Home-
page

www.wissen-im-Netz.info

Wolfram von Eschenbach - Parzival

Homepage
   Literatur
      Eschenbach
         Parzival
            I. Belakane
            II. Herzeleide
            III. Gurnemans
            IV. Kondwiramur
            V. Anfortas
            VI. Artus
            VII. Obilot
            VIII. Antikonie
            IX. Trevrezent
            X. Orgeluse
            XI. Arnive
            XII. Cidegast
            XIII. Klinschor
            XIV. Gramoflanz
            XV. Feirefiss
            XVI. Loherangrin

XI. Arnive

Vor Tag erwacht sieht Gawan die schon gestern gewahrten Frauen noch aus den Fenstern des Schlosses nieder blicken. Als Bene zu ihm kommt, fragt er sie, welche Bewandtnis es mit ihnen habe. Sie bittet ihn, darnach nicht zu forschen und bricht in Tränen aus, als er die Frage wiederholt. Ihr Vater, der hinzukommt, will ihm erst auch nicht Rede stehen, um ihn nicht in neuen Kampf zu verlocken; als er aber darauf besteht, es zu erfahren, entdeckt er ihm, dass er zu Terre merveille in Klinschors Lande sei, dass sich im Schloss das Lit merveil befinde, wo, wer das Abenteuer bestehe, die vie Königinnen und fünfhundert Frauen erlöse, von welchen er schon am Plimizöl aus Kondriens Munde vernommen hat. Zugleich erfährt er, dass Parzival gestern in Plippalinots Kahne übergefahren ist, nach dem Abenteuer auf Chatel merveil aber nicht gefragt hat. Von dem Fährmann ausgerüstet und unterrichtet, reitet Gawan nach dem Schloss. Ein Krämer, der vor dem Tor köstliche Schätze feil hält, übernimmt es, sein Ross zu hüten. Er tritt in den Saal, den die Frauen eben verlassen haben, und von da in ein Gemach, über dessen spiegelglatten, von Edelsteinen getäfelten Estrich das Wunderbette auf vier rubinenen Scheiben vor ihm hin und her rollt. Er springt glücklich hinein: Da prallt es mit ihm unter fruchtbarem Getöse gegen die vier Wände. Als endlich das Bett still steht, schleudern fünfhundert Wurfschwingen Steine, schießen fünfhundert Armbrüste Pfeile gegen ihn, die ihn durch den harten Schild des Fährmänns vielfach verwunden. Ein wilder Mann mit einer Keule tritt ein, und als er sieht, dass der Ritter noch lebt, lässt er einen Löwen gegen ihn los, den Gawan zwar erschlägt, aber bewusstlos auf ihn niederfällt. Die alte Königin Arnive, die er mit drei andern Königinnen von Klinschors Zauberbann erlöst hat, schickt ihm zwei Jungfrauen zu Hilfe und übernimmt dann selbst die Heilung.


   Die Augen zog ihm Müde zu, (553, 1)
Er genoss bis an den Morgen Ruh:
Da war erwacht der Weigand.
Viel Fenster sah er an der Wand
Des Zimmers, lichtes Glas dafür; (553, 5)
Auch fand er eine offne Tür
Nach einem Baumgarten gehn:
Er trat hinein, sich umzusehn;
Auch wohl um Luft und Vogellieder.
Da sah er blad die Veste wieder, (553, 10)
Die er Tags zuvor gesehen prangen,
Vor der sein Kampfspiel war ergangen.
Viel Frauen sah er auf dem Saal,
Und manche schöne in der Zahl.
Es wundert' ihn, dass auf dem Schloss (553, 15)
Die Fraun des Wachens nicht verdross,
Denn er sah, sie schliefen nicht,
Da kaum noch schien des Tages Licht.

   Er dachte: "Dass sie schlafen mögen
Will ich mich auch noch schlafen legen." (553, 20)
Wieder an sein Bett er ging.
Der Jungfrau Mantel überfing
Ihn als seine Decke.
Ob ihn nicht jemand wecke?
Nein: Das wär dem Wirte leid. (553, 25)
Da dachte sein die junge Maid,
Die an der Mutter Seite lag.
Die Gute sich des Schlafs entbrach
Und ging hinauf zu ihrem Gast,
Der wieder schlief in süßer Rast.
Weil sie gern bedient ihn hätte, (554, 1)
Auf den Teppich vor sein Bette
Setzte sich die Jungfrau klar.
Nicht of geschieht es mir fürwahr,
Dass mir Abends oder frühe (554, 5)
Solch Abenteuer blühe.

   Als darauf Gawan erwachte,
Sah er sie an und lachte:
"Gott lohn euch," sprach er, "Fräulein,
Dass ihr so von wegen mein (554, 10)
Euern Schlaf unterbrecht,
Und es an euch selber rächt,
Dass ich euch niemals Dienst getan."
Da sprach die Jungfrau wohlgetan:
"Euern Dienst entbehr ich gern, (554, 15)
Wär mir nur eure Huld nicht fern:
Herr, gebietet über mich:
Was ihr gebietet, tu ich.
All die bei meinem Vater sind,
Die Mutter und ein jedes Kind, (554, 20)
Wir sehn als unsern Herrn euch an,
So Liebes habt ihr uns getan."

