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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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XII. Cidegast

Gawan, den Minnenot nicht schlafen lässt, springt vom Lager und beschaut sich die Wunderburg. Auf dem Warthaus steht eine hohe Säule, die alles abspiegelt, was sich im Umkreis von sechs Meilen begibt. Darin sieht er Orgelusen mit einem Ritter, dem Türkowiten, nach der Kampfwiese reiten. Er hält dies, wie es in der Tat gemeint ist, für eine Herausforderung, wappnet sich, reitet hin, und sticht auch diesen Kämpen der Herzogin ab. Diese reizt ihn wieder durch höhnische Reden, verheißt ihm aber Minne, wenn er ihr aus dem Klinschorwalde einen Kranz von dem Baume bringe, den König Gramoflanz hege. Diesen zu holen will er bei dem Wasser Sabins über die gefährliche Furt Ligweiß Prellius sprengen, stürzt aber mit dem Pferde in die reißende Flut und erreicht nur mit großer Not das Gestade. Als er den Kranz bricht, erscheint Gramoflanz unbewaffnet, verschmäht aber den Kampf mit ihm, weil er nur mit zweien zugleich zu kämpfen gewohnt sei. Gramoflanz hat Orgelusens Gemahl Cidegast erschlagen und sie selbst entführt, ohne sie gewinnen zu können; aus Rache stellt sie ihm jetzt nach dem Leben. Er liebt nun eine der vier Königinnen auf Schatelmerveil, die junge Itonjê, Gawans Schwester, deren Vater Lot jedoch seinen Vater Irot im Gruß erschlagen haben soll, weshalb er mit Lots Sohne Gawan ausnahmsweise zum Einzelkampfe bereit sei. Als sich Gawan zu erkennen gibt und für seinen Vater einzustehen erbietet, wird ein Zweikampf auf dem Plan vor Ioflanze verabredet, zu dem sich beide Teile mit großem Gefolge von Rittern und Frauen, namentlich Gawan mit Artus und seiner Massenie (Ingesinde), einfinden sollen. Darauf sprengt Gawan, obwohl eine Brücke in der Nähe ist, über den Strom zurück und bringt Orgelusen den Kranz. Diese bittet ihm fußfällig ihre bisherige Härte ab, die ihn nur versuchen und für den Kampf mit Gramoflanz gewinnen sollte. Um an diesem Cidegasts Tod zu rächen, hat sie eine große Schar von Rittern, worunter Herzoge und Könige, um Sold und Minnelohn geworben (nur Parzival hatte sie verschmäht), und den reichen Kram (den Sekundille mit Kondrien la Sorziere und Malkreatüre dem Anfortas, und dieser Orgelusen, seiner Geliebten geschenkt) mit Klinschors Bewilligung vor das Tor des Schlosses gesetzt, damit Gramoflanz, weil ihr Besitz daran hing, zu dem Abenteuer gereizt würde und umkäme. Die Herzogin begleitet nun Gawan nach dem Schlosse, von dessen Zinne sie erkannt und von Klinschors Ritterschaft eingeholt werden. Nach der Überfahrt, bei welcher sie Bene bewirtet, bedingt sich Plippalinot als Lischoisens Lösegeld aus Sekundillens Goldkram eine Harfe, Schwalbe genannt. Gawan schickt Artusen Brief und Boten nach Bems an der Korka im Lande Löver wegen seines Zweikampfs mit Gramoflanz. Arnive, der Gawan seinen Namen und nahe Verwandtschaft verheimlicht, versucht vergebens den Boten auszuforschen.


   Wer ihm nun Schlummer nähme, (583, 1)
Wenn ihm der Schlummer käme,
Der würde sich versündigen.
Wir hörten uns verkündigen
Welche Drangsal er bestanden, (583, 5)
Wie seinen Preis allen Landen
Kund tat seines Kampfes Not.
Was der werte Lanzelot
Auf der Schwertbrücke litt
Und als er Meljakanz bestritt, (583, 10)
Das vergleicht sich diesen Schrecken nicht;
Noch was man von Garelle spricht,
Dem reichen König unverzagt,
Der es ritterlich gewagt,
Den Leu zu werfen vor den Saal (583, 15)
Zu Nantes, vor den Herren all.
Das Messer holte auch Garell;
Doch büßt' es schwer der Degen schnell
In der marmornen Säule.
Trüg ein Maultier die Pfeile, (583, 20)
Es wär ihm allzuschwere Last,
Die Gawan der mutge Gast
Auf sein Herz abschnurren lies,
Wie seine Kühnheit ihn hieß.
Ligweiß Prellius die Furt, (583, 25)
Und Erecks Not, der Schoidelakurt
Von Mabonagrein erstritt,
Schuf nicht solch Leid, wie Gawan litt,
Auch Iweins nicht (der stolze Degen
Ließ den Guss nicht unverwegen
Auf der Aventüre Stein): (584, 1)
Fügt in eins all diese Pein,
Noch größre Not bestand Gawan,
Wer Ungemach ermessen kann.

   Welche Not nun mag ich meinen? (584, 5)
Wills euch nicht zu zeitig scheinen,
So mach ich euch bekannt damit.
Orgeluse kam mit schnellem Schritt
In Gawanens Herz gegangen,
Der Zagheit nie darin empfangen, (584, 10)
Nur hohen Mut und kühnen Sinn.
Wie geschahs, wie barg sich drin
Die große Frau in kleiner Statt?
Sie kam so einen engen Pfad
In Gawans beklommnes Herz, (584, 15)
Dass all sein übriger Schmerz
Neben dieser Not verschwand.
Es war doch eine niedre Wand,
Die solch hohes Weib verdeckte,
Der zu dienen nichts erschreckte (584, 20)
Sein dienstliches Wachen.
Niemand soll drüber lachen,
Dass also wehrhaften Mann
Ein Weib so überwinden kann.
Alle Welt, was soll das sein? (584, 25)
Nun lehrt der Minne Zorn ihn Pein,
Der hohen Preis sich hat erjagt.
Wehrlich und unverzagt
Hat sie ihn doch befunden.
Gewalt zu tun dem Wunden,
Kann's ihrer Ehre frommen? (585, 1)
Sollt ihn nicht zu gute kommen,
Dass sie ihn bei voller Kraft
Wider Willen zwang in ihre Hast?

   Frau Minne, wollt ihr Preis erjagen, (585, 5)
So lasst bescheidentlich euch sagen,
Dies kann euch nimmer Ehre bringen.
Gawan hat stets in allen Dingen
Getan nach eurer Huld Gebot,
Desgleichen auch sein Vater Lot, (585, 10)
Und all sein mütterlich Geschlecht
War euch zu Diensten stets gerecht
Schon seit jenem Mazadan,
Welchen gegen Feimorgan
Terredelaschoi entführte, (585, 15)
Da eure Macht sein Herz berührte.
Von Mazadans Nachkommen,
Hat man immerdar vernommen,
Dass keiner jemals von euch lies.
Ither auch von Gahevieß (585, 20)
Hat euer Wappenkleid getragen:
Hört' eine Frau nur von ihm sagen,
Die bedachte sich nicht lang,
Auf seines Namens bloßen Klang
Sich überwunden zu gestehn: (585, 25)
Wie jene denn, die ihn gesehn?
Der war frohe Zeit gekommen.
An dem ward euch viel Dienst benommen.

