Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

11.

Przemysl, 4. Juni              

   Groß und leuchtend stehen die Bilder des gestrigen Tages in meinem Erinnern. Die ruhmreiche Kampfstätte der Tapferen und Beharrlichen unter Kusmanek ist den Russen wieder abgenommen. Ein Jubel ohne gleichen wird Österreich-Ungarn und Deutschland durchbrausen. Auch hier, in allen Soldatenaugen, ist glänzende Freude.

   Unter meinem Fenster klirrt der feste Gleichschritt einer dem fliehenden Feinde nachmarschierenden Truppe vorüber, und ein Soldatenlied, von gesunden Stimmen froh gesungen, hallt in der Sonne des schwülen Tages. Immer ferner und ferner tönt es hin, während ich die Bilderfülle der letzten Woche zu sichten versuche.

   Nach dem unvergesslichen Stunden, die ich im Schützengraben der Steiermärker erleben durfte, kam ein Ausflug zur Front der Bukowina. Inmitten einer herrlichen Landschaft sah ich ein Volk, das mir gefiel. Nein, dieses Wort sagt zu wenig. Von Stunde zu Stunde war in mir ein wachsendes Staunen über die prächtige Rasse des ukrainischen Menschenschlages, über die edlen Bewegungen dieser Männer in ihren weißen Kitteln und über die Frauen und Mädchen in ihrer bunten Tracht und mit den nackten Füßen, die so federig schreiten, als hätten sie stählerne Sehnen. Das sind Körper, deren Kraft und Jugend bis zu sechzig und siebzig Jahren dauert. Hundertmal auf der Straße und in den Dörfern geschah es mir, dass ich eine schreitende Frauengestalt um des schlanken, wohlgeformten Körpers und des elastischen Schrittes willen für ein achtzehn- oder zwanzigjähriges Mädchen hielt, bevor ich am Runzelgesicht die Greisin erkannte. Arbeiten sie auf den Feldern, so ist’s immer ein Bild, als hätte es ein großer Künstler gemalt, der die Menschen in ihrer besten Wahrheitsform und in ihrer gewinnendsten Bewegung zu erschauen und zu zeigen versteht. Und hinter diesen Menschenbildern träumt immer eine große, stolze, wundervolle Natur mit Nachtigallenschlag in den Mondscheinnächten. Der Mensch formt sich nach dem Boden, auf dem er wurzelt. In einzelnen Exemplaren kann die Natur sich irren, nie in ganzen Volksstämmen. Fällt ein Menschenschlag durch körperliche Schönheit und Adel der Bewegung auf, so müssen in ihm auch innerliche Qualitäten verborgen liegen, die zu wecken und an den Tag zu bringen sind. Und wie viel gute, gesunde und verheißungsvolle Rasse in einem Volksstamm steckt, das ist am deutlichsten an seinen Kindern zu erkennen. Ich habe noch selten auf einem Fleck Erde, den ich kennen lernte, schöne und durch Zierlichkeit entzückende, freundlich schauende und frohäugige Kinder in solch’ erstaunlicher Menge gesehen, wie hier im Grenzland von Galizien und der Bukowina.

   Auch aus den kleinen Häusern und Gehöften flüstert eine mahnende Sprache. Jedes Haus, wie ärmlich es auch sein mag, ist reinlich von außen und innen. Die sauber gehaltenen Gehöfte sind mit hohen Flechtzäunen eingefriedet; manchmal huscheln sich fünf oder sechs Häuschen, deren Bewohner verwandtschaftlich zusammengehören, innerhalb eines solchen Flechtzaunes zusammen, der dann höher und stärker ist, als der Zaun der einzelnen Häuser. Man denkt da immer an mittelalterliche Sippendörfer mit ihren festen Wolfszäunen. Hinter solchen Zäunen wohnte voreinst viel guter und verlässlicher Menschenwert. Ob’s nicht auch hier so ist?

