Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
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9.

Offener Brief an Peter Rosegger

24. Mai 1915              

   Lieber, verehrter Freund! – Weißt Du, wo ich bin? Am Ufer des Pruth, bei den Kärntnern und bei Deinen Steiermärkern! Und weil Du sie kennst wie keiner, drum weißt Du auch gleich, dass ich Gutes und Erfreuliches von ihnen zu erzählen habe. Freude kann man augenblicklich brauchen. Die Zeit ist alles, nur nicht lieblich. Aber lass mich schweigen von ihren Eigenschaften, lass mich das erledigen mit den zwei kurzen, völlig ausreichenden Worten: „Pfui Teufel!“ – Immer hab’ ich die italienischen Pomeranzen so gerne gegessen! Seit vier Tagen hab’ ich sie abgeschworen und bleibe bei unserem deutschen Brot, bei meinen bayerischen Haselnüssen und bei den guten österreichischen Äpfeln.

   Aber lass mich erzählen! Ich weiß von schönen Dingen, die für die Millionen daheim in diesen harten Tagen viel wichtiger sind als mein patriotisch gereinigter Speisezettel.

   Denke Dir am östlichen Hang der Südkarpaten einen Frühlingsmorgen, der mit zauberhafter Schönheit so verschwenderisch übergossen ist, dass ihn meine Feder nicht zu schildern vermag! Ahnend wird Deine Dichterseele ihn schauen!

   Wir reiten durch einen aus hundertjährigen Tannen und Buchen gemischten Wald hinauf. Alles funkelte von Tau und Sonne, von frischem Blättergrün und zitterndem Lichterblau. Viele Wildtauben gurren, überall ist zärtlicher Amselschlag zu hören, der lustige Finkenpfiff und das heimlich tuende Pisperlied der kleinen Meisen. Und wie eine muntere Narretei des Frühlings sind die unzählbaren Kuckucksstimmen, von denen zwanzig und dreißig auf jedem Waldgehäng die unisonogestimmte Occarina blasen. Ach, lieber Freund, wie fröhlich könnte da die Menschenseele werden, wie dankbar dem lieben Herrgott, er den Mai und die Erde so schön gemacht! Es ist nur leider ein Teufelslachen in aller Schönheit! Der Zorndämon von heute kichert nicht wie ein nettes Mädel; sein wildes Lachen ist wie die brüllende Donnerstimme eines schweren Ungewitters. Doch der Morgenhimmel ist blau und rein, nicht das kleinste natürliche Wölklein hängt da droben, nur manchmal ein künstliches – und wenn es grau zerfließt, dann prasselt etwas Hartes durch das junge Blättergrün herunter. Tauperlen, wenn sie fallen, machen es leiser. Auch der Hagel des Himmels ist nicht so grob. Ich besorge, der schöne Frühlingswald wird bösen Schaden erfahren. Und nicht nur der Wald allein. Aber alles heilt wieder, aller vernarbt, und jedem mutigen Leiden ist der Lohn gewiss.

   Wie es enden wird, das wissen wir alle. Mit unserem Sieg! Freilich, bei jedem Glauben ist auch immer ein bisschen Aberglauben. Und wenn man unter dem Teufelslachen der Gegenwart an Glück und Leben und Zukunft seines Volkes und seiner Heimat denkt, und es schreien dabei so viele Kuckucke im maienden Buchenwald, da muss man doch einmal zählen! Nicht? Ich suche mir natürlich keinen von den fleißigen jungen Schreiern aus. Das wäre für unsere harte Arbeit, bei der wir die Zähne fest übereinander beißen müssen, kein verlässliches Orakel. Einen gereiften, weisen Hahn muss ich wählen, der vorsichtig und mit den Worten sparsam ist. – Während ich lausche und wähle, klingen die Hufeisen unserer Pferde mit feinen Ton über die Kieselsteine des Waldweges hin. – Jetzt hab’ ich meinen Propheten! Ein ganz alter und kluger scheint es zu sein; er lässt sich nur selten hören, ruft nur immer fünf- oder sechsmal, und dann schweigt er wieder. Eine fast schmerzende Erregung ist in mir, während meine Seele lautlos spricht: „Lieber Kuckuck! Rufe! Rede zu meinem Glauben und zu meiner Hoffnung! Und wenn Du mehr als zehnmal rufst, so weiß ich, dass Neid und Hass und Treubruch nicht aufkommen sollen gegen unser redliches Zusammenhalten, gegen unsere gesunde Kraft und unser reines Gewissen!“

