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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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XIV. Gramoflanz

Der Ritter, mit welchem Gawan in Kampf gerät, weil er ihn für Gramoflanz hält, trägt von dessen Baum einen Kranz und reitet, wie er selbst, ein Pferd mit dem Wappen des Grals. Als die Boten des Artus von Gramoflanz zurückkehren, der ihnen auf dem Fuße folgt, finden sie Gawanen im Begriff, dem Unbekannten zu unterliegen und rufen klagend seinen Namen aus. Darüber bestürzt gibt sich der Sieger als Parzival zu erkennen. Ohnmächtig sinkt Gawan zur Erde, erst von einem der Boten, dann von Benen gepflegt, die mit Gramoflanz hinzukommt. Der verabredete Zweikampf wird auf den andern Morgen vertagt, obgleich Parzival bereit ist, sogleich für den erschöpften Gawan zu kämpfen, was Gramoflanz ablehnt und deshalb von Benen gescholten wird. Parzival wird den vier Königinnen und Orgelusen vorgestellt; letztere kann ihm ihre Verschmähung nicht vergessen. Artus nimmt ihn wieder in die Tafelrunde auf; gleichwohl weigert sich Gawan, ihm den Zweikampf mit Gramoflanz zu überlassen. Als er sich aber am Morgen gestellt, ist ihm Parzival zuvorgekommen und Gramoflanz besiegt, dessen Zweikampf mit Gawan nun ebenfalls auf morgen verschoben wird. Gramoflanz gibt den Boten, die Artus ersuchen sollen, ihm diesmal den rechten Kampfgenossen zuzuschicken, einen Brief an Itonjê mit. Bestürzt über den Zweikampf des Bruders und des Geliebten, wendet sich diese durch Arnivens Vermittlung an Artus, welcher dem Kampf zu wehren verspricht, als er aus dem Minnebrief des Königs, den Benes Geschicklichkeit zur rechten Zeit herbeischafft, ersieht, dass es diesem mit Itonjê Ernst ist. Er bescheidet die Boten, schickt Benen mit ihnen und lässt Gramoflanz zu sich laden, welchem Beaukorps, Gawans und Itonjês Bruder, entgegen reitet. An der Ähnlichkeit mit diesem erkennt Gramoflanz die Geleibte, die er jetzt zum ersten Male sieht. Artus und Brandelidelein, Gramoflanzens Oheim, beschließen die Sühne zu stiften, die mit Beitritt der Herzogin unter der Bedingung zustande kommt, dass der König auch dem Anspruch wegen seines Vaters Ermordung entsage. Darauf wird Gramoflanz mit Itonjê, Sangive mit dem Türkowiten vermählt und die Hochzeit prächtig begangen, zumal nun auch die Herzogin ihre Vermählung mit Gawan veröffentlicht und Gramoflanz sein Heer herbeizieht und jeden seiner Fürsten ein Sonderlager aufschlagen heißt. Parzival, dessen Stimmung zu diesen Freuden nicht passt, reitet heimlich hinweg.


   Wenn von dem werten Gawan (679, 1)
Eine Tjost hier wehrlich wird getan,
So bangt ich wahrlich nimmermehr
Für ihn bei einem Kampf so sehr.
Zwar geht mir auch der andre nah, (679, 5)
Doch keine Sorge hab ich da:
Der war einem Mann ein Heer.
Aus der Heidenschaft fern über Meer
War seines Helmes Schmuck gebracht.
Röter als Rubinenpracht (679, 10)
War ihm das Kleid und seiner Mähre.
Auf Abenteuer ritt der Hehre;
Sein Schild war ganz durchstochen.
Auch hatt er sich gebrochen
Von dem Bann, den Gramoflanz (679, 15)
Hegte, einen lichten Kranz:
Das Reis erkannte wohl Gawan.
Er sorgte, Schande würd ihm nahn,
Wollte hier der König mit ihm streiten.
Säh er ihn sich entgegen reiten, (679, 20)
So müsst auch hier der Kampf geschehen,
Sollt ihn der Frauen keine sehn.

   Ihre Rosse beidesamt
Sind von Monsalväsch entstammt
Die sich hier mit Schnaufen (679, 25)
In der Tjost entgegenlaufen,
Wie der Ritter Sporn sie mahnt.
Grüner Klee, nicht staubger Sand,
Stand tauig wo sich hub ihr Streit.
Mir wäre beider Schaden leid.
Sie ritten ihren Anlauf recht: (680, 1)
Aus tjostierendem Geschlecht
Gezeugt sind beide und geboren.
Wenig gewonnen, viel verloren
Hat, wer hier den Preis erringt; (680, 5)
Nur Klag ists, was der Sieg ihm bringt.
Nah befreundet sind die Helden;
Von keiner Scharte wär zu melden,
Die ihre Treue je empfing.
Nun höret, wie die Tjost erging: (680, 10)

   Hurtiglich und dennoch so,
Des Erfolgs war keiner froh.
Nahe Sippe, traute Brüderschaft
War da mit scharfen Hasses Kraft
Im Kampf zusammen gekommen. (680, 15)
Von wem der Preis auch wird genommen,
Seine Freud ist drum der Sorge Pfand.
Die Tjoste brachte beider Hand,
Dass die Freunde, die Gesellen
Einander mussten fällen (680, 20)
Mit Ross und Zeug zur Erde.
Beid erwarben sie Beschwerde.
Jetzt die Schwerter schnell gezückt
Und der Schilde Rand zerstückt!
Grünes Gras und Schildes Scherben (680, 25)
Sah man vermischt den Boden färben,
Seit sie da kämpften beide.
Sie harrten dessen, der sie scheide
Zu lang; sie hattens früh begonnen:
Sie zu scheiden wollte niemand kommen.

   Niemand war noch da als sie. (681, 1)
Wollt ihr nun vernehmen, wie
Da sie im Kampfe standen
Artusens Boten fanden
Gramoflanzen und sein Heer? (681, 5)
Auf einem Plan wars bei dem Meer:
Diesseits floss der Sabins,
Jenseits der Poinzaklins,
Die hier sind beid ins Meer ergossen.
Die vierte Seite ward geschlossen (681, 10)
Von des Landes Hauptstadt,
Die Roschsabins den Namen hat.
Sie stand mit Mauern und mit Graben
Und manchem Turme hoch erhaben.
Sein Heer die Boten lagern sahn (681, 15)
Wohl Meilenlang auf diesem Plan
Und wohl in halber Meilen Breite.
Auch sahn sie sich entgegen reiten
Manchen Ritter unbekannt,
Bogenschützen, Knappen allerhand, (681, 20)
Deren jeder Lanz und Harnisch trug.
Hinter diesen schloss den Zug
Unter mancherlei Panieren
Manche Rotte von Soldieren.

   Bei der Posaunen lautem Krachen (681, 25)
Begann das Heer sich aufzumachen:
Man sah es sich bereiten
Gen Ioflanz zu reiten.
Hört die Frauenzäume klingeln!
Den König Gramoflanz umzingeln
Edle Fraun in weitem Kreis. (682, 1)
Wofern ich zu erzählen weiß,
So meld ich, wer auf grünem Gras
Sich hier die Herberge maß.
Wer dem König war zu Hilf gekommen, (682, 5)
Habt ihr das noch nicht vernommen,
Wohlan, so mach ichs jetzt euch kund.
Aus der wasserfesten Stadt zu Punt
Bracht ihm der werte Oheim sein,
Der König Brandelidelein, (682, 10)
Sechshundert klare Frauen.
Auch mochte jede schauen
Ihren Ritter, der erschienen
War ihr um Minnesold zu dienen.
Die kühnen Punturteise (682, 15)
Waren gern bei dieser Reise.

   Da war auch, glaubt ihr mirs,
Der klare Bernaut de Riviers;
Sein reicher Vater Narant
Hinterließ ihm Uckerland. (682, 20)
Er führt' in Schiffen über Meer
Ein so klares Frauenheer,
Dass man viel von ihrer Schönheit sprach:
Ihnen sagte niemand andres nach.
Davon wurden zweihundert (682, 25)
Noch als Mägdelein bewundert,
Zweihundert hatten schon den Mann.
Wenn ichs recht ermessen kann,
Bernaut Fils dü Comt Narant,
Fünfhundert Ritter auserkannt
Zählt' er in seinen Scharen, (683, 1)
Nicht gewohnt den Feind zu sparen.