   Er sprach: "Seid ihr schon lang gekommen?
Hätt ich es eher nur vernommen,
Eine Frage hätt ich euch gestellt, (554, 25)
Wenn es euch anders gefällt
Mir Bescheid darauf zu sagen.
Ich sah in diesen beiden Tagen
Viel Fraun auf mich hernieder blicken.
Seid so gut, wenn es sich schicken
Will, und sagt mir, wer sie sein?" (555, 1)
Da erschrak das Mägdelein:
"Ach, Herr," begann sie, "fragt das nicht,
Denn ich geb euch nicht Bericht.
Ihr werdets nicht von mir erfragen; (555, 5)
Weiß ich es gleich, ich darfs nicht sagen.
Ihr dürft es mir nicht übel nehmen:
Ich lass euch alles gern vernehmen,
Nur schweigt hievon, folgt meinem Rat."
Doch Gawan neue Frage tat (555, 10)
Und forschte nach der Märe,
Wie es mit den Frauen wäre,
Die er auf dem Saale sitzen sah.
Das treue Mägdlein weinte da,
In helle Tränen brach sie aus, (555, 15)
Ihr Jammer scholl durchs ganze Haus.

   Es war noch früh an der Zeit:
Da kam der Vater der Maid.
Ohne Zorn ließ ders bewenden,
Ob er mit starken Händen (555, 20)
Sein Töchterlein bezwungen
Oder doch mit ihr gerungen.
Das züchtge Mädchen wohlgetan
Stellte sich nicht anders an,
Zumal sie vor dem Bette saß; (555, 25)
Das ließ der Vater ohne Hass.
"Tochter," sprach er, "weine nicht:
Was man wohl scherzweis tut und spricht,
Setzt das auch Anfangs böses Blut,
Hernach ist alles wieder gut."

   Gawan sprach: "Hier ist nichts geschehn, (556, 1)
Das wir nicht offen eingestehn.
Ich frug das Kind nach einem Teil:
Das däuchte sie mein Unheil
Und bat, dass ich die Frage ließe. (556, 5)
Wenn ich nun euch nicht auch verdrieße,
Und euch mein Dienst bewegen kann,
So geruht, Herr Wirt, und sagt mir an,
Wie ist es mit den Frauen dort?
Ich weiß in aller Welt den Ort (556, 10)
Nicht, wo man schöner Frauen
So viel möchte schauen,
Mit so lichtem Gebände."
Da rang der Wirt die Hände
Und sprach: "Herr, fragt das nicht, um Gott, (556, 15)
Denn hier ist Not ob aller Not!"

   "So will ich ihren Kummer klagen,"
Sprach Gawan. "Wirt, ihr sollt mir sagen,
Warum ist euch mein Fragen leid?"
"Herr, wegen euer Mannheit. (556, 20)
Könnt ihr der Frage nicht entbehren,
So werdet ihr auch Kampf begehren.
Der bringt euch tödliche Gefahr,
Und macht uns aller Freude bar,
Mich, und alle meine Kinder, (556, 25)
Die euch zu Diensten sind, nicht minder."
"Ihr sollt mirs sagen," sprach Gawan;
"Wenn ich es hier nicht hören kann,
Dass eure Kunde mir entgeht,
Ich erfahre doch wohl wie es steht."

   Da sprach der Wirt mit Treuen: (557, 1)
"Dass ihr die Frage nicht wollt scheuen,
Herr, des muss ich traurig sein.
Einen Schild will ich euch leihn;
Wappnet euch zu neuem Streit. (557, 5)
Zu Terre merveille ists, wo ihr seid,
Denn das Lit merveil ist hie.
Herr, bestanden ward noch nie
Auf Schatel merveil die Not:
Euer Leben will in den Tod. (557, 10)
Wie viel auch stritt eure Hand,
Wie viel sie Abenteuer fand,
Das war noch alles Kinderspiel:
Hier trefft ihr Angst und Schreckens viel."

   Gawan sprach: "Es wär mir leid, (557, 15)
Ritt ich aus Gemächlichkeit
Untätig hin von diesen Frauen,
Ohne recht die Sache zu beschauen.
Ich hatte längst davon vernommen;
Nun ich so nah ihr bin gekommen, (557, 20)
So darf ich nicht verzagen,
Für die Frauen mich zu wagen."
Der Wirt beklagt' ihn, der getreue.
Er sprach zu seinem Gast aufs neue:
"Alle Not ist Kleinigkeit, (557, 25)
Die man finden mag im Streit,
Gegen dieses Abenteuer:
Das ist scharf und ungeheuer
Fürwahr und sonder Lügen:
Glaubts, Herr, ich kann nicht trügen."

   An Furcht und Schrecken kehrte (558, 1)
Sich Gawan nicht, der Kampfbewährte.
Er sprach: "Nun geht zum Kampf mir Rat:
Wenn ihrs erlaubet, Ritterstat
Werd ich hier leisten, will es Gott. (558, 5)
Euern Rat und eur Gebot
Nehm ich immer willig an.
Herr Wirt, ich täte übel dran,
Wollt ich so von hinnen scheiden:
Die Lieben und die Leiden (558, 10)
Hielten mich für einen Zagen."
Nun erst begann der Wirt zu klagen,
Dem größer Leid wohl nie geschah.
Zu seinem Gaste sprach er da:
"Wenn es Gottes Willen ist, (558, 15)
Dass ihr den Tod nicht leiden müsst,
So wird zu Teil euch dieses Land.
Viel Frauen stehen hier zu Pfand,
Die Zauberei gefesselt hält
(Erlösen mochte sie kein Held), (558, 20)
Dazu viel edle Ritterschaft:
Kann sie befreien eure Kraft,
So ist euch Preises viel gewährt,
Euern Namen hat Gott hoch geehrt:
Das Glück lässt euch gewaltig sein (558, 25)
Über Schönheit, lichten Schein,
Fraun aus manchen Landen.
Es gereicht' euch nicht zu Schanden,
Wär zu scheiden eur Entschluss,
Da lischois Giwellius
Seinen Preis an euch verloren hat, (559, 1)
Der manche ritterliche Tat
Zuvor vollbracht, der holde Mann,
Wie ich wohl ihn nennen kann.
Kühn war seine Ritterschaft: (559, 5)
So manche Tugend Gottes Kraft
Noch aus keinem Herzen blühen ließ,
Nehm ich Ithern aus von Gahevieß.

