Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

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Kapitel 2

Als die beiden die geräumige Stube betraten, die durch ihre gediegene, sauber gehaltene Ausstattung den behäbigen Wohlstand und die Ordnungsliebe ihrer Bewohner verriet, sagte der Jäger:

"Ein saubers Deandl, 's Beverl! Da pass auf, die wachst sich einmal aus!"

"Ja, is' ein lieber Kerl! Und jeden Tag, seit ich sie her' bracht hab in mein Haus, krieg ich mehr G'fallen an ihr!", erwiderte der Bauer. "Eine Arbeit brauchst ihr gar net z'schaffen, alles schaut s' ei'm von die Augen ab. So ein Madl findst net leicht, so fleißig und dabei so still und b'scheiden. Und für alles hat s' ein' Dank, und völlig darauf sinnieren tut s', wie s' ei'm eine Freud machen kann. Und zu die Kinder, weißt, da stellt sie sich halt b'sonders gut. Wenn s' nur net gar so voller G'schichten steckt! Allweil hat s' mit ihre Geister z'schaffen, und alle Tag red s' die Kinder so ein paar Sachen in Kopf 'nein, wie grad jetzt eine g'hört hast."

"Du, das musst ihr sein ja net wehren!", mahnte der Jäger, während er Gewehr und Rucksack auf die den grünen Kachelofen umziehende Eichenbank niederlegte. "Weißt, grad an solchene Sachen haben Kinder ihr Freud, und so was bringt Leben in ihr Kindergemüt. Solchene G'schichten machen ei'm die Kinderzeit gar lieb und schön ... das weiß ich von mir selber. Ich hab ein Ahnl g'habt, die hat mir auch von in der Fruh bis auf d'Nacht ihre alten G'schichten vorplauscht. Und kannst mir's glauben, dabei hab ich schirgar mehrer profitiert als in der Schul. Wenn man nachher ins richtige Alter kommt, da lernt man's von ei'm selber, was man von solchene Sachen halten muss. Und wenn man z'letzt auch drüber lacht ... 's Gute davon bleibt deswegen doch: Dass man ein' Sinn hat für alles, was über'm Gartenzaun draußen wachst und lebt."

"Ja, ja, ja ... ich red ja net dagegen. Aber ich mein' nur, es wär für d'Bevi schon an der Zeit mit'm richtigen Alter. Die glaubt ja heut noch an ihre G'schichten so fest als wie an unsern Herrgott."

"So lass s' dran glauben ... is g'scheider, als wenn s' eine von die Auf'klärten wär, die sich mit vierzehn Jahr schon Wulsten in d'Röck einnähen, 's Mieder spreizen und d'Strümpf auf der Ruckseit mit siebenfacher Woll ausstopfen. Hast es ja selber g'sagt ... kannst ja sonst net klagen! Und so eine viel g'schickte Dingin muss das Deandl sein ... das hab ich jetzt grad an dem Kranzl g'sehen. Gelt, der Willkomm is wohl schon für'n Ferdl g'rechnet?"

Der Bauer schüttelte den Kopf, während er den blank gescheuerten Tisch ein wenig beiseite rückte, um dem Jäger einen bequemeren Weg in den Herrgottswinkel zu schaffen. "Meiner Mariann hat 's Deandl eine Freud machen wollen."

"Ja wie is mir denn? Dein' Bäuerin is auf der Reis'?", platzte der Jäger los, während er sich niederließ und mit lautem Klatsch die beiden Hände auf die Schenkel schlug. "Jetzt da schau her ... ich bin doch ein rechter Lackl. Jetzt erst fallt's mir auf, das ich Dein' Bäuerin mit kei'm Aug noch net g'sehen hab. Ja wo hat s' denn hinreisen müssen?"

"Nach der Münchner-Stadt," erwiderte der Bauer mit ernst klingenden, zögernden Worten. "Weißt, unser' Hanni hat in der letzten Zeit allweil so verschmachte, traurige Brief g'schrieben ... und doch hat man's aus kei'm raus lesen können, ob ihr leicht was abgeht, oder ob ihr was net recht is. No, und weil ich mich alt doch recht g'sorgt hab ... kennst ja d' Hanni, weißt ja, wie gut man ihr sein muss ... ja, und da hab ich halt z'letzt zur Mariann g'sagt: Weißt was, fahrst 'nein in d' Stadt und gehst hin zur Gräfin, und da wirst nachher wohl erfahren können, was denn das eigentlich für eine Sach is mit dem Madel seiner Traurigkeit. Weißt, ich wär schon am liebsten selber gern g'fahren. Aber no, ich hab mir halt 'denkt, bei so was reden sich d' Weiberleut allweil besser mit einander. Und zur Mariann hab ich g'sagt: Jetzt schaust einmal nach, und wenn was erfahrst, was Dir net taugt, nachher machst kurzen Prozess, packst das Madel z'samm und bringst es mit heim."

Draußen im Flur wurde eine trällernde Stimme hörbar und verstummte wieder.

"Du! Hörst!", lächelte der Bauer mit einem anzüglichen Blick dem Jäger zu. Dann ging er zur Tür und rief in den Flur hinaus: "Enzi!"

"Was schafft der Bauer?", klang von der Küche her die Frage der Dirne.

"Da komm ein bissl 'rein. Es sitzt einer herin, der Eberl-Gidi, der Grafenjager."

"Was soll denn ich da dabei? Soll ich ihm leicht d' Füß heben, dass er besser sitzen kann?"

"Geh, sei net so hantig!", brummte der Bauer. "Komm 'rein!"

Als er den Tisch wieder erreichte, hinter welchem Gidi still vor sich hin lachte, erschien Emmerenz unter der Tür, eine gedrungene Gestalt von gesunden Formen. Der graue Lodenrock, der in seinen engen Falten unruhig schwankte, reichte kaum bis zu den Knöchlen der nackten, im Verhältnis zu der Gestalt auffallend kleinen Füße. Das dunkelbraune, miederartige Tuchleibchen, dessen Achselspangen von den runden Schultern auf die drallen Arme nieder geglitten waren, umspannte zum Platzen straff die üppige Büste. Dem grobleinenen, kurzärmeligen Hemd waren hoch am Hals mit roter Wolle zwei Buchstaben eingemerkt, E. und B. und darunter eine Zahl, welche verriet, dass Enzi vor siebenundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Der etwas kurze Hals, den über den Schultern und unter dem Kinn zwei mollige Faltenringe umzogen, trug einen kugelrunden Kopf, über welchem das reiche, rötlichblonde Haar praktisch als geschmackvoll zu einem dicken, zausigen Knoten zusammengewirbelt war. Das Gesicht mit den in gesunder Röte strotzenden Wangen, mit den vollen Lippen, zwischen denen die weißen Zähne hervorblitzten, mit der kleinen, leicht aufgestumpften Nase und mit den Blauaugen unter den starken, lichten Brauen mochte sonst wohl den Eindruck gemütlichen Frohsinns machen. Jetzt aber waren diese Lippen unwillig aufgeworfen, die gespannten Nasenflügel streitbar gehoben, und unter der gerunzelten Stirne schauten die Augen mit einem finster verdrießlichen Blick nach dem Tisch.

"Also, was soll's?", fragte die Dirne mit kurzen Worten, während sie die nassen Hände an der blauen Schürze trocknete.

