Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Edelweißkönig

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Edelweißkönig
            Titel
            Kapitel 1
            Kapitel 2
            Kapitel 3
            Kapitel 4
            Kapitel 5
            Kapitel 6
            Kapitel 7
            Kapitel 8
            Kapitel 9
            Kapitel 10
            Kapitel 11
            Kapitel 12
            Kapitel 13

Kapitel 1

"Grüß Dich Gott, Finkenbauer! Schaust Dir Dein' Hof an!", rief ein Jäger, der von den Bergen her des Weges kam, dem Bauer zu, welcher mit gekreuzten Armen, die qualmende Pfeife zwischen den Zähnen, am Zaun seines Gehöftes lehnte. "Aber hast schon recht! Da is auch was dran zum schauen!"

Damit hatte nun wieder der Jäger recht, denn der Finkenhof mit dem stattlichen, zweistöckigen Wohnhaus, dessen braunrotes Dach die mit Schnitzwerk gezierten Balken weit hinausreckte über die weiße Giebelwand, mit dem hübschen, blassblau bemalten Austraghäuschen, mit dem Gesindetrakt, mit dem Back- und Waschhaus, mit der eigenen Schmiede, mit den Stallungen, Scheunen, Heustadeln und Holzschuppen bildete gleichsam ein Dörflein inmitten des Dorfes. Ein langer, brauner Staketenzaun mit einem breiten Gattertor und einem kleinen, zum Wohnhaus führenden Pförtchen schied das Gehöft von der Straße. Ein gleicher Zaun umhegte den an die Rückseite des Hauses sich anschmiegenden Gemüsegarten, während graue Bretterplanken die Hügel anziehenden Wiesen von den Nachbarhöfen trennten. Höher und höher stiegen diese Planken empor, bis sie im dunklen Wald der steilen Berge sich verloren, die mit ihren Wild zerrissenen Graten in weitem Bogen das Dorf umspannten. Dicht und weiß lag noch der Schnee auf allen Felsenkuppen, und wie mit bleichen, eisigen Fingern griff er durch alle Schluchten und Schrunden niederwärts gegen das Tal. Die Almenlichtungen, welche sich zwischen Wald und Felsen dehnten, waren wohl zum größten Teile schon frei von Schnee, aber ihre Grasgehänge zeigten noch ein mattes, totes Gelbgrün. Die Lärchenbestände, die sich von ihnen dem dichteren Gehölze zusenkten, waren bereits von zartem, lichtem Grün leicht überhaucht, und auch die tiefer stehenden Fichten begannen schon jene hellere Färbung anzunehmen, welche die frischen Triebe des Frühjahrs den dunklen Nadelbäumen verleihen. Wo aber von den obersten Wiesen aus der Buchenwald bald in schmäleren, bald in breiteren Streifen sich einzwängte zwischen die Fichten, da blickte durch die nackt aufragenden Äste noch das rötliche Braun des Berggrundes, auf welchem die Blätter des verwichenen Sommers moderten. Auch die Haselnussstauden, welche die grauen Bretterplanken geleiteten, waren in der Nähe des Bergwaldes noch unbelaubt. Je mehr sie aber dem Dorf im Tal sich näherten, desto sichtlicher zeigte sich an ihnen die Kraft des Lenzes, so dass sie zunächst dem Finkenhof schon übersät waren von winzigen blassgrünen Blättern. An den Kastanienbäumen, welche das Wohnhaus umringten, war voll und dicht bereits das Laub ersprosst, und die jungen Blätter schwankten und rauschten im lauen Frühlingswind. Mit ihrem Rauschen vermischte sich das fröhliche Schwatzen der Sperlinge, das Gurren der Tauben und das Glucksen und Gackern der Hühner. Aus der Schmiede tönte klingender Hammerschlag, und aus den Ställen das Brüllen der Rinder und das Klirren ihrer Ketten. Knechte und Mägde kreuzten in geschäftiger Eile den Hof, und aus einer offenen Scheune klang, von einer frischen, kräftigen Mädchenstimme gesungen, die trauliche Weise eines volkstümlichen Liedes. Ein rötlich goldiges Licht lag ausgebreitet über dieses friedsame Bild, denn die Sonne war dem Sinken nahe. In zarter Bläue blickte der Himmel hernieder durch die lautere, würzige Lenzluft, in die sich vom Dach des Finkenhofes der Rauch empor kräuselte mit langsamen Wirbeln.

Ein zärtlich stolzer Blick war es gewesen, mit dem der Bauer auf die Worte des Jägers hin sein Gehöft überflogen hatte; und während er nun lächelnd vor sich hinnickte: "Ah ja, der Finkenhof!", schien die hohe, stramme Gestalt des etwas zweiundvierzigjährigen Mannes, der den um acht Jahre jüngeren Jäger ohnedies schon um eines halben Kopfes Länge überragte, noch zu wachsen.

