Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Reise zur deutschen Front 1915

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      Ludwig Ganghofer
         Reise zur Front 1915
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6.

24. Januar 1915.

   Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muss ich an unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie vergessen!

   Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bisschen heller. Im Auto, das mich abholte, geht’s nach Belleveu hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloss, in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloss ist leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung – ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: Kleine lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos darauf geschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man es ansieht, dass sie von harten Männerfäusten geflochten sind.

   Lange steh’ ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, nicht den Acker, nicht das Schloss und nimmer den triefenden Wald. Ich höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, die ich sehe, ist gefasster, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren mussten, sei es an teuerem leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir es hingaben.

   Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenland gepredigt wurde. So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarktstücken, welche die Hüterin dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, sogar die Stubendecke – alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: Diese Tausende von deutschen Namenszügen!

   Beim Gehen, unter der Türe, sag’ ich zerstreut: „Auf Wiedersehen!“ Die Greisin erschrickt: „Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch wieder Krieg! Das muss der letzte sein1“ Sie lächelt. „Kommt noch einer, so leb’ ich nimmer!“

   Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als Unterstände bei Regen dienten. Und lange, briete Drahthindernisse, jetzt zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.

   Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr Sonderbares – es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen Entschlupftrichtern: Das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen legt das Grab, das ihm die Deutschen gruben, und as sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, bevor die erste deutsche Granate kam – noch heute liegen an vielen Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.

   Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: Die Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in die „granatensichere“ Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuss zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden lässt: Eisen, Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief eingesunkene Todesaugen. Ein Schuss hat den hohen eisernen Mast der französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und den schweren Fuß in de Luft gehoben.

   Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem Gedanken, dass unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser leblose Trümmerhaufen – wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.

   Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus diesem unübersehbaren Heer lösen sich immer wieder einzelne Gestalten ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt’s einen Aufenthalt der Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden Schlagbaum. So geht’s in fünfstündiger Autohetze über Hirson und Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, bei meiner Riese durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so verbrecherisch, sie müsste drollig wirken in ihrer Torheit.

   Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, einer französischen Heimatsheldin vom Geist der Jungfrau von Orleans – dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: „Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?“ – „Von Hoahausen!“ – „Und wie geht’s immer?“ – „Guat. Warum soll’s denn schlecht gehen?“ – „Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?“ – Er sieht mich an, als hätte ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein bisschen: „Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da san d’ Leut a so. I woaß net, warum?“ – Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich aus allen Gesichtern und Augen, hör’ es aus allen Worten. Hier im Feld ist die Ruhe, das Bewusstsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld und aufgeregt sind nur wir zu Hause. – „I woaß net, warum?“, sagte der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier Tage im Schützengraben stehen muss. Ohne Regenschirm! Gäb’ es einen, der ihm dienen könnte, so müsste es einer sein, der, statt mit Seide oder Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für alle fallenden Tropfen würde der auch nicht helfen!

   Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes Umhalsen. Dann sitz’ ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verlässliche Hoffnung ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.

   Im Lazartt muss ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mussten sie wider den französischen Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.

   Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör’ ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden Singlaut: „Oooohlala, ooohlala, ooohlala!“ So ähnlich sangen einmal auf der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: „Was ist denn das?“

   Er brummt: „Ah mei’, so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! Gar nix halten s’ aus, allweil müssen s’ wuiseln. Die Unsern beißen die Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, Gott sei Dank!“

   Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: „Gott sei Dank!“ – Noch am gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, dass unsere Feldgrauen für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: „Der Ohlala!“ und noch einen andern haben sie: „Der Tuhlömong!“ Wo die feindlichen Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das französische Kommando hören: „Tout le monde, en avant!“ – Das Ganze vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen unsere Feldgrauen lachend: „Heut mag er net, der Tuhlömong!“

   Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der Gott verwünschte Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Griese und Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht heraus quillt in die Regenacht, aus verschlossenem Gram und Zorn geflüstert und geknirscht werden! – Bei uns daheim ist es anders! Da ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, gewiss! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! – Aber unsere nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und zu Worten voll über Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? – Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? „I woaß net, warum?“

   Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges Rollen, Schnauben und Knattern. wie ein langer, langer Zug von schwarzen Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und alle sind voll gepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging’ es zu einem Fest! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näher kommenden Gewitter hört!

   Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig „undevastiert“, obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat Geheimnisse – man bringt ihn wohl dazu, dass er brennt, aber nicht, dass er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, dass Frankreichs gute Armee nicht so gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müssten noch viel geduldiger sein, als wir jetzt schon – nicht sind!

   Aller Güte dieses Bettes zum Trotz kann ich nicht schlafen. Immer rollt der Kanonendonner. Ein paar Mal hör’ ich den schweren Schlag einer explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Haus zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schuss bin. Spring’ ich zum Fenster hin, so seh’ ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die Wolken huschen. – Wo sind die Minen aufgegangen? Sind deutsche, sind Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? – So sieht die „Ruhe“ aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen melden: „Nichts Neues!“ Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. –

   Am Morgen regnet’s und regnet’s. Ein Wetter, um beim Gedanken an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, dass die Unseren von härterem „Schlag“ sind als die Franzosen, denen die Nässe und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der deutschen Robustheit.

   Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und leib mit Freude durchglüht.

   Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf – wie das Volkslied sagt: In gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben , klumpigen Lehm gewickelt, dass von den feldgrauen Uniformen nur neige unbekleckerte Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber frische, gesunde, gut gefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden müssen für Heil und Schutz der Heimat.

   Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist nicht Stimmungsmache! Das ist weniger als die wundervolle Wahrheit, die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen zu sehen bekomme.

   Es sind Mannschaften des Münchener Leibregiments, die nach der Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe klatschenden Zeug an mir vorüber – und weil ihnen ein hoher Offizier begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen allmählich ersäuft und verschwindet.

   So, wie in dieser Minute, hab’ ich noch nie im Leben die Notwendigkeit und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes verstandne. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber man fühlt es, dass sie denken: „Ihr seid die Sieger!“

   Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: „Um Gottes willen, die Leute haben doch nur die eine Uniform, wie werden sie denn wieder trocken und sauber?“

   Er lachte: „Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie’s wieder. Die meisten helfen sich so, dass sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: ‚Mensch, was machen Sie denn da?’ Der Mann sagte: ‚Ja, mei’, wie soll ich’s denn machen? Mei’ Zuig muss i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, muss i’s halt so machen!’ Er wusch und rippelte weiter! Und das Merkwürdigste an der Sache ist, dass wir noch nie so wenig Revierkranke gehabt haben wie jetzt.“ –

   Ich glaubte bisher, vom ersten Tag des Krieges an, jede Pflicht gegen meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß ich, dass ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu helfen.

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