   So wollte König Gramoflanz
Im Kampfe rächen seinen Kranz,
Und hier den Preis erbeuten (683, 5)
Vor so viel werten Leuten.
Seines Landes Fürsten waren
Dort mit kühner Ritter Scharen
Und mit Frauen wohlgetan;
Man sah da manchen stolzen Mann. (683, 10)
Da nun Artusens Boten nahn
Hört, wie sie den König sahn:
Ein hohes Polster von Palmat,
Zum Sitz er sich erkoren hat,
Gesteppt mit breitem Seidentuch. (683, 15)
Jungfrauen schön und klar genug
Schuhten Eisenklozen
Dem König an, dem stolzen.
Ein köstlich Pfellel hoch zu loben
In Ecidemonis gewoben (683, 20)
Hoch über ihn sich breit und lang
Vor der Sonne schattend schwang,
An zwölf Schäfte genommen.
Als die Boten vor ihn kommen,
Zu dem, der aller Hochfahrt Hort (683, 25)
Trägt, beginnen sie sofort:

   "Herr, uns hat hieher gesandt
Artus, der wie euch wohl bekannt,
Oft den Preis von hinnen trug;
Er hat auch Würdigkeit genug.
Die wollt ihr jetzt ihm kränken. (684, 1)
Wie mögt ihrs nur erdenken,
Dass ihr seiner Schwester Kind
Ernsten Kampf zu bieten sinnt?
Hätt euch der werte Gawan (684, 5)
Größer Herzeleid getan,
So sollt ihm doch zustatten kommen,
Dass ihn gesellig aufgenommen
Hat die werte Tafelrunde
Und er ein Stolz ist diesem Bunde." (684, 10)

   "Den Kampf, den ich ihm zugesagt,"
Sprach der König, "kämpf ich unverzagt
Noch diesen Tag, mag nun Gawan
Schmach oder Preis davon empfahn.
Wohl hab ichs für gewiss vernommen, (684, 15)
Artus sei mit Gefolg gekommen
Und sein Weib, die Königin;
Die sei willkommen immerhin.
Ob wider mich zum Zorne
Die arge Herzogin ihn sporne, (684, 20)
So hab ich Volk mir beizustehn.
Mein Entschluss bleibt doch bestehn,
Dass ich dem Kampf mich stellen will.
Ich habe Ritter wohl so viel,
Ich brauche nicht Gewalt zu scheun. (684, 25)
Die mir von einem möge dräun,
Die Not will ich erleiden.
Sollt ich das nun vermeiden,
Wes ich mich wider ihn vermaß,
Ich wär im Minnedienst zu lass.
In deren Gnad ich mein Leben (685, 1)
All meine Freude hab ergeben,
Gott weiß, was er ihr schuldig ist:
Ich verschmähe bis auf diese Frist
Kampf wider einen Mann; (685, 5)
Doch da der werte Gawan
So viel getan sie zu befrein,
So kämpf ich wider ihn allein.
Hier beugt sich meine Mannheit,
Denn ich focht noch nie so leichten Streit. (685, 10)
Gefochten hab ich, darf ich sagen,
Ihr mögt euch wenn ihr wollt befragen,
Mit Helden, die es meiner Hand
Bezeugten, dass sie kühn bestand.
Mit einem kämpft ich noch mitnichten; (685, 15)
Auch will ich gern darauf verzichten,
Dass mich Frauen loben, sieg ich heut.
Es hat im Herzen mich gefreut,
Dass sie erledigt ward der Banden,
Für die heut Gawan wird bestanden. (685, 20)
Artus, der König weit erkannt,
Des Gebot in fernem Land
Ehrerbietig wird vernommen,
Vielleicht ist sie mit ihm gekommen,
Der ich bis an meinen Tod (685, 25)
Dienen will in Freud und Not,
Möcht ihr nur mein Dienst genügen.
Wie konnt es sich mir besser fügen,
Wenn mir das Heil soll geschehn,
Dass sie meinen Kampf geruht zu sehn."

   Benen schuf der Kampf nicht Harm (686, 1)
(Die saß hier an des Königs Arm):
Da sie des Königs Mannheit
Oft bewährt gesehn im Streit,
So fochten Sorgen sie nicht an: (686, 5)
Doch wüsste sie, dass Gawan
Ihrer Herrin Bruder wäre,
Und der es war, der mit dem Heere
Wider den König kam gezogen,
Um die Freude wär auch sie betrogen. (686, 10)

   Ein Ringlein brachte sie dahin,
Das Itonjê, die Königin,
Ihm als Minnezeichen zugesandt,
Und einst ihr Bruder auserkannt
Geholt hatt über den Sabins. (686, 15)
Bene war den Poinzaklins
Zu einem Kahn herab geschwommen.
Diese Märe ließ sie nicht verkommen:
"Meine Frau mit Frauenscharen
Ist von Schatelmerveil gefahren." (686, 20)
Sie mahnt' ihn mehr von Itonjê
An Lieb und Treue, als wohl je
Einem Mann ein Kind entbot,
Und dass er dächte ihrer Not,
Da sie jeglichem Gewinne (686, 25)
Vorzöge seine Minne.
Das macht den König wohlgemut,
Obwohl er Gawan Unrecht tut.
Entgält ich so der Schwester mein,
Lieber wollt ich ohne Schwester sein.

   Man bracht ihm Waffenschmuck: Der war (687, 1)
So herrlich und so kostbar,
Wen je die Minne so bezwang,
Dass nach der Frauen Lohn er rang,
Gahmuret oder Galoes, (687, 5)
Oder der König Kilikrates,
Den sah man nimmer für ein Weib
So köstlich schmücken seinen Leib.
Von Ipopotitikon
Oder aus der weiten Akraton, (687, 10)
Oder von Kalidomente,
Oder Agatirsiente
Ward nimmer bessrer Stoff gebracht,
Als ihm verwandt war zu der Tracht.
Da küsst er jenes Ringelein, (687, 15)
Das Itonjê, die Köngin rein,
Als Minnezeichen ihm gesandt.
Ihrer Treue Kraft war ihm bekannt:
Hätt er ein Unglück zu befahren,
Ihrer Minne Schild würd ihn bewahren. (687, 20)

   Gewappnet stand nun Gramoflanz:
Jungfrauen zwölf, ein schöner Kranz,
Sah man auf edeln Rossen ragen.
Ihnen war es aufgetragen,
Der blühenden Genossenschaft: (687, 25)
Jegliche hatt an einen Schaft
Den teuern Baldachin genommen,
Unter dem der König wollte kommen.
Schattend trugen sie hindann
Ihn über dem beherzten Mann.
Von hohem Wuchs zwei Mägdelein (688, 1)
(Sie trugen dort den schönsten Schein);
Ritten in des Königs Hut.
Den Boten schien Verzug nicht gut;
Zu Artus fuhren sie hindann (688, 5)
Und trafen auf der Heimfahrt an
Gawanen, der da focht den Streit.
Das war den Knappen wunderleid:
Sie schrieen laut um seine Not,
Wie ihnen Treue das gebot. (688, 10)

   Dahin gekommen wars beinah,
Dass den Sieg erfochten da
Hätte Gawans Kampfgenoss.
Seine Obmacht war so groß,
Dass Gawan vor seinen Streichen, (688, 15)
Der werte Degen, wollte weichen,
Als klagend seinen Namen nannten
Die Knappen, da sie ihn erkannten.

   Der zum Streit erst war mit ihm bereit,
Vermied da wider ihn den Streit. (688, 20)
Fern aus der Hand warf er das Schwert:
"Unselig bin ich und entehrt,"
Sprach mit weinen der Gast,
"Allem Glücke ganz verhasst,
Dass meine schuldige Hand (688, 25)
Jemals solchen Streit bestand.
Zu große Schmach muss ich erleben,
Ich will mich selber schuldig geben;
Mein Unheil riss mich wieder fort
Und schied mich von des Heiles Hort.
Mein altes Wappen ist dies Leid, (689, 1)
Das oft und aber sich erneut.
Dass mit dem werten Gawan
Ich solchen Kampf allhier begann!
Mein eignes Glück hab ich bestritten, (689, 5)
Von mir selber Niederlag erlitten.
Mir waren Heil und Glück entronnen,
Da ich diesen Kampf begonnen."

   Gawan die Klage hört und sah,
Zu seinem Gegner sprach er da: (689, 10)
"O sagt mir, Herr, wie heißet ihr?
Ihr redet gnädiglich von mir.
Was sprachet ihr nicht so zuvor,
Eh ich noch meine Kraft verlor:
So wär nicht all mein Preis zerronnen; (689, 15)
Ihr habt den Preis allhier gewonnen.
Gern möcht ich euern Namen wissen:
Wär ich zu suchen dann beflissen
Meinen Preis, so wüsst ich wo.
Eh mich mein guter Stern noch floh, (689, 20)
Erlag ich niemals einem Mann."
"Mein Name sei dir kundgetan
Freundlich nun und allemal:
"Ich bin dein Vetter Parzival."
"Recht," sprach Gawan, "so werden grade (689, 25)
Kurzsichtger Thorheit krumme Pfade.
Zwei treuer Herzen Einfalt
Tat sich hassend hier Gewalt.
Uns beide überwand dein Streit:
Das sei dir für uns beide leid.
Dich selber hast du überwunden, (690, 1)
Wird Treue noch bei dir gefunden."

   Da diese Rede war getan,
Vor Ohnmacht konnte Herr Gawan
Auf seinen Füßen nicht mehr stehn: (690, 5)
Man sah ihn schwankend, schwindelnd gehn.
Ihm war das Haupt betäubt von Streichen,
Aufs Gras hinsank er mit Erbleichen.
Artusens Junker eilte hin
Sein Haupt in seinen Schoß zu ziehn. (690, 10)
Da band den Helm das süße Kind
Ihm ab und wehte kühlen Wind
Mit dem Pfauenhut, dem weißen,
Ihm ins Gesicht. Des Kinds Befleißen
Ließ die Kraft ihm wiederkehren. (690, 15)
Da nahte sich von beiden Heeren
Des Volkes viel. Denn dort und hier
War abgesteckt das Kampfrevier
Und wurden Schranken eingestoßen
Mit Bäumen, spiegelhellen, großen. (690, 20)

   Gramoflanz bestritt die Kosten
Für den Kampfplatz und die Pfosten.
Der Bäume waren hundert,
Um lichten Glanz bewundert:
Dazwischen durfte niemand kommen. (690, 25)
Sie standen, so hab ichs vernommen,
Voneinander vierzig Rennen,
In Farben, die da glänzend brennen,
Fünfzig auf jeder Seite:
Dazwischen Raum zum Streite.
Das Heer soll draußen Frieden haben, (691, 1)
Als schiedens Maur und tiefe Graben:
So gelobten sich es an
Gramoflanz und Gawan.