   Nach allem Fremdartigen, das mich umringte, springt mir ein starker Heimatklang entgegen. Ein Graublauer streckt mir freudig die beiden Hände hin: „Jöi, Herr Dokter, wia kummen denn Sie daher?“ Es ist ein Bauernsohn aus meinem Ehrwalder Jagdgebiet. Ich bin in der Frontstellung der aus Salzburgern, Niederösterreichern und Tirolern zusammengesetzten Landesschützen. Ihr junger Oberleutnant, der die Spielhahnfeder auf der Mütze trägt, hat seine militärische Ausrüstung durch zwei sonderbare Waffenstücke bereichert: Durch einen japanischen Jatagan und einen bergstockähnlichen Stab mit einem russischen Bajonett; die beiden Angriffsmittel, die drolliger als gefährlich aussehen, wurden einem feindlichen Gefangenen abgenommen; nun zerteilt der japanische Jatagan das österreichische Kommissbrot, und der russische Bajonettstecken eignet sich vorzüglich zum Herausstechen der Forellen aus den bukowinischen Gebirgswässern.

   In den schweren Kämpfen der letzten Wochen haben sich die Landesschützen schneidig und brav gehalten. Immer waren sie ganz bei der Sache, mit Herz und Faust. Aber der Tag, der die Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn brachte, hat sie ein bisschen zerstreut gemacht. Wenn sie jetzt im Schützengraben stehen, den Büchsenlauf gegen die russische Stellung gerichtet, gucken ihre Hochlandsseelen über die Schulter zurück in die ferne, vom Anmarsch der „treuen Katzelmacher“ bedrohte Heimat, in der sie Haus und Feld, Weib und Kind oder Eltern und Geschwister haben. Immer hört man von ihnen das gleiche Wort: „Alles ischt guat und recht, bloß in ünser Landl mechten mer halt!“ Ihr Wunsch ist ebenso sehnsuchtsvoll wie berechtigt; doch auch in dieser seelischen Zwiespältigkeit bewahren sie noch die Ruhe ihrer derben und sorglosen Art. Um freie Aussicht über die feindliche Stellung zu gewinnen, müssen wir einen steilen Hang erklettern; ein paar Kugeln schlagen neben uns ein, und freundlich sagt einer von den Landesschützen: „Dös macht nix, und für alle Fäll haben mer an Dokter da.“

   Wir kommen zu einem Frontabschnitt, dessen Besatzung mir im kleinen ein liebenswürdiges Bild der Verbrüderung unserer Heere zeigt. Preußische Dragoner und Kürassiere, die ihre Gäule seit Wochen nimmer gesehen haben und sich in Wallschützen verwandeln mussten, mischen sich hier mit Honvedtruppen, mit steirischer Landwehr, mit Graublauen aus dem Salzkammergut, aus Ischl und Aussee. Augenblicklich haben sie da ruhige Zeiten. Die Stellung ist fest ausgebaut und zeiht sich über einen Hügelkamm, zu dessen Füßen sich eine flache, völlig ungedeckte Talsohle drei Kilometer weit hinüberzieht bis zum feindlichen Graben. Kein Schuss fällt, und auch mit dem schärfsten Glas ist da drüben nicht das Geringste zu gewahren. Hier kann man ruhen, kann sich gemütlich braun brennen lassen vom Sonnenschein der letzten Maitage. In einer Gruppe haben deutsche Kavalleristen, Honvedleute und Österreicher sich zusammengetan; sie sitzen eng aneinander gerückt, ein Steirer spielt lustig die Ziehharmonika, und die andern summen dazu und treten den Takt mit den Fußspitzen. Das Volkslied hat Hände, welche binden und verknüpfen. In dieser klingenden Ruhe und bei diesem sonnenwarmen Aufatmen sehen die Leute gesund und munter aus, sind aber doch ein bisschen unzufrieden und mit dem augenblicklichen Stillstand der Dinge nicht einverstanden. Ein junger Wachtmeister der Kürassiere sagt mit verdrießlichem Seufzer: „Zum Sterben langweilig ist das jetzt! Hier sieht und erlebt man gar nichts.“ Ich suche ihn durch den Hinweis auf die zaubervolle Natur zu trösten: „Aber ein schöner Aufenthalt! Nicht wahr?“ Ernst nickend lässt er den Blick über Felder und Hügel gleiten: „Ja! Ganz herrlich! Dieser prachtvolle Ackerboden! Was man da draus machen könnte!“

   Während des Heimwegs in der roten Abendsonne vernahm ich einen Klang, der mir alle Stimmungsfülle meiner Tage an der westlichen Front in Erinnerung brachte. Auf den Straßen, die wir passierten, kamen Verstärkungen in langen Marschzügen angerückt, unter ihnen eine Kompanie von deutschen Kriegsfreiwilligen, in blitzblanker Ausrüstung, mit neuen Waffen. Und die frischen, nach großen Erleben dürstenden Jungen sangen die Wacht am Rhein und sangen das alte Lied vom Guten Kameraden mit dem neuen Refrain von den Vögelein im Walde –

„In der Heimat, in der Heimat,
Da gibt’s ein Wiedersehen!“

   Das hatte ich seit vielen Wochen nimmer gehört. Nun griff es mir mit starker Heimatfaust in die Seele und zwang mich, darüber nachzudenken, wieso es kommt, dass tiefste freue sich immer fühlt, als wäre sie ein missverstandener Schmerz.

