Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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      Ludwig Ganghofer
         Edelweißkönig
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Kapitel 3

In die Stube trat eine untersetzte, leicht zur Korpulenz neigende Mannsgestalt in der dunkelgrünen Uniform der Gendarmen. Der Gutmütigkeit des Gesichtes konnte der martialische Schnurrbart wenig anhaben, da die verdüsternde Wirkung desselben durch den beruhigenden Purpuranflug der rundlichen Nase so ziemlich ausgeglichen wurde. Nur in den Augen zeigte sich etwas, was nicht "ganz gut" war, ohne gerade böse zu sein. Sie standen weit offen und hatten einen merkwürdig gierigen Blick.

das war Herr Simon Wimmer, der "Kommandant", der im Rang eines Feldwebels stehende Befehlshaber des im Dorf liegenden, zwei Mann hohen Gendarmeriepostens. Vor neununddreißig Jahren war er im Land der dreispitzigen Hüte und langen Rockschöße geboren worden. In den letzten zwölf Jahren seines Lebens, die er zumeist in oberbairischen Ortschaften verbracht, hatte er sich wohl den oberbairischen Dialekt so ziemlich angewöhnt; doch hatte er neben so manchen Merkmalen seiner schwäbischen Heimatsprache besonders die Hast des Sprechens beibehalten, die dem Schwaben eigentümlich ist, die aber zum oberbairischen Dialekt ungefähr passt wie der flatternde, langflügelige Rock zu den nackten, sonngebräunten Knien und den schweren Nagelschuhen. Und da war nun seien Art zu reden gar wunderlich anzuhören.

Die Leute im Dorf, in das er vor drei Jahren versetzt worden war, zeigten sich ihm nicht sonderlich gewogen, obwohl er in Waltung seines Amtes durchaus keinen bösartigen Charakter entfaltete. Aber der Bauer ist dem grünen Tuch mit den blanken Knöpfen im allgemeinen nicht sehr freundlich gesinnt, und im besonderen hatte es Herr Wimmer nie verstanden, sich bei den Leuten in guten Respekt zu setzen. In der einen Stunde zog er grundlos die hochmütige Amtsmiene auf, und das verdross die Leute. In der anderen Stund eben nahm er sich ebenso grundlos gegen jeden ohne Auswahl mit jener übervertraulichen Kameradschaftlichkeit, die dem Bauer, wenn sie nicht von seines gleichen kommt, immer Geringschätzung einflößt. Die Folge davon war, dass ihm mit ausdauernder Freundlichkeit eigentlich nur jene entgegenkamen, welche Ursache hatten, ihn um seiner Stellung willen zu fürchten. Einen heiligen Respekt aber hatte die holde Weiblichkeit des Dorfes vor ihm - das heißt, weniger vor ihm als vor seinen dicken Fingern, welche eine unverbesserliche Neigung, die sie sogar zu jener Zeit nicht abgelegt hatten, in der ihr Besitzer der "Finkenhofschwester" auf Freiersfüßen nachgestiegen war, wobei er sein zweckloses Unterfangen durch die Behauptung motiviert hatte: "Büldung und Büldung g'hören älleweil zu einander, und ein Ang'stellter wird ihr wägerle (wahrhaftig) lieber sein als so ein unfürmiger Baureknecht."

Seit jener Zeit war dem Herrn Simon Wimmer der Spitzname "die ang'stellte Büldung" verblieben, als einer der vielen, die im Dorf von ihm gebraucht wurden. Unter ihnen allen aber waren es besonders drei, die sich eines bevorzugten Gebrauchs erfreuten. Da nannte man ihn einmal mit einer doppelt an seien Heimatsprache gemahnenden Diminutivform den "Simmerle Wimmerle". Diesen Spitznamen hatte ihm ein Bursche aufgebracht, der ihn einst bei einem zärtlichen Stelldichein belauscht und dabei zu der Dirne hatte sagen hören: "Schatzele, geh, sag Simmerle zu mir." Andere wieder nannten ihn "die verfluchte Geschichte", und das leitete sich von einer typischen Redensart her, die der Herr Kommandant in sorgenvollen Momenten oder in Augenblicken der Unentschlossenheit im reinsten Hochdeutsch zwischen den Mischmasch seiner beiden Dialekte einzuwerfen liebte: "Das ist eine verfluchte Geschichte!" Dazu schob er von oben her die grüne Mütze tief in die Stirn, und kraute sich mit hurtiger hand den struppig behaarten Hinterkopf. Die meisten aber nannten ihn den "Didididi", und sie trafen mit diesem Naturlaut ziemlich genau den merkwürdig hölzernen Klang des kurzen Gelächters, welches Herrn Wimmer eigen war; das klang, wie wenn der Buntspecht hämmert an einer hohlen Fichte.

Mit diesem Lachen trat Herr Wimmer in die Stube. Gar freundlich grüßte er die beiden am Tisch, während er, unter der Türe noch, die Säbelgurte locker schnallte. Jörg erwiderte den Gruß, den Gidi mit einem Scherz von derber Anzüglichkeit beantwortet hatte, und erhob sich mit der Frage, was dem Finkenhof die Ehre dieses "seltsamen Besuches" verschaffe.

"Didididi!", lachte Herr Wimmer und blinzelte den Bauer mit einem Blick an, als ob er ihn für den durchtriebensten Schelm auf Gottes Erde hielte. "Was ischt denn das? Was ischt denn das? Ein kleins Geheimnisle auf'm Finkenhof? Ich hab ja ein neus G'schichtle g'sehen, ein neus G'schichtle ... und was für ein saubers G'schichtle! Und natürlich, natürlich, so was muss ich gleich veraugenscheinigen, ich in meiner Stellung als oberste Aufsichtsbehörde ... uuh!" Herr Wimmer hatte sich dem offenen Fenster genähert, legte die Mütze ab und schob den Kopf mit einiger Mühe durch die engstehenden Eisenstäbe. "Älleweil noch ein finsters G'schichtle ... älleweil noch?", lachte er in den Hof hinaus, ohne von Beverl eine Antwort zu erhalten.

"Du, den wirst jetzt wieder alle Tag zum anschauen kriegen in dei'm Hof," flüsterte Gidi dem Bauer zu. "Ich mein', bei dem brennt's schon wieder."

