Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Reise zur deutschen Front 1915

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         Reise zur Front 1915
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9.

3. Februar 1915.

   Das gute Wetter hat nur drei Tage gedauert, war also immerhin lebenskräftiger, als schöne Träume zu sein pflegen. Jetzt ist die Welt wieder grau umhangen.

   Den letzten Gutwettertag benutzten die Franzosen zu einer schweren Kanonade, die von den Deutschen nur mit einzelnen Meldeschüssen „Wir sind noch immer da!“ erwidert wurde, um aus dem französischen Tagesbericht den Satz auszuschalten: „Eine deutsche Batterie wurde stumm gemacht und vernichtet.“ Es waren im Hörbereich an die zwölfhundert Schüsse zu zählen. Dazu etwa zwanzig grobe Detonationen von Minenwerfern. So verpulverten die Franzosen an diesem Schönwettertag über eine Frontlänge von dreißig Kilometer ca. hundertfünfundzwanzigtausend Franken. Die auf deutscher Seite am Abend festgestellte „Verlustziffer“ lautete: kein Toter, kein Verwundeter, kein Materialschaden. Gelitten hatten nur die französischen Dörfer und Äcker. Für Frankreich ein kostspieliges Vergnügen! Wenn die nordfranzösischen Bauern wieder einmal zu ihrer Scholle heimkehren, werden sie entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

   Was würden wohl die deutschen Bauern dazu sagen, wenn es bei uns so gekommen wäre, im ganzen Reich! Im Feuerbereich der Franzosen kein Haus mehr, keine gefüllte Scheune, kein Vieh! Jeder Wald verwüstet, die Zäune zerstampft, jeder Acker zerrissen von den Granattrichtern, alles Feld zerschnitten, zerrupft, entzwei gesägt und unterwühlt von Laufgängen, Schützengräben und Minenkellern! Jahre und Jahre werden nötig sein, bis hier wieder fruchtbares Feld und blühende Dörfer entstehen. Um unseren deutschen Bauern deutlich zu machen, was ihnen erspart blieb, sollte man sie mit Extrazügen hierher bringen und ihnen diese Vernichtungsbilder des Krieges zeigen. Da würde der Wille, die deutsche Kraft zu nähren und zu erhalten, baumdick in ihnen erwachsen.

   Jetzt eben sitze ich in einem der hohen, zweirädrigen Bauernwägelchen, wie sie hier in Nordfrankreich üblich sind. Der Bauer, dem das Wägelchen samt Gaul und Geschirr gehörte, ist „abgereist“ – zum Unterschied von seinen vornehmen Landsleuten tat er es nicht freiwillig. Solche Wagen sollten auch bei uns in Deutschland heimisch werden; sie sind billig, sind bequem, gleiten leicht dahin und strengen auch auf schlechten Wegen den Gaul nicht an. Auch sieht man nett in die Weite, wenn man so hoch oben sitzt. Heute ist’s mit der Rundsicht freilich mager bestellt; es regnet nicht, aber alles ist grau verschleiert.

   Mein Kutscher, feldgrau natürlich, ist ein Hausmeister aus Fürstenfeldbruck, ein braver und ruhiger Mann, der gerne von seiner Frau und seinen Kindern erzählt. Aber er hat die cholerische Gewohnheit angenommen, jedes Mal, so oft er das Wort „Franzosen“ oder „Frankreich“ gebraucht, den wütenden Zwischenruf zu machen: „So a Sauvolk auf der Welt!“ Vor allem ärgert ihn der französische Mist in den Dörfern und Häusern. Und ganz besonders ergrimmt ihn die Pietätlosigkeit der französischen Soldaten, die viele ihrer gefallenen Kameraden seit Monaten unbestattet vor ihren Schützengräben liegen lassen. „So ebbes muss sich doch strafen an die Franzosen. Bal a Volk kein Respekt vor’m Heldentod von seien Brüder nimmer hat, so a Volk kommt seiner Lebtag nimmer in d’Höh, sag i! Dös gibt’s einfach gar nicht, dass uns d’Franzosen besiegen kunnten!“

   Während dieses Ergusses hatte der Erbitterte eine Warnungstafel übersehen und war einer Straße nachgefahren, die nicht granatensicher ist. Ein fester Paukenschlag. Der französische Gaul will scheu werden, mein Fürstenfeldbrucker redet ihm freundlich zu – „Ja ja, jetzt versteht er schon ganz gut Deutsch!“ – und richtig, der Gaul kehrt verständig um, und nun müssen wir einen weiten Umweg machen, um mein Ziel zu erreichen: Den Schützengraben eines Münchner Regiments.

   Eine Wache gebietet Halt, mein Philosoph mit seinem deutschverständigen Rössel muss zurückbleiben, und geführt von einem jungen, freundlichen Kriegsfreiwilligen wate ich durch die Lehmsümpfe der verwüsteten Felder. Wenn es hier nach drei Schönwettertagen so aussieht, wie muss es aussehen nach einem Platzregen? Ich komme an Wagen und Karren vorüber, die bei ihren Nachtfahrten im Morast stecken blieben. Neben einer Hecke duftet ein totes Pferd; sein Bauch ist wie ein buckliges Fass.

