Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

5.

3. Mai 1915              

   Der 1. Mai hat eine Sonne gebracht, so heiß, als wäre schon Sommer geworden. Um die fünfte Nachmittagsstunde fahren wir dem Tal des Dunajec entgegen. Die Straße ist stiller als sonst. Keine Staubwolken. Man kann die Landschaft sehen, die verwandelt ist in ein weißes Wunder von blühenden Birnbäumen. Jedes polnische Dörflein sieht aus wie ein Märchengarten, und auf jeder Höhe, über die ein frischer Windhauch fährt, weht uns ein Regen von weißen Blütenflocken entgegen. Frohes Hoffen erfüllt mich, und immer muss ich an eine alte deutsche Sage denken: An den blühenden Birnbaum auf dem Walserfeld, an jenen Märchenbaum, dessen Maiblüte vor tausend Jahren den Sieg der gerechten deutschen Sache prophezeite.

   Wir halten beim Deckungswall der Motorbatterie. Die großen Geschütze sind verhüllt; aber die Kisten mit den Kartuschen stehen bereit, und in langen Reihen liegen die mächtigen Geschosse da. Auch sie erinnern mich an ein Sagenbild: An König Salomons versiegelte Stahlflaschen, aus denen, wenn das Siegel gelöst wurde, riesenhafte Geister hervorquollen, um Paläste durch die Luft zu entführen und für den Kundigen, der das Zauberwort zu sprechen wusste, eine treue Hilfe zu sein.

   Von einer Feldhöhe seh’ ich hinunter in das lange Tal des Dunajec und hinüber zu den Bergzügen, auf deren Kämmen die von Drahthindernissen umflochtenen und unbezwingbar erscheinenden Stellungen der Russen liegen. Alles flimmert da drüben vom Gold der Abendsonne. Zur Linken, in zart umdunsteter Ferne, blicken hinter einer langen Waldzunge die Türme von Tarnow heraus, das in den Händen der Russen ist. Ferne und Nähe glänzen und leuchten. Und da die Sonne hinunter sinken will, beginnen durch das ganze Tal die Fenster an allen Häusern und Hütten wie glühendes Blut zu brennen. Aus der weißen Blütenkugel eines Birnbaumes klingt der Schlag einer Amsel, und über den sprossenden Saaten liegt grüner Maifriede. Ein Bauer fährt mit seinen Ackerpferden heim, und eine Bäuerin, den Henkelkorb am Arme, geht langsam über den Feldweg.

   Tiefe Stille ist über allen schönen Dingen. Die goldrote Sonne taucht hinter einen Wolkenstreif hinunter, der sich graublau über den westlichen Himmel hinzieht. Nun ist sie verschwunden; doch alle Wolkenränder blitzen noch wie flüssiges Erz, kleine Wölklein sind verwandelt in schwimmende Feuergebilde, und hinter ihnen, aus den dunklen Nebelhüllen, brennt eine flammende Strahlenkrone durch die leuchtenden Lüfte empor. ähnlich dem Zauber eines Nordlichtes, nur noch schöner, noch leuchtender. So herrlich und heilig ist das anzusehen, dass man in Andacht empfindet: Hier hat der Himmel sich aufgetan, und ein Gottesgedanke strahlt über die Welt und ihre Völker aus.

   Da dröhnt von fern ein mächtiger Donnerton über die schwarzen Wälder her – der Schuss eines Zweiundvierzigers. Ein dumpfes Rauschen in der Luft. Fast eine Minute währt es. Dann wächst hinter der langen Waldzunge, dort, wo Tarnow liegt, etwas Furchtbares gegen den schimmernden Abendhimmel empor. Wie eine riesenhafte schwarze Pinie ist es anzusehen, gleich dem Ausbruch eines Vulkans, ist doppelt so hoch wie der Kirchturm von Tarnow und verweht wie der Staub eines Bergsturzes.

   War das ein Signal? Der Glockenschlag für den Anfang eines großen Welttheaters?

   Bevor noch der Hall der Explosion über das Tal des Dunajec zu uns herüberdonnert und das Echo erlöschen kann, hört man gegen Norden und Süden die Brüllstimmen vieler Geschütze, manche so fern in den von Dunst umwobenen Karpatentälern, dass ihr gedämpftes Dröhnen ineinander rollt zu einem ununterbrochenen Murren.