Dieser Bauer passte so recht zu seinem Hof. Er machte ein gar gefälliges Bild: In der schwarzen, unter den Knien gebundenen Lederhose, in den dunkelblauen Strümpfen, die sich in die schweren Nagelschuhe verloren, in der grünen Weste mit den kleinen Hirschhornknöpfen und der dicken Silberkette, und in dem weißen, am Hals von einem schwarzen Flortuch umwundenen Hemd, das die Arme in bauschigen Falten verhüllte. Auf den breiten, massiven Schultern saß ein energischer Kopf mit einem scharf geschnittenen Gesicht, darin unter dichten Brauen zwei kluge, lebhafte Augen saßen. Sie waren braun wie das Haar, das die knochige Stirn frei ließ, während es mit glatt gestrichenen Strähnen die Ohren völlig verhüllte. Ein kurzer, dicht gekräuselter Bart deckte die Wangen; Kinn und Oberlippe waren glatt rasiert; die Lippen waren schmal und benahe herb gezeichnet, aber die weichen Faltenzüge zu beiden Seiten des Mundes ließen erraten, dass diese Lippen ebenso geübt waren in guten, freundlichen Worten, wie im strengen Befehlen.

Solch freundliche Worte waren es auch, mit denen der Bauer sich zu dem Jäger wandte, dessen Gestalt sich ansah, als wollte sie den Beweis führen, dass Knochen und Sehnen zur Bildung eines menschlichen Körpers völlig ausreichend wären. Fingerdicke Stränge zogen sich am Hals unter dem schwarzen, struppigen Vollbart hervor gegen die Schultern und gegen die braune Brust, welche das graue, weit offene Wollhemd tief entblößte. Einem Sehnenbündel glich auch das schwarz behaarte Gelenk der nervigen Hand, die den mächtigen Bergstock gefasst hielt. Die mit blanken Kappennägeln beschlagenen Schuhe, in denen die nackten Füße staken, mochten nach Pfunden wiegen. So weit die knochigen Knie zwischen den grauen Wadenstrümpfen und der steifen, verwetzten Lederhose sichtbar waren, zeigte sich ihre dunkle Haut bedeckt mit zahlreichen Narben. Die Flügel der dicken, ruppigen Lodenjoppe standen wie zwei Brettstücke von den Hüften ab, und nur widerwillig krümmte sich das raue Tuch um die Schultern, welche die Last des bauchig angepackten Rucksackes und der schweren, dickläufigen Büchse nicht zu fühlen schienen. Schief über den kurz geschorenen schwarzen Haaren saß ein mürber Filzhut, dessen einstiges Grün sich in Wetter und Sonne zu einem gelblichen Braun gewandelt hatte. Über die schmale Krempe nickte eine Spielhahnfeder von seltener Größe gegen die Stirn, unter welcher zwei stahlgraue Augen blitzten, aus denen Verwegenheit, Übermut, ehrliche Geradheit und harmloser Frohsinn in unbeschreiblicher Mischung sprachen. Scharf hob sich die gekrümmte Nase aus den hageren, sonnverbrannten Wangen und über den starken, spitz aufgedrehten Schnurrbart, unter welchem aus der schwarzen Umrahmung zwei Lippen lachten, deren frische, schwellende Röte in seltsamen Widerspruch zu der nervigen Hagerkeit der ganzen Erscheinung stand.

Bei all der starren, trotzigen Kraft, die aus dem Äußern dieses Menschen sprach, waren seine Bewegungen von einer lebhaften Geschmeidigkeit. Nicht nur sein Mund, alles an ihm redet mit, während er auf die Frage, woher er käme, Antwort gab:

"In der Fruh, weißt, da hab ich ein bissl nach meinen Auerhahnen g'schaut, ob sie noch sauber falzen, und tagsüber hab ich meine Jagdsteig aus'putzt, damit mein junger Herr Graf ein besseres Marschieren hat, wann er jetzt zum Hahnfalz kommt. Möcht nur wissen, warum er so lang ausbleibt. Vor zwei Tag is er schon ang'meldt g'wesen, und droben im Schlössl is schon lang alles herg'richt für ihn." Er deutete über die Schulter nach dem kleinen Schloss, das von einer nahen Anhöhe mit seinen Türmchen und Erkern einher winkte über die Dächer des Dorfes. "Es wär an der Zeit, dass er käm, sonst lasst's aus mit'm Falz. Wir haben ja heut schon den vierundzwanzigsten April. No, vielleicht kommt er morgen, und da schießt er noch allweil seine sechs, acht Hahnen, da steh ich gut dafür."

"Oho, oho, ich sagt gleich gar: ein Dutzend!", lachte der Finkenbauer.

"Na, na, net ein' einzigen lass ich abhandeln! Mein Jagderl, das steht jetzt da, dass man eine Freud dran haben kann. Freilich, Müh g'nug hat's mir schon g'macht, und d' Füß sind mir schiergar kürzer worden um ein' halben Schuh, vor Laufen und Laufen. Wie ich her'kommen bin vor sechs Jahr, da hat im ganzen Bezirk kein Hahn net g'falzt, zwei einschichtige Hirscherln sind umeinander g'schlichen, und alle heilige Zeiten einmal hast ein' guten Gamsbock g'sehen. Und jetzt! Im vorigen Jahr schon hat der junge Herr Graf fünf Hirsch g'schossen, kein' unter zehn End, und neunzehn teuflische Gamsböck. Aber weißt, ich hab halt sauber g'macht ... mit die Lumpen. Ein jeder hat's lassen müssen, der 's früher 'trieben hat. Grad ein' ... ein' hab ich noch auf der Muck! Aber der lauft mir schon noch einmal überzwerch, wie die andern alle."

