Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

4.

28. April 1915.              

   Ein glühender Abendhimmel spannt sich über die Waldberge, über das Ropatal und über das kleine ruthenische Dorf, das keine hundert Hütten hat und unter seinen Strohdächern an die dreitausend Graublaue beherbergt. Und heut in der Nacht sollen noch sechzehnhundert kommen! Da muss man eng und gemütlich zusammenrücken. Mit den beiden Offizieren, die mich begleiten, bekomme ich ein winziges Kämmerchen in einem Bauernhäusl, in dessen Stall und Scheune vierzig Soldaten schlafen. Um zur Haustür zu gelangen, muss man durch Morast waten oder über einen Berg von Dünger klettern. In der dunklen Stube ist der gemauerte Ofen gehiezt, dass er wabert vor Hitze; viel Kindswäsche hängt da herum; trotzdem ist der Raum nicht unsauber, nicht unerquicklich; nur sehr volkreich ist er: Die Großmutter, der Bauer, die Bäuerin, eine große Tochter, eine mittlere Tochter, ein kleines Mädel und ein tischhoher Bub. Alle sehen gut aus, und die jungen Weibsleute sind hübsch, beinahe schön. Außerdem hat die Bäuerin noch eines kleines Kind, und die älteste Tochter hat auch eins. Alle diese neun Menschen schlafen in der einen Stube, durch die wir gehen müssen, um unser Kämmerchen zu erreichen. Das ist von überraschender Reinlichkeit. Die Mauer ist frisch getüncht, zum Willkomm für uns mit Tannenzweigen geschmückt, hat neben russischen Heiligenbildchen ein großes Öldruckbild unserer verbündeten Kaiser und darüber, um mein Jägerauge zu erfreuen, ein schönes Rehgewichtl. Die drei Betten stehen so nah beieinander, dass man bei etwas unruhigem Schlaf gefährlich für die Schlummerkameraden wird. Mir ist die Wahl überlassen. In zwei Betten raschelt das Stroh. Die verschmähe ich und wähle das dritte, das aussieht wie ein feiner Diwan, aber nur ein vom Leintuch verhülltes Brett ist, mit einem Kopfkissen, dessen Überzug ein Monogramm mit einer Grafenkrone trägt. Ich besprenge sie sofort mit Fenchelöl und Anisolspiritus, obwohl der liebenswürdige Ortskommandant, der dieses „exquisitest“ von allen vorhandenen Quartieren für uns bereitete, mit heiligen Eiden die „absolute Lausfreiheit“ garantiert. Ich frage, ob er selbst noch nie eine bekommen hätte? „Doch! Schon mehrmals!“ Träumerisch blickt er ins Unbestimmte. „Die erste fing ich am Weichnachtsabend. Aber ich konnte ihr nichts zuleide tun. Der heiligen Stunde wegen. Und weil sie blaue Augen hatte!“ Offiziere, die mit solchem Humor gesegnet sind, müssen auch prächtige sieghafte Soldaten sein! Humor ist immer menschliche Qualität.

   Noch eine Sorge bedrückte mich: Der Gedanke an das doppelte Kindergeschrei in der Nacht. Auch über diesen Punkt vermochte mich der Ortskommandant zu beruhigen. „Die Kindchen werden nicht wimmern. Das Platzkommando hat ihnen das Schreien dienstlich verboten.“ Und wahrhaftig – wie ich vorweg erzählen will – während der ganzen Nacht vernahm ich nicht den leisesten Wimmerlaut. Wie die beiden Mütter das fertig brachten? Auf die einfachste Weise. Sie legten am Abend – ich habe das selbst gesehen – jedes der beiden Kinderchen an die ihm gebührende Mutterbrust und ließen es da liegen bis zum Morgen.