"Ein' fürchtigen Durst haben wir alle zwei, der Bauer und ich," rief ihr der Jäger zu. "Sollst uns was herschaffen, zum trinken."

"No, was magst denn? Magst ein Wasser?"

"Was! Ein Wasser! Du meinst es aber gut mit mir! Ein Wasser mag ich net einmal in die Schuh drin haben, viel weniger in mei'm Magen."

"'s Wasser macht helle Augen."

"Ja, hell in die Augen und dumm im Kopf."

"Könnt Dir auch net schaden, weil Du allweil meinst, dass gar so g'scheid bist."

"Jetzt da schau! Und ich hätt g'meint, so eine G'scheidheit könnst Dir doch g'fallen lassen, die mir sagt, dass Du ein schöns Deandl bist!"

"Na, schön bin ich net, aber g'sund, weißt, und grob kann ich auch sein, wenn ich merk, dass mich einer föppeln will."

"Geh weiter," unterbrach der Bauer lachend den Streit, "und hol uns ein paar Krügeln Bier rauf aus'm Keller!"

"Ja, und gelt, lass fein Dein' Zorn über mich net bei'm Einschränken aus!", rief Gidi der Dirne nach, welche wortlos die Stube verließ.

"Musst ihr doch einmal was an'tan haben," forschte der Bauer, als die Türe sich geschlossen hatte, "weil s' gar so trantig is mit Dir?"

"Na, gar nix, ich kann mir nix denken!", beteuerte Gidi, dachte aber dabei im stillen doch an einen gewissen Morgen des verwichenen Sommers, in welchem Emmerenz wenige Wochen später, nachdem sie auf den Finkenhof in Dienst getreten war, die Bründlalm auf dem Höllberg bezogen hatte.

Da ließ sich von der Straße her das Rasseln eines Wagens hören.

Der Bauer sprang auf und eilte auf eines der Fenster zu; aber kopfschüttelnd kehrte er wieder zum Tisch zurück, während er mit besorgten Blicken auf die große, silberne Uhr nieder sah, die er aus seiner Westentasche gezogen hatte. "Ich kann mir gar net denken, warum die Mariann so lang ausbleibt. Sie is doch sonst so g'nau mit der Zeit ... jetzt is schon sechse vorbei."

"Sollt Dein' Bäuerin leicht heut noch heimkommen von der Stadt?"

"Ja, und darum hab ich den Dori mit mei'm Wagen neing'schickt in d' Station. Um fünfe kommt der Zug ..."

"Aber da können s' j anoch gar net da sein. In einer Stund fahrt man doch den Weg net!"

"Mit meine Ross aber schon!", versicherte der Bauer mit breitem Stolz, um dann zögernden Wortes beizufügen: "Wenn ich nur wenigstens ein' andern g'schickt hätt als wie den Dori. Der Bub, der lackelte, hat sein' langohreten Hirnkasten allweil voll mit seine Unfürm. Weiß Gott, was er am End wieder ang'stellt hat! Leicht hat er mir gar den Wagen umg'worfen in sei'm Übermut."

"Aber Bauer, sei doch g'scheid! Wart halt noch ein halbs Stündl, und mach Dir jetzt keine überflüssige Sorg."

"No ja, ich weiß schon, ich bin halt allweil ein bissl übertrieben bei so was," erwiderte der Bauer ruhiger, während er seinen alten Platz wieder einnahm. "Zwar ... auf mein' Mariann kann ich mich verlassen. Die is wie mein' Uhr, die geht auf d' Minuten, und die verhalt sich g'wiss net länger, als wie's notwenig is, weil s' schon weiß, was ich für ein sorgsams G'müt hab. Aber der Dori halt, der Dori! Kein Tag vergeht im Winter, wo er net was anstift. Ich bin ordentlich froh, wenn er wieder drauß is aus'm Hof und droben auf der Alm."

"Schickst ihn wieder 'nauf als Hüterbub auf die Bründlalm?", fragte der Jäger, als eben Emmerenz die Stube wieder betrat, in den Händen zwei Steinkrüge, von denen der weiße Schaum in lang gezogenen Flocken nieder troff.

"Ja freilich," erwiderte der Bauer; und während er der Dirne mit zwinkernden Augen entgegenblickte, fügte er lächelnd bei: "Aber mit der Sennerin werd ich für heuer schon wechseln müssen, ja, ich mein' halt, ich werd statt der Enzi die alt Waben nauf schicken."

"Was!", fuhr Gidi mit kreischender Stimme auf und schnellte von der Bank empor, dass der Tisch ins Wanken geriet. "Die zahluckete Hex willst mir vor d' Nasen hinsetzen, statt ... statt ..."

Er sprach den Namen nicht aus, der ihm auf der Zunge liegen mochte; aber während er sich auf die Bank zurücksinken ließ, streifte er mit einem unsicheren, erwartungsvollen Blick das Gesicht der Dirne, welche die beiden Steinkrüge mit einem so energischen Ruck auf die Tischplatte niedersetzte, dass die zinnernen Deckel aufklapperten und das brauen Getränk in dicken Tropfen hoch empor spritzte. Mit erblasstem Gesicht und weit offenen Augen starrte Emmerenz den Bauer an, und ihre Stimme schwankte, als sie sagte: "Was hab ich g'hört? Von der Bründlalm willst mich fortschaffen ... von mei'm liebsten Platzl auf der Gotteswelt? Warum denn? Das musst mir schon sagen! So was schaut ja grad aus wie eine Straf. Und hab ich net Deine dreiundzwanzig Küh runter'bracht von der Alm, dass sich spiegeln hättst können in ihrem Glanz? Und zum Dank dafür ..." Da schlug ihr die Stimme um, ein Zucken kam in ihre Lippen, und zwei schimmernde Zähren kugelten ihr über die Wangen. "Schau, Bauer ... wenn Du mir so was antust ... da kannst mich gleich lieber ganz fortschicken aus dei'm Dienst."

"No, no, no, no," begütigte der Finkenbauer mit gut gespieltem Ernst. "Schau, ich hab's ja grad Dir zum Besten g'meint. Ein' Katzensprung von der Bründlalm steht d' Höllberg-Jagdhütten ... und ... eine junge, saubere Sennerin und so ein schneidiger Jagerbursch so auf ein' Katzensprung bei'nander, weißt, das is halt so eine Sach ... und ... ein Dienstherr muss auf alles denken."

Kichernd duckte Gidi den Kopf zwischen die Schultern. Er hatte den Scherz verstanden, der hinter diesem Ernst steckte. Emmerenz aber, deren Blässe jählings einer glühenden Röte gewichen war, fuhr auf, gleich einer gereizten Wölfin: "So? So schaut's aus? No, jetzt is gut! Jetzt is gut! So ein Grund, das wär noch gar der säubere! Aber gelt, Bauer, verstrapazier Dir fein Dein Kopf net ... z'wegen so was! Ich kann mich selber hüten ... und schon gar vor so ei'm windigen Jagerlippl! Ich mein', das könnt er selber schon g'merkt haben!"

"Aber Deandl, Deandl, geh," mahnte Gidi, der mit beiden Händen Enzis Arm ergriff, während der Bauer lachend die Nase in seinen Krug versenkte. "Merkst denn net, dass Dich der Bauer ein bissl bei der Falten hat?"

