Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

7.

7. Mai 1915.              

   Die Mittagsstunde des 4. Mai hat ein dröhnendes Glockenläuten, das sich zusammensetzt aus den ehernen Stimmen von hundert Geschützen und ihrem schweren, die Frühlingswälder durchrollenden Echo. Auf der Berghöhe von Lubinka – in dem Buchenwald, hinter dem ich den Ausblick über die bei Tarnow knatternde Verfolgungsschlacht gewinnen werde – stehen in der Breite eines Kilometers ein Dutzend Batterien, die seit dem Morgen aufgefahren sind und ohne Unterbrechung feuern. Ganz herrlich ist es, wie fleißig da die Graublauen von Österreich-Ungarn arbeiten! Die Ohren singen und klingen mir von dem ruhelosen Gebrüll in den Lüften, und manchmal versagt mir für einige Sekunden der Atem unter dem Luftdruck einer russischen Granate, die nah’ im Wald platzt und nur den einzigen Schaden anrichtet, dass sie zwanzig oder dreißig Bäume verwundet.

   Dieser zartgrüne Frühlingswald! Welch ein Bild! Hier liegen zwischen weiß zersplitterten Baumstämmen die zweite und dritte Grabenstellung der Russen. Beide wurden am Morgen, nach Erstürmung der Hauptstellung auf dem Bergkamm, von den Tiroler Jägern, von diesen jauchzenden „Blumenteufeln“, ohne viel Aufenthalt überrannt. In dem Wissen, dass man Sieger ist, wohnt eine Leben erhaltende Kraft – nirgends im Wald gewahr’ ich einen ewigen Schläfer unserer Graublauen, nur gefallene Russen liegen da umher. Die meisten von diesen toten sind ohne Stiefel. Haben ihre eigenen Landskameraden diese verfügbar gewordenen Juchtenschätze mit fortgenommen? Oder haben unsere siegreichen Landstürmer, deren Stiefelsohlen durchgetreten waren, hier nützlichen Ersatz gefunden? Recht so! Es ist der einzige Zweck des Todes: Dem gesunden Leben zu dienen!

   Ich sehe Russengräber, deren grob gezimmerte Kreuze wortreiche Inschriften tragen – die Hügel sind unordentlich aufgeschüttet, ohne Grün, ohne Blumen, und die plumpen Prügelkreuze sind Dokumente einer lieblosen Arbeitshast. Von den Leidtragenden wurde alle verfügbare Zeit dazu verwendet, um viele Worte zu pinseln. Noch ein anderes Zeichen russischer Kultur erkenne ich: So fest und umständlich alle feindlichen Verteidigungsgräben gebaut sind, so schlampig, unordentlich und miserabel sehen die Unterstände aus, in denen die russischen Soldaten wohnen und schlafen mussten. Wie wird in der Kampfruhe für die Unseren gesorgt, hier im Osten und drüben im Westen! Und dieser Gegensatz! Ein Gefühl des Erbarmens überkommt mich beim Anblick der hastig ausgewühlten Erdlöcher mit dem faulen Laub und dem bisschen zerlegenen Stroh, mit Unrat und Aschenmist, mit den schlechten Reisigdächern darüber! Russischer Soldat sein, heißt: Gut bewaffnet werden, sterben und verderben dürfen und dabei als Mensch eine Nummer sein, die nicht zählt.

