Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

6.

5. Mai 1915              

   Sieg! Sieg! Überall dieses herrliche Wort! Auf allen Lippen ist es, leuchtet in allen Augen und schimmert in jedem Herzen! Im Glanz der Sonne lacht es, duftet von allen blühenden Bäumen und flattert im reinen Blau der Lüfte.

   Wie die Schwärme von Frühlingsschwalben schwirren Stunde um Stunde bis zum Morgen des 4. Mai von allen blutgetränkten Feldern des weiten Kampfbodens die frohen Botschaften des Erfolges her. Von Opatowiec bis hinauf zum Duklapass ist die russische Front zerschlagen. Bei Demblin haben die Brünner den Dunajec überschritten und sind bis Zelicho vorgedrungen. Die deutsche Reserve warf bei Radlow den Feind aus seinen Gräben und drängte ihn über den Strom zurück. Oberhalb Janowice haben die Kaiserjäger mit dem Tiroler Landsturm alle russischen Höhenstellungen gestürmt, die uneinnehmbar schienen. Die mährisch-schlesischen Landstürmer und die Oberösterreicher nahmen Tuchow und drangen bis zur Biala vor. Auf schwierigem Boden eroberte eine österreichische Division die Bizankahöhe. Deutsche erstürmten mit unwiderstehlichem Vorstoß die Bergkämme von Olszyny und Rosenbark. Die Ungarn und die Krakauer gewannen das Gelände bis Biecz. Deutsche erzwangen den Besitz von Gorlice und kamen bis zu den Karpatenhöhen zwischen Libusza und Birchne, während anschließend die Armee Boroevic bereits in Bewegung ist gegen Dukla! Kein Schatten in dieser Frühlingssonne des Erfolges! Alles ist leuchtender Sieg, und in allem blühen noch größere Verheißungen!

   Ich kann nicht schildern, was in mir jubelt und zittert, da ich im frühen Morgenschimmer des 4. Mai dem Boden des ruhmvollen Sieges entgegenfahre. Die Fülle der Bilder, die an mir vorüber gleiten, ist so mannigfach, dass ich nicht alles zu erfassen, nicht alles festzuhalten vermag. Ich kann nicht sichten, gruppieren und künstlerisch gestalten, nur wahllos zugreifen und packen, was mir aus rauschendem Wechsel am schärfsten in die Augen springt.

   In allen Menschen, ob sie den Soldatenrock oder den Bürgerkittel tragen, in allem Leben, in aller Bewegung, in allen Bildern ist etwas Erhöhtes und Freudiges. Doch alle Formen sind verschwommen, alles auf der lärmenden Straße ist umflattert von Staubgewoge, das jeden Körper zu schemenhafter Gestalt verwandelt, jede Farbe grau überschleiert.

   Eine lange Reihe von Wagen des Roten Kreuzes fährt langsam die Straße her, die Fenster dicht verschlossen mit Vorhängen von Segeltuch. Dann kommt eine hundertköpfige Kolonne von Leichtverwundeten zu Fuß, alle schon verbunden und betreut, unser Auto muss halten, um den Staub nicht zu vermehren – und da schreiten sie vorüber, haben ruhige, glänzende Augen, viele schwatzen, manche singen und mancher hat das qualmende Pfeiflein zwischen den Zähnen. Die braven, tapferen Kerle!

