Ludwig Ganghofer

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Ludwig Ganghofer - Bergheimat

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Die Seeleitnersleut

„Hat ihn schon!“, rief der Jagdgehilfe, als mein Schuss im Bergwald verhallte und der Hirsch in rasender Flucht über den steinigen Hang hinaufstürmte.

Pochenden Herzens sah ich dem flüchtigen Tiere nach, sah es stürzen, wieder aufspringen und weiterfliehen – nun brach es nieder, und sich überschlagend, kollerte es die Höhe hinunter, dass die Steine rasselten und die Aste flogen, die es im Sturz mit seinem mächtigen Geweih zerschlug.

Seit drei Tagen war ich unter der Führung Anderls, des Jachenauer Jagdgehilfen, diesem Hirsch vergebens nachgestiegen. Nun hatte mich ganz unerwartet ein glücklicher Zufall zu Schuss gebracht. Während ich in Gedanken die Überraschung noch einmal nachfühlte, die ich empfunden hatte, als ich, von Anderl aus einem unweidmännischen Mittagsschläfchen geweckt, den Hirsch auf achtzig Schritt vor mir im Jungholz gewahrte, sah ich durch den schattigen Bergwald hinunter. Zwischen den Ästen schimmerte ein helles Blaugrün.

„Was glänzt da drunten durch die Bäume?“, fragte ich den Jäger.

Er hob den Kopf. „Dös is der Walchensee.“

„Was? Sind wir so nah beim See?“

„No freilich, kaum a Viertelstündl den Berg abi und über a schmale Wiesen, so sind S’ am Wasser. Ja, wir sind gut dritthalb Stund von der Jachenau. Sö sind halt noch net lang in der Gegend. Da können S’ Ihnen net recht verorientieren.“

Immer wieder musste ich zu dem lockenden Schimmer hinunterblicken. Das wäre ein Hochgenuss: Bei dieser drückenden Sommerhitze da drunten hineinzuspringen ins kühle Bergwasser.

,Anderl? Möchtest du ein Stündel auf mich warten?“

„Gern. Warum denn?“

„Ich möchte baden.“

Anderl lachte. „Wann S’ dös wollen, kann ich Ihnen an andern Fürschlag machen. Den Hirsch können wir net liegen lassen bei so einer Hitz. Da richt ich an Schlitten zamm. Nacher ziehen wir den Hirsch abi bis zum Straßl am See. Drunt schick ich an Buben in d’ Jachenau um an Wagen. Und Sö können baden derweil. Grad gnug. Is Ihnen dös recht?“

„Großartig! Fein!“

Als Anderl mit seiner roten Jägerarbeit zu Ende war, schnitt er starke, lange Äste von den Bäumen und flocht sie durcheinander, dass sie ein festes und doch elastisches Kissen bildeten. Auf diesen grünen Schlitten hoben wir den Hirsch und schleiften ihn über den Berghang hinunter.

Als wir den Waldsaum erreichten, blieb ich stehen und betrachtete das wundervolle Bild, das der See mit seiner schillernden Wasserfläche und seinem dunkeln, bergigen Hintergrunde bot.

„Was ist das für ein Haus da drunten?“, fragte ich und deutete auf einen kleinen Bauernhof am Rand der hügeligen Wiese, die sich vom Waldsaum gegen den See hinuntersenkte.

„‚Beim Seeleitner’ heißt man’s. Der Alte is verstorben, und jetzt hausen da seine drei Kinder, zwei Buben und a Madl, die Mali. Dös is die beste Sängerin weit umundum in der ganzen Gegend. Da haben d’ Jachenauer d’ Ohren gspitzt, wann d’ Mali am Sonntag im Hochamt gsungen hat. Schad, jetzt geht’s schon lang nimmer eini in d’ Jachenau und singt nimmer in der Kirch, seit ihr d’ Singerei zu einer unglücklichen Liebsgschicht verholfen hat.“ Anderl griff wieder nach den Ästen des Schlittens. „Jetzt machen wir aber, dass wir abi kommen!“

Einige Minuten noch, und wir standen im Schatten des Hauses. Anderl zog den Hirsch ins Gras, riss die verflochtenen Aste auseinander und deckte sie zum Schutz gegen die Fliegen über das tote Tier.

Da klang ein Schritt im gepflasterten Hofraum. Um die Hausecke bog ein schlank aufgeschossener Bursch von etwa achtundzwanzig Jahren. Ein grobes Hemd, eine abgewetzte Tuchhose und plumpe Lederpantoffeln, das war seine Kleidung. In der Hand trug er einen Hammer, und zwischen den Lippen hielt er ein paar lange Bretternägel. Sein Haar war kurz geschoren. Unter der Stirn, auf der sich Falte an Falte reihte, blickten finstere, unruhige Augen hervor. Das Gesicht hatte einen galligen Ausdruck.

„Grüß Gott, Lipp!“

Mit kaum merklichem Nicken dankte der Bursch für den Gruß des Jägers, ging auf den Hirsch zu und hob mit dem Fuß die Zweige, die das Tier bedeckten.

„Du, Lipp, magst net so gut sein, natürlich gegen a richtigs Trinkgeld, und in d’ Jachenau einispringen und dem Herrn Oberförster ausrichten, dass er an Wagen für’n Hirsch aussischickt? Da kannst mit’m Wagen zruckfahren.“

„Ja, schon!“, brummte Lipp. „Aber so pressieren wird’s net, dass man grad so springen muss? Ich bin allein im Haus. Der Bruder is draußen am See, und d’ Mali is in Urfeld drüben. Sie muss jeden Augenblick heimkommen. Ich kann mir sowieso net denken, warum s’ solang ausbleibt, dö greinige Hatschen!“

„Heut hast aber wieder an schiechen Tag!“, lachte Anderl, während wir dem Burschen in den Hofraum folgten.

Lipp überhörte diese Worte. Ohne sich umzusehen, rief er: „Geht’s nur derweil in d’ Stuben eini!“ Er trat auf den Zaun des kleinen Gemüsegartens zu, dessen neue Staketen vermuten ließen, dass unser Kommen den Burschen in der Ausbesserung des Zaunes unterbrochen hatte.

Wir gingen in die Stube. Ein niedriger Raum mit vier kleinen Fenstern; in der Lichtecke der gescheuerte Tisch vor den beiden in die Mauer eingelassenen Bänken, darüber im Wandwinkel das Kruzifix mit den unvermeidlichen Palmzweigen; in der gegenüberliegenden Ecke der grüne Kachelofen mit den durch Schnüre an die Decke gehefteten Trockenstangen; daneben ein altes Ledersofa und neben der Tür ein Geschirrkasten – eine Bauernstube wie hundert andere. Der einzige Schmuck dieser Stube war eine schöne, mit Perlmutter eingelegte Gitarre, die zwischen zwei Fenstern an der Wand hing.

Wir stellten unsere Gewehre hinter den Ofen. Während Anderl sich auf das Ledersofa streckte, verließ ich die Stube wieder, um drunten am See eine Stelle für das erwünschte Bad zu suchen.

Unweit vom Hause floss ein breiter, seichter Bach aus dem See, die Jachen. Es führte wohl ein Steg hinüber, aber das Seeufer da drüben schien sumpfig oder versandet. Ich folgte also dem schmalen Sträßchen, das am diesseitigen Ufer hinlief.

