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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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VIII. Antikonie

Gawan kommt vor die prächtige Burg Schampfanzon, im Lande Askalon, dessen König Vergulacht, ums ich bei der Reiherbeize nicht stören zu lassen, ihn der Pflege seiner Schwester Antikonie empfiehlt. Beide Geschwister, welche Kingrisin, den Gawan ermordet zu haben fälschlich beschuldigt ist, mit Fleurdamur, der Tochter Gandeins und Schwester Gahmurets, erzeugt hat, teilen die Schönheit des ganzen von den Feien stammenden Geschlechts. Die Reize Antikoniens, mit der Gawan allein geblieben ist, verleiten ihn zu ungestümer Liebeswerbung. Eben soll er erhört werden, als ein grauer Ritter eintritt und das Volk zu den Waffen ruft, weil Gawan, nicht zufrieden den König ermordet zu haben, nun auch dessen Tochter nötigen wolle. Gawan flüchtet sich mit der Königin in einen festen Turm, gebraucht den Torriegel als Waffe, und ein Schachbrett dient ihm zum Schilde, während Antikonie die Schachbilder gegen die Anstürmenden schleudert. Vergulacht kommt hinzu und mahnt die Seinen zu neuem Angriff, statt sich als Wirt seines Gastes anzunehmen; der Landgraf Kingrimursel aber, der Gawanen zum Zweikampf dahin geladen, schlägt sich auf seine Seite, weil er ihm Geleit zugesagt hatte. Auf das Zureden der Seinigen bewilligt Vergulacht einen Waffenstillstand, Antikonie und Kingrimursel, seines Oheims Sohn, tadeln sein Betragen; letzterer gerät darüber mit Liddamus, einem reichen aber feigen Lehnsfürsten des Königs, in Wortwechsel, und schließt mit Gawan einen Sonderfrieden, wonach ihr Zweikampf nach einem Jahre zu Barbigöl vor dem König Meljanz von LI gefochten werden soll. Vergulacht, indem er sich mit seinen Fürsten berät, erzählt diesen, wie er jüngst einem Ritter (Parzival), der ihn abgestochen, geloben müssen, ihm den Gral zu erwerben, oder der Königin von Pelrapär seine Sicherheit zu bringen. Auf den Rat des Liddamus wird Gawan unter der Bedingung entlassen, dass er diese Verpflichtung Vergulachts über sich nehme. Kingrimursel verspricht, seine Edelknaben durch Scherules Vermittlung zu Artus zu senden, worauf Gawan Urlaub nimmt und hinweg reitet, nach dem Grale zu forschen.


   Wer auch gen Beaurosch war gekommen, (398, 1)
Doch hatte Gawan da genommen
Den Preis allein auf beiden Seiten;
Nur ein Ritter könnt ihn ihm bestreiten,
Bei roten Waffen unbekannt, (398, 5)
Des Preis die höchste Höhe fand.

   Gawan hatte Ehr und Heil,
An beiden seinen vollen Teil;
Nun naht' auch seines Kampfes Zeit.
Lang war der Wald und weit, (398, 10)
Den er hatte zu durchstreichen,
Dem Kampf nicht zu entweichen,
Zu dem er schuldlos war erwählt;
Da Ingliart ihm leider fehlt,
Sein Ross mit kurzen Ohren: (398, 15)
Zu Tabronit mit Mohren
Ward nie ein besser Ross ersprengt.
Nun ward der Wald bunt gemengt,
Hier ein Busch und dort ein Feld,
Manches so schmal, dass ein Zelt (398, 20)
Platz kaum fände dazustehn.
Gebautes Land nun sollt er sehn
Das hieß mit Namen Askalon.
Da fragt' er nach Schamfanzon
Alle Leute, die er fand. (398, 25)
Hoch Gebirg und sumpfig Land
Hatt er schon durchmessen viel.
Eine Burg ihm in die Augen fiel,
Die glänzte schön im Sonnenschein:
Da kehrte dieser Fremdling ein.

   Nun hört von Aventüre sagen (399, 1)
Und helft mir auch dabei beklagen
Gawanens großen Kummer.
Ob ich weiser sei ob dummer,
Doch tut es aus Geselligkeit (399, 5)
Und trauert mit mir um sein Leid.
O weh, und sollt ich schweigen;
Doch nein, lasst ihn sich neigen,
Der sonst das Glück herbeigewinkt,
Und jetzt in Ungemach versinkt. (399, 10)

   Die Burg war so stolz und hehr,
Dass Karthago nimmermehr
So herrlich vor Aeneas stand,
Da den Tod um Minne Dido fand.
Meld ich euch wie mancher Saal (399, 15)
Da prange, und der Türme Zahl?
Sie genügten wohl für Akraton,
Die da nach Babylon
Den weitsten Umfang gewann,
Wenn man den Heiden glauben kann. (399, 20)
Sie war so hoch im Kreis umher
Und wo sie abschloss nach dem Meer,
Sie brauchte keinen Sturm zu scheun
Noch ungefügen Hasses Dräun.

   Meilenbreit lag ein Plan (399, 25)
Vor ihr: Darüber ritt Gawan.
Fünfhundert Ritter oder mehr
(Einer war vor allen hehr)
Entgegen kamen ihm geritten
In lichten Kleidern wohl geschnitten.
Wie mir die Aventüre sagte, (400, 1)
Ihr Federspiel den Kranich jagte
Oder was vor ihnen flog.
Ein spanisch Streitross schnell und hoch
Ritt der König Bergulacht; (400, 5)
Sein Blick war Tag wohl bei der Nacht.
Sein Geschlecht entsandte Mazadan
Aus dem Berge Feimorgan;
Denn er stammte von den Feien.
Als sähe man den Maien (400, 10)
Blühen in der Rosenzeit,
So war des Königs Lieblichkeit.
Wohl bedäuchte Gawan,
Da er so blühend ritt heran,
Es wär der andre Parzival, (400, 15)
Oder Gahmuret dazumal
Als er, wie diese Märe weiß,
Einzug hielt in Kanvoleis.