   Eine dritte Sorge wurde durch eine ingeniöse Überraschung gelöst. Jeder Gedanke an ein eventuelles Hinausschlüpfen durch diese winzigen Fensterchen war ausgeschlossen. Also müsste man – nötig werdenden Falles – mitten in der Nacht durch die Stube gehen, in welcher, von allen sonstigen Lebewesen abgesehen, neun Menschen schlafen? Wie schrecklich! Aber die Erlösung kam! Einer meiner beiden Schlafkameraden – welch ein Lebenskünstler! – entpuppte sich als Besitzer eines für kleinere Reisezwecke zusammenklappbaren Apparates! Meine zwei Stubengenossen waren Seine Durchlaucht der Fürst S. und ein österreichisches Reichsratsmitglied. Nun sucht zu erraten, welcher von diesen beiden der vorsehungsreiche Lebenskünstler gewesen ist! Ihr werdet falsch raten, denn ihr ratet doch sicher auf den Fürsten!

   Aber eine noch viel, viel größere Überraschung stellte sich ein! Als ich mit unserem ruthenischen Hausherrn reden wollte, natürlich in deutscher Sprache, schüttelte der Bauer zum Zeichen völliger Taubheit für dieses verdammenswerte Idiom den Kopf, sagte aber dann sehr freundlich: „If you wish to speak with me, I understand English.“ – Ist das nicht zum Verzweifeln? Da sagt man täglich sieben Mal: „Gott strafe England!“ Und in dem ruthenischen Dorf Muschjewuschje, oder wie es heißt, muss man Englisch reden, wenn man einen Bauern fragen will: „Where ist the W.C.? –“ Dieser Hausherr hatte, wie viele Tausende seiner Landesbrüder, mehrere Jahre als Auswanderer in Amerika gearbeitet. Im Ruthenenlande sind so viele Staatsbürger in gleicher Weise mit dem Angelsächsischen vertraut geworden, dass die österreichisch-ungarischen Politiker bei ihren Wahlreisen in Polen die Programmrede englisch halten können! – Allerdings, ganz gut verstand mein überseeischer Hausherr das Englische doch nicht. Er schein noch nie vernommen zu haben, was W.C. bedeutet, denn zur Antwort auf meine Frage ging er mit mir zur Haustür und wies mir den Misthaufen.

   Die Primitivität dieses ruthenischen Erlebnisses war nicht ohne Romantik. Drum konnte es mir keinen Reiz und Farbenhauch der folgenden Minuten beeinträchtigen.

   Wir traten hinaus in den glühenden Frühlingsabend – und nun erlebe ich zwischen Dämmerung und Nacht eine Stunde, so wundervoll, dass ich sie bis an mein Lebensende nimmer vergessen werde. Das Dorfsträßlein sieht aus, als wär’ es verwandelt in den von Soldaten wimmelnden Korso einer großen Garnison. Die graublauen Uniformen haben im letzten Rotschein der Sonne eine prachtvolle Leuchtkraft. Und die tausend Jünglingsgesichter und Männerstimmen scheinen zu glühen in einer Freude, die das Blut befeuert wie süßer Wein. Die Offiziere bummeln Arm in Arm, die Mannschaften gehen Schulter an Schulter, viele mit verschlungenen Händen. Vor jedem Haus hocken sie in langen Reihen, stehen über die Zäune gelehnt, sitzen auf den Fenstergesimsen oder liegen im Gras. Überall fröhliches Schwatzen, eine fast knabenhafte Heiterkeit. In einem halben Dutzend von Dialekten hört man das Deutsche, hört Ungarisch, Ruthenisch, Kroatisch und Italienisch. Und nirgends ein grober Wortwechsel, kein Zank und kein Fluch, kein Geschrei und keine unfreundliche Rede. Nicht alle verstehen sich, doch jeder verträgt sich mit dem andern. Der frohe feurig leuchtende Abendfriede dieses vielsprachigen Soldatengewimmels berührt mich wie eine schöne, fast heilige Hymne auf den Segen, den dieser Krieg für Österreich und seine Völker bringen wird.