Eine weite Strecke war ich schon den See entlang gewandert, ohne einen guten Badeplatz gefunden zu haben. Das Ufer war entweder dicht mit Gesträuch bewachsen oder so steil, dass das Aussteigen aus dem Wasser eine unangenehme Sache gewesen wäre.

Schon wollte ich wieder umkehren, als ich nahe vor mir ein Geräusch hörte wie von einem Stein, der ins Wasser fällt. Bei einer Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Felsplateau, das vom Sträßchen in den See hineinsprang. Auf einer niederen Holzbank saß ein Mädel in einem dunklen, halb städtisch geschnittenen Kleid. Das weiße Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, war in den Nacken zurückgefallen, so dass sich das feine Profil des Gesichtes und die wohlgestaltete Form des Kopfes scharf vom schimmernden Seespiegel abhoben. Regungslos ruhte ihr Blick auf dem Wasser, während sie den einen Arm um ein kleines, rot bemaltes Kreuz geschlungen hielt.

Nun musste sie meinen Schritt vernommen haben. Sie wandte das Gesicht, erhob sich rasch, und während sie noch einen Blick auf die verlassene Stelle warf, bekreuzte sie die Stirne, den Mund und die Brust, als hätte sie gebetet.

Während sie auf die Straße trat, hob sie die Arme und zog mit beiden Händen das weiße Tuch über den Kopf bis tief in die Stirn. Ich staunte bei dieser Bewegung über die schöne Regelmäßigkeit ihrer Gestalt.

Nun war sie mir so nahe, dass ich das Gesicht trotz des Schattens, den das vorgezogene Tuch darüber warf, deutlich unterscheiden konnte. Das musste die Mali sein! Die Ähnlichkeit mit Lipp war unverkennbar. Freilich war das eine Ähnlichkeit wie die Ähnlichkeit von Tag und Nacht, die beide doch auch Geschwister, Kinder der gleichen Mutter Sonne sind. Was in Lipps Zügen gallige Verbissenheit, das war hier das Erbe überwundener Schmerzen; was in Lipps Augen finstere Unruh, das war in diesen großen, dunklen Sternen eine tiefe Schwermut.

„Grüß Gott, Herr!“, sagte sie leise.

„Grüß Gott auch!“, dankte ich und blieb stehen, um ihr nachzuschauen. Mich hatte diese weiche, klangvolle Altstimme eigentümlich berührt. Es war, als hätte sie den Gruß nicht gesprochen, sondern gesungen.

Als sie an der Wegbiegung verschwand, ging ich der Stelle zu, wo sie geruht hatte. Schon beim näher Treten erkannte ich das kleine Holzkreuz als ein „Marterl“. Auf dem Blechschild, das auf das Kreuz genagelt war, sah ich den See in Farben abgebildet. Meine Phantasie redete mir ein, dass diese weißen, blauen und grünen Sicheln den See und seine Wellen, diese braunen und grauen Dreiecke darüber die Berge des Hintergrundes vorstellen möchten. Aus dem gemalten Wasser ragten zwei bleiche Hände mit gespreizten Fingern. Und darunter stand in schwarzen, klecksigen Buchstaben auf weißem Grunde:

Wanderer, ein Vaterunser!

Hier an dieser Stelle im Wasser starb in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober des Jahres 1875 der ehr- und tugendsame Jüngling Dominicus Haselwanter, Schulgehilfe in der Jachenau, in der Blüte seines Lebens eines unglücklichen Todes infolge von Ertrinkens, als er gerade von einer Kirchweih in Urfeld nach Hause ging.

Wanderer, ein Vaterunser!

Der See ist weit, der See ist breit,
Der See ist tief wie d’ Ewigkeit.
Gott lohn der Erde Not und Leid
Dem Toten mit der Seligkeit.
Herr, gib ihm die ewige Ruh!
R.I.P.

Nach einer Stunde – ich hatte noch gefunden, was ich suchte – kehrte ich zu dem Bauernhaus zurück. Als ich in die Stube trat, rief mir Anderl aus dem Herrgottswinkel über den Tisch entgegen: „Jetzt kriegen wir ebbes Guts zum Essen!“ Er deutete mit dem Daumen nach einem etwa fünfunddreißigjährigen Burschen, der neben ihm am Tische saß: „Der Christl hat a paar Pfund von die schönsten Forellen mit heimgebracht. Ich hab mir denkt, Sie werden aufs Bad auffi an rechten Hunger kriegen. Drum hab ich ihm d’ Forellen abgehandelt, und d’ Mali steht schon am Herd.“

„Wer ist denn der da?“, wandte sich Christl, unbekümmert um meine Gegenwart, an den Jäger.

Ich hatte mir einen dreibeinigen Stuhl an den Tisch gezogen, und während Anderl die Neugier des Bauern befriedigte, konnte ich den Christl mit Muße betrachten. Auch an ihm war die Ähnlichkeit mit den Geschwistern auf den ersten Blick ersichtlich. Was diese Ähnlichkeit an den dreien ausmachte, war die tiefe Senkung der Nasenwurzel, das scharfe Hervortreten der Augenbogen mit den gradlinigen, fast schwarzen Brauen und besonders die eigenartige Zeichnung der schmalen Lippen.

Trotz der auffallenden Ähnlichkeit war der Ausdruck in Christls Gesicht von dem der anderen wieder ganz verschieden. Eine gedankenlose Trägheit sprach aus den schlaffen Wangen und aus der Art, wie er beim Zuhören die Zunge zwischen den Zähnen hielt, so dass sie die Unterlippe bedeckte. Sah er einem ins Gesicht, so kniff er das linke Auge ein, dass es fast geschlossen erschien. In diesem halben Blick lag es wie furchtsames Misstrauen.

Auf meine Fragen über den See, über die Fischgattungen und die Art ihres Fanges gab er kurze, ungenügende Antworten; doch schien mir das weniger einem Mangel an gutem Willen zu entspringen als der trägen Unfähigkeit, auf eine sachliche Frage mit überdachten Worten zu erwidern.

Nicht lange war ich so am Tisch gesessen, als sich die Stubentür öffnete und Anderl mir zurief: „Da is die Mali! jetzt schauen Sie’s an!“

Ich gewahrte, wie dem Mädel ein flüchtiges Rot über die Wangen huschte. „Wir haben schon halb und halb Bekanntschaft gemacht. Gelt, Mali?“ Ich bot ihr die Hand, in die sie wortlos einschlug.

„Bekanntschaft? Wo denn?“, fragte Anderl neugierig.

„Drunten am See, wo das Marterl steht.“ Ich sah die Mali an, die aus der Tischlade zwei Essbestecke hervor nahm. „Hast du für die arme Seele ein Vaterunser gebetet?“

Unwillig erhob sich Christl. „Dö verruckte Narretei kunnt schon bald amal an End haben!“, schnauzte er die Schwester an, verließ die Stube und schlug die Tür zu, dass die Fensterscheiben klirrten.

