Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

8.

20. Mai 1915.              

   In dem Bergwinkel, wo Galizien, Bukowina und Ungarn zusammenstoßen, sitze ich zu Delatyn im hübschen Garten des griechisch unierten Pfarrers und genieße den Schatten der kleinen Holzkirche. Vier große Ulmen, die schon ihr Laub haben, rauschen leise im warmen Sonnenwind. Zur Linken sehe ich rastende Trainkolonnen, das prächtige, den Pruth überspannende Pionierwerk der Karl-Franz-Joseph-Brücke und dahinter eine Kette sanft geschwungener Waldberge. Zur Rechten verdecken hügelige Obstgärten das von den Russen übel zugerichtete Städtchen, und grüne Feldhöhen verhüllen das Tal, in dem die feindlichen Stellungen liegen. Weit in der Ferne, gegen Stanislau und gegen Kolomea, dröhnen die Kanonen, und rings in der Nähe duften die blühenden Johannisbeerstauden, während ich den Inhalt der vergangenen Woche zu überschauen versuche.

   Nach jenem herrlichen Morgen zu Tarnow kamen – nicht für die Soldaten, nur für mich – ein paar Ruhetage, alle in schöner Maisonne, alle überglänzt von der stolzen Freude unseres fortschreitenden Sieges. Der vorwärts rollenden Front entrückt, war ich nun wieder ein sauber gewaschener Kaffeehausgast geworden, der viele Zeitungen las und noch mehr Depeschen verschluckte. Nach der einfachen, klar verständlichen Größe, mit der die Dinge im Feld sich hineingezeichnet hatten in den grünen Frühling, wirkte nun das aus hundert Telegrammen und Journalberichten zusammengesetzte Bild der Tagespolitik wie ein unfassbarer Menschheitswirbel, wie ein phantastischer Hexentanz von Millionen verstörter Gehirn. Vor Jahren einmal, an einem Faschingsdienstag, hab’ ich ein Maskenfest in einem Irrenhaus gesehen. An diesen namenlosen Wirrwarr von tragischem Schauder und grotesker Komik musste ich immer denken, während ich die Auslandsurteile über die Torpedierung der „Lusitania“ las, die Demonstrationsdepeschen aus Italien, die Gemütsergüsse englischer Minister, die Funkensprüche des Eiffelturms, die mit dem Strohhalm der Phrase aufgeblähte Weiherede des edlen, nur ein bisschen blassen Gaby d’Annunzio und die Berichte über die lehrreichen Kulturdokumente, die wir in der angelsächsischen Verunschenierung deutschen Barbarengutes zu erkennen haben.

   Gegenüber dieser lieblichen Bilderfülle musste ich mich andauernd eines braven, philosophisch gesinnten Tirolers erinnern, den ich vor acht Tagen auf dem Kutscherbock eines Sanitätswagens sitzen sah. Er hatte einen Schuss durch die Mundhöhle, quer durch beide Wangen. In den Schusslöchern staken kleine rot gefärbte Wattepfropfen, die dem Tiroler ein Ansehen gaben, als hätte er außer seinem angeborenen Schnabel noch zwei neu erworbene Reservemäulchen. Ich fragte ihn, ob das nicht sehr unbequem wäre? Er schüttelte lachend den Kopf und antwortete: „Ah na! Dös ischt praktisch, Jatz kon i vor alle grauslichen Feindsleut auf oamol dreimal ausspeiben!“ – Wahrhaftig, um den sublimen Kulturtanz unserer Gegner verdientermaßen würdigen zu können, sollte man die vermehrten Ausdrucksmöglichkeiten dieses mit überlegenem Humor gesegneten Tirolers besitzen.

   Erquicklicher als das Studium der in den Journalen kondensierten Weltkomödie wirkte der Ausblick durch das Kaffeehausfenster auf den freundlichen Marktplatz und das frohe, vom Geist der großen Maitage beflügelte Leben der kleinen, deutsch gebliebenen Stadt. Hier war Luft, die man gerne atmete, und Klang, den man gerne hörte. Brüderliche Hände streckten sich, und man erwiderte mit festem Druck, war nach zwanzig Minuten gut Freund, redete frei von der Leber weg, lauschte mit Ohr und Herz auf die Sprache des anderen und verwandelte jede Zeitdebatte zu einer glühenden Schmiedestunde der gemeinsamen Hoffnung.