   "Mein Schiff ihn gestern über trug,
Der Ithern vor Nantes schlug. (559, 10)
Fünf Rosse hat er mir gegeben
(Lass ihn Gott mit Freuden leben),
Die Fürsten sonst und Kön'ge ritten.
Sie müssen wie sie mit ihm stritten
Nun selbst zu Pelrapär vermelden: (559, 15)
Das gelobten sie dem Helden.
Sein Schild trägt mancher Tjoste Mal;
Er ritt hier forschen nach dem Gral."

   "Herr Wirt, wo ist er hingekommen?
Und hat er," sprach der Gast, "vernommen, (559, 20)
Als er so nahe ritt vorbei,
Wie es mit diesen Frauen sei?"
"Herr, er hat es nicht erfahren.
Ich konnte wohl die Rede sparen,
Ihn dessen zu bescheiden: (559, 25)
Den Unfug wollt ich meiden.
Hättet ihr die Frage nicht erdacht,
Ich hätt euch nicht darauf gebracht
Was hier bestanden werden soll,
Ein Abenteuer schreckensvoll.
Lasst ihr euch keine Bitte hindern, (560, 1)
So ist mir und meinen Kindern
Wohl nimmer leider geschehn,
Wenn ihr fallen müsst und untergehn.
Sollt ihr den Sieg behalten, (560, 5)
Dieses Landes künftig walten,
So muss sich meine Armut enden,
Denn ich getrau es euern Händen,
Dass ihr mir Reichtum verleiht.
Mit Freuden Lieb ohne Leid (560, 10)
Mag euer Preis hier erben,
Müsst ihr nicht ersterben.

   "Nun wappnet euch zu scharfem Streit."
Noch trug Gawan kein Eisenkleid:
Er sprach: "Bringt mir die Rüstung her." (560, 15)
Der Wirt erfüllte sein Begehr.
Von Fuß auf wappnet' ihn alsbald
Das süße Mägdlein wohlgestalt,
Da nach dem Ross der Vater ging,
An seiner Wand ein Schildrand hing, (560, 20)
Der war dick und also hart,
Dass er Gawans Erretter ward:
Ihm wurden Schild und Ross gebracht.
Nun hatte sich der Wirt bedacht,
Und als er wieder vor ihm stund, (560, 25)
Begann er: "Herr, ich tu euch kund,
Wie ihr sollt verfahren,
Euer Leben zu bewahren.

   Meinen Schild sollt ihr tragen:
Er ist nicht durchstochen noch zerschlagen,
Denn ich kämpfe selten: (561, 1)
Wes sollt er denn entgelten?
Herr, wenn ihr vor das Burgtor kommt,
Ich weiß was euerm Rosse frommt:
Es sitzt ein Krämer an dem Tor, (561, 5)
Dem übergebt das Ross davor.
Kauft von ihm was euch gefällt,
Nur dass er euch das Ross behält,
Wenn ihr es ihm zu Pfande setzt.
Bleibt ihr im Kampf dann unverletzt, (561, 10)
Mögt ihr das Ross zurück empfahn."
Da sprach mein Herr Gawan:
"Reit ich nicht zu Ross hinein?"
"Nein, Herr. All jener Frauen Schein
Bleibt vor euch verborgen. (561, 15)
Es naht nun Angst und Sorgen.

   Im Saale seht ihr euch allein:
Ihr findet weder groß noch klein,
Das da leb und Atem habe.
Nun stärk euch Gottes Gabe, (561, 20)
Wenn ihr in die Kammer geht,
Darin das Lit merveil steht.
Das Bett und die vier Rollen sein,
Von Marokko der Mahmumelein,
Wollte der mit allen Schätzen (561, 25)
Kron und Reich dagegen setzen,
Das reichte nicht an seinen Wert.
An diesem Bette widerfährt
Euch dann was Gott euch zugedacht:
Lenk es gnädig seine Macht.
Merkt euch Herr, und seid belehrt: (562, 1)
Diesen Schild und euer Schwert,
Lasst sie nimmer aus den Händen.
Wähnt ihr schon, es wolle enden
Eure schreckhafte Pein, (562, 5)
Dann bricht die Not erst recht herein."