"Mein, im Stroh zündt's halt leicht."

Von Gidis Lippen schütterte ein lautes Lachen, und als hätte Herr Wimmer dieses Lachen auf sich bezogen, so hastig versuchte er seinen Kopf durch das Eisengitter zurückzuziehen, ein Versuch, der dem Herrn Kommandanten einen stöhnenden Schmerzensruf entpresste. gleich zwei Widerhaken hielten ihn seine beiden Ohren vor den Eisenstäben gefangen, und erst, als Herr Wimmer seinen Befreiungsversuch mit geduldiger, überlegungsvoller Ruhe wiederholte, gelang es ihm, sein dem Umfang nach so wohlgeratenes Haupt aus dieser unangenehmen Zwangslage zu erlösen.

Die beiden am Tisch lachten, dass ihnen die Tränen in die Augen traten; und als Herr Wimmer sich ihnen näherte, mit den Händen die geröteten Ohren reibend, sagte Gidi: "Ja, schauen S', so ein g'sundes Köpfl hat halt net ein jeder. Bei uns, da sind halt die Fenstergitter grad aufs Bauernkopfmaß g'rechnet."

Herr Wimmer spielte den Klugen und lachte mit, obwohl ihm die innerliche Verdrossenheit deutlich aus den Augen sprach. Dann kam er wieder auf das "neue, saubere G'schichtle" zu reden, und er setzte dem Finkenbauer so lange mit Fragen zu, bis er alles erfahren hatte, was Jörg über Beverls Herkunft zu berichten wusste.

