Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Die Front im Osten

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      Ludwig Ganghofer
         Die Front im Osten

            Kapitel 1: 18.5.1915
            Kapitel 2: 22.4.1915
            Kapitel 3: 26.4.1915
            Kapitel 4: 28.4.1915
            Kapitel 5: 3.5.1915
            Kapitel 6: 5.5.1915
            Kapitel 7: 7.5.1915
            Kapitel 8: 20.5.1915
            Kapitel 9: 24.5.1915
            Kapitel 10: 25.5.1915
            Kapitel 11: 4.6.1915
            Kapitel 12: 5.6.1915
            Karte

1.

18. April 1915              

   Das Rauschen und Geklapper des Schnellzuges, der mich am Abend aus Berlin davongetragen, dröhnt nach einer sternhellen Frühlingsnacht in den grau beginnenden Tag hinein. Ich konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Immer musste ich sinnen, immer den Dingen entgegen denken, die mich erwarten. Und jetzt, da es tagen will und über die Ferne, in der die Schlachtfelder des Ostens liegen, eine erste Verheißung der Sonne hinleuchtet, ist in mir eine seltsame Mischung von erwartungsvoller Freude, von Besorgnis und Hoffnung. Und immer wieder suche ich mir Rechenschaft darüber zu geben, weshalb ich auf die Frage, was ich zuerst im Osten zu sehen wünsche, die rasche und erregte Antwort geben musste: „Zuerst die Karpaten!“

   Nur eine Stunde noch! Dann werde ich den Anfang ihrer Hügelketten sehen, den waldigen Zug der Beskiden. Dort war ich einmal, vor vielen Jahren, um einen Bären zu schießen. Gesehen hab’ ich nur seine Fährte, geschossen hab’ ich ihn nicht. Der Tag, an dem ich hinreiste, war freundlicher Frühling. Doch am Abend vor dem Jagdmorgen – ich glaube, es war am 3. April – begann es plötzlich mit großen Flocken zu schneien. Das ging so weiter, immer dichter. Drei Tage saßen wir im Forsthaus eingesperrt. Erst in der vierten Nacht wurde der Himmel klar. Dann lag der Schnee im Frühlicht beinahe mannshoch. Und in einer Jahreszeit, in der die ersten Blumen hätten blühen sollen, umbiss eine Kälte das Haus, dass alles knirschte. Der Forstmeister schüttelte den Kopf: „Mit der Jagd ist es aus, Sie wissen nicht, was es heißt, jetzt da hinauf zu steigen. Sie kennen die Karpaten nicht!“ Aber man fährt doch nicht von Wien den weiten Weg bis da her, um zwecklos wieder heimzufahren. Mein Gebettel erweichte den Forstmeister. Aus dem Dorf wurden achtzig Leute gerufen. Die begannen vor uns einen Weg auszuwaten. Schon im Tal war’s eine Mühe, die man nur mit Anspannung aller Kräfte überwand. Und rastete man ein paar Minuten, so bohrte sich der Frost in alle Knochen, dass man klapperte. Ich wäre am liebsten umgekehrt, aber da fanden wir in einer Waldschlucht die Fähre und den frischen Watweg des Bären. Das belebte mich wieder. Langsam, mit übereinander gebissenen Zähnen jeden Schritt erkämpfend, ging’s über einen steilen Waldhang hinauf. Wer voraus watete, war nach fünf Minuten völlig fertig und musste zurückgenommen werden ans Ende des Zuges. Noch ehe wir die Bergkuppe erreichten, sah jeder von uns aus wie ein zerbrochener, um seine letzten Kräfte ringender Mensch. Und als wir droben waren, mussten wir nach kurzer Rast gleich wieder umkehren, wenn wir noch heimkommen wollten vor Anbruch der Nacht.

   Manchmal, wenn diese eisigen Schneemassen mich zäh umklammerten, war mir zumute, als müsste ich mich hinfallen lassen, um vor Müdigkeit und Zorn zu heulen. Aber der Gedanke an den sinkenden Abend war wie eine Peitsche, die mich vorwärts trieb. Man hätte eine Nacht in solchem Schnee und in solcher Kälte mit erfrorenen Händen und Füßen bezahlt, vielleicht mit dem Leben. Während die Dämmerung fiel und der Schnee in der wachsenden Kälte wie harter weißer Sand wurde, war mein Schritt nur noch ein Taumeln in völliger Erschöpfung.