   So begann die Frühlingsschlacht an den Ufern des Dunajec. Und sie begann mit einem Himmelszeichen, so seltsam und feierlich, dass ich es in Freude als ein Glück verheißendes Omen empfinden musste. Die Sonne, die schon völlig hinter der blaugrauen Wolkenwand verschwunden war, taucht nahe dem Horizont noch einmal ganz und frei heraus, ein großer Glutball, funkelnd wie ein Taubenblutrubin, im Glanz durch die Nebelschleier des Westens so gemildert, dass man in dem tiefen Rot mit freiem Auge drei kreisrunde Sonneflecken unterscheiden kann. Mit dem Glas vermag ich sieben zu erkennen. Drei und sieben: Zwei heilige Glückszahlen! Fünf von diesen Schattenpunkten in der Sonne, ein großer und vier kleine, waren zu einer geraden Linie gereiht und zwei waren nach links voraus geschoben, so, wie tapfere Erkunder einer Schwarmlinie voraneilen, in deren Mitte der Führer steht. Ich bin kein Astronom und weiß nicht, ob meine Augen das Opfer einer Täuschung wurden, oder ob man wirklich in der siebenten Abendstunde des 1. Mai diese sieben Schwarzgestalten in der glühenden Sonne zu sehen vermochte. Ich weiß nur, dass ich in dieser Stunde etwas gesehen habe, was ich noch niemals in meinem Leben sah, und dass es mit seiner wundersamen und geheimnisvollen Schönheit in der Stunde des Kampfbeginnes auf mich wirkte wie ein heiliges Zeichen, wie eine Siegesverkündigung. Eine gläubige Erregung war in mir und jubelte: „Glück über dem schönen Land, auf dessen Boden ich stehe!“

   Den ganzen Abend blieb ich in einer traumhaft heiteren Stimmung. Und als die Vollmondnacht ihren silbernen Schleier wob und unter dem fernen Kanonenmurren zahlreiche Frösche in den Sümpfen von Debno zu unken begannen, dachte ich nicht an Todesstimmen, nur an den prophetischen Gesang von Geistern, welche hilfreich sind.

   Der weitere Verlauf der Nacht verlor ein bisschen an Poesie. Wir schliefen, ein halbes Dutzend, und Strohsäcken in einem säuerlichen Raum. Unsere Herberge war ein altpolnisches Schlösschen, ein Bau in venezianischer Renaissance, ganz reizend, aber schauerlich verwahrlost. Mit Entzücken begrüßte ich das Morgengrau, bei dessen erstem Schimmer man sich ins Freie retten konnte, ohne in den Verdacht der Neurasthenie zu geraten.

   Ein reiner, stiller und kühler Morgen, erfüllt vom zarten Duft der vielen blühenden Obstbäume. Alle Gärten, alle Hügelhänge und Straßen sind weiß von dieser Überfülle des Blühens. Und ein Specht, der von einer Schneekrone zur anderen flattert, schreit mit heller und starker Stimme: Ui ui ui ui! Am Himmel, in der Richtung gegen die Heimat, stehen phantastische Wolkenbildungen, die immer dünner werden und sich auflösen in blaue Luft. Über dem westlichen Horizont hängt noch, wie mit Milch gemalt, der etwas angeknusperte Vollmond, während im Osten, hinter Tarnow, schon die goldschöne Sonne des 2. Mai heraufsteigt. Alles beginnt zu glänzen und zu funkeln. Und der frühe Morgen bringt schone ein herrliche Nachricht: Zehn Bataillone der 4. Armee – Kaiserjäger, Ungarn und Tiroler Landsturm – haben in der Nacht den Dunajec glücklich überschritten, haben den ahnungslosen Feind überrascht, vier Geschütze erobert und viele Gefangene gemacht.

   Um halb fünf Uhr läutet der Zweiundvierziger mit gewaltigem Glockenschlag den Morgen und den Beginn des Kampfes ein. Viele Donnerstimmen fangen zu sprechen an, immer weiter und weiter gegen Süden hin. Ich zähle auf unserer Seite nach den verschiedenen Stimmen und Stellungen über vierhundert feuernde Geschütze, deren Batteriesalven oft ineinander rollen wie hurtiges Felsgepolter. Auch von drüben her, von der feindlichen Seite, beginnt die Antwort lebhaft zu werden, und der weite, blaue, sonnige Morgenhimmel ist durchwoben von den Kugelwolken der Schrapnellgeschosse und von wehendem Granatenrauch.

