Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 4

Ein großer Raum mit weiß getünchten, niederen Wänden, rechts von der Türe der braun lackierte Geschirrschrank, links der eiserne Ofen, eine rings um die freien Wände sich ziehende Holzbank, in der Fensterecke das Kruzifix, und darunter der lange, schmucklose Eichentisch - das war die "Eh'haltenstube" im Gesindehaus des Finkenhofes.

Ein trüb brennendes Öllämpchen, das an der Wand auf einem kleinen Brettchen stand, warf sein mattes Licht über den Tisch, um welchen die Dienstboten bei der dampfenden Schüssel saßen. Emmerenz als Oberdirne führte den Vorsitz. Ihr zur Seite saßen Baltl und die alte Waben; neben dieser machte sich Dori bereit; ihm gegenüber saß die Stalldirne, welche beim Essen fleißiger die Zähne zu rühren liebte, als die Hände bei der Arbeit; der Schmied, die Hausmagd und der Holzknecht ergänzten die Runde.

Niemand sprach. Alle Augen hingen an der Schüssel. Man hörte nur das Klappern der Löffel und das Geräusch der Zähne.

"Was is denn jetzt das für eine ewige Tramplerei mit die Füß unterm Tisch da!", fuhr Emmerenz plötzlich auf und schoss einen entrüsteten Blick auf Baltl.

Der Knecht duckte sein lächelndes Gesicht über den Teller. Die alte Waben aber wandte sich an Emmerenz, und die Worte pfiffen ihr zwischen den Zahnlücken hervor: "Zieh halt Deine Fuß ein, w enn s' der ander streckt. Er wird doch net krämpfig werden müssen in die Knie, wegen Deiner! Ja, muss Dir dengert was net 'taugt haben heut, weil gar so grantig bist."

"No freilich," stichelte Baltl, "weißt, ein grüns Katzl is ihr über den Weg g'laufen."

Die Stalldirne kicherte laut auf, um zu erweisen, dass sie die Anspielung auf den Jäger gar wohl verstanden habe. Alle am Tisch kehrten ihr die Blicke zu, als wüssten sie sich über diese bei der Stalldirne so seltene Beweglichkeit des Geistes nicht genug zu verwundern. Nur Emmerenz schien diese Verwunderung nicht teilen zu wollen. Dunkle Röte hatte ihr Gesicht übergossen, und während sie die zornig funkelnden Blicke auf Baltl richtete, drohte sie:

"Du, gelt, nimm Dich sein in acht! Weißt, das Katzl hat springende Füss, und wenn der Fuchs zur Nachtzeit heimlich aufs Mausen geht, das vertragt's sein gar net gern! Könnt ihm leicht einmal nauf fahren an' Hals!"

"Geh, sorg Dich net!", erwiderte Baltl mit giftigem Lächeln. "So ein Füchsl hat gar ein' g'lenken Hals und versteht sich schon aufs Abschütteln."

"Mbäh!", ließ plötzlich Dori mit blökender Stimme sich vernehmen. Er war von der Bank aufgesprungen, dass der Tisch ins wanken geriet und die alte Waben vor Schreck den Löffel vom Mund fallen ließ. Einen kurzen Moment schwebte Doris Hand mit der gezückten Gabel hoch über allen Köpfen, dann fuhr sie nieder in die Schüssel, wie der Habicht in das Nest der Wildtaube, und eh es die andern sich versahen, hatte er mit staunenswertem Geschick den letzten Knödel aus der Suppe gefischt und hinter den Zähnen verschwinden lassen. Ein allgemeines Gelächter war die Folge. Selbst Emmerenz konnte ihren Ernst nicht beibehalten, obwohl sie, ihrer Stellung als Oberdirne Rechnung tragend, auf den mampfenden Burschen mit den Worten losschalt: "Jetzt Du bist aber einer! Hättst denn jetzt den Knödel net in der Ordnung nehmen und essen können wie ein manierlicher Mensch! Musst denn allweil gleich so in d' Höh fahren wie ein Heuschnickl, der damisch worden is!"

"Ah na, weißt," erwiderte Dori in kaum verständlichen Worten, die er mühsam aus dem übervollen Mund hervorquetschte, "mir geht's halt ... wie demselbigen Katzl ... ich hab springende Füß!"

"Was! Mitreden willst auch noch!", zürnte Emmerenz. "No siehst es, da hast es jetzt, Du Ruech, Du wilder!", fügte sie in vorwurfsvoller Besorgnis bei, als Dori, von dem Lachen der andern angesteckt, mit seinem Knödel ins Würgen kam.

Die alte Waben und die Hausmagd bearbeiteten mit ihren Fäusten den Rücken des Burschen, bis er nach einem hörbaren Schluck erleichtert aufatmete: "Jetzt is er drunten!"

Emmerenz erhob sich vom Tisch und begann das Geschirr zusammen zu räumen, während sich die anderen gemächlich aus den Bänken hervor schoben. "Du," flüsterte Dori dem Holzknecht zu, "heut beim Heimfahren hab ich mir ein neus Betsprüchel aus'denkt. Da pass auf!"

Emmerenz trug das Geschirr nach dem Schrank; als sie zurückkehrte und Dori, der als der jüngste Dienstbote nach jeder Mahlzeit das Dankgebet zu sprechen hatte, noch immer keine Miene machte, dieser Pflicht nachzukommen, mahnte sie ihn mit den Worten: "Was is denn, Dori, wird heut nimmer 'bet'?"

Der Bursche schien auf diese Aufforderung gewartet zu haben, denn übereilig stellte er sich vor dem Tisch in Positur, schlug mit weit ausfahrendem Daumen das Kreuz, faltete die Hände und begann:

"Jetzt hab ich 'gessen,
Bin noch net satt,
Hätt gern noch was 'gessen,
Hab nix mehr g'habt.
Die Zähn sind 's Beißen g'wöhnt,
Der Magen is weit gedehnt,
Drum hungert's mich allezeit
Jetzt und in Ewigkeit! Am ..."

"Amen," so wollte er sein "neues Betsprüchel" schließen. Enzis flink erhobene Hand aber kam diesem Amen zuvor, klatschend fiel sie auf Doris Ohr und Wange.

"Sakra noch einmal!", stöhnte der Bub unter dem Gelächter all der anderen und verzog den Mund, als wollte er sich überzeugen, ob ihm auch der Kiefer noch richtig im Gelenk säße.

"Hat's aus'geben? Nachher is recht!", äußerte sich Emmerenz mit befriedigter Meine; dann faltete sie die Hände und sprach, die Augen frommen Blickes zum Kreuz erhebend, mit ruhiger Stimme das übliche Tischgebet.

Verdrießlichen Gesichtes starrte Dori vor sich nieder. Er mochte sich wohl des so glücklich verlaufenen Auftrittes mit dem Finkenbauer erinnern und gegen diese Erinnerung die Erfahrung halten, dass ein Tag nicht vor dem Abendessen zu loben wäre. Aus diesem Brüten weckte ihn die Stimme der Emmerenz. "Du Lalle, Du unchristlicher!", brummte ihn die Dirne an, als sie an ihm vorüber dem Schrank zuschritt.

"No, ja," grollte Dori, "deswegen muss man auch net gleich dreinschlagen wie der Metzger auf sein Hackstock."

"Tu Dich trösten, Dori," bemerkte eine von den Mägden, "die Emmerenz hat's halt heut schon einmal so in die Finger ... gelt, Baltl?"

