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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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VII. Obilot

Gawan, während Parzivals Verzweiflung Herr der Aventüre, begegnet einem Heere, das der junge König Meljanz von Li gegen Lippaut, seinen Erzieher und Lehnsfürsten, nach Beaurosche führt, weil ihm dessen Tochter, die schöne Obie, obwohl sie ihn liebte, Minnelohn verweigert hat. Sein Oheim, König Poidikonjonz von Gross, dessen Sohn Meljakanz, und der Herzog Astor von Lanveronz, der die vor Jahren von Poidikonjonz gefangen genommenen Briten führt, bilden die Stärke seines Heeres, das sonst meist aus Kinden (Edelknaben) besteht, die Meljanz zu Rittern geschlagen hat. Die Bürger, welche die Pforten vermauert hatten, öffnen sie wieder, als ihnen Hilfe zuzieht. auch Gawan, welcher der Burg zugeritten ist, wird von Obiens Schwester Obilot zum Beistand ihres Vaters vermocht, während Obie selbst, aus Minnezorn und um gegen sie Schwester Recht zu behalten, ihn als einen Falschmünzer verfolgen lässt. Die kindische Jungfrau nimmt ihn zu ihrem Ritter an und schenkt ihm einen Ärmel als Kleinod, den er auf seinen Schild schlagen lässt. Gawan reitet mit seinem wirt, dem Burggrafen Scherules, in den Streit, rennt Lisavander, den Schatelier (Kastellan) von Beauvais, einen der Kinde des jungen Königs, der die Sporen an ihm verdienen will, nieder, schützt den Herzog Kardefablet de Jamor, den Schwager Lippauts, vor Meljakanz, fängt den starken Lahduman, Komte de Montan, weicht den gefangenen Briten aus, verwundet und fängt Meljanzen, und würde auch Meljakanzen gefangen haben, wenn ihn der Herzog Astor ihm nicht entzogen hätte. Unterdessen hat ein roter Ritter (Parzival), der auf Meljanzens Seite focht, den König Schirniel von Lirivoin, dessen Bruder König von Avendroin, und den Herzog Marangließ gefangen, die er nun in die Stadt schickt, um gegen Meljanz ausgewechselt zu werden. Gawan gibt den im Kampf zersetzten Ärmel Obiloten zurück, die ihn sogleich anlegt. Hernach schenkt er ihr auch seinen Gefangenen, König Meljanz. Sie schenkt ihn ihrer Schwester Obie, wodurch Sühne und Vermählung zu Stande kommt. Gawan, dessen Ross Ingliart, mit den kurzen Ohren, bei Meljanzens Gefangennehmung dem roten Ritter zugelaufen ist, nimmt Abschied von Obiloten und zieht weiter.


   Der Schande floh bis in den Tod, (338, 1)
Eine Weile soll ihm zu Gebot
Diese Aventüre stehn,
Gawan, dem Degen ausersehn.
Manchen Helden rühmt sie gern (338, 5)
Neben oder vor dem Herrn
Dieser Märe, Parzival.
Wer seinen  Freund in jedem Fall
Auf den höchsten Thron will tragen,
Muss andern billges Lob versagen. (338, 10)
Doch dem allein glaubt die Welt,
Des Lob sich an die Wahrheit hält;
Sonst, was er spricht und was er sprach,
Bleibt seine Rede sonder Dach.
Wer soll des Sinnes Haus erhalten, (338, 15)
Will die Weisheit sein nicht walten?
Verlogne, falsche Märe,
Wohl dünkt mich, besser wäre
Die dach- und fachlos auf dem Schnee,
So dass dem Munde würde weh, (338, 20)
Der für Wahrheit sie verbreitet:
So hätt ihn Gott dahin geleitet
Wo ihn der Gute gerne sieht,
Dem oft um Wahrheit Leid geschieht.
Wer sich zu solcher Tat beeilt, (338, 25)
Der Unglück billig Lohn erteilt,
Will den ein werter Dichter preisen,
Des müsst ihn Thorheit unterweisen.
Er meidets, weiß er sich zu schämen:
Den Brauch soll er zum Vogte nehmen.