   Ein Rollen und Brüllen, bald nah, bald fern; die Franzosen vertrödeln schon wieder ein Häuflein Staatsgelder. Über einen die Wegmulde sperrenden Rübenacker müssen wir flink und mit geduckten Köpfen hinüber springen; das Feld sieht aus wie ein Sieb, dessen Boden ein bisschen unregelmäßig durchlöchert ist.

   Nun empfängt mich ein kleiner Wald; er hat einen neuen Namen bekommen: „Das bayerische Hölzl“. In dem wirren Gezweige leuchten viele, viele blinkweiße Flecken: Die Splitterwunden der von Granaten getroffenen Bäume. Vor dem Eingang in den Wald ist ein Damm aufgeschichtet, um das Regenwasser und die Schlammbäche abzuwehren. Jetzt geht es einen schmalen Weg entlang, der mit festen Prügeln belegt ist, damit man nicht bei jedem Schritt einsinkt bis über die Knöchel. Zur Rechten des Weges gucken aus der Lehmböschung kleine, trübe, gläserne Äugelchen heraus: Die winzigen Fenster der in die Erde hinein gegrabenen Offizierskellerchen und Mannschaftshütten. Hier wohnt und schläft und isst und arbeitet, wer nicht Dienst im Schützengraben hat.

   Junge Offiziere empfangen mich, liebenswürdig und gastfreundlich. Wie alt muss ich schon sein, weil auch ein Major für mich noch aussieht wie ein Jüngling in Uniform! Ein flinker, prächtig mundender Imbiss in solch einem kleinen, ganz gemütlichen Kellerchen. Dann geht es hinaus. Überall, wohin meine Augen im Wald fliegen, seh’ ich Arbeit, Arbeit und Arbeit. Wege werden gebaut und mit Prügeln gepflastert; hier gräbt man Rinnen zur Trockenlegung des Bodens und zur Ableitung des Wassers; eine steile, rutschige Waldtreppe wird ausgebessert – es steht da auf einem Täfelchen: „Gasteiger Anlagen, Automobile fünfzehn Kilometer.“ Hier baut man neue Unterstände für je dreißig Mann, überwölbt sie mit Wellblech und behütet das Dach mit dicker Lehmlage. Dort, im Gewirr der Stauden, geht es reihenweise hin und her, da schleppt man die Eisenbahnschwellen, die Bretter, die Balken und Pfähle, die Strohgarben und Lattenroste durch den Wald hinauf, und droben wird alles zurechtgelegt für die Nachtarbeit, bei der diese notwendigen Dinge auf Pfaden, die man am Tage wegen der singenden Vögelchen nicht begehen kann, in die Schützengräben wandern. Dieses Gewimmel fleißiger Arbeit – das ist die „Ruhepause“ unserer Feldgrauen! Schließt man die Augen und sieht diese schleppende Plage nimmer, so glaubt man wirklich an heitere Ruhe, denn immer hört man ein lachen, überall klingen fröhliche Worte.

   Ich sehe zwei von unseren gesegneten Feldküchen am Werk; sie brodeln und qualmen und riechen gut und werden am Abend den gesunden Hunger der Unseren stillen. Wie eine liebe Freude ist dieser Gedanke in mir! Und da greift mir plötzlich etwas Hartes und doch etwas wunderbar Schönes an den Hals und tief in das Herz hinein – ich stehe vor dem „Waldfriedhof“! So nennen sie diesen kleinen, stillen Platz. Zwischen vier großen Eichen haben sie sauber gemacht, den Weg besandet und einen Zaun gezogen. Alles, was in dem schneelosen nordfranzösischen Winter immergrün ist, das haben sie weit in der ganzen Gegend gesammelt, haben es hier mit en Wurzeln eingepflanzt und haben es so sorgsam gepflegt, dass es schon jetzt zu treiben beginnt und neue Blätter bildet: Lorbeer und Stechpalme und Buchs und Efeu. Aus den zerschossenen Dörfern haben sie Marienstatuettchen und Kruzifixe herbei getragen, eins für jedes Grab – und haben die Holzkreuze schön ausgeschnitten, haben sie bemalt, haben in hübscher Schrift die deutschen Heldennamen drauf geschrieben, haben rührend kindliche Verse gedichtet – und haben so diesem ernsten Platz, auf dem die grün geschmückten Hügel in breiter Reihe liegen, etwas Heiligfrohes gegeben, etwas frühlingshaftes in aller Kahlheit dieser Winterszeit. Das ist keine Stätte des Todes – das ist ein grüner Tempel der Auferstehung und des ewig blühenden Lebens.

   Meine Deutschen! – – Wenn du von denen sprichst, du Philosoph aus Fürstenfeldbruck, dann musst du anders sagen: „So ein Prachtvolk auf der Welt!“ – Solch ein Volk? Und untergehen? Nicht Sieger und Lebensgärtner auf Erden bleiben? Dieser Gedanke wäre Irrsinn oder verbrecherischer Zweifel an Gottes logischem Schöpferwillen!

   Das deutsche Bild, das ich gesehen, verlässt mich nimmer! Heiß zittert in mir die dankbare Ehrfurcht nach, während ich hinter den führenden Offizieren hinaufwate durch den engen, pfützigen Lehmgraben, dessen Boden und Wände mich einwickeln in gelben Schlamm. Immer weiter führt er hinaus in das vom schärfsten und gröbsten aller Pflüge, vom Pflug des Krieges, durchackerte Feld. Immer knallt es und dröhnt. Wieder muss ich an ein friedliches Schützenfest denken – so pufft und donnert es immer, wenn gegen Abend die Schützen sich beeilen, und wenn im guten Büchsenlicht vor der Dämmerstunde bei vielen Punktschüssen die Böller gelöst werden.