   Nun gebt Gawanen auch den Tod
Wie seinem Vetter Ilinot,
Den eure Macht so lange zwang, (586, 1)
Bis der Junge, Süße rang
Nach der Liebsten günstgem Blick;
Florie wars von Kanedick.
Früh musst er seine Heimat fliehn; (586, 5)
Ihn erzog die Königin;
Er sah Britannien nicht mehr.
Mit Minne lud sie ihn so schwer,
Es trieb ihn auch aus ihrem Land.
Zuletzt in ihrem Dienste fand (586, 10)
Man ihn tot; ihr habts vernommen.
Gawans Geschlecht ist oft gekommen
Durch Minn in herzliche Beschwer.
Ich nenn euch seiner Vettern mehr,
Denen auch von Minne wurde weh. (586, 15)
Wie zwang der blutige Schnee
Parzivals getreuen Sinn?
Das schuf sein Weib, die Königin.
Galoes und Gahmureten
Habt ihr zu Boden so getreten, (586, 20)
Dass sie auf der Bahre lagen.
Itonjê die junge musste tragen,
Die schöne Schwester Gawans,
Mit Treuen um Roi Gramoflanz
Der Minne peinlichen Streit. (586, 25)
Frau Minne, schuft ihr nicht auch Leid
Sürdamur um Alexandern?
Dem einen wie dem andern,
Die Gawanen zum Verwandten hatten,
Wolltet ihr es nie gestatten
Eure Fessel nicht zu tragen: (587, 1)
Nun wollt ihr Preis an ihm erjagen.

   Ihr solltet Kraft der Kraft erwidern
Und ließet Gawan frei, den Biedern.
Ihn schmerzen noch die Wunden: (587, 5)
Bezwingt erst die Gesunden.
Schon mancher viel von Minne sang,
Den Minnie nie so sehr bezwang;
Ich möcht es in Geduld ertragen:
Verliebte Herzen solltens klagen (587, 10)
Wie ihr den von Norweg schlagt in Banden;
Die Aventür hatt er bestanden:
Da traf den Armen allzu bitter
Der Minne schauriges Gewitter.

   "Weh," sprach er, "dass zur Ruhestätte (587, 15)
Mir ward dies ruhelose Bette!
Das eine hat mich wund gemacht;
Das andre quält mir über Nacht
Mit Liebessehnen Herz und Sinn.
Orgelus die Herzogin (587, 20)
Muss Genad an mir begehn,
Soll ich noch frohe Tage sehn."
Wie er vor Ungeduld sich wand,
Zerriss ihm mancher Wundverband.
In solchem Ungemache lag (587, 25)
Der Held, bis ihn beschien der Tag:
Den hatt er unsanft erharrt.
Ich weiß, dass oft ihm wohler ward
In manchem scharfen Schwerterstreit,
Als heut in seiner Ruhezeit.

   Soll ein Leid an seines reichen, (588, 1)
Will seins ein Minner ihm vergleichen,
Von Minne ward er erst gesund,
Und dann wie er von Pfeilen wund:
Das schmerzt vielleicht ihn schon so sehr (588, 5)
Als all sein Liebesschmerz vorher.

   Gawan trug Minn und andre Not.
Da schien des Tages Morgenrot,
Dass seiner großen Kerzen Schein
Schier verdunkelt musste sein. (588, 10)
Vom Bette sprang der Weigand:
Da war all seine Leinewand
Von Blut und Eisenrost befleckt.
Doch war ein Stuhl für ihn bedeckt
Mit Hof und Hemd von Buckeram: (588, 15)
Dem Wechsel war er gar nicht gram.
Dann war ein Marderhut bereit,
Von gleichem Pelz ein Unterkleid;
Darüber kam ein weit Gewand
Von Zeuch aus Arras hergesandt. (588, 20)
Zwei Stiefeln standen auch dabei,
Nicht zu eng, doch schön und neu.

   Die neuen Kleider legt' er an:
Da schritt mein Herr Gawan
Zu des Zimmers Tür hinaus. (588, 25)
Nun ging er hin und her im Haus,
Bis er den reichen Pallas fand.
Sein Auge hatt in keinem Land
Solche Pracht noch erschaut,
Wie hier verwandt war und verbaut.
Zu einem Bau von mäßger Weite (589, 1)
Gings auf im Saal an einer Seite:
Stufen führten in der Runde
Zu dieser herrlichen Rotunde.
In ihr stand eine Säule stolz, (589, 5)
Nicht etwa aus faulem Holz,
Nein, schön und licht, dabei so stark
Und groß, der Frau Kamille Sarg
Hätte wohl darauf gestanden.
Aus Feirefißens Landen (589, 10)
Brachte Klinschor der weise
Was er hier prangen sah im Kreise.

   Runder sah man Zelte nie.
Ein Meister der Geometrie,
Hätte der es schaffen wollen, (589, 15)
Dem hätte Kunst gebrechen sollen:
Geschaffen hatt es Zauberlist.
Diamant und Amethyst
(Die Märe hat es uns verraten),
Dazu Topasen und Granaten, (589, 20)
Chrysolithen und Rubinen,
Smaragden und Sardinen
Schmückten alle Fenster reich.
Weit und hoch, den Säulen gleich,
Die sich zwischen Fenstern hoben, (589, 25)
War verziert die Decke droben.

   Doch keine Säule zeigte sich,
Die der großen Säule glich,
Die in des Raumes Mitte stund:
Die Aventüre tut uns kund,
Viel Wunder zeigte sich daran. (590, 1)
Schaulustig stieg Herr Gawan
Auf dies Warthaus allein
Zu manchem kostbaren Stein.
Da fand er Wunder übergroß, (590, 5)
Dass ihn des Schauens nicht verdross.
Ihn däuchte, dass er Fern und Nähe
In der großen Säul gespiegelt sähe.
Die Länder drehten sich im Kreise,
Es drängten wie in Kampfesweise (590, 10)
Die großen Berg' einander.
In der Säule fand er
Leute reiten, Leute gehn,
Diesen laufen, jenen stehn.
In ein Fenster setzte sich Gawan (590, 15)
Und sah das Wunder staunend an.

   Da kam die alte Arnive
Mit ihrer Tochter Sangive
Und ihren beiden Enkelinnen:
Ihm nahten die vier Königinnen. (590, 20)
Gawan sprang auf, als er sie sah.
Arnive sprach, die alte, da:
"Herr, ihr solltet noch der Ruhe pflegen.
Wollt ihr der Ruh euch schon begeben,
Ihr seid dazu noch allzu schwach; (590, 25)
Ihr braucht nicht neues Ungemach."
Da sprach er: "Frau und Meisterin,
Mir hat so viel Kraft und Sinn
Eure Kunst zurückgegeben,
Ich wills euch danken all mein Leben."

   Die Köngin sprach: "War es nicht Tand, (591, 1)
Dass ihr mich Meisterin habt genannt,
So lasst es durch die Tat mich schauen,
Indem ihr küsset diese Frauen.
Nicht bringt euch Schande solch Beginnen: (591, 5)
Sie sind geborne Königinnen."
Dieser Bitt freut' er sich:
Er küsste die Frauen minniglich,
Sangiven erst, dann Itonjê
Und die süße Kondriê; (591, 10)
Selbfünfter setzt' er dann sich nieder;
Prüfend blickt' er hin und wieder
Auf der Jungfraun klaren Leib.
Doch bewirkte das ein Weib,
Die in seinem Herzen lag, (591, 15)
Dass all ihr Glanz ein Nebeltag
Ihm gegen Orgeluse war.
Ihm schien so minniglich und klar
Von Logrois die Herzogin,
Sie benahm ihm Herz und Sinn. (591, 20)

   Nun auch dies war abgetan:
Mit Kuss empfangen war Gawan
Von den Frauen allen drei'n.
Die trugen so lichten Schein,
Es mochte wohl ein Herz verwunden, (591, 25)
Das nicht für andre schon empfunden.
Seine Meisterin frug er da,
Nach der Säule, die er vor sich sah,
Dass sie ihm sagte Märe,
Wie es damit doch wäre.