   Zu dem unverheißnen Streit (691, 5)
Kam großes Volk zu gleicher Zeit
Aus beiden Heeren, dass es sähe,
Wie der verheißene geschähe.
Wunder nahm sie, wer da stritte
Mit so streitbarer Sitte, (691, 10)
Und wie der Streit wär angefacht.
Seine Kämpfer hatte doch gebracht
Zu diesem Kampfe keins der Heere;
Drum däuchte seltsam sie die Märe.

   Als der Kampf war getan (691, 15)
Auf dem blumigen Plan,
Da kam der König Gramoflanz
Und wollte rächen seinen Kranz.
Er vernahm, hier sei ein Kampf geschehn,
So heftig, dass man nie gesehn (691, 20)
Schärfern Streit mit Schwertern.
Die sich diesen Kampf gewährten,
Die waren ohne Schuld daran.
Gramoflanz von seinem Bann
Ritt zu den Streitmüden hin (691, 25)
Und beklagte herzlich ihre Mühn.

   Aufgestanden ist Gawan,
Obgleich er kaum sich regen kann.
Nun stehen hier diese zwene.
Da war auch Fräulein Bene
Mit dem König in den Kreis geritten, (692, 1)
Wo dieser Kampf ward gestritten.
Da sie sah, wie der die Kraft verloren,
Den sie vor aller Welt erkoren
Zu ihrer höchsten Freudenkrone, (692, 5)
Mit des Herzens Jammertone
Sie von dem Pferde schreiend sprang:
Mit den Armen sie ihn fest umschlang
Und sprach: "Verflucht sei dessen Hand,
Der dieses Leid euch hat gesandt (692, 10)
Und euerm schönen Leibe klar.
Verflucht der Welt! Das ist wahr,
Ihr schienet stets der Mannheit Spiegel."
Sei setzt' ihn auf den Rasenhügel,
Mit Weinen ward er lang beklagt. (692, 15)
Auch streichelt' ihm die süße Magd
Aus den Augen Blut und Schweiß.
Noch war ihm in dem Harnisch heiß.

   Gramoflanz der König sprach:
"Mir ist leid, Gawan, dein Ungemacht, (692, 20)
Da ich es dir nicht angetan.
Willst du morgen wieder auf den Plan
Mir zum Kampf entgegen reiten,
So will ich gerne mit dir streiten.
Ich bestünde lieber jetzt ein Weib (692, 25)
Als deinen kraftlosen Leib.
Wie erwürb ich an dir Preis
Bevor ich dich bei Kräften weiß?
Ruh diese Nacht: Das ist dir Not
Eh du vertrittst den König Lot."

   Der starke Parzival noch trug (693, 1)
Von Schwäch und Müde keinen Zug;
Auch war er ohne Wunden.
Er stand des Helms entbunden,
Da ihn der werte König sah; (693, 5)
Zu dem begann er höfisch da:
"Herr, was mein Vetter Gawan
Euch zu Leide hat getan,
Nehmet mich dafür zum Pfand.
Wehrlich noch ist meine Hand. (693, 10)
Euern Zorn auf ihn zu kehren,
Das will ich euch mit Schwertern wehren."

   Da sprach der Wirt von Roschsabins:
"Herr, er zahlt mir Morgen Zins
Und vergilt mir also meinen Kranz, (693, 15)
Dass der ergrünt in frischem Glanz;
Wo nicht, so muss es ihm gelingen
Mich auf der Schande Bahn zu bringen.
Ihr mögt wohl anders sein ein Held;
Hier seid ihr nicht zum Kampf bestellt." (693, 20)

   Da sprach Benens süßer Mund
Im Zorn: "Ihr ungetreuer Hund!
Euer Herz hat der befreit,
Dem euer Herz trägt Hass und Neid!
Der ihr euch minnend habt ergeben, (693, 25)
Die dankt ihm Freiheit, dankt ihm Leben.
So habt ihr selbst den Sieg verschworen,
An Minne jedes Recht verloren;
Und trugt ihr jemals Minne,
So wars aus falschem Sinne."

   Als Gramoflanz sie zornig sah, (694, 1)
Beiseite zog er Benen da
Und bat sie: "Freundin, zürnet nicht:
Diesen Kampf gebeut mir Pflicht.
Verbleib hier bei dem Herren dein; (694, 5)
Itonjen sag, der Schwester sein,
Ich sei und bleib ihr Dienstmann
Und woll ihr dienen wo ich kann."

   Da Benen diese Kunde kam,
Und sie's aus seinem Mund vernahm, (694, 10)
Ihrer Herrin Bruder wär Gawan,
Der da solle kämpfen auf dem Plan,
Da zog des Jammers Ruder
In ihr Herz wohl ein Fuder
Der herzlichen Schmerzen, (694, 15)
Da Treu ihr wohnt' im Herzen.
Sie sprach: "Fahr hin, verfluchter Mann,
Der Lieb und Treue nie gewann."

   Hin ritt der König mit den seinen.
Artusens Junker, die kleinen, (694, 20)
Fingen beider Kämpfer Pferde
Noch müde von des Kampfs Beschwerde.
Parzival mit Gawanen
Und Benen, der wohlgetanen,
Ritten heim zu Artus Heer. (694, 25)
Parzival mit kühner Wehr,
Den Preis errungen hatt er so,
Seiner Ankunft war man froh.
Von allen die ihn sahen kommen,
Ward seines Lobes viel vernommen.

   Ich sag euch mehr noch wenn ich kann. (695, 1)
Hier sprachen von dem einen Mann
In beiden Heeren alle Weisen:
Jeglicher begann zu preisen
Seine ritterliche Tat. (695, 5)
"Der hier den Preis gewonnen hat,
Es war, gestehn wirs, Parzival."
Er war doch auch so schön zumal,
Wie nie ein Ritter wohlgetan:
Das gestand ihm Weib und Mann, (695, 10)
Da er mit Gawan trat ins Zelt.
Eins versäumte nicht der Held:
Er bat ihn, sich umzukleiden.
Da brachte man diesen beiden
Gleiches, köstliches Gewand. (695, 15)
Da ward es überall bekannt,
Parzival wär angekommen,
Von dem ein jeder oft vernommen,
Dass er hohen Preis errungen:
Die Alten sagtens und die Jungen. (695, 20)

   Gawan sprach: "Willst du schauen
Vier auch dir verwandte Frauen,
Und andre Frauen klar und schön,
So will ich gerne mit dir gehn."
Da versetzte Gahmuretens Kind: (695, 25)
"Wenn hier werte Frauen sind,
Mit mir beschwere du sie nicht,
Da jede ungern mit mir spricht,
Die an des Plimizöls Gestad
Meine Lästerung vernommen hat.
Gott mög ihrer Ehre pflegen: (696, 1)
Allen Fraun erfleh ich Heil und Segen;
Doch schäm ich mich in ihrer Nähe
So sehr, dass ich sie ungern sähe."

   Es muss doch sein," sprach Gawan. (696, 5)
Da ließ er Parzival empfahn
Der vier Königinnen Ehrenkuss.
Wohl schufs der Herzogin Verdruss,
Dass sie den küssen sollte,
Der von ihrem Kuss nichts wissen wollte, (696, 10)
Da sie Hand und Land ihm bot
(Darüber schuf nun Scham ihr Not),
Als er vor Logrois gestritten
Und sie ihm weit war nachgeritten.
Parzival der Degen klar, (696, 15)
Wie befangen erst er war,
Als ein Wort das andre gab
Lies davon allmählich ab,
Die Scham aus seinem Herzen floh,
Er wurde wieder frei und froh. (696, 20)

   Herr Gawan mit Wohlbedacht
Gebot bei seines Willens Macht
Frau Benen, dass ihr süßer Mund
Es nicht Itonjen machte kund,
"Dass der König Gramoflanz (696, 25)
So mich hasst um seinen Kranz,
Und dass wir morgen neuen Streit
Kämpfen zu des Kampfes Zeit:
Meiner Schwester sollst du das nicht sagen;
Und lass mit Weinen ab und Klagen."
Sie sprach: "Ich habe Grund zu weinen (697, 1)
Und zu klagen, sollt ich meinen,
Denn wer auch morgen unterliegt,
Meiner Frau wird Unheil zugefügt:
Ihr Glück ist jeden Falls erschlagen; (697, 5)
Meine Frau und mich muss ich wohl klagen.
Was hilfts, dass ihr ihr Bruder seid?
Mit ihrem Herzen kämpft ihr Streit."

   Das ganze Heer war heimgekehrt.
Gawan und seinen Freunden wert (697, 10)
War bereit das Mittagsmahl.
Da sollte mein Herr Parzival
Mit der Herzogin essen:
Gawan durft es nicht vergessen,
Er befahl den Degen ihr. (697, 15)
"Befehlen," sprach er, "wollt ihr mir
Ihn, der der Frauen spotten kann?
Wie sollt ich pflegen diesen Mann?
Doch dien ich ihm, weil ihrs gebietet,
Ob er den Dienst mit Spott vergütet." (697, 20)
Gahmurets Sohn sprach zu ihr:
"Frau, wie Unrecht tut ihr mir!
Mir wohnt wohl so viel Weisheit bei,
Die Frauen lass ich Spottes frei."

