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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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XIII. Klinschor

Auch die Herzogin, von Gawan gewarnt, verschweigt Arniven seinen Namen. Auf dem Saale wird ein Fest begangen, bei welchem Gawan die beiden Kämpen der Herzogin auf ihre Bitte frei gibt, seiner Schwester Itonjê Ring und Botschaft von Gramoflanz überbringt und ihrer Liebe Beistand verspricht. Nach dem Male tanzen die Frauen mit Klinschors Ritterschaft: Beiden ist es zu früh, als Gawan zum Zeichen des Aufbruchs den Nachttrunk fordert. Darauf hält er, nur mit Arnivens und Benes Mitwissen, sein Beilager mit Orgelusen. Der nach Löver gesandte Knappe spricht erst heimlich bei Ginover vor, die ihn unterweist, wie er seine Botschaft öffentlich werben und den König gewinnen solle. Er kehrt mit dessen Zusage heim, und widersteht abermals Arnivens ausforschenden Fragen. Von dieser lässt sich Gawan erzählen, welche Bewandtnis er mit dem Schlosse und Klinschors Zauberkunst habe. Er war Herzog von Kapua in Terre de Labeur (Kampanien) und Neffe des Zauberers Virgilius in Neapel, und minnte Iblis, die Gemalin Iberts, Königs von Sizilien, der ihn auf Kalot-Embolot in ihren Armen ertappte und zum Kapaun machte. In der Stadt Persida erlernte er die Zauberkunst, durch welche er seine Schmach an der Welt zu rächen gedachte. König Irot von Roschsabins, Gramoflanzens Vater, schenkte ihm einen Berg mit acht Meilen Umkreis, wo er Chatelmerveil erbaute, viel Frauen und Ritter aus der Christenheit und Heidenschaft, namentlich die vierhundert Frauen und vier Königinnen von Artus Hofe dahin entführte, udn Burg und Land dem verhieß, der das Abenteuer des Wunderbettes bestehen würde. Artus, der seinem Versprechen gemäß mit großem Heere heranzieht, war vor Logris mit der Ritterschaft der Herzogin, die einen Angriff Gramoflanzens vermutete, in Kampf geraten. Gawan, der ihm eine Überraschung bereiten will, lässt ihn unbegrüßt vorüberziehen. Darauf ernennt er vier Amtleute, zieht sie ins Geheimnis, befiehlt ihnen, keinen Aufwand zu sparen, und schickt den Marschall auf den Plan vor Ioflanze voraus, ihm neben Artus Gezelten ein gesondertes Lager aufzuschlagen. dann bricht er mit seiner Schar auf, zieht durch Artus Lager und umgibt dessen Gezelt mit einem Kranz von Frauen. Artus und Ginover kommen hervor, ihn zu begrüßen; die Königin führt ihn mit den Vornehmsten ins Gezelt, während Artus im Kreise umherreitet, um auch die Frauen mit ihren dienenden Rittern willkommen zu heißen. Als er ins Zelt zurückkommt, stellt ihm Gawan in Arniven Utepandragons Witwe, Artusens Mutter, in Sagniven König Lots Witwe, Artusens Schwester und Gawanens Mutter, in Itonjê und Kondrie Lots und Sangivens Töchter, Gawanens Schwestern vor, wodurch er sich Arniven als ihren Enkel zu erkennen gibt und ihre Neugierde befriedigt. Es wird verabredet, auch Orgelusens Ritterschaft und die von ihr gefangenen Briten, welche die Herzogin frei gibt, kommen zu lassen, um den Glanz der Versammlung zu mehren. Darauf begibt sich Gawan mit seinem Gefolge in das von dem Marschall für sie aufgeschlagene Lager. Am Morgen ziehen die von Logrois heran und schlagen gleichfalls ein Sonderlager auf. Artus schickt Boten nach Roschsabins und ersucht Gramoflanz, sich zum Zweikampf einzufinden. Gawan empfängt Orgelusens Minneritter, wappnet sich und reitet hinaus, sich zum Kampf vorzubereiten. Am Sabins begegnet ihm ein Ritter, mit dessen Erscheinen die Märe zu ihrem Helden zurückkehrt.


   Zorn Arniven übermannte, (627, 1)
Da ihr der Knappe nicht bekannte
Wo er hin gesendet wäre,
Ihr verhohlen blieb die Märe.
Sie bat den, der der Pforte pflag: (627, 5)
"Es sei Nacht oder Tag
Wenn der Knappe kehrt zurücke,
Lasst ihn nicht von der Brücke
Eh ich heimlich mit ihm sprach:
Deine Kunst sich hier bewähren mag." (627, 10)
Dem Knappen kann sie's nicht verzeihn.
Neugier trieb sie jetzt herein
Wieder zu der Herzogin;
Doch trug auch die so klugen Sinn,
Dass ihr Mund es nicht gestand (627, 15)
Wie der Ritter wär genannt.
Seiner Bitte tat sie volles Recht,
Barg seinen Namen, sein Geschlecht.

   Posaunen- und Drometenklang
Hörte man den Saal entlang (627, 20)
Schmettern jetzt und schallen.
An den Wänden sah man allen
Tapeten aufgehangen;
Im Saal ward nicht gegangen
Als auf Teppichen heut; (627, 25)
Das hätt ein armer Wirt gescheut.
Ringsum an den Seiten
Sah man den Gästen breiten
Flaumpolster sanft genug,
Darauf man reiche Decken trug.

   Nach seinen Arbeiten lag (628, 1)
Gawan und schlief am hohen Tag.
Ihm waren alle Wunden
Mit solcher Kunst verbunden:
Hätt er der Minne zu pflegen (628, 5)
Seiner Freundin beigelegen,
Es hätt ihm Schaden nicht gebracht.
Er schlief auch besser, als die Nacht,
Da ihm die schöne Herzogin
Mit Sehnsucht füllte Herz und Sinn. (628, 10)
So erwacht' er nicht vor Vesperzeit.
Doch auch diesmal hatt er Streit
Gestritten mit der Minne:
Ihm lag die Herzogin im Sinne.

   Neu für ihn geschnittne Tracht, (628, 15)
Kleider reich an goldner Pracht,
Bracht ihm ein Kämmerer getragen
Von lichtem Pfellel, hört ich sagen.
Da sprach Gawan, der Degen hehr:
"Der Kleider brauchen wir noch mehr, (628, 20)
Und die nicht minder kostbar sein:
Für den Herzog von Gowerzein
Und Florand den klaren:
Er hat manch Land durchfahren
Und erworben Würdigkeit: (628, 25)
Sorge, dass sie sein bereit."

   Durch einen Knappen entbot
Er seinem Wirt Plippalinot,
Lischoisen wünsch er dort zu sehn.
Da ward mit seiner Tochter schön
Ihm Lischois hinauf gesandt; (629, 1)
Bene führt' ihn an der Hand,
Die Gawanen gerne schaute,
Ihm wie ein Kind vertraute,
Der ihrem Vater Wohl verhieß, (629, 5)
Als er die Weinende verließ
Des Tages, da er von ihr ritt
Und seine Mannheit Preis erstritt.

   Auch der Türkowite war gekommen:
Von Gawanen aufgenommen (629, 10)
Wurden sie mit Freude.
Ihm zur Seite saßen beide,
Bis man die Kleider ihnen trug.
Die waren kostbar genug,
Bessre mochten schwerlich sein: (629, 15)
Die dreie kleideten sich drein.
Ein Meister hieß Sarant
(Sares ward nach ihm genannt),
Er stammte von Triande.
In Sekundillens Lande (629, 20)
Ist eine Stadt, heißt Thasme,
Die größer ist als Ninive
Oder als die weite Akraton.
Da trug Sarant viel Preis davon,
Indem er einen Stoff erfand, (629, 25)
Auf den er große Kunst verwandt,
Der Sarantthasme ward geheißen.
Ob er prächtig mochte gleißen?
Das nehmet ohne Fragen an:
Man verwandte große Kosten dran.

   Solche Kleider legten an (630, 1)
Die beiden und Herr Gawan.
Er ging mit ihnen auf den Saal:
Hier saß der Ritter große Zahl,
Und viel der klaren Frauen. (630, 5)
Wer prüfend konnte schauen,
Von Logrois wars die Herzogin,
Die ihm die Allerschönste schien.
Da trat der Wirt mit seinen Gästen
Vor sie, die sie sahen glästen, (630, 10)
Die Orgeluse war genannt.
Dem Türkowiten Florand
Und Lischois dem kühnen Mann
Ward die Freiheit kund getan,
Den beiden Fürsten kurtois, (630, 15)
Zu Liebe der von Logrois.
Da sagte sie Gawanen Dank,
Die zu aller Falschheit krank,
Gesund doch war und weise
Zu weiblichem Preise. (630, 20)

   Da diese Ledigung geschah,
Bei der Herzogin sah
Gawan vier Königinnen stehn.
Die beiden hieß er näher gehn,
So ließ er Kurtoisie schauen: (630, 25)
Die jüngern drei Frauen
Hieß er küssen diese Zwene.
Nun war auch Fräulein Bene
Mit Gawan in den Saal gegangen:
Die ward da wohl empfangen.