"Lass mich aus, Du!", schnauzte die Dirne den Jäger an und riss ihren Arm aus seinen Händen. "So was kann man haben von Deiner sauberen Bekanntschaft, Du ... du ..." Sie zögerte, als suchte sie nach einem Scheltwort, das ihrer flammenden Entrüstung angemessen wäre.

"Geh, so musst sein doch net reden!", wehrte der Jäger mit seltsam bebender Stimme, und dabei war sein Gesicht anzusehen, als hätte er Mühe nötig, in seinen Zügen den Ausdruck guter Laune festzuhalten. "Da, nimm lieber mein' Krug und stich an. Ein richtiger Trunk macht ein ruhiges G'müt!"

"Trink Du Dein Bier selber!", trotzte Emmerenz, während sie mit der Schürze die Tischplatte säuberte.

"Jetzt weißt ... beleidigen musst mich grad doch net!"

Hastig blickte die Dirne auf; aus dem Klang dieser Worte hatte sie einen Ton gehört, der sie merkwürdig berührt haben musste; und als sie nun Gidis Augen unter zuckenden Lidern hervor mit brennenden Blicken auf sich gerichtet sah, als sie gewahrte, wie ihm an den Schläfen die Adergänge zu dicken, bläulichen Striemen schwollen, da griff sie wortlos nach dem Krug und setzte ihn zu kräftigem Trunk an die Lippen.

Je länger sie trank, desto mehr erhellte sich das Gesicht des Jägers; und da er nun den Krug aus Enzis Händen nahm und ihn beinahe zur Hälfte geleert fand, rief er mit einem übermütig fröhlichen Lachen zu ihr empor: "Hast ein' guten Zug, Deandl ... und schau ... drum zieht's mich halt auch so hin zu Dir!"

"Wird schon was dafür g'schehen, dass 's Dich wegzieht auch wieder," brummte die Dirne und ging mit raschen Schritten der Türe zu.

Hier traf sie mit Beverl zusammen, welche den Bauer in den Hof hinaus rief, damit er den inzwischen vollendeten Schmuck der Haustüre betrachten möchte.

Für lautlose Sekunden vertiefte sich Gidi in seinen Krug, an dessen feuchtem Rand er sich mit gewissenhafter Forschung die von Enzi benützte Stelle zur Wiederbenützung für die eigenen Lippen ausgesucht hatte. Dann folgte er dem Bauer und bestaunte mit ihm gerechtermaßen das in der Tat gar schmucke Aussehen der Türe. Noch ergingen sie sich in breitem Lob übers Beverls Geschicklichkeit, als auf der Straße Räderrollen und Hufschlag näher tönte, darein sich hallende Peitschenschläge mischten, die in ihrer raschen, taktmäßigen Aufeinanderfolge eine Art von Melodie bildeten.

"Vater! Das is der Dori! Ich kenn ihn am Schnallen! D' Mutter kommt! D' Mutter kommt!", jubelte Pepperl und rannte dem Tor zu. Das Liesei aber klammerte sich an den Arm des Bauern, mit der ungeduldigen Frage: "Vater ... kannst es noch net dersehen ... kommt d' Hannibas mit?"

"Aber Dapperl," lächelte der Bauer, die glühende Wange seines Kindes tätschelnd, "man sieht ja den Wagen noch gar net."

Inzwischen war Baltl aus dem Stall herbei gesprungen und hatte das Einfahrtstor sperrangelweit aufgerissen.

Jetzt tauchten um die vorspringende Hausecke des Nachbargehöfts mit wehenden Mähnen die beiden prächtigen Rappen, deren Stirnriemen und Scheuleder mit Veilchensträußen geziert waren, jetzt erschien Dori mit der kreisenden, hallenden Peitsche, und jetzt die Kutsch mit dem schwarz glänzenden Lederzeug.

"Ja heiliger Gott, was is denn," stammelte der Finkenbauer, der Wagen is ja leer! Da hat's was 'geben! Da hat's was 'geben!" Mit zitternder Hand löste er die Fingerchen seines Kindes von seinem Arm und eilte dem Wagen entgegen.

Ohne den Lauf der Pferde zu mäßigen, hatte Dori in tadelloser Kurve das bäuerlich schmucke Gefährt in den Hof gelenkt, wo er die beiden schnaubenden Tiere unter einem letzten Peitschenknall durch einen kaum merklichen Ruck der Zügel zum Stehen brachte.

Unter dem Einfahrtstor hatte sich Pepperl in die hintere Federstange der Kutsch eingehängt, und so war er nun der erste, der vor Dori stand, mit der Frage: "Du, wo is denn d' Mutter?"

"Was weiß denn ich! Wahrscheinlich in ihrem Rock," kicherte Dori, nahm den grünen Spitzhut ab und sprang vom Bock.

Dieser siebzehnjährige Bursche bildete eine merkwürdige Erscheinung. Mit dem kurzen, kugeligen Leib und den langen, mageren Armen und Beinen sah er einer aufrecht wandelnden Riesenspinne ähnlich. Dieser Eindruck wurde noch unterstützt durch die absonderliche Bewegung, in der sich seine Arme und Beine fortwährend befanden; das sah sich immer an, als wollte er über hohe Stufen emporsteigen oder irgend etwas von einem hohen Schrank herunternehmen. Man mochte sich die Notwendigkeit dieser Bewegungen wohl erklären können, wenn man die qualvoll engen, aus einem groben, rauen und grau karierten Stoff gefertigten Beinkleider und die steifen, spannenden Falten des schwarzen Spenzers betrachtete, der dem Burschen kaum mehr bis zu den Hüften reichte. An die verwachsenen Ärmel, die bei jeder Bewegung zu platzen drohten, waren zinnoberrot gefütterte Aufschläge angestückelt, der lange, magere Hals war dick umwunden von einem rot und weiß gesprenkelten Tuch, dessen Zipfel scharf hinaus stachen über die Schultern. Der Kopf mit dem spitzen Kinn und dem breiten, flachen Schädel, an den die rotbraunen Haare mit reichlicher Pomade glatt angestrichen waren, mit den abnormen, weit abstehenden Ohrmuscheln und mit dem eintönigen Braun des verschmitzten Gesichtes wäre wohl einer doppelt gehenkelten Terrakottavase zu vergleichen gewesen, hätte nicht die ruhelose Beweglichkeit dieses Gesichtes dem Vergleich widersprochen. Das war ein ewiges Zwinkern, Blinzeln, Zucken und Gähnen, und wenn der Bursche dazu die Stirn runzelte, rührte sich seine ganze Kopfhaut, und die Ohrmuscheln gerieten in eine pendelnde Bewegung, gleich den Löffeln eines Hasen, der den nahenden Jäger wittert.

Dieses letztere Bild vollendete jetzt noch der scheue Blick, mit welchem der Bursche zu dem ernst gefurchten Gesicht des näher kommenden Bauern empor blinzelte. Dori fürchtete wohl, dass sein Herr die wenig ehrfurchtsvolle Antwort gehört haben könnte, die er auf Pepperls Frage gegeben hatte. Als er aber aus dem Mund des Bauern nichts anderes hörte, als nur die hastige, erregte Frage, weshalb er allein zurückkäme, da war diese Scheu wie weggeblasen, und in wortreicher Geschäftigkeit, und mehr fast mit Händen und Füßen als mit den Lippen, erzählte er von dem Verlauf seiner Fahrt. "Ja, und wie nachher der Zug rein g'fahren is in d' Starzion," so schloss er, "da hab ich allweil g'schaut und g'schaut, aber d' Leut alle sind raus 'kommen, der Zug is wieder fort g'fahren, drin in ganz stad worden, und allweil war noch kein' Bäuerin beim Zeug. No, da ht mir nachher einer d' Ross g'halten und ich bin selber 'nein in d' Starzion, und überall hab ich g'fragt, und überall bin ich 'nein, wo ein Türl auf'gangen is, in all' die Bureauxen und Wartsaler, aber von unserer Bäuerin hab ich nix g'hört und nix g'sehen."