   Zu einem sumpfgen Weiher
Vor Falken floh ein Reiher. (400, 20)
Der König der die Furt nicht fand,
Als er den Falken beistand,
Wurde nass in dem Moor.
Sein Ross er noch dazu verlor
Und seine Kleider allzumal (400, 25)
(Doch die Falken schied er von der Qual);
Die Falknern nahmen alles hin.
War ihnen solches Recht verliehn?
Es war ihr Recht, sie solltens haben,
Es ließ sich aus dem Recht nicht schaben.
Ein ander Ross ward ihm geliehn; (401, 1)
Auf immer gab er seins dahin.
Man zog auch ander Kleid ihm an,
Da seins die Falknerzunft gewann.

   Da kam Gawan herzugeritten. (401, 5)
Fürwahr, da sah man höfsche Sitten:
Man empfing ihn besser wohl,
Als man einst zu Karidol
Erecken sah empfangen,
Da er Artusen nahen (401, 10)
Wollte nach dem Streite
Und Enit an seiner Seite
War seines freudgen Einzugs Zier.
Ihn hatte Zwerg Maliklisier
In Ginovers Gegenwart (401, 15)
Geschlagen mit der Geisel hart:
Zu Tulmein musst er das rächen,
Als dort im weiten Kreis ein Stechen
Ward um den Sperber angestellt.
Aber Fils Noit der kühne Held (401, 20)
Wars, der ihm da Fianze bot,
Denn anders mied er nicht den Tod.

   Doch lasst es dort und horchet her:
Gewiss habt ihr nimmermehr
Schönern Empfang vernommen. (401, 25)
Weh, schlimm wird das bekommen,
König Lotens wertem Sohn.
Wollt ihr, so steh ich ab davon,
Euch das Weitre zu berichten,
Aus Mitleid will ich drauf verzichten.
Doch vernehmt noch aus Güte, (402, 1)
Wie ein lauter Gemüte
Fremde Falschheit konnte trüben.
Soll ichs noch ferner üben,
Euch diese Märe zu sagen, (402, 5)
So werdet ihrs mit mir beklagen.

   Da sprach der König Vergulacht:
"Herr, so hab ich mirs bedacht:
Reitet Ihr zur Burg herein.
Kanns mit euern Hulden sein, (402, 10)
So möcht ich selbst euch nicht begleiten.
Kränkt euch jedoch mein Weiterreiten,
So sei mein Jagen eingestellt."
Da sprach Gawan, der werte Held:
"Herr, was ihr zu tun geruht, (402, 15)
Recht ist immer, dass ihrs tut:
Ich spare darum meinen Hass,
Mit gutem Willen tu ich das."

   Der König sprach von Askalon:
"Herr, ihr seht wohl Schamfanzon. (402, 20)
Meine Schwester wohnt dort, eine Magd:
Was je von Schönheit ward gesagt,
Davon hat sie das vollste Teil.
Rechnet ihr es euch zum Heil,
So wird mein Bote sie bewegen, (402, 25)
Euch an meiner Statt zu pflegen.
Ich komme früher als ich soll,
Denn ihr entbehrt meiner wohl
Wenn ihr meine Schwester seht:
Ihr klagt nicht, käm ich noch so spät."

   "Ich seh euch gern und gerne sie. (403, 1)
Doch haben Fürstinnen nie
Wirtespflicht an mir getan,"
Sprach der stolze Gawan.
Da sandt' er einen Ritter dar (403, 5)
Und gebot ihr, so sein wahr
Zu nehmen, dass die längste Weile
Ihn gedünke kurze Eile.
Gawan tat, wie er gebot.
Wollt ihr, noch schweig ich großer Not. (403, 10)

   Nein, ich will euch weiter melden.
Pferd und Straße trug den Helden
Hin zu des Schlosses Tor,
Wo der Saal sich schmal verlor.
Wer je ein Haus hat aufgeschlagen, (403, 15)
Der wüsste besser wohl zu sagen
Von dieses Baues Feste.
Welch eine Burg! Die beste
Die wohl je die Erde trug.
Auch war ihr Umfang weit genug. (403, 20)

   Lassen wir des Schlossbaus Preis,
Ob ich mehr zu sagen weiß
Von des Königs Schwester, einer Magd.
Von ihrem Bau ward viel gesagt;
Ich beschreib ihn, wie ich soll. (403, 25)
War sie schön, das stand ihr wohl;
Hatte sie den rechten Mut,
Das war zu ihrem Preise gut:
So mochte sie an Sitt und Sinn
Wetteifern mit der Markgräfin,
Die oftmals von dem Heitstein (404, 1)
Warf über all die Mark den Schein.
Wohl ihm, ders insgeheim bei ihr
Erfahren soll! Glaubet mir,
Der Kurzweile mehr als dort (404, 5)
Findet er an keinem Ort.
Ich will nur Frauentugend loben,
Die ich mit Augen konnt erproben -
Die ich rühmen soll und preisen
Muss sich sittsam erweisen. (404, 10)
Nun höre dieses Abenteuer
Ein lautrer Mann, ein getreuer.
Verhasst ist mir der Ungetreue;
Mit durchbohrender Reue
Verliert er seine Seligkeit, (404, 15)
Seine Seele duldet scharfen Streit.

   Auf den Saalhof ritt Gawan
Zu der Gesellschaft heran,
Der ihn der König sendete,
Der sich selber an ihm schändete. (404, 20)
Der Ritter führt' ihn zu ihr ein:
Da saß sie in der Schönheit Schein,
Antikonie die Königin.
Ist Frauenehre Hochgewinn,
Stets hat sie solchen Kauf geschlossen, (404, 25)
Zu aller Falschheit so verdrossen,
Dass sie der Reinheit Preis erwarb.
O weh, dass uns so früh erstarb
Von Veldeck der weise Mann!
Wer ist nun, der sie loben kann?

   Als Gawan die Jungfrau sah, (405, 1)
Der Ritter ging und sagt' ihr da
Was ihr der König lasse melden.
Ungesäumt sprach zu dem Helden
Die Königin: "Herr, tretet ein. (405, 5)
Ihr sollt mir selbst Zuchtmeister sein:
Ihr mögt gebieten, mögt mich lehren.
Mag ich euch Kurzweile mehren,
Das soll wie ihr gebietet sein.
Da euch mir der Bruder mein (405, 10)
Anempfohlen hat so wohl,
Ich küss euch, wenn ich küssen soll.
Nach euerm Sinn gebietet nun
Über mein Lassen und mein Tun."