   Spät am Abend erreichte mich die Nachricht: Seit zwei Tagen wird Przemysl mit schwerer Artillerie beschossen. Eine freudige Ahnung sagt mir, was das bedeutet. nach einer schlaflosen, ungeduldigen Nacht, noch vor dem Erwachend es Tages, beginnen wir die hetzende Fahrt um die Karpaten herum, durch den breiten, blühenden Frieden von Ungarn. Wieder die Bilder, die ich schon geschildert habe – nur dass der violette Flieder sich vermehrt hat um eine verschwenderische Fülle der weißen Akazientrauben und der roten Kastanienblüte. Auf einer Bergstraße, die zwischen hohen Hecken hinführt, erlebe ich ein gaukelndes Frühlingswunder, eine märchenhafte Tragikomödie von ahnungsloser Jugend und unbewusstem Tod. Tausend Schwärme von weißen Schmetterlingen umflattern die jung aufgeblühten Heckenrosen. Manchmal ist ihr Flug so dicht, dass er aussieht wie Schneegestöber. Schwalben und andere Vögel stoßen zwitschernd in die Falterwolken hinein, und die Straße ist so silberig von der Menge der ruhenden Schmetterlinge, so massenhaft sitzen sie auf allen feuchten Wegstellen, dass die Gummiwalzen des Autos zwei breite mehlweise Leichenbänder hinter dem Wagen zurücklassen. Ein Frühlingstod, dessen hohe Ziffer nicht abzuschätzen ist! Und dennoch behält der Gaugelflug dieses winzigen Silberlebens seine unverminderte, traumhafte Fülle.

   In der farbigen Dämmerung des letzten Maitages kommen wir bis Ungvar und in der Sonnenfrühe des 1. Juni geht unsere Fahrt durch schimmernde Waldtäler empor zum Uszoker Pass. Alles hier ist anders, als wir in der Heimatferne uns das immer vorstellten. Kein eng geschnittenes, zwischen hohe Steilwände eingekeiltes Tal, das leicht zu verteidigen ist; keine schroffen Gebirgszinnen, die unerstürmbar sind. Breite, viel verzweigte Talmulden sind eingesenkt zwischen flach gebuckelte Waldhöhen, auf denen überall ein Weg zu finden und der Weg doch überall zu verlieren ist. Ein Kampfboden, der im Frühling als eine grüne Lieblichkeit der Natur erscheint und im Winter ein wegloses, weißes, eisiges Grauen war! Beim Anblick dieser Talwannen und dieser zahlreichen Bergriegel fühlt man: Es war ein Wahnsinn der Russen, hier in breiten Fronten vorzudringen und anzugreifen, aber es war auch von den Unseren ein Heldenwerk ohnegleichen, hier einer Übermacht standzuhalten in erstickendem Schnee, in mörderischer Kälte, und die anflutende Heereswoge des Feindes nicht nur festzuhalten, sie auch noch dorthin zurückzustoßen, von wo sie kam. Wir in der Ferne daheim, als wir von den roten Ostern in den weißen Karpaten hörten, wir begriffen nach tagelangem Bangen leicht eine Siegesnachricht, die wir heiß ersehnten. Doch wer die Kampfstätten der Uszoker Passstraße mit eigenen Augen sieht – auch jetzt im grünen, alle Wege öffnenden Frühling – dem wird das sieghafte Heldenwerk der Freunde und der Unseren zu einer unfassbaren, fast übermenschlichen Leistung. Man erschrickt, wird still und beginnt zu bewundern, was unglaublich erscheint und dennoch eine rettende Wahrheit wurde.