Vor wenigen Wochen erst hatte er das Mädchen in sein Haus gebracht. Bevis "Vaterl" war jener Bruder der Finkenbäuerin gewesen, der tief in den Bergen das kleine Haus besaß. Die Leute hatten von ihrem Standpunkt aus gar mancherlei Gründe, wenn sie sagten, er wäre ein "g'spassiger Kamerad" gewesen. Er verkehrte nicht gerne mit Menschen. Das war schon als Knabe seine Art gewesen. Mit elf Jahren war er Hüterbub geworden. Als er aber sechs Jahre später zum Senn avancierte, taugte ihm das "milchige G'schäft" nicht lange; da wurde er Holzknecht. Aber niemals verdingte er sich an einen Rottmeister - er arbeitete nicht gerne mit andern Knechten, denn es kränkte ihn, dass sie darüber spotteten, wenn er vor dem Fällen eines Baumes über denselben den Bannsegen sprach, damit die "Alfin" durch die Axthiebe nicht verwundet würde, oder wenn er, der vor dem wilden Jäger fliehenden Waldweiblein denkend, in den frischen Baumstock die zwei schief liegenden Kreuze schnitt, damit die armen Verfolgten gefahrlos darauf rasten könnten. So nahm er nur Arbeit für sich allein an und mühte sich tagsüber redlich in seinem Schweiß. Doch wenn mit Einbruch des Abends seine Axthiebe in stillen Bergwald verhallt waren, dann freute er sich der Ruhe und saß bis in die sinkende Nacht vor seinem niederen, aus Rinden gefügten Obdach, in stummer Zwiesprach mit der niemals schlummernden Natur. Nie sah man ihn in einem Wirtshaus, nie bei einer Lustbarkeit, und auch in der Kirche nur an den höchsten Festtagen. Er wusste mit den Menschen nicht zu reden, dafür um so besser mit seinen Tieren. Pflanzen und Steinen. Alle Tier- und Vogelstimmen wusste er nachzuahmen. In der Nähe seiner Hütte nisteten zahlreiche Vögel, denn er rief sie mit ihren Stimmen und streute ihnen Brotkrummen und getrocknete Beeren. Das Wild scheute nicht vor ihm, und häufig geschah es, dass er ein verirrtes Kitzlein, nachdem er es mit dem Schmälruf der Gais an sich gelockt, mit den Armen fing und in die Nähe des Dickichtes trug, das er als den Standort des Muttertieres kannte. Die Bäume, Blumen und Pflanzen waren für ihn nicht leblose Produkte der Natur. Ihre mannigfache, äußere Gestalt erschien ihm gleichsam als die verschiedenartige Gewandung verschiedener Wesen, deren Leben in der äußeren Wandlung der Pflanzengestalt, in Wachstum und Blüte sich bekundete. Selbst das starre Gestein erschien ihm als die Hülle ähnlichen Lebens. Er liebte die Natur, und deshalb bevölkerte er sie. Und all jene Wesen, mit denen er die Natur bevölkert sah, setzte er in harmonische Beziehung zu dem Gott, an den er als guter Christ glaubte, an den er um so fester glaubte, je weniger er es jemals versucht hatte, sich von Gott ein klares Bild zu machen. Er dachte seinen Gott nicht, er fühlte ihn, fühlte ihn als Inbegriff alles Guten und Gerechten. Gut, ja - "gut", das war das Grundwort der Sprache, die das Herz dieses Menschen redete. Ein guter Gott und gute Geister, und sie beide wirkend zum Wohl guter Menschen! Das wenige Böse, dessen Vorhandensein er anerkennen musste, erschien ihm nur als ein Wechsel, als ein Übergang vom Guten zum Besseren. Weshalb aber gerade solch ein "Wechsel" und "Übergang" notwendig wäre, das kümmerte ihn nicht, das musste Gott wissen, der das gewiss nicht zulassen würde, wenn es nicht so sein müsste. Dieser Gedanke stand in ihm fest, er klügelte nicht daran, höchstens dass er ihn durch einen Vergleich für sein Verständnis zurecht legte. Er verglich das Böse im Leben mit dem Winter in der Natur, der ja auch als Übergang vom Herbst in den Frühling nötig war, obwohl alles Atmende und Keimende unter ihm zu leiden hatte. Natur und Natur, das war der Ausgang und das Ziel all seines Fühlens und Denkens, der Verkehr mit der Natur seine einzige Freude. Aber es kam für ihn eine Zeit, in der zu dieser Freude noch eine andere, reichere sich gesellte. Er zählte sechsunddreißig Jahre, als sein herz erwachte. Damals hatte er tief in den Bergen gearbeitet. Dort stand in einem engen hochgelegenen Tal, das vom Dorf sieben wegstunden entfernt war, ein kleines Haus, das ein alter Köhler mit seiner jungen Tochter bewohnte. Mariann's Bruder hatte das stille, freundlich blickende Mädchen häufig gesehen, wenn es beim Kräutersuchen und Beerensammeln in die Nähe seines Arbeitsplatzes gekommen war, aber nie hatte er die Dirne angesprochen, wenngleich sie ihm wohl gefallen hatte beim ersten Blick. Da kam sie selbst eines Tages zu ihm: Ihr Vater läge krank, und sie wüsste sich nicht mehr zu raten. Er ging mit ihr, wortlos, und er sah es gleich, dass dem Alten nicht mehr zu helfen war. Einen Tag und zwei Nächte saßen die beiden am Lager des Sterbenden. Als es mit ihm zu Ende war, zimmerte der Holzknecht einen groben Sarg, legte den Toten hinein und trug ihn auf seinen Schultern nach dem eine Wegstunde höher gelegenen Wallfahrtskirchlein Mariaklausen. Als er wieder zurückkehrte, begann er für das Mädchen zu sorgen. Die beiden redeten mit einander, als hätte es nie eine Zeit gegeben, in der sie sich nicht gekannt. Sie sprachen kein Wort von Liebe. Er fragte nicht: "Willst du mir angehören?" Sie sagte nicht: "Ich will Dein eigen sein!" Er nahm sie, und sie gab sich ihm, und so blieben sei beieinander. Nach einem Jahr gebar ihm das Weib ein Mädchen, das er alte Kaplan von Mariaklausen auf den Namen Eva taufte. Das Kind war der Abgott des Vaters, und seine liebevolle Fürsorge für das herzige Wesen, in dem alle guten Eigenschaften des Vaters und der Mutter vereinigt schienen, verdoppelte sich noch, als er im sechsten Jahr seines Glückes sein junges Weib verlor. Sie starb an dem Biss einer Kupfernatter. Am Morgen war sie gebissen worden, und als am Abend der Mann aus dem Bergwald nach Hause kam und das Unheil unter seinem Dach fand, vergingen ihm die Sinne, und er stürzte zu Boden. Das war, wie wenn unter der Axt eine Tanne hinstürzt über den Waldgrund. Als ihm das Bewusstsein wiederkehrte, jammerte er nicht. Er tat, was er zu tun verstand. Er saugte die Wunde aus, wusch sie mit dem Absud gestoßener Eschenrinde und band ein Häufchen Sägespäne von Eschenholz darüber, die er mit dem heilsamen Saft der Bibernellwurzel befeuchtet hatte. Aber alle Hilfe kam zu spät - und wieder hatte der Holzknecht einen Sarg zu zimmern. Von nun an musste der Vater seinem Kind die Mutter ersetzen. Das hielt in den ersten Wochen wohl schwer, aber die Liebe lehrte es ihn. An schönen Sommertagen nahm er das Kind mit sich in den Wald, wo es unter der Rindenhütte seine stillen, bescheidenen Spiele trieb, während draußen der Vater arbeitete. Zur Mittagsstunde schob er ihm auf dem Holzlöffelchen die einfache Kost in das kirschrote Mäulchen, dann nahm er sein Beverl auf die Knie, lehrte es die Tiere und Vöglein kennen, nannte ihm die Namen der Pflanzen und Steine und plauderte zu ihm von dem geheimnisvollen Leben, das nach seinem Glauben in ihrem Innern webte. Pünktlich nach einer Stunde nahm er die Arbeit wieder auf; aber wenn sie des Abends nach Hause kehrten, setzten sie sich auf die Holzbank unter den rauschenden Tannen, und dann wiederholte sich das gleiche, freundliche Spiel. An regnerischen Tagen konnte der Vater sein Dirnlein getrost zu Hause lassen, denn das Beverl war mit fünf Jahren schon bei all seiner stillen, scheuen Schüchternheit ein gar beherztes Dinglein. Wovor auch hätte es sich fürchten sollen? Menschen kamen nur selten in diese Einöde - und im übrigen hatte der Vater sein Kind beizeiten gelehrt, die Natur und ihr Leben nicht zu fürchten, sondern zu lieben. Der Winter vereinigte die beiden in der traulichen, behaglich durchwärmten Stube, denn da arbeitete der Vater zu Hause; und während er vor seiner Werkbank saß und aus den weißen, astlosen, geschmeidigen Tannenbrettchen die verschiedenartigsten Schächtelchen und Schachteln fügte, übertrug er bei all dem stundenlangen, zärtlichen Geplauder in das Herz seines Dirnleins, das ihm nach Kräften bei der Arbeit an die Hand ging, sein ganzes