   Mit großer Zucht sie vor ihm stund. (405, 15)
"Frau," sprach Gawan, "euer Mund
Sieht sich gar so kusslich an,
Euern Gruß und Kuss will ich empfahn."
Ihr Mund war heiß und voll und rot,
Zu dem Gawan den seinen bot. (405, 20)
Der Fremdling küsste sie nicht fremd.
Zu dem Mägdlein ungehemmt
Setzte sich der werte Degen.
Sie durften süßer Rede pflegen
Beiderseits mit Treuen. (405, 25)
Oft mussten sie erneuen
Er sein Gesuch, sie ihr Versagen;
Herzlich wollt er das beklagen.
Um Gewährung bat er viel;
Sie sprach wie ich euch sagen will:

   "Herr, wofern ihr anders klug, (406, 1)
So bedünk euch dies genug.
Weil mich der Bruder drum gebeten
Bot ich euchs so, dass Gahmureten
Anflis es nimmer besser bot, (406, 5)
Meinem Ohm. Wohl um ein Lot
Schwerer möge noch mein Pflegen,
Wollte man es gründlich wägen.
Ich weiß doch, Herr, nicht wer ihr seid,
Dass ihr nach so kurzer Zeit (406, 10)
Meine Minne schon begehrt."
Da sprach Gawan der Degen wert:
"Wollt ihr das wissen, Königin?
Ich sag euch, Herrin, ich bin
Meiner Muhme Brudersohn. (406, 15)
Wollt ihr mir schenken Minnelohn,
Meiner Herkunft halber säumt nicht lange:
Die hält der euern so die Stange,
Dass beid auf gleicher Höhe stehn
Und Hand in Hand wohl dürfen gehn." (406, 20)

   Die Magd, die ihnen eingeschenkt,
Hatte schon den Schritt hinaus gelenkt;
Die Fraun, die erst bei ihr gesessen,
Mochten länger nicht vergessen
Was sie draußen mussten pflegen; (406, 25)
Auch der Ritter war nicht mehr zugegen,
Der ihn der Köngin vorgestellt.
Da gedachte der Held,
Da sie alle waren draußen,
Dass oft den großen Straußen
Fangen mag ein kleiner Aar. (407, 1)
Er griff ihr untern Mantel gar,
Die Hüfte rührt' er ihr, ich glaube:
Da ward er großer Pein zum Raube. (407, 5)
Von der Liebe solche Not gewann
So die Magd wie der Mann,
Dass schier ein Ding da wär geschehn,
Hättens üble Augen nicht ersehn.
Sie waren beide fast bereit:
Sieh, da naht' ihr Herzeleid! (407, 10)

   Herein zur Türe trat alsbald
Ein Ritter blank, weil grau und alt.
Im Waffenrufe nannt er
Gawanen: Den erkannt er.
Er schrie dazu mit lautem Schrei: (407, 15)
"Weh o weh und heia hei
Meinem Herrn, den eure Hand erschlug!
Doch dünkt euch das noch nicht genug:
Seiner Tochter tut ihr hier Gewalt."
Dem Waffenrufe folgt man bald: (407, 20)
Das war es was auch hier geschah.
Zur Königin sprach Gawan da:
"Nun ratet, Herrin, saget an:
Wie wehren wir uns, wenn sie nahn?"
Noch sprach er: "Hätt ich nur mein Schwert!" (407, 25)
Da begann die Jungfrau wert:
"Wir müssen uns zur Wehre ziehn,
Dort auf jenen Turm entfliehn,
Der bei meiner Kammer steht:
Vielleicht, dass Gnade noch ergeht."

   Hier den Ritter, dort den Kaufmann, (408, 1)
Schon hörte sie die Jungfrau nahn,
Und all das Volk aus der Stadt,
Da sie zum Turm mit Gawan trat.
Not musst ihr Freund erleiden. (408, 5)
Sie bat sie oft, es doch zu meiden:
Sie schrieen und lärmten all so toll,
Dass es ungehört verscholl.

   Zur Türe drang der Feinde Heer:
Gawan stand innerhalb zur Wehr (408, 10)
Und hielt vom Leibe sich den Tross.
Einen Riegel, der den Turm verschloss,
Brach er aus, sich zu bewahren.
Seine übeln Nachbarn
Zwang er oft, vor ihm zu fliehn. (408, 15)
Die Königin lief her und hin,
Ob sie was fände dort im Turm
Wider der Ergrimmten Sturm.
Endlich fand die Reine
Eines Schachspiels Steine (408, 20)
Und ein Bret, schön und weit:
Gawanen brachte sie's zum Streit.
Es hing an einem Eisenring,
Mit dem es Gawan empfing.
Auf diesem viereckgen Schild (408, 25)
War schon manchmal Schach gespielt:
Er ward ihm sehr verhauen;
Nun hört auch von der Frauen.

   Ob König oder Turm es war,
Sie warf es in der Feinde Schar:
Die Bilder waren groß und schwer; (409, 1)
Wohl zu glauben ists daher,
Wen ihres Wurfes Schwang getroffen,
Der stürzte wider sein Verhoffen.
Wohl stritt die reiche Königin (409, 5)
Bei Gawanen da so kühn,
Sie warf so ritterlich darein,
Dass die Kauffraun nie zu Tollenstein
Zu Fastnacht tapfrer stritten.
Sie tuns nach Narrensitten (409, 10)
Und ermüden ohne Not den Leib.
Wo eisenrostig wird ein Weib,
Ist sie ihres Rechts vergessen,
Weiß ich Frauenzucht zu messen;
Es sei, dass sie's aus Treue tut. (409, 15)
Antikonie war treu und gut:
Sie hats zu Schamfanzon gezeigt;
Doch ward ihr hoher Mut geneigt,
Im Kampf vergoss sie Zähren.
So mochte sie's bewähren, (409, 20)
Dass Liebe stet und tapfer ist.
Was Gawan tat zu selber Frist?