   Zwischen umher gestreuten Geräten und verwüsteten Kleidungsstücken liegen zerschlagene Brettchen von russischen Wegweisern mit den neuen Namen, die der Feind den von ihm besetzten Dörfern und Städtchen gab. Ein voreiliger Irrtum! Diese Dörfer und Städte werden auch weiterhin den gleichen Namen führen, den sie bisher getragen. Und in den aufatmenden, vom Feind erlösten Frühlingswäldern von Österreich-Ungarn wird für die Feinde kein Weg mehr sein, der eine Weiser mit russischer Inschrift nötig hätte. Der ganze Wald ist belebt, ist erfüllt mit den Bildern unseres vorwärts treibenden Sieges, mit allen Zeichen einer kraftvoll einsetzenden Verfolgung. Meldereiter, die sich unter den Ästen auf den Hals des Pferdes beugen, huschen zwischen den Bäumen hin und her. Lange Reihen von Ulanen und Dragonern, die Gäule am Zügel führend, springen neben den Waldgassen, die angefüllt sind mit rasselnden Munitionskolonnen und mit Geschützen hinter galoppierenden Gespannen. Eine Deichsel bricht; gleich ist der Schaden ausgebessert und die Fahrt geht weiter. Beim Ausweichen sinkt ein Geschütz bis an die Räderachsen in den Schlamm hinunter; die sechs Pferde ziehen und zerren, kommen nicht weiter und wiehern mit schmetterndem Laut; zwanzig oder dreißig Graublaue springen lachend in den Dreck hinein, heben und schieben, lupfen mit Baumprügeln, und vorwärts geht es, und deutsches „Heil!“ und „Hurra!“ klingt zusammen mit lustigen Eljenrufen. Dabei immer das Sausen in den Lüften, das Krachen im Frühlingswald, und immer hört man, bald nah’ und bald fern, die Kuckuckstimmen und das Gurren der Wildtauben, die sich im Gang ihrer Hochzeitslieder durch den Krieg nicht stören lassen.

   Eine Karawane flüchtender Bauernweiber zappelt vorüber, mit Sack und Pack, mit Kindern, denen das flinke Rennen Spaß macht, und mit hopsenden Ziegen, deren große Euter hin und herschlenkern wie Sturm läutende Glocken, die den Schwengel verloren und keine Stimme mehr haben.

   Nun ist der Wald zu Ende. Draußen eine Feldkuppe mit blühenden Obstbäumen und kleinen Bauernhäusern. Über ihre Dächer sausen ohne Unterlass die Schrapnelle und Granaten von vier Batterien hinüber, deren Stichflammen aus den Stauden des Waldsaumes herausfahren. Dieses Dröhnen im Wald und dieses Pfeifen in den Lüften ist wie das Konzert einer schadhaft gewordenen Orgel, von der man nur noch die Blasbälge und die Kontrabässe hört. Eines der Bauernhäuschen ist die Beobachtungsstelle von zwei Batterien. Ich höre ungarische und deutsche Befehle; jeden vernehme ich dreimal, vom kommandierenden Offizier, vom Soldaten am Telefon und vom Telefonisten im nahen Wald. Beim Weg durch den Hausgang gucke ich in die stille Stube; ein Herd ohne Glut, ein leerer Tisch, ein leerer Kasten, ein leeres Bett, eine leere Wiege, und hinter dem Ofen steht zitternd eine magere, weißhaarige Greisin, die bei meinem Anblick das Gesicht bekreuzt und tiefer in den dunklen Ofenwinkel zurückweicht. Und hinter dem Haus, in der warmen Mittagssonne und unter blühenden Obstbäumen, finde ich junge Offiziere, die sich über Landkarten beugen und messen, Offiziere, die hastige Notizen in ihre Dienstbücher schreiben, und Offiziere, die beim Abhang des Hügels auf dem Bauch liegen und mit den Gläsern in die qualmende Ferne spähen.

   Da drunten liegt ein meilenbreites, sanft gehügeltes Tal mit grünen und schwarzen Wäldchen, mit Saatfeldern und Brachäckern, mit Straßen und Hohlwegen, mit Strom und Bächen, mit Dörfern und Meierhöfen, mit Fabriken und Schlösschen, mit Gebäuden, bei denen man an Klöster denkt, und mit dem fernen großen Häuserblock und den spitzen Türmen von Tarnow. Und überall dampft es, Wälder und Häuser brennen; und sieben mächtige schwarze Rauchsäulen qualmen schräg über Felder und Gehölze hin, als stünden da drunten sieben Altäre von Abels bösem Bruder, dessen Opferrauch nicht senkrecht emporsteigen will zum blauen Schemel des Ewigen. Und immer ist da drunten ein Geprassel und ein Knatterlärm, wie wenn man tausend Teppiche und Polstermöbel klopfte. Granaten schlagen ein, die Schuttfontänen spritzen auf, und die vielen Schrapnellwolken, die scharenweise herausdampfen aus den österreichischen Geschossen, hängen über den Wäldern wie eine Volksversammlung von grauen Himmelsschäfchen mit rötlichen Bäuchen. Und über allem funkelt und lacht und schimmert die Frühlingssonne, und das ganze meilenweite Tal ist weiß gesprenkelt mit den Schneeballen der verschwenderischen Obstblüte.