   Als Gawan sich zu Rosse schwang,
Da ward dem armen Mägdlein bang.
Alle klagten, die da waren;
Man sah sie ängstlich gebahren. (562, 10)
Er sprach zum Wirt: "Gott gönne nur,
Was mir hier gutes widerfuhr
Durch eure treue Pflege,
Dass ichs einst vergelten möge."
Urlaub nahm er von der Maid, (562, 15)
Die er zurückließ im Leid.
Dort ritt er hin; hier ward geklagt.
Wenn euch zu hören nun behagt,
Was sich mit Gawan zugetragen,
Desto lieber will ichs sagen. (562, 20)

   Ich sag es, wie ich es vernahm:
Als er vor die Pforte kam,
Er fand davor den Krämer wohl,
Und seinen Kram der Schätze voll.
Feil lag darinne solches Gut, (562, 25)
Immer hätt ich frohen Mut,
Wär solcher Reichtum mir beschert.
Da schwang sich Gawan ab vom Pferd.
Nie hatt er reichern Markt gesehn,
Als er hier sah vor sich stehn.
Die Bude war ein samtnes Zelt, (563, 1)
Im Viereck hoch und weit gestellt.
Was da feil war und zu Kauf?
So leicht wohl wög es niemand auf.
Der Baruch von Baldag (563, 5)
Bezahlt' es nicht was drinne lag;
Noch tät es wohl von Rankulat
Der Katholiko. Der Griechenstaat,
Als man in dem noch Schätze fand,
Da bezahlt' es doch des Kaisers Hand (563, 10)
Nicht mit Hilfe jener zween:
So köstlich Gut war hier zu sehn.

   Den Krämer grüßte Gawan
Und als er sah, was der Mann
Feil bot für Wunderdinge, (563, 15)
Er erwies ihm nicht geringe
Ehre, sonden ließ mit Neigen
Sich Gürtel oder Spange zeigen.
Der Krämer sprach: "Hab ich fürwahr
Doch hier gesessen manches Jahr, (563, 20)
Dass es kein Mann zu schauen
Gewagt, nur edle Frauen,
Was mein Kram für Schätze beut.
Nährt euer Herz nun Mannheit,
So ist euch alles zugedacht. (563, 25)
Es ward aus fernem Land gebracht.
Wenn ihr den Sieg errungen habt
(Kommt ihr zum Kampf hieher getrabt,
Herr, und soll euch hier gelingen),
So ist leicht mit mir bingen,
Denn was in meinem Krame liegt, (564, 1)
Das gehört euch alles, wenn ihr siegt.
Zieht weiter und vertraut auf Gott.
Hat euch Plippalinot,
Der Fährmann, hergewiesen? (564, 5)
Noch von mancher Frau gepriesen
Wird euer Kommen in dies Land,
Wenn sie erlöst eure Hand.

   "Wollt ihr das Abenteur bestehn,
So lasst das Ross hier bei mir stehn: (564, 10)
Ich hüt es, traut ihr mir es an."
Da sprach mein Herr Gawan:
"Wüsst ich nur, wenn ichs euch ließe,
Dass ich nicht wider euch verstieße!
Doch schreckt mich euer köstlich Gut: (564, 15)
in so reichen Marschalls Hut
Kam es nie, seit ichs geritten."
Der Krämer sprach mit holden Sitten:
"Herr, ich selbst mit allen Schätzen
(Was soll ichs auseinandersetzen?) (564, 20)
Bin euer, wenn das Glück euch lacht.
Wem wär ich anders zugedacht?"

   Gawan war so verwegen,
Dass er zu Fuß der Not entgegen
Mannlich ging und unverzagt. (564, 25)
Wie ich euch voraus gesagt,
Er fand as Schloss geraumer Weite;
Von den vieren jede Seite
Stand mit Gebäuden wohl zur Wehre.
Um Feindessturm nicht eine Beere
Gäb es wohl in dreißig Jahren, (565, 1)
So wenig hätt es zu befahren.
In der Mitte lag ein Anger;
Das Lechfeld ist langer.
Viel Türme ragten hoch empor. (565, 5)
Die Märe meldet uns: Als vor
Dem Saale Gawan draußen stand;
Da war das Dach bis an den Rand
Bunt wie der Pfaun Gefieder:
So schillernd blickt' es nieder. (565, 10)
Weder Regen noch der Schnee
Tat dem Glanz des Daches weh.

   Innen war der Saal geziert,
Mit allem Reichtum ausstaffiert;
Die Fenstersäulen wohl zu loben, (565, 15)
Ein hoch Gewölbe drauf erhoben.
Ruhebetten ohne Zahl
An den Wänden überall;
Steppdecken drauf von mancher Art,
Wie man sie schöner nie gewahrt. (565, 20)
Die Frauen hatten da gesessen;
Jetzt hatt es keine vergessen,
Sie waren all hinausgegangen.
Er ward von ihnen nicht empfangen,
Der doch Heil und Freiheit brachte, (565, 25)
Wie Gawan zu tun gedachte,
Sie hatten ihn doch wohl gesehn:
Konnt ihnen Lieberes geschehn?
Unrecht dünkt es mich von allen:
Er kam ja ihnen zu gefallen.
Doch hatten sie nicht Schuld daran. (566, 1)
Nun ging mein Herr Gawan
In dem Saale hin und her,
Zu schaun was da zu schauen wär.
Da sah er dort an jener Wand - (566, 5)
Ob zur rechten oder linken Hand -
Eine Tür weit aufgetan:
Da sollt ihm die Entscheidung nahn,
Ob er hohen Preis erwürbe,
Oder um den Preis erstürbe. (566, 10)

   Nun trat er zu dem Zimmer ein:
Dem war des Estriches Schein
Wie Glas so schlüpfrig und so klar.
Das Lit merveil darinne war,
Das wunderbare Bette. (566, 15)
Dem liefen auf der Glätte
Von Rubin vier Scheiben rund und hell;
Selbst der Wind war nicht so schnell
Als die Rollen wurden fort geschoben.
Den Estrich muss ich euch loben: (566, 20)
Von Sardinen, Jaspis, Chrysolith
Getäfelt, wie es Klinschor riet,
Der dieses Werk hatt erdacht,
Und durch weise Zaubermacht
Herbeigeholt aus manchen Landen (566, 25)
Die Steine, die da leuchtend standen.

