Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

10.

25. Mai 1915              

   Mitternacht. Das Gewitter hat ausgetobt, nach tröpfelt’s ein bisschen, aber die Sterne lugen schon aus den schwarzen Mantelfalten des Himmels. Der Krieg, dem die Frühlingstage noch nicht lang genug erscheinen, schneidet Arbeitsstunden auch aus der Nacht heraus. Wir fahren an ziehenden Kolonnen vorüber, an neu eintreffenden Batteriezügen, an Marschbataillonen und an Lagerfeldern, auf denen ruheloses Leben herrscht und zwischen Zelten und Pferden und Wagen die Feuer lodern. Überall neben der Straße gehen und stehen und sitzen Menschen, Bauern und Städter, die kein Obdacht haben, im kalten Wind ihre nass gewordenen Kleider trocknen lassen und noch immer offene Regenschirme tragen, obwohl nun der Himmel schon voller Gotteskerzen hängt. Nach einer harten Sorgennacht erwarten die schweigsamen Landstreicher der Kriegsnot einen Kummermorgen, der den einzigen Trost für sie hat, dass die Sonne wieder scheinen wird.

   Im ersten Grau der Dämmerung wandert an uns ein langer Zug russischer Gefangener vorüber, die von den Steirern bei Kolomea hopp genommen wurden. Unsere Fahrt geht nur langsam vorwärts; alle paar hundert Schritte müssen wir halten, um durch Feldwort und Losung eine Schranke zu öffnen. Auf der Pruthbrücke erwartet uns der steirische Fähnrich, der uns führen soll. Er setzt bei der Weiterfahrt ein heiteres Lichtlein in den Ernst der grauen Dämmerstunde und erzählt von einem Gefangenen, der nachmittags um fünf an die russische Front kam, abends um achte als Unverwundeter schon gefangen war und beim Verhör erklärte: „Den Krieg, in dem ich verwundet werd’, den gibt’s gar nicht. Wir sind vier Brüder und haben der Mutter geschworen, gesund wieder heim zu kommen. Meine drei Brüder sind schon bei Ihnen. Jetzt haben Sie mich auch. Also! Gott ist mit allen, die ihren Eid halten.“

   Unser Lachen über dieses groteske Feindeswort findet ein schwermütiges Echo an den löcherigen Hausmauern der stillen, toten Stadt, durch deren öde Gassen wir hinfahren im Morgengrau. Tief am östlichen Horizont beginnt ein Wolkenstreif zu strahlen wie Eisen in der Rotglut. Hinter schwarzen Erdbuckeln steigen Leuchtkugeln auf, schimmern eine Weile und erlöschen wieder. Lange schon ist unser Lachen stumm geworden, doch das seltsame Echo dauert noch immer an. Es klingt wie das plätschernde Gerassel einer großen, hölzernen Karfreitgasklapper, deren Kurbel mit rasender Schnelligkeit gedreht wird. Und immer ist eine scharfe, hastig hämmernde Einzelstimme dazwischen: „Tack, tack, tack, tack …“ Schneller geht das, als man es sagen kann. Wir müssen den Wagen bergen hinter einem zerschossenen Gebäude und müssen geduckt im rot schimmernden Morgengrau durch einen pfützigen Graben hinwaten, während die Hochgänger der russischen Gewehrsalven über uns wegfliegen. Die meisten dieser verirrten Kugeln pfeifen mit hohem Ton, piiiiiih, manche erzeugen ein kurzes helles Klatschen, das an den Geißelschlag eines lustigen Hirtenbuben erinnert. Je mehr die Dunkelheit versinkt, umso seltener werden diese Töne. Auch die Karfreitagsklapper beginnt zu ermüden, noch ehe der Tag erwacht. Von einem Weidenbaum in den Moorwiesen tönt das langatmige Trillerlied einer Nachtschwalbe, in den Erlenstauden flötet die erste Drossel des jungen Morgens, manchmal zwitschert sie so fein, als hätte sie’s von den Nachtigallen gelernt, und überall in den vielen Lehmpfützen ist das tausendstimmige Lied der Frösche, so sanft, so monoton und ruhig, dass es sich anhört wie ein Atmen der Stille.