   Jetzt rattert eine Reihe von kleinen offenen Wägelchen vorbei; auf jedem kauert und wackelt ein Klumpen von verwundeten Russen mit weißen Verbänden an Händen, Armen und Köpfen. Im Straßengraben sitzen acht gefangene Offiziere und rasten und rauchen Zigaretten, während der Kaiserjäger, der sie bewachen muss, ein bisschen gähnt. Wieder eine Marschgruppe der Unseren. Die scheinen von weit zu kommen, sind müde, haben übernächtigte Gesichter und das Gehen wird ihnen sauer. Jetzt eine lange, lange Wallfahrt von Gefangenen. Ein paar Tausend sind es, alle gut gewachsen, gut genährt, gut gekleidet, mit festen Mänteln und soliden Stiefeln, mit Schirmmützen oder Pelzkappen; alle sind in bester Laune und viele grüßen freundlich. Die wissen wohl schon, dass sie als Gefangene nicht erschossen werden, wie es ihnen von ihren Offizieren prophezeit wurde, sondern dass man sie in der Gefangenschaft nur von den Läusen und ein paar anderen Unerquicklichkeiten erlöst. Sieht man diese stattlichen, gut equipierten Menschen an, so beginnt man an der berühmten „Misswirtschaft“ im russischen Heere gründlich zu zweifeln und kommt zu der Einsicht, dass die französischen Milliarden in Russland nicht übel verwendet wurden. Aber auch das gibt zu denken: Dass so viele Tausende von gesunden Mannsleuten die Waffen wegwerfen und die Hände hochheben. Für Väterchen Zar zu sterben, erscheint ihnen nicht als das süßeste von allen Dingen.

   Wir überholen eine rasselnde Pontonkolonne und kommen zu einem einsam an der Straße liegenden Wirtshäusel, bei dem ein Bataillon Unterstützungstruppen rastet. Hier sieht es so lustig aus wie beim Heurigen. Auch die Ziehharmonika fehlt nicht.

   Dann geht es über eine Bergstraße empor, vorüber an Herden von Schlachtvieh, an Stationen des Roten Kreuzes, an endlosen Proviant- und Munitionskolonnen, von denen jede auf das Vorrücken der anderen wartet. Die Hauptstraße und alle Nebenwege sind dicht erfüllt von diesem in Ordnung sich vollziehenden Nachschub des voraus gerückten Heeres, das dem flüchtenden Feind heiß auf den Fersen bleibt. Ulanen und Husaren traben über die grünen Hügel, um schneller vorwärts zu kommen und die Straße nicht zu verstopfen. Motormörser werden abgebaut und verladen, fahrende Feldküchen dampfen, Geschütze kommen mit galoppierenden Pferden über die Straße heraufgerasselt, und häufig seh’ ich Kanoniere, die schlafend über die hüpfenden Geschützrohre hingesunken liegen. Auch überall in den Straßengräben, in den wiesen und Feldern liegen Soldaten und schlummern in ihrer Müdigkeit so fest, dass auch der Höllenlärm dieser Heerwoge sie nicht zu wecken vermag.

   Wieder, wieder und wieder ein Zug von Gefangenen. Dann eine Reihe von mächtigen Eisenkähnen, bestimmt zum Übergang über die Biala. Und jetzt der blühende Tod! Viele junge Gräber mit frischen Holzkreuzen; auch Gräber, die noch offen stehen; alles umringt von blühenden Stauden und blühenden Obstbäumen, deren weißer Blütenregen über die neuen Hügelchen hinfällt und auch hinunterweht in die noch offenen Gruben. Der lachende Frühling steht mit ausgebreiteten Armen in der Sonne und sagt: „Kommet zu mir, ihr tapferen Schläfer, ich will euch schmücken!“

   Immer dröhnen und brüllen die vielen Batterien, denen wir schon nahe sind. Gestern am Abend standen sie noch vier Kilometer westlich vom Dunajec; nun stehen sie sechs Kilometer östlich des Stromes, an dem die Frühlingsschlacht begann, und feuern hinter den auskneifenden Russen her. Und in weiter Ferne wieder das Knattern und Tacken, bei Tarnow drunten und auf den Uferhöhen der Biala.

   Jetzt kommen wir zu den Schützengräben der Unseren. Zwischen grünen Saaten und blühenden Bäumen liegen sie still und verlassen da, eine zwecklos gewordene Sache. Aber man freut sich doch darüber, wie fest und sauber sie gebaut sind, wie sicher umwickelt mit Drahthindernissen und noch geschützt durch doppelte Dornverhaue!