   Wenn ich hinunter brach in ein Schneeloch, hatten viere an mir zu zerren, um mich wieder herauszubringen. Und daheim im Forsthaus musste ich, der ich doch wirklich kein schwächliches Mannsbild bin, zwei Tage liegen bleiben, mit lahm und starr gewordenen Knochen. – So kann ich den Karpaten der „holde Frühling“ sein. Und so ähnlich war es heuer da droben während der Ostertage, als die Österreicher, die Ungarn und unsere Feldgrauen den zähen Masseansturm der Russen abschlugen. Und wie muss es da droben erst ausgesehen haben in der richtigen Schneezeit, im tiefsten Winter? Bei diesem wochenlangen Liegen hinter den Schneewällen? Bei dem erbitterten Ringen um jeden Fußbreit der eisigen Todesmauer?

   Immer denke ich an dieses mutige Leiden, an diese tapfere Mühsal, während die rauschende Fahrt mich der Front im Osten näher und näher bringt.

   Der Morgen erwacht mit silbernem Funkelgesicht. Meine Augen suchen die gleitende Landschaft ab. Wie es drüben im Westen bei Dixmuiden für mich endete, so beginnt es hier: Mit weiten Überschwemmungsflächen und mit Schwärmen von Möwen. Da drüben war es der Yserkanal, hier ist es die Oder. Auch außer dem Namen des Flusses ist manches anders: Ich sehe keine zerstörten Gebäude, sehe auf den grünenden Frühlingswiesen nicht Hunderte von Kadavern liegen, sehe keine Spur von Verwüstung. Alle Dörfer sind unversehrt, jeder Acker ist angebaut, einer ist durchrissen von einem Schützengraben. Auf einem Saatfeld, über das der Waldsaum lange hellblaue Schatten hinwirft, äsen vier zierliche Rehe. Und alle Dinge, die von der Morgensonne umfunkelt sind, scheinen mit goldenem Lächeln das Wort zu flüstern: Friede im Land. Etwas ruhesam Heiteres bleibt auch in den Kriegsbildern, die nun beginnen und sich immer dichter aneinander reihen. Die Landsturmleute, welche die Eisenbahnbrücken bewachen, schreiten gemütlich im schönen Morgen hin und her. Auf einem großen Gebäude weht zwischen einer schwarz-weiß-roten und einer schwarz-gelben Fahne eine weiße Standarte mit dem roten Kreuz; in den Fenstern liegen genesende Soldaten, schwatzen miteinander und lasen von der warmen Sonne ihre geschorenen Köpfe umglänzen. Jetzt hält der Zug im Bahnhof einer kleinen Stadt. Den Bahnsteig erfüllt ein munteres und buntes Durcheinander von deutschen Feldgrauen, von österreichischen Graublauen und von ungarischen Husaren in roten Hosen – seit drei Monaten geschieht es zum ersten Mal, dass der Anblick von roten Hosen ein ungetrübtes Wohlgefallen in mir erweckt. Unter dem Soldatengewimmel, das gegen den Zug herandrängt, fällt mir ein allerliebstes Genrebildchen auf: Mars und Venus mit Nachwuchs – ein stattlicher Dragoneroffizier wird von seiner jungen, bildschönen Frau und zwei reizenden Kinderchen zum Kupee begleitet; der Offizier lacht; in seinen Augen funkelt die Freude; auch die schöne Frau ist heiter, nur ein bisschen bleich; und zärtlich hängen sich die beiden Mädelchen an den Vater, der auf seinem linken Arm ein kleines Azaleenbäumchen mit vielen blassroten Blüten trägt. – Auf welchem Karpatenbuckel steht die Reisighütte, in deren kaltem Dunkel diese Liebesblumen zwischen dem Neuschnee der letzten Nächte noch einige Tage blühen werden? – Sei barmherzig, du junger Frühling!