Schweigend kehrte sich der Finkenbauer von dem Burschen ab, warf einen trüben Blick auf Beverl, welche die in Fragen sich erschöpfende Unruhe der beiden Kinder durch allerlei naive Ausflüchte zu beruhigen suchte, und ging mit schweren, langsamen Schritten der Haustüre zu.

Emmerenz aber, welche Doris Bericht an der Seite des Bauern angehört hatte, fuhr scheltend auf den Burschen los: "Du Lalle, Du dummer! Was musst denn nachher so lustig knallen, wenn schon allein kommst!"

"Jawohl, ich werd rein fahren wie ein hölzerne Mandl!", schnatterte Dori, den Ton und die Stimme der Dirne nachäffend; dann aber reckte er sich stolz empor und prahlte: "Wenn ich fahr, nachher müssen d' Leut ans Fenster springen und schauen! Und sie haben auch g'schaut, d' Leut, so bin ich g'fahren!"

"Das is ein' schöne Kunst: So fahren ... da schau her .... dass d' Ross dämpfen wie frisch g'sottene Erdäpfel." Und während Emmerenz zu Baltl hinüberwinkte, der die Pferde von der Kutsche spannte, fügte sie bei, mit der strengsten Amtsmiene, die sie als Oberdirne nur aufzuziehen wusste: "Da kann sich jetzt wieder der Knecht hinstellen vor die armen Viecher und kann dran reiben, bis ihm d' Händ aufg'schwellen."

"Aber geh," fiel Gidi, der den Wortwechsel zwischen den Buben und der Dirne lächelnd angehört hatte, mit stichelnden Worten ein, "is Dir denn gar so drum z'trun, dass der Baltl weniger Arbeit hat?"

Emmerenz würdigte ihn keiner Antwort. Sie kehrte ihm den Rücken und schritt dem Gesindehaus zu, wobei sie etwas murmelte von "dreinreden" und "nix angehen". Gidi schickte ihr nur einen flüchtigen Blitz seiner grauen Augen nach, die er dann mit raschem Blick dem Knecht zuwandte. Der aber bemühte sich, ein so harmlos scheinendes Gesicht zu zeigen, als hätte er weder die Worte der Dirne, noch die des Jägers gehört. Vielleicht fühlte er, ohne aufzuschauen, die brennenden, forschenden Blicke, die auf ihm ruhten.

Gidi wurde in seiner Beobachtung durch Dori unterbrochen: "Was is, Jager, hast nix für mich? Ein paar Hirschgranln, ein' Mankeizahn oder ein' Adlerklau? Weißt, zum Anhängen an d' Uhr?"

"Hast ja gar kein' Uhr net."

"Na! Aber ich lass mich heuer noch einmal firmeln, nachher krieg ich schon eine. Weißt, mein erster Godl hat kein' Uhr net vermöcht ... der hat mir zum Firmg'schenk bloß ein' Rausch 'kauft."

Gidi lachte und folgte dem Bauer in die Stube, zu dessen Beruhigung er nun ähnliche, freilich ein wenig verständigere Gründe ins Feld führte, wie Beverl zur Beschwichtigung der beiden ungeduldigen Kinder. Aber was der Jäger auch anführen mochte, zu allem schüttelte der Bauer den Kopf. Er kannte seine Mariann, und sie kannte ihren Jörg und seine "sorgsame" Natur. Da gab's kein Versäumen des Zuges, keine Verzögerung durch Gänge und Besorgungen, kein längeres anschauend er Stadt, kein Verplaudern in lieber Gesellschaft. Wenn seine Mariann gesagt hatte: Zu der und der Stunde komm ich, dann kam sie auch, oder ... Bei diesem Oder stockte der Bauer, als scheue er sich, den Gedanken auszusprechen, der sich für ihn an dieses Oder knüpfte.

"Aber geh, was machst Dir denn 's Herz so schwer, wo noch gar kein richtiger Grund da is!", beschwichtigte Gidi. "Was soll denn Deiner Bäuerin g'schehen können? So ein verständiges, achtsames Weiberleut ..."

"Mein' Mariann, freilich! Was soll denn meiner Mariann g'schehen! Aber ... wirst es sehen, Jager ... allweil in der letzten Zeit is mir's schon vor'gangen: Mit der Hanni is was net sauber ... mit meiner Hanni ... in ihrem G'müt. Ich kenn s' ja ... wenn s' da einmal was drin hat ... ich weiß schon, sie müsst ja mein' Schwester net sein ... da gibt sie 's nimmer her und - - hättst nur ihre g'spassigen Brief lesen sollen! Und am End kann man ja auch net alles sagen, was man sich denkt."

Aufseufzend näherte sich der Bauer einem der Fenster und riss es auf, als wär es ihm zu schwül in der Stube. Dann schob er sich hinter den Tisch, an welchem Gidi saß, mit sinnenden Blicken stumm vor sich hinnickend. Er stützte die Arme auf und legte den Kopf zwischen die geballten Fäuste. Plötzlich wieder fuhr er auf: "Hätt ich nur 's Madel net mit fortlassen im Herbst! Hätt ich nur mei'm ersten Willen g'folgt! Aber freilich ... wie's halt so 'kommen is! Wenn so eine fürnehme Frau vor ei'm dasteht und allweil in ein' neinred, da musst am End Ja sagen, denn grob sein kannst ja doch net. Und natürlich, an d' Hanni selber hab ich halt doch auch ein bissl 'denkt. Sie is halt einmal schon so worden, dass 's ihr bei die herrischen Leut besser taugt als wie unter unserei'm. Weißt es ja selber!"