   Der Wirt nicht länger wollte stehn, (631, 1)
Er hies die beiden sitzen gehn
Bei den Frauen, wo sie wollten.
Sie tatens ungescholten,
Denn solch Geheiß tut niemand weh. (631, 5)
"Welche heißt Itonjê?"
Sprach der werte Gawan jetzt:
"Gern hätt ich mich zu ihr gesetzt."
So frug er Benen leise.
Sie sah sich um im Kreise (631, 10)
Und wies ihm dann das Mägdlein klar:
"Die den roten Mund, das braune Haar
Ihr seht bei hellen Augen tragen.
Wollt ihr heimlich ihr was sagen,
Das tut mit gutem Fuge." (631, 15)
Sprach Bene da die kluge.
Sie wusst Itonjes Minnenot,
Dass ihrem Herzen Dienste bot
Der werte König Gramoflanz;
Er weiht' ihr seine Treue ganz. (631, 20)

   Sich setzte Gawan zu der Magd
(Ich sag euch was man mir gesagt),
Und sprach wie ers gar wohl verstund
Sie an mit klug beredetem Mund.
Auch sah er sie so fein gebahren: (631, 25)
Bei den wenigen Jahren
Die Itonjê, die junge, trug,
Bewies sie edler Zucht genug.
Mit der Frage hatt er es begonnen,
Ob sie noch Minne nie gewonnen?
Sie sprach mit klugen Sinnen: (632, 1)
"Herr, wen sollt ich minnen?
Seit mir mein erster Tag erschien
Kam es niemals dahin,
Dass ich mit einem Ritter sprach (632, 5)
Mehr als mit euch an diesem Tag."

   "So mocht euch doch wohl Kunde werden,
Wie Mannheit trägt für euch Beschwerden
Und Preis erwirbt durch Ritterschaft,
Und wer mit herzlicher Kraft (632, 10)
Um Minne Dienst erzeigen kann."
Also sprach mein Herr Gawan;
Zur Antwort gab die klare Magd:
"Mir ist um Minne Dienst versagt.
Der Herzogin von Logrois (632, 15)
Dient mancher Ritter kurtois
Um Minne wie um andern Sold.
Zu Tjosten ward ihr mancher hold,
Dass es unser Auge sah;
Doch kam uns keiner je so nah (632, 20)
Als ihr uns gekommen seid;
Euch ward der höchste Preis im Streit."

   Da hub er zu der Schönen an:
"Wen bekriegt der Fürstin Bann,
So mancher Ritter auserkoren? (632, 25)
Wer hat ihre Huld verloren?"
Sie sprach: "Den König Gramoflanz,
Der doch alles Lobes Kranz
Trägt, wie jeder Weise spricht;
Herr, ich weiß es anders nicht."

   Da sprach mein Herr Gawan: (633, 1)
"So sollt ihr ferner Kund empfahn
Von ihm, da er sich naht dem Preis
Und Preis erstrebt mit ganzem Fleiß.
Aus seinem Mund hab ich vernommen, (633, 5)
Es sei sein herz dahin gekommen
Dass er sich euerm Dienst gestellt;
Sein Trost sei ganz allein gestellt
Auf euer Helfen, euer Minnen.
Ein König von Königinnen (633, 10)
Empfängt wohl billig Herzensnot.
Herrin, hieß eur Vater Lot,
So seid ihrs, die er meinet;
Nach der sein Herze weinet;
Und ist eur Name Itonjê, (633, 15)
So tut ihr seinem Herzen weh.

   "Wenn ihr Treue wisst zu tragen,
So wendet seines Herzens Klagen.
Euer beider Bote will ich sein:
Fraue, nehmt dies Ringelein, (633, 20)
Das sendet euch der werte Held;
Heimlich wirds von mir bestellt:
Ich weiß zu hehlen, zweifelt nicht."
Scham übergoss ihr Angesicht:
Die Farbe, die erst trug ihr Mund, (633, 25)
Ward ihrem ganzen Antlitz kund;
Doch gleich darauf erblich die Magd,
Nach dem Ringlein griff sie ganz verzagt.
Sie hatt es Augenblicks erkannt
Und empfings in ihre klare Hand.

   "Nun seh ich wohl, Herr," sprach sie gleich, (634, 1)
"Wenn ich so sprechen darf vor euch,
Dass ihr von dem mir Kunde bringt,
Nach dem mein Herz verlangend ringt.
Verschwiegenheit geziemt euch nun, (634, 5)
Denkt ihr der Zucht ihr Recht zu tun.
Schon öfter ward mir dies gesandt
Von des werten Königs Hand:
Sein Wahrzeichen sollt es sein,
Er empfing von mir dies Ringelein. (634, 10)
Was er Kummers je gewann,
Gar ohne Schuld bin ich daran,
Denn immer hab ich ihm gewährt
In Gedanken was er nur begehrt.
Er hätt es von mir selbst vernommen, (634, 15)
Wär ich ihm je so nach gekommen.

   "Ich küsste heut die Herzogin,
Die seinen Tod nur hat im Sinn:
Das war ein Kuss wie Judas Kuss,
Von dem man heut noch sprechen muss. (634, 20)
Alle Treu an mir verschwand,
Da der Türkowit Florand
Und der Herzog von Gowerzein
Von mir geküsset mussten sein.
Ich vergeb es ihnen doch nicht ganz, (634, 25)
Die dem König Gramoflanz
So steten Hass im Herzen tragen.
Meiner Mutter sollt ihr das nicht sagen,
Noch meiner Schwester Kondriê."
So bat Gawanen Itonjê.

   "Herr, es geschah auf euer Bitten, (635, 1)
Dass ich ihren Kuss gelitten,
Doch ohne Sühn, auf meinen Mund;
Mein Herz davon ist ungesund.
Ob je uns eint ein selig Band, (635, 5)
Das liegt nun, Herr, in eurer Hand.
Ich weiß, der König minnet mich
Vor allen Frauen sicherlich.
Dafür geb ich ihm den Sold:
Ich bin wie keinem Mann ihm hold. (635, 10)
Gott lehr euch Hilfe, sehr euch Rat,
Dass mir durch euch die Freude naht."

   Da sprach er: "Frau, nun lehrt mich
Er hat euch dort, ihr habt ihn hie,
Mag euch auch Ferne scheiden. (635, 15)
Wüsst ich nun euch beiden
Mit Treuen solchen Rat zu geben,
Der euch zu würdiglichem Leben
Frommte, sollt es gern geschehn,
Ich ließe mirs nicht leicht entgehn." (635, 20)
Sie sprach: "Ihr sollt gewaltig sein
Des werten Königs und mein
Eure Hilf und Gottes Segen
Mög unser beider Minne pflegen,
Dass er frei wird durch mich Arme (635, 25)
Von seinem Kummer, seinem Harme.
Da bei mir steht seine Freude,
Wenn ich Untreue meide,
So ist mein Wunsch und mein Begehren
Ihm meine Minne zu gewähren."

   Das Fräulein, hörte wohl Gawan, (636, 1)
War dem König zugetan;
Dabei war auch nicht allzulass
Zu der Herzogin ihr Hass:
So trug sie Minne, trug sie Hass. (636, 5)
Schier Versündung schien ihm das
An der Einfalt der Magd,
Die ihm dein Kummer hat geklagt,
Dass er ihr noch vermied zu sagen,
Wie eine Mutter sie getragen; (636, 10)
Auch war ihr beider Vater Lot.
Der Magd er seine Hilfe bot:
Sie dankte heimlich ihm mit Neigen,
Dass er sich hilfreich wollt erzeigen.

   Nun war es Zeit auch, dass man trug (636, 15)
Manch Tischlaken weiß genug
Und das Brot zum Mittagsmahl
Zu den klaren Frauen in den Saal.
Man hält es mit den Plätzen
So, dass sich die Ritter setzen (636, 20)
Dort an eine Wand im Haus.
Die Sitze teilte Gawan aus.
Der Türkowite bei ihm saß;
Lischois mit Gawans Mutter aß,
Der klaren Sangive. (636, 25)
Mit der Königin Arnive
Aß die schöne Herzogin.
Seine schönen Schwestern setzt' er hin
Ihm zu Seiten überm Mal:
Sie taten gern wie er befahl.

   Meine Kunst gibt mir nicht halb Bericht, (637, 1)
Solcher Küchenmeister bin ich nicht,
Dass ich die Speisen könnte sagen,
Die da wurden aufgetragen.
Den Wirt und all die Frauen gar (637, 5)
Bedienten Mägdlein schön und klar.
Den Rittern dort an ihrer Wand
Gingen Knappen auch zur Hand.
Zucht hatte solchen Brauch geraten,
Dass drängend nicht die Knappen nahten (637, 10)
Den schönen Jungfrauen.
Gesondert blieben sie zu schauen
Ob sie Speisen brachten oder Wein:
So hielten sie die Sitte rein.

   Sie sahen heut ein Festmahl hie (637, 15)
Wie es hier die Fraun noch nie
Gesehen, und die Ritterschaft,
Seit sie Klinschors Zauberkraft
Hielt in dieses Schloss gebannt.
Sie waren sich noch unbekannt. (637, 20)
Obgleich ein Tor sie alle dort
Verschloss, sie hatten nie ein Wort
Noch gewechselt, Weib und Mann.
Nun schuf es heute Herr Gawan
Dass dies Volk einander sah, (637, 25)
Daran ihm Freude viel geschah.
Ihm war auch selber Lieb geschehn;
Doch oftmals heimlich anzusehn
Seine klare Herzogin
Zwang sie das Herz ihm und den Sinn.