   Jetzt stehe ich auf der Wallbank und spähe durch die Scharte eines Stahlschildes nach der feindlichen Stellung hinüber. Ein Grauen, das mir durch alle Knochen rieselt, macht mich schauern wie bei Frost. Da draußen liegen sie. Es sind nicht die ersten verwesenden Toten, die ich sehe. Aber in solcher Menge! Zorn und Ekel und Erbarmen kämpfen in mir. Dreiundfünfzig kann ich zählen. Jene, die am mutigsten waren, liegen weit voran, jeder für sich allein – hinter ihnen die anderen, zuerst eine kurze, dann eine lange Reihe. Manche liegen wie behagliche Schläfer; manche sehen aus, als wollten sie eben aufstehen und hätten in den Beinen einen Krampf bekommen, der sie unbeweglich machte; andere haben die Füße hochgeschlagen, wie erstarrt inmitten eines Purzelbaumes; einer gleicht einem orientalischen Beter, der auf den Knien liegt und mit ausgebreiteten Armen die Stirne zur Erde beugt; und einer scheint wie in wildem Zorn stumm zu lachen und hält die beiden geballten Fäuste gegen den Himmel gestreckt. Ganz braun sind diese Fäuste, so braun wie die Fäuste eines Arabers. Und die gleiche braunschwarze Farbe liegt auch über allen Gesichtern dieser einst weiß gewesenen Europäer – soweit ihre Gesichter noch vorhanden sind. Vögel und Mäuse haben da schon ihre abmindernde Arbeit getan. Die Farben der Mäntel und Uniformen sind verblichen; und jenen Toten, die beim Sturz das Käppi verloren, hat der wochenlange Regen das Haar über Stirn und Schläfe gekämmt. So liegen sie seit dem 18. Dezember; und ein Dutzend Schritte hinter diesen von aller Heimat Verlassenen, die doch tapfere Helden ihres Volkes waren, schlafen und essen und trinken im französischen Schützengraben ihre lebenden Brüder! Denen boten die Deutschen einen Waffenstillstand zur Bestattung ihrer Gefallenen an. Die Franzosen lehnten ihn ab. Warum? Weil sie darin einen Vorteil für die Deutschen witterten? Weil sie glaubten, der stete Anblick dieses Todes würde die Deutschen verzagt machen? Oder weil sie hofften, dieser Leichenwall würde ihr empfindliches Ohlala-Häutchen vor den bayerischen Gewehrkolben behüten? Oder nur, weil sie zu zivilisiert und zu faul waren, um eine etwas mühsame und unästhetische Pflicht der Pietät zu erfüllen?

   Fürstenfeldbrucker! Ich will beim Gedanken an diese verlassenen Toten dein zorniges Philosophenwort nicht nachsprechen. Aber Recht hast du!

   Nach diesen Minuten des Schauderns ist mir der Anblick unserer Feldgrauen, die den Waldfriedhof anlegten, wie Erlösung und Trost, wie aufatmende Befreiung.

   Der Schützengraben, in dem ich da stehe, ist einer der niederträchtigsten – nur haltloser Lehm, immer in rutschender Bewegung, alles eine Spottgeburt aus Dreck und Wasser. Mit Spaten und Brettern, mit Flechtwerk und Lattenrost kann man dieses klebrigen, schleichenden Feindes nicht Herr werden – nur mit Humor. Recht bezeichnend heißt eine Strecke dieses Schützengrabens das „Pfuitenfelgasserl“. Ein Verbindungsgang hat sogar einen variablen Namen: Bei leidlich trockenem Wetter heißt er „König-Ludwig-Straße“; steigt das Grundwasser, so heißt er „König-Ludwig-Kanal“. Und in einer Grabensenkung, die immer Wasser hat, bis übers Knie herauf, zeigt ein Täfelchen die Inschrift: „Bitte nicht auf den Boden spucken!“ Man begreift da den Sänger aus dem feldgrauen Volk, der sich in einer lyrischen Schilderung des ihm geläufigen Milieus zu dem Vers verstieg:

„Der Schützengraben, wenn ich nicht irr’,
Ist dem heiligen Peterl sein Nachtgeschirr!“

   In einem Höhlchen sitzen drei mit gekreuzten Beinen wie Türken und spielen Tarock. Einen hör’ ich sagen: „Daheim ist daheim!“ nebenan spielt einer die Mundharmonika, sein Kamerad singt leise dazu, ein bisschen melancholisch – und ich höre im Vorübergehen den Vers:

„Jatz hot sie einen andern Baum!“

   Auf dem Türchen eines Schlupfes steht: „Meilerhütte“ – auf dem nächsten: „Arminshütte“; da hausen Mitglieder des Alpenvereins; einer ruft mir zu: „Dös weard jetzt wieder a schöner Roman, gelt?“ Und weil ich auf dem Hirndach eine ziemlich dicke Mähne habe, die sich in meinen drei Feldwochen schon merklich streckte, winkt mir ein Lachender: „Sö, i bin Frisör, soll i Eahna vielleicht d’ Haar stutzen?“ Und beim Sausen eines Haubitzenschusses hör’ ich, wie einer warnt: „Obacht, a Rollwagerl kimmt!“