   Noch haben nicht alle Graublauen Feierstunde. Neben der heiteren Ruhe ist überall noch ernste, hurtige Arbeit. Noch immer ziehen die Kolonnen, noch immer marschieren neue Truppen in das Dorf herein und müssen beköstigt, müssen beherbergt werden. In einem großen Gehöft wimmelt es um die dampfenden Gullaschkanonen und rings um die qualmenden Kochkisten. Und jeder von den Tausenden wird satt, jeder ist zufrieden. Lange stehe ich bei den beiden Filtermaschinen, die das trübe Lehmwasser einsaugen und sieden, um es als reinen, kühlen und gesunden Trunk wieder auszuströmen. Wo es heraussprudelt aus dem Hahn, geht endlos die Reihe der Soldaten vorüber, jeder füllt die von grauem Tuch umhüllte Feldflasche oder sein Menagegeschirr und sagt in seiner Sprache dem Filtermeister ein Vergeltsgott.

   Die Farben des Himmels erblassen, immer dunkler sinkt der Abend, und der wachsende Mond hängt wie ein winkender Silberarm im reinen Stahlblau der mild beginnenden Frühlingsnacht. Dünner und spärlicher werden die wandelnden Gruppen der Dorfgasse, eine wohlige Stille kommt, und dann hört man halblaute Liederklänge bei den Häusern und in den Gärten, droben auf den Hügeln und drunten im Bachtal – hier einen Bergjodler und eine deutsche Melodie, dort eine italienische Volkskanzone, einen schwermütigen Slawensang, eine rasche leidenschaftliche Weise der Ungarn. In den winzigen Fenstern schimmern die kleinen trüben Lichter auf, und als die Gasse schon leer ist, hört man von irgendwo noch das Zirpen eines Mundhobels und das Trällern einer Ziehharmonika. Vor einem großen Stallgebäude, das sich wie ein schwarzer Block hinein schneidet in die matte Monddämmerung, wird mehrstimmig ein Koschat-Liedchen gesungen, ohne Kunst, aber zärtlich und fein zum Herzen redend. Ich muss hingehen und stehe lange schweigend bei den Fünfen. Einer imitiert mit den Lippen leise die Trompetenstimme, die anderen singen. Dann schwatze ich mit ihnen. Ihre Uniformen kann ich in der Finsternis nimmer unterscheiden – ich merke nur, dass es nette, freundliche junge Leute sind, einer aus Salzburg, einer aus Linz, ein Kärntner, einer aus Steiermark und ein Deutscher aus Prag. Eine gute Mischung, das! Ich hoffe, sie wird auch fernerhin zusammenhalten in reiner Harmonie.

   Glücklich und froh, das Herz erfüllt von allem verheißungsvollen Frieden dieser Frühlingsnacht, sitze ich noch lange Stunden im Kreis hoher und junger Offiziere. Ein Soldat gewordener Künstler, der an der Münchner Akademie studierte, hat den kleinen Raum des Stabskasinos im Stil Emanuel Seidls mit Fichtengirlanden und mit Kriegsbildern aus der „Jugend“ geziert. Ein Hindenburgbild ist natürlich auch dabei. So anheimelnd wie dieser Raum, so herzlich ist der Ton an diesem Offizierstisch. Immer muss ich von der Front im Westen erzählen. Die warme Kameradschaftlichkeit und Anerkennung, mit der die Leistungen des deutschen Heeres besprochen werden, erfreut mich tief. Ich fühle wieder: Das Bundesband, das uns alle umschlingt und Westen und Osten, Nord und Süd in Treue verknüpft miteinander, ist geschmiedet aus reinem, unzerreißbarem Stahl. Und vieles höre ich auch wieder über die Härten und Schwierigkeiten des östlichen Kampfbodens, über die schweren Blutopfer und über die unerschütterte Beharrlichkeit dieses großen Ringens gegen übermächtige Menschenwogen des Feindes. Oft rieselt mir bei den harten Dingen, die ich da ruhig erzählen höre, ein quälender Schauer über den Nacken und durch das Blut. Und unvergesslich wird mir der ernste Klang eines Führerwortes bleiben: „Damals, nach diesen furchtbaren Tagen, waren die elftausend prächtigen Kerle meiner Division zusammengeschmolzen auf anderthalbtausend. Jetzt sind meine Bestände wieder aufgefüllt. Und jetzt“ – ein Lächeln, ein Aufblitzen der Augen vollendet stumm den abgebrochenen Satz.