Der Jäger überflog das Gehöft mit einem lauernden Blick, der den Bauer stutzig zu machen schien; doch eh' er noch die Frage anzubringen wusste, die ihm auf den Lippen lag, sprach der Jäger schon in raschen Worten weiter:

"Aber das muss ich sagen: Mein' Rennerei allein hätt's auch net ausg'macht. Er hat sich's schon ein Trumm Geld kosten lassen für Winterfutter, Salzlecken, Gangsteig und Jagdhütten, der alte Herr Graf -"

"Unser Herrgott hab ihn selig," unterbrach der Bauer. "Das war ein ganzer, ein richtiger Herr, der auch den Bauern was gelten hat lassen. Hat ihn aber auch ein jedes gern g'habt. Und 's ganze Ort is allweil z'sammg'rennt, wenn er 'kommen is im Fruhjahr, aus der Münchner-Stadt, mit der Frau Gräfin und mit sei'm lieben Büberl. Es hat aber auch 's ganze Ort mit'trauert, wie s' ihn naus'tragen haben vor zwei Jahr, mit die Füß voraus. Schad drum is g'wesen, schad, recht schad. Denn dass ich's noch einmal sag, das war ein ganzer, ein richtiger Herr."

"Und der Junge, weißt, der schlagt ihm nach. Das is Dir schon so ein lieber und feiner Mensch. Und so seelengut kann er Dir sein, ja, da könnt ich Dir gleich hundert Sachen erzählen. Was ich halt hab, das hab ich von ihm, mein' Hund, meine G'wehr, mein kleins Häusl, alles halt, alles! Und ein Jager, mein Lieber, ein Jager! Grad sehen sollst ihn, wann er so draußen is mit mir! Weißt, d' Jagerei is halt sein' liebste Sach. Da is ihm kein' Wand net z'gach und kein Graben net z'tief. Und wann's dazu kommt, dass er 's Büchsl an sein' weißen Backen druckt, da heißt's bei ihm: schallen und fallen! Drum hab ich aber auch mein' Freud dran. Durchs Feuer ging ich für ihn, und wann er's haben wollt, reißt ich den Teufel in der Mitt auseinander, ja, ich schon!"

Dabei machte der Jäger eine Faust, als hätte er den schwarzen Widersacher bereits auf Armeslänge vor sich. Der Finkenbauer schaute ihm ins blitzende Auge und lachte; dann begann er - wie es jedoch schien, mit einiger Zurückhaltung - in das Lob des jungen Grafen einzustimmen, das er mit den Worten schloss:

"So viel gern is er allweil dag'wesen in mei'm Hof, wo er noch ein Bürscherl von zwölf, vierzehn Jahr g'wesen is. Und gar arg gute Kameradschaft hat er g'halten mit mei'm Ferdl.

"Was is denn," unterbrach der Jäger, "lasst sich der Ferdl net bald wieder anschaun im Ort?"

"Ja, ja, in der nächsten Woch, da kommt er," erwiderte der Bauer mit eifrigen Worten. "Vor sechs Wochen is er ein'zogen worden nach der Münchnerstadt als Unteroffizier, auf die nächsten Tag wird er wieder frei, und da hab ich ihm g'schrieen, er soll eine Zeitlang bei uns dableiben, vor er wieder nach Bertlsgaden geht zu seiner Schnitzerei. Mein Gott, am liebsten hätt ich ihn ganz bei mir. Aber weißt ja selber, wie er is! Bei uns hat er kein' Werkstatt und kein Werkzeug, und wann er 's Holz und 's Schnitzmesser net in die Händ haben kann, nachher is ihm net wohl."

"Ja, ja, das liegt halt so in ihm. Aber es kann ihm auch net leicht einer an in der Schnitzerei," beteuerte der Jäger. "Weißt, wann er oft so dag'wesen is in die letzten Jahr, und is mit mir droben g'wesen am Berg, und wann wir nachher so schön stad umeinander g'stiegen sind, da hat er all bot was auf'klaubt vom Boden, ein' Wurzn oder ein Trümmel Holz, und hat dann umeinander 'bosselt mit sei'm Taschenseitl, und kaum das ich's versehen hab, hat er schon ein Köpfl, ein Mandl oder ein Viecherl fertig g'habt. Ja, eine ganze Sammlung hab ich daheim in meiner Stuben. No, und da freut's mich recht, dass er sich wieder einmal anschaun lasst, der Ferdl, weil er gar so ein sauberer, unterhaltsamer und so ein rechtlicher Mensch is, und weil ich ihn gar so viel gern hab."

"Er is aber auch ein Mensch zum Gern haben," stimmte der Bauer mit einem Lächeln stolzen Wohlgefallens ein. "Und lieber kann man sein' Brudern dengerst nimmer haben, als ich den Ferdl hab. Is schon wahr, ganz warm geht's mir allweil voneinander in mir drin, wann er da is. Und haben könnt er von mir, was er möcht. Weißt, und drum hab ich auch schon öfters dran 'denkt ... bei uns wird's ja auch von Jahr zu Jahr besser mit die Sommerleut ... und da ließt ich ihm ein sauberes Häusl hinsetzen, hart an d' Straßen, und da könnt er sich nachher einrichten auf'n Glanz und könnt eine Werkstatt aufmachen und ein' Laden. Mir macht's eine Freud, und für ihn selber könnt's auch net gar so schlecht taugen. Meinst net?"