„Was ist denn?“, fragte ich verdutzt. Da spürte ich unter dem Tisch einen recht ungelinden Fußtritt, und als ich den Jäger verwundert ansah, blinzelte er und machte heimliche Zeichen. Unwillkürlich suchte mein Blick das Gesicht der Mali, die vor uns ein blaues, verwaschenes Tischtuch ausbreitete. Ihre Züge waren starr und hart. Über die gesenkten Lider ging ein leichtes Zittern, wie ein Anzeichen naher Tränen. Nun wandte sie sich hastig ab und ging auf den Geschirrkasten zu; als sie wiederkam und zwei weiß glasierte irdene Teller auf den Tisch setzte, gewahrte ich einen glänzenden Schimmer an ihren Wimpern.

Ich fasste ihre Hand. „Mali! Es wäre mir leid, wenn ich etwas gesagt hätte, was dir nicht lieb war?“

Sie schüttelte stumm den Kopf und ging aus der Stube.

„Anderl! Was hab ich denn angestellt?“

„Gar net so viel! Sö hätten halt vor’m Christl net sagen sollen, dass d’ Mali beim Marterl war. Dö zwei Buben haben’s net gern, dass d’ Schwester noch allweil an dem Platzl hängt. Wann der Lipp von der Jachenau heimkommt und der ander sagt’s ihm, so kriegt d’ Mali an groben Putzer. Aber Sö haben ja net wissen können –“ Anderl schwieg, weil Mali in die Stube trat.

Auf einer flachen, zinnernen Schüssel brachte sie die Forellen, die, wie ich zu meinem Schreck bemerkte, mit Semmelbröseln gebacken waren. Dennoch mundeten sie mir. Die Morgenpirsch und das kalte Bad hatten mich hungrig gemacht.

Meiner Einladung folgend, holte Mali für sich einen Teller und setzte sich zu uns an den Tisch. Sie stocherte an dem kleinen Stück Fisch herum, das sie genommen hatte, hob einen sorgsam gesäuberten Bissen auf die Zungenspitze, legte die Gabel wieder fort und schob den Teller von sich. „Ich weiß net“, sagte sie, „jetzt haben wir bei uns fast Tag für Tag Fisch in der Schüssel, und noch allweil hab ich mich net dran gwöhnen können. Fisch hab ich nie net mögen. Und jetzt schon gar nimmer!“

„Ja! Ich begreif’s!“, sagte der Jäger. Er deutete auf die letzte Forelle, sah mich an und fragte: „Mögen Sie’s noch?“ Als ich den Kopf schüttelte, packte er den Fisch bei der starren Schwanzflosse, und während er ihn auf seinen Teller niederklatschen ließ, sagte er zu Mali: „Da is dein Bruder, der Christl, an andrer Fischesser wie du! Den hab ich neulich in Urfeld vier oder fünf Pfund zammraumen sehen – dös is bloß so a Hui gwesen. Aber gelt, jetzt hast dich ärgern müssen wegen seiner unguten Red?“

„Ah na!“, erwiderte Mali ruhig. „Da hätt ich viel z’ tun den ganzen Tag, wann ich mich jedes Mal ärgern wollt. Von dene zwei bin ich d’ Roheiten gwöhnt. So ebbes lauft an mir ab wie ‘s Wasser am Stein.“ Sie erhob sich, um den Tisch zu räumen.

„Wart a bissl, nacher hilf ich dir!“ brummte Anderl, während er den letzten Bissen in den Mund schob. Er stellte die Teller übereinander, legte sie mit dem Besteck in die Schüssel und trug sie in die Küche.

„Schau, solltest bald heiraten!“, rief ihm Mali scherzend nach, während sie den Brotlaib und das Salzbüchsl in die Tischlade schob. „Du gäbst an guten Mann ab, der seiner Frau manchen Gang verspart.“

„Kannst net wissen, ob’s net bald amal kracht!“, klang von draußen die heitere Stimme des Jägers.

Mali lächelte. „Ich glaub gar, du Schlaucherl, du hast ebbes im Sinn?“

„Kann schon sein!“, entgegnete Anderl, der wieder in die Stube trat, während Mali vor dem Fenster die Brosamen vom Tischtuch schüttelte.

Ich war aufgestanden, hatte die Gitarre von der Wand gehoben und schraubte die Saiten, um eine passable Stimmung herauszubringen. Das wollte nicht recht gelingen. Mali, die lächelnd zugesehen hatte, nahm mir das Instrument aus der Hand. Sie griff ein paar Akkorde, drehte die Schrauben, und als die Töne richtig klangen, reichte sie mir das Instrument mit den Worten: „So, Herr, jetzt müssen S’ ebbes aufspielen!“

„Können vor Lachen!“, erwiderte ich, die Fingerstellung eines Akkordes zusammensuchend.

Anderl puffte das Mädel mit dem Ellbogen an: „Gib lieber selber was zum besten! Ich hab dem Herrn schon verzählt, was für a Zeiserl du bist! Und dass dich im weiten Walchental und in der ganzen Jachenau kein Madl net hinsingt. Geh, sing uns eins von deine hundert Liedln.“

Ein Schatten von Trauer legte sich über Malis Gesicht. „Du weißt, ich sing nimmer gern. Und der Herr wird schon ebbes bessers ghört haben, als wie ’s a Bauernmadl kann.“

Ich hielt dem Mädel die Gitarre hin. „Wenn ich auch schon manche gute Sängerin ghört habe, deswegen kann mir auch ein Liedl von dir gefallen. Vielleicht noch besser!“

Mali schüttelte den Kopf. „Es geht net! Und wann ich auch selber möcht – was tät der Bruder sagen, wann er mich am Werktag singen höret? Und ich hab schon lang nimmer gsungen. Mein’ schier, es fallt mir gar kein Liedl nimmer ein!“

„Ah bah! Da brauchst bloß dein Singbuch aus der Kammer holen.“ Anderl wandte sich zu mir: „Wissen S’, d’Mali hat a dicks Buch, da stehen die Gstanzln und Gsangln nach’m Hundert drin.“

Ein Liederbuch, jedenfalls ein geschriebenes! Das war für mich, wie der Bayer sagt, „ein gemähtes Wieserl“. Um eines neuen Volksliedes willen wär’ ich Stunden weit gegangen. Nun trat für mich der Gesang des Mädels in den Hintergrund, das Buch war mir die Hauptsache. Ich sagte: „Wenn du nicht singen willst, so zeig mir dein Liederbuch!“

Mali zögerte. Mein Wunsch kam ihr nicht gelegen. Dann nickte sie und verließ die Stube.

Als sie wiederkam, trug sie auf dem Arm ein großes, hübsch gebundenes Buch. Sie wischte mit der Schürze über den Tisch und legte das Buch vor mich hin. „Müssen S’ aber recht Obacht geben, dass kein Fleck net einikommt!“ Mit misstrauischem Blick verfolgte sie meine Hand, die den Deckel des Buches aufschlug.

Da stand auf dem ersten Blatt in kunstvoller Rundschrift:

Lieder und Gesänge
für ein und zwei Stimmen, mit Gitarrenbegleitung
(von Verschiedenen)

für

Fräulein Amalie Leitner
zu deren dreiundzwanzigstem Geburtstag
zusammengestellt und aufgeschrieben

von

Dominicus Haselwanter,
Schulgehilfe in der Jachenau.

Dominicus Haselwanter! Als ich diesen Namen las, musste ich aufblicken. Es war der Name, der draußen am See auf dem Marterl angeschrieben stand.

Eine Weile noch blieb Mali vor mir stehen, um sich von der Achtsamkeit zu überzeugen, mit der ich das Buch behandelte. Dann verließ sie die Stube, um ihrer Arbeit nachzugehen.