   Da sprach sie: "Herr, dieser Stein (592, 1)
Warf bei Tag und Nacht den Schein,
Seit er zuerst mir ward bekannt,
Sechs Meilen weit umher im Land,
So dass man drin gespiegelt sah (592, 5)
Was binnen diesem Raum geschah
Auf dem Wasser, auf dem Felde:
Von allem gibt er Melde.
Den Vogel wie das Säugetier,
Den Gast wie den vom Waldrevier, (592, 10)
In seinem Spiegel schauet man
Den heimschen wie den fremden Mann.
Sein Schimmer reicht sechs Meilen weit;
Er hat auch solche Festigkeit,
Dass ihn von der Stelle rückte, (592, 15)
Wie er Hau und Hammer zückte,
Nicht der allerstärkste Schmied.
Er ward geraubt zu Thabronit
Der Köngin Sekundille,
Denn gewiss wars nicht ihr Wille." (592, 20)

   In der Säule sah Gawan
Da einen Ritter heran
Reiten mit einer Frauen:
Die mocht' er deutlich schauen.
Die Frau bedäucht ihn schön und klar, (592, 25)
Mann und Ross gewappnet war,
Und der Helm schön verziert.
Sie kamen hastig galoppiert
Durch den Hohlweg auf den Plan:
Seintwegen ward ihr Ritt getan.

   Die beiden ritten aus dem Holze (593, 1)
Die Straße, wie Lischois, der stolze,
Den er vom Ross tjostierte.
Die schöne Fraue führte
Den Ritter an dem Zaume her: (593, 5)
Tiostieren wollt auch er.
Zum Fenster kehrt sich Gawan um,
Nicht mindert sich sein Schreck darum.
Die Säule hatt ihn nicht betrogen:
Denn dort sieht er ungelogen (593, 10)
Orgelusen de Logrois
Und einen Ritter kurtois
Reiten auf den Kampfeswasen.
Wie die Niewurz in der Nasen
Scharf wirkt und strenge, (593, 15)
So in des Herzens Enge
Fuhr ihm die Herzogin mit Pein
Durch die Augen oben ein.

   Weh, ein hilfloser Mann
Ist gegen Minne Herr Gawan. (593, 20)
Als er den Ritter kommen sah,
Zu seiner Meisterin sprach er da:
"Dort fährt ein Ritter einher,
Herrin, mit gezücktem Speer.
Er will sich Suchens unterwinden: (593, 25)
So soll er was er sucht denn finden.
Da er Ritterschaft begehrt,
So sei ihm Streit von mir gewährt.
Doch welche Frau geleitet ihn?"
Sie sprach: "Das ist die Herzogin
Von Logrois, das schöne Weib. (594, 1)
Wem will sie feindlich an den Leib?
Den Türken seh ich mit ihr kommen,
Von dem man immer hat vernommen,
Sein Herz sei kühn und unverzagt. (594, 5)
Er hat mit Speeren Preis erjagt,
Es zierte dreifach wohl ein Land.
Wider seine starke Hand
Sollt ihr noch Kampf vermeiden:
Ihr mögt nicht Kampf erleiden, (594, 10)
Ihr seid zum Kampf noch allzu wund.
Und wärt ihr völlig auch gesund,
Ich riet' euch Kampf mit ihm nicht an."
Da sprach mein Herr Gawan:

   "Ihr sagt mir, dass ich Herr hier wäre: (594, 15)
Wer denn wider meine Ehre
Ritterschaft hier suchen kommt,
Heraus, wofern ihm Kämpfen frommt!
Frau, lasst mich meine Rüstung sehn."
Groß Weinen sah man da geschehn (594, 20)
Von den Frauen allen vieren.
Sie sprachen: "Wollt ihr zieren
Euern Ruhm mit neuem Preise,
So kämpfet nicht, in keiner Weise.
Fändet ihr vor ihm den Tod, (594, 25)
Schrecklich wüchs erst unsre Not.
Und ob ihr ihm das Leben nähmt,
Wenn ihr in den Harnisch kämt,
Stürbt ihr an den alten Wunden:
Uns würde nimmer Heil gefunden."

   Gawan mit großem Kummer rang, (595, 1)
Ihr hört wohl selber was ihn zwang.
Als Beschimpfung hatt er aufgenommen
Des kühnen Türkowiten Kommen;
Ihn schmerzten auch die Wunden sehr (595, 5)
Und die Minne noch viel mehr,
Dazu der Jammer dieser Frauen;
Denn ihre Güte war zu schauen.
Er bat, dass sie das Weinen mieden;
Sein Mund begehrte doch entschieden (595, 10)
Harnisch, Ross und Schild und Schwert.
Die vier klaren Frauen wert
Wollten in den Saal ihn bringen.
Er bat sie, dass sie vor ihm gingen
Hinab, wo die andern waren, (595, 15)
Die süßen und die klaren.

   Als Gawan zu seiner Fahrt
Von den Fraun gewappnet ward,
Lichte Augen weinten da;
Obwohl es so geheim geschah, (595, 20)
Dass es niemand erfuhr
Als der gute Krämer nur,
Der sein Ross befahl zu streichen.
Hinaus sah man den Helden schleichen,
Wo Gringuljet das Ross ihm stund. (595, 25)
Doch war er noch so schwach und wund,
Dass er den Schild mit Mühe trug;
Durchlöchert war der auch genug.

   Da schwang sich Herr Gawan zu Ross
Und wandte sich von dem Schloss
Zu seines treuen Wirtes Haus, (596, 1)
Der ihm willig überaus
Alles gab was sein Begehr.
Von ihm empfing er einen Speer
Unbeschadet und wohl zu loben. (596, 5)
Er hatte manchen aufgehoben
Jenseits auf seinem Wiesenplan.
Da bat ihn mein Herr Gawan:
"Schafft mich hinüber balde."
In einer breiten Schalde (596, 10)
Fuhr der ihn über an den Strand,
Wo er den Türkowiten fand,
Den werten Helden hochgemut.
Der war vor Schand in solcher Hut,
Dass niemand Tadel an ihm fand; (596, 15)
Auch ward der Preis ihm zuerkannt:
Wer eine Lanze mit ihm brach,
Dass der hinterm Rosse lag
Von seiner Tjost mit jähem Fall.
Also hatt er sie noch all, (596, 20)
Die wider ihn geritten,
Mit Tjosten überstritten.
Auch gab sich aus der Degen wert,
Dass er mit Lanzen, sonder Schwert,
Hohen Preis wollt erwerben (596, 25)
Oder seinen Preis verderben:
Und wer den Preis erränge,
Dass er vom Ross ihn schwänge,
Dem wollt er sich nicht weiter wehren,
Er wollt ihm Sicherheit gewähren.

   Das erfuhr Herr Gawan (597, 1)
Von dem, der manches Pfand gewann.
Plippalinot nahm also Pfand:
Ward ihm bei der Tjost bekannt,
Dass einer fiel, der andre saß, (597, 5)
So empfing er ohne beider Hass
Des einen Verlust, des andern Gewinn:
Das ist das Ross, das zog er hin
Gleichviel, ob sie sich satt geritten.
Wer sich Preis, wer Schmach erstritten, (597, 10)
Das entschieden ihm die Frauen;
Die mochten manchen Zweikampf schauen.
Den Held er fest zu sitzen bat,
Er zog das Ross ihm ans Gestad,
Er bot den Schild ihm und den Speer. (597, 15)
Nun fuhr der Türkowit einher
Galoppierend wie ein Mann,
Der seine Tjost wohl messen kann,
Nicht zu hoch und nicht zu tief.
Hurtig ihm entgegen lief (597, 20)
Von Monsalväsche Gringuljet,
Das nach Gawans Willen tät,
Wie der Zaun ihm Weisung gab:
So lief es auf den Plan im Trab.