   Enger und dichter schiebt sich auf der Straße das Gewirre der Kolonnen, der Batterien und marschierenden Züge ineinander. Und dennoch kein Stocken und Verstopfen. Alles flutet in Ordnung aneinander vorüber, immer vorwärts, vorwärts, vorwärts. Ohne Geschrei und ohne Geschimpfe. Die verlästerte österreichische Gemütlichkeit hat auch ihre guten Seiten. Man kann dem festen, regelmäßigen Vorwärtsstreben dieses gewaltigen Heerzuges die Bewunderung nicht versagen. Die unsichtbare Hand, die ihn bewegt und leitet, muss sich auf sichere Griffe verstehen und Stahl in den Nerven haben. – Bei diesem Gedanken taucht in mir das Bild eines schlanken, elastisch gegliederten Mannes auf, den ich am ersten Tag meiner Frontreise im österreichisch-ungarischen Hauptquartier kennen lernte. Ich war überrascht durch den Anblick dieser grazilen Erscheinung. Und gleich fesselte mich der scharf geschnittene Kopf, bei dem man halb an einen Gelehrten, halb an einen Künstler denken und doch immer ganz an einen Mann und Soldaten glauben muss. Spricht er, so sitzt jedes Wort wie ein Hammerschlag, der den Kopf des Nagels trifft. Jede Frage findet eine klare Antwort, die von Zweifeln befreit und Überzeugungen aufrichtet. Dazu im persönlichen Wesen ein Mensch, der rasch das Gefühl der Fremde durch seine gerade Natürlichkeit beseitigt und gläubiges Vertrauen wachruft. So ist der Mann, an dessen stählerne Hand ich bei der Ordnung alles soldatischen Bilderwirbels auf der Bergstraße von Lubinka denken muss: Der Freiherr Conrad von Hötzendorf, der Chef des österreichisch-ungarischen Generalstabes. –

   Wir haben die Höhe des Berges erreicht. Zur Rechten und Linken ziehen sich die stark befestigten Schanzen und Grabenstellungen hin, aus denen die Russen in der verwichenen Nacht von den mit Todesverachtung stürmenden Kaiserjägern vertrieben wurden. Vor allem wird mein Auge da gebannt durch ein Lagerbild, wie es noch kein Theaterregisseur, auch nicht der genialste, auf der Bühne fertig brachte. Die ganze Straße, die sich hineinzieht in einen mit lichten, winzigen Blattherzen ergrünenden Buchenwald, ist in der Sonne ein unsagbares Funkelgewirre von Farben, Köpfen, Gestalten, Rossen, Wagen und Geschützen. Und auf der Bergplatte steht ein Holzkreuz, durchbohrt von Schüssen und angerissen von Granatensplittern. Rings um dieses vom Krieg misshandelte Zeichen der Liebe herum, weithin zur Linken und zur Rechten, lagert ein ungarisches Honvedregiment. Die drei oder vier Tausend Graublauen, Schulter an Schulter liegend und Kopf an Fuß, sind ein einziger wundervoller riesiger Farbenfleck, gesprenkelt mit dem glänzenden Braun der ruhigen Gesichter und der beweglichen Hände. Die Leute sitzen oder haben sich ausgestreckt, essen aus der Faust, kramen im Tornister, schlucken aus der Feldflasche, kritzeln Feldpostkarten auf den Knien, sonnen die entblößten Füße, von denen sie die Stiefel und Lappen herunterzogen, öffnen die Röcke und machen die Brüste nackt, trocknen den Schweiß und schwatzen und lachen und haben eine glänzende Freude in den Augen. Dragoner und Husaren traben vorüber, immer schieben sich die Kolonnenzüge hin und her – und nicht weit von diesem quirlenden Bild des Soldatenlebens, auf einem einsamen Flecklein Erde, im Schatten der verkohlten Reste eines niedergebrannten Hauses, steht ein reiterloses Pferd, hat den Hals gesenkt, hat weit geöffnete Augen und schnuppert immer an einer steif und unbeweglich liegenden, mit einem Mantel bedeckten Mannsgestalt, die zu schlafen scheint und doch nicht schlummert. Und überall der grüne Frühling, überall die blühenden Bäume, hinter denen Verwüstung und Tod sich verbergen. Immer dröhnen und brüllen die nahen Geschütze, deren Stellungen versteckt im maienden Gehölz liegen. Und manchmal fällt eine russische Granate, fällt auf zwanzig Schritte neben der Straße in den Wald hinein, und niemand kümmert sich darum.