Anderl hatte sich auf das Sofa gestreckt und schmauchte sein Pfeifchen. So konnte ich ungestört das Buch durchblättern. Die Lieder, die ich fand, waren meistens alte, gute Bekannte – einfache, gemütvolle, sinnige Volksweisen, wie sie zwischen Königssee und Mittenwald allerorten von Burschen und Mädchen gesungen werden. Bei den meisten dieser Lieder war nur vor jeder Strophe die Tonart der Begleitung durch lateinische Buchstaben angegeben, andere waren unter sauber gezogene Notenlinien geschrieben, Melodie und Begleitung wie gestochen. Zwischen dieser heimischen Gesellschaft fanden sich auch Liedergäste, die sich in solcher Umgebung seltsam ausnahmen: „Gute Nacht, du mein herziges Kind“, Schuberts Ständchen, das Mozartsche Kirchenlied „Ich will dich lieben, meine Stärke“, und Beethovens „Adelaide“ auf dem gleichen Blatt mit dem Wiener Couplet: „Ja so zwa, wie mir zwa, dös findt ma net leicht!“

Wenn ich unter den Dialektliedern eines fand, das ich noch nicht kannte, schrieb ich es in mein Notizbuch ein. Unter anderem fiel mir auch ein Lied auf, dessen Inhalt in eigentümlichem Kontrast zu dem hoch klingenden Titel stand, den es trug, und das mich doppelt interessierte, weil unter der letzten Strophe „Dominicus Haselwanter“ als Dichter verzeichnet war. Das Lied war überschrieben: „Abschied an Amalie!“ – und lautete:

Und i kon halt net bleibn,
Und i mueß wieder fort –
Drum pfüet di Gott, Deanerl!
Gelt, dös is a Wort!

Es druckt oam schier’s Herz ab
Und sagt si so schwaar –
Woaß Gott, i gang leichter,
Wann’s net a so waar!

Mei Load, dös gheart mei,
Und dös trag i mit mir,
Mei Herzerl gheart dei,
Und drum bleibt’s aa bei dir!

So pfüet di Gott, Deanerl,
jatz geht’s halt dahi –
Hast grad amal Zeit,
Nacha denkst halt an mi!

Noch war ich mit der Abschrift dieses Liedes nicht zu Ende gekommen, als Mali wieder in die Stube trat. Sie setzte sich zu mir auf die Bank und sah mir eine Zeitlang schweigend zu. „Warum schreiben S’ denn dös Gsangl ab?“, fragte sie mich endlich mit halblauter Stimme.

„Weil’s mir gefällt.“

„Ja, es is eins von die schönsten im ganzen Buch. Aber weiter hinten kommt noch a schöners!“

Sie hatte zugegriffen, um dieses schönere Lied aufzuschlagen. Ich zog ihr das Buch unter den Händen weg. „Nur langsam! Wir werden es schon erwischen. Alles der Reihe nach!“ Dann blätterte ich weiter, und Mali sah mir über die Schulter, an das eine und andere Lied kleine Bemerkungen knüpfend: Dass sie es gern oder ungern gesungen hätte, dass es leicht oder schwer zu begleiten wäre.

So schlug ich wieder einmal ein Blatt um. „Dös da!“, rief Mali erregt, während sie auf ein Lied deutete, das überschrieben war: „Der Jäger am Walchensee“.

„Dös hat er allweil am liebsten gsungen, fast jeds Mal, sooft er bei mir heraußen war!“, sagte sie mit gepresster Stimme.

„Ist das Lied von ihm selbst?“

„So halb und halb. Wissen S’, die jagerischen Sachen sind aus ei’m alten Lied, aber den Anfang und ’s End hat er selm verfasst.“

Schweigend sah sie mir zu, während ich das Lied abschrieb. Als ich damit zu Ende war, fragte ich: „Wie geht das Lied?“

Sie griff nach der Gitarre und begann mit halber Stimme zu singen, die Weise mit leisen Akkorden begleitend. Ich vermutete, dass sie nach der ersten Strophe wieder abbrechen würde, täuschte mich aber. Von Wort zu Wort hob sich ihre Stimme und verstärkte sich der Klang der Saiten.

Anderl richtete sich auf und lauschte gleich mir dem Gesang des Mädels. Es war eine Altstimme, weich und schmiegsam. So kunstlos die Art des Gesanges war, so ergreifend war dieser Ton. Die Weise des Liedes war einförmig und bewegte sich, von eigentümlich schwermütigen Jodelläufen unterbrochen, innerhalb des Umfanges einer Quint; dazu der getragene Klang der von schmerzlicher Empfindung bewegten Stimme, so dass der Gesang wunderlich kontrastierte mit dem fröhlichen Sinn der gesungenen Worte:

A See, der is blau, der liegt tief in ei’m Tol –
Da woaß i a Deandl, dös gfallt m’r so wohl.

Dös Deandl, dös is grad wie Milch und wie Bluet,
Wie a Rehcherl so sanft, wie a Lamperl so guet.

Dös Deandl kon singen wie ’s Zeiserl am Baam,
Und Ziedern kon’s schlagn wie a himmlischer Traam.

Und juchezt mei Deandl, so ziedert da See,
Und die Berg alle wackeln bis auffa in d’ Höh.

Um di, du mei Deandl, draht si alls, was i bin,
Dei ghear i, dei bleib i mit Herz und mit Sinn.

Und schieß i an Garnsbock, a schwarzer muss ’s sein,
Der Gamsbart, liebs Deandl, der gheart nacha dein.

Und wann i am Berg wo an Edelweiß find,
Pass auf, was i für a schöns Sträußerl dir bind.

Und is wo a Schießn, so geh i dazua,
Dös schönst seiden Tüchel daschießt dr dei Bua.

Du bist amal mei, und di geb i net auf,
Mei Seligkeit, Schatzerl, vaschwör i dadrauf.

Und müeßt i bald sterbn und graben s’ mi ein,
Mei Grab dös mueß nacher am Walchensee sein!

Mali schwieg. Regungslos, den Kopf gesenkt, starrte sie nieder auf die Gitarre, in deren Saiten noch ihre Finger lagen, während schimmernde Tränen über ihre Wangen rollten und nieder tropften auf ihre Brust.

„Wie er mir zum ersten Mal dös Lied gsungen hat“, sprach sie mit versagender Stimme vor sich hin, „da hätt er sich wohl net denkt, dass sein Lied so traurig zur Wahrheit werden müsst. Jetzt is der Walchensee sein Grab – a Grab, so tief, dass man kein’ drin findt vor’m jüngsten Tag.“

Die Tür wurde aufgerissen, und Lipp trat in die Stube. Heißer Zorn lag auf seinem Gesicht. Mit schriller Stimme schrie er die Schwester an: „Du hast wohl kei’ Arbet riet, dass d’ umanand hocken kannst und dene zwei was fürplärren!“ Er riss ihr die Gitarre aus den Händen und warf sie in eine Fensternische, dass es krachte und klirrte. „Mach, dass d’ aussi kommst in’ Stall! Unsere Küh haben an deiner Dudlerei net gfressen.“

Mali warf einen stummen Blick auf ihren Bruder, ging zum Fenster, nahm die Gitarre und hängte sie an die Wand. Dann zog sie das Liederbuch vom Tisch und verließ die Stube.