Der Jäger nickte, er wusste es freilich. Während der sechs Jahre, die er nun im Dorf war, hatte er es ja zum Teil mit angesehen, "Wie das so gekommen". Und was jener Zeit vorausgegangen, das hatte er so nach und nach aus Gespräch und Gerede erfahren. Und wie viel des Guten hatte er dabei über die selige Finkenbäuerin gehört, die an dem Tag dahingegangen war, an dem sie der Hanni das Leben geschenkt hatte! Wenige Wochen später waren dem alten Finkenbauer, dem man nach seinem Aussehen hundert Jahre hätte prophezeien mögen, von einem schlagenden Pferd die Rippen der Herzseite zerschmettert worden. Lange Monate musste er in schwerem Siechtum liegen, ehe der Tod ihn von seinem Leiden erlöste. Von ihm hatte Jörg, der bei seinen dreiundzwanzig Jahren schon ein "strammes, resolutes Mannsbild" war, als der Erstgeborene unter den fünf Geschwistern das Regiment auf dem Finkehof mit kräftigen Händen übernommen. Aber gleich im ersten Jahr seiner Herrschaft kam schwere Kümmernis über den jungen Bauer, der mit einer seltenen Zuneigung an seinen Geschwistern hing. Es schien, als hätte der Tod in dem freundlichen haus sich heimisch gefühlt. Noch trauerte Jörg mit ehrlichem herzen um die geschiedenen Eltern, da musste er auch die beiden Geschwister zu Grabe tragen, die im Alter zwischen ihm und Ferdl standen. In der gleichen Woche waren sie an den schwarzen Blattern gestorben. Als die Krankheit bei ihnen ausgebrochen war, hatte Jörg die beiden jüngsten Geschwister aus dem Haus geschafft. Seinen "Ferdlbuzzi", der damals ein Bürschlein von sechs Jahren war, hatte er zu einem Verwandten der Mutter gebracht, in ein fünf Stunden vom Dorf entferntes Gehöft. Doch ehe noch eine Woche vergangen war, erschien eines Abends der Knabe im Finkenhof, allein, über und über verstaubt und triefend von Schweiß - "ganz verlechznet und derlegen," wie der Finkenbauer zu erzählen pflegte, wenn er auf diese Geschichte zu sprechen kam, die zumeist mit den Worten schloss: "Und weißt, was er g'sagt hat, der kleine Loder, wie ich ihn in mei'm ersten Schrecken völlig ang'fahren hab, warum er durch'brennt wär bei seine Vetterleut? Da hat er so aufg'schaut zu mir mit nasse Augen, und grad g'stößen hat's ihn, wie er g'sagt hat: Ich ... ich hab's nimmer aug'halten ... weil ... weil 's mich gar so bangt hat nach mei'm Jörgenbruder! Da hab ich ihm aber schon ein Bussel naufdruckt, das er g'spürt hat vierzehn Tag ... und seit der Stund is das Büabl mein Auf und Nieder g'wesen ... da hat' sein nix mehr 'geben!" Und dieser Geschichte pflegte der Finkenbauer in lächelndem Bruderstolz manchmal die Vermutung beizufügen, dass wohl auch sein "Hanniderl" so zu ihm gelaufen gekommen wäre, wenn es damals überhaupt schon hätte laufen können. Das Kind hatte in jenen bösen Tagen eine "gar hochwürdige Unterkunft" gefunden. Die alte Schwester des Pfarrers, die das Kind aus der Taufe gehoben, hatte es zu sich in den Pfarrhof genommen, und da wurde das herzige Wesen in kurzer Zeit das lachende Licht des sonst so stillen Hauses, der gehätschelte Liebling des hochwürdigen Herrn und seiner ehrwürdigen Schwester. Als dann der Finkenhof wieder rein war von dem verderblichen Odem jenes finsteren Gastes, entspann sich zwischen Jörg und der Schwester des Pfarrers ein hartnäckiger Kampf. Der eine wollte das Kind bei sich im Haus haben, die andere wollte den Liebling nicht aus ihrer Pflege entlassen. Und Jörg war es, der am Ende nachgab, aus verständiger Zuneigung zu dem Schwesterlein. Denn er musste sich sagen, dass er bei all seiner Liebe das Kind selbst nicht warten konnte, dass er ihm eine fremde Person halten müsste, die dem Kind doch gewiss nicht jene zärtliche Fürsorge widmen würde, deren es bei jenen beiden alten Leuten sicher war, die es liebten wie eigenes Blut. So verblieb denn das Hanniderl im Pfarrhof. Alltäglich wurde es in den Finkenhof zu Besuch getragen, bis es diese Besuche auf eigenen Füßen abzustatten vermochte. An groben Wettertagen, und auch sonst an manch einem Abend kam Jörg mit dem munter sich streckenden Ferdl auf ein Plauderstündchen in den Pfarrhof, und niemals kam er, ohne dem Kind einen Leckerbissen oder ein Spielzeug mitzubringen. Die Jahre vergingen, und aus dem Hanniderl wurde das kleine Hannerl, ein liebliches, bescheidenes, wohlerzogenes Mädchen, das in der Schule stets auf dem ersten Platz saß, dem alle Bewohner des Dorfes Freund waren, obwohl sie es bald nicht mehr als ihresgleichen betrachteten, sondern ihm jene respektvolle Behandlung angedeihen ließen, als wär es ein Kind "fürnehmer" Leute. Vielleicht lag die erste Ursache dieser Behandlung nur in der städtischen Kleidung, die das Mädchen auf Anordnung seiner Patin zu tragen bekam. Bald aber fanden sich weitere nachhaltige Ursachen hierfür in der Art und Weise, in der sich Hannis Wesen entwickelte. Der alte Pfarrer, ein edel gearteter, fein gebildeter Mann, der außer der Bibel auch andere Bücher nach ihrem Wert gelten ließ, hatte seinen und seiner Schwester Liebling auch zu seiner Schülerin gemacht. Dadurch kam es, dass Hanni gar bald in allem und jedem ihre Altersgenossinnen weit überragte, in denen die hierdurch erweckte Scheu jede gespielsame Vertraulichkeit erstickte. So sah sich das Mädchen in den sommerlichen Ferienwochen und in den spärlichen Freistunden der übrigen Zeit auf den Verkehr mit ihrem Bruder Ferdl beschränkt, der mit einer abgöttischen Verehrung an seiner Schwester hing. Wenn sie kam, um mit ihm durch Wiesen und Wald zu streifen, warf er gar eilig Holz und Messer in die Ecke, diese beiden Dinge, die ihm doch in der Schule schon über Tafel und Griffel und selbst über Essen und Trinken gingen. Späterhin aber fand das Mädchen noch einen zweiten Gespielen in Ferdls "noblem Kameraden", in dem jungen Grafensohn aus dem Schloss droben, einem hübschen, schlank gewachsenen Knaben von feinem, traulich munterem Wesen. Von der Stunde an, in welcher Luitpold mit seinen Eltern auf dem Schloss zur Sommerfrische eintraf, war er von Ferdl fast unzertrennlich, tobte und tollte mit ihm, ließ sich von ihm leiten und führen, und verführte ihn auch selbst zu kecken Streichen, die dann stets, wie sie auch ausfallen mochten, an Jörg einen lächelnden Verteidiger fanden. Der junge Bauer war ordentlich stolz auf den "nobligen Umgang" seines Herzbuben. Und doch ... wenn man den Verkehr der beiden Knaben in ihrem Zusammensein mit "Hannchen", wie Luitpold das Mädchen nannte, des genaueren beobachtete, mochte es fast den Anschein gewinnen, als pflegte das junge Herrchen die Kameradschaft mit dem Bauernsohn nur um dessen kluger, lieblicher Schwester willen, die in seiner Sprache mit ihm redete und seine Gedanken mit ihm dachte. Dieses trauliche Zusammenleben nahm ein plötzliches Ende, als Ferdl mit sechzehn Jahren nach Berchtesgaden zu einem tüchtigen Holzschnitzer in die Lehre verbracht wurde. Es war das des Knaben eigener, heißer Wunsch gewesen - und doch