   Hurtig, tiostiert geschwind! (597, 25)
Einher fährt König Lotens Kind
Kühn und unerschrocken itzt.
Wisst ihr, wo die Helmschnur sitzt?
Da traft ihn hin der Türkowite.
Gawan lehrt' ihn andre Sitte,
Er traf ihn durch des Helms Visier. (598, 1)
Offenkundig ward es schier
Wer der Besiegte wäre.
An dem kurzen starken Speere
Empfing den Helm Herr Gawan: (598, 5)
Fort ritt der Helm, dort lag der Mann,
So lang der Mannheit eine Blume,
Bis er hier zu Gawans Ruhme
Das Gras gedeckt mit jähem Fall,
Dass seines Helmschmucks Zierden all (598, 10)
Im Taue mit den Blumen stritten.
Gawan kam hin zu ihm geritten,
Wo er Sicherheit von ihm gewann.
Da sprach das Ross der Fährmann an:
Das war sein Recht: Wer streitet drum? (598, 15)
"Ihr freut euch (wisst ihr auch warum?)"
Sprach Orgelus die schöne,
Dass sie Gawanen höhne,
"Weil des starken Löwen Fuß
Euch im Schilde folgen muss; (598, 20)
Und wollt hier neuen Preis empfahn,
Da diese Frauen alle sahn
Wie ihr tiostieren könnt:
Sei euch die Freude denn gegönnt.
Wohl dankt ihrs billig euerm Heil, (598, 25)
Dass sich an euch das Lit merveil
So wenig hat gerochen.
Zwar ist eur Schild zerbrochen,
Als wär euch doch was Streit heißt kund.
Ihr seid gewiss auch schon zu wund
Der Lanzen mehr zu brechen: (599, 1)
Blutlassen möcht euch schwächen.
Gleicht euer Schild nun einem Sieb,
So ists euch rühmenshalber lieb,
Dass ihn so mancher Pfeil zerbrach. (599, 5)
Flieht klüglich neues Ungemach
Nach so viel Schüssen, so viel Pfeilen:
Lasst euch erst den Finger heilen.
Reitet wieder zu den Frauen:
Wie dürftet ihr euch wohl getrauen (599, 10)
Neuen Kampf noch zu bestehn,
Wär euch selbst zum Lohn ersehn
Meiner Minne Gewinn?"
Da sprach er zu der Herzogin:

   "Herrin, meine Wunden (599, 15)
Haben Hilfe schon gefunden.
Wenn ihr mir nun zu Hilfe kämt,
Dass ihr meine Minne nähmt,
So kennt' ich nicht so große Nöte,
Darin ich euch nicht Dienste böte." (599, 20)
Sie sprach zu ihm: "Ich lass euch reiten
(Neuen Preis zu erstreiten)
Neben mir, geliebt es euch."
Aller Freuden ward da reich
Der stolze werte Gawan. (599, 25)
Den Türken sandt er gleich hindann
Mit seinem Wirt Plippalinot,
Durch den er auf der Burg entbot,
Es möchten gütig seiner wahr
Nehmen dort die Frauen klar.

   Gawans Speer war ganz geblieben, (600, 1)
Wie heftig sie zum Kampf getrieben
Die Rossemit der Schenkel Kraft.
In seiner Hand führt' er den Schaft
Von der blühnden Aue. (600, 5)
Wohl weinte manche Fraue,
Die ihn von dannen reiten sah.
Arnive sprach, die Köngin, da:
"Unser Trost traf eine Wahl
Den Augen süß, des Herzens Qual. (600, 10)
Wir sehn ihn folgen mit Verdruss
Gen Ligweiß Prelljus
Orgelus der Herzogin.
Seinen Wunden bringt es Ungewinn."
Vierhundert Frauen sah man klagen; (600, 15)
Hin ritt er, neuen Preis erjagen.

   Wie schwer er noch verwundet war,
Der Not vergaß er ganz und gar
Über Orgelusens lichtem Glanz.
Sie  sprach: "Ihr sollt mir einen Kranz (600, 20)
Von eines Baumes Reise holen.
Den Preis geb ich euch unverhohlen,
Mögt ihr die Bitte mir gewähren:
Meine Minne dürft ihr dann begehren."
Da sprach er: "Herrin, wo das Reis (600, 25)
Auch stehe, das so hohen Preis
Mir soll, und solche Wonne tragen,
Dass ich euch, Herrin, dürfe klagen
Erhörung hoffend meine Not,
Ich brech es, wehrt mirs nicht der Tod."
Wohl standen da viel Blumen licht, (601, 1)
Doch glichen sie der Farbe nicht,
Die er an Orgelusen sah.
Gedacht' er ihrer, ihm geschah
So wohl, sein altes Ungemach (601, 5)
Ließ mit allen Schmerzen nach.
So ritt sie mit dem Gaste
Von der Burg wohl eine Raste,
Grad war die Straß und geraum,
Vor eines grünen Waldes Saum. (601, 10)
Tämris und Prisin
Waren all die Bäume drin;
Man nannt ihn nur den Klinschors-Tann.
Da sprach der kühne Held Gawan:
"Wo brech ich, Herrin, nun den Kranz, (601, 15)
Von dem mein wundes Herz wird ganz?"

   Was stieß er sie nicht nieder,
Wie es wohl hin und wieder
Geschehn ist schönen Frauen?
Sie sprach: "Ich lass euch schauen (601, 20)
Wo ihr Preis erwerbt zur Stunde."
Über Feld zu tiefem Schlunde
Ritten sie so nah heran,
Dass sie den Baum des Kranzes sahn.
Sie sprach zu ihm: "Herr, jenen Stamm, (601, 25)
Den heget der mir Freude nahm:
Bringt ihr mir davon ein Reis,
So ward um Minne höhrer Preis
Nie einem Ritter zum Gewinn."
Also sprach die Herzogin.
"Ich kann nicht weiter mit euch reiten; (602, 1)
Wollt ihr fürbass, mög euch Gott geleiten:
So dürft ihrs länger nicht verhängen:
Das Ross von dieser Höhe sprengen
Müsst ihr nach kühnen Herzens Schluss (602, 5)
über Ligweiß Prellius."

   Stille hielt sie auf dem Plan;
Weiter ritt Herr Gawan.
Da vernahm er jähen Wassers Fall:
Durchbrochen hatt es sich ein Tal (602, 10)
Weit, tief und unzugänglich.
Da nahm Gawan nicht bänglich
Das Ross mit Schenkeln und mit Sporen:
So triebs der Degen wohlgeboren,
Dass es jenseits das Gestad (602, 15)
Mit zweien Füßen betrat.
Nach dem Sprunge stürzte Ross und Mann;
Die Herzogin sahs weinend an.
Voll und reißend ging die Flut;
Gawanen kam die Kraft zu gut, (602, 20)
Doch drückt' ihn seiner Rüstung Last.
Da sah er eines Baumes Ast
Ragen zwischen Felsenrissen:
Der Starke hatt ihn bald ergriffen,
Denn er lebte gern noch mehr. (602, 25)
An seiner Seite schwamm sein Speer:
Den ergriff der Weigand
Und stieg hinauf an das Land.

   Gringuljet schwamm auf und nieder:
Ihm hilfe gern der Degen bieder;
Doch wie der Strom es mit sich riss (603, 1)
Folgt' er nicht ohne Hindernis.
Schwer drückt der Harnisch, den er trug;
Wunden hat er auch genug.
Nun trieb es ihm ein Wirbel her, (603, 5)
Dass ers erreichte mit dem Speer
Wo der Regen weiten Fluss
Gebrochen hatte seinem Guss
Durch einer tiefen Halde Saum.
Des gespaltnen Ufers Raum (603, 10)
Kam dem armen Ross zu gut:
Mit dem Speere zog ers aus der Flut
So nahe zu sich an den Strand,
Dass den Zaum ergriff des Helden Hand.