   Beim ersten Niederschauen in die Tiefe gewahre ich keine Spur von menschlichem Leben. Doch als ich ausgestreckt auf dem Rasen liege und mit aufgestützten Armen das Fernglas ruhig zu halten vermag, beginne ich zu sehen: Winzige Figürchen, Hunderte, Tausende! In jedem Hohlweg und bei jeder guten Deckung stehen wartende Kavalleristenschwärme, die Reiter neben den Gäulen; plötzlich bewegen sie sich schnell und sind verschwunden und tauchen einige Minuten später bei einer anderen Deckung wieder auf, ein paar hundert Schritte näher gegen Tarnow hin. Und mir zur Rechten, auf dem steilen, gelben Lehmhang eines Hügels, liegt ein Bataillon der Kaiserjäger und gleicht einer graublauen Käferwolke, die in der Sonne schimmert und blitzt. Wie dem Wink einer unsichtbaren Hand gehorchend, schwärmen sie plötzlich auf und flattern über den Hügelkamm hinüber und verbergen sich. Und noch weiter zur Rechten, fern und immer ferner, auf jeder Straße, die herauskommt aus dem eroberten Höhenwal, sind lange, lange Staubwolken zu gewahren, die vorwärts kriechen; sie haben einen dunklen Kern, der aussieht wie ein dünner, fast endlos geschlängelter Wurm. Das sind die Regimenter und Bataillone der Unseren, die aus dem Wald vorstoßen, hinter dem weichenden Feind her. Und wo diese Straßen für die auf den Berghöhen jenseits der Biala versteckten Batterien der Russen sichtig werden, scheint jede von den graublauen Herrschlangen plötzlich ihren festen Leib zu verlieren und wirft ihre kribbelnden Tausendfüßchen zur Rechten und Linken in die grüne Saat hinaus. Das sind die Schwarmlinien, zu denen unsere Regimenter sich auflösen, um von Deckung zu Deckung vorzudringen. Nun sind sie verschwunden, alle, stundenlang ist nichts mehr von ihnen zu entdecken – und wo sie sind, das verraten nur zuweilen die grauen Himmelschäfchen, die keine rötliche Unterseite haben: Die Sprengwolken der russischen Schrapnelle. Manchmal kommen sie so hageldicht, dass mir eine schmerzende Sorge um die Unseren den Hals umklammert.

   Während die fleißigen Brüllstimmen unserer Geschütze sich noch immer vermehren, kommt es mir gegen die fünfte Nachmittagsstunde so vor, als würde von den feindlichen Donnermäulern eins um das andere stumm. Ist ihre Munition knapp geworden? Oder beginnen sie abzuziehen? Um zu retten, was noch zu retten ist? Nach dem Hall vermag ich nur noch vier russische Batteriestellungen zu unterscheiden – drei auf den Höhen über der Biala drüben und eine schwere Haubitzenbatterie. Die muss da drunten bei Tarnow stehen, in einem schwarzen Fichtenwäldchen. Und hart bedrängt sie die Unseren! Immer späh’ ich mit dem Glas zu diesem verfluchten Waldfleck hin, immer den Wunsch im Herzen: Könnt’ ich nur da drunten die Erde auseinander reißen und alles verschwinden lassen, was sie trägt! – Geschehen Wunder? Werden heiße Wünsche zu brennenden Taten? Ein großer Zarathustra des Krieges, unser Zweiundvierziger, sprach! Und da drunten steht eine grauenvolle, doppeltkirchturmhohe Qualmpinie, und aufzüngelnde Flammen fressen das schwarze Wäldchen und die Häuser, die in ihm stehen. Ich sehe mit dem Glas, wie ein Schwarm von weißen Haustauben den Rauchbaum umflattert, sehe braune Mannsfigürchen über eine Wiese flüchten, sehe fünf Reiter gegen Tarnow rasen, sehe hinter drei oder vier galoppierenden Rosspaaren etwas Schweres davonhüpfen, von Rauch umwirbelt, von Staub umschleiert – es muss eine Haubitze sein, die aus dem brennenden Wald noch zu retten war. Sie verschwindet hinter Stauden, aber noch lange seh’ ich die Staubwolke. Und etwas anderes gewahr’ ich in der Ferne: Eine lange Wallfahrt von schwarzbraunen Käfern. sie kriechen langsam, einer vom anderen durch einen Zwischenraum getrennt – ein Bataillon von Russen, die gebückt durch einen Hohlweg schleichen, um die schwache Besatzung eines Schützengrabens zu verstärken. Einen um den anderen seh’ ich in den Graben hineinhüpfen, immer redet mein heißer Wunsch, der große Zarathustra schweigt, doch zwei oder drei Waldbatterien der Unseren beginnen den russischen Graben zu überschütten mit rotbäuchigen Himmelsschäfchen. Und alles im weiten Tal fängt zu glühen und zu leuchten an und wickelt sich in den Purpur des wundervollen Abends.