kostete ihm der Abschied von Bruder und Schwester bittere Tränen. Auch Luitpold blieb in den nächsten Jahren dem Dorf fern, da er die Sommermonate in einem Seebad verbrachte, das sein Vater zur Stärkung seiner Gesundheit besuchen musste. Hannchen schien diesen doppelten Verlust recht schwer zu empfinden. sie wurde seltsam still und in sich gekehrt. Darin änderte auch der Wechsel ihrer äußeren Lebensweise nichts, der bald nach Ferdels Abreise vor sich ging. Schon seit Jahren hatte es Jörg alljährlich ein paar Mal versucht, sein Hannerl aus dem Pfarrhof zu entführen; aber immer wieder hatte er sich durch die Bitten der Pfarrersschwester die Bewilligung neuer Fristen abschmeicheln lassen. Unerbittlich jedoch wurde er, als er sein Begehren durch den Vorhalt unterstützen konnte, dass das Mädchen nun auch im elterlichen Haus in guter Pflege und unter geziemender Aufsicht stehen würde - als nämlich auf dem Finkenhof eine junge Bäuerin ihren Einzug gehalten hatte. Es war das gar rasch gekommen mit dieser "Freit", und es war dabei gar einfach zugegangen. Da war eines Tages auf dem Finkenhof eine junge, saubere, blonde Dirne in den Dienst getreten, die Mariann, auch eine Waise, die nur noch einen Bruder hatte, der tief in den Bergen ein kleines Häuschen besaß und als Holzknecht, Pechsammler und Schachtelmacher sein und seines Kindes Leben fristete. Von allem Anfang an war Jörg über die Maßen zufrieden mit seiner neuen Oberdirne, die bei jeder Arbeit herzhaft zugriff, mit stillem Fleiß im Haus waltete, immer und überall den Vorteil ihres Herrn zu wahren bestrebt war, als wär es ihr eigener, dabei die Mägde in guter Zucht hielt und auch den Knechten gegenüber sich in vorteilhaften Respekt zu setzen wusste. Da begann den Jörg gar bald zu denken: Die Mariann gäb einmal eine richtige Bäuerin ab - und von diesem Gedanken war nur noch ein kleiner Schritt zu dem andern: Die Mariann wär die richtige Bäuerin für mich! Auf Geld brauchte er ja nicht zu sehen, er, der Finkenhofbauer, den die Leute im Dorf den "Goldfink" nannten. Eines Abends nun, als Mariann den jungen Bauer auf einen Übelstand in der herkömmlichen Milchwirtschaft aufmerksam machte und wohlmeinend beifügte: Zu so was gehöre halt eine Bäuerin her - da lächelte Jörg und sagte: "No, da is ja leicht g'holfen! Werd halt Du mein' Bäuerin!" Der Mariann schoss das Blut bis unter die Haare, und ganz starr schaute sie den Bauer an; dann verließ sie wortlos die Stube, und am andern Morgen kündigte sie den Dienst. Jörg nickte nur und ließ sie gehen. Es war ihm völlig recht so, denn er konnte seien Bäuerin doch nicht geraden Wegs aus dem eigenen Gesindehaus holen. Drei Tage später aber fuhr er der Mariann nach, die zu ihrem Bruder gegangen war, und wiederholte in aller Form seinen Antrag. Zwar errötete die Mariann auch jetzt wieder bis unter die Haare, aber sie blieb nicht wortlos, wenn es auch nur ein einziges Wörtlein war, das sie sagte: "Ja!" - Und die Mariann wurde dem Jörg, was er sich von ihr versprochen hatte, eine treffliche Frau, dazu noch eine gute Mutter der zwei hübschen, prächtigen Kinder, mit denen sie ihn beschenkte. Jörg wurde der Frau, die er eigentlich doch nur aus verständiger Überlegung genommen, von Herzen gut, und auch sie war ihm gar zugetan, wenn sie dies auch nie in Zärtlichkeiten äußerte, mit welchen sie freilich um so mehr die Kinder bedachte, die sie dadurch auch einwenig verzog. Ihr Mann stand für sie immer über ihr, sie schaute zu ihm auf, sein Wille war der ihre, sein Wort ihr Gesetz, sie dachte, wie Jörg dachte, und tat, was er getan wissen wollte. Auch ihr Gefühl für seine junge Schwester, welche bald nach der Hochzeit in das heimische Haus übersiedelte, war in erster Linie Verehrung. Sie behandelte das Mädchen, so herzlich dasselbe der Schwägerin auch entgegenkam, stets wie einen vornehmen Gast. Freilich, Hanni verbrachte auch jetzt den größten Teil des Tages im Pfarrhaus, wo sie lernte und lernte, was der alte Pfarrer und seine Schwester sie nur zu lehren wussten. Nur wenn Ferdl zu Besuch ins Dorf kam, dann erhielten Hannis Bücher und Hefte Ferienzeit, und da sah man die beiden fast nie ohne den Jörg, und den Jörg fast nie ohne die beiden, so dass man sie im Dorf nur die "verliebten G'schwister" nannte. Auch die Mariann' betrachtete dieses Zusammenhalten mit lächelndem Gesicht, sie selbst und ihre Kinder kamen ja dabei nicht zu kurz, und der Ferdl war nun einmal die Freude ihres Mannes, die Hanni sein Stolz. aus dem Ferdl war aber auch ein Bursch geworden, an dem man seine Freude haben konnte: Schmuck und stramm, und ebenso wohlgeraten im Charakter wie in seinem Aussehen. Und gar als er zum ersten Mal in der knappen, kleidsamen soldatenuniform erschien, als er heimkehrte aus Frankreich, geschmückt mit dem eisernen Kreuz und er goldenen Medaille, da rannte das ganze Dorf zusammen, um den Ferdl anzustaunen. Bei jedem seiner Besuche brachte er als Geschenk für den Bruder ein schönes Schnitzwerk mit, und diese Arbeiten, welche in Hannis freundlichem Stübchen aufgestellt wurden, zeigen von Besuch zu Besuch, wie Ferdl aus einem Handwerker ein Künstler in seinem Fach zu werden begann. Häufig, wenn er im Dorf anwesend war, äußerte er der Schwester gegenüber, wie sehr es ihn freuen würde, seinen Jungendkameraden, den "Grafen-Luitpold", wieder einmal zu sehen. Immer schwieg die Schwester zu solchen Worten - kaum das sie ein wenig mit dem Köpfchen nickte; dennoch aber meinte Ferdl ihr anzumerken, dass sie seinen Wunsch teilte, wenn sie es auch mit keiner Silbe verlauten ließ. Das war überhaupt so ihre Art geworden: Von allem, was in ihrem Inneren vorging, kam nur wenig über ihre Lippen. Ihre Denk- und Empfindungsweise ging weit über das Leben hinaus, von dem sie umgeben war. Im Haus des Bruders fand sie wohl Liebe und Verehrung in Fülle, aber wenig Verständnis! Am besten wusste sie noch mit Jörg zu reden, und auch dann nur, wenn sie von sich selbst mit einander sprachen oder von dem fernen Bruder. Die anderen verstanden kaum ihre reine, gewählte Sprache, um wie viel weniger den Sinn derselben. Das machte sie schweigsam und verschlossen. Gesprächig wurde sie nur im Pfarrhof, wo sie in der letzten Zeit der kränkelnden Schwester ihres alten Lehrers die einst genossene Pflege mit gleichem Dienst vergelten konnte. Unwillkürlich übte sie jene Wortkargheit nach und nach auch gegen Ferdl, wenn er zugegen war - und der hätte sie vielleicht doch in so manchem verstanden, was sie vor ihm in sich verschloss. Er hatte ja in der Fremde vieles erfahren und gesehen, hatte einen frischen, aufgeweckten sinn für alles, und besonders eine stark ausgeprägte Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur und ihrer Geschöpfe. In seiner abgöttischen Verehrung für die Schwester fühlte er aber das Unrecht nicht heraus, das sie durch diese Verschlossenheit doch gewiss an ihm beging. Er war zufrieden, wenn er ihr