"Da hast recht! Da hast recht! Bist halt ein Teufelskerl, Finkenbauer, ich sag's allweil! Und schau, was Schöners kann's ja nie net geben in der Welt, als wie wenn G'schwisterleut so zu einander halten. Unser Herrgott hätt aber auch 's Kleeblattl net schöner z'samm' tragen können, als wie Dich, Dein' Ferdl und die Hanni dazu. Aber sag, was is denn mit Deiner Schwester, wie geht's ihr denn? Ich mein', sie müsst bei unserer Frau Gräfin drin in der Stadt ein schönes Bleiben haben. Und hinpassen tut s' auch an so ein' Platz, Dein' Hanni ... sie is ja selber so fein und so gar net bäurisch, ja, könnt schiergar selber eine Herrische sein. Ich hab mir s' diemal gar net anz'reden 'traut, wenn s' mir so begegnet is in ihrem stadtischen G'wandl und mit ihrem Muttergottesg'sichtl. Wie geht's ihr denn?"

Der Bauer schwieg. Sein Gesicht hatte den Ausdruck sorgender Betrübnis angenommen. Mit ernsten Augen blickte er vor sich nieder und nickte langsam vor sich hin.

Der Jäger schien diese Veränderung nicht zu gewahren und auch auf seine Frage keine Antwort zu erwarten. Seit geraumer Zeit schon war er nur mit geteilter Aufmerksamkeit bei der Sache gewesen. Immer wieder waren seine Blicke hinübergewandert zu der nahen Scheune, und immer war dabei ein seltsam unruhiges Zucken über seine Lider und Wangen gehuscht. Während nun der Bauer schwieg, hob er lauschend den Kopf, als bemühe er sich, die Worte des munteren Gesanges zu verstehen, der aus dem Innern der Scheune tönte.

"Is jetzt das net die Emmerenz?", fragte er plötzlich. "Die singt ja heut drauf los, als ob s' 'zahlt werden tät dafür!"

Seufzend blickte der Finkenbauer auf; sein herb geschlossener Mund verzog sich zu einem leisen Lächeln, und während er eine dicke Rauchwolke vor sich hinpaffte, sah er mit zwinkernden Augen auf den Jäger und sagte: "Hätt leicht g'meint, dass Du der Enzi ihr Stimm soweit schon kennst, dass Du nimmer drum fragen musst?"

"Hast g'meint?", fragte der Jäger ganz verwunderten Tones, indem er an seinem Rucksackriemen zu nesteln begann. "No weißt, von die paar Mal her, wo ich d' Emmerenz im letzten Sommer g'sehen hab, droben auf der Alm, da kannst eine Stimm gar leicht vergessen. Der Winter is gar lang."

"Ja, ja," nickte der Finkenbauer, dessen Lächeln sich verstärkte. "Aber gelt, sauber kann s' singen, mein' Oberdirn?"

"Ja, das muss man ihr zub'stehen, das kann die Enzi!", sagte der Jäger, während er zur Höhe blickte, als wäre vom Wetter die Rede. "Aber, ich mein', Du wirst auch sonst kein' Grund zum klagen haben. Wenigstens hab ich d' Emmerenz noch nie net anders g'sehen, als mit rührige Händ, allweil fleißig und allweil lustig bei der Arbeit."

"Ja was hast denn?", lachte jetzt der Finkenbauer laut auf. "Lobst ja das Deandl über'n Schellenkönig!"

"Gar net, gar net," plauderte der Jäger mit dem möglichsten Anschein von Gleichgültigkeit vor sich hin. "Ich red halt so, wie alles red ... ich werd ihr doch net am End was nachsagen müssen, wo nix zum nachsagen is, bloß weil ..."

"Geh, geh weiter, tu net gar so fein!", schmunzelte der Bauer und tippte den Jäger über den Zaun hinweg mit der Pfeifenspitze an die Brust. "Es is ja doch kein' Schand net, wenn Du's eing'stehst, dass Du seit dem letzten Sommer der Enzi z'gfallen gehst."

"Ich?", fuhr der Jäger auf und machte zwei Augen, groß und rund wie Talerstücke. Dann verzog er die Nase und schüttelte den Kopf: "Na! Ah na! Das Deandl wär mir für mein' Gusto alles z'viel g'schnappig."

"No, schau, und ich hätt g'meint, da passt die Enzi grad zu Dir. Wenigstens wärst Du der Rechte, der ihr nausgeben könnt mit gleicher Münz."

"Meinst? Meinst?", lachte jetzt der Jäger, dass ihm die Schultern wackelten und die Tränen in die Augen sprangen.

Und dazu klang aus dem Innern der offenen Scheune die frische muntere Stimme der Emmerenz:

"Gassel gehn is mein' Freund,
Gassel gehen hab ich gern,
Wann schön der Mon'schein schient
Und blitzen d'Stern!

Wann ich z'Nacht munter werd
Und d'Buaben singen hör,
Möcht ich halt aussi glei,
Wär gern dabei!

Wann ich kein' Schneid net hätt,
Hätt ich bei'm Tag mein G'frett,
Hätt ich bei'r Nacht ..."