Lipp hatte Hut und Joppe hinter den Ofen geschleudert. Während er die Nagelschuhe herunterstreifte, rief er dem Jäger zu: „Der Wagen steht draußen! Im übrigen will ich dir ebbes sagen: Wann du bei uns kein anders Gschäft net hast, als dass d’ mir d’ Schwester zum Faulenzen anhaltst, nacher därfst daheim bleiben!“

Anderl war dicht vor den Burschen hingetreten. „Lipp! Wegen deiner Flegelei gegen ’s Madl kann ich dir nix sagen. Da hab ich kein Recht dazu. Aber gegen mich, dös därfst dir merken, musst deine Wörtl a bissl sanfter zammklauben. Sonst zeig ich dir, für was unser Herrgott d’ Haselnussstauden hat wachsen lassen. Verstehst mich?“

„Oho!“, fuhr der Lümmel auf. „Dös wär mir grad noch ’s Rechte! In mei’m eigenen Haus müsst ich mir –“

„Sei stad!“, fiel ihm Anderl ins Wort. „Wir wissen schon, dass d’ a Lackl bist! Brauchst kei’ weiters Zeugnis bringen.“ Während er Gewehr und Rucksack aufnahm, wandte er sich zu mir: „Geben S’ ihm a Markstückl! Dös hat er verdient für ’n Gang. Und fertig!“
Ich reichte dem Lipp einen Taler, den er brummend einsteckte.

Als ich davon fuhr, wandte ich das Gesicht. Das Mädel war nicht zu sehen. Nur die Brüder sah ich. Christl hantierte drunten am See an einem alten Boot, und Lipp hämmerte am Gartenzaun wütend auf die Staketen los.

 

Zehn Tage waren vergangen. So lieb mir der Aufenthalt in der wiesenblühenden Jachenau geworden, endlich musste ich ans Wandern denken. Ich hatte noch einen schönen Weg vor mir: Über Urfeld und Walchensee nach der Vorderriß.

Dieser Weg führte mich wieder zu der Stelle, an der ich vor zehn Tagen den glücklichen Schuss getan hatte. Der Seespiegel schimmerte. Weshalb den weiten Umweg über Urfeld machen? Wenn ich mich von einem der Seeleitnersbuben nach Walchensee hinüberrudern ließe?

Rasch entschlossen wandte ich mich talwärts, versah mich aber in der Richtung. Als ich den Rand des Gehölzes erreichte, lag nicht die Wiese mit dem Haus der Seeleitnersleute vor mir, sondern die schmale Straße und hinter ihr der stillblaue See. Vom Ufer her vernahm ich den dumpfen Hall rasch aufeinander folgender Schläge – da war wohl irgendwo ein Holzknecht damit beschäftigt, Baumklötze oder Wurzelstöcke auseinanderzukeilen. Plötzlich, nahe vor mir, verstummten die Schläge; ich bog um die Waldecke und stand vor dem Marterl des verunglückten Schulgehilfen. Aber kein Mensch war da. Als ich aufhorchte, hörte ich flinke Tapper im Wald. Sprang da einer davon? Und warum?

Ich trat auf die Felsplatte hinaus, las wieder die Inschrift des Marterls und musste der zierlichen Schrift in Malis Liederbuch gedenken. Schon wollte ich wieder auf den Weg zurück. Da machte ich eine sonderbare Entdeckung. In der ganzen Breite, in der die Felsplatte mit dem Straßenkörper zusammenhing, war sie von tiefen Rissen durchzogen und zerspaltet. Und eingetrieben in solch einen Spalt, stak ein dicker, an seinem Kopf zu Fasern zerschlagener Holzkeil.

Eine Viertelstunde später betrat ich den Hof des Seeleitnerhauses und hörte aus der Stalltür eine scheltende Männerstimme. Christl, beim Futterbarren, legte die rostige Stallkette um den Hals eines Ochsen, dem er haarige Zärtlichkeiten gegen die Hörner schrie.

„Bist du allein daheim?“

„Na! Der Lipp is draußen im Holz, aber ’s Madl is da. Warum?“

„Ich möchte mit einem Boot nach Walchensee fahren.“

„So, so?“ Christl presste die Fäuste hinter die Hüften und verzog das Gesicht, als hätte er Schmerzen im Rücken. „Ich selber kann net furt, aber ’s Madl kann ummifahren. Was zahlen S’ denn?“

„Was du verlangst.“

„Zwei Mark fufzg? Dös wär net z’viel?“

„Gut! Ein Trinkgeld leg’ ich auch noch zu, dann bekommt das Mädel drei Mark.“

„Ah na! Dös heißt, mit die drei Mark bin ich einverstanden. Aber mir müssen S’ es zahlen, gleich vor’m Fahren!“

Ich reichte ihm das Geld, das er schmunzelnd einsteckte, während er mir voraus zur Haustür ging. Im Flur blieb er vor der Holztreppe stehen, die zum Bodenraum hinaufführte. „Höi! Mali!“

„Was is?“, klang von droben die Stimme des Mädels.

„An Herrn musst nach Walchensee ummifahren. Ich richt derweil die Zillen her. Tummel dich!“

Ich ging mit Christl zum See hinunter, wo er das Boot loskettete und die plumpen Ruder in die abgewetzten Weidenringe schob.

Mali kam. Sie trug das gleiche dunkle Kleid, in dem ich sie damals vor dem Marterl hatte sitzen sehen, doch statt des weißen Kopftuches einen breitkrempigen Hut mit den landesüblichen Goldschnüren. Ich bot ihr die Hand.

„So? Sie sind’s! Grüß Gott!“, sagte sie und legte ihre Hand in die meine.

Ich stieg in das Boot, Mali setzte sich auf die Ruderbank und griff nach den Stangen. „Zahlt hat er schon!“, rief Christl der Schwester zu, während er mit kräftigem Stoß den Nachen ins Wasser schob.

Das Mädel rührte die Ruder mit fester Kraft. Ein Rauschen vor dem Kiel. Schweigend fuhren wir durch die friedliche Schönheit, die mich fesselte, dass ich des Redens vergaß. Die Morgensonne breitete einen blauweißen Schimmer über den regungslosen Spiegel; auch die leichten Wellenfurchen, die den Weg des Bootes bezeichneten, verschwammen bald wieder zu stiller Ruhe. Wie Gold und Perlen glänzten die Wassertropfen, die von den Rudern fielen. Zarter Duft lag über den Bergen von Walchensee und ließ sie ferner erscheinen, als sie waren. Hoch über dem See zog ein Habicht mit raschem Flug, und in der Tiefe des klaren Wassers glitt sein Spiegelbild wie ein Fisch mit Federn.

Als ich aufblickte, sah ich Malis Gesicht gegen das Urfelder Sträßchen hinüber gewandt. Da drüben stand das Marterl, dessen rot bemaltes Holz in der Sonne leuchtete wie blankes Metall.

Müde Schwermut lag in Malis Zügen. Als sie die Augen wieder zum Boot zurückwandte, das aus der Richtung geraten war, schwellte ein tiefer Seufzer ihre Brust.

Ich fragte: „Wie lang ist das her? Das Unglück da drüben?“

„Sieben Vierteljahr.“

„Und du kannst es noch immer nicht verwinden?“

Wortlos schüttelte sie den Kopf.