   Einer sitzt ruhig in seinem Höhlchen und guckt aus der Liebesgabenkopfhaube heraus wie ein mittelalterlicher Ritter aus seinem Eisenhut. Ich fragte: „Ist’s warm da drinnen?“ Er lacht: „Hundskalt! Aber halbert trocken, Gott sei Dank! Vor acht Tagen hast allweil gmoant, du musst a Fisch wearn!“ Ein anderer fällt ein: „Ah, dös is gut so! Früher, daheim, da is man so von eim Tag in andern einitorkelt, und nie hat man verstanden, was man hat vom Leben. Jetzt, bal i heimkomm, jetzt weiß i, was ’s Leben wert is und wie man leben muss!“

   An dem meterbreiten Zwischenraum zweier Unterschlupfe ist eine Blechtafel befestigt: „Hier ruht in Gott …“ Ehe der Schützengraben ausgehoben wurde, begruben hier die Deutschen einen Unteroffizier; diese Erdstelle ließ man beim Bau des Grabens unberührt; zur Rechten und Linken des Todes wärmt sich jetzt und ruht und schlummert das gesunde Leben.

   Während des Weiterstapfens durch den Graben erzählen mir die Offiziere von dem missglückten Durchbruchversuch der Franzosen am 18. Dezember. Mitten im heißesten Gefecht ereignete sich da ein heiteres Intermezzo. Ein Bayer, der mit dem Bajonett losrennen wollte, erkannte in seinem Feind einen „Spezi“, der drei Jahre in München als Kellner gedient hatte. „Jesses! Du? Was tust denn Du da?“ Der Franzose antwortete im reinsten Münchnerisch: „Durchbrecha tean mer.“ Und der Bayer lachte: „So so? Da gib nur glei’ die’ G’wehr her!“ Die Sache war erledigt.

   Im Unterstand eines Artillerieleutnants bekomme ich noch ein kleines, verheißungsvolles Stillleben zu sehen: Das Fensterchen ist mit sprossenden Efeustöcken bestellt – und die Blumentöpfe bestehen aus feindlichen „Ausbläsern“, aus den Stahlhülsen französischer Granaten, die keinen Schaden anrichteten.

   Steil geht’s hinunter und drüben noch steiler hinauf; ein Drahtseil ist angebracht, wie bei einer gefährlichen Kletterstelle im Hochgebirge. In der Mulde ist der Wall Schulter an Schulter besetzt. Und drüben, wo es aufwärts geht, an etwas exponierter Stelle, warnt mich der Offizier: „Den Kopf ducken! Für die Stelle haben die Franzosen drüben einen Spezialisten.“ Nicht weit von dieser Platte ist in der vergangenen Nacht ein junger Fähnrich bei einer Erkundung gefallen.

   Meine Führer wollen umkehren, wir sind an der Grenze ihres Gebietes; aber der junge freundliche Leutnant des Nachbargrabens erklärt: „Wir haben was da droben, das muss man sehen!“ Mit flinker Kletterei geht es aufwärts.

   Ja! Das musste ich sehen: Die Madonna im Schützengraben! Früher stand sie draußen an einem Feldweg, zwischen der deutschen und der französischen Stellung, immer von den Kugeln bedroht. Vier stämmige Bayern haben sie in einer finsteren Nacht hereingeholt in den Graben: Eine lebensgroße Mutter Maria mit dem Kind, aus schwarzem Eisenguss. Der Schöpfer dieses Bildwerkes muss halb ein Künstler, halb ein Bauer gewesen sein. Etwas Naiv-Rührendes spricht aus dem zarten Schmalgesicht der Maria, wie aus der spielenden Geste des heiligen Kindes. Nun steht diese schwarze Madonna kugelsicher in einer Lehmnische des deutschen Schützengrabens, ist mit Buchs umkränzt, mit Efeu umwunden – und unsere Feldgrauen, ehe sie sich schlafen legen, knien da, mit der Mütze vor der Brust.

   Die sinkende Dämmerung umwebt das Bildwerk mit immer dichter werdenden Schleiern. In mir ist ein Sinnen, so andächtig und froh, wie ein gläubiges Gebet. Dann steigen wir über das offene Feld zum „Bayerischen Hölzl“ hinunter und brauchen dabei die Köpfe nimmer zu ducken; für den „Spezialisten“ im französischen Schützengraben ist es bereits zu dunkel geworden.

   Eine deutsche Batterie gibt noch vier Schüsse ab. Ihr Hall und das Krachen der platzenden Granaten weckt ein lang rollendes Echo an den Waldsäumen. Abendläuten im Feld!

   Ich werde bleiben bis zum Morgen, weil ich die „Nachtruhe“ der Feldgrauen am eigenen Leib erfahren will. Was man würdigen soll, das muss man kennen.

*               *
*

4. Februar 1915.

   Draußen die Nacht, von der man nicht sagen kann, dass sie still ist. Nur dunkel ist sie.