   Ließ man ihm nur Muße da,
Dass er die Jungfrau recht besah,
Ihre Augen, Mund und Nasen, (409, 25)
So wohlgegliederten Hasen
Am Spieße sahet ihr wohl nie,
Als sie dort war und hie,
Um die Hüften, an den Brüsten.
Minnegehrend Gelüsten
Konnt ihr Liebreiz wohl erregen. (410, 1)
Ihr wisst wie Ameisen pflegen
Um die Mitte schmal zu sein:
Noch schlanker war das Mägdelein.
Das gab ihrem Gesellen (410, 5)
Mut, der Feinde viel zu fällen:
Sie befand mit ihm die Not.
Sein sichres Los war der Tod,
Und anders kein Entkommen.
Ihm war die Furcht benommen (410, 10)
Vor Feindeshass, wenn er sie sah:
Das büßten viel der Feinde da.

   Da kam der König Vergulacht
Und sah die streitbare Macht
Wider Gawanen kriegen. (410, 15)
Ich will euch nicht bekriegen,
Und beschönen kann ichs nicht,
Dass er der wirtlichen Pflicht
An seinem werten Gast vergaß.
Der wehrte sich ohn Unterlass. (410, 20)
Da mischte so der Wirt sich drein,
Dass es mir leid ist um Gandein,
Den König von Anschau,
Dass eine doch so werte Frau,
Seine Tochter, je den Sohn gebar, (410, 25)
Der seines Volks untreue Schar
Nicht zurückrief aus dem Streit.
Gawanen ließen sie nur Zeit,
Bis der König sich gerüstet,
Den selbst zu kämpfen jetzt gelüstet.

   Gawan musste wohl entweichen, (411, 1)
Es kann ihm nicht zur Schmach gereichen:
Die Turmtür gab ihm Schutz fortan.
Nun seht, da kam derselbe Mann,
Der ihn kampflich angesprochen (411, 5)
Bei Artus vor einer Wochen,
Kingrimursel der Landgraf.
Gawanens Not ihn schwer betraf,
Dass er die Hände rang und wand,
Denn seine Ehre stund zu Pfand, (411, 10)
Dass er Frieden und Geleit
Finden sollte, bis im Streit
Ihn ein Einzelner bezwungen.
Die Alten wie die Jungen
Trieb er im Zorn von dem Turm; (411, 15)
Doch befahl der König neuen Sturm.

   Kingrimursel hub da an,
Indem er aufsah zu Gawan:
"Held, lass mich friedlich zu dir ein,
Dass ich geselliglich die Pein (411, 20)
Mit dir trage dieser Not.
Schlage mich der König tot,
Ich erhalte dir das Leben."
Da ihm der Friede ward gegeben,
Der Landgraf sprang in den Turm. (411, 25)
Das äußere Heer ließ ab vom Sturm:
Er war auch Burggraf alldort,
Drum hatte jung und alt sofort
Sich des Kämpfens abgetan.
Ins Freie wieder sprang Gawan;
So tat auch Kingrimursel: (412, 1)
Sie waren beide kühn und schnell.

   Die Seinen mahnte Vergulacht:
"Wie lange stehn wir hier auf Wacht
Vor zweien Männern, die uns drohn? (412, 5)
Unterfängt sich meines Oheims Sohn
Zu beschirmen diesen Mann!
Der mir Schaden hat getan,
Den er selber rächen sollte,
Wenn er Kühnheit zeigen wollte." (412, 10)

   Da schickten sie aus treuem Sinn
Einen zu dem König hin:
"Herr," ließen sie ihm sagen,
"Der Landgraf bleibt unerschlagen
Hier von unsern Händen. (412, 15)
Mög euch Gott auf Dinge wenden,
Die der Ehre besser frommen.
Aller Preis wird euch benommen,
So ihr erschlagt euern Gast:
Das belädt euch mit der Schande Last. (412, 20)
Der andre ist euch nah verwandt,
Mit dessen Hilf er kam ins Land:
Darum stehet ab davon;
Es bringt euch nichts als Fluch und Hohn.
Geht einen Waffenstillstand ein (412, 25)
So lange währt des Tages Schein,
Und dazu die nächste Nacht.
Was ihr alsdann euch habt bedacht,
Das steht euch immer noch frei
Ob es euch Ehr ob Schande sei.

   "Unsre Frau Antikonie, (413, 1)
Die von Falschheit wusste nie,
Seht ihr dort weinend bei ihm stehn.
Kann euch das nicht zu Herzen gehn,
Da euch doch eine Mutter trug, (413, 5)
So bedenkt, Herr, seid ihr anders klug:
Ihr selber sandtet ihn der Maid.
Gäb auch sonst ihm nichts Geleit,
So sollt er Ihrethalb gedeihn."
Der König ging den Frieden ein (413, 10)
Bis er besser sich besprochen,
Wie sein Vater würd gerochen.
Unschuldig war Herr Gawan;
Ein andrer Mann hat es getan,
Denn der stolze Eckunat (413, 15)
Gab einer Lanze durch ihn Pfad,
Da er gegen Barbigöl
Führte Jofreit Fils Idöl,
Den er fing von Gawans Seite:
So kam der zu diesem Streite. (413, 20)

   Kaum war der Friede kundgetan,
Aus dem Felde sah man jedermann
Zu den Herbergen ziehn.
Antikonie die Königin
Herzte ihres Oheims Sohn: (413, 25)
Sie gab ihm manchen Kuss zum Lohn,
Dass er Gawanen Schutz gewährt
Und selbst der Untat sich erwehrt.
Sie sprach: "Du bist meines Oheims Kind
Und gegen niemand falsch gesinnt."

   Hört nur zu, so tu ich kund, (414, 1)
Wovon gesprochen hat mein Mund,
Dass lauter Gemüte trübe ward.
Unselig heiße diese Fahrt
Vergulachts auf Schamfanzon. (414, 5)
Es stammte solches Tun dem Sohn
Nicht von Vater noch von Mutter an.
Gefoltert ward dem jungen Mann
Von Schamgefühl der bessre Sinn,
Da seine Schwester, die Königin, (414, 10)
Ihn zu schelten begann;
Um Erbarmen fleht' er oft sie an.