   Zu sinken nun begann der Tag, (638, 1)
Dass sein Schein beinah erlag;
Auch glitt schon durch die Wolken sacht,
Die man für Boten hält der Nacht,
Mancher Stern, der freudig blinkte, (638, 5)
Da ihm der Nacht Herberge winkte.
Nach der Nacht Standarten
Ließ sie selbst nicht auf sich warten.
Von der Decke nieder hold
Manche Krone hing von Gold (638, 10)
Ringsum in dem schönen Saal;
Die Kerzen warfen lichten Strahl.
Auf die Tische ringsumher
Trug man der Kerzen wohl ein Heer.
Die Aventüre hehlt uns nicht, (638, 15)
Die Herzogin erschien so licht,
Und schien' der Kerzen keine hier,
Es wär doch nirgend Nacht bei ihr:
Ihre Glanzschein konnte selber tagen,
So hört ich von der Schönen sagen. (638, 20)

   Gawanen musste man gestehn:
Selten habe man gesehn
Einen Wirt so freudenvoll.
Sie taten wie der Frohe soll.
Da ward mit freudigem Begehr, (638, 25)
Die Ritter hin, die Frauen her,
Sich ins Angesicht geblickt.
Das noch vor Blödigkeit erschrickt,
Lernt sich dies Volk nun besser kennen,
Das will ich ihm von Herzen gönnen.

   Saß nicht ein Vielfraß mit zu Tisch, (639, 1)
So aß man satt nun Fleisch und Fisch.
Die Tische trug man all hindann.
Da fragte mein Herr Gawan,
Ob nicht gute Fiedler dort (639, 5)
Zu finden wären an dem Ort?
Da waren edler Knappen viel
Wohl gelehrt im Saitenspiel.
Doch konnten sie die Kunst nicht ganz,
Sie strichen all nur alten Tanz: (639, 10)
Neuer Tänze ward nicht viel vernommen,
Wie von Thüringen uns sind gekommen.

   Nun dankt es all dem Wirt Gawan,
Er ließ der Freude freie Bahn.
Viel der Frauen schön und klar (639, 15)
Tanzten vor ihm in der Schar.
Also schmückt sich jetzt ihr Reigen:
Viel der kühnen Ritter zeigen
Sich untermischt dem Frauenheer:
So stehen sie dem Gram zur Wehr. (639, 20)
Auch mochte man da schauen
Stets zwischen zweien Frauen
Einen klaren Ritter gehn:
Sie freuten sich, das war zu sehn.
Wars einem Ritter so zu Sinne, (639, 25)
Dass er Dienst verhieß um Minne,
Das vernahm man ohne Harm.
An Freuden reiche, an Sorgen arm
Vertrieben sie die kurze Stunde
Mit süßem Wort aus lieben Munde.

   Gawan und Sangive (640, 1)
Und die Königin Arnive
Saßen bei dem Tanz in Ruh.
Da trat die Herzogin hinzu.
Zu Gawan setzte sich die Feine, (640, 5)
Ihre Hand empfing er in die Seine.
Da ward manch treues Wort vernommen,
Er war froh, dass sie zu ihm gekommen.
Schmal ward sein Harm, seien Freude breit:
So verschwand ihm all sein Leid. (640, 10)
War groß am Tanz der Fürstin Lust,
Ihm war noch minder Gram bewusst.

   Die Königin Arnive sprach:
"Herr, nun denkt auf eur Gemach:
Ruhtet ihr in diesen Stunden, (640, 15)
Das wäre heilsam euern Wunden.
Hat sich die Herzogin bedacht,
Dass sie mit Decken diese Nacht
Euch besorgen will und hegen?
Die kann mit Rat und Tat euch pflegen." (640, 20)
"Fragt sie selber," sprach Gawan;
"Was ihr zwei gebietet, wird getan."
Da sprach die Herzogin darein:
"Er soll in meiner Pflege sein.
Lasst dieses Volk zur Ruhe fahren, (640, 25)
Ich will ihn heute so bewahren,
Dass nie ein Weib sein besser pflag.
Floranden von Itolak
Und den Herzog von Gowerzein
Lasst in der Ritter Pflege sein."

   Bald ein Ende nahm der Tanz. (641, 1)
Jungfraun in blühnder Farbe Glanz
Sah man sitzen dort und hie,
Sich Ritter setzen zwischen sie.
Wer nun mit Freude Leid vertrieb, (641, 5)
Um Minne bat sein holdes Lieb,
Er fände holde Antwort wohl.
Als jetzt des Wirts Gebot erscholl,
Ihm den Nachttrunk aufzutragen,
Das mussten Werbende beklagen. (641, 10)
Der Wirt warb wie ein andrer Gast:
Trug er nicht auch der Minne Last?
Ihr Sitzen däucht ihn allzu lang,
Da sein Herz auch die Minne zwang.
Der Trunk beschloss ihr Minnescherzen. (641, 15)
Vor den Rittern viel der Kerzen
Trugen Knappen aus dem Saal.
Floranden und Lischois befahl
Der Wirt den Rittern allen:
Denen musst es wohl gefallen. (641, 20)
Lischois und Florand
Gingen schlafen gleich zur Hand.
Die Herzogin mit Wohlbedacht
Wünschte beiden gute Nacht.
Da erhob sich auch der Frauen Schar (641, 25)
Und nahmen ihrer Ruhe wahr.
Sie wussten wohl mit Neigen
Beim Abschied Zucht zu zeigen.
Sangive mit Itonjê
Brachen auf; so tat auch Kondrie.

   Da machten Bene und Arnive, (642, 1)
Dass der Wirt gemächlich schliefe,
Alles fertig und bereit.
Es war der Herzogin nicht leid,
Sie stand den beiden gerne bei. (642, 5)
Gawanen führten diese drei
Hin, wo ihm Liebes bald geschah.
In einer Kemenaten sah
Er zwei gesellte Bette liegen.
Doch wird euch ganz von mir verschwiegen, (642, 10)
Wie schön geschmückt sie wären:
Wir nahen andern Mären.

   Zur Herzogin Arnive sprach:
"Nun sollt ihr schaffen gut Gemach
Dem Ritter, der hier bei euch steht. (642, 15)
Wenn er um eure Hilfe fleht,
Helft ihr ihm, das ehrt euch sehr.
Hierüber sag ich euch nichts mehr.
Doch wisst, seine Wunden
Sind so künstlich ihm verbunden, (642, 20)
Er dürfte jetzt wohl Waffen tragen.
Doch mögt ihr seine Schmerzen klagen:
Wenn ihr die lindert, das ist gut.
Lehrt ihr ihn wieder hohen Mut,
Wir alle werdens mit genießen, (642, 25)
Darum lassts euch nicht verdrießen."
Die Königin Arnive ging
Da jener Urlaub sie empfing;
Ein Licht trug Bene ihr voran.
Die Tür verschloss Herr Gawan.

   Ob nun die beiden Minne stehlen, (643, 1)
Das wird mir schwer euch zu verhehlen.
Was dort geschah, ich macht' es kund,
Träfen Flüche nicht den Mund,
Der dem Geheimnis Stimme leiht: (643, 5)
Es ist den Guten immer leid;
Sein eigen Unglück wirkt er auch.
Zucht verrät nicht Minnebrauch.

   Nun schuf der Minne Hochgewinn
Und die schöne Herzogin, (643, 10)
Dass Gawans Glück vollkommen war.
Unselig blieb' er immerdar,
Heilt' ihn nicht sein süßes Lieb.
Wer je geheime Weisheit trieb,
Und alle, die da forschend saßen (643, 15)
Und verborgne Kräfte maßen,
Kankor und Thebit,
Oder Trebuschet der Schmied,
Der Frimutellens Schwert geschaffen
(Groß Wunder wirkte dann dies Waffen); (643, 20)
Dazu auch aller Ärzte Kunst,
Erwiesen sie ihm holde Gunst
Mit Salben und Gebräuden:
Ohn ein Weib und Minnefreuden
Hätt er seine scharfe Not (643, 25)
Gebracht bis an den bittern Tod.