„Hast du ihn gern gehabt?“

„Ja, Herr!“ Den Kopf ein bisschen seitwärts geneigt, blickte sie immer nach dem Kielwasser. „Schön war er net. Aber gut. jedem Viecherl am Weg is er ausgwichen. Und fromm war er und gottesgläubig. Wann er auf der Orgel ’s Benediktus gsungen hat oder ’s Gloria, hat man’s ihm allweil anghört, dass er akrat für unsern Herrgott singt. Und brav is er gwesen. Wann’s im Wirtshaus an Spitakl geben hat, war er nie dabei. Alle Leut waren ihm gut. Bloß meine zwei Brüder haben ihn nie riet mögen.“

„Warum nicht?“

„Dös hat an Grund. Der heißt: Magen und Geldbeutel. Wie der Vater selig gstorben is, hat er uns drei Gschwister den Hof hinterlassen und hat im Testament ausgmacht, dass am Hof bleiben soll, wer z’letzt heiret. Wer früher heiret, müsst aus’m Hof und krieget zwölfhundert Mark aussizahlt. Der Vater selig hat’s gut gmeint und hat sich denkt, so tät er keins von uns verkürzen. Hätt er wissen können, was da für Feindschaft und Verdruss und Elend aufwachst, so hätt er’s anders gmacht. Der Hof is gut im Stand. Man kann z’dritt, schaut man fleißig auf d’ Arbeit, richtig drauf leben. Aber so viel bars Geld war nie net da, dass man eins von uns hätt nauszahlen können, ohne dass man aufs Haus Hypothekschulden hätt aufnehmen müssen. Lang schon, vor ich selber ans Heiraten denkt hab, war Feindschaft zwischen die Brüder. jeder hat an Schatz ghabt, jeder hat am Hof bleiben wollen, und keiner is drauf eingangen, dass der, wo aussiheiret, bloß die Zinsen kriegt, derweil ’s Geld am Haus bleibt. So haben s’ mitanand furtghadert Jahr um Jahr. Dem Christl sein Schatz hat a Kind kriegt, und der vom Lipp gar zwei in ei’m Jahr. Da haben die Buben wieder ihre Madln ebbes zahlen müssen, und statt, dass man gspart hätt, is ’s Geld allweil weniger worden.“

„Da musst du kein gutes Leben gehabt haben!“

„Im Anfang, solang ich allweil d’ Vermittlerin hab machen können, wann s’ gstritten und zugschlagen haben, war’s zum derleiden. Aber arg is ’s worden, wie z’letzt alle zwei gegen mich bockt haben. Da is a reicher Bauernsohn in der Jachenau gwesen. Der is mir nachgangen auf Schritt und Tritt. Selbigsmal war ich noch gut zum anschaun, aber jetzt – ich muss mich wundern, dass mich ’s Elend net noch ärger runterbracht hat. Der Huberfranzl war so verschossen, dass er zu meine Brüder gsagt hat, er nimmt mich ohne Heiratsgut. Da hab ich’s natürlich sagen müssen, dass ich den Domini gern hab. Und dass wir im Herbst Hochzet halten möchten. Und sie müssten mir ‘s Heiratsgut auszahlen, geh’s wie’s will. Meine Brüder sind umgsprungen mit mir, ich kann’s net sagen. Der Lipp amal hätt mich in der Wut derschlagen, wann ich net zur Stuben aussigsprungen wär und hätt mich eingsperrt in der Kammer. Am andern Morgen haben s’ mir gsagt, sie hätten dem Franzl a feste Zusag gmacht und ich müsst mich dreinschicken, ob ich wollt oder net. Je mehr ich bettelt und gweint hab, so gröber sind s’ mit mir worden. Den ganzen Tag haben s’ aufpasst, dass ich net in d’ Jachenau ummispring oder dem Domini Botschaft sagen lass. Wie der nächste Sonntag kommen is, haben s’ mich zur Kirchenzeit auf’n Heuboden gsperrt, dass ich mit’m Domini net zammtreffen sollt. Ihm selber haben s’ schon lang Botschaft zutragen lassen, dass ich mit’m Huberfranzl versprochen wär. Am selben Sonntag is in Urfeld drüben Kirchweih gwesen –“

„In Urfeld steht doch gar keine Kirche?“, unterbrach ich das Mädel.

„Dös macht nix. Kirchweih feiert man deswegen doch. Also, am Nachmittag sind meine Brüder aus der Jachenau heimkommen, wo s’ in der Kirch waren und beim Wirt drin gsessen haben. Da hat mich der Lipp aus’m Heuboden aussilassen und hat mir gsagt, dass der Franzl drunten wär. Ich sollt nur gleich mein Feiertagsgwand anlegen, weil ich mit ihnen nüber müsst zum Tanz nach Urfeld. Ich hab gmerkt, dass mir a Widerred nix anders eintragt als Schimpf und Schläg. So hab ich mir denkt, die Glegenheit kommt schon, wo ich’s machen kann, wie ich will. In Urfeld hab ich tanzt, hab gessen und trunken. Mir war’s, wie wann ich beim eigenen Leichenschmaus mithalten tät. Links von mir is der Franzl gsessen und rechts der Lipp. Mit keim andern Burschen hab ich tanzen dürfen als mit’m Franzl. Der Lipp, der in der Jachenau schon a bissl z’viel derwischt hat, hätt mich beim gringsten Muckser anpackt vor alle Leut. Grad bin ich nach’m Tanz wieder am Tisch gsessen, da schau ich auf und bin schier z’Tod erschrocken, wie der Domini dasteht, ‘s Hütl am Kopf und ‘s spanische Spazierstöckl in der Hand, mit dem er allweil an d’ Waden hinklopft hat. Sein Gsicht is gwesen wie d’Wand, und angschaut hat er mich wie a Gstorbener. Und is auf an Tisch zugangen, wo fünf oder sechs Jachenauer Madln gsessen sind. Da hat er an süßen Wein kommen lassen, hat trunken und tanzt und mit die Madln Dummheiten trieben. Diemal hat er glacht, dass man’s hören hat können im ganzen Saal. A Zither haben s’ ihm bracht, und da hat er gsungen, ein Liedl ums ander. Z’letzt den ‚Jager am Walchensee’:

A See, der is blau, der liegt tief in ei’m Tol –

Mit Gwalt hab ich ’s Weinen verhalten. Und wie er gsungen ghabt hat:

Und müesst i bald sterben und graben s’ mi ein,
Mei Grab, dös muess nacher am Walchensee sein –