stundenlang von allem vorplaudern konnte, was ihm durch den Kopf fuhr, und wenn sie dabei vor ihm saß, lächelnden Mundes und herzlichen Blickes. Wenn er bei solchem Geplauder mit sich selbst zu Ende kam - das war schon so seine Gewohnheit geworden - dann fing er vom Luitpold an und erging sich in Vermutungen, welch ein "feiner, nobler Kawlier" wohl inzwischen aus dem einstigen Kameraden geworden sein müsste. Und gar, als Ferdl nach abgedienter Militärzeit das letzte Mal im Finkenhof zu Besuch gewesen war und vom Grafenjäger erfahren hatte, dass Luitpold, der im Mund der Schlossleute bereits "der junge Herr Graf" geworden, im nahenden Sommer die Eltern wieder einmal in das Dorf begleiten würde, da war auf seinen Lippen mit dem Luitpold kein Ende gewesen. Alles, was er von Gidi über ihn erfahren konnte, hinterbrachte er wieder der Schwester: Dass Luitpold nun seine Universitätszeit vollendet habe, dass er während der letzten Jahre nicht habe kommen können, weil er alljährlich die Ferienmonate dazu benützt hätte, die Hauptstädte fremder Länder zu bereisen, und dass er nun einer von jenen großen Herren zu werden gedächte, die über das Wohl und Wehe von Staaten mit einander zu verhandeln haben. Da war es nun dem Ferdl bitter leid, dass er die Ankunft des Vielbesprochenen nicht abwarten konnte, da er sich für Georgi bereits wieder nach Berchtesgaden verdingt hatte, wo sich die Meister um den selten tüchtigen Gesellen förmlich rauften. Zwei Monate nach seiner Abreise trafen sie ein, die Gräfin, der Graf, von dem die Leute meinten, dass er während des letzten Winters recht "zusammengegangen" wäre, und Luitpold, den man kaum wieder erkennen wollte. Als sie am Finkenhof vorüber fuhren, lief alles an den Zaun, was Füße hatte - nur Hanni war in ihrem Stübchen verblieben. Sie hob nicht einmal die Augen von ihrem Buch, als drunten der Wagen rasselte. Am andern Morgen schon kam Luitpold in den Finkenhof, brachte dem Bauer Grüße vom Vater und fragte nach dem "Ferdinand" und dem "Hannchen". Mit breitem, behäbigem Stolz erzählte Jörg von seinem Ferdl; dann holte er die Hanni herbei. Er hatte heimlich gelächelt, als er nach dem "Hannchen" fragen hörte. Nun erschien sie unter der Türe - und da standen sich die beiden gegenüber und starrten sich an mit seltsamen Blicken - das Mädchen den Jüngling mit der vornehmen, hoch gewachsenen Gestalt, mit dem feinen, stolzen Kopf und den edlen Zügen - er das Mädchen mit dem madonnenhaft schönen Gesicht und den tiefen, seelenvollen Augen, in dem schlichten grauen Gewand, das sich in weicher Glätte um die sanften Formen des jungfräulichen Körpers schmiegte. Jörg in seinem Bruderstolz weidete sich an der "Überraschung" seines Gastes, der Mühe zu haben schien, für das Mädchen, für "Fräulein Johanna" ein paar freundliche Worte zu finden. Nach kurzem Verweilen entfernte sich Luitpold mit einer fast auffälligen Eile. Als er einige Tage später der Johanna im Dorf begegnete, schritt er an ihr vorüber, indem er sie wortlos grüßte; dabei aber zog er den Hut so tief, als wäre sie seinesgleichen. Vielleicht hatte Johanna nur den ersteren Umstand beachtet, und nicht auch den letzteren, vielleicht sah sie darin die Äußerung eines Stolzes, der sie wohl kränken konnte - sie begann dem jungen Mann auszuweichen, und häufig, wenn sie ihn allein oder in Begleitung des Jägers die Straße einher kommen sah, trat sie unter einem rasch ersonnenen Vorwand in das nächste Haus. Da war es nun Luitpolds Mutter, welche die beiden wieder in nähere Berührung mit einander brachte. Die Frau Gräfin hörte eines sonntags Johanna in der Kirche singen. Das Mädchen besaß eine Altstimme von wunderbar weichem Klang und ergreifender Innerlichkeit - und wenn diese Stimme während des Hochamts vom Chor nieder zitterte durch den weiten Kirchenraum, dann sagten die Bauern, dass sich dabei zehnmal leichter und besser beten ließe, als wenn der alte Schulmeister mit seinem näselnden Organ das "Gloria" oder das "Agnus Dei" quiekte. Auch der Frau Gräfin hatte Johannas Gesang gar wohl gefallen! Sie erkundigte sich bei dem Pfarrer nach dem Mädchen, erfuhr natürlich das Allerbeste, und die Folge davon war, dass Johanna auf das Schloss geladen wurde. Sie kam - und musste kommen und wiederkommen, so großes Gefallen fand die vornehme Dame an der schön und tief veranlagten Natur des bezaubernden Geschöpfes, an seinem fein bescheidenen Wesen und an seinem für ein Mädchen fast reichen Wissen. Und gar, als im herbst die traurigen Tage kamen, in denen die zunehmende körperliche Schwäche des Grafen mit ungeahnter Schnelligkeit die Auflösung herbeiführte, da ließ die trauernde Witwe das Mädchen, dessen Anblick ihr schon ein Trost zu sein schien, kaum mehr aus ihrer Nähe. Dieser von beiden Seiten so herzliche Verkehr setzte sich im folgenden Frühjahr fort, als die Gräfin mit ihrem Sohn wieder in das Dorf zurückkehrte. Wie im vergangenen Sommer, so behandelte Luitpold auch jetzt die junge Freundin seiner Mutter mit ausgesuchter Höflichkeit. Dennoch wechselte er niemals andere Worte mit ihr, als eben jene, die der Verkehr bei Tisch und das kürzere oder längere Zusammensein mit ihr in den Zimmern seiner Mutter gezwungener Weise erforderte. Seine Liebe zur Jagd schien plötzlich gewachsen, und häufig war er vom Schloss abwesend. Ganze Wochen durchstreifte er, die Büchse auf dem Rücken, unter Gidis Führung die Berge, von denen er mit jedem erlegten Wild der Mutter einen herzlichen Gruß in das Tal sandte. wenn er dann für einige Rasttage in das Schloss zurückkehrte, geschah es wohl, dass die Gräfin mit einem Lächeln, welches sich freilich nicht allzu fröhlich ansah, den Sohn ermahnte, über seinen Hirschen und Gämsen nicht ganz der Mutter zu vergessen. aber all diese Mahnungen blieben fruchtlos, sie schienen eher das Gegenteil von dem zu bewirken, was sie erwirken sollten - und das war um so mehr zu verwundern, als doch sonst an Luitpold die innige Liebe und die hohe Verehrung für die Mutter aus jedem seiner Blicke, aus jedem seiner Worte sprach. Luitpolds immer wiederholte Rede: "Im Winter, liebe Mama, will ich Dich für diesen Sommer doppelt entschädigen," war noch der einzige Trost, der aus solchen fruchtlosen Mahnungen für die Gräfin entsprang, die es in ihrer liebevollen Besorgnis für das Ansehen ihres Sohnes sogar für nötig fand, Luitpolds Gebaren vor Johanna zu entschuldigen. sie bezeichnete es als "Hang zum Alleinsein," den sie eine Folge der tiefen Trauer des Sohnes um den heiß geliebten Vater nannte. enger und enger schloss sich die Gräfin in diesen stillen, einsamen Tagen an Johanna an, und als der Herbst mit seinen rauen Stürmen und seinen wirbelnden, welken Blättern in dem lieblichen Bergtal Einzug hielt, da war geschehen, wovon Jörg zu Gidi gesprochen: Die Frau Gräfin hatte sich dem Bauer gegenüber solange aufs Bitten verlegt, bis er die Schwester mit ihr in die "Münchnerstadt" hatte ziehen lassen.

