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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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X. Orgeluse

Gawan, aus dessen Zweikampf mit Kingrimursel auch zu Barbigöl nichts geworden ist, weil sich seine Unschuld und nahe Verwandtschaft mit Vergulacht herausgestellt hatte, begegnet, indem er nach dem Grale forscht, einem verwundeten Ritter, lehrt dessen Freundin das Blut durch ein Rohr aus der Brustwunde ziehn, verfolgt den Sieger nach Logrois, findet dort Orgelusen, die Herzogin des Landes und wirbt um ihre Minne. Da er trotz ihrer schnöden Antworten darauf besteht, ihr zu dienen, so heißt sie ihn, ihr Pferd aus einem nahen Baumgarten holen, wo ihn alle Leute vor der Herzogin warnen. Er bringt ihr gleichwohl das Pferd, sie besteigt es ohne seine Hilfe und heißt ihn vorausreiten. Unterwegs pflückt er ein Heilkraut für jenen Wunden, worüber Orgeluse spottet. Ein missgeschaffner Knappe der Herzogin, Malkreatüre, Kondriens Bruder, reitet ihr auf elender Mähre nach, und beleidigt Gawan, der ihn züchtigt und zu Boden wirft. Sie kommen zu dem verwundeten Ritter, er erst vor Orgelusen warnt, dem Gawan durch List sein Pferd entführt, und sich als Urjan zu erkennen gibt, dem Artus auf Gawans Fürbitte die verwirkte Todesstrafe in eine Ehrenstrafe verwandelt hat. Für Gawan bleibt nur jene elende Mähre übrig, die er unter den Spottreden der Herzogin zuletzt doch besteigt. Sie kommen endlich an das Ziel, wo ihm der Kämpe der Herzogin, Lischois Giwellius, der schon Urjan besiegt hat, auf stattlichem Pferde entgegen reitet, indes Orgeluse sich von einem Fährmann über Wasser setzen lässt. Jenseits sehen über vierhundert Frauen aus den Fenstern eines herrlichen Schlosses dem ungleichen Kampfe zu. Lischois wird besiegt; sein Pferd aber, das Gawan für das ihm von Urjan entführte Ross Gringuljet erkennt, nimmt Plippalinot, der Fährmann, als Zins des Kampffeldes in Anspruch. Er überlässt ihm dafür den Besiegten, wird von dem Fährmann bewirtet und von Benen, dessen Tochter, gepflegt.


   Wir nahn seltsamen Mären, (503, 1)
Die der Freude können wehren
Und wieder Hochgemüte bringen:
Sie schwanken zwischen beiden Dingen.

   Gekommen war des Jahres Frist, (503, 5)
Auf den der Zweikampf, wie ihr wisst,
Vertagt ward, den am Plimizöl
Gawan erwarb. Gen Barbigöl
War der von Schampfenzon gesprochen.
Doch auch jetzt blieb ungerochen (503, 10)
Kingrisius des Königs Mord.
Wohl hatte sich Gawanen dort
Vergulacht, sein Sohn, gestellt.
Ihre Sipp erkannte da die Welt
Und den Kampf verbot der Sippe Macht, (503, 15)
Zumal der Graf Eckunacht
Den Mord begangen hatt allein,
Des Gawan schuldig sollte sein.
Da ward versöhnt Kingrimursel
Mit Gawan dem Degen schnell. (503, 20)

   Geschieden ritten sie hindann,
Vergulacht und Gawan.
Beide wollten nun zumal
Gesondert forschen nach dem Gral.
Da mussten mit den Händen (503, 25)
Sie Tjoste viel versenden.
Wer des Grals begehrte,
Der musste mit dem Schwerte
Sich hohen Preis erschwingen.
So soll man Preis erringen.

   Wie es Gawan ergangen sei, (504, 1)
Ihm der alles Tadels frei,
Seit von Schampfenzon er schied:
Ob er unterwegs auf Streit geriet,
Das fraget, die es sahen: (504, 5)
Jetzt soll ihm Streiten nahen.

   Eines Morgens kam Herr Gawan
Geritten zu einem grünen Plan:
Einen Schild mit lichtem Glanze
Sah er durchbohrt von einer Lanze, (504, 10)
Und ein Pferd, das Frauenreitzeug trug:
Zaum und Sattel reich genug.
Gebunden zu dem Schilde
War das Ross an eine Linde.
Da dacht er: "Wer dies Weib wohl ist, (504, 15)
Die solcher Kühnheit sich vermisst,
Dass ein Schildesrand ihr frommt?
Wenn sie mit mir zu streiten kommt,
Wie soll ich da mich schützen?
Mir möcht ein Fußkampf nützen. (504, 20)
Will sie mit mir ringen,
Sie mag zu Fall mich bringen:
Auf einen Fußkampf will ich sinnen,
Ob es mir Hass bringt oder Minnen.
Und wenn es Frau Kamille wär, (504, 25)
Die mit ritterlicher Wehr
Vor Laurentum Preis erstritt,
Wär sei stark, wie die dort ritt,
Ich versucht es doch mit ihr,
Böte sie mir Kampf allhier."

   Der Schild war auch zerhauen: (505, 1)
Gawan mocht ihn beschauen,
Als er näher kam geritten.
Der Tjoste Fenster war geschnitten
Mit dem Lanzeneisen weit. (505, 5)
Also malt sie der Streit;
Den Schildrern würd es nicht vergolten,
Die sie also malen wollten.
Hinter der Linde breitem Stamm
Saß eine Frau, an Freuden lahm, (505, 10)
Auf dem grünenden Klee.
Der tat groß Herzeleid so weh,
Keinem Troste gab sie Raum.
Gawan ritt zu ihr um den Baum
Da lag ein Ritter ihr im Schoß, (505, 15)
Um den ihr Jammer war so groß.

   Er grüßte sie gar minniglich:
Da dankte sie und neigte sich.
Heiser war ihre Stimme,
Harsch von des Schmerzens Grimme. (505, 20)
Vom Rosse sprang Herr Gawan:
Dem durchstochenen Mann
Lief das Blut in den Leib.
Gawan frug des Ritters Weib,
Ob der Ritter lebe, (505, 25)
Ob er schon im Tode schwebe?
Da sprach sie: "Herr, er lebt wohl noch:
Unlange, dünkt mich, währts jedoch.
Mir zum Troste sandt euch Gott:
Nun ratet treulich, sonder Spott:
Ihr habt solch Leid schon mehr gesehn. (506, 1)
Lasst die Wohltat mir geschehn,
Dass ich eure Hilfe schaue."
"Gerne," sprach er, "Fraue.

   Diesem Ritter spart' ich Sterben, (506, 5)
Ich möcht ihm Heilung wohl erwerben,
Hätt ich eine Röhre;
Sehen und hören
Möchtet ihr ihn noch gesund.
Er ist nicht so gefährlich wund, (506, 10)
Das Blut ist seines Herzens Last."
Da riss er von dem Lindenast
Ein Zweiglein nieder wie ein Rohr
(Er war der Heilkunst nicht ein Thor),
Und schobs dem Wunden in den Leib. (506, 15)
Zu saugen bat er dann das Weib,
Bis ihr das Blut entgegen floss
Und dem Ritter neue Stärke spross,
Ihm auch die Sprache wieder ward.
Er gewahrte Gawans Gegenwart, (506, 20)
Da dankt' er sehr dem Degen,
Und es brächt ihm Gottes Segen,
Dass er ihn schied von Unkraft.
Er frug, ob er um Ritterschaft
Gekommen wär gen Logrois? (506, 25)
"Ich kam auch freun von Punturtois
Hier Aventüre zu erjagen.
Nun muss ichs immerdar beklagen,
Dass ich so nah geritten bin.
Ihr sollts auch meiden, habt ihr Sinn.

   "Ich dachte mir nicht solchen Schluss. (507, 1)
Es war Lischois Giwellius,
Der mich so übel hat verletzt.
Er hat mich hinters Ross gesetzt
Mit einer Tjost untadelig. (507, 5)
Die sauste mir gar hurtiglich
Durch den Schild und durch den Leib.
Doch half mir dieses gute Weib
Auf ihrem Pferd an diese Statt."
Gawanen er zu bleiben bat; (507, 10)
Doch Gawan sprach, er wolle sehn
Wo ihm der Schade wär geschehn:
"Erreich ich Logrois Tor,
Oder ereil ich ihn davor,
So steht er Rede mir dafür. (507, 15)
Ich frag ihn, was er rächt' an dir."
"Das tu nicht," sprach der wunde Mann:
"In Wahrheit ich dir sagen kann,
Kein Kinderspiel ist solch Erkecken;
Es mag wohl heißen Angst und Schrecken." (507, 20)

   Gawan die Wunde verband
Mit der Frauen Kopfgewand;
Er sprach zur Wunde Wundensegen,
Und bat der beiden Gott zu pflegen.
Mit Blut war ihre Spur begossen, (507, 25)
Als ob ein Hirsch da wär geschossen;
Das ließ nicht irr ihn reiten.
Er sah in kurzen Zeiten
Logrois die stolze Veste;
Die lobten alle Gäste.