   Also sprach die Jungfrau wert:
"Herr Vergulacht, trüg ich ein Schwert,
Und wär ein Mann nach Gottes Willen (414, 15)
Das Amt des Schildes zu erfüllen,
Ihr wärt am Kampf mit mir verzagt;
Nun bin ich wehrlos, eine Magd;
Jedennoch führ ich einen Schild
Mit ehrenvollem Wappenbild. (414, 20)
Ich will das Wappen nennen,
Dass ihr es lernet kennen:
Reinheit und gerecht betragen,
Die treuen Beistand nie versagen.
Den hielt ich euch, zum Schirm dem Degen, (414, 25)
Den ihr mir sendetet, entgegen;
Kein andrer Schild war mir verliehn.
Büßt ihr die Schuld auch gegen ihn,
Ihr habt euch doch an mir vergangen,
Soll Frauenpreis sein Recht erlangen.
Ich hörte stets: Wo es geschieht, (415, 1)
Dass in den Schutz der Frauen flieht
Ein Mann, so sollen die ihn jagen
Der Verfolgung entsagen:
So ziem es männlicher Zucht. (415, 5)
Herr Vergulacht, des Gastes Flucht
Zu mir, dass er dem Tode wehre,
Belädt mit Schmach eure Ehre."

   Der Landgraf sprach ihm ins Gewissen:
"Herr, es geschah mit euerm Wissen, (415, 10)
Dass ich dem Herren Gawan
Auf des Plimizöls Plan
Frieden gab in euer Land.
Hatt ich doch euer Wort zu Pfand:
Trüg ihn her sein kühner Mut, (415, 15)
So stünden wir dafür ihm gut,
Nur einer sollt ihn hier bestehn.
Herr, das ließt ihr nicht geschehn.
Meine Genossen mögen das bedenken,
Ob ihr so uns dürfet kränken. (415, 20)
Wisst ihr der Fürsten nicht zu schonen,
So achten wir nicht mehr der Kronen.
Soll man euch ehrlich nennen,
Ehrlich müsst ihr bekennen,
Dass ich euer Vetter sei. (415, 25)
Wär ein Kebsschlich dabei
Meinerseits, wär das erwiesen,
Ihr hättet mich schon längst verwiesen.
Ich bin ein Ritter, hoff ich doch,
An dem man niemals Tadel noch
Fand; und wills erwerben, (416, 1)
Des ledig zu sterben.
Zu Gott hab ich die Zuversicht,
Er verhängt mit solches nicht.
Doch von wem die Märe wird vernommen, (416, 5)
Artusens Neffe sei gekommen
In meinem Schutz gen Schamfanzon -
Sie's Franzose, sei's Breton,
Provenzale, Burgondois,
Galizier oder Punturtois, (416, 10)
Hören die von Gawans Not,
Hab ich Preis, so ist er tot.
Mir macht sein ängstlicher Streit
Schmal das Lob, den Tadel breit.
Es nimmt mir alle Freude hin (416, 15)
Und gibt mir Schande zum Gewinn."

   Als diese Rede geschah,
Stand ein Mann des Königs da,
Der Liddamus den Namen trug;
So nennt ihn Kiot oft genug. (416, 20)
Kiot le Chanteur, dem war
Wohl die Kunst offenbar,
So zu singen und zu sprechen,
Dass nie der Dank ihm darf gebrechen.
Kiot ist ein Provenzal, (416, 25)
Der die Mär von Parzival
Fand in arabischem Buch.
Wie ers französisch übertrug,
So wirds, wenn mir der Sinn nicht fehlt,
Von mir im Deutschen nacherzählt.

   Fürst Liddamus brach zornig aus: (417, 1)
"Was soll in meines Herren Haus
Der seinen Vater erschlug,
Und ihm so nah die Schande trug?
Hält mein Herr auf seinen Wert, (417, 5)
Er muss es richten mit dem Schwert.
So vergilt ein Tod den andern Tod:
Gleich sei hier wie dort die Not."

   Nun seht wie dort Herr Gawan stand:
Da ward ihm Sorge erst bekannt. (417, 10)

   Da sprach Kingrimursel:
"Wer sich im Drohen zeigt so schnell,
Der sollt auch eilen in den Streit.
Der Raum sei eng oder weit,
Man erwehrt sich euer leicht. (417, 15)
Herr Liddamus, vor euch vielleicht
Wär noch zu retten dieser Mann:
Hätt er euch noch so viel getan,
Ihr ließets ungerochen.
Ihr habt hier zu viel gesprochen; (417, 20)
Man würd euch eher glauben,
Dass euch niemands Augen
Noch zuvorderst sahn im Streit.
Stets war euch Kampf ein Herzeleid;
Ihr bliebt gern weit davon entfernt. (417, 25)
Ihr habt auch wohl noch mehr gelernt,
Wo ihr Kampf saht beginnen,
Floht ihr wie ein Weib von hinnen.
Ein Fürst, der Euerm Rate glaubt,
Dem steht die Krone schief zu Haupt.

   "Wohl hätt ich ohne Schanden (418, 1)
Im Kreise bestanden
Gawan den Degen unverzagt:
Das hatten wir uns zugesagt.
Auch hätten wir den Kampf gefochten, (418, 5)
Wenn wir vor dem Kön'ge mochten.
Dem zürn ich nun, ich sag es laut;
Ich hätt ihm Bessres zugetraut.
Gelobt, Herr Gawan, mir fürwahr,
Dass ihr von heut nach einem Jahr (418, 10)
Mir im Kampf wollt Rede stehn,
Falls es nämlich kann geschehn
Dass mein Herr euch lässt das Leben:
So wird euch Kampf von mir gegeben.
Ich sprach euch an am Plimizöl; (418, 15)
Nun sei der Kampf zu Barbigöl
Vor Meljanz dem König hehr.
Der Sorgen ein ganzes Heer
Trag ich bis zu jenem Tag,
Da ich mit euch fechten mag: (418, 20)
Da wird mir Angst und Not bekannt
Durch eure wehrliche Hand."

   Da gab Gawan der Degen wert,
Wie der Landgraf begehrt,
Sein Wort und seine Sicherheit. (418, 25)
Zu neuer Red indes bereit
War der Herzog Liddamus.
Er hat in seiner Rede Fluss
Die Worte wohl verflochten,
Wie alle hören mochten.