   Essens gab man da genug: (697, 25)
Mit großer Zucht mans vor sie trug.
Mit Freuden aß Magd, Weib und Mann.
Doch Itonje sah es Benen an,
Sie konnt in ihren Augen lesen,
Dass sie von Weinen feucht gewesen.
Da ward sie auch vor Jammer bleich, (698, 1)
Alle Speise mied sie gleich.
Sie dachte: "Wie kommt Bene her?
Sandt' ich sie nicht zu jenem, der
Dort mein Herz gefangen trägt (698, 5)
Und mich so unsanft hier beweg?
Was hab ich wider ihn verbrochen?
Hat sich der König los gesprochen
Meines Dienstes, meiner Minne?
Mit mannlich streitbarem Sinne (698, 10)
Mag er an mir nicht mehr erwerben,
Als dass ich Arme muss ersterben
In sehnsüchtiger Klage,
Die ich schon lang im Herzen trage."

   Da das Mahl ward aufgehoben (698, 15)
War schon der Mitte Tag verstoben.
Da ritt Artus der König hehr,
Und sein Gemahl Frau Ginover,
Mit den Rittern all und Frauen
Hin, wo der Degen war zu schauen (698, 20)
Unter werter Frauen Zahl.
Da ward empfangen Parzival:
Von viel Frauen wohlgetan
Musst er Gruß und Kuss empfahn.
Viel Ehre bot ihm Artus dort, (698, 25)
Und dankt' ihm auch mit holdem Wort,
Dass seine hohe Würdigkeit
Die Welt erkenne weit und breit,
Und er den Preis vor jedermann
Zu Lohne billig sollt empfahn.

   Zu Artus sprach der Waleis da: (699, 1)
"Herr, als ich zuletzt euch sah,
Ward mir die Ehre schwer verletzt:
So viel Preis hab ich zu Pfand gesetzt,
Schier wär ich ganz darum gekommen. (699, 5)
Nun hab ich, Herr, von euch vernommen,
Wenn ihr die volle Wahrheit sprecht,
Ich habe noch am Preis ein Recht.
Ob ich das zweifelnd lerne,
So glaubt' ich doch euch gerne, (699, 10)
Wollt es auch glauben jener Orden,
Aus dem ich dort verstoßen worden."
Die Ritter all gestanden,
Weit hab er in den Landen
Den Preis mit solchem Preis erworben, (699, 15)
Dass sein Preis wär unverdorben.

   Die Ritter auch der Herzogin
Kamen allzumal dahin,
Wo Parzival bei Artus saß.
Der werte König nicht vergaß, (699, 20)
Er empfing sie in des Wirtes Kreise.
Artus, der höfische und weise,
Wie weit auch war Gawans Gezelt,
Er setzte sich davor aufs Feld.
Sie saßen all im Kreis umher, (699, 25)
Versammelt ward ein buntes Heer.
Wer dieser oder jener wäre,
Wohl gäb es eine lange Märe,
Sollt ich sie namentlich erwähnen,
Die Christen und die Sarazenen.
Wie hießen die in Klinschors Heer? (700, 1)
Wie jene, die so wohl zur Wehr
So oft von Logrois sind geritten,
Wenn sie für Orgeluse stritten?
Wer waren, die mit Artus kamen? (700, 5)
Der euch aller Land, Geschlecht und Namen
Nennen sollte, wie die hießen,
Den müsste keiner Müh verdrießen.
Doch sie gestanden insgeheim,
Der Preis sie Parzivals allein: (700, 10)
Der sei so klar und schön zu schauen,
Dass ihn wohl minnen dürften Frauen,
Und dass ihm keine Tugend fehle,
Die man zu hohem Preise zähle.

   Da erhob sich Gahmuretens Kind (700, 15)
Und sprach: "Ihr alle, die hier sind,
Helft mir jetzt zu einer Ehre,
Die ich ungern entbehre.
Mich vertrieb ein seltsam Wunder
Aus der Schar der Tafelrunder. (700, 20)
Ihr verhießt mir einst Genossenschaft:
Helft mir mit vereinter Kraft
Nun dazu." Gern gewährte
Artus ihm was er begehrte.

   Mit wenigen beiseite trat er; (700, 25)
Eine zweite Gunst erbat er:
Dass Herr Gawan ihm den Streit
Ließe, den zur Kampfeszeit
Er am Morgen sollte kämpfen.
"Ich möchte gern den Stolz ihm dämpfen,
Der sich nennt Roi Gramoflanz. (701, 1)
Heute Morgen einen Kranz
Brach ich mir von seinem Baum,
Dass er zum Streit mir gäbe Raum.
Zum Streit nur kam ich in sein Land, (701, 5)
Zu streiten wider seine Hand.
Freund, dein hatt ich mich nicht versehn;
Auch ist mir nie so leid geschehn:
Ich meinte, dass es jener wäre,
Der mir Kampf mit sich gewähre. (701, 10)
Nun lass mich, Freund, ihn noch bestehn.
Soll er den Sieger jemals sehn,
Ich hoff ihm Schaden zuzufügen,
Der ihm billig mag genügen.
Mir ist mein Recht zurückgegeben, (701, 15)
Ich darf nun gesellig leben,
Lieber Vetter, mit dir.
Gedenke, Blutsfreund bist du mir,
Und überlass mir den Streit:
Ich will da zeigen Mannheit." (701, 20)

   Da sprach Gawan der Degen hehr:
"Vettern, Brüder hab ich mehr
Beim König von Bretagne hier;
Doch ihrer keinem noch dir
Gestatt ich, das er für mich fechte. (701, 25)
Ich vertraue meinem Rechte,
Das Glück werd also walten,
Dass der Sieg mir bleib erhalten.
Gott lohne dir den guten Willen,
Doch muss ich selbst die Pflicht erfüllen."

   Als Artus hörte was man sprach, (702, 1)
Ihr Gespräch er unterbrach
Und nahm mit ihnen Platz im Kreise.
Gawans Schenke höfscher Weise
Schickte Junker viel umher, (702, 5)
Die Becher trugen goldenschwer,
Besetzt mit edelm Gestein.
Der Schenke diente nicht allein.
Da das Schenken war geschehn,
Das Volk brach auf, zur Ruh zu gehn. (702, 10)

   Mählich sank herab die Nacht.
Parzival mit Vorbedacht
Sah sein Rüstgeräte nach.
Wo ein Riemen ihm gebrach,
Das lies er gleich besorgen, (702, 15)
Dass es fertig wär am Morgen;
Auch einen neuen Schild gewinnen,
Da seinen außen und innen
Zerschlagen hatten Feindeswaffen.
Man musst ihm einen starken schaffen. (702, 20)
Den brachten aus fremden Land
Söldner, die ihm unbekannt;
Etliche darunter Franzen.
Das Ross, darauf zum Spiel der Lanzen
Er einst sich sah den Templer nahn, (702, 25)
Ein Knappe nahm sich dessen an,
Dass es schmuck wär und bereit.
Nun war es Nacht und Schlafenszeit.
Schlafen ging auch Parzival;
Sein Rüstgerät lag vor ihm all.

   Es kränkt' auch König Gramoflanz, (703, 1)
Dass ein andrer Mann für seinen Kranz
Denselben Tag gefochten.
Die seinigen vermochten
Nicht zu beschwichtigen sein Trauern. (703, 5)
Er konnt es nie genug bedauern,
Dass er zu spät kam auf den Plan.
Was der Held da begann?
Der oft schon Preis erjagte,
Hier war er, als es tagte, (703, 10)
Gewappnet samt dem Ross zu schaun.
Ob wohl überreiche Fraun
Zu seiner Rüstung gaben Steuer?
Sie war auch so schon reich und teuer.
Er schmückte sich für eine Magd: (703, 15)
Der zu dienen war er unverzagt.
So ritt er auf die Wart allein:
Dem König schufs nicht wenig Pein,
Dass der werte Gawan
Nicht alsbald kam auf den Plan. (703, 20)

   Nun hatte sich auch verhohlen
Parzival hinaus gestohlen.
Der Held aus einem Banner nahm
Einen starken Speer von Agram;
Auch hatt er volle Rüstung an. (703, 25)
So ritt er ganz allein hindann
Zu den Bäumen spiegelhelle,
Der erwählten Kampfesstelle.
Der König, sah er, hielt schon dort.
Eh der eine noch ein Wort
Zu dem andern gesprochen, (704, 1)
Hatte jeder schon gestochen
Den andern durch den Schildesrand,
Dass die Stücke von der Hand
Wirbelten in der Luft Revieren. (704, 5)
Sie waren beid im Tiostieren
Stark, und in anderm Streite.
Auf des Angers Weite
Ward der Morgentau zerführt,
Die Helme unsanft oft berührt (704, 10)
Mit scharf gewetzter Schneide.
Ohne Zagen stritten beide.

   Zertreten ward die grüne au,
An mancher Statt verwischt der Tau.
Auch reuen mich die Blumen rot, (704, 15)
Noch mehr die Helden, die da Not
Litten ohne Zagheit.
Wem wär das lieb und nicht leid,
Dem sie niemals weh getan?
Nun machte sich auch Herr Gawan (704, 20)
Bereit zu seines Kampfes Sorgen.
Es währte bis zum mitten Morgen,
Eh man erfuhr die Märe,
Dass verschwunden wäre
Parzival der kühne. (704, 25)
Betrieb er dort die Sühne?
So stellt' er wahrlich sich nicht an,
Denn er stritt wie ein Mann
Mit dem, der auch wohl streiten mag.
Nun war es hoch schon am Tag.