   So zog mein Herr Gawan (603, 15)
Das Ross hinaus auf den Plan.
Es schüttelte sich: Der Schild glitt nieder.
Er gürtete dem Rosse wieder
Und nahm den Schild an seinen Arm.
Wen nicht grämen will sein Harm, (603, 20)
Den tadl ich nicht; doch hatt er Not:
Das schuf der Minne streng Gebot.
Der schönen Orgeluse Glanz
Trieb den Degen nach dem Kranz.
Doch verwegen war die Fahrt: (603, 25)
Der Baum war also bewahrt,
Es müssten um den Kranz ihr Leben
Seinesgleichen zwei wohl geben:
Ihn hegte König Gramoflanz.
Gawan brach jedoch den Kranz.
Jenes Wasser hieß Sabins. (604, 1)
Gawan holte bittern Zins
Als er drein fiel mit dem Pferde.
wie hold sich Orgelus gebärde,
Ich ränge nicht nach ihrer Minne: (604, 5)
Ich weiß zu wohl was ich beginne.

   Als das Reis sich Gawan brach,
Und der Kranz ward seines Helmes Dach,
Da ritt zu ihm ein Ritter kühn:
Den sah er in den Jahren blühn, (604, 10)
Nicht zu jungen, noch zu alten.
Ihn lehrte Hochmut solch Verhalten;
Wie viel zu Leid ihm ward getan,
Doch stritt er nicht mit einem Mann:
Es mussten zwei sein oder mehr. (604, 15)
Sein stolzes Herz war so hehr,
Was ihm einer tat zu Leid,
Darum erhob er keinen Streit.

   Le fils dü Roi Irot
Gawanen guten Morgen bot; (604, 20)
Das war der König Gramoflanz.
Da sprach er: "Herr, auf diesen Kranz
Hab ich noch nicht ganz verzichtet.
Mein Grüß hätt anders euch berichtet,
Wenn eurer zweie wären, (604, 25)
Die ihren Preis zu mehren
Sich kühnlich unterfangen,
Meines Baums ein Reis zu langen.
Die sollten mir zu Rede stehn:
So aber muss ich es verschmähn."

   Ungern auch Gawan mit ihm stritt, (605, 1)
Da der König wehrlos ritt;
Doch trug der Speerverderber
Einen jährigen Sperber:
Der stund auf seiner weißen Hand: (605, 5)
Itonje hatt ihn ihm gesandt,
Gawans holde Schwester.
Aus Pfauenfeder von Sinzester
War der Hut, der ihm zu Haupte saß.
Von Samet grün wie das Gras (605, 10)
War der Mantel den er führte;
Vom Pferde nieder hangend rührte
Rechts und links die Erde schier
Des Hermelinbesatzes Zier.

   Nicht zu groß, doch stark genug (605, 15)
War das Pferd, das ihn trug,
Um Pferdesschöne nicht betrogen,
Am Zaum aus Dänmark hergezogen;
Oder kam es auf dem Meer?
Der König ritt ohn alle Wehr; (605, 20)
Auch sein Schwert führt' er nicht.
"Von Kampf gibt euer Schild Bericht,"
Sprach der König Gramoflanz,
"Wenig blieb des Schildes ganz:
Durch solchen Kampf ward euch zu Teil, (605, 25)
Seh ich wohl, das Lit merveil.
Ihr habt das Abenteuer vollbracht,
Das mir wurde zugedacht,
Wenn auch Klinschor immerdar,
Der weise, mir befreundet war,
Und ich mit ihr im Streit nur liege, (606, 1)
Die stets noch durch der Minne Siege
Hat die Oberhand behalten.
Sie lässt den Zorn noch schalten
Wider mich. Auch zwingt sie Not: (606, 5)
Cidegasten schlug ich tot,
Selbvierten, ihren werten Mann.
Sie selber führt ich so hindann.
Ich bot die Kron ihr, bot mein Land;
Doch wie ihr Dienst bot meine Hand, (606, 10)
Hass bot ihr Herz mir immerdar.
So hielt ich flehend sie ein Jahr
Und konnte Minne nicht erjagen.
Ich muss mein Herzeleid euch klagen:
Ich weiß, dass sie euch Minne bot, (606, 15)
Weil ihr  hier sinnt auf meinen Tod.
Wärt ihr selbandrer nun gekommen,
Mir das Leben hättet ihr benommen,
Oder ihr wärt beid erstorben:
Den Lohn hätt euch ihr Dienst erworben. (606, 20)

   "Doch jetzt nach andrer Minne geht
Mein Herz, das euch um Gnade fleht,
Da ihr zu Terre merveille seid
Geworden Herr. Durch kühnen Streit
Habt ihr dort den Preis behalten. (606, 25)
Lasst ihr nun Güte walten,
So helfet mir bei einer Magd,
Nach der mein Herz sich sehnend klagt.
Sie ist König Lotens Kind:
Alle die auf Erden sind,
Zwangen nimmer mich so sehr. (607, 1)
Sie sandte mir ihr Kleinod her.
Gelobt von mir der schönen Maid
Getreu Dienstbeflissenheit.
Wohl hoff ich auch, sie ist mir hold; (607, 5)
Sie hat mir Not genug gezollt:
Seit Orgelus die Herzogin
Mit feindselger Worte Sinn
Ihre Minne mir versagte,
Wenn ich Preis seitdem erjagte, (607, 10)
So ward mir nimmer wohl noch weh,
Als um die schöne Itonjê.
Leider sah ich sie noch nicht.
Wenn eure Gunst mir Trost verspricht,
So bringt dies kleine Ringelein (607, 15)
Der klaren süßen Herrin mein
Kampf findet ihr hier nicht fürwahr,
Ihr kämet denn in größrer Schar,
Zu zweien oder mehren gleich.
Wie ehrt' es mich, erschlüg ich euch, (607, 20)
Oder ließ' euch Sicherheit
Gestehn? Stets mied ich solchen Streit."

   "Ich dächte doch," sprach Herr Gawan,
"Ich wär ein wehrlicher Mann.
Wenn ihr damit nicht Preis erjagt, (607, 25)
Ob ihr im Zweikampf mich erschlagt,
So mehrt es auch nicht meinen Preis,
Dass meine Hand sich brach dies Reis.
Wer aber zählt' es mir zur Ehre,
Erschlüg ich hier euch ohne Wehre?
Euer Bote will ich sein: (608, 1)
Gebt mir her das Ringelein
Und lasst mich euern Dienst ihr sagen
Und eures Herzens sehnlich Klagen."
Der König nahm es dankend an. (608, 5)
Da frug ihn aber Gawan:
"Da ihr mit mir verschmäht den Streit,
So sagt mir, Herr, wer ihr seid?"

   "Euch ists mitnichten lästerlich,"
Sprach Gramoflanz, "ich nenne mich: (608, 10)
Mein Vater hieß Irot;
Den erschlug der König Lot.
Ich bin der König Gramoflanz.
Meines Herzens Mut war stets so ganz,
Dass ich zu keinen Zeiten (608, 15)
Wegen Kränkung mochte streiten,
Die mir tat ein einzger Mann.
Von einem nur, er heißt Gawan,
Hab ich so viel Preis vernommen,
Mit ihm zu streiten würd ich kommen. (608, 20)
So wird mein altes Leid gerochen:
Sein Vater hat die Treu gebrochen,
Im Gruß er meinen Vater schlug.
Zu rächen hab ichs Grund genug.
Dieweil ist König Lot gestorben; (608, 25)
Gawan aber hat erworben
Solchen Preis aus aller Munde,
Dass niemand an der Tafelrunde
Sich seinem Preis vergleichen mag.
Mir kommt zum Kampf mit ihm der Tag!"