   Er sprach, es war ihm Sprechens Zeit: (419, 1)
"Komm ich je zu einem Streit,
Ob ich Fechtens mich befleiße,
Oder schmählich ausreiße,
Ob ich verzagt da zage, (419, 5)
Ob Preis und Ruhm erjage,
Herr Landgraf, ohne Schonen
Lasst nach Verdienst mich lohnen.
Versagt ihr mir dann euern Sold,
So bin ich mir doch selber hold." (419, 10)

   So sprach der reiche Liddamus:
"Wollt ihr sein Herr Turnus,
Wohlan, so will ich Tranzes werden:
Straft mich, habt ihr erst Beschwerden,
Und überlebt euch nicht dergleichen. (419, 15)
Wenn ihr der Fürsten meinesgleichen
Der Höchste wärt, was nicht sein wird -
Ich bin auch Fürst und Landeswirt.
Ich hab in Galizia
Manche Burg fern und nah (419, 20)
Bis hinaus nach Bedron.
Was ihr und jeder Breton
Mir da zu Schaden möchtet tun,
Da flöh doch nie vor Euch ein Huhn.

   "Von den Britten ist hieher gekommen (419, 25)
Gegen den ihr Kampf hat übernommen:
So rächt den Blutsfreund und den Herrn;
Mir aber bleibt mit Kämpfen fern.
Euerm Ohm (ihr wart sein Mann),
Der dem das Leben abgewann,
Rächt es an dem; ich tat ihm nichts, (420, 1)
Und wenn mir recht ist, niemand sprichts.
Euerm Oheim brauch ich nicht zu klagen:
Sein Sohn soll jetzt die Krone tragen,
Der ist zum Herrn mir hoch genug. (420, 5)
Die Köngin Fleurdamur ihn trug;
Sein Vater war Kingrisein,
Sein Ahne König Gandein.
Auch kam es hier nicht in Vergess,
Dass Gahmuret und Galoes (420, 10)
Seine Oheime waren.
Vor Lüge will ich mich bewahren:
Ich darf mit Ehren wohl mein Land
Zu Lehn empfahn von seiner Hand.

   "Wen zu fechten lüstet, tu er das. (420, 15)
Bin ich selbst zum Streite lass,
Doch ist mir unverhohlen:
Wer im Kampfe Preis kann holen,
Dem dankt es manches stolze Weib.
Ich will um niemand meinen Leib (420, 20)
Verleiten in zu scharfe Pein.
Was sollt ich solch ein Wolfhart sein?
Mir ist zum Kampf der Weg versperrt,
Die Kampfgier hat mich nie genärrt.
Würdet ihr mir nimmer hold, (420, 25)
Ich folgte eher Rumold,
Der dem König Gunther riet,
Da er von Worms gen Heunland schied:
Lange Schnitten bat er ihn zu böhn,
Im Kessel fleißig umzudrehn."

   Da sprach der Landgraf mutesreich: (421, 1)
"Euer alten Sitte tut ihr gleich,
Die wir alle fürwahr
An euch gewohnt sind manches Jahr.
Ihr ratet mir zum Streit und doch (421, 5)
Tut ihr wie da riet ein Koch
Den kühnen Nibelungen,
Da sie zogen unbezwungen
Hin, wo an ihnen ward gerochen,
Was sie an Siegfried einst verbrochen. (421, 10)
Herr Gawan gebe mir den Tod
Oder fühle meiner Rache Not."

   "Da tut ihr recht," sprach Liddamus.
"Doch was sein Oheim Artus
Besitzt, und die von India, (421, 15)
Was man da je von Schätzen sah -
Wer mir das all zu eigen brächte,
Ich lass es ihm, eh dass ich fechte.
Nun behaltet euern Ruhm und Preis:
Segramors bin ich nicht, Gott weiß, (421, 20)
Den man um Fechtgier binden muss;
Ich erwerbe doch der Könge Gruß.
Sibich hat nie ein Schwert gezogen:
Er war stets bei denen, die da flohen;
Dennoch musste man ihn flehn: (421, 25)
Großer Gab und starker Lehn
Schenkt' ihm Ermenrich genug,
Ob er nie ein Schwert durch Helme schlug.
Für euch, Herr Kingrimursel, schaut
Ihr keine Schramm auf meiner Haut:
So bin ich gegen euch gesinnt." (422, 1)
König Vergulacht beginnt:

   "Schweiget eurer Wechselreden.
Unbescheiden sind ich euch jedwegen,
Dass ihr mit Worten seid so frei. (422, 5)
Allzunah bin ich dabei
Zu sothanem Wortgefecht:
Es steht so euch als mir nicht recht."

   Das geschah auf dem Saal
Wo seine Schwester war zumal; (422, 10)
Neben ihr stand Herr Gawan
Und manch andrer werte Mann.
Der König sprach zur Schwester sein:
"Nun nimm den Gesellen dein
Und den Landgrafen mit dir. (422, 15)
Die mir Gutes gönnen, folgen mir,
Dass sie mir raten, was ich tu."
"Deine Treue," sprach sie, "nimm dazu."

   Da ging der König Rats zu pflegen.
Die Königstochter nahm dagegen (422, 20)
Ihres Oheims Sohn und ihren Gast;
Das dritte war der Sorgen Last.
Wie es ihr gar trefflich stand,
Nahm sie Gawanen bei der Hand
Und führt' ihn in ein nah Gemach. (422, 25)
"Wärt ihr nicht heil," die Schöne sprach,
"Alle Lande hätten Ungewinn."
An der Hand der Königin
Ging da König Lotens Sohn.
Ohne Schande durft ers schon.

   Zu der Kemenaten ein (423, 1)
Trat die Köngin mit den Zwein;
Von den andern blieb sie leer:
Dafür sorgten Kämmerer;
Nur der klaren Mägdelein (423, 5)
Durften viel bei ihnen sein.
Die Königin in Ehren pflag
Gawans, der ihr am Herzen lag.
Zugegen war der Landgraf auch;
Der schied sie nicht von solchem Brauch. (423, 10)
Viel Sorge trug die werte Magd
Für Gawan, wurde mir gesagt.