Der Knecht hatte alle Ursache, diese Frage zu überhören. Um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, wandte er sich mit stichelnden Worten gegen Dori. Der aber wusste die Spottreden des Knechtes zumeist in einer Weise zu erwidern, durch die er die Lacher auf seine Seite brachte; und als ihm schließlich doch der Witz ausging, wehrte er sich mit gesunder Grobheit seiner Haut.

"Da schau!", spottete Baltl. "Wenn den Lackl so grob daherreden hörst, da möcht sich ja keiner net denken, wie sanft und scharmierlich er ein anders Mal daherreden kann!"

"Jetzt auf die Stund müsst ich mich dengerst b'sinnen, wo ich Dir eine sanfte Red hätt geben mögen!"

"Ja, aber gelt, bei der Beverl, da taugt's Dir halt besser, die zuckerne Süßen!"

"Du! Merk Dir's fein," fuhr Dori mit bebender Stimme auf, während brennende Röte in seine Wangen schoss, "zu mir kannst reden, wie Du willst ... mich kannst heißen, was Dir lieb ist ... aber 's Beverl bringst mir net in die Red!"

"Natürlich, von Dir wird ich mir vorschreiben lassen, was ich reden soll, Du damischer Gispel, du verliebter!"

"Baltl, ich sag Dir's ..."

"No also, so sag mir's halt, wo der Veigerlbuschen hin'kommen is, den im Kammerwinkel aus der Joppen 'zogen hast? Ich mein' allweil, ich hab ihn an der Beverl ihrem Mieder g'sehen?"

"Net wahr is! Net wahr is! Net wahr is!", schrie Dori, die zitternden Fäuste ballend. "D'Beverl nehmt schon gar keine Bleamerln von mir!"

"Glauben möcht man' schier, dass ihr 's Grausen ankommt, wenn s' Dich anschaut, Du Missgeburt!", fiel Baltl mit rohem Lachen ein; und zu den andern sich wendend, sagte er: "G'nommen hat s' den Bsuchen aber doch. Ich hab ja zug'schaut aus'm Stallfenster. Und ang'schmacht hat er 's Deandl dabei, wie wenn der Mistgockel mit der Schwalben schnabelt."

Eine fahle Blässe hatte bei diesem Wort alle Farbe aus Doris Gesicht vertrieben. Mit vorgerecktem Kopf und finsteren Augen, schnaubend und die langen Arme wie Pendel schwingend, näherte er sich dem Knecht und schnellte sich plötzlich unter gurgelndem Aufschrei mit katzenartigem Sprung gegen Baltls Brust, der durch die Wucht dieses Anpralls zu Boden gerissen wurde, von Doris Händen am Halse gewürgt und gedrosselt.

Da verging den andern das Lachen. Kreischend und scheltend sprangen sie herbei, um die beiden zu trennen. Emmerenz erschien unter der Tür, und mit dem Ruf: "Ja heiliger Gott, was machts denn jetzt da für Sachen -", drängte sie sich mitten in den staubenden Knäul, packte Dori mit beiden Händen beim Kragen und riss ihn in die Höhe. Fluchend richtete sich Baltl von den Dielen auf und hob schon die Arme, um über Dori herzufallen; da öffnete sich die Türe.

Jörg stand auf der Schwelle.

"Jesses, der Bauer! Der Bauer!", ging es flüsternd durch die erregte, kleine Schar, und jeder und jede bemühte sich, eine möglichst harmlose Meine zu zeigen.

Doch immer noch hätte ein einziger Blick genügt, um Jörg erraten zu lassen, was hier geschehen.

Er aber stand auf der Schwelle, regungslos, mit gesenkten Augen. Es währte eine Weile, bevor er die Hand hob, um den Hut abzunehmen. Ein tiefer Seufzer schwellte seine Brust, und seine Lippen begannen zu zittern, als wären ihm die Tränen nahe.

Emmerenz näherte sich mit zögernden Schritten, und als sie das blasse Gesicht und die verstörten Züge sah, fuhr sie erschrocken auf: "Um Gottes willen! Bauer! Wie schaust denn aus! Was hast denn? Was is denn g'schehen!"

Jörg musste, als er tiefer in die Stube treten wollte, nach einer Stütze greifen. Mehrmals öffnete er die Lippen, ohne dass er zu sprechen vermochte, und als er endlich Sprache fand, lösten sich die Worte rau und schwer von seiner Zunge:

"Leut ... 's Unglück is ein'kehrt in mei'm Haus! Mein Schwester ... die Hanni is verstorben!"

"Jesus Maria!", fuhr es von jedem Munde. Nur Baltls Lippen blieben stumm. Die alte Waben hob die Schürze vor die Augen und flüsterte: "Schau, jetzt kommt's auf, wem 's Zügenglöckle 'golten hat."

"Ja is's denn zum glauben?", stammelte Emmerenz tief erschüttert. "Kann denn so was g'schehen, so gradweg über Nacht? Heut am Abend noch ... ganz g'freut schon hab ich mich auf das liebe, süße G'sichterl ... und jetzt ... ja sag nur grad, Bauer, an was is s' denn g'storben?"

"Sie is ... verunglückt ... im Wasser."

Tonlos hatte Jörg diese Worte hervorgestoßen, starr vor sich nieder blickend. Alle drängten sich um ihn, in der Erwartung, Näheres über das Unglück von ihm zu hören. Jörg aber schwieg, und als er sich endlich gewaltsam aus seinem verstörten brüten aufraffte, irrten seien Augen mit seltsam scheuen Blicken über die Gesichter, während er mit hastigen, heiser klingenden Worten sprach:

"Morgen in der Fruh, zwischen fünfe und sechse, kommt die Bäuerin z'ruck aus der Stadt ... und ... da muss der Sarg in der Station abg'holt werden. Baltl! Du machst den großen Planwagen zum Fahren fertig und deckst ihn mit die schwarzen Tücher zu, die der Herr Pfarrer heut noch schickt. Und bis um drei in der Fruh, da fahrst nachher fort."

"Was? Ich soll fahren?", brummte Baltl. "Als Totenfuhrmann, mein' ich, hab ich mich dengerst net ein'dingt auf'm Finkenhof."

Dunkle Zornröte übergoss das bleiche Gesicht des Bauern. "Du! Du!", fuhr er mit bebender Stimme auf. "Du kannst sitzen an mei'm Tisch und schlafen unter mei'm Dach ... und so eine Red kannst mir sagen ... in so einer Stund ..." Mit heftigen schritten wollte er auf den Knecht zutreten, als Dori sich ihm in den Weg stellte.

"Tu Dich net kränken, Bauer ... net wegen dem!", sprach der Bursche mit schluchzenden Worten zu Jörg empor, und dabei kugelten ihm dicke Tränen über die Wangen. "Mich lass fahren ... ich bitt Dich gar schön ... mich lass fahren! Mir is's ein' Ehr, Bauer ... ein' Ehr, dass ich mir eine größere net denken kann!"

"Ja, Dori, ja, fahr Du!", erwiderte Jörg gerührt, und die Hand über Doris Rotkopf streichend, fügte er bei: "Bist ein guter Bursch!"

"Ja, ja, und fahren will ich, Bauer, fahren ..." Doris Worte erstickten unter Schluchzen, "weißt, ordentlich vermerken müssen's die Ross, was sie zum heimführen haben ... und kein Stein soll den Wagen stoßen ... so will ich fahren ... so will ich fahren!"