   Wir sitzen zu fünft bei einer schmackhaften Mahlzeit im „Offizierskasino“ des Schützengrabens. Unter der Erde liegt es, ist zwei Meter breit und drei Meter lang. Steigt man aus der Oberwelt über das Trepplein herab, so muss man sich sehr tief bücken, sonst gibt es gleich zwei Beulen, eine an der Stirn und eine am Hinterkopf. Hat man aber diese Gefahr überwunden, dann wird die Sache ganz reizend.

   An die dreißig solcher Hütten und Kellerchen hab’ ich schon besucht; in allen merkt man die gleiche deutsche Sehnsucht: Ein Heim zu haben, in dem man sich gerne aufhält.

   Naturherd aus gedörrten Lehmpatzen oder eisernes Öfelchen, beide haben die verwandte Eigenschaft: Sie rußen und rauchen. Aber das macht nichts. Den Ruß kann man wieder hinauskehren, und gegen den Rauch kann man die Tür aufmachen – wenn’s nicht gerade herein pritschelt. Von den Lehmwänden schwitzt immer die Nässe durch; aber in der Wärme von Ofen und Menschen verdunstet sie wieder. Die nachrutschenden Erdmauern haben das beharrliche Bestreben, die Verschalungsbretter krumm zu biegen und herauszudrücken; dann werden sie eben wieder aufgepölzt und festgenagelt; das hilft mit Sicherheit einen oder zwei Tage. Dass es von oben hereinregnet, das ist ja eine ganz natürliche Sache; ein verständiger Mensch wird sich gegen die ewigen Gesetze der Schwere und des Falles nicht auflehnen. Etwas irritierend wird die Sache, wenn das Wasser von unten heraufquillt; na, da schöpft man eben und schöpft und schöpft – und schließlich kommt man zu der beruhigenden Überzeugung, dass auch hier eine sehr alte Naturnotwendigkeit mitspielt: Nämlich das Gesetz vom Gleichgewicht der Flüssigkeiten. Wir haben doch das in der Schule gelernt, dass das Wasser in den beiden Schenkeln einer gebogenen Glasröhre gleich hoch stehen muss. Wenn also draußen das Lehmwasser bis ans Fensterchen steigt, muss es sich einen Meter tiefer auf dem Stubenboden herinnen doch auch ein bisschen zeigen. Und da sucht sich der kluge Mensch eben nach Kräften zu schützen. Das ist das Wunderbare im Feld: Man wird so ruhig, dass man mit allem einverstanden ist und mit allem fertig wird.

   Aber jetzt fragt einmal eine von unseren braven deutschen Hausfrauen daheim: Ob sie nicht längst schon im Irrenhaus wäre, wenn sie das vier Monate hätte mitmachen müssen. Sie wäre schon während der ersten vier Tage in Verzweiflung geraten über die sonderbaren Flecken, durch die bei solchen chronischen Wasserbewegungserscheinungen die Tapeten in den seltsamsten Ornamenten gesprenkelt werden. Man könnte der Frage näher treten: Ob man nicht einmal durch Parlamentsbeschluss die Frauen in den Krieg schicken sollte. Ich denke sehr gut von ihnen, bin aber doch überzeugt, dass sie viel nachsichtsvoller und geduldiger heimkehren würden, als sie waren, da sie auszogen.

   Ja, wahrhaftig, diese Kellerchen sind tapeziert! Manchmal nur mit Zeitungspapier und den Packbogen unterschiedlicher Liebesgaben. Zuweilen aber auch mit persischen Teppichen, die aus einer nordfranzösischen Villa stammen und – wie ich bereits erzählte – sich schon nach der zweiten oder dritten Woche durch lebhafte Pilzbildung auszeichnen, um sich schließlich in Warmbeete zur Züchtung von Schwammerlingen zu verwandeln.

   An derart gestalteten Wänden sind nun allerlei nette Dinge angebracht. Nie fehlt das Brettregal, auf das man die Schuhschmiere, das Liebesgabenklosettpapier oder sonstige Kulturgegenstände hinauflegen kann. Irgendwo ist immer ein möglichst wasserdicht gemachtes Archiv für Schreibmappe und militärische Akten angebracht. Die reiche, mit Sorgfalt und Liebe gesammelte Kunstgalerie besteht aus kolorierten Kupferstichen, die aus dem Schutt der niedergeschossenen Bauernhäuser herausgeholt wurden, aus den vielen Ansichtskarten, die von daheim gekommen, aus Titelblättern der „Jugend“ und aus Kriegsbildern des „Simplicissimus“. In dem Offizierskasino, in dem ich mich augenblicklich befinde, ist sogar eine Schwarzwälderuhr vertreten; aber sie geht nicht; infolge der andauernden Feuchtigkeit ist das ganze Räderwerk zu einem unentwirrbaren Oxydklumpen zusammengerostet; so hat diese Uhr jetzt nur noch den einen Zweck, mit ihren eisernen Gewichten allerlei unangenehme Püffe auszuteilen und sich mit ihren Ketten in die Haare der Tischgäste zu verwickeln; aber – „Eine Uhr im Zimmer, das sieht doch immer nett aus! Nicht?“ So behauptet der Major mit einem zärtlichen Blick auf diese Kostbarkeit seines Bataillonskasinos.