   Der lange Zug ist überfüllt mit Hunderten von Soldaten, die in erneuter Gesundheit aus Lazaretten und Genesungsheimen gekommen sind, um sich wieder zum Dienst an der Front zu stellen. Jeder Wagen ist eine Stube voll Heiterkeit. Überall frohe Stimmen und fröhliches Lachen. Dazwischen ein Gesang mit fremdartiger Melodie und in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ein Tiroler Jäger, mit dem Edelweiß auf der graublauen Kappe, lehnt sich weit aus dem Fenster heraus und bläst auf der Mundharmonika – man kann das nur sehen, nicht hören; Das Gerassel des Zuges verschlingt die zirpende Musik, die sehr schön sein muss, weil der Musikant beim Spielen die Augen so schwärmerisch einblinzelt. Ich glaube zu wissen, an was er denkt, und kann ihm seine Sehnsucht nachfühlen. – Ihr Berge daheim! Wann kommt die friedliche Stunde, in der ich euch wieder sehe? Nicht früher soll sie erscheinen, ehe nicht der werdende Sieg für uns vollkommen wurde! Sonst wäre die Heimkehr keine Freude, wäre Bitterkeit, wäre Schmach und Scham.

   Immer an diesem Gedanken hängend, träume ich durch das offene Fenster hinaus in die von Sonne umflossene südliche Weite. Und da quillt mir plötzlich etwas Heißes in die Seele, so heiß, wie ein Glück ist, und so heiß, wie Schmerzen sind. Gierig spähen meine Augen. Hinter den fernen Wäldern und Ackerkämmen taucht eine lange, lange, dunkelblaue Woge mit weißen Schaumköpfen empor. Immer höher steigt sie dem Himmel entgegen. Nun sieht sie aus wie die starre, aus Saphiren und Opalsteinen gefügte Mauer eines Märchengartens. Jetzt gleicht sie einem riesenhaften, aus Silber und blauer Seide gewirkten Teppich, der über den Horizont gespannt ist als der Vorhang eines großen Weltgeschehens – der Gipfelstock der Hohen Tatra im Neuschnee und die lange, in der Ferne verschwindende Kette der Karpaten.

   Ich kann nicht schildern, was mich durchzittert bei diesem Anblick und bei diesem Wort: „Karpaten!“

   Aus allen Gedanken, die mich durchwirbeln, schreit mit der stärksten Stimme immer wieder dieser eine heraus: „Da droben – in Mühsal und Entbehrung, in Kampf und Not, mit treuer Ausdauer und zähem Beharren, in rauen Stürmen und auf steinigen Boden, zwischen dem letzten Schnee und den ersten Blumen – da droben stehen die Unseren, Ihr und wir, die wir zusammengehören für den Sieg der Gegenwart und für die Ernte einer kommenden Zeit!“

   Da droben – wo es so blau ist und noch immer so weiß – da droben stehen Ungarn und Deutsche. Österreicher und Rheinländer, Kroaten und Tiroler – eine Mischung von Herren und Völkern, als wären die Bilder des Dreißigjährigen Krieges erneut – nur dass sich zwischen unsere Welt auf dem Boden von Mitteleuropa ganz wesentlich gebessert hat: Man steht nicht mehr gegeneinander, sondern hält zusammen, Stahl und Stahl, Schulter an Schulter und Herz an Herz.