Träumen, Sinnen, Fühlen und Glauben. Täglich zur Mittagsstunde traten sie vor die Türe, wo der tiefe Schnee, der den Grund und die Bäume deckte, wo der zu Eis erstarrte Bergbach im kurz während Sonnenschein funkelte. Dann streute das Kind den frierenden Vögeln Nahrung, während der Vater über eine vom Schnee entblößte Stelle ein Bündel Bergheu schüttete, zur Äsung für das Wild, das vom Morgen an in Rudeln das kleine Haus umstand, der Stunde harrend, zu der die niedere Türe sich öffnete. So schwand den beiden Tag um Tag. Das Ausbleiben des Wildes war für sie das erste Anzeichen des nahenden Lenzes. Bald kamen mildere Tage, die den Schnee die wachsende Kraft der Sonne verspüren ließen; dann aber hub ein Stürmen und Tosen an rings um das kleine Haus, der schwüle Föhnwind brauste durch den stielen Tann, dass die Bäume ächzten und die Erde erschütterte, und von den felsigen Höhen nieder grollten die dumpfen Donner der stürzenden Lawinen. Die Stürme vertobten, klare Bläue wölbte sich über Berg und Tal, bei Veilchenduft und Vogelgesang erwachte der Lenz, und wieder zogen Vater und Kind hinaus in den frisch grünenden Bergwald. Drei Winter schwanden ihnen so, und Beverl war acht Jahre alt geworden, als ihre Vaters Schwester, die Mariann, das "große Glück" machte. Da drängte nun der Finkenbauer den Schwager, mit seinem Kind zu ihm ins Dorf zu ziehen. Der aber konnte sich ein Leben fern von seinem Wald und seinem Waldhaus nicht denken. Er blieb, wo er war und was er war. Nicht einmal zu einem kurzen besuch im Finkenhof konnte er sich entschließen; wenn Jörg den Schwager, Mariann den Bruder sehen wollte, mussten sie die sieben Stunden bergwärts fahren. Acht neue Jahre gingen dahin, aus dem lieblichen Waldkind war das blühende, träumerische, rehäugige Mädchen geworden, auf das Haupt des Vaters aber war ein Schnee gefallen, den keine Frühlingssonne schwinden machte. Wieder hatte der Winter seinen weißen Teppich über Höhen und Tiefen gedeckt; da war es am Weihnachtsmorgen. Beverl stand unter der Tür und lockte die Vögel, die im Frost pispernd und wispernd ihre Federn sträubten. Der Vater aber hatte gemeint, auch das Wild sollte den Tag vermerken, der voreinst den göttlichen Helfer für Not und Elend geboren hatte, und so stand er nun am Waldsaum, unfern vom Haus, klingend hallten die Schläger seiner Axt, er fällte einen Fichtenstamm, damit das Wild die zarten, saftigen Zweigspitzen äsen könnte. Krachend stürzte der Baum und streifte im Stürzen eine Buche, wodurch ein schwerer Ast gebrochen und seitwärts geschleudert wurde. Mit gellendem Aufschrei flog das Mädchen auf den Vater zu, der, von dem Ast auf die Stirn getroffen, lautlos niedersank auf den Grund, dessen weißer Schnee von dem strömenden Blut sich rötete. Jammernd warf sich das Kind über den Vater, rüttelte mit den kleinen Händen sein blutendes Haupt und rief ihn schluchzend mit allen Namen, welche Zärtlichkeit und Liebe in qualvollem Schmerz nur ersinnen können; doch als sein Auge starr blieb und stumm sein Mund, da zeigte sich in Eva die Tochter dieses Vaters. Mit Gewalt überwand sie ihre Tränen, der hundert Mal gehörten Lehre ihres Vaters denkend, dass der Seele eines Toten die um ihn geweinten Tränen brennendes Weh bereiten. Dennoch brach sie noch einmal in lautes Schluchzen aus: Als ihr bei dem Versuch, die Leiche in das Haus zu verbringen, die Kräfte versagten, da eilte sie in die Stube, nahm das kleine Kruzifix aus dem Herrgottswinkel, kehrte zum Vater zurück, faltete ihm die Hände über der Brust und legte das heilige Zeichen zwischen die erstarrenden Finger. Dann machte sie sich auf den Weg nach Mariaklausen. Volle sieben Stunden brauchte sie, bis sie das nur eine Wegstunde höher gelegene Kirchlein mit dem Kaplanhaus in Sicht bekam. Häufig, wenn sie bis über die Brust in den tiefen Schnee versunken war, hatte sie die Versuchung angewandelt, die Hände zu alten, die Augen zu schließen und so zu harren, bis der frierende Tod ihre Seele der Seele des Vaters vereinigen würde; aber der Gedanke, dass dann die Leiche des Vaters unbeerdigt liegen müsste, schutzlos den hungernden Füchsen überlassen, spornte immer wieder von neuem ihre schwindenden Kräfte. Den letzten steilen Hang vermochte sie nicht mehr zu erklimmen; doch war sie von den Leuten im Kaplanhaus schon gewahrt worden, und die beiden Kirchenknechte kamen ihr zu Hilfe. Als sie vor dem alten Kaplan in der mönchisch kahlen Stube stand, versagten ihr fast vor Frost und Entkräftung die Worte. Die bejahrte Wirtschafterin nahm ihr die vom Schnee durchnässten Kleider ab, wickelte sie in warme Decken und brachte sie zu Bett. Inzwischen stiegen die beiden Kirchenknechte talwärts nach dem Waldhaus. Spät in der Nacht erst kehrten sie mit der Leiche zurück, und sie wussten nicht genug zu reden von der wundersamen Gesellschaft, in der sie den Toten gefunden. Rings um ihn hätten die Bäume gewimmelt von Vögeln, Hirsche und Rehe hätten ihn im Kreis umstanden, auf seiner linken Schulter aber wäre ein großer weißer Vogel gesessen, wie sie all ihrer Lebtage noch keinen gesehen, und der hätte mit menschlicher Stimme zu dem Wild geredet. Als sie sich genähert, hätte sich der Vogel pfeilgerade in die Luft erhoben, das Wild aber hätte sich nicht vertreiben lassen, und während sie die Leiche bergwärts trugen durch die Nacht, hätten sie bald hinter sich, bald seitwärts im Wald trippelnde Schritte gehört, so dass es ihnen ganz unheimlich geworden wäre und sie sich ein um das andere Mal bekreuzigt hätten. Beverl konnte den beiden Knechten nicht erklären, dass jener seltsame Vogel ihr liebes "Hansi" gewesen, eine weiße Dohle, die ihr Vater gezähmt und abgerichtet hatte, nachdem er sie im vergangenen Frühling unter dem Nest gefunden, aus dem die alten Vögel das in der Farbe missratene Junge gestoßen hatten - denn als die beiden Knechte die Leiche in das Kaplanhaus brachten, lag Beverl schon in glühendem Fieber. Der Kaplan und seine Wirtschafterin pflegten sie. Als die Kranke nach langen Fiebertagen zum Bewusstsein erwachte, erzählte sie, dass sie durch Tage und Nächte den Vater vor ihrem Lager habe sitzen sehen, mit verklärten, lächelnden Zügen und in weißem, schimmerndem Gewand, dass er ihr liebevollen Trost zugesprochen und süße, wohltuende Arzneien gereicht hätte. Ihr erster Ausgang führte sie hinüber in den Friedhof; aber neu gefallener, tiefer Schnee verhüllte das junge Grab. Auch jetzt verbleib sie im Kaplanhaus; unter ihrem eigenen Dach hätte sie so allein für sich ein trauriges Wohnen gehabt, und der Verkehr mit dem Dorf war durch den haushoch liegenden Schnee seit Monaten völlig unterbrochen. Zu Anfang des März erst konnte man der Finkenbäuerin die Nachricht von dem Tod ihres Bruders senden. Wenige Tage später schon erschien der Bauer in Mariaklausen, um sein Schwagerkind mit sich ins Tal zu führen. Gar wenig war es, was sie aus dem väterlichen Haus, von dem sie unter Tränen schied, mit sich nehmen konnte. Von ihrem "Hansi", der ihr in Wahrheit eine sprechende Erinnerung an den Vater gewesen wäre, war schon bei ihrem ersten nach der Genesung vollführten besuch im Waldhaus nicht s mehr zu sehen und zu hören gewesen, obwohl sie den Namen des Vogels mit ihrer weichen, innigen Stimme hundert Mal hinaus gerufen hatte in den widerhallenden Wald. Gegen Abend langten sie im Dorf an. Als Beverl die "fürchtig vielen" Häuser sah, wusste sie sich vor Staunen kaum zu fassen. Es erging ihr, wie es dem Dörfler ergeht, der zum ersten Mal die Großstadt sieht. Auf dem Finkenhof hatte sie ein leichtes Sicheingewöhnen, denn sie wusste sich alle Leute durch ihr liebes, stilles Wesen rasch zu Freunden zu machen; und überdies waren da noch drei Leutchen, die das Beverl geradezu anbeteten: Die beiden Kinder und Dori. Freilich, das kleine Waldhaus tief in den Bergen da hinten, mit allem, was darin und darum war, das konnte ihr der prächtige Finkhof doch nicht ersetzen, und dann - ihr "Vaterl" halt - ihr "liebs, liebs Vaterl"!