   Geradezu vornehm ist die Beleuchtung. Es ist bekanntlich viel nobler, Kerzen zu brennen, als elektrisches Licht zu benützen. Diese im Feld selbst fabrizierten Talgkerzen haben jedoch bei ihrem aristokratischen Glanz zwei missliche Eigenschaften; ist es kalt und zieht es durch Tür und Fenster herein, so brennen sie schief und tränen in die Suppenschüssel; und ist es so warm, dass man von „Bullenhitze“ redet, so biegen sie sich in geschwungenen Barockformen über den Leuchter herunter und lassen ihre Fetttropfen auf das magere Kommissbrot fallen. Na ja, frische Alpenbutter wäre schmackhafter! –

   – Vielleicht erheben nachdenkliche Leser jetzt den Vorwurf gegen mich, dass ich mit unangebrachter Heiterkeit von Dingen rede, die man eigentlich doch sehr ernst nehmen sollte. Dieser Vorwurf wäre ungerecht. Ich glaube, dass man, was ich da erlebt und gesehen habe, nur heiter nehmen kann! Wollte ich ernst von der unbeschreiblichen Mühsal erzählen, die unsere Offiziere und Soldaten seit Monaten mit namenloser Geduld und entzückendem Humor ertragen, so würdet ihr in der Heimat bei jedem meiner ernsten Worte ein wehes Zittern in euren Herzen haben! Aber seid ohne Sorge! Ich darf heiter erzählen. Die Unseren im Feld sind von so gesundem Schlag, dass sie monatelang die ruhelose Marter dieses nassen Dreckes und die Drohung steter Gefahr für Leib und Leben ertragen und dabei doch immer noch lachen können.

   Gerade im Anschluss an dieses Wort bekenne ich, dass ich an diesem von Kerzentropfen und sonstigen Wirtschaftsrätseln bekleckerten Tisch eine der schönsten, tiefsten und wertvollsten Stunden meines Lebens genießen durfte. Denn als wir gespeist hatten und der gute französische Landwein geheimnisvoll in den sehr verschiedenartigen Gläsern leuchtete, begannen sie zu erzählen, diese Feldgrauen; jeder von ihnen hat viel Hartes durchmachen müssen; und einer trägt zwei kleine rote Narbensternchen auf der Stirn – wo die Kugel hinein und wieder hinaus gegangen, ohne diesen festen deutschen Jünglingsschädel zerbrechen zu können. Von den ersten schweren Wochen des Krieges erzählten sie, von den furchtbaren Tagen und Nächten in Lothringen und Belgien, von Stunden, in denen manchmal auch die Nerven des tapfersten Mannes zu versagen drohten. Ganz ruhig erzählten sie, fast so ruhig, wie man von einem beschwichtigten Ungewitter redet; nur ihre Worte wurden langsamer, ihre Stimmen leiser, innerlicher; sie gebrauchten keine aufputzenden Adjektiva, sie sagten jedes Ding so hart und streng vor sich hin, wie es geschehen war, und keiner redete von sich selbst, jeder nur immer von der großen Sache. Und während ich atemlos lauschte, an Herz und Knochen vom grauen des Krieges gerüttelt, war es mir immer, als müsste ich etwas Dankbares aus mir herausschreien und müsste mit beiden Händen hinüber greifen über den Tisch, um diese jungen deutschen Mannsfäuste zu fassen und zu drücken. Hätten es mir diese drei Wochen im Feld noch nie gezeigt und gesagt, so hätt’ ich es jetzt an diesem kleinen Tisch verstanden, was für uns Bürger in der Heimat das kraftvolle und sieghafte Wort bedeuten muss: Ein deutscher Soldat, ein deutscher Offizier! – Freilich, im Sinn eines Kunstgeschmackes, der die Abwechslung liebt, haben sie auch einen Mangel: In ihren besten und wesentlichsten Zügen sind sie alle gleich, da ist einer wie der andere! An vielen hundert kleinen Tischen dieser kleinen Lehmlöcher könnte ich ein Gleiches hören, wie ich es an diesem Tisch vernahm.

   Es wirkte auf mich, dass ich lange wortkarg bleiben musste, als es schon wieder heiter wurde, weil Besuch erschien. In Begleitung eines Reichsrates, den wir in München kennen und verehren, kam der Regimentskommandeur zur Besichtigung der Nachtarbeit im Schützengraben – als Vorgesetzter ein Freund und Vater seiner Soldaten. Davon sollte ich gleich eine Probe erfahren, die mir unvergesslich bleiben wird. Der Kommandeur wollte bei diesem Nachtweg eine Beförderung verkünden. „Nach dem Regimentsschimmel müsste man’s eigentlich anders machen. Aber was einer verdient, muss er bekommen. Den Lohn verschieben, heißt ihn entwerten.“

   Nun geht’s hinaus in die dunkle Nacht, die geheimnisvoll durchklirrt ist von einem gedämpften Arbeitslärm. Manchmal ein Schuss in der Ferne, manchmal einer im nahen Schützengraben – Schüsse, die bei der Finsternis nicht treffen können, nur sagen wollen: „Wir wachen!“ Zuweilen leuchtet droben über dem Wald eine rote Helle auf und verschwindet wieder. Und herunten zwischen den Bäumen schreiten oder stehen schwarze Gestalten mit klumpigen Lasten auf den Schultern. Schritt um Schritt geht es über klappernde Prügel hin oder durch quatschenden Lehmteig. Bei etwas schwierigen Stellen leuchtet für einen Moment der Strahl eines elektrischen Lämpchens auf.