   Dass ich die Märe mache kurz,
Er fand den rechten Hirschenwurz,
Der ihm half, dass er genas
Und der Schmerzen ganz vergaß;
Bei der Weiße braun war der. (644, 1)
Der Brite von der Mutter her,
Gawan fils dü roi Lot,
Durch süßen Balsam bittrer Not
Fand er die Hilfe, der er pflag (644, 5)
Mit der Liebsten Hilfe bis zum Tag.
Doch solche Hilfe gab sein Lieb,
Die allem Volk verschwiegen blieb.
Dann ließ er sich so fröhlich schauen
Vor den Rittern all und vor den Frauen, (644, 10)
Dass ihre Sorge gar verdarb.
Nun hört auch wie der Knappe warb,
Welchen Gawan ausgesandt
Hin gen Löver in das Land
Nach Bems beid er Korka. (644, 15)
Der König Artus war allda
Und sein königlich Gemahl,
Lichter Frauen viel zumal
Und das Ingesindes eine Flut.
Nun hört auch, wie der Knappe tut. (644, 20)

   Bei früher Morgenstunde
Wollt er bringen seine Kunde.
Vor dem Kreuze las die Königin
Den Psalter mit andächtgem Sinn:
Da fiel ihr zu den Füßen (644, 25)
Der Knapp mit freudgen Grüßen.
Sie nahm einen Brief aus seiner Hand,
Darin sich Schrift geschrieben fand,
Die sie gleich erkannte
Eh seinen Herrn ihr nannte
Der Knappe, den sie knien sah. (645, 1)
Zu dem Briefe sprach die Köngin da:
"Heil der Hand, die dich geschrieben!
Ohne Sorge bin ich nie geblieben,
Seit ich zuletzt die Hand erblickte, (645, 5)
Die diese Züge schrieb und schickte."

   Sie weinte sehr und war doch froh:
Darauf zum Knappen sprach sie so:
"Du bist ein Knecht in Gawans Sold."
"Ja, Frau. Der ist euch herzlich hold: (645, 10)
Er entbeut euch Treue sonder Wank,
Und dass alle seine Freude krank,
Wird sie nicht durch euch gesund.
Niemals kümmerlicher stund
Es noch um seine Ehre. (645, 15)
Auch entbeut euch, Frau, der hehre,
Dass ihn Freude wieder labe,
Erfahr er eures Trostes Gabe.
Ihr mögt wohl mehr im Briefe finden,
Als ich wüsste zu verkünden." (645, 20)

   Sie sprach: "Ich hab aus ihm erkannt
Warum du zu mir bist gesandt.
Wohlan, ihm dienend bring ich dar
Wonniglicher Frauen Schar,
Deren Preis den Sieg behält (645, 25)
Zu unsrer Zeit in aller Welt,
Parzivals Gemahl allein,
Und Orgelusens lichter Schein,
Sonst darf in allen Christenreichen
Sich ihrer Schönheit nichts vergleichen.
Seit Gawan von Artus ritt (646, 1)
Ward ich der Sorge nimmer quitt.
Wie hat das Leid mein Herz zerquält!
Meljanz von Li hat mir erzählt,
Er sah ihn jüngst zu Barbigöl. (646, 5)
O weh mir," sprach sie, "Plimizöl,
Dass dich mein Auge je ersah!
Wie viel mir Leides da geschah!
Kunewaren de Laland,
Die von mir schied an deinem Strand, (646, 10)
Mein hold Gespiel, sah ich nicht mehr.
Mit Reden ward da allzu sehr
Der Tafelrunde Recht gebrochen.
Fünfthalb Jahr und sechs Wochen
Ists, seit der werte Parzival (646, 15)
Vom Plimizöl ritt nach dem Gral.
Da wandte sich auch Gawan
Gen Askalon, der werte Mann.
Jeschuten und Ekuba
Sah ich zum letzten Male da. (646, 20)
Große Sehnsucht nach den Lieben
Hat mir die Freude weit vertrieben."

   Die Königin fiel Trauern an;
Zu dem Knappen sie begann:
"Nun folge meiner Lehre: (646, 25)
Heimlich von hinnen kehre
Bis sich höher hob der Tag,
Dass alles Volk zu Hof sein mag,
Knappen, Ritter allzumal,
Des Ingesindes volle Zahl.
Dann komm du auf den Hof getrabt, (647, 1)
Nicht frage wer dein Pferd dir labt,
Sondern eile hinzugehn,
Wo die werten Ritter stehn.
Die fragen dich um Abenteuer: (647, 5)
Als entsprängst du einem Feuer,
So sei dein Reden, dein Betragen.
Sie möchtens gar zu gern erfragen
Was du für Märe bringest;
Du schau nur, wie du dringest (647, 10)
Durch die Menge zu dem Wirt,
Der freundlich dich empfangen wird.
Gib diesen Brief ihm in die Hand,
So wird ihm bald daraus bekannt
Deine Mär und deines Herrn Begehren; (647, 15)
Ich zweifle nicht, er wirds gewähren.

   "Ich rate dir noch mehr: An mich
Wende dann dich öffentlich,
Wo ich mit andern Frauen
Dich hören mag und schauen. (647, 20)
Wirb, willst du dem Herren nützen,
Dass sein Gesuch wir unterstützen.
Doch sage mir, wo ist Gawan?"
"Das fragt nicht," hub der Knappe an,
"Ich darf nicht sagen, wo er weilt; (647, 25)
Doch hat das Glück ihm viel erteilt."
Dem Knappen schien ihr Rat Gewinn;
Da schied er von der Königin.
Gerne folgt' er ihren Lehren
Und kehrt' auch, als er solle kehren.

   Recht um den mitten Morgen (648, 1)
Öffentlich und unverborgen
Ritt der Knappe auf den Hof.
Die Höfschen gaben ihm das Lob,
Sein Kleid sei recht nach Knappensitten. (648, 5)
Mit Sporen war dem Ross zerschnitten
Die Haut zu beiden Seiten.
Nach der Königin Bedeuten
Sprang er eilends von dem Ross:
Da ward um ihn das Drängen groß. (648, 10)
Schwert und Mantel, Ross und Sporen,
Ging ihm allzumal verloren,
Er kehrte wenig sich daran.
Eilends hub er sich hindann,
Wo er viel werte Ritter sah. (648, 15)
Aus einem Mund frug jeder da,
Was er für Abenteuer bringe?
Brauch am Hof sei, niemand ginge
Zu Tische, weder Weib noch Mann,
Bevor der Hof sein Recht gewann: (648, 20)
Aventüre, und so reiche,
Dass sie rechter Aventüre gleiche.

   Der Knappe sprach: "Ich sag euch nichts;
Mich entbindet Eile des Berichts.
Nehmts nicht krumm zu dieser Frist (648, 25)
Und sagt mir wo der König ist:
Den spräch ich gern vor allen Dingen
Wie mich die kruzen Stunden zwingen.
Dann hört ihr was man ihm entbot:
Gott lehr euch Hilfe bei der Not."

   Dem Knappen, den die Botschaft engte, (649, 1)
War es gleichviel wie man ihn drängte,
Bis ihn der König selber sah,
Ihm froh Willkommen bot allda.
Der Knappe gab ihm einen Brief, (649, 5)
Der tief ins Herz Artusen rief,
Denn als er ihn gelesen hatte,
Da fühlt' er, wie sich in ihm gatte
Die Freude mit der Klage.
"Wohl diesem süßen Tage, (649, 10)
Bei dessen Licht ich dies vernahm,
Mir endlich sichre Kunde kam
Von meinem Schwestersohn, dem kühnen!
Kann ich mannlich ihm dienen
Wie ich als Freund, als Oheim soll, (649, 15)
Zahlt' ich der Treue je den Zoll,
So leist ich jetzt was mir Gawan
Entboten hat, wofern ich kann."

   Zu dem Knappen sprach er so:
"Nun sage mir, ist Gawan froh?" (649, 20)
"Ja, Herr, so bald es euch gefällt
Ist er den Frohen zugesellt,"
Sprach der Knappe drauf, der weise;
"Doch scheiden muss er von dem Preise,
Wenn ihr ihn ohne Hilfe lasst. (649, 25)
Wie blieb' er fröhlich und gefasst?
Ihr flügelt seine Freud empor,
Hinaus weit vor des Kummers Tor;
Aus seinem Herzen flieht das Leid,
Wenn ihr ihm noch gewogen seid.
Der Köngin lässt er Dienst hieher (650, 1)
Entbieten: Auch ist sein Begehr,
Dass all der Tafelrunde Schar
Seiner Dienste nähme wahr,
Dass sie ihrer Treue dächten, (650, 5)
Seine Freude nicht verderben möchten,
Und euch zu kommen raten."
Die Werten all den König baten.
"Lieber Freund," hieß Artus ihn,
"Bring diesen Brief der Königin, (650, 10)
Dass sie ihn les und allen sage
Was unsre Freud ist, unsre Klage.
Übt doch König Gramoflanz
Hochfahrt und Tücke ganz,
Wo er den Meinen schaden kann! (650, 15)
Er wähnt mein Neffe Gawan
Sei Cidegast, den er erschlug,
Was ihm noch Kummers bringt genug.
Ich will ihm Kummer mehren
Und ihn andre Sitte lehren." (650, 20)

   Der Knapp kam gegangen
Und wurde wohl empfangen.
Er gab der Königin den Brief.
Manches Auge überlief,
Als laut es las ihr süßer Mund (650, 25)
Was darin geschrieben stund:
Gawans Klag und sein Gesuch.
Auch säumte nicht der Knappe klug
So zu flehen all die Frauen,
Dass seine Kunst wohl war zu schauen.

   Gawans Ohm, der König reich, (651, 1)
Warb mit großem Eifer gleich
Sein Ingesind zu dieser Fahrt.
Die vor Versäumnis sich bewahrt,
Ginover die höfisch weise (651, 5)
Warb die Fraun zu dieser stolzen Reise.
Keie sprach in seinem Zorn:
"Ward je auf dieser Welt geborn
Ein so würdiger Mann
Als von Norweg Gawan? (651, 10)
Nur geschwinde, holt ihn ein
Er möchte schon entschwunden sein.
Springt er wie ein Eichhorn,
Am Ende habt ihr ihn verlorn!"

