Ludwig Ganghofer

www.wissen-im-Netz.info

Ludwig Ganghofer - Reise zur deutschen Front 1915

Homepage
   Literatur
      Ludwig Ganghofer
         Reise zur Front 1915
            1. - 12.1.1915
            2. - 15.1.1915
            3. - 17.1.1915
            4. - 19.1.1915
            5. - 22.1.1915
            6. - 24.1.1915
            7. - 27.1.1915
            8. - 30.1.1915
            9. - 3.2.1915
            10. - 7.2.1915
            11. - 16.2.1915
            12. - 21.2.1915

10.

7. Februar 1915.

   Einen Tag lang war herrliches Wetter. Alles funkelte von Sonne. Die reinste Frühlingsstimmung! Dachte man an die Truppen, so fühlte man immer den gleichen Gedanken: „Gott sei Dank, jetzt werden sie trocken!“ Wie eine tiefe Wohltat war’s, mir vorzustellen, dass unsere Feldgrauen vor Wärme dampfen. Und mit Lachen musste ich besonders an einen denken. Den hatte ich in seinem triefenden Schützengrabenhöhlchen knien sehen, mit einer ganz sonderbar verbuckelten gestalt. „Um Gottes willen, was ist denn mit Ihnen?“, hatte ich erschrocken gefragt, denn ich hielt ihn für einen Schwerverwundeten im Notverband. Aber nun kam eine heitere Lösung. Der kluge Mann hatte, um sich gegen die von unten heraufquellende Nässe zu schützen, sieben wollene Liebesgabenbauchbinden hinten herum gebunden. Er behauptete: Das bewahre ihn bis zum Morgen vor dem tieferen Eindringen jeglicher Feuchtigkeit. Weil die äußerste dieser sieben wollenen Sitzfleischhäute zinnoberrot war – möglicherweise aus dem ehemaligen Unterrock einer Dorfschönen geschnitten – glich der Eingewickelte einem Pavian in der Paarungszeit. Wie feucht die sieben konträr verwendeten Bauchbinden auch geworden sein mögen – jetzt konnte er sie einen Tag lang in die freundliche Sonne hängen.

   Die drollige Episode ist auch ein ernster Beweis für die opulente Liebesgabenfülle, mit der unsere Feldgrauen von der Heimat aus bedacht werden. Was sie mehrfach bekommen, wird oft in höchst sinniger Weise aufgebraucht. Einen sah ich, der vier Paar Kniewärmer zu ganz famosen, tütenförmig übereinander greifenden Gamaschen zusammengenäht hatte; der Mann muss übrigens auch künstlerischen Geschmack haben, weil er bei Erzeugung dieses Meisterwerkes der Feldflickerei die Farben harmonisch gliederte: grau, braun, grau, braun. Überzählige Schlipse werden häufig als Lehmhindernisse oben um die Stiefelröhren herumgewickelt; entbehrliche Pulswärmer finden Verwendung als Zehenfutterale, und Kopfschläuche werden zu „Kniehösln“ degradiert. Einstimmig ist bei allen Feldgrauen die dankbare Anerkennung der Liebesgabenmenge. Zu Dutzend Malen hörte ich in wechselnden Worten den gleichen Sinn: „Die Leut daheim sind so viel gut! Jetzt haben wir’s oft besser wie in der Friedenszeit.“

   Die segensreichste von allen Liebesgabenspenderinnen ist aber doch die warme Sonne. Sie macht überflüssig, was Wolle heißt, und legt die Soldaten trocken wie liebe Kinderchen. Nur die Kanonen macht sie nervös; denn wenn die Nebel verschwinden und der Himmel blau wird, erscheinen die feindlichen Flieger. Vorgestern hörte man fast ununterbrochen vom Morgen bis zum Abend die Schrapnellschüsse krachen, die den Fliegern entgegenflammten und hinter ihnen herjagten. Das ist ein aufregendes Bild: Wenn hoch droben im Blau dieser winzig aussehende Menschenvogel kreist, den das unbewaffnete Auge erst nach langem Spähen zu entdecken vermag. In so großer Höhe ist seine Bewegung eine kaum merkliche: Oft scheint er völlig stillzustehen wie ein Falke, der auf seine Beute lauert. Und dann plötzlich springen aus dem blauen Himmel, während herunten auf der Welt die Schüsse krachen, kleine silbergraue kuglige Wölklein heraus, immer wieder und wieder eins, hinter dem Vogel, vor ihm, über ihm, unter ihm – die Rauchklumpen der platzenden Schrapnellgeschosse. Ganz ruhig bleiben sie hängen im Blau, erweitern sich ein bisschen, werden zu weißen Himmelsschäfchen – und wenn der Flieger schon lange verschwunden ist, hängen sie noch immer da droben und bezeichnen den Weg, den der feindliche Menschenvogel genommen hat.