   Ein Kriegsfreiwilliger wird herbeigerufen. Kaum unterscheide ich in der Nacht den Umriss der schlanken, unbeweglich stehenden Gestalt.

   Die Stimme des Kommandeurs: „Lieber R.! Sie haben nicht nur zwei famose, schneidige Erkundigungen gemacht, ich weiß auch, dass Sie in allen Stücken ein tüchtiger, verlässlicher Soldat sind! Nicht wahr, Sie streben den Offizier an?“

   „Jawohl, Herr Oberstleutnant!“

   „Sind Sie schon Fähnrich?“

   „Nein, Herr Oberstleutnant!“

   „Dann sind Sie es jetzt. Ich gratuliere Ihnen!“

   Da hör’ ich einen leisen Laut – wie von einem Jungen, dem beim Baden im Bach das kalte Wasser heraufsteigt an die Lenden. Dieser leise Laut – das war tiefste deutsche Soldatenfreude.

   Ich muss die Hand strecken. „Darf ich Ihnen auch gratulieren?“ Keine Erwiderung. Aber den Händedruck hab’ ich noch eine Stunde lang gespürt.

   Der Weg durch Laufgang und Schützengraben ist mit Schwierigkeiten verknüpft. Immer wandern die langen, endlos scheinenden Reihen der Last schleppenden Soldaten an uns vorüber. Beim Ausweichen muss ich immer den verwünschten Bauch in die nasse Lehmwand hineinquetschen. Oft komm’ ich von diesem klebrigen Teig kaum mehr los. Pfundweise hängt er an meinen Händen. Was will man machen, man wischt ihn an der Hose ab.

   Überall im Schützengraben wird geschanzt, geschaufelt und gearbeitet, überall wird gebessert, was schlecht wurde, überall ausgetauscht, was unbrauchbar geworden.

   In ihren Schlupfen liegen die Abgelösten; keine Stimme, kein Öffnen des Türchens, kein Zug der kalten Nachtluft und auch kein Schuss vermag sie zu wecken. Sie schlafen, wie nur die Zufriedenen und Glücklichen schlummern. Wie Aschensäcke sehen sie aus, in ihre Mäntel gewickelt, die Zeltbahnen über die Köpfe gezogen.

   Die Schützen, die im Graben auf Wache sind, stehen regungslos bei ihren Scharten und spähen in die Nacht hinaus, die der Mond, hinter dicken Wolken verborgen, ein bisschen aufzuhellen beginnt. Oder gewöhnen sich nur die Augen an die Finsternis? Manchmal ein Schuss – weil ein Wachtposten was gesehen hat oder was zu sehen glaubte. Und zuweilen, in den benachbarten Stellungen drüben, das Dröhnen einer platzenden Granate. Eine kann ich aufgehen sehen. Das sieht aus wie ein Strauß aus Feuerblumen, der eine schwarze Manschette hat.

   Durch den ganzen Schützengraben geht es. Die schussbereiten Maschinengewehre werden revidiert. In einen finsteren, engen Gang hinein und unter die Erde hinunter! Ganz vorne arbeitet einer wie ein Bergmann, ein zweiter karrt den ausgehobenen Lehm davon, ein dritter versteift den Minengang mit stützenden Bohlen.

   Wieder im Graben. Ein schönes, rot glänzendes Sternchen surrt in die Luft hinauf und fängt in der Höhe grell zu brennen an. Das ganze Gelände zwischen unseren und den feindlichen Gräben ist taghell beleuchtet. Drüben liegen die toten Franzosen als schwarze, unbewegliche Klumpen – aber ganz in der Nähe liegt etwas Lebendiges, das sich bewegt: Ein deutscher Horchposten. Und ein Gewirr von Drähten ist zu sehen – das sind die Stacheldrahthindernisse und die aus dem Graben hinaus gerollten Spanischen Reiter. Ein letztes Lichtgezitter, alles versinkt wieder in undurchdringliche Finsternis, um nach wenigen Minuten wieder aufzuglänzen – – und wir daheim, wir sagen immer: „Was ist denn nur da draußen? Warum geschieht da nichts? Warum geht da nichts vorwärts?“

   Es ist Mitternacht geworden. Nun dürfen auch die letzten der Geplagten ein bisschen ruhen. Ehe der Morgen kommt, müssen sie wieder bei den Scharten stehen. Und Nässe und Schlamm an Rock und Stiefel und Hose müssen trocken geworden sein von der Wärme ihres eigenen Körpers. Seit dem 5. August haben sie dieses Soldatenkleid am Leib und haben es nur abgelegt, wenn sie hinter der Front im Ablösungsquartier die Wäsche wechseln und baden und sich säubern konnten. Und diese Gesundheit, dieser Humor, diese treue Beharrlichkeit, diese unzerbrechbare Geduld! – Und, wahrhaftig, da gibt es Leute in der Heimat, denen der deutsche Sieg nicht schnell genug in die warmen Betten läuft! –

   Im „Offizierskasino“ noch ein kurzer Schwatz und ein Schlummertrunk. Im Feld nennt man ihn „heißes Wasser“. Natürlich ist etwas drin, etwas sehr Kräftiges!

   Und jetzt – ins Bett. + + + Gott beschütze mich!