   Der Knappe sprach zu Ginoveren: (651, 15)
"Frau, nun will ich wieder kehren
Morgen zu dem Herren mein:
Sorgt für ihn, es steht euch fein."
Ihrem Kämmrer sprach sie zu:
"Schafft diesem Knappen gute Ruh. (651, 20)
Nach seinem Rosse sollst du schauen:
Ist es mit Sporen arg verhauen,
Gib ihm das beste, das hier feil.
Hat er an anderm Kummer Teil,
Fehlt ihm Barschaft oder Kleid, (651, 25)
Das sei ihm allzumal bereit."
Sie sprach: "Nun sage Gawan,
Ihm sei mein Dienst untertan.
Urlaub beim König nehm ich dir;
Deinen Herren grüß von ihm und mir."

   Artus betrieb nun seine Fahrt. (652, 1)
Tafelrunder-Sitt und -Art,
Völlig war ihr heut genügt.
Sie waren allzumal vergnügt,
Dass der werte Gawan noch zur Stund (652, 5)
Am Leben war und wohl gesund,
Und sie des inne sind geworden.
Da ward der Tafelrunder Orden
Erneut durch diese frohe Kunde.
Artus saß an der Tafelrunde (652, 10)
Und wer daran zu sitzen hat
Und sich Preis erwarb durch kühne Tat.
Allen Tafelrunderhelden
Kam zu Gute sein Vermelden.

   Nun lasst den Knappen heimwärts kehren, (652, 15)
Da kund am Hofe sind die Mären.
Er brach am Morgen auf bei Zeit:
Der Kämmerer der Köngin beut
Ihm Barschaft, Ross und gut Gewand:
Mit Freuden ritt er in sein Land, (652, 20)
Da er bei Artus hat erreicht,
Wodurch Gawanens Sorge weicht.
Er kam zurück nach wenig Tagen,
Wie wengen, weiß ich nicht zu sagen,
Gen Schatel merveil in Klinschors Reich. (652, 25)
Arnive wurde freudenreich,
Da der Pförtner ihr entbot,
Mit seines Rosses großer Not
Sei der Knappe jetzt zurücke.
Da schlich sie an die Brücke,
Wo der Knappe hielt, der weise, (653, 1)
Und frug ihn nach der Reise,
Was man zu melden ihm befohlen?
Der Knappe sprach: "Das bleibt verhohlen,
Frau, ich darf es euch nicht sagen: (653, 5)
Mich schweigt ein Eid auf solche Fragen.
Wohl wär es meinem Herren leid,
Sagt' ichs und bräche meinen Eid.
Er hielte mich gewiss für dumm:
Fragt ihn, Herrin, selbst darum." (653, 10)
Sie triebs mit Fragen lange fort;
Der Knappe bleib bei seinem Wort.
"Frau, ihr säumt mich ohne Not:
Ich leiste was mein Eid gebot."

   Er ging, wo er den Herren fand. (653, 15)
Der Türkowite Florand
Und der Herzog von Gowerzein,
Von Logrois auch die Fürstin rein
Saß mit viel schönen Frauen.
Wie sich der Knappe ließ erschauen, (653, 20)
Auf stand Herr Gawan hoch erfreut.
Er nahm den Knappen gleich beiseit
Und hieß ihn willkommen sein.
Er sprach: "Sag an, Geselle mein,
Sei es Freude, sei es Not, (653, 25)
Was man vom Hofe mir entbot.

   "Fandest du den König da?"
"Herr," sprach der Knapp, "ich fand ihn, ja,
Den König und auch sein Gemahl,
Und werten Volkes große Zahl.
Sie entbieten Gruß und wollen kommen. (654, 1)
Eure Botschaft sah ich aufgenommen
So gut von allen Leuten,
Dass Reich und Arm sich freuten,
Denn ich tat ihnen kund, (654, 5)
Dass ihr heil wärt und gesund.
Da war ein Heer und ein Gedränge!
Die Tafelrunde ward zu enge
Durch eure frohe Botschaft.
Wenn jemals in der Ritterschaft (654, 10)
Mut und Kühnheit Preis erlangten,
So muss vor allen, die da prangten,
Eur Preis die Krone tragen,
Ob allem Preise ragen."

   Er sagt' ihm auch, wie es geschah, (654, 15)
Dass er die Köngin sprach und sah,
Und wie sie ihm getreulich riet.
Auch von dem Volk er ihn beschied,
Von Rittern und von Frauen:
Dass er sie sollte schauen (654, 20)
Zu Ioflanze vor der Zeit,
Die ihm bestimmt war zu dem Streit.
Da schwanden Gawans Sorgen,
Seine Freude war geborgen;
Statt Sorgen ward ihm Freude eigen. (654, 25)
Den Knappen bat ers zu verschweigen.
Sein Leid vergaß er freudiglich.
Er ging zurück und setzte sich,
Und hielt hinfort hier freudig aus
Bis Artus und sein Heer von Haus
Zu seiner Hilfe kam geritten. (655, 1)
Nun hört wie Lieb und Leid sich stritten.

   Gawan war allewege froh.
Eines Morgens kam es so,
Dass man auf dem reichen Saal (655, 5)
Sah der Fraun und Ritter große Zahl.
In einem Fenster sah der Held
Fröhlich über Strom und Feld.
Arniv ihm gegenüber saß,
Die zu erzählen nicht vergaß. (655, 10)

   Da sprach zur Königin Gawan:
"O liebe Herrin, hört mich an:
Wär euch die Mühe nicht verhasst,
Und meines Fragens Überlast,
So ließ' ich mir die Wundermären (655, 15)
Dieses Schlosses gern erklären.
Dass ich noch bin, ist eure Gabe,
Und dass ich Heil und Freuden habe.
Hatt ich mannlich kühnen Sinn,
Den hielt die edle Herzogin (655, 20)
Mit Gewalt in ihrem Zwang;
Eurer Hilfe sag ichs Dank,
Dass mir gesänftet ist die Not.
Von Minn und Wunden wär ich tot,
Wär mir nicht euer Trost gekommen, (655, 25)
Der mich den Banden hat entnommen.
Euch schuld ists, dass ich lebend bin.
Nun erklärt mir, edle Königin,
Das Wunder das hier war und ist:
Warum hat solche Zauberlist
Hier der weiße Klinschor offenbart? (656, 1)
Denn ich starb daran, wenn ihr nicht wart."

   Arnive sprach, die weise
(Mit so viel weiblichem Preise
Kam Jugend in das Alter nie): (656, 5)
"Herr, alle seine Wunder hie
Sind gar kleine Wunder doch:
Viel größre Wunder schuf er noch
In fremden Landen weit und breit.
Wer uns darum der Lüge zeiht, (656, 10)
Der kann sich nur versündigen.
Seinen Brauch lasst mich verkündigen
Der manchem übel ward bekannt,
Terre de Labeur, so hieß sein Land;
Es war aus dem Geschlecht entsprungen, (656, 15)
Dem auch viel Wunder sind gelungen,
Virgils, des noch Neapel froh.
Seinem Neffen Klinschor ging es so:

   "Hauptstadt war ihm Kapua.
So hohen Preis erwarb er da, (656, 20)
Er war um Preis wohl nicht betrogen.
Von Klinschor dem Herzogen
Sprachen alle, Weib und Mann,
Bis er Schaden so gewann:
In Sizilien herrscht' ein König wert, (656, 25)
Der war geheißen Ibert;
Aber Iblis hieß sein Weib.
Die trug den minniglichsten Leib,
Der je von Mutterbrust gekommen.
Ihr zu dienen hatt er unternommen,
Bis sie seiner Minne lohnte, (657, 1)
Und ihr Gemahl ihn nicht verschonte.

   "Von seiner Heimlichkeit zu sagen,
Muss ich euch erst um Urlaub fragen,
Da sonst mir diese Märe (657, 5)
Nicht wohl geziemend wäre,
Wie ihm kam des Zauberns Laune.
Mit einem Schnitt zum Kapaune
Wurde Klinschor gemacht."
Darüber wurde sehr gelacht (657, 10)
Von Gawan dem Degen hehr.
Da fuhr sie fort sagt' ihm mehr:

   "Auf Kalot Embolot
Erwarb er so der Leute Spott;
Man kennt die Veste weit im Land. (657, 15)
Ibert bei seinem Weib ihn fand:
Klinschor schlief in ihrem Arm.
Lag er da geborgen warm,
Das büßt' er doch mit teuerm Pfand:
Er wurde von des Königs Hand (657, 20)
Zwischen den Beinen schlicht gemacht.
Das sei sein Recht, hat der gedacht.
Er verschnitt ihn an dem Leibe,
Dass er keinem Weibe
Mehr zur Freude mochte frommen; (657, 25)
Das ist manchem schlimm bekommen.