Da brach die Stimme mitten im Gesang ab, ein halb erstickter Aufschrei wurde hörbar, ein Gepolter, dann ein klatschender Schlag, und gleichzeitig ließ sich die zornige Stimme des Mädchens vernehmen: "Da hast ein Bussl, Du Haderlump, Du heimtückischer!"

Mit gerunzelter Stirn blickte der Finkenbauer nach der Scheune, aus deren Tor ein Knecht getreten war, der außer dem unsauberen, an den Ellbogen zerrissenen Hemd nur eine verblichene, vielfach geflickte Soldatenhose am Leib trug. Die lautlosen Tritt der nackten Füße verliehen seinem Wesen etwas Schleichendes. Auch ging er leicht gebückt und hielt dabei den Kopf mit den borstig abstehenden semmelfarbigen Haaren zwischen die Schultern gezogen. Das Gesicht mit dem starken Schnurrbart, dessen spiralenförmig gedrehte Spitzen bis auf die Brust nieder hingen, hätte man hübsch nennen können, wenn ihm nicht der kleine, schiefe Schnitt der Augen einen Ausdruck von lauernder Verschlagenheit gegeben hätte. Dazu war jetzt die eine Hälfte dieses Gesichtes unnatürlich gerötet - und der Bursche schien alle Eile zu haben, diesen roten Backen in der dunklen Stalltüre verschwinden zu lassen.

"He! Was hat's denn da 'geben?", rief ihm der Finkenbauer zu.

"Was wird's 'geben haben? Nix!", brummte der Knecht.

Schon wollte der Bauer erwidern, als ein scharf klingendes Kichern hinter ihm ihn veranlasste, nach dem Jäger umzublicken - und was er nun in den grauen Augen desselben funkeln sah, das war die Schadenfreude eines glühenden Hasses. Herb und schneidend klang auch das Lachen, mit welchem der Jäger dem Knecht zurief: "Ja was is denn, Baltl? Mir scheint ja gar, Du hast den Sonnenstich 'kriegt, am Abend und unter'm Dach?"

Der Bursch erwiderte keine Silbe. Einen stechenden Blick nur schoss er nach dem Jäger und verschwand in der schmalen Tür des Pferdestalles. Durch eine Spalte des Scheunentores klang aber nun die streithafte Stimme der Emmerenz: "Gelt, Jager, geh fein Du auch in' Schatten. Weißt, d' Sonn macht dürr, und schaust ja so wie so schon aus wie die Zwetschgen am Nickelstag!"

"Hörst es, die hat Dich schon bei'm Zipfel!", lachte der Finkenbauer, und lachend stimmte der Jäger ein. Hell und lustig klangen seine Worte, als er der Scheune zurief:

"Geh, lass Dich doch wenigstens ein bissl anschaun. Musst ja heut sakrisch sauber sein, weil schon im Reden so süß bist, als wärst ein halbs Jahr lang mit die Immen g'flogen."

"Du kannst recht haben!", klang es aus der Scheune. "Aber weißt, wenn ich auch vom Hönigmachen nix g'lernt hab, könnt ich bei die Immen leicht was profitiert haben vom Stechen." Und kichernd schlugen die Worte des Mädchens über in Gesang:

"Der Immenstock steht hinter'm Haus,
D' Imm fliegen ein und aus,
Büaberl, gelt, rühr net dran,
Weil der Imm stechen kann!"

Überleitend in einen Jodler, entfernte sich die Stimme gegen die Tiefe der Scheune.

Der Jäger sang lachend entgegen:

"Dass der Imm stechen kann,
Das schreckt mich weni',
Wann der Imm g'stochen hat,
Lasst er sein' Höni'."

Da schüttelte sich der Finkenbauer vor Lachen. "So! Sauber! Sauber! So is recht, schön hin und schön her! Nur allweil lustig, 's Lachen halt d' Leber g'sund. Aber weißt was, Jager? Ich mein' schier, wir hätten uns ganz trocken g'red. Geh weiter, kehr ein bissl ins Haus, nachher trinken wir ein Stamperl mit einander."

"Jeh, Du, da las ich mich fein gar net nöten," lachte der Jäger, "weißt, ich hab allweil ein' rauen Hals, der 's Netzen vertragen kann."

Der Weg durch die Gattertür mochte ihm wohl als ein überflüssiger, zeitraubender Umweg erscheinen, denn er sprang mit einem flinken Satz über den Zaun hinweg an die Seite des gastlichen Bauern.

Während sie den Hof durchschritten, wandte der Jäger keinen Blick von der Scheune; und das vergnügliche Lächeln, welches dabei seinen Mund umspielte, gab Zeugnis von seiner genügsamen Natur; denn er hatte in dem dämmerigen Dunkel des tiefen Scheunenraumes nichts anderes gewahren können als den matten Schimmer eines weißen Linnens.

Nun lenkten sie um die Ecke des Wohnhauses, und da verhielt ein gar lieblicher Anblick ihre Schritte.