   Auf beiden Seiten der Passhöhe ist ein Gewimmel von hin und her schreitenden Soldaten, die neugieriger als müde sind und den Schützengraben betrachten, aus dem die Russen vertrieben wurden. Ich gehe den gleichen Weg und sehe Bilder, die kein Künstler zu malen, keine Feder zu schildern vermag. Das sind Wirklichkeiten, so niederschmetternd und erhebend, so schrecklich und schön, dass keine Sprache diese Widersprüche zu bezwingen und dabei die Wirkung zu wiederholen vermag, die von ihrer Wahrheit ausströmt.

   Schon beim ersten Blick in den Schützengraben befällt mich eine tiefe Erregung. In einem Unterstand – es muss der Unterstand eines Offiziers gewesen sein – liegt ein zertretener und beschmutzter Wust von deutschen Postkarten und Briefen umher, die der Feind den Unseren abnahm, den Verwundeten, Gefallenen oder Gefangenen. Wie viel Liebe und Zärtlichkeit liegt da von russischen Stiefelsohlen hineingestampft in den blutigen Kot! Ich hebe so ein Blättchen auf. Es zeigt das Bild einer hübschen Frau mit zwei netten Kindern. Und klein gekritzelt steht da geschrieben: „Mein einzig geliebter Mann! Mit Freude habe ich Deine Karte erhalten. Gott sei Dank, dass es Dir gut geht! Halte Dich nur immer so brav, wie Du stets gewesen bist! Und ich bitte Dich, geliebter Mann, schau nur, dass Du nicht krank wirst. Es wäre schrecklich, wenn Du leiden müsstest, und ich könnte nicht bei Dir sein. Verzage nicht, mein Geleibter, ich bete ohne Unterlass für Dich! Auf Wiedersehen! Gute Nacht! Tausend Grüße und Busserln von mir und den Kindern!“ – Arme Frau! Arme Kinder! – Mir sind die Augen feucht, während ich nach ein paar anderen von diesen Blättern greife. Und da muss ich mich ärgern. Nur selten lese ich da ein tapferes, hilfreiches, aufrichtendes Wort, fast immer nur Sorge und Klage und Jammer! Und unter vier von diesen Briefen steht gleich lautend in dreien, dass man daheim um teures Geld kein Mehl mehr bekäme, und dass man einer „schrecklichen Hungersnot“ entgegen ginge! Das ist doch nicht wahr! Ist dummes Zeug! Wie kann man nur solch unüberlegtes Gerede an unsere Soldaten im Feld schreiben! Wenn die Braven, die unter Gefahr und Feuer stehen, solch verzagtes Gewimmer von denen hören, die sie lieb haben – ist es da ein Wunder, wenn auch mancher unter ihnen verzagt? Und darf man dann schelten darüber, wenn die feindlichen Offiziere – wie gestern ein russischer Gefangener aussagte – ihren Soldaten die Lüge predigen: „Nur ein paar Wochen müsst ihr noch aushalten! Bis in einem Monat sind Deutschland und Österreich und ihr Volk und Heer verhungert! – Ihr daheim! Bevor ihr ein Recht habt, von unseren Soldaten zu verlangen, dass sie um eures Lebens willen mutig sein und aufrecht bleiben sollen, müsst ihr selber aufrecht sein und den Mut in euch selbst erziehen! Schiebt alles Kleine und Kleinliche beiseite, seid so groß, wie ihr sein könnt, wenn ihr euch des eigenen Wertes besinnt! Schreibt an die Soldaten im Feld von eurer Zärtlichkeit und Liebe, aber schreibt nur aufrechte und helfende Worte, nur Worte des Mutes, Worte des Vertrauens, Worte des Glaubens an unseren Sieg! Die Brotkarte ist doch nur eine kluge Einrichtung, kein Schicksalsschlag! Und statt vor einer Hungersnot zu zittern, die gar nicht kommen wird, ist es doch wesentlich leichter, an einen Sieg zu glauben, der schon erfochten ist.