   Indes ein Bischof Messe sang (705, 1)
Gawanen, gab es großen Drang
Von Rittern und von Frauen,
Die man zu Rosse schauen
Mochte vor Artusens Zelt (705, 5)
Während man die Messe hält.
Artus selbst im Schmuck der Waffen
Stand bei den singenden Pfaffen.
Da man den Segen hatt empfahn,
Wappnete sich Herr Gawan; (705, 10)
Doch trug zuvor der Degen hehr
Schon die Eisenklozen schwer
An wohl geschaffnen Beinen.
Da sah man Frauen weinen.
Das Heer zog aus überall (705, 15)
Hin, wo sie hörten Schwerterschall
Und Funken sahn aus Helmen springen
Und Schwerter kräftiglich erschwingen.

   König Gramoflanz verschmähte Streit
Mit einem Manne lange Zeit; (705, 20)
Doch däucht es ihn nicht anders nun,
Als hätt ers hier mit sechs zu tun.
Es war doch Parzival allein,
Dessen Kampf ihm schuf die Pein.
Ihn lehrte der Bescheidenheit, (705, 25)
Die noch empfiehlt in dieser Zeit.
Er fühlte künftig kein Gelüsten
Mit der Rede sich zu brüsten,
Als böt er zweien Mannen Kampf;
Der eine bracht ihn schon in Dampf.

   Die Heere standen links und rechts (706, 1)
Vor den Schranken des Gefechts
Auf dem grünen Anger breit
Und sahn der beiden Kämpfer Streit.
Die Rosse seitwärts standen (706, 5)
Den kühnen Weiganden,
Während in der Mitten
Zu Fuß die Helden stritten
Einen Kampf, der lange währte.
Hoch aus der Hand die Schwerte (706, 10)
Warfen oft die beiden:
Sie wechselten die Schneiden.

   So empfing der König Gramoflanz
Sauern Zins für seinen Kranz.
Doch hatt es auch bei ihm nicht gut (706, 15)
Seiner Freundin nachverwandtes Blut.
Parzival entgalt im Streit
Itonjês, der schönen Maid,
Die ihm zu gute müsste kommen,
Wär nicht dem Recht sein Recht benommen. (706, 20)
Mit Hieb auf Hieb befleißten
Um Preis sich die Gepreisten:
Der eine für des Freundes Not;
Der andre folgte dem Gebot
Der Minne als ihr Untertan. (706, 25)
Da kam auch mein Herr Gawan,
Als es schier dazu gekommen
Der stolze kühne Waleis.
Brandelidelein von Punturteis
Und Bernaut de Riviers (707, 1)
Und Affinamus de Klitiers,
Näher zu dem Kampf herbei
Ritten barhaupt diese drei.
Artus und Gawan (707, 5)
Ritten jenseits heran
Zu den kampfmüden Zwein.
Diese fünfe kamen überein,
Sie wollten scheiden diesen Streit.
Scheidens däucht es hohe Zeit (707, 10)
Gramoflanzen, denn sein Mund
Tat den Sieg des Helden kund,
Den er zu schwach war zu bestehn;
Das mussten andre auch gestehn.

   Spöttisch sprach Herr Gawan nun: (707, 15)
"Ich will euch heut, Herr König, tun
Wie ihr mir gestern habt getan,
Da ihr mir Ruhe rietet an.
Nun ruhet heut: Das ist euch Not.
Der euch diesen Kampf gebot, (707, 20)
Der hätt euch jetzt zu schwach erkannt,
Kampf zu bieten meiner Hand:
Ich bestünd euch wohl allein;
Ihr fechtet freilich nur mit Zwein.
Allein wag ich es morgen; (707, 25)
Für den Ausgang mag Gott sorgen."
Zu den Seinen ritt er König fort;
Doch erst verpfändet' er sein Wort,
Dass er am Morgen mit Gawan
Zu streiten käme auf den Plan.

   Zu Parzival sprach Artus da: (708, 1)
"Neffe, wenn es gleich geschah,
Dass du dir den Kampf erbatest,
Mit dem du gern den Freund vertratest,
So hatt es Gawan doch versagt: (708, 5)
Du hast es laut genug beklagt.
Nun hast du doch den Kampf gestritten
Für ihn, der sich nicht ließ erbitten,
Ob es uns leid war oder lieb.
Du schlichtst dich von uns wie ein Dieb: (708, 10)
Wir hätten sonst wohl deine Hand
Von diesem Zweikampf abgewandt.
Nun zürne dir Herr Gawan nicht,
Wie viel man dir zum Lob auch spricht."
Da sprach Gawan: "Mir ist nicht leid (708, 15)
Meines Vetters hohe Würdigkeit.
Morgen kommt mir noch zu früh
Dieses Kampfes Sorg und Müh.
Erließe jener mir den Strauß,
Das legt' ich ihm für Tugend aus." (708, 20)

   Das Heer ritt scharweis von dem Plan.
Man sah da Frauen wohlgetan,
Und so manchen Mann im Eisenkleid,
Kein Heer gewann wohl nach der Zeit
Von Waffenschmuck solche Wunder. (708, 25)
Alle die Tafelrunder
Und das Ingesind der Herzogin,
Von ihren Wappenröcken schien
Seidenstoff von Cinidonte
Und Pfellel von Pelpionte.
Licht sind die Überdecken. (709, 1)
Parzival den Kecken
Priesen beide Heere so,
Seine Freunde hörtens froh.
Man sprach in Gramoflanzens Heer, (709, 5)
Gestritten habe nimmermehr
Wohl ein Ritter noch so kühn,
Den je die Sonne überschien:
Was auf beiden Seiten auch geschehn,
Ihm sei der Preis zuzugesehn. (709, 10)
Doch noch erkennen sie ihn nicht,
Dem jeder Mund zum Lobe spricht.

   Gramoflanzens Ritter rieten
Ihm, Artusen zu entbieten,
Der König möchte sorgen, (709, 15)
Dass kein andrer morgen
Käme, wider ihn zu fechten:
Dass er ihm sendete den rechten:
König Lotens Sohn, Gawanen
Woll er zum Zweikampf mahnen. (709, 20)
Als Boten sandte man geschwinde
Zwei kluge, höfische Kinde.
Der König sprach: "Nun sollt ihr spähn;
Wem ihr den Preis wollt zugestehn
Von all den klaren Frauen. (709, 25)
Auch sollt ihr sie beschauen,
Die ihr seht bei Benen sitzen.
Gebt Acht darauf mit Witzen,
Wie sich gebärden wird die Maid,
Mit Freuden oder Traurigkeit:
Erforscht mir heimlich all ihr Wesen. (710, 1)
Ihr mögts in ihren Augen lesen
Ob Kummer um den Freund sie presst.
Seht auch, dass ihrs nicht vergesst,
Benen gebt, der Freundin mein, (710, 5)
Diesen Brief und dieses Ringelein.
Die weiß, an wen das weiter soll.
Bestellt es klug, so tut ihr wohl."

   Nun war es drüben so gekommen,
Itonje hatte jetzt vernommen, (710, 10)
Dass ihr Bruder und der liebste Mann,
Den je ein Mädchenherz gewann,
Miteinander kämpfen sollten,
Und das mitnichten lassen wollten.
Da überwand ihr Leid die Scham. (710, 15)
Wen nun freut des Mägdleins Gram
Das niemand was zu Leide tat,
Der tut es wider meinen Rat.

   Mutter und Großmutter beide,
In ein kleines Zelt von Seide (710, 20)
Führten sie das Mägdelein.
Da verwies Arniv ihr diese Pein,
Sie schalt sie um die Missetat.
Da blieb ihr auch kein andrer Rat,
Sie gestand hier offenbar, (710, 25)
Was ihnen lang verborgen war.
Da sprach das Mägdlein auserkannt:
"Soll mir nun meines Bruders Hand
Des Liebsten Herz zerschneiden,
Das möcht er lieber meiden."

   Da sprach zu einem Junkerlein (711, 1)
Arnive: "Sag dem Sohne mein,
Dass er eilends kommen solle,
Allein, weil ich ihn sprechen wolle."
Der führte bald Artusen hin. (711, 5)
Arnive dacht in ihrem Sinn,
Wenn er alles von ihr höre,
Vielleicht, dass er dem Kampfe wehre,
Um den so bittres Herzeweh
Trug die schöne Itonjê. (711, 10)

   Nun kamen Gramoflanzens Kinde
An bei Artus Heergesinde:
Sie stiegen nieder auf dem Feld.
Vor dem kleinen Seidenzelt
Der eine Bene sitzen sah. (711, 15)
Ihr Gespiel begann zu Artus da:
"Ist das der Herzogin zur Lust,
Wenn mein Bruder mir des Freundes Brust
Durchbohrt auf ihren losen Rat?
Was schien' ihm billig Missetat. (711, 20)
Was hat der König ihm getan?
Das rechn er meinthalb ihm nicht an.
Ist mein Bruder recht bei Sinnen
(Er weiß, wie wir uns beide minnen,
Ohne Trübe klar und lauter), (711, 25)
So gereut ihn selbst mein Trauter.
Soll mir seine Hand erwerben
Nach des Königs Tod ein bittres Sterben,"
Sprach zu Artus die süße Magd,
"Das sei euch, edler Herr, geklagt.
Bedenkt, dass ihr mein Oheim seid, (712, 1)
Und scheidet treulich diesen Streit."