Jörg nickte nur immer, und schwerer und schwerer wurde dabei seien Hand, die auf Doris Scheitel ruhte. Dann plötzlich presste er die beiden Fäuste vor die Augen, und als er sie wieder sinken ließ, sagte er: "So, und jetzt fangts zum Beten an, wie's Brauch is in ei'm christlichen Trauerhaus!"

Lautlos ließen sich die Knechte und Mägde auf die Knie nieder, die Arme auf die Holzbank stützend, die sich and er Wand entlang zog. Emmerenz sprach mit lauter Stimme das Vaterunser und die Absätze der Totenlitanei, und wenn die Knechte und Mägde antwortend einfielen, hörte man aus allen andern heraus Doris inbrünstige Stimme: "Herr, gib ihr die ewige Ruh!"

Regungslos stand Jörg eine Weile inmitten der Stube, die Hände unter dem Kinn gefaltet, den Wortlaut der Gebete leise mitraunend. Als die Litanei zu Ende war und der Rosenkranz begann, schlug er ein Kreuz und wandte sich der Türe zu. Aufatmend trat er ins freie. Da sah er Baltl auf der Hausbank sitzen, die qualmende Pfeife zwischen den Zähnen. Weder ihm noch den andern war es aufgefallen, dass der Knecht sich bei Beginn des Gebetes aus der Stube geschlichen hatte.

"Baltl!", fuhr es mit drohendem Laut über Jörgs Lippen; doch schien er sich mit Gewalt zur Ruhe zu zwingen. "Ich mein', Du könntst hören, dass drin schon 'bet' wird."

"No ja, aber was geht denn mich das Beten an. Ich glaub, ich bin fürs Arbeiten 'zahlt und net fürs Beten. Wenn aber der Bauer anders glaubt, kann er's ja sagen."

"Was ich glaub, das wirst morgen zeitig g'nug noch hören von mir. Jetzt aber, jetzt gehst 'nein in die Stuben!"

"'Neinschaffen kann mich der Bauer freilich," erwiderte Baltl, indem er sich gähnend von der Bank erhob, "aber den möcht ich doch sehen, der mir mit G'walt 's Maul auf- und zureißt, wenn ich's net rühren mag."

"Halt!" Mit einem raschen Schritt vertrat der Bauer dem Knecht den Weg zur Tür. "Jetzt lass ich Dich gar nimmer 'nein in d' Stuben. Schlafen kannst heut noch in der Kammer droben, morgen in aller Fruh aber gehst mir aus mei'm Hof. Dein' Lohn bis Jakobi zahl ich Dir aus ... und nachher sind wir g'schiedene Leut."

"Is mir auch net z'wider!", lachte Baltl, indem er seinen alten Sitz auf der Bank wieder einnahm. "Ein Knecht, wie ich einer bin, braucht sich um ein' neuen Dienst net z'sorgen. Der Leitenbauer nimmt mich auf der Stell."

"Ja, gehe zu ihm, das is der richtige Herr für Dich ... der Schlingenleger!"

"Gelt, Bauer, nimm Dich fein in acht! Es könnt Dir auch net leib sein, wenn ich jetzt hinging zum Leitner und sagt ihm, was Du ihn g'heißen hast."

"So geh! Er soll mich verklagen! Nachher will ich ihm beweisen, was ich g'sehen hab mit eigene Augen."

Kurz wandte Jörg dem Knecht den Rücken und schritt über den dunklen Hof hinweg dem Wohnhaus zu, dessen ebenerdige Fenster erleuchtet waren. In der Stube war der Tisch gedeckt. Jörg sah es nicht; kaum vermochte er einen Stuhl zu erreichen, so zitterten ihm die Knie. Seufzend sank er nieder und schlug die Hände vor das Gesicht.

Die Tür zum Nebenraum stand offen. Es war das Schlafzimmer des Bauern und der Bäuerin; daran reihte sich die Kinderstube.

Durch die beiden Türen klang in leisem, melancholischem Gesang Beverls Stimme. Sie sang einen Nachtsegen, der sie schlummernden Kinder vor bösem Zauber bewahren sollte.

Eine Weile lauschte Jörg dem Gesang; dann sprang er auf. Es drängte ihn, seine Kinder zu sehen. Als er die kleine Stube betrat, erhob sich Beverl, den Gesang unterbrechend, von ihrem Stuhl.

"Sing, Beverl, sing!", flüsterte Jörg; und während das Mädchen die seltsame Weise von neuem begann, trat er vor das Bett seines blonden Dirnleins und strich die zitternde Hand über das nackte Ärmchen des schlummernden Kindes; dann zog er sich einen Stuhl vor das Lager seines Buben; und während er mit brennenden Blicken an dem frischen, roten Gesicht des Knaben hing, horchte er auf den Gesang des Mädchens. Der weiche, innige Klang dieser Stimme tat ihm wohl.

Als Beverl den Gesang beendet hatte, wollte sie sich lautlos entfernen; Jörg winkte ihr zu, das Licht mit fortzunehmen. Sie tat es, und nun saß er im Finstern, die gefalteten Hände netzend mit seinen rinnenden Tränen.

Nach einer Weile erschien Beverl wieder unter der Tür. "Jörgenvetter," flüsterte sie, "geh, komm doch zum Essen, es wird ja alles kalt."

Jörg folgte dem Mädchen in die Stube und ließ sich am Tisch mit den Worten nieder: "Trag nur alles wieder naus ... ich kann nix essen!"

Mit besorgten Blicken betrachtete Beverl den Bauer, dann trat sie auf ihn zu: "Jörgenvetter, schau, solltst mir doch sagen, was Dir fehlt. Weißt, mein Vaterl hat mir gar viel verraten, was gut is für gache Leiden."

Jörg schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, dass es für sein Leid keine Hilfe gäbe. Und brütend starrte er wieder vor sich nieder.

Beverl schickte sich an, den Tisch abzuräumen: Plötzlich ließ sie die Hände ruhen und richtete mit ängstlichem Lauschen das Köpfchen empor.

"Jörgenvetter," stammelte sie, "drüben im Eh'haltenhaus ... da beten s' ja! Um Gottes willen, was is denn g'schehen?"

Nun sagte er es ihr - sagte es ihr fast mit den gleichen, scheu zögernden Worten, mit denen er seinen Dienstboten das Unglück verkündet hatte.

Beverl erblasste, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, aber sie brachte kein Wort hervor.

Ein einziges Mal nur hatte sie die "Hannibas" gesehen. Das war im vergangenen Herbst gewesen; da war die Finkenbäuerin mit der Hanni für einen ganzen Tag im Waldhaus zugekehrt. Aber für Hannis liebes, freundliches Wesen hätte es keines ganzen Tages bedurft, da hätte eine Stunde genügt, um Beverls Herz zu gewinnen.

Wie hatte sich Beverl in den letzten Tagen auf Hannis erwartete Heimkehr gefreut! Und nun!

Nun verstand sie auch, was sie wie eine unbegreifliche Kränkung empfunden hatte, als sie kurz nach dem Ausgang des Bauern den Kranz, den sie mit so liebevoller Freude um das "Willkommen" gewunden, in der Herdflamme hatte verkohlen sehen.

Lange, stille Minuten verrannen. Immer noch stand Beverl regungslos vor dem Tisch. Und als sie endlich hätte sprechen mögen, schloss ihr der Anblick des Bauern die Lippen, welcher vor ihr saß, mit gramvollen Zügen, stumm versunken in seinen Schmerz.