   Wo ich stehe, wo ich hinblicke, überall umgeben mich unübersehbar die Beweise dieses Sieges. Alle Drahthindernisse der Feinde sind zerrissen, zerfetzt und halb verschwunden. Jeder Unterschlupf der Russen ist auseinandergesprengt zu einem wüsten Gewirr von Holzsplittern und Schlamm, vernichtet und zerrupft vom sicher gezielten Geschützfeuer der Unseren. Riesenhafte Geschosstrichter sperren die braunen Erdmäuler auf, und von dem feindlichen Leben, das sie verschlangen, ragen noch Arme und Füße und verkrampfte Hände aus dem Geröll der Lehmbrocken. Hinter den zerschlagenen und erstürmten Wällen liegt eine Unmenge von Gerät, von Munition und Handgranaten, von Gewehren und Kleidungsstücken; Mäntel und Röcke sieht man, rote Hemden, Stiefel und Gamaschen, ein blaues Hemd, ein violettes mit blutfarbenen Korallenknöpfen.

   Die Gefangenen sind schon fortgeführt, jeden Verwundeten hat man schon seit dem Morgen davongetragen. Nur die vielen Toten liegen noch umher, überall durch den Graben hin, in grauenvollen Stellungen, mit roten Gesichtern, die als Gesichter nicht mehr zu erkennen sind, oder mit aschfarbenem Antlitz, das umkrustet ist von einem Gemenge aus Staub und Erde. Und das Bild dieses russischen Todes, das gleiche Bild, wie ich es vor mir sehe über hundert Schritte, reicht in dieser Stunde hundert oder hundertfünfzig Kilometer weit gegen Norden und Süden, stromab und stromauf, über den ganzen langen, von den Unseren sieghaft zerbrochenen Frontwall der Feinde!

   Ein quälendes Erbarmen ist in mir. Die da liegen, sind keine Feinde mehr; der Tod hat ihnen den Frieden gepredigt, sie sind bekehrt und wollen uns nimmer schaden. Ich schließe die Augen, ich kann diese Bilder des Grauens nimmer betrachten, verlasse den Graben, steige hinaus auf das grüne Frühlingsfeld – und stehe vor einem Bild, das noch härter ist. Da liegen sie – die Unseren! Die Graublauen im jungen Grün! Die Tapferen, die in der Stunde des Sieges für unsere Heimat und für unser Leben die Augen schlossen! Für uns! Ihr Millionen daheim, brennt diese beiden Worte mit der Glut des Dankes in eure Herzen ein: „Für uns!“

   Viele, viele sind es, die da schlafen im Frühling! Auf dem offenen Saatfeld liegen sie alle mit den Köpfen und Gesichtern gegen den russischen Graben hin, von der Wucht des kühnen Ansturmes auch im Sterben noch gegen den Feind geschleudert. Wie schrecklich und wie schön ist dieses Bild! Und dort? Diese graublaue Perlenschnur der Tapferkeit! Am gelben Wallstrich einer Schwarmlinie liegt und kniet und kauert einer neben dem andern, Schulter an Schulter, treu aneinander gekettet, so, wie sie es waren in Kampf und Leben. Mancher, mit dem Schuss in der Stirne, liegt noch wie ein Schütz, der schießen will und das Gewehr im Anschlag hat. Andere haben sich nieder geduckt im ersten Schmerz, und so blieben sie. Nur wenige ruhen ausgestreckt wie Tote, fast alle sehen aus, als wäre noch Atem in ihnen.