   Nun lausche ich. Es dauert lange. Viele Kuckucke rufen, nur der unsere nicht. In Erwartung spannen sich alle Nerven. Endlich beginnt der Weise des Frühlingswaldes zu prophezeien. Und nun rate, lieber Freund, bis zu welcher Ziffer ich zählen musste! – Bis Hundertundsieben! – Nenne mich bald Sechzigjährigen ein Kind, nenne mich einen Toren! Aber ich muss Dir bekennen, dass mich eine Freude ohnegleichen erfüllte, und dass es mir heiß herunterkugelte über die Wangen. Und denke Dir, Peter: In diesem Augenblick sagt der junge schmucke Leutnant aus Kärnten, der an meiner Seite geht: „Sonst, wenn der Kuckuck schrie, hat man immer an Liebe oder Geld gedacht. Jetzt denkt man nur an den Sieg!“

   So war es. Und dennoch war es anders. Man kann’s erleben und fühlen, nicht erzählen. Weißt Du, unter dem Dröhnen der Geschütze und auf dem Boden, der das treue Blut der Unseren verschluckt, hat jedes kleinste Ding ein Gesicht, größer und heiliger, als es der Gläubigste in der Heimat zu ahnen vermag. Und wenn Du jetzt erschrocken zu mir sagen würdest: „Du Unvorsichtiger! Was hättest Du getan, wenn der dumme Kuckuck nur neunmal gerufen hätte?“ – dann würde ich Dir antworten: „Erstens hat er hundertsiebenmal gesungen! Und zweitens, hatte er’s nur acht- oder neunmal getan, so hätte ich ruhig zu ihm gesagt: Du lügst, ich glaube nicht Dir, ich glaube an unsere Kraft, an unsere Treue, an unseren Willen, an unsere Zukunft! Amen.“

   Und komm, lieber Freund, jetzt führe ich Dich auf den Gipfel eines Karpatenberges, auf die von Sonne umflutete Kuppe der Lysagora, und zeige Dir ein meilenweites, wundersames Tal, von aller Herrlichkeit des Frühlings überschimmert, durchwunden vom Silberband eines großen Stromes, fein gesprenkelt mit Dörfern und Städten, grün überkräuselt von zahllosen Wäldchen und in der Ferne abgeschlossen durch Höhen und lange Forste, die schleierig umsponnen sind vom Dufte des Morgens. Ein Bild, so schön, dass man in Andacht den Hut abnehmen und dem Schöpfer danken möchte! Aber in dem schönen Bilde ist ein Rätsel, eine seltsame Lebensleere. Viele Straßen. Doch nirgends ein Wagen, nirgends ein Mensch. Und in den Dörfern und Städten keine läutende Morgenglocke! Ist heute ein hoher Festtag, sind alle Menschen in den Kirchen, und wird zur Ehre Gottes mit vielen Böllern geschossen? Denn immer dröhnt es in den Waldverstecken, immer siehst Du die Rauchringe wirbeln, immer saust und singt es in den Lüften. Und viele Qualmsäulen stiegen, ferne Häuser brennen – in dem festlichen Schönheitstraum dieses Morgens sieht das aus wie wehende Rauchfahnen von Freudenfeuern.

   Was Du erblickst da drunten, ist das Schlachtfeld von Nadworna und Kolomea, ein roter Acker der Vaterlandstreue, der ruhmreiche Kampfboden Deiner Steiermärker und Kärntner, der Graublauen von Laibach und Klagenfurt, von Graz und Marburg! Siehst Du in der Talsohle den langen, dunkelgelben Erdstrich, der sich endlos hinzieht durch die grünen Saaten? Das ist der Wall des russischen Schützengrabens. Und dort, wo der Wall eine kleine Lücke hat, da siehst Du ein schwarzbraunes Figürchen erscheinen; es schleicht geduckt in eine Wiesenmulde hinunter, richtet sich hinter einem schützenden Erdbuckel auf und verschwindet. Das ist ein Feind, ein Russe. Diesen einen siehst Du, viele Zehntausende liegen verborgen in den Gräben. Und nun zähle neunhundert Schritte gegen uns! Da siehst Du etwas Schimmerndes, ähnlich einer langen Perlenschnur. Das ist die Grabenzeile der Österreicher, mit den Unterständen, Erdhöhlchen und Reisighütten, in die wir von rückwärts hineinschauen. Überall ist da ein Gefunkel in der Sonne, überall ein feines Aufblitzen, ein bläuliches Farbenleuchten, ein flinkes Hin und Her, ein rastloses Kleinleben. Das sind die Tausende der Unseren, welche schanzen oder bei den Schießscharten stehen, sind Deine braven, tapferen Steirerbuben! Heute können sie ein bisschen aufatmen, denn die Russen mit ihren verprügelten Köpfen sind bescheidener geworden, haben sich verkrochen und halten sich ruhig. Aber vier harte Tage und Nächte liegen hinter den Deinen. Wie eine schwere, riesige Menschenwoge kam der Feind, in einer Dichte von zwölf und vierzehn Gliedern. Fielen die ersten Reihen, so drängten die anderen nach, jeder abgeschlagene Angriff wurde zu neuem Sturm. Vier Tage und Nächte so, ohne Aufatmen – minder starke Herzen, als sie unter den Rippen Deiner Steirer und Kärntner pochen, hätten verzagen müssen vor dieser antosenden Übermacht – die Deinen wichen nicht, für Volk und Heimat standen sie wie stählerne Bäume, und am fünften Mittag waren sie die Sieger! Und jetzt nennt man sie „das eiserne Korps“.