   Wir waten durch das Grundwasser eines Laufganges; der Wunsch, zu sehen, treibt mich ungeduldig voraus, und als erster von uns dreien, die wir kommen, betrete ich den Schützengraben der Steirer. Hier ist es still. Der beginnende Tag hat den treuen Heimatwächtern nach ernsten Nachtstunden ein bisschen Ruhe gebracht. In dem vier Meter langen Grabenwinkelchen, in dem ich mich befinde, liegen schon drei Graublaue in den Erdlöchern, einer schlüpft gerade unter der Zeltbahn, einer steht mit schussbereitem Gewehr als Posten bei der Schießscharte, einer kniet auf dem nassen Boden und schürt in der kleinen aschengrauen Herdhöhlung ein Feuerchen an. Jeder von den beiden trägt den Mantel, der vom Regen feucht und an den säumen mit Lehmklumpen behangen ist; die in der Nachtkälte starr gewordenen Hände sind von Schmutz überkrustet, die müden, erschöpften Gesichter sind russfleckig und haben graue Striche. Die Zwei gucken beim Anblick des zwecklosen Fremden im Bürgerkittel verwundert auf. Mit strenger Ruhe sagt der eine: „Heil!“ und späht wieder aufmerksam durch die Scharte nach der feindlichen Stellung hinüber; der andere nickt mir freundlich zu: „Grüß Gott!“, beugt sich nieder und bläst in die Spanglut, bis das Feuerchen flackert.

   Wir wandern weiter und kommen zum Offizierspalais der Kompanie; es sieht genau so aus wie jeder andere Grabenwinkel; in der niederen Lehmtruhe, die unter den Schießscharten in den Erdwall hineingewühlt ist, liegen zwei unbewegliche Schläfer, der Oberleutnant und der Leutnant, ein fester blondbärtiger Germanenschädel und ein schwarzhaariges Jünglingsköpfl. Ich bitte rasch: „Nicht wecken!“ Und frage flüsternd: „Wann haben die Herren sich schlafen gelegt?“ Die Ordonnanz antwortet so laut wie bei einer dienstlichen Meldung: „Grad jetzt, kein Vaterunser kann’s her sein.“ Keiner von den Schlummernden erwacht, keiner bewegt sich. Vom Nervenverbrauch der vergangenen Tage und Nächte, vom zähen Kampf gegen feindliche Übermacht und von der eisernen Spannung aller Lebenskräfte könnten tausend Worte nicht so eindringlich erzählen, wie dieser stumme, regungslose, bleierne Morgenschlaf!

   Weiter und weiter durch die Stellung der beiden nächsten Kompanien. Um das Waten in einem versumpften Laufgraben zu ersparen, passieren wir hinter dem Schützengang die große Lehmgrube einer abgebrannten Ziegelei. Neben den gelben Teichflächen stehen an die dreißig Halbnackte und waschen sich – mit einem Wasser, das aussieht, als würde man beim Waschen noch schmutziger, als man zuvor gewesen. Dazu singen immer die vielen Frösche. Und seitwärts in den Stauden knien oder sitzen die geplagten Dulder, die in den ausgezogenen Hemden nach dem verwünschten Kleinwild pirschen. Auf meine Frage, ob’s denn wirklich so arg wäre, bekomm’ ich die kurze, stoische Antwort: „Ja.“

   Wieder zurück in den Schützengraben! Über zwei, drei Kilometer, durch die Stellung von fünf Kompanien, hin und zurück, ist immer das gleiche Bild zu sehen: Die regungslosen, unerweckbaren Schläfer, das Morgenwerk bei den qualmenden Herdlöchern, an den Schießscharten die aufmerksamen Posten mit den funkelnden Späheraugen und mit der harten Spannung in den übernächtigen Gesichtern, und überall Müdigkeit und Erschöpfung, die noch immer verlässliche Pflichterfüllung und soldatische Treue bleibt.

   Den Knall von einzelnen Schüssen, her und hin, empfindet man nicht als Störung dieser Morgenruhe. Auch draußen, wenn ich durch die Scharten hinausluge, seh’ ich Bilder, welche still sind. Auf den Pfählen der starken Drahthindernisse sitzt manchmal ein kleiner Vogel, putzt und ordnet seine Federn und zwitschert ein bisschen. Hinter dem Drahtlabyrinth kommt eine tiefe Sumpfmulde. Da drunten liegt der russische Tod, den wir nicht sehen können; aber wenn die östliche Morgenluft ein bisschen stärker herweht, kann man ihn riechen. Das ist schrecklich. Man möchte um Westwind beten. Und wenn die wackeren Steirer, die unter solchen Frühlingsdüften ausharren und atmen und kämpfen, in den mondhell werdenden Nächten hinuntersteigen wollen, um die gefallenen Feinde zu bestatten, dann schießen die Russen in Salven und mit Maschinengewehren, so wie es heute vor Tagesanbruch geschah.