   Neben gläubigen Zukunftsträumen gab es in dem lieben Städtchen auch schmerzende Bilder zu sehen: Diese endlos heranfahrenden Sanitätskolonnen mit zwanzig und dreißig Wagen, die langen Reihen von Autos und verhüllten Fahrzeugen, alle mit dem Schutzschilde des Roten Kreuzes. Aber auch hier ein Aufatmen! Denn viele von diesen Wagen ratterten flink und lustig daher, und durch die offenen Fenster sah man Pfeifenqualm und heitere Gesichter. Saßen Deutsche drin, so sangen sie, und die österreichischen Graublauen sangen mit.

   Von den Gesichtern, die da an mir vorüberlachten, erkannte ich manches wieder, als ich das von einem jungen Wiener Arzte musterhaft geleitete Lazarett besuchte und überraschende Heilerfolge sah, die durch die Sonnebestrahlung der Wunden erzielt werden. Die Sonne ist eine große, geheimnisvolle Künstlerin; mit jedem Werk ihrer goldenen Feenhände überlistet sie den Tod und bereichert das Leben; und alles kann sie verschönen, auch die Züge und Farben des Leidens und viele Dinge, die hart zu sehen sind. Warm und zärtlich glänzte sie durch die Fenster eines Lazarettsaales herein, dessen ruhiges Schweigen zu mir redete mit hundert Zungen. Schon viele Offiziere und Soldaten haben mir von der namenlosen Mühsal erzählt, die sie zur Winterszeit auf den Karpatenkämmen im metertiefen Schnee und bei zwanzig Grad Kälte zu überstehen hatten. Aber von den erschütternden Erzählungen, die ich zu hören bekam, hat noch keine so anschaulich zu mir gesprochen, keine hat mir das heroische Heldentum und das klaglose Heimatopfer der Karpatenkämpfer so eindringlich und überzeugend vor Augen geführt, wie es dieser weiße, von der Morgensonne durchschmeichelte Saal er vielen Schweigsamen tat, denen man die erfrorenen Füße und Hände amputieren musste. Einem solchen Bild gegenüber korrigiert man in Reue jedes unzutreffende Urteil, das man in der Heimwerkstätte seines politischen Missvergnügens fabrizierte, und jedes vorschnelle Wort, das die Ungeduld des Schlechterwissens ausgesprochen.

   Mehr als Anblick und Erfolg der tapfersten Kämpfe erzählen die stillen Lazarettstunden vom Heldentum und den Seelenkräften unserer Soldaten. Welch’ ein prächtiger und verlässlicher Offizier muss der Dragonerleutnant gewesen sein, der einem Bauchschuss erlag, vor dem Sterben noch einmal aus der Bewusstlosigkeit erwachte, mit heißen Augen umherspähte und als letztes Wort seines treuen Soldatenlebens die hastige Frage sprach: „Ist das dritte Korps schon da?“

   Von einem jungen Deutschen, der im Kriegsspital es Hauptquartiers ein qualvolles Leiden standhaft bis zur letzten Stunde ertrug, hörte ich den Erzherzog Friedrich sprechen, den Oberstkommandierenden der österreichisch-ungarischen Armee. Dabei vernahm ich ein Wort, das auch etwas Wesentliches von dem fürstlichen Heerführer selbst erzählte, der es aussprach. Der Erzherzog sagte: „Das muss hart für ihn gewesen sein, so allein in der Fremde mit dem Leben abzuschließen, fern von seinen Kameraden, ohne Beistand seiner Heimat. Wie ich das gehört habe, bin ich natürlich gleich hingegangen.“ Dieses Wort gibt eine charakteristische Farbe für das Menschenporträt des leibenswürdigen und wohlwollenen Fürsten. Sprache und Wesen sind von stark wienerischem Einschlag, aus dem man Wärme empfängt. Seine Art, sich im Gespräch zu geben, hat eine ruhige Schlichtheit, bei der man sofort empfindet, dass sie aus gütigem Menschentum, aus ernster Lebensauffassung und vornehmer Gesinnung fließt.