   Da sprach aus weisem Munde
Artus zur selben Stunde:
"O weh, geliebte Nichte mein, (712, 5)
Dass du so früh der Minne Pein
Empfandst! Das musst du bitter büßen.
Deiner Schwester Sürdamur der Süßen
Gab Tod der Griechen Kaiser.
Süße Magd sei weiser! (712, 10)
Diesen Kampf wohl möcht ich scheiden,
Wüsst' ich das von euch beiden,
Dass eure Herzen einig sind.
Gramoflanz, Irotens Kind,
ist so mannlich von Sitten, (712, 15)
Dieser Kampf wird gestritten,
Hemmt ihn deine Minne nicht
Sah er dein holdes Angesicht
Bei Freunden nie zu einer Stund,
Und deinen süßen, roten Mund?" (712, 20)

   Da sprach sie: "Das ist nie geschehn:
Wir minnen uns noch ohne Sehn;
Doch hat er mir als Liebeszeichen,
Dass er nicht wanken will noch weichen,
Manches Kleinod zugesandt. (712, 25)
Er empfing auch von meiner Hand
Was zum Minnetrost gehört
Und Minnezweifel wohl zerstört:
Mir ist des Königs Herz beständig,
In Falschheit niemals abwendig."

   Da erkannte Fräulein Bene, (713, 1)
Jene Knappen, die zwene,
König Gramoflanzens Kinde,
Gesandt zu Artus Heergesinde.
Sie sprach: "Hier sollte niemand stehn; (713, 5)
Erlaubt, das Volk nur heiß ich gehn
Hinweg aus unsern Schnüren.
Hört man euch hier vollführen
Solchen Jammer um eur Traut,
Die Märe würde leicht zu laut." (713, 10)
Bene ward hinausgesandt.
Da schob ein Kind in ihre Hand
Den Brief mit dem Ringelein.
Sie hatten auch die hohe Pein
Ihrer Herrin wohl vernommen, (713, 15)
Und sprachen, sie sei'n hergekommen,
Dass sie Artus sprechen sollte:
Ob sie das fügen wollte?
Sie sprach: "Bleibt draußen vor dem Kreise
Bis ich euch zu mir kommen heiße." (713, 20)

   Von Benen ward, der süßen Magd,
Den dreien im Gezelt gesagt,
Gramoflanzens Boten wären dort
Und fragten, an welchem Ort
König Artus sich befände? (713, 25)
"Wohl dünkt mich, dass es übel stände,
Hörten sie was wir hier sprechen.
Wofür sollt ich mich wohl rächen
An meiner Frau, ließ' ich sie sehn
Wie ihr die Tränen niedergehn?"

   Artus sprach: "Sind es die Knaben, (714, 1)
Die ich mir hinterdrein sah traben?
Es sind zwei Kinde hoher Art,
Vor aller Missetat bewahrt,
Und so höfisch, dass wir ohne Schaden (714, 5)
Sie wohl zu diesem Rate laden.
Jedweder hat so kluge Sinne,
Dass er von seines Herren Minne
Bei Itonjê zu niemand spricht."
Bene sprach: "Das weiß ich nicht. (714, 10)
Herr, mags mit euern Hulden sein,
Der König hat dies Ringelein
Daher gesandt und diesen Brief.
Da ich vor das Zelt nun lief,
Gab ihn eins der Kinde mir. (714, 15)
Herrin, seht, den nehmet ihr."

   Wohl ward der Brief geküsst mit Lust:
Itonjê drückt' ihn an die Brust.
Da sprach sie: "Herr, hieraus erseht,
Ob der König mich um Minne fleht." (714, 20)
Den Brief nahm Artus in die Hand,
Darin er denn geschrieben fand
Von dem, der Minne hegte,
Was in den Mund sich legte
Gramoflanz der treue Mann. (714, 25)
Artus sah dem Brief wohl an,
Dass sie der König minne
Mit so minniglichem Sinne
Wie er es selten noch vernommen.
Da stand was mag zur Minne frommen:

   "Ich grüße der ich schulde Gruß, (715, 1)
Ihren Gruß mit Dienst erwerben muss.
Fräulein, ich meine dich,
Da du mit Trost willst trösten mich.
Unsre Lieb ist nicht zu scheiden: (715, 5)
Sieh da die Wurzel meiner Freuden!
Kein Trost ist, der dem Troste gleicht,
Dass sich dein Herz zu meinem neigt.
Du bist der Schlüssel meiner Treue;
Nun flieht  mich Kummer, flieht mich Reue. (715, 10)
Deine Minne gibt mir Hilf und Rat,
Das keiner unlautern Tat
Gedanke wird an mir gesehn.
Zu deiner Güte will ich flehn
So stet und so unwandelbar (715, 15)
Wie der Polarstern immerdar
Nach dem Nordpol sich dreht
Und nimmer von der Stelle geht.
So stet soll unsre Minne stehn
Und nimmer auseinander gehn. (715, 20)
Nun bedenke, süße Magd,
Den Kummer, den ich dir geklagt,
Und sei zu helfen nimmer lass.
Hegt mir jemand solchen Hass,
Dass er dich von mir will scheiden, (715, 25)
So bedenke, dass uns beiden
Einst noch Minne Lohn gewähre.
Tus allen Fraun zur Ehre,
Und lass mich sein dein Dienstmann:
Ich will dir dienen wo ich kann."

   Artus sprach: "Ich weiß genug: (716, 1)
Der König grüßt dich ohne Trug.
So viel tut dieser Brief mir kund,
Dass ich so wunderbaren Fund
In Minnesachen selten fand. (716, 5)
Nun sorge, dass ihm wird gewandt
Sein Ungemach: Er wendets dir.
Überlasst das beide mir:
Diesen Kampf will ich verhindern;
Das mag derweil den Schmerz dir lindern. (716, 10)
Doch warst du nicht gefangen?
Sprich, wie ist das ergangen,
Dass ihr euch beide wurdet hold?
Gibt ihm deiner Minne Sold
Bis ihn sein Dienst vergelten mag." (716, 15)
Itonjê, Artus Nichte, sprach:
"Sie ist hier die das betrieben;
Unser keiner dacht ans Lieben.
Wollt ihr, sie fügts, dass ich ihn schaue,
Dem ich mein ganzes Herz vertraue." (716, 20)

   Artus sprach: "Die zeige mir.
Kann ich, so füg ichs ihm und dir,
Dass es nach euerm Willen geht
Und ihr am Ziel der Wünsche steht."
Itonjê sprach: "Es ist Bene. (716, 25)
Auch sind hier seiner Knappen zwene:
Wollt ihr euch dafür verwenden,
(Mein Leben steht in euern Händen),
Dass der König zu uns kommt,
Der mir allein zur Freude frommt?"

   Artus der weise höfsche Mann (717, 1)
Traf vor dem Zelt die Knappen an.
Er grüßte sie, als er sie sah.
"Herr," sprach eins der Kinde da,
"Euch bittet Gramoflanz, zu walten, (717, 5)
Dass das Gelübde wird gehalten,
Das der König hat getan
Euerm Neffen Gawan:
Das wird euch selber ehren.
Er ersucht euch, vorzukehren, (717, 10)
Dass kein andrer mit ihm fechte mehr.
Allzu groß ist euer Heer:
Sollt er mit allen fechten,
Zuwider wärs den Rechten.
Stellt ihm keinen als Gawanen: (717, 15)
Den sollt ihr zu dem Zweikampf mahnen."

   Der König zu den Kinden
Sprach: "Das will ich hindern.
Meinem Neffen war es schmerzlich leid,
Dass er nicht selber kam zum Streit. (717, 20)
Den man euern Herren sah bekriegen,
Dem ist es angestammt, zu siegen:
Er ist Gahmuretens Kind.
Die hier in dreien Heeren sind
Von allen Seiten hergekommen, (717, 25)
Die haben alle nie vernommen
Kühnern Kampf von einem Helden:
Von seiner Tat ist Preis zu melden.
Es ist mein Neffe Parzival:
Ihr seht den Kühnen wohl einmal.
Schon um Gawanens Willen (718, 1)
Werd ich des Königs Wunsch erfüllen."

   Artus und Bene
Und diese Knappen, die zwene,
Ritten durch das Heergesinde. (718, 5)
Da nahmen wahr die Kinde
Viel der herrlichen Frauen.
Auch mochten sie da schauen
Viel Schmuck auf Helmen blinken.
Sollt es zu teuer dünken (718, 10)
Den reichen Mann, in Bildern
Seine Freundschaft abzuschildern?
Von den Pferden kamen sie nicht mehr;
Artus ließ im ganzen Heer
Die Knappen all die Besten sehn: (718, 15)
Da mochten sie nach Wunsch erspähn
Ritter, Frauen und Maide,
Manch schönes Weib im schmucken Kleide.

   Das Heer bestand aus dreien Stücken,
Dazwischen zwei Lücken. (718, 20)
Auf den Plan weit von dem Heer
Mit den Kinden ritt der König hehr.
Da sprach er: "Bene, süße Magd,
Du hörtest was mir hat geklagt
Itonje, meiner Schwester Kind: (718, 25)
Sie weint sich schier die Augen blind.
Wohl glauben dürfen sie es mir,
Meine kleinen Gesellen hier:
Itonjên hat Gramoflanz
Schier verlöscht den lichten Glanz.
Nun helfet mir, ihr zwene, (719, 1)
Und du auch, Freundin Bene,
Dass der König zu uns reite,
Bevor er morgen streite.
Meinen Neffen Gawan (719, 5)
Werd ich ihm bringen auf den Plan.
Kommt der König heute her,
Das frommt ihm morgen wohl zur Wehr.
Hier gibt ihm einen Schild die Minne
Seinem Kampfgenoss zum Ungewinne: (719, 10)
Ich meine, hohen Liebesmut,
Der oft dem Feinde Schaden tut.
Er soll die Fürsten mit sich bringen:
Zu sühnen mag mir hier gelingen
Ihn und die schöne Herzogin. (719, 15)
Das bestellt mit klugem Sinn,
Ihr Lieben, es ehrt euch sehr.
Klagen muss ich euch noch mehr:
Was hab ich unselger Mann
Dem König Gramoflanz getan, (719, 20)
Dass er wider mein Geschlecht
(Vielleicht bedenkt er es nicht recht)
Mit Minne und mit Hass gebahrt?
Ein jeder König meiner Art
Sollte meiner billig schonen (719, 25)
Will er's ihrem Bruder lohnen
Mit Hass, dass er die Schwester minnt?
Sein Herz, wenn er sich recht besinnt,
Muss ihm vom Minne wanken,
Nährt es solcherlei Gedanken."