   "Nicht im Land zu Persia,
In der Stadt mit Namen Persida,
Ward Zauberei zuerst erdacht.
Dort hatt ers bald dahin gebracht,
Dass er wohl schaffet was er will: (658, 1)
Seines Zaubers ist kein Ziel.
Durch die Schmach an seinem Leib
Ward sein Herz nicht Mann noch Weib
Mehr geneigt noch wohlgesinnt; (658, 5)
Zumal die gut und edel sind:
Kann er die gut und edel sind:
Kann er die in Not versetzen,
Das ist ihm herzliches Ergetzen.

   "Von ihm besorgte gleiche Not
Ein König Namens Irot; (658, 10)
Sein Reich ist Roschsabins genannt.
Der bot ihm an von seinem Land
So viel er nehmen wollte,
Dass er Frieden haben sollte.
Klinschor empfing von seinen Händen (658, 15)
Diesen Berg mit steilen Wänden;
Dazu acht Meilen rings herum
Gab er ihm zum Eigentum.
Klinschor schuf auf diesem Berg
Was ihr hier seht, dies schöne Werk. (658, 20)
Alles Reichtums, aller Pracht
Ist hier was je ein Sinn erdacht.
Droht dem Schloss Belagerung,
Zu dreißig Jahren wohl genung
Fasst sie Speise mannifalt. (658, 25)
Auch beherrscht er mit Gewalt
Alle Geister, die man kennt
Zwischen Erd und Firmament,
Ob sie bös sind oder gut,
Es nehme sie denn Gott in Hut.

   "Herr, da eure grimme Not (659, 1)
Euch vorbei ging ohne Tod,
So steht sein Reich in eurer Hand.
Diese Burg und dies gemessne Land,
Keinen Anspruch macht er mehr daran. (659, 5)
Seinen Frieden sollt ihr auch empfahn,
Denn das gelobt' er offenbar
(Und was er spricht, das macht er wahr),
Wer sein Abenteur bestehen könne,
Dass er Burg und Land ihm gerne gönne. (659, 10)
Die er aus christlichem Land
Hier durch Zauber hielt gebannt,
Sei es Magd, Weib oder Mann,
Die sind auch all nun untertan.
Viel Heiden auch und Heidinnen (659, 15)
Hielt seine Kunst gebannt hiebinnen.
Nun lasst uns Arme wieder ziehn
Zur Heimat, die wir mussten fliehn.
Von Heimweh ist mein Herz gequält:
Der die Sterne hat gezählt, (659, 20)
Der mög euch Hilfe lehren,
Dass wir zu Freuden kehren.

   "Eine Mutter Frucht gebar,
Die dann der Mutter Mutter war.
Von dem Wasser kommt das Eis: (659, 25)
Scheint darauf die Sonne heiß,
So kommt vom Eis auch Wasserflut.
So denk ich im bedrängten Mut,
Wie mir aus Freude Leid erblühte:
Dass Freude bald mein Leid vergüte!
So gibt Frucht zurück die Frucht: (660, 1)
O helft dazu, das wäre Zucht.

   "Schon lang ists, dass mir Freud entfiel.
Schnell mit dem Segel geht der Kiel,
Schneller der Mann, der auf ihm geht. (660, 5)
Wenn ihr das Gleichnis recht versteht,
Wird euer Preis auch hoch und schnell.
machet unsre Freude hell,
Dass wir sie heim zu Lande tragen,
Nach dem wir lang schon Heimweh klagen. (660, 10)

   "Freuden hatt ich einst genug:
Ich war ein Weib, das Krone trug;
So war auch meiner Tochter Haupt
Der Schmuck der Krone wohl erlaubt.
Wir haben beide Würdigkeit. (660, 15)
Herr, nie riet ich jemands Leid:
Alle ließ ich, Weib und Mann,
Ihr gebührend Recht empfahn.
Zu einer rechten Volkesfrauen
Mochte man mich auserschauen, (660, 20)
Die ich niemand, will es Gott,
Mit Wissen je Unehre bot.
Doch wie getreu ein Weib auch sei,
Wohnt ihr auch Ehr und Reinheit bei,
Wie gut sie's guten Leuten bietet, (660, 25)
Sie ist nie vor solchem Leid behütet,
Dass ihr nicht leicht ein armer Knabe
Brächte reicher Freude Gabe.
Herr, so lang ich hier verweilte,
Nie zu Ross, zu Fuß noch eilte
Einer her, der mich erkannte, (661, 1)
Und meine Sorge wandte."

   Da sprach zu ihr der Degen wert:
"Frau, wenn mir das Leben währt,
So kommt euch Freude noch und Frommen." (661, 5)
Desselben Tages sollt auch kommen
Mit dem Heere Artus der Breton,
Der klagenden Arnive Sohn,
Dem Neffen zu Gefallen.
Viel neue Banner wallen (661, 10)
Sah Gawan mit freudgem Schrecken;
Das Feld die Rotten überdecken
Von Logrois die Straße her
Mit manchem farbigen Speer.
Gawanen tat ihr Kommen wohl: (661, 15)
Wer fremder Hilfe harren soll,
Den lässt Verzögrung meinen,
Nie soll' ihm Hilf erscheinen.
Den Zweifel nahm Artus Gawanen:
Avoi! Wie zog er an mit Fahnen! (661, 20)

   Gawan enthielt sich des mitnichten,
Seine Augen, die lichten,
Mussten weinen lernen:
Zu einer Zisternen
Taugen sie ihm beide nicht, (661, 25)
Denn sie sind nicht wasserdicht.
For Freuden musst' er weinen,
Da er Artus sah erscheinen.
Von Kind an hatt er ihn erzogen;
Beider Treu war ungelogen
So stet einander sonder Wank, (662, 1)
Dass Falschheit nie hindurch sich schlang.

   Das Weinens ward Arnive innen:
"Ihr solltet freudig nun beginnen
Und ließet Freude schallen, (662, 5)
Herr, das wär ein Trost uns allen;
Dem Kummer leistet tapfre Wehr.
Hier kommt der Herzogin Heer:
Das sollt euch freuen, dünket ich."
Paniere, Zelte wunderlich (662, 10)
Sah Arnive mit Gawan
Zahlreich führen auf den Plan.
Darunter war ein einzger Schild:
Der hatt ein solches Wappenbild,
Dass ihn Arnive wollt erkennen (662, 15)
Und Isages den Ritter nennen,
Marschall bei Utepandragon.
Doch wars ein anderer Breton,
Der schön geschenkelte Maurin,
Marschall jetzt der Königin. (662, 20)
Utepandragon und Isages,
Arnive nicht versah sich des,
Sie waren längst gestorben;
Maurin hatt erworben;
Seines Vaters Amt kraft alten Rechts. (662, 25)
Auf den anger des Gefechts
Ritt das große Heerginsde.
Die Frauen, Kämmerer und Kinde
Nahmen Herberg auf der Wiese,
Die jede Frau wohl priese,
Bei einem Bächlein schnell und klar, (663, 1)
Wo eilends aufgeschlagen war
Manches herrliche Gezelt.
Dem König abseits auf dem Feld
Ward mancher weite Kreis genommen, (663, 5)
Und den Rittern, die mit ihm gekommen
Sie hinterließen, wo sie fuhren
Von ihrer Reise breite Spuren.

   Gawan durch Bene gleich entbot
Seinem Wirt Plippalinot; (663, 10)
Dass er Kähn und Schalte
Angeschlossen halte,
Damit sie diesen Tag bewahrt
Wären vor des Heeres Überfahrt.
Zugleich als erste Gabe nahm (663, 15)
Sie aus Gawanens reichem Kram
Die Schwalbe, noch in Engelland
Als teure Harfe wohlbekannt.

   Bene eilte froh hindann.
Verschließen ließ da Herr Gawan (663, 20)
Die Tore vor Belagerung.
Willig hörten alt und jung
Wessen er sie freundlich bat:
"Auf jener Seiten und Gestad
Legt sich ein großes Heer: (663, 25)
Nicht zu Land noch auf dem Meer
Sah ich je Rotten fahren
Mit so zahlreichen Scharen:
Ist auf uns das abgesehn,
Helft mir, wir wollen sie bestehn."

   Das versprachen alle gleich. (664, 1)
Man frug die Herzogin reich
Ob dies Heer das ihre wäre?
"Glaubt mir," sprach die Hehre,
"Ich kenne weder Schild noch Mann. (664, 5)
Der oft mir Schaden hat getan,
Ist etwa in mein Land geritten
Und hat vor Logrois gestritten.
Das stand ihm wohl nicht schlecht zur Wehr:
Gewachsen sind sie, solch ein Heer (664, 10)
Vor Tor und Zingeln zu empfahn.
Hat da Ritterschaft getan
Der zornge König Gramoflanz,
So wollt er rächen seinen Kranz;
Oder wer sie sei'n, wohl manchen Speer (664, 15)
Brach mit ihnen dort mein Heer."

   Gelogen hatte nicht ihr Mund.
Artusen wurde Schaden kund,
Bevor er kam gen Logrois:
Da musste mancher Bretanois (664, 20)
In rechter Tjost den Sattel räumen.
Artus bezahlt' auch ohne Säumen
In dem Handel, den man dort ihm bot:
Sie kamen beiderseits in Not.