   Schwebt der Flieger in zwei- bis dreitausend Meter Höhe, so ist er fast völlig sicher. Nur bei ganz besonderem Glücksfall – der feindliche Vogel würde sich natürlich anders ausdrücken – kann ihn ein Schuss herunterholen. Freilich, je höher der Flug, umso bescheidener auch das Resultat der Erkundung, trotz Fotografie und Funkenspruch. Die vielen Schrapnellschüsse, die man hinaufschickt, bringen also immerhin den Gewinn, dass der französische Flieger, dem die glückliche Heimkehr wesentlich sympathischer als der Absturz ist, außerhalb einer ergebnisreicheren Spähweite gehalten wird. Trifft ein Schuss, so geht’s dem Flugzeug noch lange nicht ans Leben; die Stellen, wo es sterblich ist, sind keine Scheunentore, sondern kleine Achillesfersen. Jeder Doppeldecker der deutschen Fliegerabteilung zu H., bei der ich einen mir unvergesslichen Tag verbrachte, ist ausgezeichnet durch die Ehrenmale vieler Schussnarben; neben jenen ausgeheilten Wunden, die für das Flugzeug lebensgefährlich waren, steht unter dem Bild des Eisernen Kreuzes der sieghafte Tag angeschrieben, an welchem deutsche Unerschrockenheit und Geistesgegenwart eine drohende Todesstunde überstanden. Mit dankbarer Bewunderung hab’ ich das Eiserne Kreuz erster Klasse unseres kühnen Fliegeroffiziers betrachtet, der auf einem ebenso verwegenen wie ergebnisreichen Erkundungsflug schwer verwundet wurde und noch in äußerster Erschöpfung, auf dem Verdeck des Flugzeuges stehend, ein Schussloch des rinnenden Benzinbehälters so lange mit dem Daumen verstopfte, bis der Doppeldecker innerhalb der deutschen Stellungen glücklich zu landen vermochte.

   Der Satz, den ich da niedergeschrieben habe, ist schnell gelesen. Doch wer die Ewigkeitsminuten eines solchen Nervenkampfes in den Lüften auszudenken vermag, wird einen Atem beklemmenden Schauder empfinden und sich dabei doch aufrichten in deutschem Stolz. Vor Beginn des Krieges hatte das französische Flugwesen gegen das deutsche eine siebenfache Übermacht. Unsere Flieger haben sie ausgeglichen durch zähe Schulung und technisches Geschick, durch stählerne Herzhaftigkeit und erhöhten Mut. Wie man von alters her sagte: „Ein Mann, ein Wort“ – so wird man sagen: „Ein deutscher Flieger, ein deutscher Held!“ – Bei uns ist die Kraft, bei uns der Sieg! Alles was ich sehe und erlebe im Feld, klingt mir immer wieder aus in diesen herrlich läutenden Refrain.

   Neuer Nebel und Regen brachte mich gestern um den Anblick eines Geschwaderfluges der Unseren. Ein solcher Flug war geplant zur Begrüßung unseres Königs, der die bayerischen Armeeverbände an der Front besichtigte. Wetter und Wind verriegelten die Fliegerschuppen. Aber der Vorbeimarsch unseres Leibregiments sowie der anderen, auf Ablösung in den Stadtquartieren weilenden Truppen war auf dem großen Stadtplatz trotz Nebelreißen und spritzenden Pfützen eine ganz prachtvolle Sache. Jede Schießscharte in unseren Schützengräben ist Schulter an Schulter besetzt – und hinter der Front dieses fast unübersehbare Gewimmel unserer gesunden, hoch gewachsenen, kraftvollen und tadellos ausgerüsteten Soldaten! Im Gefühl der Zuversicht, die dieses Bild und der klingende Taktschritt vieler Tausende von festen deutschen Beinen mir einflößte, hätt’ ich vor Freude immer schreien mögen. Das verbot nicht nur der militärische Ernst der Stunde, auch jeder Blick auf die Einheimischen, die in dichten Gruppen umherstanden; sie sprachen kein lautes, vernehmbares Wort; entweder blieben sie stumm oder flüsterten ganz leise miteinander; immer unruhiger irrten ihre Augen über diese fest gefügten Soldatenzüge hin, und in ihren Gesichtern wurden Schreck und Staunen immer großer, je länger der Vorbeimarsch der Bataillone und Batterien dauerte. – Neulich, als große Rekrutennachschübe hier eintrafen, tuschelten die Einheimischen mit glänzenden Augen einander zu: Das wären fliehende, von den Franzosen aus den Schützengräben verjagte Deutsche. Gestern begriffen sie die Wahrheit und bekamen eine erschreckende Vorstellung von Deutschlands unerschöpflichem Menschenbrunnen. Und da war in ihren Augen die Trauer des Wissens: Dass der Sieg ein unentreißbarer Besitz der Deutschen ist. Wenn die Franzosen zittern und Unruhe und Verzagtheit fühlen, so haben sie Grund dazu!