   Die Veste schien ein löblich Werk. (508, 1)
Schraubenartig war ihr Berg:
Die sie aus der Ferne sehn,
Denen scheint sie sich im Kreis zu drehn.
Der Burg lässt man noch heut die Ehre, (508, 5)
Dass Sturm auf sie vergeblich wäre.
Ihr bangte nicht vor solcher Not,
Wer immer ihr sein Hassen bot.
Den Berg umgab ein Gartenhag,
Darin man edle Bäume pflag: (508, 10)
Granaten, Feigen, Öl und Wein,
Und andre Früchte süß und fein,
Zog man in der Fülle drin;
Da Gawan aufritt, kreuzt' er ihn.
Da sah er unter sich zumal (508, 15)
Seines Herzens Freud und Qual.

   Ein Brunnen aus dem Felsen schoss:
Da fand er, was ihn nicht verdross,
Eine Frau so schön und klar,
Dass er entzückt vom Anblick war, (508, 20)
Aller Frauenschöne Blütenflor.
Außer Kondwiramor
Sah nie die Welt so schönen Leib.
Klar, süß und lauter war das Weib,
Dazu gefüg und kurtois: (508, 25)
Orgeluse hieß sie de Logrois.
Die Märe sagt, man sah an ihr
Reizung sehnender Begier,
Augenweide sonder Schmerzen,
Einen Spannerv aller Herzen.

   Gawan grüßte sie mit Neigen. (509, 1)
Er sprach: "Wenn ich vom Pferde steigen
Darf mit euern Hulden, Fraue,
Wenn ich euch so gesonnen schaue,
Dass ihr mich gerne bei euch habt, (509, 5)
So hat mich Freude reich begabt;
Mehr mag kein Mann erwerben.
Ich will damit ersterben,
Dass mir kein Weib so wohl gefällt."
"Nun weiß ich wie's mit euch bestellt," (509, 10)
Sprach sie zu ihm und sah ihn an.
Ihr süßer Mund darauf begann:

   "Mit euerm Lobe haltet ein;
Zu Schanden möcht es euch gedeihn.
Ich will nicht, dass ein jeder Mund (509, 15)
Mir sein Loben mache kund:
Wär jeglichem mein Lob gemein,
Die Würde däuchte mich gar kein -
Den Weisen wie den Dummen,
Den Geraden wie den Krummen: (509, 20)
Wo blieb' ihm wohl zu trachten Zeit
Nach dem Lob der Würdigkeit?
Ich will mein Lob behalten,
Dass die Weisen sein nur walten.
Ich weiß nicht, Herre, wer ihr seid; (509, 25)
Doch dass ihr reitet, dünkt mich Zeit.

   "Mein Urteil lässt euch drum nicht frei:
Ihr wohnet meinem Herzen bei
Weit davor, nicht darinne.
Begehrt ihr meiner Minne,
Was macht' euch Minnelohns gewiss? (510, 1)
Mancher seine Augen schmiss,
Auf einer Schleuder möchts gelingen,
Sie zu sanfterm Wurf zu bringen,
Wenn er zu sehn nicht meidet, (510, 5)
Was ihm das Herz zerschneidet.
Lasst walzen eure tolle Gier
Nach andrer Minne denn zu mir.
Dient nach Minne eure Hand,
Hat euch Aventür gesandt (510, 10)
Nach Minnelohn für Rittertat,
Den Lohn ihr nicht von mir empfaht;
Ihr mögt wohl Schande hier erjagen,
Soll ich euch die Wahrheit sagen."

   Da sprach er: "Frau, ihr redet wahr: (510, 15)
Die Augen bringen mir Gefahr.
Sie haben so viel an euch ersehn,
Dass ich mit Wahrheit muss gestehn,
Dass ich eur Gefangner bin.
Nun zeigt mir weiblichen Sinn. (510, 20)
War es nicht euer Wille,
Ihr fingt mich in der Stille.
Nun löset oder bindet,
Da ihr mich willig findet,
Hätt ich euch, wo ich wollte, (510, 25)
Dass ich alles gern erdulden sollte."

   Sie sprach: "Wohlan, so führt mich hin.
Rechnet ihr auf den Gewinn,
Den ihr bei mir erwürbt mit Minne,
Mit Schanden würdet ihr das inne.
Ich wüsste gern ob ihr der seid, (511, 1)
Der meinethalb sich wagt in Streit;
Tut es nicht, es frommt euch sehr.
Wollt ihr meines Rats noch mehr,
Und will mir folgen euer Herz, (511, 5)
So such es Minne anderwärts.
Wenn ihr meine Minne wollt,
Entgeht euch Freud und Minnesold.
Wollt ihr mich hinnen führen,
Wird euch Angst das Herz umschnüren." (511, 10)

   Da sprach mein Herr Gawan:
"Ohne Dienst wer möchte Minn empfahn?
Ich darf euch wohl verkünden,
Der erwürbe sie mit Sünden.
Zu edler Minne Gewinnst (511, 15)
Gehört vorher und nachher Dienst."
Sie sprach: "Mir Dienst zu geben,
Müsst ihr wehrlich leben,
Und mögt doch Schande wohl erjagen;
Mein Dienst bedarf keines Zagen. (511, 20)
Nehmt jenen Pfad (es ist kein Weg)
Dort über jenen hohen Steg,
Hin zu jenem Baumgarten:
Da sollt ihr meines Pferdes warten.
Ihr seht und hört da Leute viel, (511, 25)
Tanz, Gesang und Saitenspiel,
Flöt und Trommel nimmer ruhn.
Geht hindurch, was sie auch tun,
Zu meinem Pferde, das da steht
Und löst es, dass es mit euch geht."

   Gawan von dem Rosse sprang. (512, 1)
Bei sich erwog der Degen lang,
Wo er bleibe mit dem Pferd die Zeit.
Der Born gab nicht Gelegenheit
Es anzuheften mit dem Riemen: (512, 5)
Ob ihm die Bitte wohl geziemen
Möchte, dass sie's übernähme,
Bis er mit dem ihren käme.
"Ich sehe wohl was euch beschwert,"
Sprach sie: "Lasst mir hier stehn das Pferd; (512, 10)
Ich verwahr es bis ihr wieder kommt;
Obgleich der Dienst euch wenig frommt."

    Da bot mein Herr Gawan
Ihr seines Rosses Zügel an:
"Nun haltet mir es, Fraue." (512, 15)
"Wie töricht ich euch schaue!"
Sprach sie: "Wo eure Hand geruht,
Griff ich dahin: Das ziemte gut!"
Da sprach der minnegehrende Mann:
"Dies Ende griff ich niemals an." (512, 20)
"So will ich es empfangen;
Erfüllt nun mein Verlangen,
Und holt mir schnell hieher mein Pferd:
So reit ich mit, wie ihr begehrt."
Das schien ihm freudiger Gewinn. (512, 25)
Eilends ging er von ihr hin
Über den Steg hinein zur Pforten.
Viel schöner Frauen sah er dorten,
Und der jungen Ritter viel
Bei Tanz, Gesang und Saitenspiel.

   Nun hatte mein Herr Gawan (513, 1)
So reichen Helm und Harnisch an,
Dass sein Kommen niemand freute,
Denn es waren treue Leute,
Die des Baumgartens pflagen: (513, 5)
Ob sie standen oder lagen,
Oder saßen in Gezelten,
Da vergaß doch einer selten,
Sein nahes Unheil zu betrauern;
Man hört' es Mann und Weib bedauern. (513, 10)
Auch sprachen ihrer genug:
"Unsrer Herrin listger Trug
Will diesen Mann verleiten
In große Fährlichkeiten:
O weh, dass er ihr folgen will (513, 15)
Zu so kummervollem Ziel!"

   Manch Edler ihm entgegen ging,
Der mit Armen ihn umfing
Um ihn freundlich zu empfahn.
Man sah ihn einem Ölbaum nahn (513, 20)
Und dem daran gebundnen Pferd.
Auch war wohl tausend Marken wert
Das Reitzeug samt dem Zaume.
Mit breitem Bart am Baume,
Wohl geflochtenem und grauen, (513, 25)
Mocht er einen Ritter schauen
Auf einer Krücke lehnen:
Dem entschossen helle Tränen,
Dass Gawan zu dem Pferde ging;
Obwohl er freundlich ihn empfing.