   Der Kinde eins zum König sprach: (720, 1)
"Herr, was euch zum Ungemach
Ist, davon soll meiner lassen:
Es will sich wenig für ihn passen.
Doch kennt ihr wohl den alten Groll: (720, 5)
Drum dünkt mich, dass er bleiben soll,
Und heute nicht herüber ziehn.
Noch zürnt die Herzogin auf ihn,
Sie hat ihm ihre Huld versagt,
Ihn bei manchem Mann verklagt." (720, 10)
"Mit wenig Leuten komm er doch,"
Sprach Artus. "Ich stift ihm heute noch
Sühne für den alten Zorn
Bei der Fürstin wohl geborn;
Und schaff ihm gut Geleit zuvor: (720, 15)
Meiner Schwester Sohn Beaukorps
Harre sein auf halbem Wege.
Fährt er so in meine Pflege,
Darin darf er keine Schmach erblicken:
Ich will ihm werte Leute schicken." (720, 20)

   Mit Urlaub fuhren sie hindann;
Allein blieb Artus auf dem Plan.
Bene mit den Junkerlein
Ritt zu Roschsabins hinein
Und zu dem Heer, das draußen lag. (720, 25)
Noch erlebte niemals libern Tag
Gramoflanz, da ihm bekannt
Die Botschaft ward. Sein Herz gestand,
Selig müss es diese Stunde
Preisen, da ihm kam die Kunde.

   Er sprach, er wollte gerne kommen. (721, 1)
Gesellschaft hatt er bald genommen:
Seiner Landesfürsten drei
Gesellte sich der König bei.
Sein Oheim wollt auch mit ihm sein, (721, 5)
Der König Brandelidelein.
Ferner Bernaut de Riviers
Und Affinamus de Klitiers.
Der sechse jeder nahm sich weiter
Einen schicklichen Begleiter, (721, 10)
Dass auf zwölfe stieg die Zahl.
Viel Junker wurden auch zumal,
Und mancher Knecht, der Waffen trug,
Auserkoren zu dem Zug.

   Wie die Herrn gekleidet sei'n? (721, 15)
In Pfellel, die viel lichten Schein
Von des Goldes Schwere gaben.
Des Königs Falkner sah man traben
Mit ihm zu der Vogeljagd.
Nun hatt es Artus wohl bedacht: (721, 20)
Beaukorps den schönen Degen
Sandt er halbwegs entgegen
Dem König zum Geleite.
Durch des Gefildes Breite
Sah er sich Bäume reihn und Sträuche, (721, 25)
Obs am Bach war oder Teiche:
Da ritt der König beizend her,
Doch um der Minne willen mehr.
Nun empfing ihn Beaukorps da,
Dass ihm Freude dran geschah.

   Mit Beaukorps als Gesinde (722, 1)
Kamen mehr als fünfzig Kinde;
Ihr Geschlecht gab lichten Schein,
Herzogen meist und Gräfelein;
Auch Königssöhne drunter. (722, 5)
Der Empfang ward munter
Von den Kinden beiderseits begangen:
Man sah sie freundlich sich umfangen.

   Ein schöner Jüngling war Beaukorps.
Da befrug der König sich zuvor: (722, 10)
Bene sagt' ihm Märe,
Wer der klare Ritter wäre.
"Beaukorps ist es, Lotens Sohn."
Da dacht er: "Herz, du findest schon
Auch sie, die gleichen muss dem Degen, (722, 15)
Der so minniglich mir kommt entgegen.
Traun, sie ist seine Schwester,
Die den Hut von Sinzester
Mir mit dem Sperber hat geschickt.
Wenn mir ihr Auge freundlich blickt, (722, 20)
Alle irdsche Herrlichkeit,
Und wär die Erde noch so breit,
Ich nähme sie dafür wohl an.
Sie sei mir treulich zugetan.
Auf ihre Gnade komm ich her; (722, 25)
Getröstet hat sie mich so sehr,
Ich getraue, dass sie an mir tut
Was mir noch höher hebt den Mut."
Ihres klaren Bruders Hand nahm seine;
Die fand man auch in lichtem Scheine.

   Unterdessen hatt im Heer (723, 1)
Artus mit dem König hehr
Ausgesöhnt die Herzogin.
Ihr war ersetzender Gewinn
Gekommen jetzt für Cidegast, (723, 5)
Um den sie jenen lang gehasst.
Ihr Zürnen war erstorben:
Die bei Gawan erworben
Manch zärtliches Umfangen,
Ihr war der Zorn vergangen. (723, 10)

   Nun nahm Artus, der Britte,
Die klaren Frauen edler Sitte,
So Mägdelein als Frauen,
Die da wonniglich zu schauen.
Zu einem Zelte bracht er hundert (723, 15)
Der schönsten, die man meist bewundert.
Liebres konnte nichts geschehn,
Da sie den König sollte sehn,
Itonjên, die auch da saß.
Ihre Freude kannte jetzt kein Maß; (723, 20)
Doch zeigte ihrer Augen Schein,
Dass sie die Minne lehrte Pein.

   Schöner Ritter sah man auch genug;
Der werte Parzival doch trug
Den Preis davon vor allem Glanz. (723, 25)
Vor die Schnüre ritt da Gramoflanz:
In Gampfassasch gewoben
War sein Rock und wohl zu loben:
Er war auch reich durchwirkt mit Gold
Und weit dem Schimmer warf er hold.

   Ab saß er mit dem Heergesinde. (724, 1)
König Gramoflanzens Kinde
Sprangen zahlreich ihm voraus
Und eilten in das luftge Haus.
Die Kämmrer ohne Säumen (724, 5)
Ließen weite Straße räumen
Vor der Britten Königin.
Sein Oheim Brandelidelin
Schritt vor dem Könige daher:
Mit Kuss empfing ihn Ginover; (724, 10)
Auch den König selbst empfing ihr Kuss.
Bernaut und Affinamus
Sollten auch den Kuss empfahn.
Zu Gramoflanz hub Artus an:
"Eh ihr einen Stuhl gewinnt, (724, 15)
Schauet, ob ihr eine minnt
Dieser Fraun: die mögt ihr küssen:
Wir gönnen euch, die Lust zu büßen."

   Ihm verriet wo seine Freundin saß
Der Brief, den er im Felde las: (724, 20)
Ihren Bruder hatt er dort gesehn,
Die ihm, nun darf sie's frei gestehn,
Geheim verliehn der Minne Glück.
Da erkannte Gramoflanzens Blick
Die Schöne, die ihm Minne trug. (724, 25)
Da freute sich sein Herz genug.
Artus hatt es eingeräumt,
Dass sie einander ungesäumt
Durften ohne Hass empfangen:
Itonjen küsst' er Mund und Wangen.

   Der König Brandelidelin (725, 1)
Setzte sich zur Königin.
Auch saß der König Gramoflanz
Bei der, die oft den lichten Glanz
Getrübt sich hat mir Tränen, (725, 5)
Da sie zwang der Liebe Sehnen.
Will er dies nicht an ihr rächen,
So muss er freundlich zu ihr sprechen
Und ihr Dienst für Minne bieten.
Wie ihr des Herzens Sinne rieten, (725, 10)
Dankte sie ihm für sein Kommen.
Sonst ward ihr Sprechen nicht vernommen;
Sie sahn einander gerne.
Wenn ich einst reden lerne,
So meld ich, was sie sprachen da, (725, 15)
Jedes nein und jedes ja.

   Artus zu Brandelidelein
Begann: "Ihr habt der Frauen mein
Schönes nun genug gesagt."
Darauf dem Degen unverzagt (725, 20)
Winkt' er in ein kleines Zelt,
Kurzen Weg übers Feld.
Gramoflanz bleib stille
Sitzen (das war Artus Wille)
Mit allen den Gesellen sein. (725, 25)
Da gaben Frauen klaren Schein,
Was wohl die Ritter nicht verdross.
Ihre Kurzweil war so groß,
Wohl litte sie ein Mann noch heute,
Der sich nach Sorgen gerne freute.

   Der Schenke vor die Königin trug (726, 1)
Das Trinken. Tranken sie genug,
So wars den Rittern und den Frauen
Wohl am Rot der Wangen anzuschauen.
Zu trinken trug man auch hinein (726, 5)
Artus und Brandelidelein.
Da der Schenke wieder ging
Herr Artus an zu reden fing:

   "Herr König, setzt, es hätte schon
Der König, eurer Schwester Sohn, (726, 10)
Meiner Schwester Sohn erschlagen:
Wollt er alsdann noch Minne tragen
Meiner Nichte, jener Magd,
Die ihm dort ihr Leid noch klagt,
Wo wir sie ließen minnen - (726, 15)
Wär sie bei klugen Sinnen,
Sie würd ihm nimmer wieder hold,
Und erteilt' ihm ihres Hasses Sold,
Dass es den König wohl verdrösse,
Wenn er gern noch ihrer Huld genösse. (726, 20)
Wo Hass die Liebe unterbricht
Wird treuer Herzen Wunsch zunicht."