   Man sah die Streitmüden kommen, (664, 25)
Von denen man so oft vernommen,
Dass sie gern der Haut sich wehrten,
Wie sie's in manchem Streit bewährten:
Sie hatten Schaden hier wie dort.
Garel und Gaherjet sofort,
Dann Roi Meljanz de Barbigöl, (665, 1)
Zuletzt auch Iofreit fils Idöl,
Wurden in die Stadt gefangen
Eh das Kampfspiel war zergangen.
Die Briten fingen von Logrois (665, 5)
Dük Friam de Vermendois
Und Graf Ritschart de Navers.
Der bedurfte stets nur eines Speers;
Doch wider wen er den erhob,
Der lag am Boden sonder Lob. (665, 10)
Artus fing mit eigner Hand
Diesen Helden auserkannt.
Da wurden unverdrossen
Die Rotten so geschlossen,
Einen Wald von Speeren mocht es kosten; (665, 15)
Von ungezählten Tiosten
Die Splitter niederregneten.
Die Briten auch begegneten
Mit mannlich unerschrocknem Sinn
Dem tapfern Heer der Herzogin. (665, 20)
Da musst Artus zum Streiten
Die Nachhut selbst bereiten.
Man reizte sie den ganzen Tag,
Bis eine Flut des Heers erlag.

   Billig hätte wohl Gawan (665, 25)
Der Herzogin es kund getan,
Dass jene, Hilf ihm zu gewähren,
In ihr Land gezogen wären:
So hätten sie sich schon vertragen.
Doch wollt ers ihr noch sonst wem sagen,
Bis sie es selber würde inne. (666, 1)
Er schickte sich nach bestem Sinne
Nun auch selber an zu reisen
Zu Artus, dem Bretaneisen,
Mit vielen kostbaren Zelten. (666, 5)
Niemand sollt' es da entgelten
War er ihm auch unbekannt:
Gawan begann mit milder Hand
So reichlich jeglichem zu geben,
Als gedächt er länger nicht zu leben. (666, 10)
Knappen, Ritter so wie Fraun
Ließ er seine Güte schaun
Und beschenkte sie so reich,
Dass sie sprachen alle gleich,
Ihnen sei der Hilfe Tag erschienen. (666, 15)
Da ward auch Freude kund an ihnen.

   Er ließ den Rittern Wehr und Waffen,
Den Frauen schöne Pferde schaffen
Und manches Saumross stark und gut.
Der Knappen eine ganze Flut (666, 20)
Sah man auch im Eisenkleid.
Vier werte Ritter beiseit
Nahm darauf mein Herr Gawan.
Also ordnet' er es an,
Dass der eine Kämmerer (666, 25)
Und der andre Schenke wär,
Der dritte Truchsesse,
Und der vierte nicht vergäße
Des Marschallamts. So stund sein Sinn;
Die vier willfahrten ihm darin.

   Nun seht Artusen drüben liegen: (667, 1)
Dem blieb heut Gawans Gruß verschwiegen;
Doch unterdrückt' er ihn mit Müh.
Mit Schall brach auf des Morgens früh
Gen Ioflanz Artusens Heer. (667, 5)
Eine Nachhut ordnet' er zur Wehr;
Doch als nirgend sie ein Feind bestand,
Folgte sie ihm unverwandt.

   Nun zog aufs neue bei Seite
Gawan die Amtleute. (667, 10)
Er wollt es länger nicht verziehn
Und befahl dem Marschall, dass er hin
Auf den Plan vor Ioflanz möge traben.
"Gesondert Lager muss ich haben;
Schon liegt davor ein großes Heer. (667, 15)
Ich berg es länger nicht mehr,
Ihren Namen muss ich nennen,
Dass ihr sie mögt erkennen:
Artus mein Ohm ists ungelogen,
Der mich von Kind an hat erzogen (667, 20)
An seinem Hof, in seinem Haus.
Nun rüstet mir so stattlich aus
Meine Reise, und so prächtig auch,
Dass man es nenne reichen Brauch.
Nur lassts hier oben unvernommen, (667, 25)
Dass Artus meinthalb ist gekommen."

   Da leisteten sie sein Gebot.
Der Fährmann Plippalinot
Hatte da vollauf zu tun.
Müßig durften nimmer ruhn
Die Nachen und die Schnecken, (668, 1)
Da mit den Rotten, den quecken,
So zu Ross wie zu Fuß
Der Marschall über führen muss
Die Knappen und Garzonen. (668, 5)
Sie folgten dem Bretonen,
Des Heer unweit von ihnen fuhr,
Mit Gawans Marschall auf der Spur.

   Sie führten, hört ich für gewiss,
Auch jenes Zelt, das Iblis (668, 10)
Aus Minne Klinschorn einst gesandt,
Und das zuerst als Liebespfand
Verriet der beiden Heimlichkeit;
Gar groß war ihre Zärtlichkeit.
Nichts war gespart an seiner Pracht, (668, 15)
Nur eins ward schöner noch gemacht:
Das Zelt, das Eisenhart besaß.
Nun ward dies Zelt auf grünem Gras
Neben Artus aufgeschlagen.
Manch Gezelt, so hört ich sagen, (668, 20)
Schlug man umher in weitem Ring;
Der Reichtum däuchte nicht gering.

   Bei König Artus ward vernommen,
Gawanens Marschall wär gekommen,
Das Herr zu bergen auf dem Plan; (668, 25)
Und der werte Gawan
Käm noch am selben Tage:
So war gemeine Sage
Bei all dem Ingesinde.
Gawan, der zur Falschheit Blinde,
Hob mit den Rotten sich von Haus. (669, 1)
Seine Reise ziert' er also aus,
Man mochte Wunder sagen.
Manch Saumross musste tragen
Kirchenschmuck und Hausgewand; (669, 5)
Harnisch und Schienen allerhand
Wurden aufgesäumt gefunden,
Die Helme drauf gebunden
Bei manchem Schilde wohlgetan.
Manches schöne Kastilian (669, 10)
Sah man bei dem Zaume ziehn,
Schöne Fraun und Ritter kühn
Gesellig reiten hinterdrein.
Meilenlang wohl möchte sein
Der Zug, würd er gemessen. (669, 15)
Gawan hatte nicht vergessen:
Jeder schönen Frau zur Seiten
Musst ein tapfrer Ritter reiten.
Die wären nicht bei Sinne,
Sprächen sie nicht von Minne. (669, 20)
Der Türkowite Florand
Ward zum Gesellen auserkannt
Sangiven von Norwegen.
Bei Lischois dem nimmer trägen
Ritt die süße Kondriê. (669, 25)
Seine Schwester Itonjê
Sah man bei Gawanen reiten;
Arniven zu denselben Zeiten
Mit der schönen Herzogin
Geselliglich die Straße ziehn.

   Zu Gawans Zeltbering zu kommen (670, 1)
Hatten sie den Weg genommen
Durch Artusens Heer in langem Zug.
Zu schauen gab es da genug!
Doch eh sie ganz hindurch geritten, (670, 5)
Gedachte Gawan höfscher Sitten:
Dem Ohm zu Ehren ließ der Held
Außen vor Artusens Zelt
Die erste von den Frauen halten;
Der Marschall, seines Amts zu walten, (670, 10)
Hieß dann die zweite zu ihr reiten,
Darauf die dritte zu der zweiten,
Bis sie hielten all im Kreise,
Hier die junge, dort die greise,
Ein Ritter jeder an der Hand, (670, 15)
Der willig ihr zu Diensten stand.
Artusens Zeltbering, den weiten,
Sah man da nach allen Seiten
Von Frauen ganz umfangen.
Da ward Gawan empfangen, (670, 20)
Der freudenreiche, dünket mich,
Von König Artus freudiglich.

   Gawan stieg ab, nicht minder
Arniv, Sangiv und ihre Kinder,
Von Logrois auch die Herzogin, (670, 25)
Der Herzog von Gowerzin
Und der Türkowite Florand.
Diesen Fürsten auserkannt
Ging entgegen Artus aus dem Zelt:
Freundlich empfing sie all der Held,
So auch die Königin, sein Gemahl: (671, 1)
Die empfing Gawanen und zumal
Alle, die mit ihm gekommen,
Und hieß sie herzlich willkommen.
Da wurde mancher Kuss getan (671, 5)
Von viel Frauen wohlgetan.

   Artus sprach zu dem Neffen sein:
"Wer sind sie, die Gesellen dein?"
Gawan versetzte: "Küssen
Wird sie die Köngin müssen: (671, 10)
Das unterbliebe wider Recht:
Zu hoch ist beider Geschlecht."
Der Türkowite Florand
Wurde da geküsst zuhand,
Und der Herzog von Gowerzin, (671, 15)
Von Ginover der Königin.

   Sie gingen mit ihr ins Gezelt
(Manchen däuchte, dass das weite Feld
Voll der schönen Frauen wäre).
Nicht so Artus. Bei seiner Schwere (671, 20)
Sprang er auf ein Kastilian:
Zu all den Frauen wohlgetan
Und den Rittern neben ihnen
Ritt er im Kreis mit heitern Mienen.
Willkommen hieß zur Stunde (671, 25)
Sie Artus mit höfschem Munde.
Es war Gawanens Wille,
Dass sie draußen stille
Hielten bis er weiter ritte:
So wollt es höfische Sitte.