   Er sprach: "Ist guter Rat euch wert, (514, 1)
So lasset ab von diesem Pferd.
Hier wills euch niemand vorenthalten;
Doch lasst ihr gerne Klugheit walten,
So begebt euch selber sein. (514, 5)
Verflucht soll unsre Herrin sein,
Dass sie so manchen werten Mann
Um sein Leben bringen kann."
Gawan sprach, er ließ' es nicht.
"Weh, so ergeht ein Schreckgericht!" (514, 10)
Sprach der graue Ritter wert.
Die Halfter löst er von dem Pferd
Und sprach: "Ihr sollt nicht länger stehn:
Lasst dies Pferd denn mit euch gehn.
Der das Meer gesalzen hat, (514, 15)
Der geb in eurer Not euch Rat.
Seht zu, dass euch nicht höhne
Meiner Herrin Schöne:
Die ist bei der Süße sauer
Wie bei Sonnenschein ein Regenschauer." (514, 20)

   "Nun walt' es Gott," sprach Gawan,
Und nahm Urlaub von dem grauen Mann
Und den Übrigen all;
Sie beklagten ihn zumal.
Das Ross ging einen schmalen Weg (514, 25)
Zum Tor aus über jenen Steg.
Seines Herzens Herrin fand
Er dort; ihr diente dieses Land.
Wie ihr sein Herz entgegen flog,
Viel Leid sie doch ihm drin erzog.

   Unterm Kinne das Band (515, 1)
Hatte sie mit der Hand
Gelöst und auf das Haupt gelegt.
Wenn ein Weib sich also trägt,
So hat sie Schalkheit im Sinne (515, 5)
Und denkt nur wie sie Streit beginne.
Wie sie sonst gekleidet war?
Macht' ich das euch offenbar,
Und nennte jedes Kleidungsstück -
Das erlässt mir wohl ihr lichter Blick. (515, 10)

   Da Gawan zu der Frauen ging,
Ihr süßer Mund ihn so empfing:
Sie sprach: "Willkommen denn, ihr Gaus!
Eure Thorheit zeigte sich im Glanz,
Da ihr durchaus mir dienen wolltet: (515, 15)
Ihr miedets gern, wenn ihr nicht tolltet!"
Er sprach: "Wie hart ihr euch gebärdet,
Ich weiß, dass ihrs vergüten werdet.
Es ehrt euch, einst dies Schelten
Mit Güte zu vergelten. (515, 20)
So lange dien euch meine Hand,
Bis ihrs zu lohnen Mut gewannt.
Wollt ihr, ich heb euch auf das Pferd."
Sie sprach: "Das hab ich nicht begehrt:
Eure ungeschworne Hand (515, 25)
Greife nach geringerm Pfand."
Sie wandte sich, ergriff den Zügel,
Aus den Blumen sprang sie in die Bügel.
Sie bat ihn: "Reitet vor im Trab:
Es wäre Schade, käm ich ab
Von so würdigem Gesellen" (516, 1)
Sprach sie, "Gott mög euch fällen."

   Wer meinem Rate folgen will,
Mit ihrem Tadel schweig er still,
Dass er sich nicht verspreche, (516, 5)
Bis er weiß, was sie verbreche,
Und bis er wahrhaft hat erkannt,
Wie es um ihr Herz bewandt.
Rache nehmen könnt auch ich
An der Frauen minniglich (516, 10)
Für alles was sie an Gawan
In ihrem Zorn hat missgetan,
Oder was sie künftig noch verbricht;
Ungerochen lass ichs nicht.

   Da gehabte ungeselliglich (516, 15)
Die reiche Orgeluse sich:
Auf Gawan kam sie angeritten
Mit so zornigen Sitten,
Dass ich vom gleichen Fall betroffen
Wenig Trost mir würd erhoffen. (516, 20)
Von dannen ritten beide
Alsbald auf lichte Heide,
Gawan nahm eines Krautes wahr,
Des Wurzel Wunden heilsam war.
Eilends von seinem Pferde (516, 25)
Schwang er sich zur Erde;
Er grub sie, stieg dann wieder auf.
Sie ließ dem Spotte freien Lauf
Und sprach: "Kann der Geselle mein
Arzt zugleich und Ritter sein,
Er mag sich Nahrung wohl erjagen, (517, 1)
Erlernt' er, Büchsen feil zu tragen."
Da sprach zu ihr Gawanens Mund:
"Einen Ritter fand ich wund
Unter einer Linde. (517, 5)
Wenn ich ihn wieder finde,
Soll ihn die Wurzel heilen,
Sein Übel all zerteilen."
Sie sprach: "Das seh ich gerne:
Vielleicht, dass ich's erlerne." (517, 10)

   Ein Knapp ritt hinter ihnen her;
Der Botschaft willen eilt' er sehr,
Die er bestellen sollte.
Gawan sein harren wollte;
Nicht ganz geheuer schien er ihm. (517, 15)
Malkreatür hieß das Ungetüm,
Dieser Knappe, der fiere.
Kondrie la Sorziere
War sein schönes Schwesterlein.
Ihr Ebenbild auch würd er sein, (517, 20)
Wär er nicht männlichen Geschlechts.
Hauzähne trug er links und rechts
Wie der Eber hat, der wilde,
Ungleich einem Menschenbilde.
Auch war das Haar ihm minder lang - (517, 25)
Das Kondrien auf das Maultier sank -
Gleich Igelsborsten, scharf wie Glas.
Bei dem Wasser-Gangas,
Zu Tribalibot im Land der Inden,
sind solcher Leute mehr zu finden.

   Unser Vater Adam, (518, 1)
Dem von Gott die Einsicht kam,
Gab allen Tieren Namen,
So den wilden als den zahmen.
Auch kannt er eines jeden Art, (518, 5)
Dazu der Himmelssterne Fahrt,
Der Planeten all, der sieben,
Und welchen Einfluss sie üben,
Und wusste aller Wurzeln Kraft
Und einer jeden Eigenschaft. (518, 10)
Da seine Kinder zu den Jahren
Kamen, dass sie selbst gebahren
Und erzeugten Menschenfrucht,
Vor Unmaß warnt' er sie mit Zucht.
Wenn seiner Töchter eine trug, (518, 15)
Die ermahnt' er oft genug:
Den Rat er selten unterließ,
Dass er sie Kräuter meiden ließ,
Die Menschenfrucht verkehrten
(Einst sein Geschlecht entehrten): (518, 20)
"Anders denn uns Gott ersonnen,
Da er mich zu bilden hat begonnen,"
Sprach er: "Darum, liebes Kind,
Sei zum eignen Heil nicht blind."

   Die Frauen waren Frauen halt: (518, 25)
Etliche mussten mit Gewalt
Das Verbotene vollbringen;
Sie konnten ihr Gelust nicht zwingen.
So ward entstellt die Menschheit:
Adam war es schmerzlich leid;
Doch rein verblieb sein Wille. (519, 1)
Die Köngin Sekundille,
Die Feirefiß mit Rittershand
Erwarb, ihr Herz und auch ihr Land,
Die hatt in ihrem Königreich, (519, 5)
Die lautre Wahrheit meld ich euch,
Der Leute viel seit alten Tagen,
Die so entstellt das Antlitz tragen
Von manchem fremden Muttermal.
Da sagte man ihr von dem Gral (519, 10)
In Anfortas Königreiche,
Dass sich seinem Reichtum nichts vergleiche.
Das schien ihr wunderbar genug.
Mancher Strom in ihrem Lande trug
Statt Sand und Kiesel edle Steine. (519, 15)
Gebirge hatte sie, nicht kleine,
Von lauterm Goldgestein darin.
Da sprach die edle Königin:
"Wie gewinn ich Kunde von dem Mann,
Dem der Gral ist untertan?" (519, 20)
Geschenke schickte sie alsbald,
Zwei Menschen seltsam von Gestalt,
Kondrien und ihren Bruder, hin.
Noch mehr fandt ihm die Königin,
Das niemand wüsste zu vergelten; (519, 25)
Zu Kaufe findet man es selten.
Dann sandte Anfortas der gute,
Der immer war von mildem Mute,
Orgelusen de Logrois
Diesen Knappen kurtois;
Weiblicher Gelüste Mal (520, 1)
Schied ihn aus der Menschheit Zahl.

   Der Wurzeln und der Sterne Sohn
Bot Gawanen Schmach und Hohn,
Der sein geharrt mit holden Sitten. (520, 5)
Malkreatüre kam geritten
Auf einer Mähre schwach und krank,
An allen Vieren lahm von Gang:
Sie strauchelt' oft zur Erde,
So dass auf besserm Pferde (520, 10)
Selber Frau Jeschute ritt,
Da ihr Parzival erstritt
Von Orilus die alte Huld,
Die sie verloren sonder Schuld.

   Der Knappe blickte Gawan an, (520, 15)
Malkreatüre im Zorn begann:
"Seid ihr, Herr, von Ritters Art,
So ließt ihr klüglich diese Fahrt.
Ihr dünket mich ein dummer Mann,
Dass ihr meine Herrin führt hindann. (520, 20)
Ihr werdet unterwiesen,
Dass euch die Leute priesen,
Führet ihr dabei nicht schlecht.
Doch seid ihr ein gemeiner Knecht,
Klopft man euch so den Rücken aus, (520, 25)
Dass ihr gerne miedet solchen Strauß."