   So mochten nun die beiden
Bei der Königin verbleiben
Bis der Tag ließ seinen Streit; (423, 15)
Die Nacht kam: Da war Essenszeit.
Morass, Wein, Lautertrank
Brachten Jungfraun um die Mitte schwank,
Und Speise zu dem Tische:
Fasan, Rebhühner, Fische (423, 20)
Und manchen Kuchen blank und hell.
Gawan und Kingrimursel
Waren ledig großer Not.
Da es die Königin gebot
Aß jeder was er sollte (423, 25)
Und was er essen wollte.
Vergebens wehrten die Degen
Antikonien vorzulegen.
Soviel man kniender Schenken fand,
Keinem brach der Hosen Band:
Mägdlein warens, in den Jahren (424, 1)
Wo sie Reize frisch bewahren.
Darob bin ich unerschrocken,
Trugen sie kraus die Locken
Wie der Falke sein Gefieder: (424, 5)
Ich streite nicht dawider.

   Nun hört, bevor der Rat sich schied
Was man dem Herrn des Landes riet.
Ihm war manch weiser Mann gekommen,
Den hat er in den Rat genommen. (424, 10)
Ein jeder sprach, wie ihn gedäuchte,
Dass ihn sein bester Sinn erleuchte.
Da erwogen sie es hin und her;
Ums Wort auch bat der König hehr.

   Er sprach: "Jüngst ward mit mir gestritten. (424, 15)
Ich kam um Aventür geritten
In den Wald Lächtamreis.
Ein Ritter, der zu hohen Preis
Wohl an mir sah in dieser Wochen,
Flüglings hat er mich gestochen (424, 20)
Hinters Ross ohn alle Wahl.
Da zwang er mich, dass ich den Gral
Ihm gelobte zu erwerben.
Wollt ich nicht ersterben,
So musst ich leisten Sicherheit (424, 25)
Wie er mich zwang im Ritterstreit.
Nun ratet, denn es ist mir Not.
Mein bester Schild war für den Tod,
Dass ich zum Schwure hob die Hand,
Wie ichs frei euch eingestand.

   "Er ist durch Kraft und Mannheit hehr. (425, 1)
Noch gebot der Held mir mehr:
Dass ich sonder arge List
Innerhalb Jahresfrist,
Wenn ich den Gral nicht hätt erworben, (425, 5)
Zu ihr käm, der angestorben
Die Krone sei zu Pelrapär
Von ihrem Vater Tampentär.
Wenn die mein Auge hätt ersehn,
Ich sollt ihr Sicherheit gestehn. (425, 10)
Er entbot ihr, dächte sie an ihn,
Das gäb ihm freudigen Gewinn:
Er sei's, der sie befreit hab eh
Von dem König Kalmide."

   Als diese Rede kam zum Schluss, (425, 15)
Wieder sprach da Liddamus:
"Erlauben mir die Herrn ein Wort;
Die Reihe kommt an sie sofort.
Was ihr gelobt habt jenem Mann,
Das mag erfüllen Herr Gawan, (425, 20)
Der's Gefieder schlägt auf euerm Kloben:
Vor uns allen mög er hier geloben,
Dass er euch den Gral gewinne.
So lasst mir guter Minne
Ihn denn von hinnen reiten, (425, 25)
Den Gral euch zu erstreiten.
Wir müssten all die Schmach beklagen,
Würd er in euerm Haus erschlagen.
Nun vergebt ihm seine Schuld
Und behaltet eurer Schwester Huld.
Er erlitt hier große Not (426, 1)
Und muss nun reiten in den Tod.
so weit die Erd umwogt das Meer,
Stand nie ein Haus so wohl zur Wehr
Als Monsalväsch; nicht eben breit (426, 5)
Führt hin ein rauer Pfad durch Streit.
Lasst ihn schlafen diese Nacht;
Sagt ihm Morgen was wir hier erdacht."
Beifall ward dem Rat gegeben.
So behielt Herr Gawan hier das Leben. (426, 10)

   Man pflag des kühnen Helden
So die Nacht, hört ich melden,
Dass er ruhte wohl geborgen.
Andern Tags, da um den mitten Morgen,
Aus der Messe kam die Menge, (426, 15)
War im Saale groß Gedränge
Von Pöbel und von werter Schar.
Der König, wies beschlossen war,
Ließ Gawanen vor sich bringen.
Er wollt ihn zu nichts anderm zwingen (426, 20)
Als man schon vernommen hat.
Nun seht, wie dort sich mit ihm naht
Antikonie die schöne Maid;
Ihres Oheims Sohn gab ihr Geleit
Und mancher aus des Königs Bann. (426, 25)
Die Königin führte Gawan
Vor den König an der Hand;
Ein Blumenkranz ihr Haupt umwand.
Den Blumen nahm den Preis ihr Mund:
In dem Kränzlein keine stund,
Die so glühend war und rot. (427, 1)
Wem den Kuss sie gütlich bot,
Der mochte wohl den Wald verschwenden
Mit Lanzenbrechen sonder Enden.

   Nun folgt mir, wenn ich grüße (427, 5)
Mit Lob die reine, süße
Antikonie,
Die von Falschheit wusste nie,
Denn sie lebt' in solcher Weise,
Nie ward ihrem Preise (427, 10)
Ein zweifelnd Wort verwoben.
Die sie hörten loben,
Jeder Mund wünscht' ihr froh,
Dass ihren Preis immer so
Verschone Tadels trübe Lauge. (427, 15)
Weitreichend wie ein Falkenauge
War des Balsams Stetigkeit an ihr.
Dies riet ihr tugendliche Gier:
Die süße wonnigliche Maid
Sprach mit Wohlgezogenheit: (427, 20)

   "Hier bring ich, Bruder, dir den Degen,
Den du mir selbst befahlst zu pflegen:
Lass ihms zu gute kommen;
Gewiss, es wird dir frommen.
Treue steht dir besser an (427, 25)
Als den Hass der Welt empfahn,
Und meinen, könnt ich hassen:
Den lehr mich, zu dir lassen."

   Da sprach der werte junge Mann: (428, 1)
"Das tu ich, Schwester, wenn ich kann:
Dazu gib selber deinen Rat.
Dich dünkt, ich habe Missetat
Meiner Würdigkeit verwoben, (428, 5)
All mein Preis sei zerstoben:
Wie taugt' ich dann zum Bruder dir?
Und dienten alle Kronen mir,
Die gäb ich hinauf dein Gebot:
Dein Hass wär meine höchste Not. (428, 10)
Ich verschmähe Freud und Ehre,
Wird sie mir nicht nach deiner Lehre.
Herr Gawan, lasst euch bitten:
Ihr kamt nun Preis geritten:
So tut es um des Preises Huld (428, 15)
Und helft mir, dass um meine Schuld
Schwinde meiner Schwester Groll.
Eh ich sie verlieren soll,
Verzeih ich euch mein Herzeleid,
Wollt ihr mir geben Sicherheit, (428, 20)
Dass ihr mir treulich werbt sogleich
Um des Grales Königreich."