Da is er gahlings aufgsprungen und hat zu mir ummiglacht: ,Was is denn, Mali? Singst net eins mit mir? Weißt, dös lustige Lied vom Madl, dös an andern gnommen hat?’ Ich hab aufstehn wollen. Der Lipp hat mich wieder hinzogen auf’n Stuhl und schreit zum Domini ummi: ‚Sing du allein, mei’ Schwester hat schon an Zwiegsang am Tisch!’ Und da hat er wohl denkt, der Lipp, dass ich’s nimmer lang aushalt. Drum haben die Brüder ’s Gwitter fürgschützt, dös am Himmel gstanden is, und sind zum Heimweg aufbrochen. Es war noch net Abend. Wie wir zum Tanzsaal aussi sind, steht neben der Stiegen der Domini. Es muss ihm net recht gut gwesen sein – natürlich, dös ungwohnte Einischütten und dö gwaltsame Lustigkeit! Und ich spring auf ihn zu. ,Domini!’, sag ich. ‚Zu allem haben s’ mich zwungen, aber dir bleib ich treu auf Schnaufen und Sterben!’ Der Christl schiebt den Domini auf d’ Seiten, der Lipp hat mich am Arm packt und hat mich abigrissen über d’ Stiegen. Wie wir drunten auf der Straß waren, is der Franzl nachkommen und hat mich zum fragen angfangt: Was denn dös wär? Und dass ich mit eim andern so reden kunnt, wo er die feste Zusag hätt? Da hab ich mir ‘s Kurasch gnommen und hab ihm alles gsagt. Und wie der Lipp auf mich losfahren will, hat der Franzl den Arm fürgstreckt: ‚Lass du ‘s Madl reden, wie’s ihr ums Herz is!’ Und da hab ich gredt, wie’s mir ums Herz war. Und da hat er gsagt: ,Nobel, nobel! Schön sitz ich vor’m Häusl! Aber dir, Madl, mag ich ‘s Glück net verschustern, und für mich wär’s auch kein Segen net, wann ich a Weib haben müsst, dös an andern mag.’ Wahr is ‘s, Herr, da hab ich aufgschnauft, als wär der Heiland extra für mich vom Kreuz abi gstiegen.“

Ich sagte: „Ein braver Bursch, der Franzl!“

Mali nickte. „So sind wir halt fort in der Nacht. Keins von uns hat mehr a Wörtl gredt. Bloß der Lipp is gahlings stehn blieben und hat gsagt, er müsst wieder umkehren.“

„Was? Der Lipp ist noch mal nach Urfeld?“

„Er hat auf’m Tisch sei Silber bschlagene Pfeifen liegen lassen. Ohne die hat er net heim wollen. Is er halt wieder zruck. Und daheim, beim Haus, hat mir der Franzl d’ Hand geben und hat gsagt: ‚Deswegen kei’ Feindschaft net! Unser Herrgott macht’s halt, wie er mag.’ Hat ‘s Hütl glupft und is davon gangen. Im Haus hat der Christl d’ Stubentür zugschlagen ohne Gutnacht. In meiner Kammer hab ich mich ans Fenster gsetzt, weil ich mir denkt hab, der Domini macht den weiten Weg am Haus vorbei, und ich kunnt ihm noch a Wörtl sagen. Ganz verträulich bin ich wieder gwesen und hab gmeint, jetzt kommt alles in Ordnung und alls is gut.“

Den Kopf senkend, schwieg das Mädel eine Weile. Ihre Stimme war anders, als sie weiter sprach:

„Zwei Stund später hab ich den Lipp heimkommen hören. Und allweil hab ich gwart und gwart. Der Tag is kommen. Kein Domini. Gegen Morgen bin ich vor Müdigkeit auf’m Sessel eingschlafen. Wie ich aufwach, is d’ Sonn schon überm See gstanden. Da hab ich d’ Werktagsmontur anzogen. Der Lipp is schon draußen im Holz gwesen. Und der Christl hat im Garten am Zugnetz gflickt. Und wie ich beim Brunnen a Schaffl mit Wasser einlaufen lass, hör ich am Straßl wen daher springen. An alts Weib steht im Hof, kasweiß im Gsicht, in der Hand dös spanische Spazierstöckl. Gleich hab ich’s kennt. Und draußen im See, hat die Alte aussigraspelt, tät a Hütl im Wasser schwimmen. An Schrei hab ich ausgstoßen und bin aussi zum Hof, hinter mir die Alte und der Christl. Wie ich ans selbige Platzl komm und dös Hütl im Wasser sieh, hab ich gmeint, es fallt mir der Himmel auf d’ Augen. Wie a Stück Holz bin ich niedergschlagen. Vier Wochen bin ich am Nervenfieber glegen. Und wie ich nach der sechsten Woch wieder vor d’ Haustür kommen bin, da war schon dös Marterl am See. Dös Kreuzl war alls, was mir bliebn is.“

Mali schwieg. Ganz ruhig hatte sie gesprochen. Was in ihrem Innern war, hatte sich nur manchmal durch ein Beben der Stimme verraten, durch einen müden Zug, der sich um die Mundwinkel schnitt, und durch die Hast, mit der sie die Ruder führte.

Nun hob sie das harte Gesicht und sah mich an, fast verwundert. „Dös is seltsam: Dass ich Ihnen, den ich heut zum zweiten Mal sieh, so alles verzählen hab müssen? Kann sein, weil Ihnen sein Liederbuch gfallen hat. Kann sein, es war mir selber a Wohltat, dass ich amal reden hab dürfen. So a Wörtl, wann dös einer geduldig anhört, kann wie a Pflaster sein. Sonst hab ich kein Trost. Dös is der einzige – vom Domini reden. Den andern – dass man sich wieder amal finden kunnt, ich weiß net wo – den haben s’ mir ausgredt!“

„Wer? Deine Brüder?“

Sie schüttelte den Kopf. „Der Pfarr!“ Eine Falte schnitt sich in ihre Stirn, während sie über die Schulter nach dem Ufer blickte, das wir in wenigen Minuten erreichen mussten. „Ja! Am Krankenbett hat er mich öfters bsucht, der geistliche Herr! Und gnau hat er mir alles sagen können. Dass der Domini von selber einigsprungen is? Ah na! Es war an Unglück. Da glaub ich dran. Aber a Rausch? Net? Dös is doch a Todsünd! Im Katechismus heißt’s: Völlerei. Und wann einer im todsündigen Zustand ummifahret? Was da gschieht? Dös weiß doch der Pfarr! Oder net?“ Ein wehes Lächeln umzuckte den Mund des Mädels. „Jetzt müssen die Höllischen schöne Zeiten haben – wann der Domini Orgel spielt.“

Knirschend fuhr der Kahn an das sandige Ufer. Mali erhob sich. Ich fasste ihre Hand.

„Mädel! An so hoffnungslose Dinge dürfen wir Menschen nicht glauben. Wie wir schnaufen müssen, so müssen wir hoffen können. Unser Herrgott ist größer im gütigen Verzeihen als im Strafen und Verdammen. Was wir Liebe nennen, ist sein Geschenk für uns. Und seine Ewigkeit da drüben ist ein Haus voll Glück und Ruhe, ein Haus des wieder Findens für Menschen, die auf der Welt in Treu zueinander standen. Das musst du glauben, Mädel! Und kommen Zweifel über dich, so frag nicht andere! Frag dein eigenes Herz! Dann weißt du die Wahrheit.“

Ein dankbarer Blick leuchtete in Malis Augen. „Vergelts Gott, Herr!“, sagte sie leise, schob den Kahn ins Wasser, drehte ihn mit der Stange, fasste die Ruder und begann zu ziehen.

Hinter dem Boot blieb in der Sonne ein leuchtender Wasserstreif.

 

Drei Wochen später kehrte ich nach München zurück.

In meiner Wohnung fand ich eine Kiste, in der mir Anderl, mein Jagdführer in der Jachenau, das Geweih des von mir erlegten Hirsches übersandt hatte.

Der Brief, der dabei lag, lautete:

„Jachenau, den 2. Settember.

Liber Herr Dogder!