Wenn der Finkenbauer von diesen Dingen auch nicht mit besonderer Ausführlichkeit erzählte, so bekam Herr Simon Wimmer immerhin noch so viel zu hören, dass er Veranlassung fand, Jörgs Rede ein und das andere Mal mit den staunenden Worten zu unterbrechen: "Ja was ischt denn das! Ja was ischt denn das!" Und immer wieder wandte er dabei das Gesicht dem Fenster zu, wohl in der Hoffnung, Beverls liebliches Antlitz erscheinen zu sehen.

Gidi machte sich bei stillem Lauschen das Vergnügen, den zwischen Neugier, Verwunderung und verlangen wechselnden Ausdruck in den Zügen des Herrn Kommandanten zu beobachten. Einmal erhob er sich vom Tisch und verließ die Stube unter dem Vorwand, dass er ein wenig nach dem Wetter ausschauen wollte, welches der Abend für den kommenden Tag verspräche. Draußen im Flur aber zeigte er nicht sonderliche Eile, einen Blick auf den Himmel zu werfen - so lange hielt die offene Küchentür seien Augen gefesselt; doch als er sich nähern wollte, wurde sie von unsichtbarer Hand ihm vor der Nase ins Schloss geworfen. Gidis Gesicht verfinsterte sich, hellte sich aber gleich wieder auf, als er hinter der Türe das Kichern der beiden Kinder und Doris flüsternde Stimme vernahm. Er horchte, und was er da zu hören bekam, rief ein lustiges Lächeln auf seine Lippen. Dieses Lächeln verstärkte sich noch, als er die Stube wieder betrat und den Herrn Kommandanten mit zwinkernden Blicken streifte.

Nun folgte eine Viertelstunde, in welcher Herr Simon Wimmer mancherlei von Gidi zu leiden hatte, der ihn tüchtig in die Zwickmühle nahm. Vorerst begann der Jäger ausführlich von verschiedenen Mädchen des Dorfes zu sprechen, deren Namen allein schon genügt hätten, den Herrn Kommandanten in missbehagliche Unruhe zu versetzen. Dann kam er mit breiten Lob auf das "Fräulein Hanni" zu reden, wusste nicht genug davon zu sagen, wie sehr "der Zukünftige von der Finkenhofschwester zum neiden" wäre, und konnte dabei nicht genug bedauern, dass im Dorf niemand zu finden wäre, der ihrem Wert und ihrer "Büldung" das Gleichgewicht hielte; für die Hanni passe eben kein Bauer - für die gehöre ein Angestellter.

Herr Simon Wimmer schien auf einem recht unbequemen Stuhl zu sitzen, so unruhig rückte er hin und her. Dabei verhielt er sich gar schweigsam. Manchmal nur nickte er hastig vor sich hin oder begleitete des Jägers Worte mit einem gezwungen klingenden: "Didididi!" Seinem Gesicht war es deutlich anzusehen, dass ihn der Zweifel quälte, ob Gidi auf ihn stichelte oder bei seinem harmlos anzuhörenden Geplauder nur zufällig auf diese Dinge zu reden käme, ohne zu ahnen, wie unwillkommen sie den Ohren des Herrn Kommandanten sein mussten. Schließlich schien ihn sein Selbstbewusstsein vollständig zu der letzteren Ansicht zu überreden; überdies wich seine Unruhe einer ungeteilten Aufmerksamkeit, als er den Jäger sagen hörte:

"Jetzt ich, wenn ich mich mit Heiratsgedanken tragen tät, ich haltet mich deswegen doch mit alle zwei Händ am Finkenhof an, und wenn ich mir auch zehnmal sagen müsst, dass die Hanni für mich net g'wachsen is! Sein Weiberl aus'm Finkenhof rausholen, das heißt ein Nummero ziehen! Und es muss ja net grad die Hanni sein! Ein Jahr noch, und 's Beverl is im besten Alter, und gelt, Finkenbauer, da wirst Dich auch net spotten lassen, wenn der Kammerwagen von die'm Schwagerkind nausfahrt aus'm Finkenhof?"

"Das versteht sich! Das versteht sich! Didididi!", fiel Herr Wimmer mit erregten Worten ein und pries des Langen und Breiten die "großmütige Nobligkeit" des Finkenbauern, der diese Lobrede mit wortloser Geduld über sich ergehen ließ. Man konnte es dem Bauer wohl ansehen, dass er im stillen an andere, ernstere Dinge dachte; er gewahrte kaum, dass ihm Gidi lustig zublinzelte und verstohlen mit dem Daumen nach dem vor Eifer und Erregung glühenden Gesicht des Herrn Kommandanten deutete, der jetzt von seiner angesehen Stellung sprach, von seinem sicheren Einkommen und einer ihm in Aussicht stehenden Gehaltserhöhung.

Jörg atmete erleichtert auf, als Herr Simon Wimmer sich endlich zum Abschied erhob.