Mit zitternden Händen räumte sie den Tisch und nahm das Geschirr auf die Arme, um es in die Küche zu tragen. Als sie nach geraumer Weile wieder in der Stube erschien, legte sie vor sich auf den Tisch ein schmales Brettchen und einen roten Wachsstock. Aus dem dünn gezogenen Wachs schnitt sie kleine Kerzen von verschiedener Größe, die sie der Reihe nach auf das Brettchen klebte, so dass die kürzeste den Anfang, die längste den Schluss bildete. Dabei sprach sie keine Silbe; doch unablässig bewegten sich ihre Lippen, und in ihren mit Tränen erfüllten Augen glomm ein schwärmerisch heiliger Ernst.

Wortlos ließ Jörg sie gewähren, obwohl er den Sinn und Zweck ihres Gebarens nicht verstand. Er mochte sich wohl denken, dass sie wieder einmal einen jener seltsamen Bräuche übe, die der Vater im Waldhaus sie gelehrt hatte. Und was die Kerzen zu bedeuten hatten, meinte er aus ihrer Zahl erraten zu können - zwanzig - es war die Zahl von Hannis Jahren.

Jetzt hob Beverl das Brettchen auf die schmale Brüstung des kleinen Hausaltares, der im Herrgottswinkel unter dem Kruzifix angebracht war, und während sie mit dem brennenden Wachsstock die Kerzlein entzündete, raunte sie leise vor sich hin:

"Licht is Gottes Gab,
Leben is Gottes Gnad -
Wie Du 's Licht uns 'geben,
Wie Du g'schaffen das Leben,
Verlöschen Licht und Leben auch,
Herr Gott, vor Deinem Hauch.
Aber Du thronst in Allgütigkeit
Und richten tust nach G'rechtigkeit!
Herr Gott über Himmel und Höll,
Sei gnädig der armen Seel."

Bei dem letzten Wort hatte sie die letzte Kerze entzündet. Mit sachtem Hauch löschte sie den Wachsstock; dann kniete sie vor dem Tisch nieder, in stillem Gebet die Hände faltend. Keinen Blick ihrer schwärmerischen Augen wandte sie von den zuckenden Flämmchen. Es währte kaum eine Minute, da war das erste Kerzlein niedergebrannt, und als das bläuliche Licht in dem zerschmolzenen Wachs knisternd erlosch, sprach Beverl mit innig bewegter Stimme die Worte:

"Wie 's Licht, lauter und klar,
So lauter von Sünden
Wird der leibe Herrgott finden,
Arme Seel, Dein erstes Jahr."

Wieder versank sie in stilles Gebet, und wieder sprach sie, als das zweite Licht erlosch:

"Wie 's Licht, lauter und klar,
So lauter von Sünden
Wird der leibe Herrgott finden,
Arme Seel, Dein zweites Jahr."

So brannte Kerzlein um Kerzlein nieder, und jedes Mal beim Erlöschen eines Flämmchens wiederholte Beverl diesen Spruch mit steigender Zahl des Jahres. Je weniger der Kerzlein wurden, desto mehr erwachte in ihren Zügen der Ausdruck einer tiefinnerlichen Erregung. Die Wangen begannen ihr zu glühen, der feuchte Glanz ihrer Augen wurde zum Leuchten, hastiger bewegten sich bei den stummen Gebeten ihre Lippen, ein leises Zittern kam über ihre gefalteten Hände, und wenn sie ihr Sprüchlein sagte, da war es nicht Trauer mehr, da war es fromme Freude, was aus dem Klang ihrer bebenden Stimme sprach.

Als das drittletzte der Kerzlein erloschen war, schmiegte sie, keinen Blick von den zwei noch zuckenden Flämmchen wendend, das Köpfchen an die Schulter des Bauern, der lange schon neben ihr auf den Dielen kniete, und flüsterte: "Jörgenvetter ... wie brav und fromm muss die Hannibas g'wesen sein!"

Mit keiner Silbe, nicht einmal mit einem leisen Nicken erwiderte Jörg diese Worte. Brennenden Blickes starrte er zu dem zitternden Lichtschein empor, während qualvolle Unruhe sich in seinen Zügen malte.

Anfangs hatte er mit zerstreuten, dann mit staunenden Augen das Gebaren des Mädchens verfolgt. Aber die rührende Innigkeit, die aus Beverls Blicken und Worten sprach, das Mystische des ganzen Vorganges, der Anblick der brennenden Kerzen, deren rötliche Flammen grelle Lichter und zuckende Schatten über das Kruzifix und das aus weißem Holz geschnitzte Bildnis warfen, welches unter diesem Widerspiel von Licht und Schatten zu leben und sich zu bewegen schien - das alles mochte in seinem von Schmerz durchzitterten Gemüt eine Stimmung erweckt haben, die ihn unwillkürlich an die Seite des Mädchens gezogen und niedergezwungen hatte auf die Knie.

Nun wieder erlosch ein Flämmchen, und wie in verhaltenem Jubel klangen die Worte des Mädchens:

"Wie 's Licht, lauter und klar,
So lauter von Sünden
Wird der liebe Herrgott finden,
Arme Seel, Dein neunzehntes Jahr."

Noch war das letzte Wort ihren Lippen nicht entflohen, als sich aus der Höhe des Herrgottwinkels ein leises Rascheln vernehmen ließ. Einer der geweihten Palmzweige, welche den frommen Schmuck des Kruzifixes bildeten, hatte sich losgelöst, glitt zwischen der Wand und dem Kreuzholz hindurch und schlug mit der Spitze auf das Brettchen nieder, so dass das letzte noch brennende Kerzlein seinen Halt verlor, über die Brüstung des Altars kollerte, im Fallen erlosch und qualmend über die Tischplatte auf die Dielen rollte.

Erblasst bis in die Lippen sprang das Mädchen auf und stammelte, zitternd am ganzen Leib: "Heiliger Himmel ... Jörgenvetter ... die Hannibas is net g'storben nach Gottes Rat und Willen! Da is was net in der Ordnung ... oder ein Mensch is schuld an ihrem Tod!"

Mit weit offenen, glasigen Augen starrte Jörg auf das Mädchen, während er sich mühsam emporrichtete. "Wie kannst Du so was sagen ... so was!", stotterte er mit heiserer Stimme.

"Ja, ja, sonst wär das letzte Kerzl nieder'brennt grad wie die andern!"

"Ah was ... Dummheiten! Die Hitz von die vielen Lichter hat's verschuldt ... da hat sich die Wieden g'lockert ..."

"Um Gottes willen, Jörgenvetter, so musst net reden!", schluchzte das Mädchen, mit angstvollen Augen zu Jörg empor starrend. "Das Wachs is g'weiht am Ostertag, und 's Kerzeng'richt lügt net ... da wacht unser Herrgott drüber ... mein Vaterl hat's g'sagt!"

Jörg antwortete nicht. In sich versunken stand er, seine Züge waren schlaff, und müde starrten seine Augen.

Weinend bückte sich das Mädchen, hob die halbverbrannte Kerze vom Boden auf und legte sie mit zitternder Hand auf den Tisch.

Aufseufzend griff Jörg nach dem roten Wachs und drehte es hin und her zwischen seinen Fingern; dann plötzlich warf er es zurück auf den Tisch, und nieder sinkend auf die Holzbank barg er das Gesicht in beide Hände, unter den schluchzenden Worten: "Mein' Hanni! Mein' arme, arme Hanni!"