   Diese sonnverbrannten Gesichter sind anders als die Mienen der toten Russen, die ich sah. Die waren verzerrt, entstellt und verwüstet. In den Gesichtern der für ihre Heimat gefallenen Kaiserjäger und Landesschützen ist eine stille, zufriedene Ruhe, fast ein Lächeln. Und einen seh’ ich, dessen Anblick so schön, wie ergreifend und rührend ist. Ein junger hübscher Mensch. Sein Antlitz und das graublaue Soldatentuch schimmern von Sonne. Ein dünner Blutfaden sickert aus seinem Ohr. Und so sitzt er im Höhlchen des Lehmgrabens, wie ein freundlich träumender Schläfer, die Hand mit einer kindlichen Bewegung über das aufgezogene Knie gelegt, ähnlich den schlummernden Johannesgestalten, die wir kennen von alten Ölbergbildern einer Zeit, in der man auf goldene Hintergründe malte. – Dankbar beuge ich mich nieder, wickle mit zitternden Händen den noch gerollten Soldatenmantel auseinander und hülle ihn über Gesicht und Gestalt des lächelnden Schläfers. Soldaten, die umhergehen in meiner Nähe, gewahren, was ich tue. Sie kommen, sammeln die umher liegenden Mäntel und Wolldecken und breiten sie über die Körper und Köpfe der schlummernden Helden, damit sie nicht leiden müssten unter der heiß werdenden Frühlingssonne.

   Mehr mag ich nimmer sehen, wende mich ab und gehe, bis der nahe, von lichtem Grün umsponnene Buchenwald mich aufnimmt. Und da finde ich ein Bild, das mich erschüttert und dennoch tröstet, ein Stücklein Leben, das sich aus angstvollen Stunden hinüberretten möchte in einen besseren Tag. Fast sieht es aus, wie eine „Flucht nach Ägypten“. Es ist nur kein Vater Joseph da, der das rastende Eselein füttert, sondern ein zwölfjähriger Bub, der eine schwarz und weiß gefleckte Kuh festhält am Halfterstrick. Zwischen zwei großen, mit armen Habseligkeiten voll gepfropften Bündeln sitzt die junge, blasse Mutter im Wald und trägt den Säugling eingewickelt in das wollen Brusttuch. Und an die Mutter schmiegt sich noch ein hübsches, zweijähriges Mädelchen mit einem Gesichtel, essen Augen ängstlich blicken, weil die nahen Geschütze brüllen und immer wieder im Wald eine platzende Granate dröhnt. Ich spreche mit der Frau und kann die polnische Antwort nicht verstehen. Um das kleine Mädelchen aufzuheitern, schenke ich ihm eine Zweikronennote, nicht weil es Geld, nur weil es ein blaues Bildchen ist, wie Kinder es lieben. Und gleich vergisst das Mädelchen den ganzen furchtbaren Krieg und lacht und hat den Glanz einer kindlichen Freude in den Augen. An dieser Freude hab ich Teil. Ich höre die nahen Kanonen nimmer, denke nicht mehr an die vielen Toten, höre nimmer das Knattern und Tacken, das herauftönt aus dem rauchenden Tal von Tarnow. Ruhig schreite ich durch den grünen Frühlingswald und sehe immer zwei glänzende Kinderaugen und das lächelnde Bilderglück eines knospenden Lebens.

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