   Gawan sprach: "Wohl nie empfand
Solche Züchtigung mein Ritterstand.
So soll man dumme Jungen bläun,
Die vor tapferm Kampf sich scheun;
Mir erlässt man solche Pein. (521, 1)
Wollt ihr vor der Herrin mein
Mit schnöden Worten mir begegnen,
So soll euch Antwort nieder regnen,
Die euch wohl für Zürnen gilt. (521, 5)
Wie scheußlich ihr auch seid und wild,
Mir zu dräuen mögt ihr sparen."
Da griff ihn bei den Haaren
Gawan und schwang ihn unters Ross.
Der Knappe, den sein Fall verdross, (521, 10)
Warf Blicke grimm und fürchterlich.
Seine Igelborsten rächten sich
Und verschnitten Gawan so die Hand,
Dass er sie blutig rot befand.
Ihn verlachte drum die Fraue: (521, 15)
Sie sprach: "Wie gern ichs schaue,
Tut ihr zwei euch alle Schmach!"
Sie ritten fort; das Pferd lief nach.

   Sie kamen hin, wo er den wunden
Ritter kurz zuvor gefunden. (521, 20)
Getreulich auf die Wunde band
Ihm die Wurzel Gawans Hand.
Der Wunde sprach: "Wie ging es dir
Seit du geschieden bist von mir?
Die Frau ist, die du mitgebracht, (521, 25)
Auf deinen Schaden nur bedacht:
Durch ihre Schuld ist mir so weh.
In aive étroite malvoiée
Half sie mir zu starken Tjosten,
Die mich Blut und Leben kosten.
Behältst du Leben gern und Leib, (522, 1)
So lass dies trügerische Weib
Und wende dich hinweg von ihr.
Ein warnend Beispiel schau an mir.
Doch nähms noch gutes Ende, (522, 5)
Wenn ich wo Ruhe fände:
Hilf mir dazu, getreuer Mann."
Da sprach Herr Gawan:
"Gern helf ich dir, nach deiner Wahl."
In der Nähe steht ein Hospital," (522, 10)
Fuhr der wunde Ritter fort:
"Wär ich in wenig Stunden dort,
Da fänd ich Ruhe lange Zeit.
Meiner Freunding Ross steht dort bereit,
Das uns beiden wohl den Rücken lieh'; (522, 15)
Heb sie drauf, mich hinter sie."

   Da band der wohl geborne Gast
Dieser Frauen Pferd vom Ast
Und zog es näher hin zu ihr.
Der Wunde rief: "Hinweg von mir! (522, 20)
Ihr tretet mich, o Ungemach!"
Er zogs ihr fern: Die Frau ging nach,
Sanft und mit gemessnem Schritt;
Sie war im Einverständnis mit.
Gawan auf das Pferd sie schwang, (522, 25)
Derweil der wunde Ritter sprang
Auf Gawanens Kastilian:
Wohl dünkt mich, das war missgetan.
So ritt er mit der Frauen hin:
Das war ein sündlicher Gewinn

   Darüber klagte Gawan sehr; (523, 1)
Die Frau jedoch belacht' es mehr
Als der Scherz ihn däuchte wert.
Da ihm benommen war das Pferd,
Ihr süßer Mund versetzte da: (523, 5)
"Als ich euch zuerst ersah,
Schient ihr vom Ritterorden;
Dann seid ihr Arzt geworden,
Und ein Fußknecht gar zuletzt
Doch nicht verzweifeln dürft ihr jetzt: (523, 10)
Ihr habt der Künste so viel inne.
Gelüstet euch noch meiner Minne?"

   "Ja Herrin," sprach Herr Gawan:
"Eure Minne, möcht ich die empfahn,
Nichts Liebres wüst' ich auf der Welt. (523, 15)
Sei einer noch so hoch gestellt,
Er möge Kron und Szepter tragen,
Der Erde höchstes Glück erjagen,
Böt er zum Tausch mir den Gewinn:
So rät mir meines Herzens Sinn, (523, 20)
Dass ich ihm alles lassen wollte,
Wenn mir eure Minne blühen sollte.
Kann ich sie nicht erwerben,
So muss ein bittres Sterben
Sich bald an mir erzeigen. (523, 25)
Ihr verwüstet euer Eigen:
Bin ich gleich ein freier Mann,
Für euer Eigen seht mich an:
Das ist eur wohl erworben Recht.
Nennt mich Ritter oder Knecht,
Garzon oder Vilan. (524, 1)
Es ist fürwahr nicht wohlgetan,
Verschmäht ihr meinen Dienst mit Spott:
Ihr versündigt euch vor Gott.
Käme mir mein Dienst zu gut, (524, 5)
Ihr ließet spöttischen Mut.
Gesetzt, er täte mir nicht leid,
Er schmäht doch eure Würdigkeit."

   Nun ritt zurück der wunde Mann
Und sprach: "Bist dus, Gawan? (524, 10)
Was ich dir noch schuldig war,
Das ist dir nun vergolten gar:
Da deine mannliche Kraft
Mich fing in harter Ritterschaft,
Und mich gefangen brachte heim (524, 15)
Zu Artus, deinem Oheim:
Vier Wochen, noch ists unvergessen,
Musst ich da mit den Hunden essen."

   "Du bist es," sprach er, "Urjan?
Jetzt wünschest du mir Schaden an; (524, 20)
Den trüg ich sonder alle Schuld:
Ich erwarb dir noch des Königs Huld.
Dein schnöder Sinn dich so beriet,
Dass man von Schildesamt dich schied;
Man nahm dir das gemeine Recht, (524, 25)
Weil du eine Magd geschwächt
Friedbrüchig durch verruchten Zwang.
König Artus mit dem Strang
Hätt es gewisslich gerochen,
Hätt ich nicht für dich gesprochen."

   "Was dort geschah, du stehst nun hier. (525, 1)
Kund ist wohl das Sprichwort dir:
Wer dem andern rettete das Leben,
Nie wird es jener ihm vergeben;
Dem folg ich, weil ich klug gesinnt. (525, 5)
Es schickt sich besser, weint ein Kind
Als ein vollbärtiger Mann.
Dies Ross behalt ich, weil ich kann."
Spornstreichs ritt er so von hinnen;
Leid war Gawanen sein Beginnen." (525, 10)

   "Herrin, dies war der Verlauf:
Der König Artus hielt sich auf
In der Stadt Dianasdron
Und mit ihm mancher Breton.
Da ward als Botin seinem Land (525, 15)
Eine Jungfrau zugesandt.
Da kam auf Abenteuer auch
Daher geritten dieser Gauch:
Er war hier fremd und sie nicht minder.
Da riet sein wüster Sinn dem Sünder, (525, 20)
Dass er mit der Jungfrau rang
Und sie zu seinem Willen zwang.
Am Hof vernahm man das Geschrei:
Laut rief der König: Heiahei!
Es war geschehn vor einem Wald; (525, 25)
Wir eilten alle hin alsbald.
Der ich voraus den andern fuhr,
Ich fand des Missetäters Spur:
Gefangen führt' ich ihn alsdann
Vor den König, diesen Mann.

   "Mit uns geritten kam die Maid. (526, 1)
Ungebärdig war ihr Herzeleid,
Dass ihr mit Gewalt entrissen,
Der sich nie in ihrem Dienst beflissen,
Das unbefleckte Magdtum. (526, 5)
Auch erwarb er kleinen Ruhm,
Denn wehrlos ist der Frauen Hand.
Zum Zorne war mein Herr entbrannt,
Artus der getreue Mann:
"Die ganze Welt," so hub er an, (526, 10)
"Muss die verruchte Tat beklagen.
Weh, dass der Tag je musste tagen,
Bei dessen Licht sie ward vollführt;
Weh, dass das Urteil mir gebührt
Und dass ich heute Richter bin." (526, 15)
Er sprach zur Jungfrau: "Habt ihr Sinn,
So nehmt Fürsprechen an und klagt."
Das war der Jungfrau leicht gesagt,
Sie tat wie ihr geraten war;
Da stand der Ritter große Schar. (526, 20)

   "Urjan der Fürst aus Punturtois
Stand da vor dem Bretanoois
Angeklagt auf Ehr und Leben:
Da kam die Klage zu erheben,
Dass es alle mochten hören. (526, 25)
Sie begann den König zu beschwören,
Dass ihn aller Frauen wegen
Ihre Schande möcht bewegen,
Und aller Jungfraun Ehre willen.
Auch bat sie ihn ihr Leib zu stillen
Bei dem Ruhm der Tafelrunde (527, 1)
Und der Botschaft, deren Kunde
Sie als Gesandtin überbracht:
Hätt er hier zu richten Macht,
Dass er mit Gerechtigkeit (527, 5)
Richten möge dies ihr Leid.
Sie bat der Tafelrunder Schar:
"Nehmt meines Rechtes wahr,"
Da was der Räuber ihr genommen
Nimmer möge wieder kommen, (527, 10)
Unbefleckte Jungfrauschaft:
Dass sie all aus Herzenskraft
Um Recht den König bäten
Und mit Worten sie verträten.