   Ein Krachen und Klatschen. Unsere Höhe wird grob beschossen. Wir müssen in den Wald zurück und sind wieder mitten im Lärmgewoge des rastlos zuströmenden Nachschubes. Überall Soldatenschwärme. Schwere Mörser kommen angefahren. Rastende Pferde, die der heiße Tag hungrig machte, knabbern von den grünen zweigen und fressen das Stroh, auf dem vor vierundzwanzig Stunden noch die Russen lagen. Zwischen den Frühlingsbäumen, unter den letzten Glutlichtern des Abends, rastet ein ungarisches Regiment. Es sind die siebenbürgischen Szekler, prachtvolle Gestalten, feste Kerle mit schwarzbraunen Gesichtern und klaren Blitzaugen. Sie sitzen dicht aneinander geschart, und einer erzählt mit heller Stimme, die anderen lauschen freudig und lachen immer in lustigen Salven auf. Zwei Granaten sausen in den Wald herein, ihr spritzendes Flammenspiel ist in der Dämmerung hell zu sehen, und die lustigen Ungarn lachen unbändig über diesen russischen Witz.

   Grauer und grauer wird der Abend. Im Quartier erwartet uns ein Feuerwerk herrlicher Nachrichten. Überall Sieg! Überall Vorwärtsstürmen und Landgewinn! Und Scharen von Gefangenen! Und überall treues und herrliches Zusammenwirken er Graublauen und der Feldgrauen! Ein Wunderfrühling unseres Willens zum Sieg und unserer vereinten Kraft! In dieser trunkenen Heimatfreude wird uns die kurze Mainacht zu einer Sache von unerträglicher Länge. Immer wieder und wieder rappelt man sich aus dem Schlafsack heraus und lauscht auf das ferne Dröhnen und späht, ob die Sonne nicht kommen will. Endlich schimmert sie. Und nun wieder hinaus!