An der ganzen Länge des Hauses hin zog sich eine mit Holzplatten gepflasterte, gegen den Hofraum durch ein Geländer abgesperrte Terrasse. Bis unter das Dach war die Mauer überspannt von einem grünen Lattengitter, an welchem sich die knorrigen Ranken des wilden Weins, der in langen, grün bemalten Holzkisten wurzelte, zu einem dichten Netz verwebt hatten, aus dem die jungen, weißgrünen Triebe stachelartig hervorstarrten. Wie glühende Augen aus dichtem Schleier, funkelten die von der Abendsonne rot beleuchteten Fenster aus diesem Netzwerk, das ein schmales, laubenförmiges Dach über der offenen Türe bildete, zu welcher drei breite Stufen aus braungelben Backsteinen empor führten. Auf der obersten Stufe saß ein Mädchen, welches kaum das sechzehnte Jahr überschritten haben konnte. Dicke braune Flechten umrahmten, die rosigen Ohren fast verdeckend, ein feines Köpfchen von länglichem Oval. In dem halb kindlichen, halb jungfräulichen Gesicht mit dem schlanken Näschen, dem winzigen, kirschroten Mund und dem sanft aus den runden Wangen sich senkenden Kinn paarte sich gesunde Frische mit einem leisen Ausdruck von Trauer oder Schwermut. Vielleicht waren es aber auch nur die großen Rehaugen, die dem Gesicht diesen Ausdruck verliehen. Sie bewegten sich so langsam, sie blickten so zag und schüchtern, sie erzählten von seltsamen, wunderlichen Gedanken und Träumen, die unter der runden, von dünnen Zaushärchen halb verschleierten Stirn leben und weben mochten, und waren anzusehen, als ob sie über alles zu erstaunen hätten, was ihnen auf ihren langsamen Wegen begegnete. Der schlanke, weiße Hals, der dieses Köpfchen trug, verschwand in dem langfransigen, blassblauen Seidentuch, das um die schmalen Schultern geschlungen und mit den über der jungen, knospenden Brust sich kreuzenden Zipfeln hinter das schwarze, mit silbernen Haken besetzte Mieder gesteckt war, aus dem ein dunkelblaues Röckchen in eng gereihten Falten hervorquoll. Zu beiden Seiten des Mädchens lagen kurz geschnittene, dunkelgrüne Tannenreiser über die Stufen verstreut. In seinem Schoß ruhte ein aus solchen Reisern geflochtener Kranz, der wohl zum Schmuck des nebenan stehenden Brettchens bestimmt war, das auf weißem Grund in bunten Farben die schnörkelige Aufschrift "Willkommen!" trug. Dem Mädchen zu Füßen saßen zwei pausbäckige, von Gesundheit strotzende Kinder, ein Knabe von fünf, und ein Dirnlein von etwa sieben Jahren. Sie lehnten sich mit den Ärmchen über die Knie des Mädchens. Als dritter im Bunde hatte sich der schwarzzottige Hofhund zu ihnen gesellt, hatte den breiten, kurz schnauzigen Kopf unter dem einen Arm des Dirnleins durchgeschoben, und wie die beiden atemlos lauschenden Kinder, so blickte auch er mit funkelnden Augen zu dem Gesicht des Mädchens empor, das seinen beiden Schützlingen von Berggeistern und Waldfeen erzählte, während es mit geschickten Händen gelbe Schlüsselblumen und weiße Schneerosen zwischen die Reiser des fertigen Kranzes fügte. Mit rosigen Lichtern spielte die abendliche Sonne über die liebliche Gruppe, während durch den dunklen Flur das in der Küche flackernde Herdfeuer den Kopf, die Schultern und die der Fülle noch entbehrenden nackten Arme des Mädchens mit leuchtenden Linien umsäumte.

"Und so hat ein jeder Stein sein' eigenen Geist: Der Kreidenstein, der Blutstein, der Eisenstein, der Salzstein, der Marmelstein, und überhaupt ein jeder, hat mein Vaterl g'sagt," so hörten Bauer und Jäger das Mädchen erzählen, als sie näher traten, ohne von demselben bemerkt zu werden. "Die Bäum aber, und die Pflanzen und Bleamerln, die haben Geisterinnen, wo man Feyen heißt, ja, und die sind gar sanft und gütig gegen alle Menschen, hat mein Vaterl g'sagt. Und bloß nachher werden s' bös auf ein', wenn einer aus Übermut nein schneidt in ein Bäuml oder so ein liebs Bleamel z'samm'tritt mit die Füß. Und so gibt's eine Almrauschfey, ein Enzianweibl und eine Steinrautalfin. Grad ein einzigs von den Bleamerln, das schöne, schöne Edelweiß, das droben wachsen tut z'höchst auf die Berg, das hat ein' Mannergeist, der's hüten tut und b'schützen, und dem sein Nam heißt Edelweißkönig. Der hat ein freundlichs G'sicht mit blaue Augen, ein' braunen Bart und braune Lockenhaar. Sein grüner Hut is 'ziert mit lauter Edelweiß, und 's ganze G'wand is g'macht aus solchene Bleamerln. Ja, und so viel sorgen tut er sich um seine Pflanzerln! Lang vor'm ersten Schnee schon kommt er aus'm Berg und deckt die Pflanzerln zu, dass keins erfrieren kann. Im Sommer nachher, hat mein Vaterl g'sagt, wenn's lang net g'regnet hat und d' Sonn so hinbrennt auf die armen Bleamerln, dass schier alle verschmachten möchten, da holt er 's Wasser aus die Bäch, damit er seine Pflanzerln gießen kann. Und nachher hat er so viel Freuden, wenn s' recht schön frisch und weiß und sauber werden, ja, und weil er's ganz gut kennt, wie 's Edelweiß den Menschen so viel g'fallt, drum führt er alle, die wo suchen gehn, unsichtbar an die Platzln hin, wo seine weißen Sternderln wachsen. Dieselbigen aber, wo mit die Bleamerln allein net z'frieden sind, wo die Pflanzen mitsamt die Wurzeln ausreißen, dass an so ei'm Platz kein Stammerl nimmer wachsen kann, ja, die hasst er bis auf 's Blut, und als ein Unsichtbarer stoßt er s' nunter über d' Wand, das s' ganz derschmettert liegen müssen in der Tiefen, ja, zur Straf!" Ein tiefer, stockender Atemzug schwellte die junge Brust der Erzählerin, deren sanfte Stimme sich zu geheimnisvollem Flüstern gedämpft hatte.