   Die Bauersleute auf den Feldern gucken mit verstörten Augen, alle Vögel flattern unruhig umher, nur die Lerchen steigen unter dem Kanonendonner ruhig und unbekümmert in den Sonnenschein empor und trillern ihre Frühlingslieder. In allen Wäldern schreien die Kuckucke und gurren die wilden Tauben. Und hoch im Blau, von Sonne schimmernd, strebt ein langer Keilform ein Hundertschwarm von Wildgänsen gegen Osten, gegen die Stellungen der Russen hin – ein Gleichnis für den kühnen Vorstoß der Unseren. Wie gelockt durch dieses Beispiel, schweben hinter den Wäldern von Perta die österreichischen und deutschen Flieger auf, schwärmen und schnurren wie fette Maikäfer, schrauben sich leuchtend gegen die Sonne empor, sausen nach Osten und verschwinden im blendenden Himmelsglanz.

   Wir jagen auf unserer Fahrt, umwirbelt von Staubwolken, an endlosen Reihen von Kraftwagen, von Pontonzügen, von Batterien, Munitionskolonnen und marschierenden Reserven vorüber. In allen Bildern, die ich sehe, ist Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Und wieder, zu meiner Freude, seh’ ich überall die Feldgrauen meiner deutschen Heimat und die Graublauen von Österreich-Ungarn durcheinander gemischt, zusammen geflochten zu einem eisernen Ganzen. Wo es ein kurzes Stocken der Fahrt ermöglicht, strecke ich zu einem Reiter oder Fahrer die Hand hinüber: „Grüß Gott, Landsmann!“ und schwatze wieder mit einem Tiroler, mit einem aus Niederösterreich, höre frohe zuversichtliche Worte, versuche mit einem Ungarn zu reden, bekomme keine Antwort, sehe nur ein lachendes Braungesicht und freundlich blitzende Augen. – Ihr Frühlingstage am Dunajec! Vom ebenen Radlow bis hinauf zu den Kämmen am Duklapass werdet ihr die siegende Kraft erweisen, die in unserem Bündnis blüht!

   Auf allen Straßen ein drängender Zug nach Osten. Auf jeder Anhöhe und bei jeder Straßenkreuzung stehen Schwärme von Dragonern, von Husaren und Ulanen bereit. Generale und Kommandostäbe mit langen Reiterzügen blitzen vorüber. Da kommt ein kleines polnisches Dörflein, das in seiner Feldmulde eingewickelt ist in einen weißen Traum von Baumblüten. Nun steigen auch wir in den Sattel, die Pferde klettern in der wachsenden Sonne über einen lehmigen Waldhang hinauf, und droben erreichen wir eine freie Höhe, von der man, über kleine Hügel hinweg, die lange Talbreite des Dunajec von Ostrow und Wojnitz bis Janowice übersehen kann. Aber alles da drüben, wo die Russen stehen und die Unseren stürmen, ist in Morgenschatten gehüllt und von Dunst umsponnen. Nur die Rauchbäume explodierender Granaten sieht man, viele Schrapnellwolken und den Qualm von brennenden Bauernhäusern. Und immer dröhnen die Geschütze, hastig tacken die Maschinengewehre und die Salven knattern auf dem Steilhang da drüben über dem Dunajec und bei den russischen Gräben auf den Höhen des langen Hügelkammes.

   In der letzten Walddeckung müssen wir die Pferde zurücklassen. Auf der offenen sonnbeglänzten Höhe, in einem nach Osten geöffneten Holzschuppen, befindet sich seit dem frühen Morgen der Stab der vierten Armee mit ihrem Führer, Erzherzog Joseph Ferdinand. Von links und rechts her laufen Telefondrähte zu dem Schuppen hin, ich höre sprechende Stimmen, Meldungen kommen, Befehle fliegen fort. In der Morgensonne, die unter das Schuppendach hereinfällt, stehen Generale und Offiziere, unter ihnen der fürstliche Armeeführer, eine schlanke, bewegsame, temperamentvolle Gestalt. Die Stimme ist hell und rasch: Auch im Ernst behält sie durch ihre österreichische Dialektfärbung einen Klang, den man als fest gefügten Frohsinn empfindet. Soldatische Dienstfreude, Liebe zu Heimat und Volk, ein Geist von sicher zugreifendem Urteil, warme und offene Freundlichkeit, sarkastischer Humor, feinfühliges Naturverständnis und gesund pulsierendes Blut vereinigen sich zu einem klaren, wertvollen Menschenbild, das Verehrung weckt und Zuneigung gewinnt. Zwei ruhige, scharf sehende Blauaugen glänzen in dem festen Mannskopf mit dem blonden, lang gescheitelten Kriegsbart.