   Der König sprach von Punturtois
Zu Artus dem Bretanois:
"Herr, sie sind unsre Neffen, (726, 25)
Die im Kampf sich wollen treffen:
Drum lassen wir ihn nicht geschehn.
Nichts andres mag daraus entstehn,
Als dass sie zwei sich minnen
Mit Herzen und mit Sinnen.
Itonje, eure Nichte, soll (727, 1)
Meinem Neffen dräun mit ihrem Groll,
Dass er dem Kampf entsage,
Wenn er Minne zu ihr trage.
So wird fürwahr der Kampf vermieden, (727, 5)
Der Streit geschlichtet sein im Frieden
Nur sorgt, dass von der Herzogin
Meinem Neffen wird verziehn."

   Artus sprach: "Das tat ich schon.
Gawan, meiner Schwester Sohn, (727, 10)
Hat wohl so viel Gewalt bei ihr,
Dass sie ihm zu Lieb und mir
Dem König seine Schuld verzeiht.
Versühnt ihr andrerseits den Streit."
"Es sei," sprach Brandelidelein. (727, 15)
Sie traten beide wieder in.

   Sich setzte der von Punturtois
Zu Ginover; die war kurtois.
Dort saß Parzival bei ihr:
Der trug noch solcher Schönheit Zier, (727, 20)
Dass schönern Mann kein Aug noch sah.
Von hinnen hob sich Artus da
Zu seinem Neffen Gawan.
Dem war zu wissen schon getan, (727, 25)
Roi Gramoflanz wär angekommen.
Artus, wurde jetzt vernommen,
Halte draußen vor dem Zelt:
Ihm entgegen sprang er auf das Feld.

   Die beiden brachtens nun dahin,
Dass Sühne gab die Herzogin;
Doch anders nicht, als wenn Gawan, (728, 1)
Ihr Freund und vielgeliebter Mann,
Dem Kampf entsage ihr zu Ehren:
So wolle Sühne sie gewähren;
Und wenn der König seiner Klage, (728, 5)
Der angemaßten, ganz entsage,
Wider ihren Schwäher Lot:
Das war es was sie ihm entbot.

   Diese Märe bracht ihm dann
Artus, der weise höfsche Mann. (728, 10)
Da musste König Gramoflanz
Wohl verschmerzen seinen Kranz.
Sein alter Hass auch gegen
König Lot von Norwegen,
Der zerging wie in der Sonne Schnee (728, 15)
Um die klare Itonjê
Lautelrich ohn allen Hass.
Das geschah, indem er bei ihr saß:
Er bewilligte was sie ihn bat.
Nun seht, wie dort Herr Gawan naht (728, 20)
Mit herrlichen Leuten.
Ich könnt euch nicht bedeuten
Wie sie all genannt sind und wo dannen.
Da musste Liebe Leid verbannen.

   Orgeluse die fiere (728, 25)
Und ihre kühnen Soldiere,
Dazu auch Klinschors Degen
(Nicht alle sind zugegen),
Sah man mit Gawanen kommen.
Artusens Zelte ward genommen
Der Lufthelm von dem Hute. (729, 1)
Arniv auch kam, die gute,
Sangiv und Kondriê zum Schluss:
Gebeten hatte sie Artus
Bei dieser Sühne zu sein. (729, 5)
Wen solches unwert dünkt und klein,
Der Größe, was er meint von Werte.
Iofreit, Gawans Gefährte,
Führte die schöne Herzogin
An seiner Hand zum Zelte hin. (729, 10)
Doch sah man sie die Zucht beginnen:
Die drei Königinnen
Ließ sie vor sich gehn hinein.
Die küsste Brandelidelein;
Seinen Kuss auch Orgelus empfing. (729, 15)
Des Sühnekusses willen ging
Ihr auch Gramoflanz entgegen,
Wo ihr süßer roter Mund den Degen
Zum Pfande der Versöhnung küsste,
Wie sehr auch Weinens sie gelüste. (729, 20)
Sie dacht an Cidegastens Tod.
Da zwang zu weiblicher Not
Sie die Trauer um den Degen gut:
Daran erkennt getreuen Mut.

   Zwischen Gawan und Gramoflanz (729, 25)
Macht' auch ein Kuss die Sühne ganz.
Artus gab Itonjê
Gramoflanzen dann zur Eh;
Er hatte lang gedient der Schönen.
Da das geschah, das freute Benen.
Den auch die Minne lehrte Pein, (730, 1)
Dem Herzogen von Gowerzein,
Lischois, ward Kondriê gegeben:
Alle Freude fehlte seinem Leben
Eh er ihre Minn empfand. (730, 5)
Dem Türkowiten Florand
Zur Eh Sangiven Artus bot,
Die vermählt einst war dem König Lot.
Wie der Fürst sie gerne nahm!
Solcher Gab ist Minne niemals gram. (730, 10)

   Milde war Artus mit Frauen,
Gern ließ er solche Gabe schauen.
Das geschah mit Rat und Wohlbedacht.
Da dies alles war vollbracht,
Da gestand die Herzogin, (730, 15)
Dass Gawan mit kühnem Sinn
Ihre Minne hätt errungen,
Ihr Herz, ihr Land bezwungen
Und beider Herr nun wäre.
Nicht wohl gefiel die Märe (730, 20)
Ihren Söldnern, die der Speere viel
Berthan nach ihrer Minne Ziel.

   Gawan, und die da mit ihm ziehn,
Arnive und die Herzogin
Und viel der Frauen wohlgetan, (730, 25)
Auch Parzival der kühne Mann,
Sangive dann und Kondriê
Nahmen Urlaub: Itonjê
Verblieb allein bei Artus dort.
Nun sagt nicht, dass an anderm Ort
Schönre Hochzeit je geschah. (731, 1)
In die Pflege nahm die Köngin da
Itonjen und ihr wert Gemahl,
Den König, der so manches Mal
Den Preis erlangt im Ritterspiel, (731, 5)
Als Itonjes Minne war sein Ziel.
Der Herberg ritt da mancher zu,
Dem hohe Minne nahm die Ruh.
Wie sie zu Nacht gegessen,
Das darf ich wohl vergessen: (731, 10)
Wer da auf Minne war bedacht,
Der Zog dem Tage vor die Nacht.

   Da erbot der König Gramoflanz
(Sein Stolz erwünschte höchsten Glanz)
Zu Roschsabins den Seinigen, (731, 15)
Sie sollten es beschleunigen,
Das Gezelt abbrechen bei dem Meer
Und vor Tag noch kommen mit dem Heer;
"Und dass mein Marschall auf dem Plan
Raum nehme, der es fassen kann. (731, 20)
Mir sorgt für hohen Staat mit Fleiß,
Jeglichem Fürsten eignen Kreis."
Der König sann auf hohe Pracht.
Da die Boten fuhren war es Nacht.

   Da war auch mancher traurge Mann, (731, 25)
Dem hattens Frauen angetan:
Wem sein Dienst ins Leere schwindet,
Dass er nie Erhörung findet,
Der muss in Sorgen leben
Bis ein Weib will Hilfe geben.
Da gedachte wieder Parzival (732, 1)
An sein wonniglich Gemahl,
Ihre süße Keusche schuf ihm Not.
Ob er niemals andern Dienste bot,
Und mit unstetem Sinne (732, 5)
Warb um fremde Minne?
Solche Minnen wird von ihm gespart.
Die Treue hielt ihm so bewahrt
Sein mannlich Herz und auch den Leib,
Dass wahrlich nie ein ander Weib (732, 10)
Seine Minne nahm dahin
Als allein die Königin
Konwiramur,
Der schönste Flor der Minneflur.

   Er gedachte: "Seit ich minnen kann, (732, 15)
Wie hat die Minne mir getan?
Aus Minne ward ich doch geboren:
Wie hab ich Minne so verloren?
Soll ich nach dem Grale ringen,
So muss mich immer Sehnsucht zwingen, (732, 20)
Dass mich ihr keuscher Arm umfange,
Von der ich schied, es ist zu lange!
Soll mein Auge Freude sehn
Und Jammer doch mein Herz durchwehn,
Die Dinge sehn sich wenig gleich. (732, 25)
Leider hohen Mutes reich
Wird niemand durch Verzichten.
Mag mich das Glück berichten
Was für mich das Beste sei."
Sein Harnisch lag ihm nahe bei.

   Er dachte: "Da sich mir entzieht (733, 1)
Was allen Glücklichen blüht,
Ich meine die Minne,
Die manches Traurgen Sinne
Fröhlich macht und freudenreich, (733, 5)
Da dies mein Los, so gilt mir gleich
Alles andern Leids Beschwerde.
Gott will nicht, dass mir Freude werde.
Die mir zur Minne zwingt die Sinne,
Stünd es so um unsre Minne, (733, 10)
Dass sich ein Scheiden ließe denken,
Uns je ein Zweifel könnte kränken,
Wohl möcht ich andre Minne finden;
Doch unsrer Minne muss verschwinden
Andre Minne, fremde Lust: (733, 15)
Drum flieht der Harm nie meine Brust.
Das Glück mag allen Freude geben,
Die nach eitler Freude streben.
Gott schenke Freud all diesen Scharen:
Ich will aus diesen Freuden fahren." (733, 20)

   Hin griff er, wo die Rüstung lag,
Der sich allein wohl rüsten mag,
Und wappnete sich bald darein.
Nun will er suchen neue Pein.
Da der freudenflüchtge Mann (733, 25)
Seinen Harnisch angetan,
Das Ross allein auch sattelt' er;
Bereit schon stand ihm Schild und Speer.
Am Morgen hörte mans beklagen.
Er schied, als es begann zu tagen.

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