Nun sie schwieg, rüttelte ein Schauer unheimlichen Grauens den Flachskopf des kleinen Dirnleins. Fröstelnd zog das Kind die Ärmchen enger an den Leib, so dass der zottige Hofhund, der dabei unwillkürlich in Mitleidenschaft gezogen wurde, ein röchelndes Knurren hören ließ. In dem frischen Gesicht des braunlockigen Knaben aber war keine Spur eines ängstlichen Empfindens zu lesen. Er hatte wie schmollend die Lippen aufgezogen, hielt die Augen gesenkt und runzelte nachdenklich die Stirn. Plötzlich warf er das Köpfchen auf und sagte mit kecker Stimme zu dem Mädchen: "Du, Beverl! Wie kann man denn wissen, wie er ausschaut und was er tut, der Edelweißkönig ... wann er doch allweil unsichtbar is?"

Drüben an der Hausecke stieß der Finkenbauer in lächelndem Vaterstolz dem Jäger den Ellbogen an die Rippen.

Beverl aber richtete ihre großen, träumerischen Augen mit einem vorwurfsvollen Blick auf den kleinen, fürwitzigen Jungen. "Ja Pepperl, wie kannst denn jetzt so daherreden!", schalt sie mit einer Stimme, deren wichtig tuender Ton ihren festen Glauben an die Wahrheit dessen verriet, was sie den beiden Kindern erzählt hatte, fast mit den gleichen Worten, in denen es ihr vor Jahr und Jahr zu dutzenden Malen von ihrem Vater erzählt worden war, im tiefen Bergwald unter rauschenden Tannen. "So hat mein Vaterl g'sagt -", das war für ihr kindliches Gemüt ein Argument, welches keinen Zweifel duldete. Diesen Haupt- und Grundbeweis brachte sei auch dem Knaben gegenüber zur Anwendung und fügte erklärend bei: "Weißt, allweil is er ja net unsichtbar, der Edelweißkönig! Ja, kannst es glauben, Pepperl, er lasst sich schon diemal sehen, wenn auch grad net vor ei'm jedem, der nur so daherlauft auf seine zwei Füß."

"Hast ihn Du schon g'sehen?", fragte das blonde Dirnlein mit leise zitternder Stimme. Während der Bruder noch immer aus schief gehaltenem Kopf mit misstrauischen Blicken zu dem Gesicht des Mädchens empor zwinkerte.

"Na, Liesei, noch nie net!", erwiderte Beverl. "Wie könnt ich ihn denn g'sehen haben! Da müsst ich ja z'erst sein Königsbleamerl g'funden haben! Aber weißt, mein Vaterl hat mir erzählt von ei'm, der ihn g'sehen hat, net einmal grad, sondern g'wiss hundert Mal, und was mein Vaterl g'sagt hat -"

"Und mein Vater sagt, es gibt keine Geister net!", fuhr Pepperl dem Mädchen trotzig in die Rede.

Wieder bekam der Jäger den Ellbogen des Finkenbauern zu spüren.

"So! so! Du! Da pass auf!", warnte Beverl mit gedehnten Worten. "So was därfst fein net gar so laut sagen. Hast in leicht gestern um Betläuten net schreien hören, den Holimann, droben im Wald: huhu, huhu!"

"Jawohl, Holimann! Das ist ja ein Käuzl g'wesen!", trotzte Pepperl mit gering schätzend aufgeworfenen Lippen.

"Was! Ein Käuzl? Jetzt is schön! Den schau an ... ein Käuzl! Der Holimann is g'wesen! Das därfst mir glauben aufs Wort. Und weißt, wenn Dir Dein Vater sagt, es gibt keine Geister, so tut er's, damit Dich net fürchten sollst, weil noch so ein gar kleins Büaberl bist. Aber freilich gibt's Geister, gute und böse. Die bösen lasst der liebe Herrgott umgehn zur Straf für frühere Sünden, und bloß in der Nacht zu g'wisse Stunden kann man s' sehen. Sie können aber kei'm braven Menschen was anhaben, wenn man s' anruft: 'Alle guten Geister loben Gott den Herrn -'"

"In Ewigkeit Amen!", ergänzte das Liesei mit lispelnden Worten.