   Immer war im Blick und im Lachen unseres Königs die Freude zu sehen, die ihm das straffe Bild seiner Truppen bereitete. Bei dem Festmahl, dem als Gast der Generalfeldmarschall von Bülow beiwohnte, war der König in einer Stimmung, die ihn zu verjüngen schien. Aus seiner heiteren, lebhaften Unterhaltung war herauszuhören, was dieser von Kraft klirrende Tag ihm gezeigt hatte. Im Anschluss an ein Gespräch über meine Schilderungen des Hauptquartiers sagte der König: „Wann dieser Krieg zu Ende sein wird, ob später oder früher, das weiß heute mit Sicherheit kein Mensch auf Erden. Aber wie er ausgehen wird, das wissen wir doch alle. Da kann man ruhig sein.“

   Vorhin gebrauchte ich das Wort „Festmahl“. Das klingt ein bisschen wunderlich: Ein Festmahl im Kriegslager. Man muss da nur wissen, wie es war. Eine Stimmung von festlicher Gehobenheit, gewiss! Aber dieses Mittagessen, an dem der König teilnahm, fand im zweiten Stockwerk eines hohen, schmalbrüstigen Hauses statt, dessen rechte Mauerseite ungestützt und ein bisschen schief in der Luft hängt. Das Nachbarkhaus, das diese Mauer vor einigen Monaten noch tragen half, die Präfektur, ist niedergebrannt und in einen Schutthafen verwandelt – nicht von den Deutschen in Trümmer geschossen, sondern vor ihrem Einmarsch abgebrannt, nachdem die Staatsgelder, wie hier erzählt wird, auf unerklärliche Weise verschwunden waren. In diesem schmalbrüstigen, von seiner staatlichen Stütze jetzt völlig verlassenen Hause wurde im Juli des vergangenen Jahres, kurz vor Ausbruch des Krieges, ein Galadiner zu Ehren des Präsidenten der französischen Republik abgehalten. Von der Herrlichkeit dieses peronnesischen Nationalfestes unter Monsieur Poincarés Vorsitz ist nur das künstlerisch verzierte Menü noch übrig geblieben: Ein Dutzend der leckersten Gänge mit einer Himmelsleiter aller besten französischen Weine! Bei dem Mittagessen, das gestern für unseren König und seine Offiziere gerichtet war, ging es einfacher zu; man trank dabei Bayerisches Bier und ein paar Gläser Sekt. Und als von der freihängenden Wand gesprochen wurde, die bei jedem schweren Kanonendonner sehr merklich wackelt, sagte der König lachend: „Wo Deutsche sitzen, da hält schon alles!“

   Ja! Wir Deutschen sitzen hier in erobertem Land! Und das hält. Sicher und fest. – – – – – – – – – – – – – –

   Es war um die elfte Nachtstunde. Und plötzlich hörte ich ein Lied von vielen Soldaten, hörte den stahlfesten Hammerschlag marschierender Schritte, warf die Feder weg und sprang an das Fenster und riss die Scheiben auf.

   Über der laternenlose Straße hing eine schwarze, finstere Nacht, in der mein Blick nur mühsam die Umrisse der gegenüberliegenden Hausdächer unterschied. Und ein heulender Sturmwind peitschte mir den Regen ins Gesicht.

   In solcher Nacht kamen sie heranmarschiert und sangen, kamen aus der Stadt und stampften hinaus zu den Schützengräben. Es müssen zwei Bataillone des Leibregimentes gewesen sein. So finster war es, dass ich einzelne Gestalten nicht auszunehmen vermochte. Nur die großen, dichten Menschenklumpen unterschied ich. Das einzig Helle und deutlich Sichtbare waren die wehenden Glutfunken, die von den Zigarren oder aus den brennenden Pfeifen im Sturmwind davonflogen.

   Immer sangen die Soldaten, immer das gleiche Lied:

„In der Heimat, in der Heimat,
Da gibt’s ein Wiedersehen!“

   Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: Als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und hohen Stimmen durcheinander klingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne.

   Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinander klingende Schreie! – Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne zu mir her! Sie jauchzen und jodelten wie junge Menschen in froher Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes und heiliges Wissen: Dass Soldaten, die mit solchem Lied und mit solchem Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und dem drohenden Tod entgegen – dass solche Soldaten siegen müssen! Gleichviel, wann!

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.