   Aus der Sumpfmulde steigen blumige Wiesen empor bis zum braunen Wall der feindlichen Stellung, die achthundert Meter vom Graben der Steiermärker entfernt ist. Auf dieser Wiese liegen die Sichtbaren des russischen Todes. Durch eine einzige Schießscharte kann ich zweiunddreißig zählen. Der Anblick hat nichts Grauenvolles, hat etwas Frühlingsfriedliches. Eine menschliche Form ist kaum zu erkennen; man sieht nur unbestimmte schwarzbraune Hügelchen, die fast völlig im hohen Maigras versunken liegen. Das erste Sonnenzittern des Morgens umfunkelt die Regungslosen, und rings um die dunklen Klumpen wiegen die Lenzblumen ihre blauen, gelben, weißen und roten Köpfchen. Aber furchtbar – so erzählen mir die Steirer – soll es an jenem Morgen gewesen sein, als die schwer verwundeten Feinde, die sich nimmer völlig bis zum Graben der Ihrigen schleppen konnten, schreiend in der Wiese saßen, die Arme flehend zu den Österreichern herüberstreckten und bei ihnen um Hilfe bettelten, die man nicht bringen konnte, ohne das eigene Leben ins Gras zu werfen. Bei vielen von diesen Flehenden hat’s einen ganzen Tag gedauert, bis sie stumm wurden. Nun liegen sie alle da drüben im gemeinsamen Schweigen. Wenige Schritte hinter ihnen zieht sich der russische Grabenwall durch die Blumen. Manchmal sieht man eine hellbraune Kappe erscheinen oder eine Schaufel aufzucken, die den Regenschlamm aus dem Graben wirft. An vielen Stellen wirbelt der blaue Rauch der Kochstätten heraus. Sechshundert Meter hinter dem Graben liegt die zweite Stellung des Feindes, in gleicher Entfernung davon die dritte. Hier, außer Schussweite, steigen die Russen aus und ein, wandern davon und kommen wieder, mit Päcken und Brettern. Dort in der Ferne liegen kleine Dörfer in grün gewordenen Obstbaumwäldchen, und hinter ansteigenden Saatfeldern schließen lange Forste das Bild der Landschaft. Alle Wolkensäume haben Glanz und Farbe, aus den Klüften des Gewölkes fluten die Sonnenstrahlen wie entfaltete Goldfächer heraus, trillernd steigen die Lerchen auf, und über die weite Länge der Gräben hin beginnen die Schüsse wieder fleißiger zu knallen.

   Freundliche Stimmen begrüßen uns. Der Oberleutnant und der Leutnant kommen. Wie diese jungen Steirer einem die Hand drücken, das tut ein bisserl weh, wenn man die Fingergicht hat; aber schön ist’s und verheißungsvoll. Wie Hände grüßen, so kämpfen die Fäuste, so halten sie fest in Treue.

   Rasch verwandelt sich das ernste Grabenwinkelchen in eine heitere Gaststube, in eine liebenswürdige Herberge. Alles, was die Steirer haben, teilen sie mit uns: Den schwarzen Kaffee, der prächtig mundet, obwohl er nach Lehmwasser schmeckt; den wärmenden Drei-Sternchen-Kognak und die Zigaretten; das Kommissbrot und den süßen Inhalt der Liebesgabenschachtel. Dazu schwatzt man von der Heimat, von Sieg und Hoffnung, von der neuen Wendung des Krieges und viel von Italien, über das einer das Wortspiel von der Italia punita macht. Bei diesem Thema ist ein heißer Zornklang in jeder Stimme, in jedem Wort. Und keiner ist im Graben, der jetzt nicht Flügel haben möchte, die flinker nach Trient und zum Isonzo tragen, als es die eingeleisigen Karpatenbahnen fertig bringen. Auch von diesen Bahnen reden wir. Ach, die Gott verlorenen Kummerstränge! Ein paar ersparte Millionen sind da zu Mördern an Tausenden geworden, zu Peitschen der Mühsal und Entbehrung, zu Ratten, die den Erfolg benagen und die Kraft zerbeißen!

   Mit ernsten Blauaugen, in deren Blick eine ergreifende Mischung von Sorge und Glaube ist, sieht mich ein junger Steirer an und sagt: „Viel muss anders werden nach dem Krieg! Erst mutig durchbeißen durch die harte Not! Dann erzwingen, was gute Zeiten bringt!“ Alle nicken zu diesem Wort, und dann erhebt sich einer nach dem anderen und geht zu seinem militärischen Tagwerk, zu seiner Pflicht.