   Man sprach von den Maßregeln zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten im Heer. Erzherzog Friedrich sagte: „Desinfizieren und Impfen und solche Sachen, gewiss, das ist alles sehr notwendig und hat seinen hilfreichen Wert. Aber das beste Vorbeugungsmittel gegen alle bösen Krankheiten ist Genügsamkeit im Essen und Trinken und eine verständige Lebensführung.“

   Als man davon sprach, wie häufig im Hinterland und namentlich in den großen Städten abenteuerliche Gerüchte entstehen und wie schnell sie verbreitet werden, sagte der Erzherzog: „Das gibt’s in der Front nicht. Wo käme man hin, wenn man da nicht ruhiges Blut behielte!“

   An einer Mittagstafel im Hauptquartier des obersten Heerführers nahm auch ein fürstlicher Gast teil, dessen jugendliches Bild mich lebhaft fesselte, mich erfüllte mit suchenden Gedanken, mit Fragen an die Zukunft.

   In jeder Prophezeiung, die man ernst zu nehmen hat, klingen neben en offenen Worten, die sie verkündet, noch leise vibrierende Untertöne, auf die man in gespannter Erregung lauscht. Doppelt schärfen sich Ohr und Blick, wenn es sich um eine Prophezeiung für das Erstarken und Aufblühen eines großen Reiches und Volkes handelt, das wir lieben, und wenn diese Zukunftshoffnung vor uns steht als atmendes Leben, mit lächelndem Mund, mit furchenloser Stirn und mit hellen Augen, aus denen der Glaube und das Vertrauen einer gereiften Jugend herausleuchten.

   Ich sah einen schlanken Körper von bestem Ebenmaß, eine wohltuende Erscheinung voll natürlicher Frische, sah einen kräftigen, fest gefügten Kopf, den dunkles Braunhaar umrahmt, und sah ein schmuckes Mannsgesicht mit gesunden Farben, mit offenem Blick und mit einer lebhaften, aufmerksamen Art, zu hören und zu schauen. Die Stimme hat sonoren Klang, die Worte fließen frei und ungezwungen.

   Ein Tischgespräch ist kein ausreichender Brunnen der Menschenkenntnis. Ich darf da nicht einzelne Worte herausheben und zu deuten versuchen. Aber ein Wort, das ich hörte, glaube ich festhalten zu müssen, weil es auch ohne Deutung stark auf mich wirkte. Man sprach über die Verschiebung und Umwandlung aller völkerrechtlichen Begriffe in diesem Krieg. Auf meine Bemerkung, dass die Völkerrechtsprofessoren jetzt kaum mit Sicherheit wissen dürften, was sie im kommenden Semester als unverbrüchliches Prinzip des Völkerrechtes bezeichnen können, antwortete der junge Erzherzog Karl Franz Joseph, der Thronfolger der habsburgischen Monarchie: „Das verlässigste Völkerrecht ist eine starke Armee, gebildet aus einem Volk, das seiner Kraft bewusst ist und sie nie missbraucht.“

   Der jugendliche Fürst, von dem ich dieses Wort vernahm, scheint alles zu besitzen, was Popularität im besten Sinn zu gewinnen und den aufatmenden Zukunftsglauben eines Volkes zu erwecken vermag. Man sagt, er wäre politisch ein noch unbeschriebenes Blatt. Aber es lässt sich schon ahnen, dass auf diesem blanken Blatt eine gute, klare und energische Schrift erscheinen wird. – –

   – – Während ich diese Worte niederschreibe, überglänzt die reine Maisonne den Pfarrgarten von Delatyn, alle grünen Zweige funkeln von Licht und Frühlingsglanz, ein feines Immensummen geht um die blühenden Johannisbeerstauden, und in der kleinen Holzkirche beginnt ein vielstimmiger Menschengesang voll inbrünstiger Schwermut. Immer stärker schwillt er an und wird so laut, dass der ferne Kanonendonner nimmer zu hören ist. Ich verstehe die Sprache dieser Sänger nicht und kann nicht wissen, was sie erbitten wollen von ihrem Herrgott. In dieser schimmernden Sonnenstunde, die der Atemzug eines neuen Werdens ist, weiß und fühle ich nur, was alle redlichen Herzen in Österreich-Ungarn zu erflehen haben von Gott und Schicksal, und was sie in den bevorstehenden Tagen erzwingen müssen von ihrem eigenen Zukunftswillen, von der eigenen Kraft und von dem Glauben an jenes heilige Menschenwort, das von der Treue sagt, sie wäre kein leerer Wahn. Heute ist der 20. Mai! Soll kommen, was mag! In uns ist der Glaube! Widersprüche und Ausnahmen beweisen nur die Vergänglichkeit des Unsauberen, beweisen nur das Ewigkeitsgesetz, das in allen reinen und ehrlichen Dingen wohnt.