   Ich weiß: Nun ist neben allem Stolz auch ein bedrückender Gedanke in Dir. Wir wollen ihn verschweigen. Die Zeit ist so, dass unsere Schmerzen nimmer zählen dürfen, nur unser Glaube und unsere Hoffnung. Nimm mein Glas! Siehst Du vor dem Graben der Unseren das feine, endlose Gespinst da drunten? Vor diesem Gewirre von eingeschlagenen Pfählen und glitzerndem Stacheldraht, vor diesem Webewerk des Krieges siehst Du etwas liegen, weit zur Rechten und weit zur Linken hin! Etwas Furchtbares! Und dennoch atmet man auf wie bei einem Gedanken der Erlösung. Ein Gemenge von Braun und Schwarz und Weiß und Aschenfarbe ist es. Und völlig unbeweglich. Das sind die Reihen und Haufen der gefallenen Feinde. Denke nicht, dass es Menschen waren – denke nur an Deine braven Bergbuben, die sich standhaft des anflutenden Todes erwehrten!

   Und jetzt, lieber Freund, erlebst Du ein paar Minuten, die dir in aller Erschütterung dieser Stunde eine Freude geben. Aus dem Schatten des frühlingsgrünen Buchenwaldes, der sich herumzieht um die Sonnenkuppe der Lysagora, klingt ein Lied heraus, gut und hübsch gesungen von sechs oder sieben Jünglingsstimmen. Ich meine, Du kennst dieses Lied vom sehnsüchtigen Buben, der den Pfarrer, die Mutter, den Vater und den Herrgott fragte, ob er lieben darf! Und nur der Herrgott findet, wie halt immer, die richtige Antwort:

„Ei ja freili, sagt ’r und hat glacht,
Zwegen die Buaben hab i ’s Dirndl gmacht!“

   Siehst Du die anderen liegen und rasten im Schatten? An die vierzig sind es, gesunde und feste graublaue Jungen. Manche haben die Stiefel heruntergezogen und strecken die nackten Füße in einen warmen Sonnenfleck. Nach Kampf und Gefahr, nach Marsch und Mühsal und vor neuem, noch härterem Ringen ruhen sie und erquicken sich an einem Heimatlied – an Deinem Lied! Gelt, Peter, das freut Dich! Auch Du kein Greis und kein Waffenloser! Auch Du ein jugendlicher Kämpfer inmitten Deines Volkes, ein hilfreicher Sanitätsmann der tapferen Seelen!

   Nun singen sie ein anderes Lied. Der zärtliche Klang wird ein bisschen gestört. Immer redet eine laute strenge Stimme dazwischen. Jetzt hör’ ich sie sagen: „Von Stelle zwölf ist gemeldet, dass ein hoher Steilschuss abging.“ Im Waldschatten singen die Bergbuben:

„Und i liab di so fest,
Wie der Baam seine Äst’ –“

   Am Telefon die strenge Stimme: „Der Beobachter soll nicht auf das Liedl horchen, sondern auf den Schuss Obacht geben!“ Dumpfes Dröhnen quillt aus der Ferne her, und die Graublauen singen im Frühlingswald:

„Wia der Himmel seine Stern’,
Grad so hab’ i di gern!“

   Die Stimme dazwischen: „Ist der Schuss beobachtet?“ Und die Antwort lautet: „Jawohl! Der Schuss sitzt.“

   Komm, lieber Freund, wir wollen zu den Braven hinuntersteigen, die so verlässlich zielen, und wollen ihnen die Hand drücken und ein Vergeltsgott sagen! Hörst Du, wie ruhelos die Kuckucke rufen? Und während wir niederwandern durch den träumenden Maiwald, klingt hinter uns das dürstende Lied:

„Sei gegrüßt in weiter Ferne,
Teure Heimat, sei gegrüßt!“

   Wir kommen durch ein kleines Dorf, das von Graublauen wimmelt, von Rossen und Wagen, von ruhigen Landleuten und scheu blickenden Städtern. Menschen liegen im Heckenschatten der Straßengräben, und aus den Fenstern der ausgeräumten Häuser gucken Pferdeköpfe mit kauenden Mäulern heraus. Das Dörflein hat heute der Einwohner zehnmal mehr, als es unter seinen Strohdächern beherbergen kann. Und noch immer kommen lange Züge von Evakuierten, zu Fuß und zu Wagen, überwirbelt von Staub. Oft hängen auf einem solchen Wägelchen fünfzehn und zwanzig droben, dicht aneinander geschmiegt, mit den Armen sich umklammernd. Viele, viele Mädchen sind dabei; die Hässlichen machen sorgenvolle Gesichter, die Hübschen sind fröhlich und können lachen; sie wissen: Junge Schönheit ist auch in der übelsten Not noch ein Wegweiser und eine Hilfe! – Neben dem Schwarz der städtischen Mannskleider und neben den modischen Damentoiletten, die im Gewirr dieses Kriegsbildes mit grotesker Komik wirken, siehst Du die buntfarbigen Trachten und die weißen Leinwandröcke der Bäuerinnen leuchten. Und immer wieder kommt das gleiche Bild: Im Baumschatten neben der Straße sitzt eine Mutter und stillt an der welken Brust den Hunger ihres Säuglings.

   Was mag Gott sich gedacht haben, als er bei der Schöpfung das Menschenkind so hilflos machte und den Sprössling des Tieres so lebensfertig? Sieh diese Fohlen an! Ein paar Wochen, oft nur ein paar Tage sind sie alt und finden sich zu Recht im Staub des quirlenden Straßengewühles, sind im Guten und Bösen die gelehrigen Schüler der im Geschirr ziehenden Mütter. Scheut die Stute vor gefährlichen oder ungefährlichen Dingen, so macht das zappelige, erschrockene Füllen jedes Aufbäumen und alle verrückten Sprünge der Stute mit. Ist die Mutter verständig und furchtlos, so ist es das Kindchen auch.

   Mir scheint, aus diesem Bild redet eine tiefe Lehre der Natur. Auch eine Lehre für uns, die wir nicht Tiere sind. Ihr Menschenmütter von heute, ihr Millionen in der Heimat, bleibt um eurer Kinder willen ruhig, furchtlos und besonnen! Durch Verzagtheit würdet ihr bedrohen, was eures Blutes ist. Euer Mut und eure mütterliche Tapferkeit werden eure Kinder führen und aufrichten, werden heiligen Anteil haben an dem Sieg, den wir gewinnen! –

   Sieh, lieber Freund, wir haben unser Ziel erreicht! Der Weg war weit. Es will schon Abend werden, und der Himmel ist nimmer klar. Graue Dünste ballen sich in der Höhe, und da drüben, wo die Feinde sind, hebt sich über den Horizont eine stahlblaue Wolkenwand herauf. Wo wir uns befinden und was wir gewahren an mächtigem Kriegsgerät, das müssen wir verschweigen. Aber den Hunderttausenden, die auf deine Stimme hören, sollst Du erzählen von dem Unterschied, den Du hier erkennst. Hier, wo jede nächste Stunde den Tod bringen und Wunden schlagen kann, ist keine Unruh, keine nervöse Hast. Hier ist heitere Festigkeit, gläubige Zuversicht und selbstverständliche Ruhe, trotz dem Donnergebrüll, von dem wir mit Sicherheit nimmer zu sagen vermögen, ob die Haubitzen es machen oder die Wetterwolken. Und alle die jungen Offiziere und Geschützmannschaften, bei denen wir da stehen, wissen bereits, dass das reichliche Rudel unserer Feinde sich noch vermehrt hat um die zitronengelbe Gestalt der Untreue und der schamlosesten Habsucht. Nur ein Blick, Peter Rosegger, nur einen einzigen Blick in die braunen, gesunden Gesichter und in die klaren Augen der Deinen! Und Du wirst aufatmen, wirst noch ruhiger und gläubiger werden, als Du schon immer warst! Wie fest und herzlich ist der Druck ihrer sonnverbrannten, stählernen Hände! Wie warm ist der Klang ihres deutschen Grußes: „Heil!“ – Jetzt am Abend rufen die Kuckucke nimmer; doch dieses eine, kleine deutsche Wort ist das bessere Orakel, als hundertundsieben Kuckucksrufe.