   Der Himmel ist klar geworden. Schwül brennt die Morgensonne in den Grabenschacht herein. Die durchwachte Nacht, das Waten und Lehmstapfen, die erregenden Bilder des Morgens und jetzt die drückende Hitze – das alles legt mir Blei auf die Augendeckel. Die guten Steirer merken, dass mich der Sandmann am Zipfel hat. Im Erdhöhlchen des Oberleutnants betteten sie mir auf. Lind und fein! Kaum lieg’ ich, ist schon der Schlummer da, so schnell, dass ihn die Feldpost nicht gebracht haben kann. Ein vierstündiger Schlaf, tief und traumlos. Und beim Erwachen ein Bild, das ich nimmer vergessen werde. Damit mich die Sonnenhitze nicht plagen sollte, hatten die freundlichen Grazer eine Zeltbahn über den Graben gespannt. Nun ist kühler Schatten um mich her, und zur Rechten und Linken des Tuches fällt das strahlende Mailicht in die Grabentiefe herunter. Zehn oder zwölf von den steirischen Graublauen sind da; alle hantieren lautlos, einer steht als Posten bei der Scharte, einer kocht, ein paar putzen ihre Gewehre, jeder hat seine stille Arbeit. Der junge Leutnant sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen und schreibt auf dem Knie ein Brieferl, und der blonde Oberleutnant steht am wall und späht mit dem Glas zur feindlichen Stellung hinüber.

   Sie hatten auch schon gekocht für mich. Und jetzt sitze ich an dem kleinen, nur ein bisschen wackligen Tischlein-deck-dich, das mit zwei kurzen Füßen auf der Wallbank und mit zwei langen in der Grabentiefe steht. Ich bekomme ein Konservengulasch mit Makkaroni – weil ich sie um ihres Namens willen misstrauisch betrachtete, schwört mir der Oberleutnant sofort, dass sie deutsches Erzeugnis wären, nicht welsche Judaskost. Und dass sie einen neuen deutschen Namen haben: Hohlnudeln. Nun schmecken sie prachtvoll. Und einen Trunk Wein bekomm’ ich; er ist trüb und säuert ein bisschen – aber Ort und Stunde, die ihn geben, und die Hände, die ihn reichen, machen ihn blumiger, als alter Johannisberger ist. Die Zigaretten qualmen, wir sitzen Seite an Seite und schwatzen ernst und heiter von Recht und Kraft, vom Wachsen und Werden unserer Völker und Länder. Mir ist so wohl und so friedlich zumute, dass ich immer fragen möchte: „Wo ist denn der Krieg?“ Ich hör’ ihn nicht, ich fühl’ ihn nicht und kann ihn nicht sehen. Aber da draußen liegen die Toten. Und plötzlich pfeifen viele Kugeln über unsere Köpfe weg. Einer von uns, mein Reisebegleiter, der Dr. Neunteufel aus Graz, hat seine schöne, neue, graublaue Kappe auf den Wallrand hinaufgelegt. Nach dieser Mütze schießen die Russen wie verrückt. Getroffen haben sie das Kapperl nicht. Als wir es wegnahmen, unterließen die Feinde jeden weiteren Masseangriff.

   Und dann kam etwas Liebes und Schönes, wieder ein Augenblicksgeschenk des freundlichsten Friedens. Während wir plaudern, unterbricht uns ein harmonischer Zusammenklang von acht hellen Jünglingsstimmen. Die Grazer haben in ihrem Schützengraben ein Doppelquartett, das sich hören lassen kann – na ja, weil sie halt auch solche Barbaren sind! Um mir eine Heimatfreude zu schenken, haben die Acht sich heimlich im anstoßenden Grabenwinkelchen versammelt, „und nun ertönt“ – zuerst ihr kurzer, kräftiger Sängerspruch – dann das Deutsche Lied und ein feines Gesangl von der grünen Steiermark,

„Wo der Stutzen knallt
Und der Gamsbock fallt –“

Die vier Kopfstimmen des Jodlers überkletterten einander, höher und höher, und genau in der Sekunde, in der das zarte sich Zusammenfinden der Stimmen leise verzittert, zischt eine russische Kugel über uns weg. Ruhig sagte einer von den steirischen Graublauen: „Der Russ’ hat den Jodler z’hoch überschlagen.“ Wir alle lachen. Und da draußen liegen die Toten.