Hastig trat Beverl auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Jörgenvetter, geh, musst net weinen," bat sie mit herzlicher Stimme, während ihr doch selbst die Tränen über die Wangen rannen, "weißt, so was verspürt die arme Seel, das tut ihr weh."

Jörg richtete sich empor und fuhr sich über die Augen. "Geh, Beverl, geh schlafen! Es is schon spat ... und morgen müssen wir frühzeitig wieder auf sein."

"Na, Jörgenvetter! Wie könnt ich denn schlafen jetzt ... und grad so Du! Schau, lass mich bei Dir bleiben."

"Na, mein liebs Deandl, na! Leg Dich nur schlafen. Und ...", da streckte er ihr die Hand entgegen, "und gelt ... wenn Du mir und meinen Kindern gut bist, nachher sagst von wegen der Hanni zu kei'm Menschen so ein Wort, wie vorhin grad zu mir. Versprich mir's Beverl, gelt?" Fast versagte ihm die Stimme.

"Ja, Jörgenvetter, ich versprich's!", stammelte Beverl. Dann entzündete sie den Wachsstock, und nachdem sie die Finger in den Weihbrunnkessel neben der Türe getaucht und Stirn und Brust mit dem geweihten Nass besprengt hatte, verließ sie mit leisem "Gut Nacht" die Stube.

Lautlos stieg sie draußen im Flur die Treppe empor und betrat ihr Kämmerchen. Der kleine Glasschrein mit dem wächsernen Jesukind, das von Goldleisten umrahmte Spiegelchen, die Schachteln und Schächtelchen und manch anderer Kram, womit die bunt bemalte Kommode bestellt war, verriet, dass ein Mädchen die Kammer bewohnte, die im übrigen durchaus nicht das Aussehen einer Mädchenstube zeigte. Da hing an einem Wandhaken eine Büchse mit einem Bergsack, und darüber eine Zither, von welcher einzelne gesprungene Saiten nieder schwankten. An einem andern Haken hing ein Raupenhelm über einem kurzen Säbel mit schwarzlederner Kuppel. Soldatenphotografien in zierlich geschnitzten Rähmchen schmückten die weißen Wände.

Als Beverl die Kammer betrat, öffnete sie das Fenster, das gegen den Garten ging. Dämmeriger Mondenschein lag über dem Gehänge. Über die hoch liegenden Weisen huschte etwas dahin, das sich ansah wie ein vor dem Nachtwind treibender Nebelstreif. Beverl aber wusste das besser - das war die Hulfrau, die zu nächtiger Zeit im grauen Nebelkleid über die Wiesen schwebt, aus ihrem Wunderkrüglein den Tau ausgießend über die durstigen Gräser und Blumen.

Beverl begann sich zu entkleiden, kniete vor dem Jesuschrein nieder und verharrte in stillem Gebet.

Schon wollte sie sich zur Ruhe legen, als sie ganz erschrocken vor sich hinflüsterte: "Ja wie ich nur so was hab vergessen können!"

In dem kurzen, dünnen Röckchen und barfuss, wie sie war, eilte sie aus der Kammer und hinunter in die Küche. Als sie wieder zurückkehrte, trug sie eine Schale mit Milch und ein weißes Brot in Händen. Sie schritt an ihrer Kammer vorüber und öffnete eine Tür.

Nun stand sie in Hannis Stube. Matt erleuchtete das flackernde Wachslicht in ihren Händen die mit mannigfachen Schnitzereien geschmückten Wände und Schränke, den Schreibtisch mit seinem Bücherregal, das weiß verhangene Bett und das Klavier, an welchem der Deckel geöffnet und das Pult mit Noten bestellt war, als hätte eben erst die Spielerin den Stuhl verlassen.

Beverl stellte, was sie in Händen trug, auf den Tisch nieder. Dann öffnete sie die beiden Fenster. Als sie zum Tisch zurückkehren wollte, war es ihr, als hätte eine dünne, lispelnde Stimme ihren Namen gerufen. Lauschend stand sie, unter tiefen Atemzügen, und blickte hinaus in das dunkle Gezweig der Kastanie, die ihre Äste hoch empor über das eine Fenster reckte. Sie hörte nichts mehr. Die kühle Nachtlust nur durchstrich mit sachtem Hauch die Stube. Nun griff sie nach dem brennenden Wachs, und da huschte etwas mit summendem Schwirren um ihr Haupt. Erschrocken hob sie die Augen, doch gewahrte sie nichts - im gleichen Augenblick aber ging ein raschelndes Klingen durch die Saiten des Klaviers.

"Alle guten Geister loben den Herrn!", flüsterte das Mädchen, die Stirne bekreuzend. Die Stimme bebte ihr nicht bei diesen Worten. Ihre Augen leuchteten, und wie ein glückliches Lächeln lag es auf ihren Lippen, während sie innig und leise vor sich nieder raunte:

"Arme Seel, tu Dich speisen,
Arme Seel, tu Dich tränken,
Dein' Reis' is lang,
Dein Weg is bang,
Unser Herrgott soll Dich führen in Gnad,
Und Dir sein ewiges Leben schenken."

Nun trug sie die Schale mit der Milch und das weiße Brot nach dem Gesims des Fensters, warf noch einen Blick hinaus in das dunkle Gezweig und verließ die Stube.

Als sie die Türe hinter sich abschloss, tönte rascher Hufschlag an ihr Ohr. Sie eilte an das Flurfenster und sah die dunkle Gestalt eines Reiters auf der Straße vorüber fliegen. Wer war dieser Reiter? Vielleicht der Billwizschneider? Aber nein, der waizt ja nur zur Zeit der Kornreife, reitet auch nicht auf einem Pferd, sondern auf einem schwarzen Bock - und dann, es kann ihn ja nur jener erblicken, der einen verwachsenen Maulwurfhügel verkehrt auf dem Kopf trägt. Wer war dieser Reiter? Vielleicht der wilde Jäger? Aber nein, der treibt ja nur in den Freinächten seine gespenstige Hatz, und niemals allein, immer begleitet von dem johlenden, tobenden Gejaid.

Wer war dieser Reiter? Lange noch, als Beverl schon in den Kissen lag, hielt diese Frage ihre Augen wach.

Und als sie schlief, träumte sie, die arme Seele der Hannibas säße vor ihrem Bett, das Milchschüsselchen im Schoß, das weiße Brot in den durchsichtigen Händen. Sie hatte gar traurige Augen und sieben blutige Wundmale auf der Brust. Als sie gegessen und getrunken, erhob sie sich und beugte sich über das Lager, um das Mädchen zu küssen. Ein eisiger Hauch entströmte ihren bleichen Totenlippen...

Darüber erwachte Beverl, und immer noch spürte sie jenen kalten Hauch auf ihren glühenden Wangen. Es war die Nachtluft, welche durch das offene, vom Mondscheinhell erleuchtete Fenster strich.

Schon wollte sie wieder die Augen schließen, als dicht unter ihrem Fenster der Hofhund heftig anschlug. Beverl meinte zu hören, wie eine leise, fremde Stimme den Namen des Hundes rief, und da verstummte jählings das laute Gebell und wurde zu freudigem Gewinsel. Beverl wollte sich erheben, um aus dem Fenster zu blicken. Plötzlich aber vernahm sie ein Knistern und Rascheln, das an der Mauer empor zu steigen und dem Fenster sich zu nähern schien, und jetzt - das Mädchen erstarrte vor Angst und Schreck - jetzt tauchte im mondhellen Fenster eine Soldatenmütze empor, ein Kopf mit einem leichenblassen Gesicht, Schultern und Arme rückten nach, und zwei Knie hoben sich auf das Gesims. Lautlos zwängte sich der Mann durch das enge Fenster und ließ sich nieder gleiten auf die Dielen. Von dem Soldatenkleid, das die schlank und hoch gewachsene Gestalt verhüllte, hingen die Fetzen, und unter dem offenen Rock starrte die nackte Brust durch das zerschlissene Hemd.