   Aber komm, wir dürfen nicht stören! Die ernste Arbeit, die hier geschieht, hat Eile, jetzt mehr als je. Stelle Dich da her an den mit grünen Zweigen verblendeten Erdwall und nimm mein Glas! Von dem großen Bild, das Du am Morgen in der Sonne gesehen, siehst Du jetzt im Gewitterschatten des Abends nur einen kleinen Ausschnitt. Erkennst Du da drüben, acht Kilometer weit, den rauchigen Waldsaum und das schlossartige Haus mit dem roten Dach? In dem Wald steckt eine russische Reserve, in dem Haus ihr Stab. Ein Donner hinter uns. Und durch die dunkelnden Lüfte geht ein helles Sausen davon. Fast hört es sich an wie das lang gezogene, jauchzende Grußwort: „Heiiiiil!“ Nun blick’ hinüber zu dem roten Haus! Siehst Du die grauenvolle Feuergarbe? Und den Höllenwirbel des braungelben Rauches? Wieder dröhnt es neben uns, wieder singt der deutsche Gruß in den Lüften, und wieder schlägt die Ekrasitgranate auf die gleiche Stelle hin, genau auf den gleichen Fleck. Nun verweht der Sturmwind des ausbrechenden Gewitters das braungelbe Rauchgewoge. Wo ist das Haus mit dem roten Dach? Wo sind die Feinde, die unter diesem Dach waren?

   So, Peter Rosegger, schießen Deine Steirer und Kärntner, wenn es um Leben und Glück der Heimat geht! Und lass uns aufblicken zum Himmel, der die Verlässlichen segnet und die Ungetreuen verachtet! Sieh, der Himmel will unser Bundesgenosse werden an Stelle des namenlos gewordenen dritten, der uns verließ! Sieh, wie die Flammenblitze Gottes baumdick niederfahren auf die dunklen Wälder, in denen die Feinde sich verbergen!

   – Der Regen rauscht. Eine jagende Fahrt durch die Wetternacht. Nun werfen wir die triefenden Mäntel ab und sind bei den Stabsoffizieren des steirischen Korps. Eine Tafel, die freundlicher ist, als reich. Der Ernst der Stunde beherrscht uns alle. Einer steht auf und liest mit ruhiger Stimme das Manifest Deines Kaisers vor. Dann drücken wir uns die Hände, jeder nickt befriedigt, jeder sieht dem anderen gläubig in die Augen.

   Starke, feste, treue und aufrichtige Worte sind es, die Dein Kaiser zu seinen Völkern sprach. Und wahr ist, was er sagen musste: „Ein Treubruch, dessengleichen die Welt nicht kannte!“ Durch dreißig Jahre haben diese Namenlosen sich fett gemacht in unserem Wohlwollen, haben gierig genossen aus unseren offenen Silberschüsseln, und nun schütten sie die ekeln Exkremente ihrer schamlosen Seelen auf unseren reinlichen Siegertisch!

   Wär’s nicht so widerlich, so könnte man lachen darüber, wie über einen zynischen Bajozzospaß. Zu unserem Trost wissen wir dieses eine: In allem, was Leben und Ehre heißt, walten Gesetze der ewigen Gerechtigkeit. Der Redliche und Starke, wenn die Schlechten ihn verlassen, wird stärker, als er war – der Schlechte, wenn seinesgleichen sich zu ihm gesellt, wird schwächer, als er noch je gewesen. Zahlen und Ziffern stehen außerhalb dieser Gottesrechnung.

   Nun komm, lieber Freund, wir haben in dieser rauschenden Gewitternacht nur eine kurze Ruhe vor uns. Wollen wir morgen Deine tapferen Grazer in ihrem Schützengraben besuchen, dann müssen wir schon um Mitternacht aus dem Schlafsack heraus. Zu den Deinen, in deren treuen Seelen so viel Tag und Sonne schimmert, kann man jetzt nur hineinschlüpfen, wenn es dunkel ist. Sobald der Morgen zu grauen anfängt, fliegen die russischen Vögelchen mit den harten Federn. Sie fliegen wohl auch in der Dunkelheit. Viel fleißiger noch. Aber da wissen sie nicht recht, wohin.

   Also, morgen auf Wiedersehen! Und gute Nacht, lieber Freund! Wir beide werden keine bösen Träume haben. Denn wir gehören zu den hundert Millionen, die inmitten eines Brigantenspuks der Weltgeschichte auf dem besten Kissen ruhen.

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