   In einem langen, harten und opfervollen Krieg werden drückende Bürgersorgen leicht zu zweifelsüchtigen und ungerechten Nörgerln, Worte der Ungeduld zu stechenden Nadeln. In Gottes Namen, mag neben dem Großen auch das Kleine und Kleinliche nebenher laufen, da alles Menschliche sich mischt aus Schwäche und Kraft! Es muss nur nach jedem vorschnellen Urteil, nach jedem törichten Wort und jedem irrenden Zweifel die aufhellende Stunde kommen, in der man gerecht wird und sich des Besseren besinnt. Solch eine Stunde der Klärung und des Verstehens ist über mich gekommen, jetzt, beim Anblick dieser weit in die Ferne gebauten Berge mit den blauen Brüsten und den weißen kalten Stirnen. Immer blicke ich hinauf zu diesem harten, Menschen verschlingenden Kampfboden, auf dem die Unseren seit Monaten in Schnee und frost erfolgreich gegen eine Übermacht der feindlichen Masse ringen, und immer muss ich wieder an die kreuz nutzlose Spielerei meiner Bärenjagd denken, die mir in vierzehn weißen Stunden fast die Knochen zerbrach. Es mag wunderlich erscheinen, dass ich, beim Anblick der Karpaten und beim Gedanken an den gewaltigen Kampf dort oben, von einem kleinen persönlichen Erlebnis spreche. Den Umriss großer Dinge erfassen die Augen nicht leicht, aber rasch ermisst man den mahnenden Unterschied zwischen dem Kleinen und Riesenhaften. Um ganz zu fühlen, wie groß das Große ist, muss man es mit der Spanne der eigenen Hand messen, nicht mit Äquatorlängen.

   Da hält der Zug. Ich kann mich den erregenden Bildern, die mich erfüllen, nicht entreißen und merke nicht gleich, dass ich das erste Ziel meiner Fahrt erreicht habe. Nun ein frohes Aufatmen – man empfängt mich so herzlich, dass ich fühle: Hier bin ich in einer zweiten Heimat, nicht in der Fremde. Jedes Wort, das ich höre, ist wie ein warmes Umfassen meiner Hand, und jeder Blick, der dem meinen begegnet, ist ein ehrlicher Kameradengruß.

   Es kommen zwei Tage, die mir eine Fülle kräftig ineinander greifender Arbeit zeigen. Was ich erfahre und sehe, erklärt mir manche Dinge, die mir, da ich sie aus der Ferne betrachtete, nicht ganz verständlich waren. Jede Stunde nimmt eines von meinen vorschnellen und unzutreffenden Urteilen bei den Ohren, stülpt es um und stellt es auf ruhige Vernunftbeine. Von den reichen Eindrücken dieser beiden Tage, von den fesselnden Köpfen und Gestalten, die sie mir zeigten, werde ich noch erzählen. Heute stößt es mich vorwärts, heute treibt es mich, den Boden zu erreichen, den die Unseren tränken mit ihrem Blut, und auf dem sie für unsere Zukunft ackern mit aller Zähigkeit ihres gemeinsamen Willens und ihrer vereinten Kraft.

   Gleich die ersten Stunden der Autofahrt sind reich an Überraschungen. Was stellen wir, die wir Galizien noch nie gesehen haben, uns immer vor beim Klang dieses Namens! Die „polnische Lehmsuppe“ wird mir, wenn wieder Regentage kommen, wohl nicht erspart bleiben. Aber was ich heute bei trockener Frühlingsluft und im Glanz der Sonne sehe, ist eine feine, graziös gezeichnete Landschaft, über deren südwestlichen Hügelwellen immer die blaue Kette der weiß gekrönten Karpaten herüberblickt. Auf allen Feldern grünt schon die neue Weizensaat. Eng zusammen gehuschelte oder lang gestreckte Dörfer ziehen sich über die Hänge empor oder durch die Bachtäler hin, umschleiert von noch laublosen Obstbäumen. Dieser Schleier des Astwerkes gibt jedem Dorf was Geheimnisvolles; alles ist braun und grau ineinander gewoben; dazwischen sieht man nur kleine weiße Flecken, die in der Sonne leuchten. Winzige Häuschen! Man begreift nicht, wie Bauer und Bäuerin mit ihrem Kinderschwarm, mit Kuh und Ziege und Schweinchen hier ausreichenden Unterschlupf finden. Die alten Hütten haben Strohschöpfe, ein paar neue sind mit buntem Schiefer gedeckt, alle Häuschen aus Holz gebaut, dessen Blöcke weiß oder blau getüncht sind. Das macht einen netten und freundlichen Eindruck. Hühner und Pfauenhennen huschen über die Wege, und fast in jedem Dorf sieht man einen Storch über die Strohdächer hinschweben. Polen hat viele Störche, und sie scheinen fleißige Vögel zu sein – ein Konkurrenz, gegen die unsere deutschen Störche für die Zukunft energisch ankämpfen müssen; solche Arbeit ist manchmal unbequem, aber immer lohnend.