   Je näher die Straße dem Pass entgegen steigt, umso zahlreicher werden zur Rechten und zur Linken des Weges die Soldatengräber – die geschmückten Hügel der Unseren und die Massengruben der gefallenen Feinde. Jeder Erdfleck hier, von dem die Russen vertriebne wurden, hat Blut getrunken. Und von der Stelle, wo die Feinde im Winter standen, bis zu den Frühlingsfeldern, über die sie heute fliehen, ist’s eine Wegstreckte von fast dreihundert Kilometer. In Russland und in den französischen und englischen Zeitungen, zu denen sich nun auch die italienischen mit ebenbürtiger Wahrheitsliebe gesellen, nennt man das noch immer „strategische Umgruppierung“. Wer lügen muss, ist der Kämpfer einer verlorenen Sache.

   Bei Solya sehen wir grauenvolle Verwüstungsbilder, sehen die ersten Verteidigungsgräben und Erdlöcher, eingefallene Reisighütten und verödete Holzschuppen. Nun belebt sich das stille, menschenarme Tal: Es begegnen uns zwei Züge von russischen Gefangenen, an die Zweitausend, ein Teil jener Scharen, die nördlich von Przemysl durch die Armee Mackensen überrannt wurden. Unter ihnen gewahre ich zum ersten Mal russische Soldaten, die nicht gut aussehen, schlecht montiert sind und keine Uniform tragen, nur die übel zugerichtete Bürgerkleidung mit einem militärischen Abzeichen. Das waren wohl die „Keulenträger“ und die Kanonenfütterlinge mit den Bajonettstöcken? Jetzt gucken sie friedlich und gutmütig drein, fast heiter, sind gleichmäßig mit Staub überpulvert, lassen sich im Doppeltausend von zwanzig Mann Bedeckung geleiten und marschieren willig, obwohl sie schon sieben Tage unterwegs sind. Jeder von ihnen erinnert mich an jenen berühmt gewordenen russischen Gefangenen, der auf die Frage, wie lange nach Meinung der Russen der Krieg noch dauern kann, die lächelnde Antwort gab: „Das weiß ich nicht, für mich ist er aus.“ Hinter dem Gefangenenzug, der in Staubwolken verschwinden, ist ein satirisches Genrebildchen zu erblicken: Ein aus natürlichen Gründen abseits vom Weg zurückgebliebener Russe hat sich zwischen blühenden Frühlingsstauden halb verborgen und wird von einem misslaunig dreinblickenden Landstürmer mit aufgepflanztem Bajonett bewacht. Während wir lachend vorüber fahren, sagt der graublaue Wächter ärgerlich: „Da hab’ i a schöne Arbeit, gelt!“ – Der Krieg hat ein grauenvolles Gesicht, doch er kann auch niedliche Scherze machen.

   Der Spaß wird abgelöst durch einen entsetzlichen Anblick: Durch eine lange Wandertruppe von klapperdürren, leidenden Pferden, denen der Saumsattel den Rücken wund drückte. Blut und Eiter rinnen über die mageren Bäuche und tröpfeln an den zitternden Vorderbeinen hinunter. Langsam, mit tief gesenkten Köpfen, schleichen diese ärmsten von allen armen Lazarusen des Krieges vorüber, die nur die Mühsal und Marter des Feldes erdulden müssen, ohne einen großen, tröstenden Gedanken zu kennen. Die meisten heilen sich wieder aus, wenn sie Ruhe, gute Pflege und sonnige Weide finden. Aber der Weg bis zu dieser Genesungsweide ist weit, ist bezeichnet mit Gefallenen, die neben der Straße liegen blieben und sich verwandeln in fürchterliche Fliegenkörbe.

   Jetzt kommen Bilder, die das Gesehene vergessen machen. Alle Berghöhen, die man von der Straße aus erblicken kann, sind phantastisch bedeckt mit Höhlenlöchern und Erdwällen. Diese kindlich aussehende Architektur erinnert an Urweltsburgen, an wilde Hassfehden, wie sie ausgefochten wurden vor drei oder vier Jahrtausenden. Es gibt zu denken, dass der Krieg in einer Zeit des vollendetsten Waffenhandwerks und der gewaltigsten Vernichtungsmittel zum Teil die gleichen primitiven Formen wieder annimmt, wie er sie in den altersgrauen Zeiten des Steinhammers und der Schleuder besaß.