   Gleich beim Eintritt in den Schuppen hör’ ich günstige Nachrichten. Gut steht’s! Zwei weitere Geschütze und sechshundert Gefangene! Den braven Kaiserjägern sind auf hartem Boden schon feste Sprünge gelungen. Die Ungarn, die Bayern und die Salzburger stürmen mit Schneid und Erfolg. Und droben bei Gorlice machen die Preußen einen prachtvollen Vorstoß.

   Vor Freude wie betrunken halt’ ich mich abseits, um nicht zu stören, gucke immer durch mein Glas, schaue und spähe, bis mir die Augen brennen. Aber nur den Dunst und Qualm in der Ferne kann ich gewahren. Sonst nichts. Und immer brüllt es in den Lüften, immer tackt es und knattert. Stand mir die Sehnsucht, etwas zu sehen, im Gesicht geschrieben? Plötzlich wendet sich der Erzherzog zu mir: „Sie möchten wohl weiter nach vorne?“ Ich stammle: „Darf ich?“ Er nickt: „Na freilich, los! Wer was erzählen will, muss was gesehen haben.“

   Immer Deckung suchend an einem Ackerrain oder in einem Hohlweg, rennen wir, unser Viere, dass uns der Atem fast vergeht. In den Talmulden, durch die wir kommen, verschwinden uns alle Bilder des Kampfbodens. Bäume blühen, Saaten grünen und Lerchen trillern. Auf einem Feld ist aus langen Leinwandbahnen ein weißes Kreuz gebildet; hier müssen die Flieger ihre Meldungen abwerfen. In einem Bachtal donnert’s. Da stehen sechs schwere Geschütze. Im Rückstoß machen sie hohe Sprünge, während die Feuergarben der Schüsse hinauszucken durch den quirlenden Pulverdampf. Schwitzende Kanoniere durchhuschen den Dunst, ein helles Kommando, und ehe der Explosionshall der ausgesandten Geschosse herüber quillt aus der Ferne, krachen schon wieder sechs neue Schüsse. Wir immer weiter, weiter. Noch eine halbstündige Hetze, hügelauf und hügelab. Der Weg zu der hohen Waldkuppe, die wir erreichen wollen, wird uns verriegelt – die Russen scheinen dort oben die schwere Batterie zu vermuten, die im Bachtal steht, und überschütten die Kuppe mit Granaten und Schrapnellfeuer. Bäume splittern und Äste fliegen, Feuerblitze fahren im Dunkel des Waldes auf, es fängt zu qualmen an und beginnt zu brennen. Etwas will Nervöses ist in der sinnlos überhasteten Beschießung dieser unbesetzten Waldkuppe. Die russische Artillerie scheint Besinnung und Ruhe zu verlieren und verschwendet zwecklos die Munition – ein sicheres Zeichen dafür, wie viele vernichtende Treffer von den Unseren in die feindlichen Reihen gesetzt werden.

   Auf halber Höhe des Hügels hetzen wir um den beschossenen brennenden Wald herum. Nun erreichen wir den Osthang, schauen hinab in das Tal des Dunajec und sind noch immer zu fern, um unterscheiden zu können, was drüben über dem Fluss geschieht, dessen Rauschen unter dem Brüllen der Geschütze nimmer zu hören ist. Hinunter über den Hügel, bis zur Straße im Tal! Jetzt sind wir in einem kleinen, unter weißen Blüten versinkenden Dorf, in dem die alten Leute und die Kinder scheu aus Fenstern und Haustüren herausgucken – sind nur noch vierhundert Schritte von dem in den Deichwall des Stromes eingeschnittenen Schützengraben der Tiroler Landstürmer entfernt, die geduldig ausharren und den Befehl zum Angriff erwarten müssen. Wir wissen das – aber zu sehen ist nichts, keine Spur von Leben, kein Schimmer einer graublauen Uniform; der Graben sieht aus wie unbesetzt; doch an einzelnen Stellen quillt in der Mittagsstunde der Rauch der Kochherde heraus, immer knattert es über die ganze Länge des Grabens hin, und immer antworten auf der qualmenden Höhe droben die Schüsse der Russen. Manchmal pfeift was über unsere Köpfe weg, und wenn eine feindliche Kugel in den Acker schlägt, der zwischen uns und dem Tiroler Graben liegt, dann stäubt aus der grünen Saat ein gelbliches Wölklein auf. Der lange Höhenzug gegen Janowice, auf dem etwas Schweres sich abzuspielen scheint, ist noch immer so von Dunst umsponnen, dass man nichts unterscheiden kann. Man sieht nur einzelne rote, von der Sonne beschienene Dächer im Schleier leuchten, sieht bei kleinen Wäldern die Stichflammen der feuernden Batterien aus den Deckungen herausfahren, sieht auf der von den Russen gehaltenen Höhe eine Rauch- und Erdsäule um die andere emporsteigen, sieht zwischen dem Blütenschnee der zahllosen Obstbäume die gelben Wälle neu entstandener Sappengänge schief über en Berghang hinaufklettern, und manchmal sieht man ein winziges graublaues Figürchen rasch aus einem Graben herausspringen und rasch in einem anderen verschwinden.