   Eine freundliche Ordonnanz zieht mir die zehn Pfund schweren Lehmgebilde von den Beinen herunter. „Gut Nacht, Herr Doktor!“ Dann bin ich allein auf einer „Flur“, die alles andere ist, nur nicht „weit“. Das Lehmherdchen glutet noch ein bisschen und raucht sehr heftig. Also die Tür auf! Aber es hat zu regnen begonnen, und ein ungemütlicher Wind peitscht die Traufenfäden herein. Also die Tür wieder zu! Und in den Kleidern auf die Pritsche! Bevor ich das Kerzenstümpfchen auslösche, seh’ ich noch etwas sehr Schönes: Die ganze Bretterdecke meines Unterschlupfes ist behängt mit großen, blitzenden Diamanten. Jetzt lieg’ ich im Dunkeln. Da fängt es auch schon zu tropfen an. Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch! Ich zeihe, wie ich es bei den Soldaten gesehen, die Zeltbahn über den Kopf. Nach einer Viertelstunde bricht mir am ganzen Leib der Schweiß aus. Ich entkleide mich und krieche wieder unter das raschelnde Segeltuch. Pitch, pitch, pitch, pitch! Nach einer halben Stunde friere ich, dass mir die Zähne klappern. Ich ziehe mich wieder an, und weil mir vom Rauch, der nach Erlöschen jeglicher Wärme reichlich zurückblieb, die Augen heftig brennen, mache ich wieder die Tür auf, drücke sie aber sofort sehr energisch zu. Ich liege wieder, und trotz der Dunkelheit bemerke ich an meinem nachlassenden Hustenreiz, dass der Rauch verschwindet. Aber das andere bleibt: Pitschpitschpitschpitschpitschpitsch … jetzt kling es viel schneller und ununterbrochen. Nicht nur von oben kommt der feuchte Segen, auch von unten her. Schon will ich in einem drohenden Tobsuchtsanfall fluchen wie ein Berserker. Aber da muss ich denken: „So machen es unsere Feldgrauen seit sechzig oder siebzig Nächten durch!“ Wobei noch zu berücksichtigen ist, dass ich als Gast ein „Kavalierhüttl“ bekam, also eine Sache, die so gut ist, wie sie sonst kein anderer hat! Ein Wunder geschieht – ich, das nervöseste von allen nervösen Äsern, ich werde plötzlich so geduldig wie ein Lamm, drehe mich still auf die Seite und fange, um den Schlaf herbeizuschmeicheln, die fallenden Tropfen zu zählen an: Pitsch, pitsch, pitsch, pitsch …

   Ich glaube, bis nah’ an siebenhundert kam ich. Ja, wahrhaftiger Gott: Gegen drei Uhr bin ich zufrieden eingeschlafen. Ein paar Mal erwachte ich, hatte rückwärts das Gefühl einer immer feuchter werdenden Unterlage und im Hirn eine seltsame Idiosynkrasie: Ich vermutete immer, dass vor meinem Kavaliershüttl irgendjemand Holz hacke. Es waren die Gewehrschüsse, die vom Schützengraben herunter klangen. Und einmal fuhr ich sehr heftig auf und hörte noch ein doppeltes Rollen – es war ein Granatenpärchen in den Wald geflogen. Ich drehe mich um und schlief wieder ein. Und habe geschlafen, bis im Ergrauen des Tages die Ordonnanz mich weckte und meine schön geschmierten Stiefel brachte: „No, Herr Doktor, wie war’s?“

   „Ganz gut! Ein bisserl feucht halt!“

   „Mein, da haben wir’s jetzt noch wie im Himmel! Aber die vorig’ Woch’, da haben wir sechs Nächt lang im Wasser hocken müssen. Niederlegen hat man sich gar nimmer können. Auf’m Tornister hat man halt sitzen müssen. Da hat’s die meisten von uns a bissl verdrossen. Alle haben wir g’schimpft, ja! Bloß an einziger is zufrieden g’wesen. Dös war a Tölzer Floßknecht. Der hat allweil g’sagt: ‚Dös bin i g’wohnt!’ – Da haben wir uns a guts Beispiel g’nommen.“

   Draußen rauschte der schwere Regen.

   Heißer Tee. Fünf Tassen. Dann hinauf in den Schützengraben. Hier sind im Morgengrau schon alle bei der Arbeit. Fast durch die ganze Länge des Grabens liegen die Lehmwände nieder gebrochen. Alles, was Boden heißt, ist verschlammt und überschwemmt. Und den schanzenden Soldaten rinnt das Wasser über Gesichter, Rock und Hosen herunter. Und immer noch schwatzen sie lustig und machen jene kleinen, netten Späße, in denen eine große, tiefe Seele steckt – die Seele des deutschen Volkes!

   Ist der Krieg im Regen ertrunken? Kein Schuss mehr. Den ganzen Vormittag bleibt es still. Doch am Nachmittag, während ich durch die klatschenden Regengüsse und unter peitschenden Windstößen zurückwandere zu meinem Fürstenfeldbrucker Philosophen, beginnen die Haubitzen wieder zu donnern, und von überall klingt das Knallen, das die pfeifenden Vögelchen fliegen macht.

   Mein ganzes Denken ist ein einziges heißes, inbrünstiges Gebet zur Sonne:

   „Komm! Und scheine den Unseren! Meinetwegen auch den andern! Wenn nur die Unseren trocken werden und sich wärmen können!“

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