   Heute, weil Sonntag ist, liegen die Dörfer in friedsamer Ruhe. Nur die Landstraße ist belebt; in langen Reihen wandern die Leute zu den kleinen hölzernen Kirchen. Die vielen weißen Kopftücher der Weibsleute sehen aus wie Zeilen von Gänseblümchen. Vor dem Auto flattern sie links und rechts über den Straßengraben, um dem Staubwirbel zu entrinnen; dieses fluchtartige Ausweichen ist immer von heiterem Gelächter begleitet. Zwischen den Bauern sieht man Gruppen von Juden in ihren schwarzen Langröcken. Hat man nach dem weg oder sonst nach einer Sache zu fragen, so wendet man sich am besten an diese Lockenträger; sie sind freundlich und gefällig, antworten sachgemäß und sprechen fast immer ein gut verständliches Deutsch. Unter ihnen sieht man auch schöne, malerische Gestalten, während der Bauernschlag unschön und von grober Form ist; man entdeckt da nur selten einen gut gewachsenen Menschen. Der Patriotismus dieser Bauern scheint als Banner ein leicht drehbares Wetterfähnchen zu tragen – an zahlreichen polnischen oder ruthenischen Blockhütten hängt ein russisches Heiligenbild über der Haustür, als schützender Talisman für den Fall, dass die Russen, die hier schon waren, wieder einmal kommen sollten. Solche Vorsicht ist zwecklos; gegen das Wiederkommen der Russen haben die Ostertage in den Karpaten einen festen Riegel vorgeschoben; aber diese Verschwendung von Madonnen mit goldenem Heiligenschein und von moskowitisch geflügelten Engelsköpfen muss nachdenklich stimmen. Man erinnert sich dabei der empörenden, auf galizischem Boden allgegenwärtigen Spionage. Wer wird einmal in der Geschichte klarstellen, wie viel tüchtige Unternehmungen an der verhüllten Klippe des schleichenden Rubels scheitern mussten, aller Tapferkeit der Mannschaft, aller Umsicht der Führung zum Trotz? Und wer wird die Opfer zählen, die das kostete? Beim Anblick der Soldatengräber, die ich neben der Straße gewahre, befällt mich eine wühlende Erbitterung. Unwillkürlich muss ich die Hand des österreichischen Offiziers umklammern, der an meiner Seite im Wagen sitzt.

   Immer langsamer, immer schwieriger wird die Fahrt. Ist der Sonntag, bevor es Abend wurde, verwandelt in einen Werktag? Die staubende Lehmstraße ist hin und her besetzt mit langen Proviantkolonnen, mit leichten, von Blachen überspannten Wägelchen, vor denen die kleinen galizischen Pferde, obwohl sie wie klapperdürre Katzen aussehen, unverdrossen und energisch ziehen. Schreiende Kutscher und scheuende Gäule. Immer wieder überholen wir einen Dragonerzug und marschierende Reserven. Alles hat Linien, die für meine Augen neu sind, alles hat seltsame Farben, und alles ist umweht von den braungelben Wolken des Staubes.

   In dem ruhelos quirlenden Gewühl, das die Straße füllt, bleibt immer noch Ordnung. Manchmal scheint eine unlösbare Verwirrung den Weg zu verstopfen, aber schon nach wenigen Minuten ist der Knäuel wieder auseinander gezogen in zwei glatte Reihen, zwischen denen das Auto Raum findet. Jedes neue Dorf bringt eine Steigerung der kriegerischen Bilder, ein vermehrtes Soldatengewimmel zwischen den kleinen Häusern und den zu Gevierten aufgefahrenen Kolonnen. Feldküchen dampfen, und in jedem Bachtal stehen und hocken die Gruppen der Nackten und Halbnackten, die sich waschen und säubern. Zur Linken und Rechten der Straße, neben den Gewehrpyramiden liegen rastende Soldaten im jungen Gras, alle von gutem Ansehen, tadellos ausgerüstet, alle bei guter Laune, schwatzend und lachend. Und über alles funkelt die Sonne des leuchtenden Abends hin.