   Lied um Lied. Dabei gibt’s eine neue Heiterkeit. So oft zwischen den Strophen ein bisschen Ruhe ist, hören wir eine Unke singen, die unter den Bodenbrettern des Schützengrabens im Grundwasser wohnt; sie ist da eingesperrt, kann nimmer Fliegen fangen, muss schreckliche Drecknächte durchmachen und schließlich ersticken oder verhungern. Aber das zärtliche Lied der steirischen Buben gibt ihr ein Leidvergessen und weckt in ihr eine singende Fröhlichkeit. Wie sollen da wir nicht froh sein, die wir im Licht und in der Sonne stehen, ein Viertelmilliönchen russischer Maifliegen fingen und mit Sicherheit wissen, dass wir leben und siegen werden! Jetzt eben singen die Grazer:

„Und druckt der Feind herein, herein, herein,
Wir Siebnundzwanzger werden Sieger sein!“

   Schon ein paar Mal hat der Oberleutnant nach der Uhr gesehen – Mittag ist vorüber, es geht auf den Abend zu, und die lustigen Steirerbuben sollen noch ein paar Stunden schlafen vor der ernsten Nacht, in der sie wachen müssen.

   Erst schreiben wir noch eine Grußkarte an unseren Peter Rosegger, jeder kritzelt seinen Namen darunter, und dann klingt mir noch ein Abschiedsliedl von der Steiermark:

„Da san die Dirndln sauber,
Die Burschen stark,
San frisch wie der Hirsch im Wald,
Dem ’s Grasen gfallt!“

   Wir steigen durch den Graben hin. Er ist verwandelt in einen Korridor von Dornröschens Schlummerschloss. Nur die Posten wachen. Alle anderen schlafen schon, schlafen so fest, dass sie nicht erwachen, wenn wir beim vorsichtigen Hinüberklettern über die vielen Arme und Beine ein wenig daneben treten. Außer den wachenden Posten und den Offizieren hat nur ein Einziger die Augen offen. Mit verbundener Stirn liegt er in seinem Höhlchen und spielt pianissimo die Geige. Neben ihm steht die Ziehharmonika. Das ist potenzierte Barbarei!

   Die geschützte Lehmgrube der Ziegelei ist passiert; nun müssen wir hundert Schritte flink hinaufspringen über ein ungedecktes Gehänge. Die Russen sehen uns, zur Linken und Rechten schlagen die Kugeln in den Boden. Als alter Jäger merke ich, dass das russische Militärgewehr auf tausend Meter einen Streukegel von zehn Schritt im Durchmesser hat. Wollen die Russen treffen, so müssen sie fünf Schritte rechts oder links von uns hinzielen. Aber sie zielen augenscheinlich auf uns. Drum fehlen sie. In allen feindseligen Dingen des Lebens steckt eine hilfreiche Logik. Sie lautet: „Nicht seitwärts hinaustappen! Immer grad voraus!“

   Während der Heimfahrt im Abendglanz klingt mir leise ein Liedl der wackeren Steirerbuben durch die Seele:

„Almrausch, Almrausch,
Blüaht so schön rot –“

und dabei erinnere ich mich einer rot gefärbten Bajonettklinge, die ich im Schützengraben sah. Ich fragte: „Ist das Blut?“ Und der Graublaue sagte: „Nein, das ist Paprika!“

   Noch an etwas anderes denke ich, an ein Wort, das der geistreiche Alfred Capus nach dem italienischen Windfahnenwirbel im Figaro verkündete: „Die Volksstimmung in Deutschland ist sehr herabgedrückt. Jeden Tag kann eine Panik ausbrechen. Die militärische Kraft nährt sich von der Festigkeit des Volkes!“ (Das letztere stimmt! Ein lehrreiches Wort, für das wir dem klugen Franzosen dankbar sein müssen! Doch seiner weiteren Weisheit fehlt das Fundament der Tatsachen:) „Trotz aller Tapferkeit wird schließlich der deutsche Soldat dem Einfluss des unruhigen, schon halb närrischen Volkes unterliegen und in Entmutigung verfallen.“

   Wo ist die Entmutigung, wo die närrische Unruh’, wo die Gedrücktheit und die Panik? An unserer Front ist nichts von diesen französischen Hoffnungsträumen zu gewahren, weder im Westen, noch im Osten. Ich habe da nur Mut und Zuversicht, nur heiligen Zorn und unerschütterlichen glauben an unseren Sieg gesehen. Etwas anderes ist auch in der Heimat nicht. Da könnte ich eher glauben, dass ich ein Italiener bin – was mich sofort veranlassen würde, aus der Haut zu fahren, um in eine minder befleckte hineinzukommen.

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