   So schlüpfrig war der Estrich,
Auf den Füßen konnte sich
Kaum erhalten Herr Gawan.
Nun wollt er auf gut Glück ihm nahn,
Doch so oft er zu ihm trat, (567, 1)
Fuhr das Bette von der Statt,
Wo es eben Platz genommen.
Wohl fühlt da Gawan sich beklommen,
Zumal der Schild ihm lästig wird, (567, 5)
Den so dringend ihm empfahl der Wirt.
"Wie komm ich," dacht er, "denn zu dir?
Springst du hin und her vor mir,
Ich will dich innen bringen,
Dass ich auch weiß zu springen." (567, 10)
Eben stand vor ihm das Bette:
Zum Sprunge hob er sich zur Wette
Und sprang auch glücklich mittendrein.
Der Schnelle mag kein Gleichnis sein,
Wie das Bette fuhr bald rechts bald links. (567, 15)
Wider die vier Wände gings,
Hier ein Stoß, dort wieder Stöße,
Die Burg erscholl von dem Getöse.

   So ritt er manchen Ritt, der Ritter.
Furchtbarer donnert kein Gewitter; (567, 20)
Die Posauner aller Welt zumal,
Fehlte keiner an der Zahl,
Und bliesen sie aus Hungersnot
Um das letzte Stückchen Brot,
Nicht ärger könnt es krachen. (567, 25)
Gawan musste wachen,
Wenn er gleich im Bette lag.
Wie sich der Held bewahren mag?
Er hätte gern den Lärm gestillt;
Doch zog er über sich den Schild:
So lag er da und ließ ihn walten, (568, 1)
Der Hilfe sich hat vorbehalten,
Und den der Hilfe nie verdross,
Wenn ihm fromm das Herz erschloss,
Der seiner Hilfe Not gewann. (568, 5)
Der weise herzhafte Mann,
Wird dem Kummer bekannt,
Zu Hilfe ruft er Gottes Hand,
Denn die ist der Hilfe reich,
Und der Helfer hilft ihm gleich. (568, 10)
Das ward an Gawan neu bewährt:
Der seinen Preis noch stets gemehrt
Durch seine Kraft und Güte,
Den bat er, dass er ihn behüte.

   Endlich muss das Krachen enden. (568, 15)
Von allen vier Wänden
Gleich entfernt war die Stätte,
Wo das wundervolle Bette
Blieb auf dem Estriche stehn.
Noch sollt er größre Not bestehn: (568, 20)
Fünfhundert Wurfschwingen,
Die an verborgnen Federn hingen,
Wurden plötzlich angezogen.
Da kamen Steine geflogen
Auf das Bette wo er lag: (568, 25)
Der Schild, dem Härte nicht gebrach,
Schützte deckend sein Gebeine.
Es waren Wassersteine,
Hart genug, schwer und rund;
Der Schild ward hier und da doch wund.

   Die Steine waren auch vertan. (569, 1)
Nie empfunden hatt er bisheran
So scharfe Würfe wie da flogen.
Nun waren auch zum Schusse Bogen
Gespannt, fünfhundert oder mehr. (569, 5)
Die zielten allzumalen her
Auf das Bette wo er lag.
Wer solche Not bestand, der mag
Wohl wissen, was Pfeile sind.
Vorüber gings jedoch geschwind: (569, 10)
Die Schüsse waren bald verstoben.
Wer sich Gemächlich mag loben,
Gerat' in solches Bette nicht,
Das ihm nicht viel Gemach verspricht.

   Jugend möchte wohl gegrauen, (569, 15)
Müsste sie die Ruhe schauen,
Die Gawan in dem Bette fand.
Doch fühlt' er noch in Herz und Hand
Sich keine Schwäche regen.
Der Stein und Pfeile Regen (569, 20)
War nicht gänzlich an ihm abgeglitten:
Gequetscht und hier und da geschnitten
War er durch die Panzerringe.
Schon wähnt' er, hiermit ginge
Nun seine Not zu Ende: (569, 25)
Da mussten seine Hände
Noch Preis erwerben im Streit.
Denn siehe, zu derselben Zeit
Erschloss sich vor ihm eine Tür:
Ein starker Bauer trat herfür,
Ein entsetzlicher Mann. (570, 1)
Von Fischhäuten hatt er an
Eine Mütze und ein Oberkleid,
Und desselben Stoffs zwei Hosen weit.
Einen Kolben in der Hand er trug, (570, 5)
Die Keule dicker als ein Krug.

   Der schritt gerad auf ihn daher;
Nicht war es eben sein Begehr:
Seines Kommens ihn verdross.
Gawan dachte: "Der ist bloß; (570, 10)
Da hab ich bessre Wehr und Hut."
Er richtete sich auf so gut
Als seine Müdigkeit es litt.
Zurück trat jener einen Schritt
Als wollt er fliehen aus dem Haus, (570, 15)
Und rief in seinem Zorn doch aus:
"Von mir soll euch kein Leid geschehn;
Doch will ich gleich zu sorgen gehn,
Dass ihr zu Pfand das Leben gebt.
Der Teufel weiß, wie ihr noch lebt: (570, 20)
Hat der euch vor dem Tod bewahrt,
Doch bleibt euch Sterben ungespart,
Des bring ich euch wohl innen;
Lasst mich nur erst von hinnen."
So trat der Bauer aus dem Haus. (570, 25)
Mit dem Schwerte schlug im Saus
Gawan vom Schilde sich die Schäfte,
Die Pfeile waren durch die Kräfte
Des Schusses meist hindurch gegangen,
So dass sie in den Schienen klangen.