   Das weite Gelände, das ich überblicke, ist Boden, der den Russen wieder abgerungen wurde. Hier haben sie, die sich unter Freunden fühlten, nicht allzu übel gehaust. Nur selten sieht man in den Dörfern einige Häuser, die kein Dach mehr haben und deren mit Kalk getünchte Balken zur Hälfte verkohlt sind.

   Nun kommen die ersten Granatentrichter, ich sehe zerrupfte Hütten, und immer häufiger werden neben der Straße und an den Waldsäumen die Soldatengräber, deren Holzkreuze noch frisch sind, während der Hügel schon grün überwachsen ist – das Leben zieht immer wieder die Leichentücher des Todes fort und breitet seinen Frühlingsmantel über das Versunkene.

   Schon mehrmals war es mir, als hätte ich unter dem Geratter des Autos ein dumpfes Dröhnen vernommen. Nun höre ich deutlich, ganz in der Nähe, den Schuss eines schweren Geschützes. Und wieder fällt mir das erwartungsvolle und freudige Beben ins Blut, das mich seit drei Monaten an der westlichen Front auf jedem Wege begleitete. der Wagen hält, wir können nicht weiter fahren, die Straße steht unter feindlichem Feuer, und dort, wo sie hinübertauchen will über einen Hügelkamm, ist sie verriegelt durch einen gelben Wallstrich.

   Junge Offiziere empfangen und begrüßen mich. Ruhe ist in ihren braunen Gesichtern, die der galizische Winterschnee verbrannte, und in ihren Augen ist heller Glanz. Ich schüttle die Hände, die mir freundlich gereicht werden. Und da bin ich nun wieder an der Front und bin – ich fühle das in der ersten Minute – auch wieder in der Heimat des geduldigen Beharrens und der festen, von keinem Zweifel angebissenen Zuversicht, bin ferne von aller Ungeduld und fern von allem unbedachten Wortgefechte, wie wir’s zu Hause auf den Bierbänken und in den Teefauteuils zu klopfen leiben, nicht nur über die Gegner, auch über unser eigenes Werk und über die Freunde. Ich weiß doch: Wir glauben tief und glühend an die Gerechtigkeit unserer gemeinsamen Sache! Ist auch Gerechtigkeit in uns selbst? –

   Eine sorgsam gebaute Deckung verhüllt den großen Motormörser, dessen Schuss ich vorhin vernahm. Der Platz um ihn ist durchsiebt von runden Erdlöchern mit zerrissenen Rändern. Ich sehe eine Reihe von Graublauen, die wie unbewegliche Säulen stehen. Nun ein Kommando. Alles Ruhende wird rasche Bewegung. Und jetzt stehe ich bei dem gelben Wall und schaue hinunter in das breite, herrliche Tal des Dunajec. Neben dem Strom, auf einer Wiese, spazieren sieben Störche zwischen schillernden Pfützen umher – das einzige Leben, das zu erblicken ist! Und auf dem anderen Ufer des Flusses, der im Glanz des versinkenden abends wie ein Blutbach zu rinnen scheint, klettern über steiles Waldgehänge die gelben Zickzackstriche, die Stellungen der Russen, zur Kuppe des Berges hinauf.

   Ein Dröhnen hinter uns, ein wildes Sausen und Heulen in der Luft. Ich fange die Sekunden zu zählen an und zähle bis vierundfünfzig – dann fährt auf der Höhe des feindlichen Berges eine riesenhafte schwarze Garbe gegen den leuchtenden Himmel empor. Die Granate des österreichischen Geschützes durchschlug das Dach eines russischen Unterstandes. Ich sehe da drüben für wenige Sekunden ein flinkes Gewimmel, wie von vielen winzigen schwarzen Flöhen, die entspringen. Dann ist alles verschwunden, alles wieder ruhig, alles wieder öde. Nur die sieben Störche sind noch da. Und nach einer Weile rollt der Donner des Granatenschlages durch die brennenden Lüfte zu uns herüber.

   Vor meinen Augen ist das mächtige Tor des Krieges wieder aufgetan, der sich einhüllt in den Scharlachmantel eines schönen Abends.

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