"Wart, ich heiz ihm noch ein bissl ein auf'm Heimweg. Da kriegen wir noch einmal ein' G'spaß ... mit dem!", wisperte Gidi dem Bauer zu; dann nahm er Büchse und Rucksack von der Ofenbank.

"Geh, lass!", erwiderte Jörg. "Der is ja z'letzt imstand und red der Bevi was vor, an was das Deandl noch net denken soll. Und überhaupt ..."

Jörg verstummte, denn vom Flur herein ließ sich die hastige Stimme des Herrn Kommandanten vernehmen: "Ja was ischt denn jetzt das? Wo ischt denn mein G'wehrle, mein G'wehrle? Da hab ich's herg'stellt g'habt, daher ins Eckele, und jetzt ischt das G'wehrle nimmer da!"

Jörg und Gidi unterstützten Herr Wimmer bei der Suche nach seiner "ärarialischen Schutzwaffe". Aus einer in der Küche stehenden Holzkiste wurde sie endlich zum Vorschein gebracht. Beverl war es, welche die Suchenden auf die richtige Fährte lenkte, denn sie erinnerte sich, dass sich die beiden Kinder in der Küche etwas zu schaffen gemacht hatten. Ihre Vermutung aber, dass Dori die Kinder zu diesem Schabernack verleitet haben dürfte, verschwieg sie.

Beverls Dazwischenkunft schien Herr Wimmers Groll über den seiner Amtswürde gespielten Streich völlig besänftigt zu haben. In plump galanten, mit zahlreichen Didididis gespickten Worten bedankte er sich bei dem Mädchen, das mit scheu verwunderten Augen zu ihm aufblickte; und schon krümmten sich seine Finger Beverls blühender Wange entgegen, als Gidi die erhobene Hand des Herrn Kommandanten erhaschte - um den am Zeigefinger steckenden Granatring besser betrachteten zu können - und er zog sogar an diesem Zeigefinger die "oberste Aufsichtsbehörde" hinter sich her in den Hof hinaus - um für die Betrachtung des Ringes besseres Licht zu gewinnen.

Kaum hatten sie die Schwelle überschritten, als an der Hausecke die zwei Kinder erschienen, jedes einzelne vorgeschoben von einem langen, rasch wieder verschwindenden Arme. Mit kreischenden Stimmchen huben sie nach einer Melodie, welche mit dem Anfang des Radetzkymarsches eine entfernte Ähnlichkeit hatte, zu singen an:

"Das ischt der schwäbisch Simmerle,
Ischt zubenamset Wimmerle,
Hat auf der Nas ein Schimmerle,
Und drauf ein kleines Wim-mer-le!"

Der Gesang war beendet, und kichernd huschten die Kinder um die Hausecke, hinter welcher flüchtig noch etwas sichtbar wurde, das einer Ohrmuschel von abnormer Größe glich.

Gidi lachte, dass ihm der Hals anschwoll; auch Herr Wimmer, obwohl sein Gesicht von dunkler Zornröte übergossen war, stimmte mit seinem Didididi in dieses Lachen ein; er heilt sogar den Finkenbauer zurück, der die beiden kleinen Schelme zur Rechenschaft ziehen wollte. "Lassen Sie 's doch, Herr Fink, lassen Sie 's doch!", sagte er, "Sie sehen, ich lach ja selber darüber! Didididi! So ein Paar liebe Schneckerle verzeiht man gern ein kleines Späßle."

Jörg, der selbst nur mit Mühe das Lachen verhielt, gab diesen Worten gerne Gehör; während er seine beiden Gäste nach dem Zauntor geleitete, verteidigte er sogar die Kinder und schob die ganze schuld auf den leicht zu erratenden Anstifter, auf diesem "verflixten" Dori. "Aber was hast denn," wandte er sich plötzlich an den Jäger, "kegelst Dir ja schier gar den Hals aus!" Und leise fügte er bei: "Die Enzi siehst heut nimmer, da musst schon warten bis morgen."

"Macht auch nix!" erwiderte Gidi mit gutmütigem Lächeln. "'s Hinwarten hat noch kein' Jager net verdrossen, wenn's ein richtiger war. Ein alter Jagerspruch sagt: ein' guten Hirsch musst derwarten, net derlaufen!"

Jetzt setzte Herr Wimmer zu einer Abschiedsrede ein, deren Ende wohl kaum "zum derwarten" gewesen wäre, hätte nicht Gidi sich ins Mittel gelegt und den Herrn Kommandanten mit einem energischen: "Jetzt aber weiter einmal -" durch das Tor auf die Straße geschoben.

Langsamen Schrittes wanderte Jörg dem Haus zu. "Dori!", rief er, als er die Schwelle erreicht hatte, mit einer Stimme, deren ernster Klang dem Gerufenen wenig Gutes verhieß. Und doch kam der Bursche auf den Ruf wie ein Wiesel um die Hausecke einhergeschossen.

"Du! Jetzt will ich Dir was sagen!", fuhr ihn der Baue ran. "Meinetwegen treib Du deine Unfürm für Dich selber, solang Du magst! Aber dass Du mir meine Kinder zu Dummheiten anhaltst, das verbitt ich mir ... und dass Dir's merkst ..."

Dori knickte in sich zusammen wie ein federndes Taschenmesser und blickte mit einem so ängstlich verdutzten Armesündergesicht zu Jörg empor, dass dieser die schon erhobene Hand wieder sinken ließ und von dem Burschen sich abwenden musste, um nicht in helles Lachen auszubrechen.

Mit zerknirschtem Gesicht schlich Dori davon, doch als er die Hausecke erreicht hatte, war all diese reuevolle Zerknirschung rasch verflogen, und gar vergnüglich nickte er vor sich hin: "Jetzt is doch auch einmal ein Tag vorbei 'gangen, ohne dass ich eine Tachtel 'kriegt hab."

Jörg hatte inzwischen die Schwelle überschritten. Da hörte er hinter sich am Gartenzaun das Pförtchen knarren. Als er sich wandte, sah er einen Mann in blauer Jacke und Mütze auf das Haus zukommen. Es war ein Postbote, doch nicht der gewöhnliche, welcher alltäglich die Briefe und Zeitungen in das Dorf brachte.

"Bin ich da im rechten Haus," fragte der Bote, "beim Bauer Georg Fink?"