   Gebrüllte füllte jetzt die Hallen, (571, 1)
Wie man zwanzig Trommeln schallen
Zum Tanz bei einem Feste.
Sein kühner Mut, der feste,
Den niemals noch der Zagheit Schwert (571, 5)
Verwundet hatte noch versehrt,
Dachte: "Was soll jetzt geschehn?
Hier könnt es übel wohl ergehn.
Will sich mein Leid noch mehren?
Hier gilt es sich zu wehren." (571, 10)
Er blickte nach des Bauern Tür:
Ein starker Löwe sprang herfür,
Einem Rosse gleich an Höhe.
Gawan, der ungern flöhe,
Den Schild ergriff er bei dem Riemen, (571, 15)
Wie es zur Wehr ihm mochte ziemen,
Indem er auf den Estrich sprang.
Der starke Löwe hatte lang
Gefastet, Hunger macht ihn grimm;
Und doch erging es hier ihm schlimm. (571, 20)
Zornig sprang er auf den Mann:
Zur Wehre stellte sich Gawan.

   Er hätt ihm schier den Schild entrungen;
Durch den Schild war gedrungen
Beim ersten Griff seine Tatze. (571, 25)
Den Griff hat selten eine Katze
Durch solche Härte getan.
Mit Zucken wehrte sich Gawan,
Der ihm ein Bein vom Leibe schwang:
Der Leu auf dreien Füßen sprang;
Im Schilde blieb sein vierter Fuß. (572, 1)
Niederschoss des Blutes Guss,
Dass es den ganzen Estrich nässte:
Nun stand er auf dem Boden feste.
Oft sprang der Leu empor an ihm, (572, 5)
Seine Nase schnaubte ungestüm,
Als er Zähne bleckend stöhnte.
Wenn man ihn so gewöhnte,
Gute Leute zu verschmausen,
So möcht ich ungern mit ihm hausen. (572, 10)
Im Kampf um Tod und Leben auch
Missfiel Gawanen solcher Brauch.

   Er hatt ihn schon so schwer verletzt,
Allenthalben war benetzt
Das Gemach mit seinem Blut. (572, 15)
Aufsprang der Leu mit zorngem Mut
Und wollt ihn zucken unter sich:
Gawan gab ihm einen Stich
Durch die Brust bis an die Hand,
Davon des Löwen Zorn verschwand: (572, 20)
Er stürzte nieder und war tot.
So hat Gawan die große Not
Überwunden im Streit.
Nun gedacht' er um die Zeit
Bei sich: "Was wäre mir nun gut? (572, 25)
Ich säß nicht gern in diesem Blut;
Auch will ich vor dem Bett mich wahren:
Es weiß so toll umher zu fahren,
Ich lege mich nicht wieder drein:
Da müsst' ich wahrlich unklug sein."

   Doch so betäubt und sinnberaubt (573, 1)
Von den Würfen war sein Haupt,
Auch war ihm durch die Wunden
Des Bluts so viel geschwunden,
Dass seine trotzige Kraft (573, 5)
Jetzt allmählich ihm erschlafft,
Bis schwindelnd er zusammenbrach.
Das Haupt ihm auf dem Löwen lag,
Der Schild fiel nieder unter ihn.
Besaß er jemals Kraft und Sinn, (573, 10)
Jetzt sind ihm beide weit entführt:
Wer hat so unsanft ihn berührt?

   Der Sinn verließ ihn völliglich.
Sein Kopfkissen glich
Nicht jenem, das Gimele (573, 15)
Von Monte Ribele,
Die in Liedern wird gepriesen,
Unterschob Kahenisen,
Dass er den Preis verschlief in Ruh:
Der Preis lief diesem Manne zu. (573, 20)
Denn ihr habt ja wohl vernommen,
Wie er von Sinnen ist gekommen,
Dass er dalag ohne Leben,
Wie sich alles hat begeben.

   Heimlich lauschend wards beschaut, (573, 25)
Wie mit Blut war übertaut
Der Kemenaten Estrich,
Und jedweder Leichen glich,
Der Löwe und Herr Gawan.
Eine Jungfrau wohlgetan
Lugte scheu von oben ein: (574, 1)
Da erblich ihr lichter Schein.
Da die Junge so verzagte,
Was Wunder, dass die Alte klagte,
Arnive die weise? (574, 5)
Noch gereicht es ihr zum Preise,
Dass sie dem Ritter Hilfe bot
Und ihn schützte vor dem Tod.

   Sie selber ging nun schauen.
Da ward von der Frauen (574, 10)
Durch das Fensterlein geblickt.
Was ist es, dass der Himmel schickt?
Sinds künftge Freudentage,
Ist es währende Klage?
Der Ritter, sorgte sie, ist tot, (574, 15)
Der Gedanke schuf ihr Not,
Da er so auf dem Löwen liegt
Und auf kein ander Bett sich schmiegt.
Sie sprach: "Mir ist von Herzen leid,
Wenn deine treue Mannheit (574, 20)
Dein wertes Leben hat verloren:
Hast du den Tod allhier erkoren
Für uns Heimatlose,
Gab dir Treue das zum Lose,
So erbarmt mich deine Tugend, (574, 25)
Du habest Alter oder Jugend."
Zu allen Frauen sprach sie da,
Da sie so den Helden liegen sah:
"Ihr Frauen, die die Tauf empfingen,
Fleht Gott, ihm Hilfe noch zu bringen."