   Ein dumpfes Donnerbrüllen geht ohne Unterlass über ferne Weiten hin. Und rings um Tarnow scheint die Kanonade noch schwerer und stimmreicher zu sein, als sie am verwichenen Tag war. Haben die Russen neue Geschütze herbeigeführt? Zu einer letzten verzweifelten Gegenwehr? Aber auch die Donnerstimmen der Unseren sind vermehrt, die großen Mörser brüllen. Und wieder schau’ ich von blühender Höhe über das rauchende, qualmende, knatternde, tackende Tal hinaus, das unter einem wundersamen Sonnenträumen des Morgens liegt. Beim Schauen fliegen mir die Stunden hin, ich weiß nicht wie. Schon wieder ist’s Mittag geworden. Aber die Hügelkämme fährt in der Sonne ein fester Wind und treibt den Regen der weißen Blütenflocken. Und eine heiße, wilde, wachsende Freude ist in mir. Wohin ich schaue, seh’ ich das kraftvolle Vorwärtsschreiten unseres Sieges. Zur Rechten, über der Biala drüben, sind schon die Höhen genommen, auf denen gestern am Abend noch die Russen waren. Und von da droben ziehen sich lange, lückenlose, graublaue Linien und Bänder in das Tal herunter, an den Waldsäumen und an den Rainwällen der Felder entlang: Die gegen Tarnow drängende Schwarmkette der Unseren, der Landstürmer und Tiroler. Die eiserne Schlinge, die um Tarnow gelegt ist, zieht sich immer enger und fester zusammen. Immer weiter, immer kühner dringen die Unseren vor. Lanzenförmig stoßen sie aus den kleinen Wäldchen heraus und huschen über die Äcker, werden beschossen, sind umwirbelt von den kleinen Staubwölkchen des russischen Kugelschlages – Herrgott, beschütze sie! – auf einem Brachfeld werfen sie sich hin, liegen da wie ein graublauer Schimmerstrich, sind noch eine Weile zu sehen, verschwinden langsam und sind versunken, schon eingegraben und gesichert, zweihundert Meter von der letzten feindlichen Stellung entfernt. Eine Sorge ist beschwichtigt in mir, hundert andere werden lebendig. Überall, wohin ich schaue, ist die grüne Saat überhüpft von diesen flinken, zierlichen, graublauen Figürchen. Aus Gräben und Deckungen springen sie heraus, rennen mutig über ungedeckte Stellen, immer verfolgt von diesen Staubpuffern, und verschwinden wieder in einem Graben. Nicht alle erreichen die Deckung. Einen seh’ ich stürzen, er rührt sich nimmer, doch seine Mütze rollt noch weiter wie ein rasches winziges Tierchen. Und viele seh’ ich liegen, viele, ach, so viele, hier und dort, im Grün und auf brachen Äckern und im Schatten der blühenden Bäume! Gott mit ihnen! In der Maienstunde des Sieges starben sie schön und stolz für die Heimat. Ihr Millionen zu Hause, grabt ihre Namen in Stein und Erz und grabt sie noch tiefer in eure Herzen ein! Sie starben für euch! Lasst ihre Frauen und Kinder nicht darben, die weinen müssen um eurer Freude willen!

   Nicht alle, die liegen, haben geschlossene Augen. Manche bewegen sich noch. Und schon ist die Hilfe da! Tapfere Bahrenträger, heilige Helden der Menschenliebe, schreiten unter dem Pfeifen der russischen Kugeln aufrecht über das blutgetränkte Feld und beugen sich nieder und helfen und tragen, retten jeden noch glimmenden Lebensfunken.

   Ich sehe nimmer. Alles schwimmt mir unter Schleiern. Neben einem blühenden Birnbaum sitze ich, die zitternden Hände auf dem Rasen, ein Spott meiner alten, waffenlosen Jahre, geschüttelt von meinem Schmerz, in jedem Blutstropfen durchglüht von der Größe dieser Stunden.

   Das Dröhnen der Lüfte, das mich im Glanz des Abends umgibt, ist wie ein klingendes Gewölbe, immer das Tacken und Knattern, immer das Rauschen und Gerassel, stärker als je in diesen brüllenden Frühlingstagen! Etwas machtvoll Erhöhtes, etwas heiß Pulsierendes ist in allen Stimmen der Schlacht. Jede Weite des Tales dampft und raucht im roten Goldschimmer der niedertauchenden Sonne, die sich nach Westen neigt, dorthin, wo unsere Heimat ist.

   Und fern bei Tarnow, wo die deckenden Stauden der Auen enden? Dieser große bräunliche Klumpen, der so rasch gegen Osten drängt, auseinander fährt zu vielen kleinen Gestalten und sich wieder zusammen knäult wie eine erschrockene Schafherde im Hagelsturm? Was ist das? – Russen! Fliehende Russen! Viele Hunderte! Etwas Komisches redet aus ihrem hastigen Gewimmel. Sie scheinen ungeduldig zu sein und wollen das Letzte nimmer erwarten! – Und über der Biala drüben? Dort! Auf den Höhen, auf welchen die vielen Straßen gegen Osten führen? Was geschieht da drüben? Was verbirgt sich unter dem vorwärts schießenden Staubgewoge? – Durch das Glas erkenne ich rasende Kraftwagen, erkenne eine davonjagende Batterie, erkenne hetzende Reiterschwärme, Schwadronen fliehender Kosaken…

   Sieg! – Ein Wort, so schön, wie das Leuchten des Abends!

   Die schimmernde Sonne ist anzusehen, als wäre sie ein von brennender Liebe heiß geküsster Frauenmund. Nun will sie ruhen und legt sich schlafen, mit einem großen, herrlichen Feuerlachen.

