Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Reise zur deutschen Front 1915

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      Ludwig Ganghofer
         Reise zur Front 1915
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4.

19. Januar 1915.

   Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tief gläubiger Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.

   In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten, deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete Kavallerietruppe der kaiserlichen wache; nahe dem Altar, zu beiden Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern besteht.

   Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen erhöhten Altars hat etwas freudig aufwärts strebendes. Zur Rechten und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben, zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten nieder blickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.

   Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich. Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum Bild Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.

   Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger Goens – eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben von heute herausgetreten – steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger, Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter, noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und Christentreue und Inbrunst muss der Himmel erhören. Der schöne machtvolle Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir ist deutsche Andacht.

   Der Prediger leist das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt von ihrem Stern, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land, den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. aus der wachsenden Flamme seines Wortes stiegen die großen Bilder eines in Sehnsucht und Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte und Ernte entgegen schreiten und jede feindliche Tücke und herodianische Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.

   Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinaus klang über den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen. Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und aus diesem machtvoll schwingenden Seelenlied hör’ ich außer Andacht und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: Heiße Sehnsucht nach der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für ihre Kinder.

   Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben und den Helm vom Haupt genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen, sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbild, betet der Deutsche Kaiser stumm zu dem gerechten Gott, an den er glaubt. Um was er betet, as hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir wissen alle: Er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.

   Immer musste ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und pfeifen. Dann der alte, das Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht’s vorüber, jeder Truppenteil wie ein fest geschlossener, unzerreißbarer Felsklotz. Die gesunden, straffen Gestaltenerzittern von der Wucht des Marsches, und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den französischen Morast.

   Da hör’ ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. „Ganghofer! Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz famose Menschen!“ Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.

   Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, dass jetzt die Sonne ein bisschen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Land, das ich sehen will, liegt so viel dunkle Trauer, dass nur reichliche und ausdauernde Sonne sie etwas aufhellen könnte.

   Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges. Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut des hoch gestiegenen Stromes anstürmt wie en grimmiger Feind. Nur noch handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: „Da ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.“

   Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch keine Ferne will sich richtig aufklären.

   An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab’ ich außer hier in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.

   Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnig Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinander gerüttelt durch ein neues Erdbeben?

   Das ist Donchery gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe tobte.

   Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht weiter schreite, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, dass unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger – dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein quälender Eisenreif um meine Kehle.

   Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der ersten Augusttage. „Es ist meine schönste Freude, dass ich das erleben durfte.“ Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: „Wenn es nicht so gewesen wäre –“ Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon verschwunden ist.

   Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder. Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das Schlachtengelände von Sedan!

   „Dort oben“, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, „da ist mein Vater gestanden.“

   Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.

   „Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.“

   Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.

   „Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit Napoleon.“

   Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen Stolzes. Gerne hätte ich Halt gemacht und wäre ausgestiegen, um diese geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.

   Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei. Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt, doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei groß aufgerissene, freudige Augen hat.

   Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen Hintergrund des Waldes von Moevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt sich ein schmuckes, kleines Schloss empor: Das Ziel der Fahrt.

   Im Schlosshof begrüßt der deutsche Kronprinz mit den sechs Herren seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.

   Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen glänzen in Freude – kann er doch dem Vater von einem großen Erfolg der letzten Nacht erzählen. „Ein festes Stück vorwärts gekommen, und zwölfhundert Franzosen gefangen!“ Die müssen auf dem Marsch zur Bahn in einer Stunde da vorbei kommen.

   Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da seine heiße Freude. aber wie frischer, umso besser.

   Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch. Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen: „Bei dir isst man besser als bei mir. Ich muss mir das überlegen, ob ich nicht deinen Koch requirieren lasse?“

   Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: „Sie kommen!“

   Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist nichts zu sehen. Ein bisschen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch die Gasse her. Und ein Fotograf hat sich auch socn eingefunden; glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet auf den näher kommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Fotografen zu: „Sie! Fotografieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer mich!“ Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel, stockt wieder – und ich besorge, der Film ist gründlich misslungen. Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen, werden sie sagen: „Wenn sich der Kaiser schon immer fotografieren lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Fotografen aussuchen.“ So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im Kleinen, immer wieder die Geschichte von Helgoland und Sansibar.

   Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muss mich erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen Augenblick vergessen, dass ich Deutscher bin und dass diese Gelben, die da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen, herzergreifend. Sehen so auch die Unseren im Schützengraben aus? Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was unsere leiben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen müssen.

   Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit, sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden, stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, dass alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus, bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch. Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der Last dieses nassen Dreckes an ihrem leib, sind bleich und verstört, haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren. Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.

   So wandern sie vorbei – nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft und misshandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von Wunden und Tod – vielen kann ich es an den Augen ansehen, dass in ihren „Hunnenseelen“ das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muss und noch keine von seinen Gefahren verschmeckte.

   Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Hass. Aber es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann. Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben: Das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und der Kaiser dankt.

   Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern klirrt hinter ihnen her.

   Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.

   Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg, gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.

   Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft, dass jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das die deutschen eroberten! Und gegen Südosten zeiht sich durch das Grau des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, lang gestreckten Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes, der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich herabzuneigen, als möcht’ es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht der Erde umarmen.

   Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger. Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. „Ja! Kommen Sie her!“ Er fasst mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer Gemspirsch. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: „Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!“ –

   Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des Kaisers. –

   Und ich glaube, dass man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: „Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!“

   Geschieht es so – nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der deutschen Kraft verlangt – dann werden wir als Volk nicht niedergleiten in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den gläubigen Magiern aus dem Morgenland, die geführt wurden von ihrem leuchtenden Stern, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes, der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!

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