   Sie sandte zwei Jungfrauen (575, 1)
Hinunter, zuzuschauen;
Dass sie leise zu ihm schlichen
Und nicht eher von ihm wichen,
Bis sie wüssten sichre Märe, (575, 5)
Ob er am Leben wäre,
Ob verfallen schon dem Tod;
Beiden gab sie dies Gebot.
Die reinen süßen Maide,
Ob sie nicht weinten beide? (575, 10)
Ja, jedwede weinte,
Jedwede Jammer peinte,
Als sie ihn so gefunden,
Dass von seinen Wunden
Der Schild um Blute schwebte. (575, 15)
Sie besahn ihn ob er lebte?

   Die eine jetzt mit klarer Hand
Ihm den Helm vom Haupte band
Und entschnürt' ihm die Fintalen sein.
Sie sah ein kleines Schäumelein (575, 20)
Vor seinem roten Munde.
Sie lauschte nach der Kunde,
Ob sie seinen Atem spüre,
Kein Leben mehr sich rühre:
Das lag noch mit dem Tod im Streit. (575, 25)
Von Zobel stand auf seinem Kleid
Ein gedoppelt Gampilon,
Wie Ilionot der Breton
Mit großem Preis das Wappen trug.
Der brachte Würdigkeit genug,
Ein Jüngling, an sein Ende. (576, 1)
Da rauften ihre Hände
Ein wenig Zobel aus, und hielt es sacht
Vor seine Nase, gab dann acht,
Ob sich sein Atem regte, (576, 5)
Dass es leise sich bewegte.

   Da fand sich Atem genug.
Nun hieß sie ohne Verzug
Nach dem Hofe springen
Und ein lautres Wasser bringen: (576, 10)
Ihr Gespiel wohlgetan
Bracht es eilends heran.
Da schob die Magd ihr Ringelein
Zwischen seiner Zähne Reihn:
Sie wusst' es gar geschickt zu tun. (576, 15)
Des Wassers goss die Holde nun
Ein wenig nach, und mählich mehr:
Zu gießen brauchte sie nicht sehr
Bis er die Augen aufschwang.
Da bot er Dienst und sagte Dank (576, 20)
Den holden Jungfrauen:
"Dass ihr mich musstet schauen,
Hier so ungezogen liegen!
Wird das von euch verschwiegen,
Für Güte rechn ich das euch an: (576, 25)
Eure Zucht bewährt ihr dran."

   Da sprach sie: "Ihr lagt und liegt
Wie der den höchsten Preis ersiegt.
Ihr habt den Preis hier so behalten,
Dass ihr mit Freuden möget alten:
Der Sieg ist eure Beute. (577, 1)
Nun tröstet auch uns arme Leute:
Steht es um eure Wunden so,
Dass wir mit euch werden froh?
Er sprach: "Säht ihr mich gerne leben, (577, 5)
So sollt ihr mir Hilfe geben."
So bat er die Frauen:
"Lasst meine Wunden schauen
Solche, die sich drauf verstehn.
Soll ich noch Kämpfe mehr bestehn, (577, 10)
So geht und reicht den Helm mir her;
Mein Leben schütz ich gern mit Wehr."
Sie sprachen: "Kampfes sied ihr ledig.
Herr, lasst uns bleiben, seid so gnädig.
Doch geh eine sich gewinnen (577, 15)
Bei vier Königinnen
Das Botenbrot, dass ihr am Leben.
Auch wird euch gut Gemach gegeben
Und Arzneien wunderbar:
Mit Salben nimmt man euer wahr (577, 20)
Getreulich, die so heilsam sind,
Und so sanft und gelind,
Dass ihr von Quetschungen und Wunden
Müsst in kurzer Zeit gesunden."

   Die eine schnell von dannen sprang, (577, 25)
Nicht mit lahmendem Gang:
Die trug zu Hof die Märe,
Dass er am Leben wäre,
"So den Lebendigen gleich,
Dass er uns noch freudenreich
Mit Freuden macht, geliebt es Gott. (578, 1)
Nur ist ihm guter Hilfe Not."
Sie riefen alle: "Dien merzis."
Die alte Königin ließ
Ein Bette gleich bereiten (578, 5)
Und davor den Teppich spreiten
Bei einem guten Feuer.
Heilsame Salben teuer,
Gemischt mit kundigem Sinn,
Bracht herbei die Königin, (578, 10)
Dass sie seine Wunden heile.
Auch gebot sie in Eile
Vier Frauen, dass sie gingen
Und seinen Harnisch empfingen;
Doch sollten sie ihn leis entkleiden, (578, 15)
Und das Eisen so vom Roste scheiden,
"Dass er sich nicht braucht zu schämen.
Einen Pfellel sollt ihr um euch nehmen;
Alsdann entwappnet ihn im Schatten.
Wenn seine Wunden es verstatten, (578, 20)
So geht er, oder tragt ihr ihn
Zu Bette, wo ich bei ihm bin;
Ich sorge, dass er sanft mag liegen.
Wusst er so im Kampf zu kriegen,
Dass er nicht ward von Herzen wund, (578, 25)
So mach ich ihn wohl bald gesund.
Trüg er eine Wund im Herzen,
Die würd uns alle schmerzen:
So wären wir mit ihm erschlagen,
Müssten den Tod lebendig tragen."