   Artus stieg ab und ging hinein: (672, 1)
Zu dem Neffen setzt' er sich allein
Und bat, ihm Kunde zu gewähren,
Wer die fünf Frauen wären.
Da hub mein Herr Gawan (672, 5)
Mit den ältesten an;
So sprach er zu dem Breton:
"Kanntet ihr Utepandragon?
So ist Arnive dies, sein Weib;
Euch selbst geboren hat ihr Leib. (672, 10)
Dann seht ihr Norwegs Köngin hier:
Dass ich das Licht sah, dank ich ihr;
Meine Schwestern seht in diesen Maiden:
Wie sie schmuck sind, die beiden!"

   Da hob ein neues Küssen an. (672, 15)
Rührung und Freude sahn
All die es wollten sehn;
Ihnen war viel Liebes geschehn.
Lachen und Weinen
Konnt ihr Mund vereinen: (672, 20)
Von Freude kam der Tränenguss.
Da sprach zu Gawan Artus:
"Neffe, gib mir noch Bericht:
Die schöne Fünfte kenne ich nicht."

   Da versetzte Gawan le kurtois: (672, 25)
"Es ist die Herzogin von Logrois;
In ihren Gnaden bin ich hie.
Heimgesucht habt ihr sie:
Was dabei sich zugetragen,
Wollt davon uns Kunde sagen.
Der Witwe schaden ziemt' euch nicht." (673, 1)
"Deiner Muhme Sohn," gab er Bericht,
"Gaherjeten fing sie dort
Und Garel, der immerfort
Sich kühn bewährt im Streite. (673, 5)
Mir ward von der Seite
Der Unerschrockene genommen.
Unsrer Haufen einer war gekommen
Im Lauf bis dicht vor ihr Tor;
Hei! Wie schlug sich schön davor (673, 10)
Der werte Meljanz von Li!
Ein weißes Banner führten sie,
Die uns den Kühnen abgefangen:
Als Wappenzeichen sah man prangen
Darauf ein blutendes Herz (673, 15)
Als zuckt' es im Todesschmerz,
Von einem schwarzen Speer durchbohrt.
Lirivoin war ihr Losungswort,
Die unter diesem Banner ritten,
Und der Stadt den Sieg erstritten. (673, 20)
Auch meinen Neffen Iofreit
Fingen sie: Das ist mir leid.
Gestern war die Nachhut mein:
Da widerfuhr mir solche Pein."

   Der König klagte Ungewinn; (673, 25)
Lächelnd sprach die Herzogin:
"Herr, es bringt euch keine Schmach;
Ich griff nicht an an jenem Tag:
Der Schaden, den ihr mir getan,
Ich hatte keine Schuld daran.
Vergütet nun, was ihr mir nahmt, (674, 1)
Da ihr mich heimzusuchen kamt.
Dem ihr zu Hilfe kommt geritten,
Als der hat mit mir gestritten,
Da ward ich wehrlos erkannt, (674, 5)
Bei der bloßen Seite angerannt.
Wenn er noch weitern Kampf begehrt,
Wir kämpfen ihn wohl ohne Schwert."

   Zu Artus sprach da Gawan:
"Sollen wir diesen Plan (674, 10)
Nochmehr mit Rittern füllen?
Es steht in unserm Willen:
Die euern lässt wohl ledig ziehn
Mir zu Lieb die Herzogin
Und befiehlt, dass ihre Ritter her (674, 15)
Bringen manchen neuen Speer."
Artus sprach: "Das rat ich, ja."
Nach den Werten sandte da
Die Fürstin Boten in ihr Land.
Schönere Versammlung fand (674, 20)
Selten wohl auf Erden Statt.
Da Gawan nun um Urlaub bat
Zu seiner Herberg einzukehren,
Der König musst es ihm gewähren.
Die mit ihm gekommen waren (674, 25)
Sah man alle mit ihm fahren.
Seiner Herberge Zelt
Fanden sie so wohl bestellt,
Dass es köstlich war und hehr
Und von aller Armut leer.

   Zu den Herbergen eilen (675, 1)
Sah man da manchen, dem sein Weilen
Schon zum Verdruss gewesen.
Herr Kei war nur genesen
Von jener Tjost am Plimizol. (675, 5)
Er sah Gawanens Aufzug wohl
Und sprach: "Artusens Schwager Lot
Schuf uns selten solche Not
Gleicher Pracht und eignen Ringes."
Dazu verdross ihn noch des Dinges, (675, 10)
Dass ihn Herr Gawan nicht gerochen,
Als sein rechter Arm ihm war zerbrochen.
"Gott mit den Leuten Wunder tut:
Wer gab Gawanen Frau und Gut?"
Sprach Herr Kei in seinem Eifer; (675, 15)
Dem Freund missgünstig war sein Geifer.

   Der Freunde Glück macht Edle froh;
Zeter schreit und Mordio
Der Ungetreue, wenn er sieht,
Dass seinem Freunde wohl geschieht. (675, 20)
Gawan war glücklich und geehrt;
Wenn noch einer mehr begehrt,
Wo will der mit Gedanken hin?
Darob ist ihm nur kranker Sinn
Des Hasses und des Neides voll. (675, 25)
Den Tugendhaften tut es wohl,
Wenn bei dem Freunde Preis verweilt
Und Schande flüchtig von ihm eilt.
Da Gawan ohne Falsch und Hass
Mannlicher Treue nie vergaß,
So geschieht Unbilde nicht daran, (676, 1)
Dass er nun Heil und Glück gewann.

   Wie der von Norwegen
Seines Volks mit Speise konnte pflegen,
Die Ritter und die Frauen? (676, 5)
Da mochten Reichtum schauen
Artus und sein Gesinde
Von König Lotens Kinde.
Nun lasst sie schlafen nach dem Mal,
Ihre Ruhe bringt uns keine Qual. (676, 10)
Vor Sonnenaufgang kam geritten
Volk mit wehrlichen Sitten,
Orgelusens Ritterschar.
Ihrer Helmzierden wahr
Bei des Monden Scheinen (676, 15)
Nahm Artus mit den seinen,
Denn sie zogen zwischen her,
Wo jenseits Gawan und sein Heer
In weitem Zeltberinge lag.
Wer solche Hilf entbieten mag (676, 20)
Mit seiner machtvollen Hand,
Dem wird billig Ehre zuerkannt.
Seinen Marschall bat Gawan:
Weis' ihnen Raum zur Herberg an.
Doch riet der Fürstin Marschall, (676, 25)
Dass von Logrois die Ritter all
Eigne Zeltberinge zierten.
Eh sie die all logierten
War es schon hoch am Morgen.
Nun nahen neue Sorgen.

   Seine Boten sandte (677, 1)
Artus der Auserkannte
Gen Roschsabins in die Stadt.
Den König Gramoflanz er bat:
Da er nicht anders wolle, (677, 5)
Als dass der Kampf geschehen solle
"Zwischen ihm und meinem Neffen,
So mög er den im Kampfe treffen.
Bittet ihn, alsbald zu kommen,
Denn er hat sich vorgenommen, (677, 10)
Dass ers nicht vermeiden will.
Einem andern Manne wärs zu viel."
Die Boten fuhren hindann.
Floranden nahm da Gawan
Und Lischois an seiner Seite, (677, 15)
Dass sie ihm aus Näh und Weite
Kund die Ritter taten,
Die als Minnesoldaten
Der Herzogin um hohen Sold
Waren dienstbereit und hold. (677, 20)
Dann ritt er und empfing sie so,
Dass sie alle sprachen froh,
Fürwahr, der werte Gawan
Wär ein höfischer Mann.

   Von ihnen kehrt' er wieder heim (677, 25)
Und tat das weitere geheim.
Zu seinem Zeltgemach er schlich,
In volle Rüstung setzt' er sich,
Den Helm aufs Haupt gebunden,
Dass er säh, ob seine Wunden
So vollkommen heil nun sein, (678, 1)
Dass ihm keine Schramme schüfe Pein.
Zu üben dacht er seinen Leib,
Da doch alle, Mann und Weib,
Seinen Kampf sollten sehn, (678, 5)
Dass die Kenner möchten spähn,
Ob seiner unverzagten Hand
Der Preis heut würde zuerkannt.
Einen Knappen hatt er schon gebeten,
Dass er ihm brächte Gringuljeten. (678, 10)
Den ließ er galoppieren,
Denn er wollte sich movieren,
Dass er wär und das Ross bereit.
Nie ward mir seine Fahrt so leid.
Alleine ritt mein Herr Gawan (678, 15)
Fern von dem Heer auf den Plan.

   Mag das Glück sein walten!
Einen Ritter sah er halten,
Wo sich des Sabins Fluten wälzen,
Ihn, den wir wohl hießen Felsen (678, 20)
Aller mannlichen Kraft.
Er Wettersturm der Ritterschaft,
Dem Falschheit nie im Herzen lag!
Er war bei aller Kraft so schwach,
Was man da nennt Verzagen, (678, 25)
Des konnt er nimmer tragen
Weder halben Zoll noch Spanne.
Von demselben werten Manne
Habt ihr wohl früher schon vernommen:
Die Mär ist an den Stamm gekommen.

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