Anbey überschigg ich Ihn, wie mir auftragt haben, das Hirschgeweih. Habs gut verpackt, wird hohfentlich kein End oder sonst nichs brochen sein. Ist schad, das Sie furt ham müssen, kommens nur bald widder, ich spür Ihn den schönsten Hirsch aus in Revier. Geltens mit der Leitnermali hats ein traurigs End gnommen. Sie dauert alle Leit! War ein braffs Madl, wos besser verdient hätt. Oft gets spaßig zu auf der Welt. Is eh nix wert, alls übereinand. Der Herr Oberförster läst Ihnen grissen. Sö sollen auf die Patronhilsen nich vergessen, wos ihm bsorgen wollen. Bein Königsschießen hab ich das Best am Haupt kriegt, ein seidens Tüchl mit zehn March. Ein Rausch hab ich auch kriegt, hat sich könn segn lassen. Sind schon widder beim Teifi, die zehn March. Hochachtungsvohlst grissend Ihr liber

Andreas Horlinger,
königl. Jagdgehilf in der Jachenau.“

Mali tot! Diese Nachricht erschütterte mich. Was war da geschehen? Ich schrieb an den Jäger. Drei Tage später erhielt ich seine Antwort:

„Jachenau, den 9. Settember.

Liber Herr Dogder!

Hab glaubt Sie wüsstens schonn, hättens in der Zeiding glesen. Die Mali is nich gesturm, is im Walchensee verunglückt, is jez mit ihm vereinicht, freilich auf anderweis als sichs friher denkt haben. Das Platzl kennens wo dem Domini sein Marterl stett. Da is die Mali Tag fir Tag zum Beten gangen. Die Felsplatten hat schonn lang ein Riss ghabt. Wie die Mali am Bankl vor den Kreizl war, is die ganze Gschicht in See abi grumpelt. Am 22. August is gwesen. Das Madl hat man nich mehr gfunden. Der Walchensee is ein Luder. Gibt nichs mer her. Ihr Brudder Lipp is menschenfeindlich seit derer Zeit. Der Christl is ganz täppet und redt dumms Zeig. Is auch bettlächrig. Wies des Madl gsucht ham, is er mitn Hacken wo hängen bliem und kopfüber in See gfahln. Seider Zeid hatr ein arg bösen Husten. Der Dogder fürcht. Für die Patronhilsen lasst Ihnen der Herr Oberförster danggen indem ich ebenfahls verbleibe Ihr liber

Andreas Horlinger,
königl. Jagdgehilf in der Jachenau.“

Drei Ausschnitte aus einer Münchener Zeitung:

Jachenau, 16. September. Gestern Abend gegen 9 Uhr sah man hier plötzlich über dem Gehölze gegen Walchensee eine flammende Feuerröte sich erheben, welche von Minute zu Minute an Dimension und Intensivität zunahm. Die Gemeindespritze wurde sofort abgesandt. Als man den Rand des Gehölzes erreichte, sah man sich dicht vor dem Feuerherde. Hier am See steht oder vielmehr stand ein einsames Haus, „Beim Seeleitner“ geheißen. Bis auf die Grundmauern war alles schon niedergebrannt. Leute aus dem näheren Urfeld umstanden jammernd die Unglücksstätte. Außer dem sämtlichen Vieh scheinen auch die zwei Brüder verbrannt zu sein, welche das Anwesen bewohnten und denen erst vor wenigen Wochen eine Schwester im See ertrank.

Tölz, 19. September. (Originalkorrespondenz.) Sie haben – so schreibt man uns – vor wenigen Tagen in Ihrem geschätzten Blatte von dem Brande des so genannten Seeleitner-Hauses berichtet und es dabei als wahrscheinlich hingestellt, dass die Bewohner desselben, zwei Brüder, in den Flammen umgekommen wären. Diese Nachricht muss eine Berichtigung finden. Heute Vormittag erschien auf dem hiesigen Landgericht ein wild aussehender Bursche in schmutzigen, abgerissenen Kleidern. Er gab an, der Philipp Leitner zu sein, der Mitbesitzer jenes abgebrannten Hauses. Daran schlossen sich Selbstanklagen, welche jenen, die sie anhörten, die Haare zu Berge stehen ließen. Philipp Leitner, oder Lipp, wie er kurzweg genannt wurde, hat erstlich den Geliebten seiner Schwester, einen Jachenauer Schulgehilfen namens Dominikus Haselwanter, in den See gestürzt, um seiner Schwester nicht das vom Vater testamentarisch ausgesetzte Heiratsgut bezahlen zu müssen. Im Oktober wurden es bereits zwei Jahre, dass Lipp diese Untat verübte. Weil damals alles der Meinung war, dass Haselwanter im Rausch verunglückt wäre, ließ die Jachenauer Gemeinde an jener Stelle auf einer in den See hinaus springenden Felsplatte ein so genanntes Marterl errichten. Hier pflegte die Schwester des Mörders, die Geliebte des unglücklichen Opfers, täglich zu beten. Da sich Lipp dadurch immer wieder an seine Tat erinnert sah, kam er auf den Gedanken, die Felsplatte mit dem Marterl vom Ufer abzusprengen und in den See zu stürzen. Wochenlang unterminierte Lipp den Felsen, bis derselbe eines Tages in den See brach, unglücklicherweise zu einer Stunde, als die Schwester betend vor dem Kreuze kniete. So hat auch die Arme durch die Schuld ihres Bruders den Tod gefunden. Die Habsucht hatte den Burschen zu seinem Verbrechen verleitet, und gerade an dieser Habsucht sollte er durch die unerforschliche Gerechtigkeit des Schicksals bestraft werden. Sein älterer Bruder Christian war, als er im Wasser den Leichnam seiner Schwester suchte, aus Unvorsichtigkeit in den See gestürzt, und es hatte sich bei ihm infolgedessen eine fixe Idee ausgebildet, indem er glaubte, die tote Schwester hätte ihn zu sich in die Tiefe hinabziehen wollen. Er verfiel in eine schwere Krankheit. Als er merkte, dass er sterben müsse, verleitete ihn der Neid, dass dem Bruder das ganze Erbe verbliebe, zu dem entsetzlichen Entschlusse, diesem die Freude zu verderben. Als Lipp, der noch spät am Abend in einiger Entfernung vom Anwesen Holz aufschichtete, die Flammen aus dem Dache schlagen sah und entsetzt dem brennenden Hause zueilte, traf er im Flur auf seinen Bruder, der ihm in der Schadenfreude des Wahnsinns zur Erbschaft gratulierte. Schäumend vor Wut riss Lipp das Messer aus der Tasche und stieß es dem Bruder, der vor ihm in die Stube geflüchtet war, von rückwärts in den Hals. Als dieser sich schwer getroffen am Boden wand, packte den Mörder das Grauen, und er stürzte, Verzweiflung im Herzen, aus dem brennenden Hause. Drei Tage irrte er in den waldigen Bergen umher, bis er sich heute morgen in einem Aufzuge, welcher, wie bereits vermerkt, jeder Beschreibung spottete, den Gerichten stellte.

Tölz, 20. September. Der Mörder Philipp Leitner hat sich heute Nacht in dem Gewahrsam, in den er verbracht wurde, mit Hilfe seiner zusammen geknöpften Rockärmel erdrosselt.

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