   Nun, dies alles ward getan. (579, 1)
Entwappnet wurde Gawan,
Alsdann zu Bett geleitet
Und ihm Beistand bereitet
Von solchen, die 's verstunden. (579, 5)
Da waren seiner Wunden
An fünfzig oder gar noch mehr.
Doch fand man durch des Panzers Wehr
Die Pfeile nicht gar tief gedrückt,
Weil er den Schild davor gerückt. (579, 10)
Die alte Königin nahm
Warmen Wein und Diktam:
Mit einem blauen Zindal strich
Sie aus den Wunden säuberlich
Sein geronnen Blut, und verband (579, 15)
Sie so, dass bald sein Leib verschwand.
Wo der Helm war eingebogen,
Das Haupt mit Beulen überzogen
Von den Würfen und Schüssen -
Diese Quetschungen müssen (579, 20)
Nun weichen vor der Salbe Kraft
Und der Ärztin Meisterschaft.

   "Ich schaff euch Lindrung," sprach die Hehre.
"Kondrie la Sorziere
Besucht mich hier zuweilen: (579, 25)
Was Arznei vermag zu heilen,
Das lehrt sie mich. Seit Anfortas
So schwer verwundet wurde, dass
Man auf Hilfe für ihn sann,
Hat diese Salb ihm wohlgetan;
Von Monsalväsche kommt sie her." (580, 1)
Da Gawan der Degen hehr
Monsalväsch aus ihrem Mund
Vernahm, da ward ihm Freude kund.
Er wähnt', es wäre nahebei. (580, 5)
Da sprach der Degen Falsches frei,
Gawan zu der Königin:
"Bewusstsein, Herrin, und Sinn,
Die ich beide schon verloren,
Habt ihr zurück beschworen (580, 10)
In mein Herz mit einem Mal;
Auch lindert schon sich meine Qual.
Hab ich Kraft nun und Sinn,
So dankt euch ihren Gewinn
Euer Dienstmann ganz allein." (580, 15)
Sie sprach: "Euch dankbar zu sein
Müssen wir alle streben
Und uns treulich Mühe geben.
Folgt mir nur und sprecht nicht viel.
Eine Wurzel ich euch geben will, (580, 20)
Dass ihr erquicklich schlafen müsst.
Essens, Trinkens, kein Gelüst
Sollt ihr haben vor der Nacht.
Kehrt euch dann wieder Leibesmacht,
So trag ich so viel Speis euch zu, (580, 25)
Dass ihr wohl harrt bis Morgen früh."

   Da legte sie in seinen Mund
Eine Wurzel: Er entschlief zur Stund.
In Decken hüllte sie ihn tief,
Dass er des Tages Rest verschlief.
Der Ehrenreiche, Schandenarme (581, 1)
Lag sanft und warm in Schlafesarme;
Nur fiel zuweilen Frost ihn an,
Dass er zu niesen begann:
Das war der Salbe Wirken. (581, 5)
Man sah ihn Fraun umzirken;
Sie gingen aus und wieder ein
Und trugen lichter Schönheit Schein.
Doch mussten sie der alten
Arnive Rat in Ehren halten, (581, 10)
Dass keine spräch und riefe
So lang der Held da schliefe.
Verschließen ließ sie auch den Saal,
Dass die Ritter allzumal,
Die Bürger und die Knechte, (581, 15)
Vom bestandenen Gefechte
Nichts erführen vor dem andern Tage.
Da kam den Frauen neue Klage.

   So schlief der Held bis an die Nacht.
Da war die Königin bedacht (581, 20)
Ihm die Wurzel aus dem Mund zu tun.
Er erwachte: Trinken sollt er nun;
Getränk und süße Speise
Schaffte bald die weise.
Er richtete sich auf und saß; (581, 25)
Auch schmeckt' ihm wohl was er aß.
Manch schöne Frau da vor ihm stand:
Nie ward ihm bessrer Dienst bekannt;
Er ward mit großer Zucht getan.
Da spähte mein Herr Gawan
Bald nach diesen bald nach jenen; (582, 1)
Doch musst er stets sich sehnen
Nach Orgelus, der klaren.
Ihm war in seines Lebens Jahren
Noch kein Weib so nah gegangen, (582, 5)
Ob er Minne hatt empfangen,
Ob ihm Minne blieb versagt.
Da sprach der Held unverzagt
Zu der alten Königin,
Arniven, seiner Ärztin: (582, 10)

   "Frau, es kränkt mir meine Zucht,
Und schiene meines Hochmuts Frucht,
Wenn diese Fraun vor mir stehn:
Gebietet, dass sie sitzen gehn;
Oder lasst sie mit mir essen." (582, 15)
"Herr, hier wird nicht gesessen
Von ihrer einer bis auf mich:
Schämen müssten alle sich,
Dienten sie euch nicht so gern,
Denn ihr seid unsrer Freude Stern. (582, 20)
Jedoch was ihr gebieten wollt,
Das leisten sie, sie sind euch hold."
Die hoch gebornen Frauen
Ließen ihre Zucht wohl schauen,
Denn sie baten ihn zumal (582, 25)
Mit holdem Mund, dass er beim Mal,
Wenn es ihn nicht verdrieße,
Sie vor ihm stehen ließe.
Nun das vorbei ist, gehn sie wieder;
Zum Schlafe legt sich Gawan nieder.

<   >

© 1999-2007 Copyright by Jürgen Kühnle
Über Anregungen und Kommentare zu diesen Seiten würde ich mich freuen juergen@kuehnle-online.de.