"Ja, ja, ganz recht," erwiderte Jörg mit unsicherer Stimme und eitle raschen Ganges in den Hof, beim ersten Schritt schon die Hand nach dem Brief streckend, von welchem der Bote den Namen des Bauern abgelesen hatte.

"Da hab ich einen Expressbrief, kostet eine Mark achtzig Pfennig für direkte Zustellung."

"Eine Mark achtzig! Das is aber ein bissl viel!", murmelte Jörg zerstreut.

"No, und ich mein', es wär wenig g'nug für die drei Stund von der Station bis da raus."

Jörg griff in die Tasche, und die Hand zitterte ihm, als er dem Boten das Geld hinzählte. Dann nahm er den Brief, ging mit ihm in die Stube, und immer starrte er die Adresse an, als hätte er nicht den Mut, den Brief zu öffnen. Auf den ersten Blick hatte er die etwas ungeübte, kraus durcheinander fahrend Schrift seiner Mariann erkannt. Eine Mark achtzig! Was musste ihm da die Mariann zu schreiben haben!

Endlich schüttelte er, hoch sich aufrichtend, wie in Unwille über sich selbst den Kopf und löste das Messer, das er bei sich trug, aus der Scheide. Dabei hoffte er, dass Gidi mit seinen Vermutungen vielleicht doch das Richtige getroffen haben möchte, dass seien Mariann trotz ihrer rühmenswerten Pünktlichkeit dieses eine Mal wenigstens sich versäumt haben könnte - und da war ja nichts natürlicher, als dass sie durch einen solchen Brief ihren Jörg aller Sorgen enthob.

So dachte Jörg auch noch, als er den geöffneten Brief schon entfaltete; doch als er auf dem Blatt die Tränenspuren gewahrte, unter denen die Schriftzüge häufig verschwammen und fast erloschen, da wusste er, dass er hier noch Schlimmeres erfahren würde, als er anfangs selbst gefürchtet hatte. Seine starke Mariann - und Tränen!

Die Hände zitterten ihm, als er das Blatt näher an die Augen hob. Er konnte die ersten Zeilen kaum durchflogen haben, da verfärbte sich sein Gesicht, und tastend suchte seien Hand nach einer Stütze. Schwer sank er auf die Holzbank nieder, mit zuckenden Lippen stammelnd: "Mein lieber Herrgott! Wie kann so was g'schehen!" Wieder hob er den Brief, Zähre um Zähre troff ihm über die Wangen, und keuchend ging sein Atem.

Lange schon hatte er zu Ende gelesen, doch immer noch starrten seien brennenden Augen nieder auf das zitternde, knisternde Blatt. Dann plötzlich schlug er die Hände an die Schläfe, und in lautem Aufschluchzen, das den mächtigen Körper des Mannes schüttelte, wie ein jäher Windstoß die Tanne im Bergwald, brach es von seinen Lippen:

"Mein' arme Hanni! Mein armer, armer Ferdl!"

Die Fäuste sanken ihm über den Tisch, und schluchzend barg er das Gesicht in beiden Armen.

Lange lag er so, sein Schluchzen verstummte, doch immer noch von Zeit zu Zeit überrann unter dumpfem Stöhnen ein zuckender Schauer seinen Leib.

Er schien nicht zu hören, dass die Tür sich öffnete und Beverl die Stube betrat. Sie mochte wohl glauben, dass der Bauer schliefe, denn ruhig trat sie auf ihn zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und rief ihn mit halblauter Stimme an:

"Jörgenvetter?"

"Was willst?", fuhr Jörg mit heiserem Ruf empor und starrte gläsernen Blickes in das erschrockene Gesicht des Mädchens.

Mit scheuen, ängstlichen Augen blickte Beverl in die verstörten, von Schmerz verzerrten Züge des Bauern, auf seine vom Weinen geröteten Lider und auf seien beiden Hände, die vor den Blicken des Mädchens in furchtsamer Hast jenen Brief zu bergen suchten, als könnte schon sein bloßer Anblick all das Entsetzliche verraten, das ihn getroffen und erschüttert hatte bis ins Innerste seines Herzens. Kaum wollten dem Mädchen die Lippen gehorchen, als es auf die Frage des Bauern zur Antwort gab: "Den Tisch hab ich decken wollen ... 's Abendessen is fertig."

"So ... so ...", stammelte Jörg, "ja, ja ... schau nur, dass die Kinderln ihr Sach richtig kriegen. Auf mich ... auf mich brauchst net warten mit dem Essen ... ich hab noch ein' Gang zu machen ... ein' Gang." Zwei schwere Tränen rannen ihm über die Wangen, als er diese letzte Wort wiederholte. Unsicheren Schrittes ging er auf einen Wandschrank zu und versperrte den Brief in eines der Fächer. Dann zog er den mit großen Silberknöpfen geschmückten Spenzer an und griff nach dem Hut.

Wortlos stand Beverl vor dem Tisch, die Bewegungen des Bauern mit sorgenvollen Blicken verfolgend. Doch als sie ihn der Türe zuwanken sah, eilte sie ihm nach, mit der herzlichen Frage: "Ist der Jörgenvetter krank?"

Traurig schüttelte Jörg den Kopf und murmelte vor sich hin: "was gäbt ich net alles drum, wenn's so wär ... und alles andere wär anders!"

Ohne dem besorgten Mädchen noch einen Blick zu gönnen, verließ er die Stube und wandte sich dem Hof zu. Als er die Schwelle überschritt, streifte eine von der Höhe der Tür nieder hängende Ranke seine Wange. Er hob die Augen. "Willkommen!" las er da oben zwischen Grün und Blumen.

"Ah ja, willkommen!", klang es in schmerzvollem Hohn von seinen zuckenden Lippen. Mit heftiger Bewegung streckte er den arm und riss die Inschrift mit den Blumen von Gebälk, trug sie in die Küche und warf sie in das lodernde Herdfeuer. Feuchten Auges sah er zu, wie die Flamme mit Knistern und Qualmen das Tannreis und die Blumen ergriff und die Inschrift unter schwarzem Russ erlöschen machte.