   Da versetzte König Lotens Kind: (609, 1)
"Zeigt ihr so euch hold gesinnt
Eurer Freundin, wenn sie's ist,
Dass ihr so arge Hinterlist
Mögt von ihrem Vater sagen, (609, 5)
Und ihr den Bruder wollt erschlagen?
So ist sie eine üble Magd,
Wenn ihr der Brauch an euch behagt.
Kennt sie der Tochter, Schwester Pflicht,
So nimmt sie scharf euch ins Gericht, (609, 10)
Dass ihr entsaget solchem Hass.
Wie stünde euerm Schwäher das,
hätt er die Treue so gebrochen?
Habt ihrs als Eidam nicht gerochen,
Wie ihr dem Toten sprachet Hohn? (609, 15)
So erkühnt es sich der Sohn:
Keine Müh wird ihn verdrießen;
Und soll er nicht dabei genießen
Der schönen Schwester Beistand,
So beut er selber sich zum Pfand. (609, 20)
Herr, ich heiße Gawan:
Was euch mein Vater hat getan,
Das rächt an mir, denn er ist tot.
Gern will ich, eh im Schande droht,
Hab ich würdigliches Leben, (609, 25)
Es euch im Kampf zu Geisel geben."

   Der König sprach: "Seid ihr der Mann,
Dem ich ungesühnten Hass gewann,
So ist mir eure Würdigkeit
Beides, lieb und auch leid.
Ein Ding gefällt mir an euch wohl: (610, 1)
Dass ich mit euch streiten soll.
Euch trägt es hohen Preis schon ein,
Dass ich versprach, mit euch allein
Woll ich zum Kampfe kommen. (610, 5)
Uns wirds zum Preise frommen,
Wenn wir edle Frauen
Unsern Kampf lassen schauen.
Fünfzehnhundert bring ich dar;
Ihr habt auch eine klare Schar (610, 10)
Dort zu Schatel merveil.
Andre bringt zu euerm Teil
Artus einer Oheim mit
Aus dem Land, das er erstritt
Und das Löver ist genannt. (610, 15)
Euch ist wohl die Stadt bekannt
Bems an der Korka?
All sein Ingesind ist da,
So dass er nach dem achten Tag
Von heut mit Freuden kommen mag. (610, 20)
Von heut am sechszehnten Tage
Komm ich zur Sühnung alter Klage
Auf den Plan von Ioflanze,
Und weil ihr grifft nach diesem Kranze."

   Obwohl der König Gawan bat: (610, 25)
"Folgt mir gen Roschsabins der Stadt,
Keine andre Brücke trefft ihr an,"
Doch entgegnet' ihm Gawan:
"Ich will nicht anders hin als her;
Sonst tu ich willig eur Begehr."
Sie gaben sich Fainze, (611, 1)
Dass sie gen Ioflanze
Mit Rittern und mit Fraungeleit
Beide kämen zu dem Streit
Und dem benannten Tagedinge, (611, 5)
Sie zwei allein zu einem Ringe.

   Also schied mein Herr Gawan
Für heute von dem kühnen Mann.
Mit dem Kranze, der den Helm ihm zierte,
Der Ritter freudig galoppierte. (611, 10)
Er verhing dem Ross den Zaum
Und spornt' es an des Ufers Saum.
Gringuljet nahm bei Zeit
Diesmal seinen Sprung so weit,
Dass nicht zu Falle kam der Degen. (611, 15)
Ihm ritt die Herzogin entgegen,
Als auf das grünende Feld
Gesprungen war vom Ross der Held,
Weil ihm der Gurt war losgegangen.
Huldigend ihn zu empfangen (611, 20)
Eilends auf das tauge Grün
Sprang die reiche Herzogin.
Zu seinen Füßen warf sie sich
Und sprach: "Herr, solcher Not, wie ich
Zu meinem Dienst von euch begehrt, (611, 25)
Ward nimmer meine Würde wert.
Nun schafft mir solches Herzeleid
Eurer Mühsal Fährlichkeit,
Wie um den geliebten Mann
Ein getreues Weib nur fühlen kann."

   "Frau," sprach er, "wenn dies Wahrheit ist, (612, 1)
Grüßt ihr mich ohne Hinterlist,
So naht ihr euch dem Preise.
Ich bin doch wohl so weise:
Soll Schildesamt sein Recht empfangen, (612, 5)
So habt ihr euch an ihm vergangen.
Des Schildes Amt ist hoher Art,
Und immer blieb vor Spott bewahrt
Wer es mit Ehren hat getragen.
Frau, geziemt es mir zu sagen, (612, 10)
Wer mich gesehen hat dabei,
Der gestand, dass ich ein Ritter sei.
Das wolltet ihr nicht zugestehn,
Da ihr zuerst mich habt gesehn.
Das lass ich ruhn: Nehmt hin den Kranz. (612, 15)
Doch mög euch eurer Schönheit Glanz
Nicht verleiten mehr, so bitter
Mitzuspielen einem Ritter.
Eh ich ertrüge solchen Hohn
Entsagt ich wohl dem Minnelohn." (612, 20)

   Mit herzlichem Weinen
Sprach die Schöne zu dem Reinen:
"Wenn ich die Not euch klage,
Die ich, Herr, im Herzen trage,
Ihr gesteht, dass ich unselig bin. (612, 25)
Zeig ich wem unholden Sinn,
Er mag es billig mir verzeihn.
Nie büß ich wieder so viel ein
An Freuden, gegen die verlornen
An Cidegast, dem auserkornen.

   "Mein süßer Freund, schön und klar, (613, 1)
Sein Preis so durchleuchtig war,
Er rang nach Würdigkeit so sehr,
Dass ihm dieser so wie der,
Die je in unsern Tagen (613, 5)
Einer Mutter Schoß getragen,
Gestand, mit seiner Würdigkeit
Wage niemands Preis den Streit.
Er war ein Quellborn der Tugend:
In unerschöpflicher Jugend (613, 10)
Litt er des Falsches Trübung nicht.
Aus der Finsternis zum Licht
Hatt er sich hervorgetan,
Und trug den Preis so hoch hinan,
Dass niemand ihn erreichte, (613, 15)
Den Falschheit je erweichte.
Sein Preis war hoch emporgetrieben,
Dass all die andern drunten blieben,
Aus seines Herzens Kernen:
So kreist ob allen Sternen (613, 20)
Der schnelle Saturnus.
Getreu wie der Monocirus,
Wenn ich die Wahrheit sprechen kann,
So war mein erwünschter Mann.
Das Einhorn sollten Jungfraun klagen: (613, 25)
Ihrer Reinheit halber wirds erschlagen.
Ich war sein Herz, er war mein Leib:
Den verlor ich armes Weib.
Ihn erschlug der König Gramoflanz,
Von dem ihr führet diesen Kranz.

   "Herr, sprach ich jemals euch zu nah, (614, 1)
Wisst, dass es darum geschah,
Weil ich versuchen wollte,
Ob ich mit Minne sollte
Lohnen eure Würdigkeit. (614, 5)
Mein Sprechen, weiß ich, tat euch leid;
Doch versucht' euch nur mein Mund.
Tut nun eure Milde kund,
Indem ihr euerm Zorn befehlt
Und mir verzeiht, wenn ich gefehlt. (614, 10)
Ich befand euch tugendreich:
Recht dem Golde seid ihr gleich,
Das man läutert in der Glut:
So ist geläutert euer Mut.
Den zu bestreiten ich euch brachte, (614, 15)
Wie ich denke, wie ich dachte,
Der hat mir Herzeleid getan."
Da sprach mein Herr Gawan:

   "Frau, mir wehr es denn der Tod,
Den König lehr ich solche Not, (614, 20)
Dass seine Hochfahrt endet.
Meine Treue steht verpfändet,
Ich woll in kurzen Zeiten
Mit ihm zum Kampfe reiten:
Da gilt es, Mannheit kundzutun. (614, 25)
Frau, verziehen ist euch nun.
Wenn ihr aber nicht verschmäht
Was mein einfälger Sinn euch rät,
So wäre weibliche Ehre
Und Würdigkeit meine Lehre.
Hier ist niemand jetzt als wir: (615, 1)
Zeigt euch gnädig, Frau, an mir."