Vergebens rang Beverl in ihrer Angst nach Atem und Worten, ihre Glieder versagten den Dienst, und es war ein Fühlen in ihr, als wäre das Blut ihr zu Eis geronnen. Doch als siech die Gestalt vom Fenster löste und dem Lager näher kam, brach die gesteigerte Angst den Bann, der das Mädchen gefesselt hielt. Unter gellendem Aufschrei sprang es aus den Kissen, die nackten arme zum Schutz emporschlagend über das Haupt.

Erschrocken fuhr der Bursche zusammen, wie vor einem Ungeahnten, Unerwarteten. "Ja was is denn! Um Gottes willen ... Deandl ... ich bitt Dich ... sei stad, sei stad!", stammelte er mit heiser bebender Stimme und haschte die Arme des Mädchens, das unter schrillenden Hilferufen der Türe zuflüchten wollte.

Beverls Schreie erstickten unter der Hand, die sich auf ihre Lippen presste, und ihre ringenden Kräfte erlahmten unter dem starren Druck des Armes, mit dem der Bursche den zarten, zitternden Körpers des Mädchens an seine Brust geschlungen hielt.

Die Sinne drohten ihr zu vergehen, aber neu erwachten ihr plötzlich die Kräfte, als sie die polternden Schritte vernahm, welche draußen über die Treppe empor gehastet kamen. Es gelang ihr, das Gesicht frei zu ringen, und gellend schrie sie: "Hilf, Jörgenvetter! Hilf! Hilf!"

An der Tür knirschte die Klinke - aber es war ja von innen der Riegel vorgeschoben; doch unter wuchtigem Druck klirrte das Eisen auf die Dielen, und Jörg erschien über der Schwelle, umzittert von dem falben Schein des Lichts, das draußen auf der obersten Treppenstufe stand.

Da gaben die Arme des Burschen das Mädchen frei, das zitternd in eine Ecke flüchtete, bangend vor dem Kampf auf Leben und Tod, der zwischen den beiden, wie sie meinte, nun beginnen müsste ... und da wusste sie sich kaum zu fassen und meinte zu träumen, als sie gewahrte was geschah.

"Jörg! Jörg!", stammelte der Bursche und streckte die Hände dem Finkenbauer entgegen, der mit ausgebreiteten Armen auf ihn zuwankte, unter den schluchzenden Worten: "Ferdl, mein Bub! Mein armer Bub!"

Sie sanken Brust an Brust und hielten sich weinend umschlungen.

Endlich wieder richtete sich Jörg empor, mit zitternder Hand die Augen trocknend. "Komm, komm ... komm, Ferdl, komm!", hastete es über seine Lippen, während er den Bruder mit sich hinauszog über die Schwelle.

Langsam fiel die Türe hinter ihnen zu.

"Jörg! Wie kommt das Deandl in meine Kammer?", hörte Beverl den Burschen mit erregter, stockender Stimme fragen. "Wer is das Deandl?"

"'s Beverl, von der ich Dir ja g'schrieben hab, das Bruderkind von meiner Mariann. Aber Ferdl ... um Gottes willen ... wie schaust denn aus!"

"Wie ich halt ausschauen muss ... ein' Tag und zwei Nächt auf solche Weg, dass mich kein Menschenaug net hat sehen können, gradaus über alle Berg! O mein, Jörg ... Du weißt noch net alles ... Du weißt net ..."

Die Stimme erlosch unter dem dumpfen Hall der über die Treppe niedersteigenden Tritte.

Eine Tür noch hörte Beverl gehen, dann vernahm sie nichts mehr, als nur noch ihre eigenen, fliegenden Atemzüge und das hämmernde Pochen ihres geängstigten Herzens.

Noch immer kauerte sie auf den Dielen, zitternd unter dem dünnen Linnen, das ihre einzige Hülle war.

Wirre Gedanken kreuzten sich in ihrem Kopf. Kein Räuber also, kein Einbrecher war das gewesen, sondern der Bruder, der Stolz und die Freude des Jörgenvetter, der Ferdl, den sie wohl in ihrem Leben noch nie gesehen, von dem sie aber seit ihrer Ankunft auf dem Finkenhof alltäglich hatte sprechen hören, und immer in einer Weise, welche gar manchmal die Bäuerin in scherzender Eifersucht hatte beifügen lassen: "Ja, der Ferdl! Wenn der kommt, da is aus mit'm Jörg, da gelten wir alle miteinander nix mehr!"

Weshalb nun war er nicht am Tag gekommen, auf offener Straße? Weshalb in der Nacht, weshalb durch das Fenster, wie ein Dieb oder - oder wie ein Flüchtling? Was hatte er zu fürchten, dass er Wege gehen musste, auf denen ihn kein Menschenaug erspähen konnte? Was konnte Ferdl verbrochen haben, für den doch, wenn auf ihn im Finkenhof die Rede kam, das beste Wort nicht gut genug schien? Oder war sein Gebaren nur ein Ausfluss der Verstörtheit, die der Tod der geliebten Schwester über ihn gebracht haben musste? Denn mit diesem jähen Tod, da war etwas nicht in der Ordnung - das hatte das "Kerzengericht" verraten - und vielleicht wusste Ferdl um alles, was da nicht in der Ordnung war, vielleicht hatte er selbst eine Rolle mitgespielt in dieser traurigen Geschichte?

Bei diesem Gedanken suchte sich Beverl auf die Züge des Burschen zu besinnen, aber sie hatte nur eine verschwommene Erinnerung an das blasse Gesicht, dem die Stoppeln des dunklen Bartes ein so verwildertes Aussehen gegeben, und das ihr überdies in ihrer Angst und Verzweiflung wie ein Entsetzten erregendes Schreckbild erschienen war. Und in Wahrheit hatte er doch gewiss ein gutes, freundliches Gesicht - das wusste sie sich nun gar nicht anders zu denken. Wie töricht war ihre Angst gewesen. Er war ja wohl ebenso sehr vor ihr erschrocken, wie sie vor ihm. Er hatte ja nicht wissen können, wen er in der Kammer vorfinden würde - in seiner Kammer. Da war ja in Wirklichkeit nicht er der Eindringling, sondern sie selbst. Und dennoch war kein raues Wort über seine Lippen gekommen - und wohl mit unwiderstehlicher Kraft, doch nicht mit roher Gewalt war es geschehen, als er sie gehascht hatte, um sie an seiner Brust gefangen zu halten.

An seiner Brust! Bei diesem Gedanken durchzuckte ein seltsamer Schreck ihre kindliche Seele. Jetzt erst kam sie zum Bewusstsein der Lage, in der sie sich ihm gegenüber befunden. So, wie sie war, so hatte sie vor den Augen des jungen Mannes - - sie vermochte diesen Gedanken nicht auszudenken. Sie schauerte in sich zusammen, und dennoch fühlte sie, wie ihr das Blut brennend in die Wangen schoss. Ihre Blicke glitten über die nackten, eng um den Busen geschmiegten Arme und über das zitternde Linnen. Sie presste sich in die Ecke, um dem hellen Mondlicht auszuweichen, das ihr langsam über die Dielen nachgeschlichen war. Sie hätte sich am liebsten vor sich selbst verbergen mögen -und konnte es doch nicht wehren, dass sie wie heiße Glut auf ihren armen und Wangen den Druck seiner Hand, an ihrem Körper den Druck seines Armes nachempfand, und dass es ihr war, als fühlte sie noch immer an ihrer Brust das ungestüme Pochen seines Herzens. Und da schlug sie jählings die beiden Hände vor die Augen und brach in heftiges Schluchzen aus.