   "Einen Anwalt nahm der schuldge Mann, (527, 15)
Den ich erst jetzt recht würdgen kann;
Der sprach zu seinen Gunsten viel,
Es half ihm aber nicht zum Ziel.
Man sprach ihm Leben ab und Preis,
Und dass man winden sollt ein Reis: (527, 20)
Ohne blutige Hand
Ward der Tod ihm zuerkannt.
Er schrie zu mir in seinem Leid:
Ich hätt ihm doch für Sicherheit
Das Leben wollen schenken. (527, 25)
Meine Ehre schiens zu kränken,
Verlör er Leben dort und Leib.
Ich bat das klaghafte Weib,
Da sie gesehn, wie im Gefecht
Ich mannlich ihre Schmach gerächt,
Dass sie mit Weibesgüte (528, 1)
Möchte sänften ihr Gemüte:
Es sei doch ihre Liebeshuld,
Die ihn verleitet zu der Schuld,
Und ihr wonniglicher Leib. (528, 5)
Wenn je ein Mann von einem Weib
Gekommen sei in Herzensnot,
"Die dann ihm gnädig Hilfe bot:
Der Hilfe tuts zu Ehren,
Lasst euerm Zorne wehren." (528, 10)

   "Ich bat den König und die Seinen
Jetzo möcht er mirs bescheinen,
Ob ich je ihm Dienst getan,
Indem er aus der Schande Bann
Mich durch seine Hilfe nähme, (528, 15)
Und zu Hilfe diesem Ritter käme.
Ich bat sein Weib, die Königin,
Der ich nah befreundet bin
(Da mich der König hat erzogen,
Sie stets mir treulich war gewogen), (528, 20)
Dass sie mir hülfe: Das geschah.
Beiseit zog sie die Jungfrau da:
Das Leben dankt' er Ginoveren;
Doch sollt ihn bittre Schmach beschweren.
Für sein verwirktes Leben (528, 25)
Ward Buß ihm aufgegeben:
Aus einem Troge aß sein Mund
Mit dem Bracken und dem Leithund
Vier volle Wochen:
So ward die Maid gerochen.

   "Frau, das ist sein Zorn auf mich." (529, 1)
"Es beschimpft ihn," sprach sie, "sicherlich
Werd ich euch auch nimmer hold,
Er empfängt dafür doch solchen Sold,
Eh er kommt aus meinem Lande, (529, 5)
Dass er es zählt für Schande.
Da es der König nicht gerochen
Was er an der Maid verbrochen,
So ist das Urteil billig mein;
Euer beider Richter will ich sein, (529, 10)
Weiß ich gleich nicht, wer ihr beide seid.
Ich straf ihn drum zu seiner Zeit,
Der Jungfrau Pein zu stillen,
Doch nicht um euretwillen.
Mit Schlagen und mit Stechen (529, 15)
Soll man solchen Unfug rächen."

   Gawan zu der Mähre ging,
Die er mit leichter Mühe fing.
Da kam der Knappe hinten nach,
Zu dem sie auf arabisch sprach (529, 20)
Was sie zu melden ihm gebot.
Nun nahet bald Gawanens Not.

   Der Knappe lief zu Fuß hindann.
Da sah sich Gawan näher an
Des Knappen Ross: Mit Spat und Dampf (529, 25)
War es zu schwach für einen Kampf.
Der Knappe hatt es dort genommen,
Eh er den Berg herab gekommen,
Einem armen Vilan;
Nun sollt es aber Gawan
Für sein Ross behalten: (530, 1)
Solchen Tausches musst er walten.

   Sie sprach zu ihm mit Spott und Hass:
"Nun sagt mir, wollt ihr fürbaß?"
Da sprach mein Herr Gawan: (530, 5)
"Meine Fahrt von hinnen wird getan
Wie es euer Mund mir rät."
Sie sprach: "Mein Rat, der kommt euch spät."
"Nun, so dien ich doch darum."
"Daran tut ihr eben dumm. (530, 10)
Wollt ihr das nicht meiden,
Müsst ihr von Freude scheiden
Und euch zur Trübsal kehren,
Euer Kummer muss sich mehren."
Da sprach der Minnegehrende: (530, 15)
"In euerm Dienst der währende
Bin ich, obs Freude bringt, ob Not.
Seit eure Minne mir gebot,
Muss ich euch zu Gebote stehn,
Ich möge reiten, möge gehn." (530, 20)

   So stand er bei der Frauen,
Sich das Ross zu beschauen.
Wohl schiens zu raschen Tjosten
Zu wenig Geld zu kosten:
Steigriemen hingen dran von Bast; (530, 25)
Dieser herrliche Gast
War besser Sattelzeug gewohnt.
Mit Reiten hätt ers gern verschont,
Denn er sorgte, dass dabei
Riem und Sattel bräch entzwei.
Der Mähre war der Rücken jung: (531, 1)
Hätt er darauf getan den Sprung,
Zerbrochen wär er sicherlich;
Darum enthielt er dessen sich.

   Er hätt es sonst nicht leicht getan: (531, 5)
Er zogs am Zaum und schritt voran,
Den Schildrand tragend und den Speer.
Seiner peinlichen Beschwer
Begann die Frau zu lachen,
Die ihm Kummer wollte machen. (531, 10)
Den Schild er auf der Mähre band.
Da sprach sie: "Führt ihr Kramgewand
Hier in meinem Lande feil?
Ei, wie ward mir nur zu Teil
Zur Begleitung Arzt und Krämer! (531, 15)
Bedenkt den Zolleinnehmer,
Dass euch nicht auf diesen Wegen
Das Handwerk meine Zöllner legen!"

   Wie scharf ihm auch ihr Spotten schien,
So nahm er doch es willig hin (531, 20)
Und kehrte sich nicht weiter dran.
Sah er sie dann wieder an,
So war verschwunden all sein Leid.
Sie war ihm eine Maienzeit,
Ein Blütenflor vor seinen Blicken, (531, 25)
Ein herzenbittres Augerquicken.
Stets war ein Fund hier beim Verlust,
Davon genas die kranke Lust:
So ward er immer wieder frei
Und blieb gebunden doch dabei.
Mich lehrte mancher Meister so: (532, 1)
Amor und Kupido
Und Venus, Mutter dieser zwein,
Pflegten Minne zu verleihn
Mit Geschossen und mit Feuer. (532, 5)
Solche Minne dünkt mich nicht geheuer.
Hat ein Herz getreue Sinne,
So wird es nimmer frei von Minne,
Seis zur Wonne, seis zur Pein;
Wahre Minn ist Treu allein. (532, 10)
Kupido, nimmer trifft
Mich deines flüchtgen Pfeiles Gift;
Stets verfehlt mich Amors Speer.
Seid ihr beiden über Minne hehr,
Und Venus mit der Fackel Brand, (532, 15)
Solcher Kummer ist mir unbekannt.
Soll ich wahrer Minne glühn,
So muss sie mir aus Treue blühn.

   Könnt ich mit klugem Sinne
Wem helfen wider Minne, (532, 20)
Herrn Gawan wär ich wohl so hold,
Ich wollt ihm helfen ohne Sold.
Zar bringt es ihm nicht Schande,
Halten ihn Minnebande,
Wenn ihn Minne überwindet, (532, 25)
Vor der die stärkste Wehr verschwindet.
Er war so wehrlich doch fürwahr,
Der Wehr so mächtig immerdar,
Dass nicht bezwingen sollt ein Weib
Seinen wehrlichen Leib.

   Lasst euch beschaun, Herr Minnezwang! (533, 1)
Die Freude rauft ihr uns so lang,
Bis dünn die Saat der Freude steht,
Und der Weg des Kummers drüber geht.
Allmählich geht da Kummers mehr; (533, 5)
Wenn sein Ziel ein andres wär
Als in des Herzens hohen Mut,
Das käm der Freude noch zu gut.
Zu leichtfertgem Sinne
Dünkt mich zu alt die Minne. (533, 10)
Oder schiebt sie's auf die jungen Jahre,
Dass sie mit Unart gebahre?
Der Unart gönnt ich lieber Jugend,
Als wenn das Alter misste Tugend.
Übels hat sie viel getan; (533, 15)
Wem von beiden rechn ichs an?
Will sie mit jungen Streichen
Von den alten Sitten weichen,
Das wird ihren Preis nicht mehren;
Eines Bessern soll man sie belehren. (533, 20)
Nur lautre Minne preisen
Mag ich, und auch die Weisen:
Weib und Mann, insgemein
Stimmen alle mit mir ein:
Wo Herz dem Herzen Minne gibt, (533, 25)
So lautre, dass kein Hauch sie trübt,
Und der Herzen keins verdrießt,
Wenn sie der Minne Schlüssel schließt
In umwandelbarem Sinne,
Die Minn ist über alle Minne.