   Stunde um Stunde vergeht, bei ruhelosem Knattern und Dröhnen, aber mehr ist nicht zu gewahren, weder mit dem Glas, noch weniger mit freiem Auge. Nur gegen Süden hin ist ein schwebender Fesselballon zu sehen, und in der Richtung von Tarnow steigt die schwarze Rauchwolke eines großen Brandes auf.

   Wenn man nur wüsste, wie es steht! Wenn man nur was erfahren könnte! Wir erwischen ein Auto und rasen über die Wojniczer Straße gegen Zakliczyn hinauf. Ein Krachen über uns, und wenige Sekunden später platzt eine Granate dicht hinter dem Auto – wir werden beschossen – aber da wendet die Straße um eine Waldecke herum, und der Wagen hat Ruhe. Ein stilles Dorf. Hennen führen in der Sonne ihre Kücklein spazieren, und Gänse, die unter den Blütenbäumen ihre Jungen betreuen, fauchen in Mutterzorn gegen das rasende Auto. Hier und dort in den Auenwiesen stehen Störche, welche misstrauisch die Hälse drehen. Jetzt kommt ein waffenloser Soldat langsam über einen Feldweg hergegangen, mit dem linken Arm in der weißen Binde, ein zweiter mit verbundener Hand, ein dritter und rotfleckigem Bund um die Stirn. Auf einem Wiesenhang, wo das Rote Kreuz flattert, sitzen schon an die sechzig. Etwas Drückendes, wie eine eiserne Faust, umklammert mir das Herz. Endlich ein Offizier! Der weiß was: Viele Verwundete, ja, aber auch vierhundert neue russische Gefangene hat man davon geführt, und hinter der Höhe des Berges Wal wurden lange, schwer befestigte Gräben des Feindes siegreich von den Unseren genommen. Man möchte jauchzen vor Freude, wenn nicht diese vielen wären, mit den weißen rotfleckigen Binden!

   Im Wagen stehend, spähen und lauschen wir. Das Gewehrgeknatter und die Granatenschläge ziehen sich da droben schon über den Kamm nach der anderen Bergseite hinüber. Jetzt müssen dort, wo wir früher waren, die Schwarmlinien aufwärts drängen gegen die russische Höhe. Über den Dunajec können wir nicht hinüber, da ist keine Brücke, wir müssen zurück. Nun sind wir wieder, von wo wir kamen, und immer pfeift es, immer staubt es, während wir im Straßengraben liegen und mit den Gläsern spähen.

   Der Dunst da droben hat sich gelöst, und die späte Nachmittagssonne beleuchtet klar das steile Gelände. Die Kanonade scheint schwächer zu werden. Unsere Geschütze feuern noch ruhelos, auf der feindlichen Höhe wachsen immer neue Rauchbäume, und sicher gezielte Granatenschüsse zerreißen die Drahthindernisse der russischen Gräben und zernagen die Deckungswälle. Aber die feindlichen Batterien? Sind sie stumm geworden?

