hand, bekreuzte das erblasste Gesicht und sank auf die Knie nieder zu stillem Gebet.

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