   In der Mitternacht wandern wir heim durch das schwarze, still gewordene, schlafende Soldatendorf, in dem viertausend Graublaue auf Stroh oder auf blankem Boden liegen. Von den alten und jungen Offizieren verabschiedet sich einer um den andern und schlüpft hinein in sein bedenkliches Quartier, in die üble Plage dieser Nacht. Und noch immer höre ich heitere Worte, herzliche Grüße, noch immer ein Lachen. Einer, dessen Hand ich lange festhalte, sagt zu mir: „Ach, nein, so arg ist das gar nicht. Man weiß, das ist Krieg, und da ist man gehorsamster Soldat, und fertig!“

   Mir gruselt nimmer vor meinem Quartier, obwohl mir auf der Schwelle des ruthenischen Familienheimes ein schwüler Dunst entgegenschlägt, der mich fast umwirft. Beim Schein der gemauerten Ofenhölle gewahre ich sechs ineinander gewickelte nackte Beinchen, sehe auf dem Stubenboden die Großmutter schlafen, sehe zwei Säuglinge an den Mutterbrüsten liegen, auf die sei begründeten Anspruch haben, und freundlich klingt die Stimme des Hausherrn aus dem Tischwinkel: „Good night, Sir!“

   Meine Kammer – – nein, ich beklage mich nicht! Ich hab’s doch nur ein paar Nächte zu überstehen, und Tausende von Offizieren, Millionen braver Soldaten ertragen es seit neun Monaten so. Viel schlimmer noch! Denn ich als Gast, der die freundlichste Fürsorge genießt, ich hab’ es doch ganz besonders gut getroffen. Und wahrhaftig, ich schlief. Sehr fest! Und die heiligen Garantien des Platzkommandanten bewährten sich wie der schützende Wunderschild eines Engels.

   – Der frühe Morgen ist blaues Entzücken. Während ich auf einem flinken Schimmelchen inmitten einer Offizierskavalkade hinaufreite zu den beschneiten Waldbergen, ist das Tal, durch das die ersten Sonnenblitze hinleuchten, schon erfüllt von schwer schleppenden Saumtieren, von graublauen Marschzügen, von rastloser militärischer Arbeit. Wo Bachfäden sind, sieht man lange Reihen von nackten Gestalten, von Soldaten, die sich waschen und die Lausbisse kühlen. – Bäder und Duschräume, wie ich sie drüben im Westen überall hinter der Front gesehen habe, kann man in den galizischen Dörfern nicht einrichten. Alles fehlt: Der Raum, die Wanne, das Röhrenwerk, der Heizofen und vor allem die Wasserleitung. Oft auch, in höheren Lagen, das Wasser selbst. Eine gelbe Pfütze wird da manchmal zu einer kostbaren Sache.

   Unser Ritt geht aufwärts durch schönen Buchenwald, der bis zur halben Berghöhe schon mit zarten Blättchen zu grünen beginnt. Ein paar hundert Meter höher ist noch halber Winter. Wo die Schneeflecke anfangen, müssen wir aus dem Sattel steigen. Der Wald hat wunderbare Farben; wie graue Siede schimmern die Buchenrinden, die alten Blätter glühen in der Sonne wie Blut, und die Schneeflecken sind wie große glänzende Silberschilde, die nur leider an Schönheit verlieren, sobald man zu waten beginnt. Das ist eine schweißtreibende Arbeit, und gerät man aus der festgetretenen Spur, so tappt man hinunter bis an die Hüften. Und nun ist doch hier schon halber Frühling! Wie muss es da vor Wochen ausgesehen haben, vor Monaten! Welche Pein und Mühsal müssen die Tapferen überstanden haben, die in Kampf und Entbehrung aushielten wie unverrückbare Mauern! Gott sei Dank, dass nun bessere Zeiten kommen! Jetzt kann man bauen, kann sich gemütlich einrichten. Auch hier ist überall Gesang und Lachen. Und überall klingen die Axtschläge und die Schnarchzüge der Sägen. Vieles ist erst im Werden, vieles schon fertig. Dutzende von Blockstuben sind zwischen dem Schnee gewachsen. Die ganze Bergkuppe sieht aus wie eine Kolonie von Jägerhäuschen und Sennhütten. Fast immer ist auf der Sonnenseite dieser Blockhäuser ein netter Garten angelegt, hübsch umzäunt, bepflanzt mit den Frühlingsknospen des Karpatenwaldes. Hier ist die gliche Gartenliebe, die gleiche Blumenzärtlichkeit und Grünfreude, wie ich sie überall an der Front im Westen gesehen habe.