Als er der Schwelle wieder zuschritt, sprangen ihm die Kinder entgegen. Wortlos hob er sie mit beiden Armen zu sich empor, presste sie an seine Brust, dass die Kinder unter dem Druck stöhnten, küsste ihre Wangen und ließ sie wieder nieder gleiten zur Erde. Er sah nicht, dass Beverl unter die Türe trat, er hörte nicht mehr, wie die Kinder das Mädchen mit den Worten bestürmten: "Beverl, was hat denn der Vater?" Hastigen Ganges hatte er schon das Haus verlassen und eitle über den Hof der Straße zu.

Das Kinn auf der Brust, die Hände der schlaff hängenden Arme zu Fäusten geballt, so wanderte er durch das abendstille Dorf dahin. Die Leute, die ihm begegneten, grüßten ihn mit freundlichen Nicken. Er sah ihre Grüße nicht und ließ sie ohne Dank.

"He, Finkenbauer!", rief ihm einer lachend nach, "was hast denn, dass Du gar so stolz bist heut? Hast leicht ein' sakrisch guten Handel g'macht?"

Jörg hörte die lachenden Worte nicht. Als er vor der Schwelle des Pfarrhofes die Glocke zog, hob er zum ersten Mal wieder das Haupt und die Augen.

Mit dumpfen Hall fiel hinter ihm die Tür ins Schloss.

Längst war die Sonne niedergegangen, und tiefe Dämmerung webte schon über den rauchenden Dächern, als Jörg aus dem stillen haus wieder auf die Straße trat. Ihm folgte der greise Pfarrer im langen Talar, auf dem Haupt das kleine, schwarze Käppchen, welches von einem Kranz schneeweißer Haare umzogen war. Die milden, ehrwürdigen Züge des greisen Priesters sprachen von tiefer, schmerzlicher Bewegung, und feucht schimmerten seine Augen. Er legte dem Bauer die Hand auf die Schulter und sagte leise:

"Geh jetzt nach Hause, Jörg, und suche Ruhe und Ergebung zu finden. Du weißt, Einer ist über uns, dessen Wille geht vor unseren Wünschen und unserer Liebe."

"Ich g'spür's, ich g'spür's!", fuhr Jörg mit schluchzenden Worten auf.

"Ich weiß, wie Dein Herz an den beiden hing, und ich selbst dank es meinem Gott, dass meine selige Schwester diesen Tag nicht hat erleben müssen. Aber wir, Jörg, wir beide, wir müssen uns als Männer zeigen! Weißt Du ... leben, das heißt leiden. Aber wir sind Christen! Gelt, Jörg? Gute Christen? Und siehst Du, da müssen wir es auch in blutigen Tränen dem Heiland nachtun und müssen sagen: Herr, Dein Wille geschehe! Sieh, mein armer Jörg, ohne seinen Willen fällt kein Haar von unserem Haupt, kein Sperling von unsern Dächern ... er erforscht die Nieren der Menschen und sieht alles Kommende, und so erkennt er das Beste und wirkt es durch seinen Willen."

"'s Beste, Hochwürden, 's Beste? Freilich, ich bin nur ein einfältiger Mensch ... aber gar viel könnt ich mir denken, was besser wär, als ... als ..." Tränen erstickten seine Worte.

"Ja, ja, ein einfältiger Mensch! Und da willst Du Deine Einfalt über die Allweisheit stellen? Geh, Jörg, geh heim und sieh Deine lachenden Kinder an und Dein stattliches Haus ... und dann danke dem Herrn für alles, was er Dir gegeben und Dir gelassen. Geh nur, Jörg! Was für morgen noch zu besorgen ist, das will ich schon auf mich nehmen. Und morgen ... morgen soll alles vor sich gehen, als wäre alles gut und richtig. Was Du dem alten Freund vertraut hast, das braucht der Pfarrer nicht zu wissen."

"Hochwürden!", stammelte Jörg unter Tränen, und heißer Dank sprach aus dem Klang seiner Stimme. "Ich hätt ja nie den Mut g'funden, um so viel z' bitten! Und lügen ... lügen hätt ich auch nicht können. Aber jetzt ... Hochwürden ..." Die Worte versagten ihm, als er die welke, zitternde Hand des greisen Priesters ergriff und mit ungestümen Lippen küsste.

"Aber Jörg! Jörg!", wehrte der Pfarrer mit tief bewegter Stimme, seine Rechte aus den Händen des Bauern lösend. "Geh jetzt nach Hause! Es ist spät geworden, und ich habe ja auch noch ein paar Wege zu machen. Gute Nacht, Jörg, gute Nacht!"

"Gute Nacht!"

Noch einmal umfasste Jörg die Hand des Pfarrers mit festem Druck. Dann wandte er sich, rückte seufzend den Hut und schritt der Straße zu.

Lange sah der Greis ihm nach mit feuchten Augen; dann neigte er das weiße Haupt und flüsterte vor sich hin: "Herr, wie machst Du es den Menschen doch manchmal schwer, an Deine Güte zu glauben!" Und während er dem gegenüberliegenden Schulhaus zuging, blickte er unablässig die Straße hinunter, dem leidbeladenen Mann nach, der langsam und müde dahin schritt durch das stille Dorf.

Noch hatte Jörg seinen Hof nicht erreicht, als das Abendgeläut mit sanftem Klang vom Kirchturm hinaus scholl über das nebeldampfende Tal.

Jörg nahm den Hut vom Haupt, faltete in zögerndem Weiterschreiten die Hände, und raunend bewegten sich seine Lippen.

Das Geläut verstummte - Jörg stand stille und hob wie in ängstlichem Lauschen den Kopf - jetzt schauerte er in sich zusammen, als wäre ihm der Ton der Glocke, die nun zu läuten anhub, durch Mark und Bein gegangen.

Es war der dünne, wimmernde Ton der Totenglocke.

An den Häusern öffneten sich die Fenster, aus den Türen traten die Leute und sammelten sich auf der Straße zu kleinen Gruppen, mit hastig durcheinander schwirrenden Fragen.

Wer konnte gestorben sein, da doch niemand im Dorf schwer krank darnieder lag? Hat es ein Unglück gegeben? Wen mag es getroffen haben? Oder war am Ende Schlimmeres geschehen? Verbrechen und Mord?

Niemand wusste auf diese Fragen eine Antwort zu geben - und der sie hätte geben können, schritt gesenkten Hauptes, mit tränenden Augen und krampfhaft geschlossenen Lippen wortlos seiner Wege, heimwärts, dem Finkhof zu.

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