   Auf den letzten steilen Serpentinen, die hinaufklettern zum Passkamm, wimmelt es so ähnlich von militärischem Leben, wie ich es auf dem Tatarenpass gesehen habe. Dann öffnet sich ein unbeschreiblicher Ausblick über sonnenduftige Weiten, über ein Meer von grün leuchtenden Bergrücken und schattenblauen Tälern. Auf dem Hochplateau ein Gewirr von beschädigten Häusern, von Brandstätten, Ruinen und zerfallenen Unterständen. Zwischen einem dürren Wust von niedergeschlagenen Bäumen lugen aus dem Wald wie tote schwarze Augen die Schießscharten der Schützengräben heraus. Und einem rätselhaften Gewebe gleichen die zausigen Drahtknäuel der zerfetzten Hindernisse. Weit in der nördlichen Ferne träumt ein blauer Höhenzug, der letzte Karpatenausläufer, hinter den die Russen zurückgetrieben wurden. Das Bild dieser Ferne ist wundervoll. Und dort, in nordwestlicher Richtung, wo die Berge zu milden Wellen werden, muss Przemysl liegen, um dessen Wiedergewinn die Unseren ringen. Man möchte schauen, aber man kann nicht rasten, nicht stehen bleiben. die Frühlingslüfte hier oben auf dem Uszoker Pass sind durchwittert von einem unerträglichen Verwesungsgeruch. Überall die Spuren eines erbitterten Kampfes, überall die Russengräber. Viele der gefallenen Feinde wurden von den Ihrigen in der Eile nur notdürftig mit Erde bedeckt, und viele müssen da noch ungefunden umherliegen in dem dichten Buschwerk.

   Das Auto rasselt und wackelt an der dritten und vierten Verteidigungsstellung der verschwundenen Russen vorüber, auf einer löcherigen Straße, die uns fast das Leben aus den Rippen herausbeutelt. Nie haben die Russen was getan für die Wege, die sie zuschanden fuhren. Jetzt müssen tausend Gefangene auf dem Uszoker Pass die Straßenlöcher zuschütten, die Steine schleppen, den Schotter klopfen und die „Dampfwalze“ bedienen – die einzige, mit der sie einen sichtbaren Erfolg erzielen.

   Endlich verschwindet der schreckliche Geruch, der hinter uns herwehte, und wird abgelöst von der duftigen Kühle des Frühlingswaldes. Wir lassen, ehe die Straße sich heruntersenkt ins Tal, den Wagen halten, um auszuschauen nach der Ferne, der wir zustreben.

   Da hören wir in der Mittagsstille, obwohl der Himmel blau ist, von weit her einen ununterbrochen grollenden Donner. Seine milderen Stimmen kommen von Sambor, die tiefen und dumpfen Bässe dröhnen von dort, wo Przemysl liegen muss. So schwer und mächtig brüllen nur die Motormörser und die fleißige Berta.

   „Weiter! Weiter! Weiter!“

   Trotz der schlechten Straße beginnt das Auto zu hetzen und jagt hinunter in das staubig überschleierte Tal von Turka. Das ist ein Städtchen, von dem man, ohne ein Märchen zu erzählen, sagen kann: Es war einmal. Ich sehe Zerstörungsbilder, die mich an den steinernen Kriegsschrecken des Westens erinnern, an den Schutthaufen von Dixmuiden. Alle Wege sind angefüllt mit Proviantzügen und Munitionskolonnen, und überall marschieren Truppen, Feldgraue und Graublaue. Neben verbrannten oder gesprengten Brücken fährt man über Notstege oder durch seichte Furten. auf einem Eisenbahngeleise, an dessen Erneuerung Hunderte von Menschen hastig arbeiten, steht ein Panzerzug, jeder Wagen eine stählerne Festung mit Schießscharten.

   Vor dem Bahnhof, der eine Ruine wurde, überholen wir eine lange Karawane von schwer schleppenden Saumtieren, denen ein geigender Zigeuner voranschreitet. Und in dem Staubschlucken, das wir zu überstehen haben, erquickt uns fröhlich die Inschrift, die ein heiteres und zuversichtliches Menschenkind einer famos gebauten Pionierbrücke gab:

„Gott strafe England!
Unsere Brücke trägt jedes Fuhrwerk.“

Schade, dass dem Verfasser dieses gläubigen Mottos nicht auch der Nachsatz noch einfiel:

„Italien straft sich selbst!“

   Aber weiter, weiter! Morgen oder übermorgen muss Przemysl fallen. Und Zeuge dieses glorreichen Gerechtigkeitstages zu sein, das ist eine kostbare Lebensgabe, die man nicht versäumen darf!

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