Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Reise zur deutschen Front 1915

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      Ludwig Ganghofer
         Reise zur Front 1915
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11.

16. Februar 1915

   Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, dass man einen Angriff der Franzosen erwartete. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb, weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es „erhöhte Bereitschaft“.

   Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt. – Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.

   Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme. Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet, und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt. Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag’ ich einmal: „Da ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein Beobachter. Steht der Turm noch? Oder…“ Um den Tisch geht ein Lachen herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: „Gott sei Dank, er steht noch! Da droben sitze doch ich immer! Wenn Sie morgen Nachmittag zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!“

   Während wir weiterschwatzen, hör’ ich etwas: Manchmal klingt es wie eine Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft. Jede Sekunde klingt es anders und bliebt doch immer das gleiche. „Was ist das?“ – „Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, dass es einer wird.“

   Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof hinaus. Nun vernehm’ ich es deutlich. So hatt’ ich es noch nie gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: Die „Hochgänger“, die von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges. „Schießen denn da die Unseren auch?“ – „Nein. Die warten, bis es notwendig wird.“ – „Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt, in der Nacht?“ – Ein Lachen. „Auf nichts. Vielleicht glauben sie, eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei uns. Das hat einen ganz anderen Ton!“ –

   Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl. Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen – und die deutsche Sesshaftigkeit in diesem Maulwurfskrieg begann mir als etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg – mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen, die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tag stärker ausgebaut wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals wieder haben! Aber wir werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde der Entscheidung im Westen gekommen sein! –

   Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der feindlichen Stellung herüber.

   Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte mich führen. Vor dem Haus ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen. Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben, bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und sagte energisch: „Trawalliöh!“ Worauf die Weiber wieder sehr fleißig wurden. – Besser so, als dass ein französischer Korporal unseren deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: „Harbeiiitet!“

   Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuss, während wir in den glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mussten gedeckte Schleichwege suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem großen Teich sahen wir ein deutsches Idyll: Eine mit Weizengarben beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten fahrt blies einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das doppelt zu sehen war: In der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der französische Kontrast: Ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muss das gewesen sein, ehe der Krieg begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von Brandschutt und zerstückelten Mauern!

   Ein Rauschen in den Lüften – ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas. Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr erhob seine langsame Unkenstimme: „Tack, tack, tack, tack…“, und neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war ein heißer Schrei: „Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben, erfülle deine kühne Pflicht, lass dich nicht herunterholen vom Hass deiner Feinde!“ Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan, der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich musste zwei Worte flüstern: „Deutscher Flug!“ Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. –

   Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte. Hier sah ich etwas Neues: Einen von den großen Mörsern, die vor wenigen Tagen hierher gebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn. An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich frage: „Wird geschossen?“ – „Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muss von der Turmstelle kommen.“ Also von dort, wo ich in einer Stunde sein werde!

   Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten los. Da beginnt auf einem lang gestreckten Höhenzug der frierende Riese heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander, fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische. Jeder Schuss ist ein doppelter Donner: Abschuss und Granatenschlag. Wir lassen die Pferde rennen, umso rasch wie möglich unser Ziel zu erreichen. – Da ist es!

   Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa mit dem hohen Turm, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ, muss Ritterträume gehabt haben à la Don Quixote! Vom Haus ist nimmer viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe vorhanden. In diesem leeren Mauerdarm haben die deutschen Pioniere acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose Geschützdonner, im Turm das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben trillert ununterbrochen die Klingel eines Telefons. Und ruhige Stimmen tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: „Turmstelle hier!“

   Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn’ ich zu klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine lachende Stimme: „Herein!“ Ein schmales Falltürchen wird geöffnet. Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns – ich bekomme in dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muss, ohne mich viel rühren zu können – dann geht die ernste militärische Arbeit weiter, mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telefons und einer zur Messarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist. Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischen stecken. Und während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung, die mir fast den Atem erwürgt.

   Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles, im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh’ ich nur einen ebenen Felderschild mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen aus wie kleine, gespenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe – vergleichbar einem endlosen, viel gewundenen, doppelten Kupferkettchen – die von Osten kommenden und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes mehr und mehr zu verstärken scheint.

   Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk? Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren Blättchen, die der Sturmwind treibt.

   Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben, bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts, nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, nichts! Und immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das Telefon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger, den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche, kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas: Ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes, heiteres Lachen: „Dem war unser Flieger nicht geheuer!“

   Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz. Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden. Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in schwarzblauem Schatten. Das Telefon trillert, der Hauptmann wird zum Hörrohr gerufen. „Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.“ Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den Platz am Scherenfernrohr einnahm, dass der Fesselballon wieder hochgeht. Die Meldung wird ins Telefon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstab. Ich möchte lauschen, möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muss ich schauen und suchen.

   Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte, scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, dass mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut; in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer muss ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte Schauer durch das Herz.

   Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es schon so dunkel geworden, dass man die Karte beim Messen nimmer ablesen kann; man muss sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten. Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, dass die eine der beiden feindlichen Batterien – eine Waldbatterie – jetzt gleich unter deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann mit dem Scherenfernrohr. „Da drüben, dreihundert Meter westlicher, muss sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.“ Ich spähe durch mein Glas – und ein Zufall will es, dass ich in der Dämmerung die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen. Durchs Telefon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, dass das Feuer der Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telefon trillert. „Die Mörser bleiben in Richtung. Schluss.“ Eine andere Meldung geht zum Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander – weit aus den Lüften hör’ ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen Eisenbahnzuges – und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden, seh’ ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär’s nur eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst – und dann erst, da alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden Explosionsdonner und sein Echo.

   Eine ruhige Stimme sagt: „Die ist erledigt. Die andere kommt morgen dran!“

   Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuss mehr. Nichts.

   Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!

   Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.

   Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten, zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.

   Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschierten, singen nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.

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