   So gern ich ihn befreite, (534, 1)
Herr Gawan kann doch heute
Der Minne nicht erwehren,
Sie muss sein Herzleid mehren.
Was frommte mein Vermitteln dann (534, 5)
Und was ich drüber sprechen kann?
Es wehre sich kein Mann der Minne:
Sie hilft ihm erst zum rechten Sinne.
Gawanen gab sie diese Buße;
Seine Herrin ritt, er ging zu Fuße. (534, 10)

   Orgeluse mit dem Degen kühn
Kam zu einem Walde grün.
Da zog der unberittne Mann
Sein Pferd zu einem Block heran:
Seinen Schild, den er darauf gelegt, (534, 15)
Des er kraft Schildesamtes pflegt,
Nahm er zu Hals und stieg zu Pferde;
Die Mähre trug ihn mit Beschwerde
Wieder auf gebautes Land.
Bald hatt er eine Burg erkannt, (534, 20)
So stattlich, dass er nie gesehn,
Wohl musst es Aug und Herz gestehn,
Eine Veste, die ihr glich.
Ringsum war sie ritterlich.
Sie zählte manchen Saal, vor Sturm (534, 25)
Schützte sie manch fester Turm;
Auch mocht er viel der Frauen
Sehn aus den Fenstern schauen,
Wohl vierhundert oder mehr;
Vier schienen vor den andern hehr.

   Eine viel befahrne Straße trug (535, 1)
An ein Wasser, breit genug,
Schiffbar, mit raschen Wellen,
Die Frau und den Gesellen.
Eine blühnde Wiese lag daran; (535, 5)
Auf der ward mancher Speer vertan.
Jenseits ragte das Kastell.
Da sah Gawan, der Degen schnell,
Einen Ritter sich entgegen fahren,
Der Schild und Speer nicht wollte sparen. (535, 10)
Orgelus die Königin
Begann zu ihm mit stolzem Sinn:
"Ob es euer Mund auch spricht,
Ich breche meine Treue nicht:
Ich hab es euch voraus gesagt, (535, 15)
Dass ihr hier Schande nur erjagt.
Wehrt euch, wenn ihr euch wehren könnt,
Kein ander Heil ist euch vergönnt.
Der hier einhersprengt, in den Sand
Setzt euch unsanft seine Hand. (535, 20)
Platzt euch dabei das Niederkleid,
Das sei euch um die Frauen leid,
Die droben sitzend niederspähn:
Wie wenn die eure Schande sähn?"

   Ein Schiffmann fuhr von drüben her (535, 25)
Auf der Herzogin Begehr;
Dass der sie in den Nachen nahm,
Das war Gawanen neuer Gram.
Orgelus die Wohlgeborne
Sprach aus dem Kahn zu ihm mit Zorne:
"Ich nehm euch nicht zu mir hinein; (536, 1)
Ihr müsst zu Pfand hier hüben sein."
Nach rief der Held ihr trauriglich:
"Frau, warum verlasst ihr mich?
Soll ich euch nie mehr wieder sehn?" (536, 5)
Sie sprach: "Das könnte noch geschehn:
Wenn ihr siegt, sollt ihr mich schaun;
Doch das ist euch nicht zuzutraun."

    Sie schied von ihm der breite Fluss;
Da kam Lischois Giwellius. (536, 10)
Ich weiß wohl, dass ich euch betröge,
Wenn ich sagte, dass er flöge:
Doch berührt er kaum die Erde,
Ich rühm es an dem Pferde:
Das bewies Geschwindigkeit (536, 15)
Auf dem grünen Anger breit.
Da gedachte Herr Gawan:
"Wie erharr ich diesen Mann?
Welches mag geratner sein?
Zu Fuß oder auf dem Rösselein? (536, 20)
Will er sein Ross nicht sparen,
Kommt er spornstreichs angefahren,
Zu Boden stürz ich sicherlich:
Doch auch sein Ross, wie hält es sich,
Dass es über meins nicht fällt? (536, 25)
Wenn er dann auf blumgem Feld
Mit mir kämpfen will zu Fuß,
Und erwürb ich nimmer ihren Gruß,
Die mich verlockt' in diesen Streit,
Ich biet ihm willig Kampf und Streit."

   Der Kampf war unvermeidlich: (537, 1)
Doch kämpft der Nahnde weiblich,
Wie auch der Harrende streitet;
Schon hat er sich zur Tjost bereitet.
Er setzte seiner Lanze Knauf (537, 5)
Dem Filzbesatz des Sattels auf;
So hatt er sich es ausgedacht.
Als ihre Tjost nun ward gebracht,
Da sah man beider Lanzen brechen
Und beide Helden niederstechen. (537, 10)
Der besser berittne Mann
Strauchelte, dass er mit Gawan
Auf die Blumen kam zu liegen.
Wie sollten sie nun kriegen?
Aufspringend griffen zu den Schwerten (537, 15)
Die noch beide Kampf begehrten.
Die Schilde hatten viel zu leiden:
Zerschnitten wurden sie, dass beiden
Kaum ein Span blieb vor der Hand,
Denn der Schild ist stets des Kampfes Pfand (537, 20).

   Da blitzt das Schwert, der Helm sprüht Feuer.
Er bestand ein glücklich Abenteuer,
Der den Sieg davon soll tragen;
Doch muss er erst sich weidlich schlagen.
Also lang währt' ihr Streit (537, 25)
Auf dem blumgen Anger breit,
Es würden wohl zwei Schmiede,
Wie stark sie wären, müde
Von all den mächtigen Schlägen:
So rangen um den Preis die Degen.

   Wer aber wird sie preisen (538, 1)
Darum, die unweisen,
Die sich ohne Feindschaft schlagen
Nur um Preis zu erjagen?
Keiner hatt am andern Teil: (538, 5)
Was boten sie ihr Leben feil?
Sie taten nie sich was zu Leide:
Das mussten sie gestehen beide.

   Ein starker Ringer war Gawan,
Zu Boden warf er jedermann, (538, 10)
Konnt er unters Schwert ihm springen:
Den seine Arme befingen
Zwang er wozu er wollte.
Nun er sich wehren sollte,
Wollt er wehrlich gebahren. (538, 15)
Der Held, im Kampf erfahren,
Ergriff den Jüngling mit Gewalt,
Der auch mit Kraft die Kraft vergalt,
Und zwang ihn hurtig unter sich.
Da sprach er zu ihm: "Held, nun sprich (538, 20)
Sicherheit, willst du noch leben."
Doch wollte sich ihm nicht ergeben
Lischois noch; bis diese Zeit
Hatt er nie geboten Sicherheit.
Es däucht ihn wunderlich genug, (538, 25)
Dass ein Mann die Stärke trug,
Die ihn zwänge zu bedingen,
Was er noch nie sich ließ entringen:
Sicherheit ihm abgedrungen,
Die er nur selbst im Kampf erzwungen.
Hier wars ihm schlimm ergangen; (539, 1)
Oft hatt er sonst empfangen
Was er nicht weiter mochte geben:
Statt Sicherheit bot er sein Leben
Und sprach: Geschäh, was immer, (539, 5)
Fianze böt er nimmer:
Er hab es auch nicht nötig,
Er sei zum Tod erbötig.

   Da sprach der Unterliegende:
"Bist du nun, Held, der Siegende? (539, 10)
Ich wars, so lang Gott wollte,
Dass Preis mir bleiben sollte.
Nun hat mein Preis ein Ende
Durch die Kraft deiner Hände.
Hört nun Mann und Männin, (539, 15)
Dass ich überwunden bin,
Des Preis so siegreich strebt' empor,
Den Tod zu sterben zieh ich vor
Eh meine Freunde, meine Lieben
Solche Botschaft soll betrüben." (539, 20)
Ihm zu sichern, mahnte Gawan ihn;
Doch stand sein Wunsch und all sein Sinn
Nur auf des Leibs Verderben
Oder ein jähes Sterben.
Da dachte mein Herr Gawan: (539, 25)
"Was soll ich töten diesen Mann?
Wollt ihr mir zu Gebote stehn,
Gern ließ ich ihn gesund entgehn."
Er macht' ihm solch Gedinge kund;
Doch nicht gelobt' es jenes Mund.