Jörg hatte ungerne Ja gesagt, denn der Anblick seiner Hanni war ja auch ihm eine Freude, die er schwer entbehrte; aber er hatte ihr angemerkt, wie sehr ihr eigenes Herz an dieser Reise hing, wenn sie auch keine Silbe darüber verlauten ließ, wohl um den Bruder nicht zu kränken; und dann hatte Jörg auch bedacht, dass die Hanni nach solch einem Sommer im Dorf einen gar traurigen Winter haben würde, umso mehr, da in den letzten Septembertagen ihre alte, mütterliche Freundin aus dem Pfarrhof in den Kirchhof übersiedelt war.

Jetzt freilich, in seiner ungewissen Sorge, reute ihn jenes Ja, und ein- um das anderemal murmelte er vor sich hin: "Ich hätt's net zulassen sollen! Ich hätt's net zulassen sollen!" Und nach einer stummen Weile fuhr er auf, wie in Unmut wider sich selbst: "Ich hab dazu noch was g'hört selbigsmal, was mich hätt stutzig machen müssen. Weißt, Dein junger Herr Graf, der hat fein gar kein b'sonders guts G'sicht dazu g'macht, wie er erfahren hat, dass die Hanni mit seiner Frau Mutter geht."

"Jetzt das möcht ich schon wissen, von dem Du so was g'hört haben kannst?", fragte Gidi hastig und mit ungläubiger Miene.

"Vom Eustach, vom alten Kammerdiener."

"No, da bist aber g'scheid g'wesen," ereiferte sich der Jäger, "wenn so einer alten Ratschen was glauben hast können."

"Jetzt weißt, wann er auch leicht ein bissl übertrieben hat ... was dran g'wesen muss halt doch sein. Und da wird halt jetzt der noble junge Herr der Hanni 's Leben recht sauer g'macht haben und wird ihr halt allweil die Bauerntochter vorg'rieben haben in sei'm Grafenhaus. Das hat man ja so wie so sehen können im letzten Sommer, dass er sich gar hochmütig stellt ... gegen d' Hanni."

"Hochmütig! Mein junger Herr Graf! Und hochmütig gegen d' Hanni!", platzte Gidi los, um dann zögernd beizufügen: "No mein ... das heißt ... wie man halt so was anschaut."

Forschend hob Jörg die Augen zu dem Gesicht des Jägers, als vermute er, dass hinter diesen letzten unbehilflichen Worten mehr zu suchen wäre, als sie zu sagen schienen. Gidi aber hielt den Blick des Bauern aus, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Und während die beiden saßen, Aug in Auge, hörten sie plötzlich durch das offene Fenster Doris flüsternde Stimme: "Da schau, Beverl, was ich Dir mit'bracht hab."

"Geh, den schönen Veigerlbuschen!", hörte man das Mädchen stammelnd erwidern.

"Ja was is denn, Beverl! Was hab ich denn ang'stellt? Warum weinst denn jetzt?"

"Vor Freud! Die Bleamerln mahnen mich an mein liebs Vaterl selig! In jedem Fruhjahr hat er mir die ersten Veigerln heim'bracht, die er g'funden hat! Drum sag ich Dir schon so viel Dank, schau, so viel ..."

"Wenn's Dich nur freut ... wenn's dich nur freut!", hörte man den langohrigen Burschen mit einer Stimme sagen, die wie Schluchzen und zugleich wie unterdrücktes Jauchzen klang. "Und alle Jahr, alle, alle, hundert Jahr lang, sollst die ersten haben und jedes Mal ein' Buschen, schier größer als mein Kopf."

"So viel Veigerln find er net!", lächelte in der Stube der Jäger dem Bauern zu, während Dori draußen vor dem Fenster mit hastigem Flüstern weiter sprach:

"Aber gelt, musst fein zu niemand nix sagen, dass die Bleamerln von mir hast ..." Doris Stimme nahm einen rührend schlichten Klang an, "weißt, sonst spötteln s' mich wieder ... wegen Deiner ... und das kann ich halt gar net hören ... das sticht mich ganz in mir drin ... und schon gar, wenn's der Baltl erfahren tät ..."

Leiser und leiser war die Stimme geworden - und in der Stube brach Jörg die Stille, indem er sich an Gidi wandte: "Ja, Du, was ich heut schon lang hab fragen wollen ... gelt, Du hast was gegen den Baltl?"

"Ich?", tat der Jäger ganz verwundert. "Ah na, gar kein' Schein. Wie kommst denn jetzt auf so was?"

"No, ich mein' halt, weil ihn allweil gar so g'spassig anschaust ... und ... ich hab halt erfahren, dass er öfters in der Nacht net daheim is. Und gestern, wie's so um Tagsgrauen g'wesen is, da hab ich im Zufall zum Fenster nausg'schaut, und da is er grad über die Weisen runterg'stiegen, vom Bründlkopf her."

"Wird halt in die obern Höf wo fensterln g'wesen sein," warf Gidi mit anscheinender Gleichgültigkeit ein. Im stillen dachte er aber doch daran, dass er am verwichenen Morgen vergebens nach dem Falzgesang des Auerhahns ausgehorcht hatte, der vor zweit Tagen im Frühlicht auf der Höhe des Bründkopfes noch so lustig "geschnackelt" hatte.

"No ja, es kann ja sein, dass nix dahinter is," meinte Jörg. "Wenn aber was dahinter wär, nachher kannst offen mit mir reden. Mich kennst! Auf mei'm Hof, da duld ich kein' Unrechtlichkeit. Und wenn einer von meine Eh'halten so was treibt, der könnt lieber heut als morgen gehn, und wenn's der beste von meine Knecht wär."

Noch hatte Jörg nicht ausgesprochen, als sich vom Hof her Beverls ängstlich erregte Stimme vernehmen ließ: "So lassen S' mich doch aus! Was wollen S' denn von mir!" Und gleichzeitig hörte man ein ganz absonderlich hölzernes Gelächter.

"Jeh, der Kommandant!", fuhr Gidi auf.

"Was will denn der wieder in mei'm Hof?", murmelte Jörg, die Stirne furchend. "Den ganzen Winter hat er sich net sehen lassen."

"Wahrscheinlich, seit die Hanni aus'm Haus is?", lächelte der Jäger.

Schwere Tritte klangen im Flur, ein Geräusch ließ sich hören, als würde ein Gewehr nieder gestellt, dann öffnete sich langsam die Türe.

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