Lange, lange währte es, bis ihre Tränen versiegten. Sei richtete sich auf und begann sich anzukleiden. Sie wusste kaum, dass sie es tat, noch weshalb sie es tat.

Als sie angekleidet war, stand sie lange inmitten der Kammer, vor sich nieder starrend, die Hände auf das pochende Herz gepresst.

Nun horchte sie auf. Aus der Stube herauf hörte sie wie dumpfes Murmeln die wechselnden Stimmen der beiden Brüder. Im gleichen Augenblick aber stieg es ihr heiß in die Wangen: Sie lauschte! Hastig wollte sie die halb offene Türe schließen; aber der Riegel war abgesprengt, und so heilt die Türe nicht in den Fugen.

Zitternd setzte sie sich auf den Rand ihres Bettes.

Drunten im Hof tönte das Heulen und Bellen des Hundes, der unablässig mit den Pfoten and er Haustür scharrte und kratzte; und nun hörte Beverl, wie Jörg in den Flur trat, um das ungeduldige Tier einzulassen, das mit freudigem Gewinsel in die Stube sprang. Sie hörte, wie der Vetter das Haus verließ, und ein Geräusch verriet ihr, dass er vor den Stubenfenstern die Läden schloss. Eine stumme Weile verstrich, dann wieder ließen sich die Schritte des Bauern vernehmen, der ab- und zuging in Küche und Keller.

Nun schrak das Mädchen zusammen - aber nein, das waren ja nicht die Schritte des anderen, das waren die Schritte des Bauern, die da über die Treppe empor geeilt kamen.

Jörg trat ein, ohne Licht. Er schien sich einem der Schränke nähern zu wollen. Plötzlich aber ging er auf das Mädchen zu, und Beverl fühlte, wie die Hand zitterte, die sich schwer auf ihre Schulter legte.

"Arms Deandl, gelt, bist recht erschrocken!", hörte sie ihn sagen - und hätte Beverl den Jörgenvetter nicht so genau erkannt, sie hätte glauben müssen, ein Fremder stünde vor ihr, so verändert und tonlos klang diese Stimme. "Aber gelt, Beverl ... musst nix Args net denken! Unglück is alles ... Unglück! Und schau, Beverl ... bei Deiner Lieb zu Dei'm seligen Vaterl ... verrat kei'm Menschen was von dem, was erlebst hast heut in der Nacht. Du därfst mein' Ferdl net g'sehen haben ... mit kei'm Aug net! Gelt, Du verstehst mich schon?"

Der grenzenlose, unsagbare Jammer, der aus dieser gebrochenen Stimme sprach, tat ihr in tiefster Seele weh. Sei vermochte keine Antwort zu geben und nickte nur immer mit dem Kopf.

Jetzt wandte sich Jörg, riss mit ungeduldigen Händen den Schrank auf, belud seinen Arm mit verschiedenen Kleidungsstücken, und taumelnd wie ein Trunkener verließ er die Kammer.

Beverl saß auf dem Bett, es lag über ihr wie eine Lähmung, sie hatte keine Gedanken mehr, sie weinte nur und weinte.

Ob es Minuten, ob es Stunden waren, die ihr so verstrichen, sie wusste es nicht. Es war ihr nur plötzlich, als hätte sie Tritte über den Kiesweg knirschen hören, der unter ihrem Fenster vorüber führte. Unwillkürlich eitle sie auf das Fenster zu, um die noch immer offen stehenden Scheiben zu schließen. Da hörte sie unter sich eine flüsternde Stimme:

"Er ischt drin ... er ischt drin!"

Ein einziges Mal erst hatte sie diese Stimme gehört, und dennoch wusste sie nun beim ersten Wort schon, wem sie gehörte. Eine Sekunde stand sie in zitterndem Schreck, dann huschte sie aus der Kammer, hinunter über die Treppe. Atemlos und pochenden Herzens verhielt sie vor der Stubentür den Fuß. Schluchzende Worte schlugen von da drinnen an ihr Ohr:

"- und wenn mir zehn Mal sagst: Ich versteh's, ich versteh's, und mir wär's auch net anders 'gangen ... es ist halt doch so fürchtig, so fürchtig, ein Menschenleben auf sei'm G'wissen z'haben ... und er grad ... er, dem ich so gut war von ganzem herzen! Aber er is über mich 'kommen, dass ich net g'wusst hab, wie! Und erst, wie er dag'legen is vor mir, übergossen vom Blut ..."

Mit schaudernden Sinnen drückte Beverl die Klinke nieder und wankte in die Stube.

Jörg kam ihr entgegengestürzt, mit ausgestreckten Armen, als wollte er sie wieder zurückdrängen über die Schwelle. Das verstörte Aussehen des Mädchens musste ihn aber wohl vermuten lassen, dass etwas Unerwartetes geschehen wäre.

"Deandl ... um Gottes willen ... was is?"

Beverl wagte die Augen nicht zu erheben. Zitternd stand sie, das Kinn auf der Brust, und sprach in stammelnden Worten von der flüsternden Stimme, die sie gehört, und von ihrer Vermutung, wem diese Stimme gehören müsse.

"Jesus Maria!", stöhnte der Bauer. "Ferdl! Fort! Fort aus'm Haus! Da is der Rucksack, alles is drin, Geld, G'wand und Essen! Verhalt dich an kei'm Platzl net ... morgen am Abend musst über der Grenz sein! Fort ... fort ... in die hintere Stuben ... und durch die Milchkammer naus ..."

Röte und Blässe wechselten auf Beverls Wangen. Sie brachte die Augen nicht von den Dielen los. Sie hörte nur, wie Ferdl hinter dem Tisch hervorsprang, wie er nahm, was der Jörgenvetter ihm reichte, wie er sich dem Bruder an den Hals warf und schluchzte: "Jörg! Jörg! B'hüt Dich Gott, mein Jörg! Bet Du für mich an meiner Hanni ihrem Grab! Und unser Herrgott soll uns ein wieder Finden geben!"

"Fort, fort, fort ...", das war das einzige Wort, welches Jörg noch über die Lippen brachte. Mit beiden Armen schob er den Bruder der Türe zu. Nun kamen sie an Beverl vorüber, die das mit Tränen überströmte Gesicht verborgen hielt in den zitternden Händen. Sie sah es nicht, sie fühlte es nur, wie Ferdl vor ihr die Schritte verhielt, als wollte er zu ihr sprechen - aber nur das stammelnde "Fort, fort ..." des Bauern bekam sie zu hören, der den Bruder mit sich hinaus riss über die Schwelle, während der Hund mit unruhigem Gewinsel ihnen voraus sprang in den finsteren Flur.

Die Schritte verstummten, dann war Stille, und nur der träge, schläfrige Pendelschlag der Wanduhr war noch zu hören.