   Auf ließ er doch den Weigand (540, 1)
Ohne sichernde Hand.
Sie setzten beide sich aufs Gras.
Gawan des Leides nicht vergaß,
Dass sein Pferd so elend sei. (540, 5)
Da fiel ihm der Gedanke bei,
Mit Sporn und Schenkel zu erproben,
Ob des Besiegten Ross zu loben.
Wohl gewappnet wars zum Streit;
Der Kovertüre Überkleid (540, 10)
War aus Samt und Pfellel zugeschnitten.
Da ers im Kampfe hatt erstritten
Was sollt er es nicht reiten?
Sein Recht wer kanns bestreiten?
Der Held bestiegs: Da ging es so, (540, 15)
Seiner weiten Sprünge ward er froh.

   "Gringuljet," rief Gawan,
"Bist du's, das mit Verrat Urjan,
Er weiß wohl nie, von mir erwarb
Und seinen Preis damit verdarb. (540, 20)
Wer hat dich nun gewappnet so?
Gewiss du bists, Gott macht mich froh,
Der mir so schön dich wieder sendet,
Wie er so manchen Kummer wendet."
Der Degen stieg herab und fand (540, 25)
Des Grales Wappen eingebrannt,
Eine Turteltaube, seinem Bug.
Lählein gewanns, denn er erschlug
Tjostierend den von Prienlaskross.
Orilusen gab er dieses Ross,
Der es dann Gawanen gab (541, 1)
An des Plimizöls Gestad.

   Darob gewann der Degen gut
Wieder einen frohen Mut;
Doch Minne zwang ihn bald aufs neue (541, 5)
Und die dienstbare Treue,
Die er zu seiner Herrin trug,
Nach der, tat sie ihm gleich genug
Zu Leid, all sein Gedanke rang.
Lischois indes, der Stolze, sprang (541, 10)
Und hob vom Boden auf sein Schwert,
Das Gawan der Degen wert
Ihm entwunden. Viel der Frauen
Wollten ihr ander Kampfspiel schauen.

   Die Schilde waren so zerschlagen, (541, 15)
Man ließ sie liegen wo sie lagen
Und eilte bloß in den Streit.
Jedweder lief bei guter Zeit
Heran zu herzhafter Wehr.
Ob ihnen saß ein Frauenheer (541, 20)
In den Fenstern auf dem Saal:
Sie wollten schaun den Kampf zumal.
Da hob sich erst ein grimmer Zorn.
Jedweder war so hochgeborn,
Dass sein Preis es ungern litte, (541, 25)
Wenn ihn der andre niederstritte.
Da kamen Helm und Schwert in Not,
Die allein sie schirmten vor dem Tod.
Wer da sah, wie sie die Hiebe schnellten,
Der ließ es gern für Arbeit gelten.

   Lischois Giwelljus wehrte sich, (542, 1)
Der schöne Jüngling, ritterlich:
Kühnheit und vermessne Tat
War seines hohen Herzens Rat.
Er schlug manch schnellen Schwertesschwang, (542, 5)
Indem er bald von Gawan sprang,
Bald wieder heftig ein auf ihn.
Gawan hielt es fest im Sinn,
Er dachte: "Krieg ich dich zu fassen,
Ich will es dich schon büßen lassen." (542, 10)

   Da sah man Funken sprühen
Und geschwungne Schwerter glühen
In der starken Männer Hand.
Sie trieben sich von ihrem Stand
Vorwärts, rückwärts und zur Seite. (542, 15)
Rache rief sie nicht zum Streite,
Auch trieb sie keine Feindschaft an.
Da ergriff ihn Herr Gawan
Und warf ihn unter sich mit Kraft:
So möcht ich ungern Brüderschaft (542, 20)
Mit Umhalsung schließen;
Sie würd auch euch verdrießen.

   Gawan heischte Sicherheit:
Dazu ist jetzt so unbereit
Lischois, den er niederhält, (542, 25)
Als da er ihn zuerst gefällt.
Er sprach: "Du säumst dich ohne Not:
Statt Sicherheit biet ich den Tod.
Aller Preis, den je ich fand,
Nun tilg ihn deine werte Hand.
Da ich in Gottes Hass verfiel, (543, 1)
Damit hat doch mein Preis ein Ziel.
Seit ich um Minne dienstbar bin
Orgelus, der edeln Herzogin,
Musste mancher werte Degen (543, 5)
Seinen Preis in meine Hände legen:
Kannst du mich nun ersterben,
Magst du viel Preis ererben."

   Da dachte König Lotens Kind:
"Nein, das bin ich nicht gesinnt, (543, 10)
Denn ich verlör des Preises Huld,
Erschlüg ich ohne seine Schuld
Den unverzagten Helden jetzt.
Sie hat ihn ja auf mich gehetzt,
Deren Minne mich auch zwingt (543, 15)
Und mir so viel Kummer bringt:
Ihr zu Lieb will ich ihn schonen.
Soll sie mir künftig lohnen,
Er kann es doch nicht wehren
Will mirs das Glück gewähren. (543, 20)
Hat sie unsern Kampf gesehn,
So muss sie mir wohl eingestehn,
Dass ich um Minne dienen kann."
Da sprach mein Herr Gawan:
"Wohlan, der Herzogin zu Ehren, (543, 25)
Will ich dich nicht Sterben lehren."

   Sie waren müd, nicht wunderts mich.
Er ließ ihn auf; sie setzten sich
Beide voneinander fern.
Da sahen sie des Kahnes Herrn
Vom Wasser steigen auf das Land. (544, 1)
Er ging und trug auf seiner Hand
Einen jährgen Falken grau.
Dies Recht besaß er an der Au
Zu Lehn: Wenn man da tiostierte, (544, 5)
Dass ihm dessen Ross gebührte,
Der da den Unsieg fände:
Und der ihn überwände,
Dem sollt er dankend neigen,
Seinen Preis nicht verschweigen. (544, 10)
Oft hatt er solchen Zins genommen;
Es war sein einzig Einkommen,
Wenn einer Lerche nicht etwa
Von seinem Falken Leid geschah.
Ihm ging zu Feld kein andrer Pflug; (544, 15)
Doch däucht ihn dies Besitz genug.
Er war zum Ritterstand geboren
Und früh zu edler Zucht erkoren.

   Nun trat er hin zu Gawan:
Um den Zins von seinem Plan (544, 20)
Bat er mit Bescheidenheit.
Da sprach der Degen kühn im Streit:
"Herr, ich bin kein Kaufmann,
Dass ich euch Zoll entrichten kann."
Der Herr des Schiffs versetzte da: (544, 25)
"Herr, der Fraun so manche sah
Euch hier den Preis erlangen:
Lasst auch mich mein Recht empfangen:
Mein Recht nur sei mir zuerkannt.
In rechter Tjost hat eure Hand
Mir dieses Ross erworben. (545, 1)
Euer Preis ist nicht verdorben,
Denn eure Hand hat ihn gefällt,
Dem den höchsten Preis die Welt
Mit Wahrheit gab bis diesen Tag. (545, 5)
Euer Preis und des Geschickes Schlag
hat ihm des Sieges Lust genommen;
Doch euch ist großes Heil gekommen."

   Gawan sprach: "Er stach mich nieder;
Erholt ich auch hernach mich wieder. (545, 10)
Gebührt euch Zins von Tjosten,
Geh der Zins auf seine Kosten.
Hier seht ihr, Herr, die Mähre,
Die des Siegers billig wäre.
Nehmt sie, wenn es euch gefällt; (545, 15)
Der dieses Ross für sich behält,
Bin ich: Es muss mich hinnen tragen,
Solltet ihr nie ein Ross erjagen.
Ihr spracht von Recht; soll Recht entscheiden,
So dürft ihr selber es nicht leiden, (545, 20)
Dass ich zu Fuß von hinnen geh.
Gewiss, es täte mir zu weh,
Sollte dies Ross euer sein.
Es war ganz unbestritten mein
Noch heute Morgen in der Frühe. (545, 25)
Glaubt ihr, ihr nähmt es ohne Mühe,
Ihr rittet sanfter einen Stab.
Der mir dies Ross zu eigen gab
War Orilus der Burgondois.
Urjan, der Fürst aus Punturtois,
Hat es mir dann gestohlen. (546, 1)
Eines Maulesels Fohlen
Möchtet eher ihr gewinnen.
Doch will ich auf Ersatz euch sinnen;
Ihr haltet jenen Mann so wert: (546, 5)
Statt des Pferds, das ihr begehrt,
Nehmt ihn, der's ritt in diesem Streit.
Ob es ihm lieb ist oder leid,
Ich kehre wenig mich daran."
Da freute sich der Schiffmann. (546, 10)

   Er sprach mit lachendem Mund:
"Nie ward mir reichre Gabe kund,
Wenn das Glück nur wolle,
Dass ich sie haben sollte.
Wenn ihr sie, Herr, im Ernst gewährt, (546, 15)
Das ist weit mehr als ich begehrt.
Fürwahr, stets klang sein Lob so hell,
Fünfhundert Rosse stark und schnell
Nähm ich sicher nicht für ihn;
Auch wärs mein großer Ungewinn. (546, 20)
Ihr macht mich zum reichen Mann.
Nur um eins noch halt ich an,
Genügt euch anders die Kraft:
Dass ihr in meinen Kahn ihn schafft;
So seid ihr mild und hoch gesinnt." (546, 25)
Da sprach König Lotens Kind:
"In den Kahn und hinaus
Und hinein in euer Haus
Schaff ich ihn euch gefangen."
Sprach der Schiffmann. Nicht verschweigen (547, 1)
Wollt er großen Dank mit Neigen.