   Sieg! Sieg! Und die blühende Nacht vollendet ihn. Dann kommt ein Morgen in Duft und Glanz, still und weihevoll. Kein Dröhnen und Knattern mehr. Kein Schuss in der weiten Runde. Nur dieses Dampfen und Qualmen noch. Und überall ein beschwingtes rhythmisches Rauschen: Der über das ganze Tal, über alle Straßen und Wege verteilte Lärm von nachrückenden Heerzügen, die dem fliehenden Feind auf den Fersen bleiben. Wohin ich schaue, sind herrliche Bilder von funkelnder Farbenfülle, und alle durchwirbelt von heiterem Leben. Sogar die Müdigkeit, die ich sehe, hat noch ein Lachen. Und das Schönste gewahr’ ich im Tal der Biala. Hier haben die fliehenden Russen alle Brücken weg gebrannt, und nun sausen Geschütze, Feldküchen und Munitionsprotzen über den Damm hinunter, durch das spritzende Wasser und drüben wieder hinauf über den steilen Hang. Die braven Rösslein zittern und schwitzen und triefen von Nässe und Schaum, aber sie ziehen und keuchen, und ist das Hindernis überwunden, so wiehern sie laut. Die Pioniere springen und zimmern und hämmern. Ein Notsteg wird gebaut. In der Morgensonne rastet ein Bataillon der Kaiserjäger. Eine Ziehharmonika dudelt, und unter dem Gelächter der anderen Schuhplatteln zwei graublaue Tiroler auf dem Buckel. Ihre Gesichter glitzern von Schweiß, und so jauchzen und springen sie wie glückselige Narren. Ach, du herrliches Volk! Und deine tiefste Weisheit ist es, dass du immer Kind bleibst.

   Vorüber an zerstampften Saaten, am Schutt zerschossener Häuser, an verkohltem Gebälk, an Granatentrichtern, an Verwüstung, an Wunden und Tod! Doch alle Lebenden lachen, alle Lebenden grüßen und winken. Und dann ein Bild, das ich im Leben nimmer vergessen werde!

   Wer hat schon eine Stadt gesehen, deren tausend Menschen keinen Tropfen Wein genossen und dennoch wie Berauschte sind?

   Ein flutendes Gewimmel. Grüne Triumphbogen sind errichtet, so schön, wie sie werden können in drei, vier Stunden. In allen Straßen von Tarnow wehen die Fahnen, österreichische und deutsche, ungarische und galizische. Ein trunkenes Jubelgeschrei, ein Gewirr jauchzender Stimmen. Wie helle Raketen schwirren aus dem Lautgewoge immer die zwei gleichen Worte heraus: „Franz Joseph! Franz Joseph!“ Dieses Wort begleitet einen Zug von preußischen Husaren, die durch die Straße heraufrasseln und wieder verschwinden. Immer dieses Menschengedränge hin und her, Christen und Juden, Greise und Kinder, Frauen, Mädchen und Blumen! Überall Blumen, Apfelblüten und blühende Birnbaumzweige, überall brennende Stirnen und schimmernde Augen – und dazwischen manchmal ein blasses Gesicht mit den scheuen Zeichen der Schuld und Angst. Jetzt eine tosende Jubelwoge. Die Kaiserjäger kommen. Ein Blumenstreuen, ein Händewinken, ein Küssewerfen. Einer von den Hochlandsbuben packt das netteste Mädel um den Hals und drückt ihm unter dem heiteren Lachen von tausend Menschen das Siegerbussel auf den roten Schnabel. Nun funkelt ein Reiterschwarm. Stille über den vielen Köpfen. Eine lange polnische Rede und eine kurze deutsche. Von den siegreichen Führern einer, General Fabini, der Divisionär der Blumenteufel, antwortet mit zwanzig festen soldatischen Worten und bringt das Hoch auf seinen kaiserlichen Herrn aus. Ein Jubel wie brausender Frühlingssturm. Und der klirrende Schwarm der Reiter funkelt in der Sonne davon, den Straßen entgegen, auf denen die Russen entflohen sind.

   Kein Aufwand, keine Rast, kein Bissen und kein Trunk. Hinter dem Feind her! Ich sehe das mit Freude und weiß: Der Frühlingssieg dieser blühenden Maitage wird ein Vater von sprossenden Söhnen sein!

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