   Sie sprach: "An geharnischtem Arm
Ward ich bis jetzt noch selten warm.
Doch will ichs nicht bestreiten, (615, 5)
Ihr mögt zu andern Zeiten
Wohl Lohn bei mir erjagen.
Eure Mühsal will ich klagen,
bis ihr von allen Wunden
Mochtet völliglich gesunden, (615, 10)
So dass aller Schaden heil.
Gen schatel merveil
Will ich euch jetzt begleiten."
"Freude wollt ihr mir bereiten,"
Sprach der minnegehrende Mann. (615, 15)
Er hob die Fraue wohlgetan
An sich drückend auf ihr Pferd.
Dessen hatt er ihr nicht wert
Geschienen, an dem Brunnen dort;
Da gab sie ihm manch queres Wort. (615, 20)

   Gawan ritt freudig nun von hinnen;
Sie aber ließ die Tränen rinnen,
Bis er mit ihr klagte.
Er bat, dass sie ihm sagte,
Warum sie Tränen vergieße? (615, 25)
Dass sie um Gott das Weinen ließe.
Da sprach sie: "Herr, ich muss euch klagen
Von dem, der mir ihn hat erschlagen
Den werten Helden, Cidegasten.
Nun darf ins Herz mir Jammer tasten;
Sonst wohnte Freude drinne (616, 1)
Durch Cidegastens Minne.
Doch war ich so noch nicht verdorben,
Ich hab ihm Schaden viel geworben,
Dem König, trotz der Kosten: (616, 5)
Mit manchen scharfen Tjosten
Stellt' ich ihm nach dem Leben
Vielleicht sollt ihr mir Hilfe geben,
Die mich rächt und mir vergütet
Das Leid, das noch mein Herz durchwütet. (616, 10)

   "Ich empfing auf Gramoflanzens Tod
Dienst, den mir ein Degen bot,
Der jeden Erdenwunsch besaß;
Sein Name, Herr, war Anfortas.
Von ihm als Minnekleinod nahm (616, 15)
Ich jenen Tabroniter Kram,
Der noch vor eurer Pforte steht,
Und den man teuer wohl ersteht.
Von dem Lohn, den er erworben,
ist auch meine Freud erstorben: (616, 20)
Da ich ihm Minne sollte schenken,
Musst ich neuen Jammers denken.
Sein Lohn war grimmige Beschwer.
Gleichen Jammer oder mehr
Als mir Cidegast gegeben (616, 25)
Lies mich Anfortas Wund erleben.
Nun saget selbst, wie sollt ich Arme
Besonnen tun bei solchem Harme?
Hieß es nicht von Treue wanken?
Musst ich selber nicht erkranken,
Da alle Hilf an ihm verloren, (617, 1)
Den ich nach Cidegast erkoren
Mich zu trösten und zu rächen?
Herr, nun höret sprechen
Wie Klinschor zu dem reichen Kram (617, 5)
Vor euerm Tor, der Zaubrer, kam.

   "Als Anforats, meinem Lieb,
Freud und Minne ferne blieb,
Der jene Gabe mir gegeben,
Da sorgt' ich, Schande zu erleben. (617, 10)
Klinschor wusst' ich, dankt der Gunst
Der negromantischen Kunst,
Dass er mit Zauber zwingen kann
Wen er will, Weib und Mann.
Weiß er irgends werte Leute, (617, 15)
Die werden seines Zaubers Beute.
Da ward mein reicher Kram um Frieden
Klinschorn mit dem Beding beschieden:
Wer sein Abenteur bestände
Und den Sieg im Kampfe fände, (617, 20)
Den zu minnen wär mir Pflicht;
Wollt er meine Minne nicht,
So wär der Kram von Neuem mein;
Jetzt sollt er unser beider sein.
Das beschwor mir wer zugegen war. (617, 25)
Verlocken wollt ich in Gefahr
Gramoflanz mit solcher List,
Die leider nicht gelungen ist.
Hätt er die Aventür gewagt,
So blieb der Tod ihm unversagt.

   "Klinschor ist höfisch und klug: (618, 1)
Willig vergönnt' er mir Fug,
durch sein Land nach allen Seiten
Darf mein Ingesinde reiten
Mit manchem Stich und manchem Schlag. (618, 5)
Die ganze Woche jeden Tag,
Die Wochen all im ganzen Jahr
Drohn wechselnd Rotten ihm Gefahr,
Die bei Tag und die bei Nacht.
Die Kosten hab ich nie bedacht, (618, 10)
Galt es dem kühnen Mann zu schaden:
Er ist mit ihrem Kampf beladen.
Was ihn wohl beschützen mag?
Seinem Leben stell ich nach.
Die zu reich sind meinem Sold, (618, 15)
Oft wurden die umsonst mir hold:
Um Minn ich manchen dienen ließ,
Dem ich doch niemals Lohn verhieß.

   "Selten sah mich noch ein Mann,
Von dem ich Dienst nicht bald gewann; (618, 20)
Nur einer, Waffen trägt er rot,
Brachte mein Gesind in Not.
Er kam vor Logrois geritten,
Da hatt er gleich den Sieg erstritten.
Mein Volk er nieder streute, (618, 25)
Dass ich mich nicht drob freute.
Zwischen Logrois und euerm Plan
Griffen ihn fünf der meinen an:
Die stach er alsbald zur Erde
Und gab dem Fährmann die Pferde.
Als er meine Ritter niederstach, (619, 1)
Ritt ich selbst dem Helden nach.
Ich bot mein Land, bot Hand und Leib:
Er sprach, er hätt ein schöner Weib
Und die ihm lieber wäre. (619, 5)
Ungern hört' ich solche Märe;
Wie sie heiße, frug ich ihn.
"Von Pelrapär die Königin,
Das ist die Schöne meiner Wahl;
Ich selber heiße Parzival. (619, 10)
Mich kümmert nicht, ob ihr mich liebt:
Der Gral mir andern Kummer gibt."
So sprach der Held im Zorne;
Hin ritt der Auserkorne.
Tat ich daran Unrecht, (619, 15)
Lasst es mich erfahren, sprecht,
Dass ich in meines Herzens Not
Dem werten Ritter Minne bot?
Bringt es meiner Minne Schmach?"
Gawan zu Orgelusen sprach: (619, 20)
"Frau, ich weiß, er war es wert,
Von dem ihr Minne habt begehrt.
Euer Preis wär unverloren
Hätt er eure Minn erkoren."

   Gawan der Held kurtois (619, 25)
Und die Herzogin von Logrois
Blickten sich einander an.
Da ritten sie so nah heran,
Sie wurden von der Burg erkannt,
Wo er das Abenteuer bestand.
Da sprach er: "Frau, hört mein Begehren, (620, 1)
Ihr werdets hoffentlich gewähren.
Lasst meinen Namen unbekannt,
Den euch der Ritter hat genannt,
Der mir entwandte Gringuljeten. (620, 5)
Leicht tut ihr, wie ich euch gebeten.
Sollt euch jemand darnach fragen,
Mein Geselle, mögt ihr sagen,
Ist mir unbekannt von Namen,
Den meine Ohren nie vernahmen." (620, 10)
Sie sprach zu ihm: "Es bleibt verhohlen,
Da ihrs zu hehlen mir befohlen."

   Er und die Herrin wohlgetan
Ritten zu der Burg heran.
Die Ritter hatten jetzt vernommen, (620, 15)
Dass ein Ritter wär gekommen,
Der die Aventür bestand,
Den grimmen Löwen überwand
Und den Türkowiten auch hernach
In rechter Tjost vom Sattel stach. (620, 20)
Eben ritt da Herr Gawan
Auf des Kampfspiels blumgen Plan:
Auf der Zinne sah man ihn.
Die Ritter zogen gleich dahin
Aus der Burg mit Schalle; (620, 25)
Da führten sie alle
Reiche Banner an den Schäften.
Er sah sie mit Kräften
Die schnellen Rosse reiten:
Wollten sie mit ihm streiten?