"Die guten Geister aber glauben selber an unsern lieben Herrgott und beten zu ihm grad so wie die frommen Menschen. Ja, die hat unser Herrgott erschaffen, damit s' ihm obacht geben auf seine Tierln und seine Berg, und auf seine Bäum und Bleamerl, weißt, weil er halt selber in sei'm Himmel droben mit andere Sachen so viel z'schaffen hat. Halb sind s' wie d' Engel, weil sie sich unsichtbar machen können, grad wie s' mögen, und wiel s' überall durchkönnen, durch Wasser und Feuer, Stein und Holz. Und halb sind s' wieder wie d' Menschen, weil s' Freuden und Schmerzen g'spüren und lachen und weinen, weil s' Hunger und Durst haben und essen und trinken. Ja, Pepperl, schau, und einer von die guten Geister is der Edelweißkönig. Wart nur, wann einmal groß bist, dass d' nauf kannst z'oberst auf die Berg ... und wenn nachher 's Glück will, dass Du sein Königsbleamel findst, nachher kannst ihn rufen, dass ihn selber siehst mit Deine eigenen Augen. Ja, und da bist nachher ein g'machter Mann! Denn wer sein Königsbleamel find und tragt's am Hut, dem kann in die Berg nix g'schehen, der kann sich net versteigen und net derstürzen ... und wann's eine Sennerin is, der tragt er alle Steiner aus'm Almfeld, dass ihre Küh das schönste Grasen haben, und kein Stückel kann ihr verkranken oder abfallen. Und wo nur einer in Not oder G'fahr is droben auf die Berg, und er ruft den Edelweißkönig an, mit sei'm Königsbelamel in der Hand, da steht er nachher gählings da vor ei'm und gibt ei'm alle zwei Händ und hilft ei'm aus der Not."

"Du, Beverl, an was kennt man denn das Bleamerl?", fragte das Liesei, dem die Augen vor Spannung und Erregung glühten.

"Du mein Gott, kennen tut man's leicht; aber 's Finden, weißt, 's Finden, das ist das Schwere bei der Sach. Denn so ein Bleamerl wachst in die ganzen Berg grad ein einzigs alle Jahr. Wen aber 's Glück grad hinführt davor, der kennt's auf'n ersten Blick. Denn 's Königsbleamel, das is fünf mal so groß als wie ein anderes Edelweiß. In der Mitt, da hat's sechs graue Schöpferln auf ei'm einzigen Stiel, wie ein anderes Sternderl grad ein einzigs hat, und rings drum rum, da stehen dreißig bluhweiße sammetne Strahlen."

"Geh, das muss aber schön sein!", seufzte das kleine Dirnlein, während Pepperl die unternehmungslustigen Blicke emporschweifen ließ zu den schneebedeckten Gipfeln der Berge, als erginge er sich in stillen Plänen, wie und wo er die Edelweißkönigsblume suchen wollte, wenn er einst groß genüg wäre, um hinaufsteigen zu können "z'oberst auf die Berg".

"No, das glaub ich, dass so ein Bleamerl schön is, wunderschön!", versicherte Beverl inzwischen dem seufzenden Liesei. "Ich selber hab freilich noch nie keins net g'sehen, aber mein Vaterl hat ein' 'kennt, der eins g'funden hat."

Pepperl, der bei seinem Aufstarren zur Höhe diese Worte überhört zu haben schien, legte nun abermals die kleine Stirn in Falten und fragte, als trüge er sich bereits mit der Sorge, dass er einst nach Jahren den mühsamen Aufstieg zu jenen seligen Höhen vergebens unternehmen würde, das Mädchen in beinahe drohendem Ton: "Is aber auch wahr, das 's so ein Bleamel gibt?"

"No freilich!", scholl jetzt von der Hausecke her die laute Stimme des Jägers, so dass die beiden Kinder erschrocken zusammenfuhren, während der Hofhund dem Jäger mit heulendem Gebell entgegenstürzte. Der Finkenbauer beruhigte das Tier und kam mit seinem Gast näher, der dem verdutzt dareinschauenden Knaben lachenden Wortes beteuerte: "No freilich is wahr, Du kleiner Thomasl Du! Mir wirst es doch glauben! Weißt, ich hab selber schon eins g'funden, so ein Bleamel, ja! Grad schad is, dass ich's Dir nimmer zeigen kann. Ich hab's am Hut 'tragen, und da hat's mir der Wind nunterg'weht über eine Wand, dass ich's nimmer hab finden können." Lachend wandte er sich zu Beverl, die sich errötend erhoben hatte und den Jäger mit einem Blick betrachtete, als suche sie aus seinem Gesicht zu ergründen, ob er scherze oder die Wahrheit spräche. "Aber schön kannst verzählen, Deandl! Schau, Dir möcht ich gleich selber zuhören, ganze Stunden lang."

Beverl errötete noch tiefer, und während sie die Augen senkte, reichte sie dem Jäger die Hand, die in der dargebotenen braunen Rechten völlig verschwand. Mit schüchterner Stimme beantwortete sie seine Frage, wie es ihr ginge und wie sie sich auf dem Finkenhof eingewöhnt hätte - gut natürlich! Auch an die Kinder richtete der Jäger noch einige lustige Worte, dann stellte er den Bergstock an die Wand und schritt mit dem Bauer in das Haus.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.