   Da sprach er: "Lieber Herre mein,
Geruht auch mein Gast zu sein
In meinem Hause diese Nacht. (547, 5)
Größere Ehre zugedacht
Ward keinem Fergen je wie ich.
Glücklich preist mich männiglich,
Bewirt ich solchen werten Mann."
Da sprach mein Herr Gawan: (547, 10)
"Ich wollt euch selber schon drum bitten.
So müde hab ich mich gestritten,
Dass mir wohl Ruhe wäre Not.
Die mir dies Ungemach gebot,
Weiß ihre Süße wohl zu säuern, (547, 15)
Dem Herzen Freude zu verteuern;
An Sorgen macht ihr Dienst es reich:
So ist ihr Lohn sich selbst nicht gleich.
O weh dir, Fund, du bist Verlust:
Du senkest mir die eine Brust, (547, 20)
Die sonst empor begehrte,
Da mir Freude Gott gewährte.
Da ward ein Herz gefunden:
Das, fürcht ich, ist verschwunden.
Wie soll ich Trost nun finden, (547, 25)
Muss ich mich unterwinden
Solcher Sehnsucht nach Minne?
Folgt sie weiblichem Sinne,
Sie soll mir Freude schenken,
Statt mich in Leid zu senken."

   Der Schiffmann hörte, dass er rang (548, 1)
Mit Sorg und dass ihn Minne zwang.
"Das ist hier Brauch, Herr," hub er an,
"In dem Forst und auf dem Plan,
Soweit Klinschor Gebieter ist. (548, 5)
Ob ihr Mut habt oder misst,
Anders geht es nicht als so,
Heute traurig, morgen froh.
Euch ists vielleicht noch unbekannt:
Nichts als Wunder ist dies Land, (548, 10)
Das währt hier immer, Nacht und Tag;
Nur Glück bei Mannheit helfen mag.
Die Sonne seh ich niedrig stehn:
Lasst uns, Herr, zu Schiffe gehn."
Also bat der Schiffmann. (548, 15)
Lischoisen führte Gawan
Mit sich an des Schiffes Bord.
Da folgte sonder Widerwort
Ihm der Held geduldiglich.
Der Schiffmann zog das Ross mit sich. (548, 20)

   Sie fuhren über. Am Gestad
Der Fährmann Gawanen bat:
"Seid selber Wirt in meinem Haus."
Das war so herrlich überaus,
Dass kaum zu Nantes, wo Artus saß, (548, 25)
Sich sein Haus mit diesem maß.
Lischoisen führte Gawan ein.
Der Wirt und das Gesinde sein
Nahmen sich des Gastes an.
Zu seinem Töchterlein begann
Der Wirt und sprach zur holden Maid: (549, 1)
"Gut Gemach und frohe Zeit
Schaff meinem Herren, der hier steht;
Mir ist lieb, wenn ihr beisammen geht.
Nun dien ihm unverdrossen: (549, 5)
Durch ihn ist Heil uns zugeflossen."

   Seinem Sohn befahl er Gringuljeten.
Was er das Mägdlein gebeten,
Das ward mit großer Zucht getan.
Mit der Maid darauf Gawan (549, 10)
Zu einer Kemenaten ging,
Wo den Estrich überfing
Bins und Blumen frisch geschnitten
Als Gestreusel nach des Landes Sitten.
Da entwappnete sie ihn. (549, 15)
"Würd euch von Gott der Dank verliehn!"
Sprach Gawan. "Frau, es schafft mir Not;
Es ist des Vaters Gebot,
Sonst dientet ihr mir allzu sehr."
Da sprach sie: "Ich dien euch mehr, (549, 20)
Dass ich eure Huld erringe,
Herr, als um andre Dinge."

   Des Wirtes Sohn, ein Knappe, trug
Weicher Betten genug
An die Wand der Tür entgegen, (549, 25)
Und ging dann einen Teppich legen:
Da sollte sitzen Gawan.
Der Knappe ging und brachte dann
Ein Kissen von lichtem Glanz,
Aus rotem Zindal war es ganz;
Auch ward dem Wirt ein Sitz gelegt. (550, 1)
Ein andrer Knappe kommt und trägt
Linnen auf den Tisch und Brot;
Beides nach des Wirts Gebot.
Die Hausfrau kam um nachzusehn: (550, 5)
Als sie den Gast sah vor sich stehn,
Herzlich willkommen hieß sie ihn:
Sie sprach: "Ihr habt uns viel verliehn;
Die Gabe hat uns reich gemacht:
Ich seh, dass unser Glück noch wacht." (550, 10)

   Da nun der Wirt war gekommen
Und das Wasser Gawan angenommen,
Da tat er eine Bitte kund
Seinem Wirt mit holdem Mund:
"Lasst mit mir essen diese Magd." (550, 15)
"Herr, es ist ihr untersagt,
Dass sie mit Herren äße
Und so nah bei ihnen säße:
Sie überhebt sich sonst zu sehr.
Doch gilt mir euer Wunsch noch mehr: (550, 20)
Tochter, tu all sein Verlangen;
Es sei dir im Voraus verhangen."

   Wohl ward vor Scham die Süße rot;
Doch tat sie was der Wirt gebot.
Da saß bei Gawan Bene. (550, 25)
Starker Söhne zweene
Hatt außer ihr der Wirt erzogen.
Sein jährger Falke hatt erflogen
Am Abend drei Galander:
Die ließ er miteinander
Gawanen bringen alle drei, (551, 1)
Und eingemachtes dabei.
Mit Anstand legt' ihm vor die Maid.
Sie wusst ihm auch mit Freundlichkeit
Die besten Bissen auszusuchen: (551, 5)
Die reichte sie auf weißem Kuchen
Ihm dar mit klaren Händen.
"Wollt ihr nicht meiner Mutter senden
Der gebratnen Vögel einen?
Sie bekommt sonst heute keinen." (551, 10)
Sprach die Jungfrau zu Gawan.
Er sprach zum Mägdlein wohlgetan,
Dass er ihren Willen täte
Hierin, und was sie sonst ihn bäte.
Ein Galander ward gesandt (551, 15)
Der Wirtin. Seiner milden Hand
Ließ sie großen Dank vermelden,
Und Dank entbot der Wirt dem Helden.

   Da wurde noch in Essig
Portulack und Lattich (551, 20)
Von einem Sohn des Wirts gebracht.
Nicht hilft zu großer Leibesmacht
Auf die Länge solche Nahrung;
Auch macht sie bleich, lehrt die Erfahrung.
Solche Farbe tut mit Wahrheit kund (551, 25)
Was genossen hat der Mund;
Doch falsch sind aufgelegte Farben;
Die müssen alles Lobes darben.
Ergibt der Treu ein Weib sich ganz,
Die dünkt mich, trägt den schönsten Glanz.

   Genügte Gawan guter Willen, (552, 1)
So mocht er hier den Hunger stillen:
Keine Mutter gönnt dem Kind das Brot
So gern, als ihm der Wirt es bot.
Die Tische wurden weggebracht; (552, 5)
Die Wirtin wünscht' ihm gute Nacht.
Zur Stelle trug man manches Bette
Zu des Helden Ruhestätte:
Von Flaum das eine ganz und gar,
Ein grüner Samt die Zieche war; (552, 10)
Kein Samt zwar von der höchsten Art,
Es war ein Samt-Bastard.
Dann wurde zu Gawans Gemach
Eine Decke seines Bettes Dach,
Mit einem Pfellel, edles Gold, (552, 15)
Fern aus der Heidenschaft geholt,
Gesteppt auf Palmenseide.
Man zog zum linden Überkleide
Zwei weiße Leilachen auf.
Dann kam ein Ohrkissen drauf, (552, 20)
Und ein neuer Mantel, ihm geliehn
Von der Magd, aus reinem Härmelin.

   Urlaub nahm von seinem Gast
Der Wirt, bevor er ging zur Rast;
Gawan verblieb, ward mir gesagt, (552, 25)
Allein zurück, mit ihm die Magd.
Hätt er mehr von ihr begehrt,
Sie hätt es ihm vielleicht gewährt.
Doch schlaf auch er, wenn ers vermag;
Gott hüte sein bis an den Tag.

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