   Hier, in dem entlegenen Bergwinkel, kann man in dieser Stunde noch nicht wissen, was heut in der italienischen Kammer geschah. Aber seit heute weiß man hier im Heer, was vor zwei Tagen im Deutschen Reichstag verkündet wurde. Das wirkte wie ein Stoß gegen Brust und Kehle. Manchen zwang die Zeithärte zu ruhigem Urteil, aber ich hörte auch erbitterte Worte, sah Zorn glühende Stimmen und feuchte Soldatenaugen.

   Ob der Kampf auf Tod und Leben, das gewaltsame Reinemachen unseres Tisches nicht das Bessere wäre, als eine unzuverlässige, widernatürliche, den Schwärenfraß nur fortschleppende Verträglichkeit unter dem Gegenwartsdruck feindlicher Not? Bei diesem Gedanken ist eine schmerzende Beklommenheit in mir und dennoch eine starke, unbeugsame Hoffnung. Wie dieser Tag von heute auch entschieden wird – alle guten Zukunftsgeister von Österreich-Ungarn und alle gesunden Kräfte des Deutschtums werden zusammen helfen, um aus dem Wirrsal dieser wahnwitzigen Zeit einen rettenden Weg zu finden, der nach aufwärts führt. So wird es kommen, so muss es kommen! Es ist ein falsches Sprichwort, zu sagen: „Not bricht Eisen!“ Unser Wort wird lauten müssen: „Eisen zerbricht die Not!“ – –

   Ich konnte nimmer erzählen. Der Abend wurde hart für mich und hatte Fäuste, die das Wort erwürgten. Nun ist Mitternacht vorüber. Eine Kerze flackert und tränt. Draußen vor den offenen Fenstern des Delatyner Pfarrhauses raschelt der kühle Wind durch die schwarzen Blütenstauden; die Mondsichel hat sich versteckt, kleine Sterne flimmern und immer hör’ ich von irgendwo das ruhelose Gerassel der Munitionskolonnen, ähnlich dem Rauschen eines großen Stromes. Wieder denke ich an jenes gute Wort, das ich vom Marschall des österreichisch-ungarischen Heeres hörte: „Wo käme man hin, wenn man da nicht ruhiges Blut behielte!“ Und aus dem mächtigen Kriegsrauschen, das die Frühlingsnacht erfüllt, stiegen liebe, geliebte Gestalten herauf und ich sehe die vielen Freunde, die ich besitze in meiner doppelten Heimat. Wundervolle Sonnenbilder kommen, alle, die ich erfreut und staunend gesehen habe bei meiner dreitägigen Fahrt durch das schöne Land von Habsburg. Sie ging vorüber an den glänzenden Schneegehängen der Hohen Tatra und entlang der grünen Karpatenkette, durch die weiten Fruchtfelder von Ungarn, wo die jungen Weizenhalme schon tischhoch stehen und sich wellen im Wind wie ein grüner See. Brot, Brot, du sprossender Gottessegen, du heilige Nahrung der Tapferen, die um Leben und Größe ihres Vaterlandes ringen!

   Die Obstblüte ist schon fast vergangen, beginnt sich zu wandeln in schwellene Köstlichkeiten, ist abgelöst vom blühenden Flieder. Mit der Fülle seiner violetten Trauben schmückt er die kleinen Bauernhäuser und begleitet die Straßen und Hecken. Überall eine lachende Farbenfreude, an den Wohnstätten und in der bunten Tracht der jungen und alten Leute. Burschen sieht man nicht, nur Greise und Knaben. In den Flüssen stehen lange Zeilen von Frauen und Mädchen, haben die Röcke hoch geschürzt und klopfen unter Schwatzen und Gelächter die weiße Wäsche. Auf allen Weideflächen sieht man große Herden von Kühen, von Schafen und Schweinen, von Pferden und Fohlen. Auch auf der Straße, wenn ein Lastwagen herankommt, tänzelt ein Füllen neben der ziehenden Mutter.

   In einem Bahnhof stehen drei Züge, die ein Regiment Bosniaken bringen. Alle Wagen sind voll gepfropft mit den stämmigen Gestalten, die den grauen Fes tragen, aus allen Türen und Fenstern gucken die sonnverbrannten, schnauzbärtigen, lachenden, weißzähnigen Mannsgesichter heraus.