Beverl wollte sich der Holzbank nähern. Aufkreischend aber fuhr sie zurück. Unter schweren Faustschlägen dröhnte der Fensterladen, die Stimme fast übertönend, die draußen im Hof den Namen des Bauern rief.

Mit angstvollen Augen starrte das Mädchen um sich. Da sah es den Jörgenvetter lautlos unter der Tür erscheinen. Mit beiden Armen stützte er sich an die Balken. Seien Augen glühten, und fahle Blässe deckte sein Gesicht. Er schien es nicht zu hören, als am Fenster die hallenden Schläge sich wiederholten. Den Kopf über die Schulter zurückgeneigt, lauschte er die Tiefe des Hauses zu. Jetzt flog ein Zucken über seien Meinen, und ein tiefer Atemzug schwellte seine Brust.

Zum dritten Mal dröhnte der Fensterladen unter rascheren, heftigeren Schlägen

Straff richtete Jörg sich auf und trat in die Mitte der Stube.

"Was gibt's da draußen? Wer will was von mir? Jetzt in der Nacht?"

Vor dem Fenster wurde ein kurzes Wispern hörbar, dann ließ eine fremde, scharf klingende Stimme sich vernehmen: "Georg Fink! Im Namen des Gesetzes! Öffnen sie die Türe!"

Jörg nahm die Lampe vom Tisch - ihr gläserne Glocke klirrte, so zitterte seine Hand - und verließ die Stube.

Beverl wollte sich im Finstern der Bank entgegentasten, doch ehe sie dieselbe noch erreichte, sank sie schluchzend auf die Knie. Draußen rasselte der Riegel, die Türe knarrte, und dann hörte das Mädchen den Jörgenvetter sagen:

"Die Tür is offen! Aber eh wer ein' Fuß über meine Schwell setzt, möcht ich wissen, was das alles zu bedeuten hat? Was hat ein Schandarm in der Nacht zu suchen in mei'm Haus?"

"Nix für ungut, Finkenbauer, nix für ungut," klang die sprudelnde Stimme des Kommandanten, "es ischt wägerle für mich selber das Allerärgste, was mir hätt passiere können! Aber gegen die Pflicht, gegen die eidesgeschworene Berufspflicht kann die Freundschaft älleweil net aufkommen ... und ... das ist eine verfluchte Geschichte ... da sehen Sie selber ... da ischt dieser Herr reitende Herr Gendarm, der mir den allerstrengsten Befehl überbracht hat ... und dessetwegen ... es wär halt am besten, wenn sich der Finkenbauer net im gringsten sträuben möcht ... die Haussuchung wird in aller Stille und Ordentlichkeit vorgenommen werden, und ich bin ja überzeugt, dass net das Gringste z'finden sein wird, denn der Finkenbauer ischt ja überall und älleweil bekannt als ein rechtlicher Mann!"

"Wir dürfen keine Zeit verlieren," wurde Herr Wimmer von jener fremden, scharf und ungeduldig klingenden Stimme unterbrochen. "Georg Fink, ich fordere Sei auf, mir anzugeben, was Ihnen über den gegenwärtigen Aufenthalt des Unteroffiziers Ferdinand Fink bekannt ist, der sich vor zwei Tagen widerrechtlich von seinem Regiment entfernt hat und im Verdacht steht -"

Die Stimme verstummte, als lauschte derjenige, der da gesprochen, dem heiser kläffenden Gebell, das von der Gartenseite des Hauses erscholl. Jetzt erlosch das Gebell mit einem stöhnenden Heulen, und gleich darauf lenkten eilende Schritte um die Hausecke.

"Herr Kommandant, hab zu melden ...", schlugen keuchende Worte an Beverls Ohr, "drin is er g'wesen, drin im Haus ... und durch'n Garten hat er fort wollen ... ich hab ihn g'nau erkannt, and er Uniform, and er ich die Knöpf hab blitzen sehen. Aber wie ich ihm nach will, fallt das Hundsviech über mich her ... und natürlich, bis ich mir Luft g'schafft hab ..."

Ein dumpfer Schlag, dem ein schmetterndes Klirren folgte, übertönte die Stimmen und die enteilenden Tritte der Gendarmen.

Jammernd stürzte Beverl hinaus in den jählings verfinsterten Flur und sah den Jörgenvetter neben der zerschellten Lampe wie leblos hingestreckt auf den Steinen liegen. Während sie sich an seiner Seite niederwarf, füllte sich schon die Türe mit den herbeieilenden Mägden und Knechten. Emmerenz erschien mit einem Licht. Allen andern voraus aber drängte sich Dori:

"Ja was is denn? Um aller Heiligen willen! Beverl! Es wird doch Dir nix g'schehen sein?"

"Hilf Dori, hilf, hilf ... da schau ... der Jörgenvetter!", schluchzte das Mädchen.

Draußen vor der Tür ließ sich Baltls Stimme vernehmen: "Sauber! Sauber! Schandarmen und Haussuchung ... und ein Spitzbub unter'm Dach. Da kann sich der Finkenbauer jetzt sein' Kampel scheren lassen. Goldfink? Ja, schön ... 'beim Mistfink' soll man's heißen auf dem Haus." Und mit rohem Gelächter schritt der Knecht über den Hof hinweg der Straße zu.

Emmerenz war nach der Küche geeilt, um Wasser zu holen. Doch ehe sie noch zurückkehrte, schlug Jörg schon die Augen auf. Mit starren Blicken schaute er um sich. Dor i und Beverl stützten ihn, als er sich aufrichtete. Wortlos winkte er mit der Hand den Knechten und Mägden zu, dass sie sich entfernen möchten. Doch er duldete, dass Dori mit ihm die Stube betrat. Als Beverl den beiden folgte, sah sie die Türe des Nebenzimmers offen. Auf der Schwelle stand Pepperl im Hemdchen und rieb sich mit den kleinen Fäusten die verschlafenen Augen. Sie brachte den Knaben in seine Kammer zurück. Eine Weile redete das schlaftrunkenen Bürschlein in lallenden Worten vom "Hassl", der gebellt hätte, und von einem "fürchtigen Kracher", dann drückte es gähnend das Köpfchen in die Kissen und schloss die Augen.

Schon wollte Beverl die Kammer verlassen, da rief ein schüchternes Stimmchen ihren Namen. Beverl näherte sich dem Bett des kleinen Lisei und sah das Kind mit offenen Augen liegen.

"Ja Schatzerl, warum schlafst denn net?", stammelte Beverl und ließ sich vor dem Bett auf die Knie nieder.

Das Kind schlang die Ärmchen um Beverls Hals.

"Du, Beverl, denk Dir grad, mir hat vom Edelweißkönig 'träumt: Du hättst sein Königsbleaml g'funden! Und nachher is er 'kommen, ja, und grad so blaue Augen hat er g'habt und braune Haar, als wie der Ferdl hat ... und so viel gut und freundlich is er g'wesen ... gar net zum fürchten ... aber Beverl, was hast denn? Weswegen weinst denn jetzt?"

Die herzliche Frage bleib ohne Antwort. Beverl drückte das Gesicht in die Kissen, um das Schluchzen zu ersticken, unter dem ihr Körper zuckte und zitterte. Da brach auch das Kind in leises Weinen aus, und so hörten die beiden nicht, wie draußen in der Stube die Türe ging und Dori mit bebender Stimme berichtete:

"Gar nix hab ich g'sehen, Bauer ... und gar nix g'hört! Keine Menschenseel is zum derschauen! Aber hint im Garten liegt der Hassl im Gras ... maustot erschlagen!"

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