   Vor Erregung zitternd suche ich mit dem Glas die menschenleer erscheinende Höhenlinie und die rot beleuchteten Gehänge ab. Und da seh’ ich etwas. In halber Höhe des Berges ist der rotgelbe Wallstrich eines frisch aufgeworfenen Laufgrabens in langer Reihe bedeckt mit graublauen Strichen, mit graublauen Haken und Klumpen. Alle sind unbeweglich. Nur manchmal in der Abendsonne schimmert etwas an ihnen. Eine schmerzende Kälte rieselt mir durch Seele und Blut, meine Augen werden nass – aber noch härter erschüttert mich, was ich jetzt durch das Fernrohr erkenne: Ein Sanitätsmann, mit dem roten Kreuz auf der Armbinde, geht langsam und gebückt an der stillen, graublauen Reihe der gefallenen Kaiserjäger hin, hebt jeden an den Schultern in die Höhe, rüttelt jeden ein bisschen, betrachtet ihn aufmerksam und lässt ihn wieder fallen. Keine Hilfe mehr! – Ihr Treuen, ihr Tapferen! In Millionen Herzen eurer Heimat brennt der heiße Dank für das Siegesopfer eures Blutes! – Und du, der im Schnellzug zwischen Oderberg und Teschen so sehnsüchtig die Mundharmonika geblasen? Bist du auch dabei? Oder lebst du noch?

   Aus dem Laufgraben steigen zwei heraus, die eine belastete Bahre tragen. Sie laufen schnell und tauchen rasch hinunter in einen Hohlweg, welcher Deckung gegen das feindliche Feuer hat. Wir von unten sehen hinein in die rot beleuchtete Gasse und sehen da einen neben dem anderen sitzen, viele, die nimmer gehen können. Aber sie bewegen sich, drehen die Gesichter hin und her und fassen sich bei den Händen und scheinen zu schatzen miteinander – Gott sei gepriesen, denen kann noch geholfen werden! – Und Du, aus der russischen Kirche von Uscie-Ruskje, Du langer steifer Beter, der mir die Allgegenwart des hilfreichen Gottes predigte? Bist Du unter diesen, für die es noch Hilfe gibt? Meine Seele schreit diesen Wunsch, und ich bete für dich!

   Da seh’ ich sechs oder sieben Gesunde schräg nach abwärts über ein Saatfeld springen und sehe sie verschwinden unter blühenden Birnbäumen, die nimmer weiß sind, sondern rot von der Abendsonne. – Fliehende? – Nein! Das sind brave, heldenmütige Kerle, die unter dem russischen Maschinenfeuer ungedeckt die Telefonstangen in den Acker stecken und die Drähte ziehen. Dass links und rechts von ihren Füßen die Staubstriche der Kugelschläge hinfahren durch das Saatfeld, das scheint sie nicht zu bekümmern. Sie arbeiten für die Heimat, flink und dennoch in Ruhe. Tiroler Blut! Und Gott sei Dank, ich sehe keinen von ihnen stürzen! Sie springen zurück zum Graben, aus dem sie kamen, reißen die Gewehre herunter, die sie auf dem Rücken trugen, und ducken sich hinter den rotgelben Wall und feuern. – Wie ein jubelndes Glück ist die Freude in mir. Solche Männer unter den Unseren! Solche Herzen zwischen ihren festen Rippen! Was zählt da alles Hin und Her des vergessenen Missgeschickes! Was kommen wird, entscheidet! Wir siegen, wir müssen siegen! –

   Und wo die tapferen Sechs oder Sieben sich hinduckten, da seh’ ich jetzt in der tiefen Glut des Abends und an dem aufwärts kletternden Wallstrich viele, unzählbar viele graublaue Punkte, Hunderte, Tausende! Einer ist dicht am anderen, jeder ein fester Soldat, jeder ein Mann und ein Treuer! Die einen spähen und feuern, die anderen schaufeln hastig, werfen die Erde hinaus und erhöhen den deckenden Wall. Der klettert immer weiter und weiter gegen die feindliche Höhe des Berges hinauf, und sein letzter Bogen, den ich noch sehen kann, ist nur noch hundertfünfzig oder zweihundert Schritte vom Kammgraben der Russen entfernt, die sich erbittert zu wehren scheinen. Alles da droben ist von Rauch umflattert, immer staubt es von den Wällen, immer wachsen die Qualmbäume und spritzen die Erdfontänen auf, und immer kracht es und dröhnt und knattert und tackt. Und immer so weiter, bis die Schatten herauf schleichen aus dem Tal, bis der letzte Rotschein erloschen ist und die Schleierwogen der Dämmerung herunter sinken über Leben und Tod.

   Nun ist nichts mehr zu sehen. Nur über die Wallstriche dort oben fährt es manchmal unter dem Salvengeknatter hin wie ein matt leuchtender Phosphorstrich. Und bei sinkendem Dunkel sind die Spritzflammen der platzenden Granaten anzusehen wie irrsinnige Feuergeister.

   Du blühende Frühlingsnacht, du göttliche! Hilf den Unseren und beschütze sie!

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