   Städtchen und Städtchen fliegen vorüber, und nun geht die Fahrt den Karpaten entgegen, empor durch das schöne Bergtal der schwarzen Theiß, durch herrliche Eichenwälder. Nirgends ein Bild der Zerstörung, nirgends ein Schrecken des Krieges. Man sieht nur manchmal neben der Straße ein nieder gebrochenes Pferd im graben liegen. Aus quirlenden Staubwolken huscht ein Auto ums andere heraus, und in guter Ordnung gehen die Kolonnenzüge hin und her. Die Tracht der Landleute, auch die Bauweise der Hütten wird fremdartig. Es halbasiatelt ein bisschen, und manchmal glaubt man indische Dörfer mit Büßern in weißem Hemden zu sehen. Immer dichter reihen sich die Feldzugsbilder aneinander, eroberte Geschütze rasseln an uns vorüber, und wieder und immer wieder kommen lange Züge von russischen Gefangenen.

   Jetzt ein wundersames, von Farben funkelndes Bild: Die Straßenserpentine, die steil hinaufleitet zum Tatarenpass. Alle zwanzig Wegschlingen, die einander überklettern, sind angefüllt mit einer Doppelreihe von gleitenden Fuhrwerken, von Geschützen, Munitionswagen und Feldküchen. Und alles rüttelt und knattert, schreit und wiehert und schimmert. Und je höher das hinaufgeht, umso kleiner werden alle Figürchen, bis sie droben auf der Passhöhe, wo sie als schwarze Silhouetten sich abheben vom glühenden Abendhimmel, so winzig sind wie das Spielzeug eines reichen Knaben, der seine tausend Bleisoldaten und Rösslein aufstellte.

   Unser braves Auto muss klettern wie ein Eichkätzl und sich durchwinden wie ein Wiesel. Dann im Gold des Abends noch die kurze Fahrt nach Delatyn, über dessen ausgebrannte und von den Russen geplünderte Häuser von der nahen Front die Kanonen herdröhnen. Gute Nachricht empfängt uns. Seit vielen Tagen wurde hier zwischen Nadworna und Kolomea erbittert gekämpft. Nun ist der feindliche Angriff abgeschlagen und dreitausend gefallene Russen liegen vor den Drahthindernissen und Schützengräben der tapferen Steiermärker.

   Bei Anbruch der Nacht besuche ich noch ein Lagerfeld, auf dem zwei italienische Bataillone vor dem Abmarsch gespeist werden. Hier ist viel Lärm. Die Offiziere und Unteroffiziere haben heisere Stimmen. Wie die Feuer lodern und den Wirbelhauf der schwarzen Gestalten rot anstrahlen, das ist schön und malerisch. Aber ich habe für diesen Nachtzauber nicht die rechten, aufmerksamen Augen. Wo ich hinhorche, wird von porco und pane, von spaghetti und vino gesprochen. Diese Sprache zwingt mich, an andere Dinge zu denken.

   Was wird uns der kommende Morgen bringen? – – –

*

21. Mai              

   Der Morgen ist da. Und nun wissen wir’s: Italien, unser Bundesgenosse seit dreißig Jahren, hat sich für den Anschluss an unsere Feinde entschieden.

   Es gibt ein altes Sprichwort, das ein kluger Italiener über sein Land und Volk ersann: „Meer ohne Fische, Berge ohne Bäume, Frauen ohne Scham, und Männer, die keine Treue kennen!“

   Nein! Nicht schelten! Wollen wir Sieger bleiben in dem Kampf, der nun beginnt, so dürfen wir unseren Gegnern nicht ähnlich werden. Wir müssen überwinden, was an dieser sonderbaren Sache schmerzlich ist, und jeder von uns allen wird leisten, was er vermag, mit Fäusten und Gedanken, mit Besitz und Blut.

   Wie seltsam: Dass dieser schwere Morgen so ruhig machen kann, fast heiter! Und prachtvoll ist die Haltung der Offiziere, deren Gast ich bin! Kein Zornwort, eine übermütige Rede. Die einen sprechen fröhlich, die anderen sind ernst und schweigsam; doch in allen Augen ist der gleiche Glanz. Und die soldatische Arbeit geht weiter, als wäre nichts geschehen, was das Heute anders machen könnte, als das Gestern war.

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