   Als er von fern sie kommen sah, (621, 1)
Zur Herzogin begann er da:
"Ziehn die uns feindlich wohl daher?"
Da sprach sie: "Es ist Klinschors Herr,
Die euch nicht erwarten mögen, (621, 5)
Sie reiten fröhlich euch entgegen
Und empfangen ihren neuen Herrn.
Ihren Gruß vernehmet gern,
Den ihnen Freude nur gebot."
Nun war auch Plippalinot (621, 10)
Mit seiner Tochter wohlgetan
Angekommen in dem Kahn.
Auf dem Anger ihm entgegen ging
Die Magd, die freudig ihn empfing.

   Gawan bot ihr seinen Gruß; (621, 15)
Sie küsst' ihm Stegereif und Fuß
Und hieß die Herzogin willkommen.
Sie hatte seinen Zaum genommen
Und bat Gawanen: Steigt vom Pferd.
Die Herrin und der Degen wert (621, 20)
Gingen zu des Schiffleins Bord.
Teppich und Polster sah man dort
Liegen als zum Schmuck der Stelle,
Wo, so wollt es ihr Geselle,
Die Herzogin bei Gawan saß, (621, 25)
Während Vene nicht vergaß
Ihn zu entwappnen. In das Schiff getragen
War auch der Mantel, hört' ich sagen,
Der ihn gedeckt in jener Nacht,
Die er bei dem Fährmann zugebracht:
Der kam ihm jetzt zur rechten Zeit. (622, 1)
Ihren Mantel und sein Oberkleid
Legte da der Degen an;
Sie trug die Rüstung hindann.

   Hier nahm die Herzogin klar (622, 5)
Erst seines Antlitzes wahr,
Da sie saßen beieinander.
Zwei gebratene Galander,
Dazu ein Glas gefüllt mit Wein
Und zwei Kuchen blank und fein (622, 10)
Die süße Magd zur Stelle trug
Auf einer Zwickel blank genug.
Die Speise war des Sperbers Beute.
Orgelus und Gawan mussten heute
Vor dem Male sich bequemen (622, 15)
Was Waschwasser selbst zu nehmen;
Was sie aus dem Flusse taten.
Mit Freuden war er wohlberaten,
Dass er mit ihr essen sollte,
Mit der er teilen wollte (622, 20)
So die Freude wie die Not.
So oft sie ihm den Becher bot,
Den berührt jetzt hatt ihr Mund,
Ward ihm neue Freude kund,
Dass er nach ihr sollte trinken. (622, 25)
Seine Trauer musste sinken,
Hochgemüte ward ihm kund.
Ihre lichte Farb, ihr süßer Mund
Trieb alles Leid aus seinem Herzen,
Er fühlte keine Wunde schmerzen.

   Ihre Mahlzeit schauen (623, 1)
Mochten auf der Burg die Frauen.
Jenseits zu dem Kampfplatz kam
Mancher Ritter lobesam:
Man sah sie kunstvoll Buhurt reiten. (623, 5)
Herr Gawan dankt' auf dieser Seiten
Dem Fährmann und der Tochter sein
(Orgeluse stimmte gern mit ein)
Gütlich für Trank und Speise.
Orgeluse sprach, die weise: (623, 10)
"Wo ist der Ritter hingekommen,
Der gestern vor den Speer genommen
Ward, eh ich von hinnen ritt?
Wenn ihn jemand niederstritt,
Blieb er am Leben oder tot?" (623, 15)
Da sprach Plippalinot:

"Frau, ich sah ihn heut noch leben.
Er ward mir für ein Ross gegeben.
Wollt ihr diesen Mann befrein,
So sei dafür die Schwalbe mein, (623, 20)
Die Sekundille sonst besaß,
Und die euch sandte Anfortas:
Wird die Harfe mir, so sei
Von Gowerzein der Herzog frei."

   Sie sprach: "Die Harf und was noch mehr (623, 25)
Zum Kram gehört, das möge der
Geben oder selbst behalten,
Der hier sitzt: Ihn lass ich walten.
Zeigt er dass er hold mir sei,
So macht er mir Lischoisen frei,
Den Herzogen von Gowerzein, (624, 1)
Und auch den andern Fürsten mein,
Von Itolak Floranden,
Der mir Wache Nachts gestanden.
Er war mein Türkowit, und so (624, 5)
Werd ich nimmer seines Kummers froh."

   Gawan sprach zu der Frauen:
"Ihr sollt sie ledig schauen
Beide, eh uns kommt die Nacht."
Sie hatten sich derweil bedacht (624, 10)
Und fuhren an das Ufer hin.
Da hub die schöne Herzogin
Gawan wieder auf ihr Pferd.
Mancher edle Ritter wert
Empfing ihn und die Herzogin. (624, 15)
Sie wandten zu der Burg sich hin.
Da ward mit freudgen Sitten
Künstlich Buhurt geritten
Mit Stich und Lanzenbrechen.
Was soll ich weiter sprechen? (624, 20)
Als dass der werte Gawan
Und die Fürstin wohlgetan
So ward empfangen von den Frauen,
Sie mochtens beide gerne schauen,
Auf Schatel merveil. (624, 25)
Nun gereich es ihm zum Heil
Was ihm Liebes hier geschah.
An sein Gemach führt' ihn da
Arnive: Seine Wunden
Wurden ihm geschickt verbunden.

   Zu Arniven sprach Gawan: (625, 1)
"Frau, einen Boten schafft mir an."
Eine Jungfrau ward hinaus gesandt:
Einen Fußknecht brachte die zuhand,
Der war mannlich und klug (625, 5)
Für einen Fußknecht genug.
Der Knappe schwur ihm einen Eid,
Würd ihm Lieb oder Leid,
Doch verriet' ers weder dort
Noch anderwärts, als an dem Ort (625, 10)
Wo ers bestellen sollte.
Da bat der Degen, dass man holte
Tinte her und Pergament.
Da schrieb die Botschaft, die ihr kennt,
Lotens Sohn mit fertger Hand: (625, 15)
Er entbot gen Löver in das Land
Artusen und Frau Ginoveren,
Ihnen treue Dienste zu gewähren
Sei er bereit in aller Weis;
Und hab er je besessen Preis, (625, 20)
Der sei an Würdigkeit nun tot
Ohn ihre Hilf in dieser Not:
Wenn sie der Treu nicht dächten
Und gen Ioflanze brächten
Die Ritter und der Frauen Schar. (625, 25)
Zum Kampfe komm er selber dar
Und löse seiner Ehre Pfand.
Dann macht er ihnen noch bekannt,
Dass sich die Kämpfer vorgenommen,
Mit Gepräng zum Kampf zu kommen.
Auch entbot da Herr Gawan (626, 1)
Und ersuchte Weib und Mann,
Artusens ganzes Ingesind,
Wären sie ihm hold gesinnt,
So rieten sie dem Herrn zu kommen; (626, 5)
Es würd auch ihrer Ehre frommen.
All den Würdigen entbot
Er Gruß und seines Kampfes Not.

   Obgleich der Brief kein Siegel trug,
Wahrzeichen standen drin genug, (626, 10)
Dass man sah, wer ihn geschrieben.
"Nun sollt dus länger nicht verschieben,
Mein Knappe, deines Wegs zu ziehn.
Der König und die Königin
Sind zu Bems an der Korka. (626, 15)
Frau Ginoveren sollst du da
Zu sprechen suchen gleich am Morgen:
Du wirst es, hoff ich, wohl besorgen.
Der List vergiss mir nicht dabei:
Verschweig, dass ich hier Herre sei. (626, 20)
Dass du hier Ingesinde bist,
Gedenke des zu keiner First."

   Der Knappe eilends aufbrach;
Arnive schlich ihm leise nach
Und frug, wohin er wollte (626, 25)
Und was er da bestellen sollte.
Er sprach: "Es wird euch, Frau, nicht kund:
Ein Eid versiegelt mir den Mund.
Behüt euch Gott, ich muss nun fahren."
Da ritt er hin zu tapfern Scharen.

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