   Der Schützengraben, den sie aus ganz Tirol rekrutierten Kaiserjäger von Trient besetzt halten, zieht sich in ausgelichtetem Wald durch Schneefelder und über steile Hänge hin, fest im Bau, durch Hindernisse gesichert, eine unerstürmbare Höhenburg. Man sieht von hier weit hinaus über das von den Russen besetzte Hügelgelände; da drunten und da drüben ist es auffallend still und leer. Ich kann mit dem Glas nur ein paar ackernde Bauernweiber und einen russischen Meldereiter entdecken, der rasch über die buckligen Felder trabt. Nirgends auf den vielen Straßenzügen ist ein Soldat oder ein Kolonnenwagen zu sehen. Wäre nicht von Zeit zu Zeit das Dröhnen der feindlichen Geschütze zu hören, so könnte man die Welt da drüben für ausgestorben halten.

   Vor unserem Heimritt ins Tal kommt eine freundliche Viertelstunde, ein kleiner Imbiss vor der Blockhütte des Obersten. Dieses Frühstück hat einen festlichen Charakter, immer krachen die Böllerschüsse, feierlich rollt das Echo über die beschneiten Waldberge hin, und über unsren Köpfen liefert eine Flugmaschine die knatternde Tafelmusik. Man plaudert weiter; aber auch hier hat jedes fröhliche Wort einen ernsten Unterton, und immer sagen die Augen mehr als die Lippen. Während die Frühlingssonne den munteren Tisch umglänzt, fühle ich wieder die Nähe eines noch verschleierten Werdens, fühle den Atem kommender Dinge.

   Auf dem Heimweg durch den ergrünenden Wald ist eine glückliche Ruhe in mir. Drunten im Dorf finde ich die Gassen an Soldaten ärmer, als sie am verwichenen Abend war. Wo sind die Verschwundenen hingezogen?

   Vor der Abfahrt trete ich noch in die russische Kirche. In der Vorhalle kniet ein langer Kaiserjäger, das Gebetbuch zwischen den groben Händen, steif und unbeweglich, hartknochig und mager. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter und sage: „Du, das ist doch eine russische Kirche!“ Er sieht zu mir auf, mit ernsten Blauaugen: „Woll! Dös macht niechts. Uenser hilfreicher Herrgott ischt überall. I moan, den brauchen mer bald!“ Er beugt den Kopf über das kleine Buch, und stumm bewegen sich seine Lippen.

   Dann kommt eine Fahrt, die mir zu einer heißen Erregung, zu einer wachsenden Freude wird. Alle Straßen, die wir passieren, sind endlos erfüllt von heranmarschierenden Truppen. Ungarische Proviant- und Munitionskolonnen ziehen an mir vorüber, österreichische Regimenter, eine deutsche Division, preußische Garde, kroatische Bataillone, eine lange Reihe von deutschen Feldküchen, Nachschübe der Kaiserjäger, deutsche Ulanen und ungarische Honvedhusaren, österreichische Trainzüge, deutsche Haubitzen und Maschinengewehre – Zug an Zug, alle verschiedenen Teile ineinander geflochten zu einer mächtigen, fest geschlossenen Einheit, zu einem erhebenden Bild unseres Zusammenhaltens, unserer Kraft und unseres beharrlichen Willens zum Sieg.

   Unter dem Leuchten des Abends endet meine Fahrt. Aber der Vorübermarsch der neuen Truppen, das Rädergerüttel und Hufgeklapper, der feste Schrittklang und das schwere Gerassel der Batterien währt im Mondschein durch die ganze Frühlingsnacht und geht noch immer weiter im klaren Schimmer des Morgens.

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