   So ward der Zwist geendet,
Gawan hinaus gesendet,
Dass er mit des Schwertes Blitz (428, 25)
Werbe nach des Grals Besitz.
Auch verzieh der Landgraf jetzt
Dem König, der ihn schwer verletzt,
Dass sein Geleit er nicht geehrt:
Das geschah vor all den Fürsten wert.

   Die Waffen waren aufgehangen. (429, 1)
Da kamen auch daher gegangen
Gawans Knappen, ihm ein lieber Fund:
Im Streite ward ihm keiner wund.
Ein gewaltger Mann der Stadt, (429, 5)
Der ihnen Frieden erbat,
Fing sie, um sie zu schonen:
Die Franzosen und Bretonen,
Oder aus welchem Land sie sind,
Ob starker Knapp, ob kleiner Kind, (429, 10)
Die wurden frei zurückgesandt
Gawan dem Degen auserkannt.
Als ihn die Kinde wieder sahn,
Geschah groß Küssen und Umsahn:
Wie sie sich weinend an ihn hingen! (429, 15)
Doch mit Tränen, die der Freud entspringen.

   Da war bei ihm von Kornewal
Komte Laiz Fils Tinal.
Dann war ein edel Kind dabei,
Dük Gandilus, Fils Gurzgrei, (429, 20)
Der um Schoi de la Kour erstarb,
Wo manche Frau noch Leid erwarb.
Liaße war des Kindes Base.
Ihm waren Augen, Mund und Nase
Recht aus der Minne Kern geschnitten; (429, 25)
Bei aller Welt wars wohlgelitten.
Dazu sechs andre Kindelein.
Diese acht Jungherren fein
Waren von Geburt gesamt
Hoher edler Art entstammt.
Sie waren ihm als Neffen hold (430, 1)
Und dienten ihm um seinen Sold.
Was er zu Lohn gab? Würdigkeit
Und gute Pflege jederzeit.

   Gawan sprach zu den Kindelein: (430, 5)
"Wohl euch, süße Neffen mein:
Mich dünkt, ihr würdet mich beklagen,
Hätten sie mich hier erschlagen."
Zutrauen mocht ers ihnen wohl:
Sie waren so noch Jammers voll. (430, 10)
Er sprach: "Ich hatt um Euch viel Leid:
Wo wart ihr, da mir kam der Streit?"
Sie sagtens ihm und keiner log.
"Ein junger Sperber entflog,
Da ihr saßet bei der Königin: (430, 15)
Da liefen wir und jagten ihn."

   Die da stunden, saßen,
Und zu spähen nicht vergaßen,
Die sahen wohl, Herr Gawan
War ein tapfrer, höfscher Mann. (430, 20)
Der König ihm gewährte,
Da er Urlaub begehrte,
Dazu das Volk allgemein,
Bis auf den Landgraf allein.
Die beiden nahm die Königin (430, 25)
Und Gawans Junker mit sich hin.
Sie führten sie, wo von Jungfrauen
Sie gute Pflege sollten schauen:
Mit Zucht nahm ihrer dienend wahr
Manche Jungfrau schön und klar.

   Als sich vom Mal erhob Gawan, (431, 1)
"Wie Kiot mir bezeugen kann)
Aus herzlicher Treue
Erwuchs groß Leid aufs Neue.
Der Held begann zur Königin: (431, 5)
"Frau, behalt ich klugen Sinn,
Und schenkt mir Gott das Leben,
Muss ich dienstlich Bestreben
Und ritterlich Gemüte
Eurer weiblichen Güte (431, 10)
Zu Diensten immer kehren.
Ihr hört des Heiles Lehren,
Aller Falschheit habt ihr obgesiegt,
Euer Preis all andre überwiegt:
So muss das Glück euch Heil gewähren. (431, 15)
Urlaub lasst mich, Frau, begehren:
Den gebet mir und lasst mich fahren;
Eure Zucht mög euern Preis bewahren."

   Sein Scheiden schuf ihr Herzenspein.
In ihr Weinen stimmten ein (431, 20)
Viel schöner Jungfrauen klar.
Die Königin sprach offenbar:
"Hätt ich mehr euch mögen frommen,
So wär mir Freude nicht benommen;
Doch blüht' euch hier kein bessrer Frieden. (431, 25)
Glaubt mir, wird euch Pein beschieden,
Oder bringt euch Ritterschaft
In sorgenvollen Kummers Haft,
So wisset, mein Herr Gawan,
Mein Herz hat immer Teil daran,
Am Verlust wie am Gewinn." (432, 1)
Die viel edle Königin
Küsste da Gawanens Mund.
Der ward an allen Freuden wund,
Dass er schon musste scheiden. (432, 5)
Leid war es sicher beiden.

   Die Knappen hattens wohl bedacht,
Seine Pferd' ihm vor den Saal gebracht,
Dass er auf dem Hof sie finde,
Wo Schatten gab die Linde. (432, 10)
Auch war dem Landgraf gekommen
Sein Gefolge (so hab ich vernommen):
Da ritt er mit ihm vor die Stadt.
Gawan ihn draußen freundlich bat,
Dass er sich bemühe (432, 15)
Und mit seinen Leuten ziehe
Gen Beaurosch: "Scherules ist dort:
Sie bitten ihn, dass er sie fort
Geleite gen Dianasdron.
Da wohnet mancher Breton: (432, 20)
Der bringt sie wohl dem König hehr
Oder der Köngin Ginover."
Das versprach Kingrimursel:
Urlaub nahm der Degen schnell.
Gringuljet nach kurzer Zeit (432, 25)
Stand wie sein Herr im Eisenkleid.
Seine Neffen, die Kindelein,
Küsst' er, und die Knappen sein.
Nach dem Grale, wie sein Eid gebot,
Ritt er allein zu großer Not.

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