   Gawan trug den rechten Mut: (339, 1)
Seine Tapferkeit hielt solche Hut,
Dass Verzagtheit seinem Preise
Schaden mochte keinerweise.
Im Felde war sein Herz ein Turm, (339, 5)
Und doch so rasch im Schlachtensturm,
Dass man stets ihn im Getümmel fand.
Freund und Feind ihm zugestand,
Sein Schlachtruf laute löblich hell,
Wie gern ihm auch Kingrimursel (339, 10)
Hätte solchen Preis benommen.
Nun war von Artus gekommen,
Ich weiß nicht, schon wie machen Tag
Gawan, der aller Mannheit pflag.
So ritt der Degen wohlgestalt (339, 15)
Seines Wegs aus einem Wald
Mit dem Gefolg durch einen Grund.
Da ward ihm auf dem Hügel kund
Ein Ding, das Angst wohl lehrte,
Doch seine Mannheit mehrte. (339, 20)

   Da sah der Held wohl unbetrogen,
Unter Panieren zogen
Volle Scharen mit Gepränge.
Er gedachte: "Mir ist der Weg zu enge:
Kehr ich wieder in den Wald." (339, 25)
Da ließ der Degen gürten bald
Ein Ross, das Orilus ihm schenkte,
Und das zwei rote Ohren senkte;
Gringuljet sein Name war:
Er empfing es ohne Bitte gar.
Es war von Monsalväsch gekommen; (340, 1)
Da hatt es Lähelein genommen
Bei Brumban, so hieß der See.
Seien Tjost tat einem Ritter weh,
Den er tot herunter stach: (340, 5)
So erzählte Trevrezent hernach.

   Gawan gedachte: "Wer verzagt
Fliehet, eh man ihn noch jagt,
Das ist zu früh für seinen Ruhm:
Stapf ich näher hin darum, (340, 10)
Was mir davon auch mag geschehn.
Die Meisten haben mich gesehn,
Es wird Rat zu allem werden."
Da schwang er sich zur Erden,
Als wollt er rasten sich einmal. (340, 15)
Die Haufen waren ohne Zahl,
Die da rottenweise ritten.
Er sah viel Kleider wohl geschnitten
Und manchen Schild mit solchen Zeichen,
Dass er niemals ihres gleichen (340, 20)
Sah, noch auf den Bannern jene.
"Dem Heere bin ich fremd, ich wähne,"
Sprach der werte Gawan,
"Da ich ihrer Kunde nie gewann.
Will man mir das zum Argen kehren, (340, 25)
Einer Tjost wohl will ich sie gewähren
Mit eigenen Händen, Gott weiß,
Eh ich scheid aus ihrem Kreis."
Da war auch Gringuljet bereit,
Der oft in ängstlichen Streit
Tjostierend war gebracht (341, 1)
Das ward ihm jetzt auch zugedacht.

   Gawan sah da reich floriert,
Mit manchem Wappenbild geziert
Kostbarer Helme viel. (341, 5)
Sie führten vor ihr Kriegsziel
Neuer Speere manche Garbe.
Sie waren bunt von Farbe,
Junkern in die Hand gegeben;
Im Banner sah man Wappen schweben. (341, 10)

   Gawan Fils du Roi Lot
Sah vor Gedränge große Not.
Mäuler mussten Rüstzeug tragen,
Rosse zogen volle Wagen;
Zur Herberg eilte Maul und Ross. (341, 15)
Hinterdrein der Krämertross
Zog gar wunderlich daher;
Es geht halt anders nimmermehr.
Auch Frauen sah man da genug;
Manche den zwölften Schwertgurt trug (341, 20)
Zu Pfande für verkaufte Lust.
Nicht Königinnen warens just:
Dieselben Buhlerinnen
Hießen Marketenderinnen.
Dabei Halunken mannigfalt, (341, 35)
Der eine jung, der andre alt:
Sie liefen sich die Glieder krank.
Manchem ziemte mehr der Strang,
Als dass er hier das Heer vermehrte
Und wertes Volk vernnehrte.

   Die hier Gawan traf, die Haufen (342, 1)
Waren vor geritten und gelaufen;
So begab es sich da,
Dass wer den Helden halten sah,
Meint', er wär desselben Heers. (342, 5)
Weder dies- noch jenseits Meers
Fuhr jemals stolzre Ritterschaft;
Sie hatten hohen Mut und Kraft.

   Dicht hinter ihnen fuhr,
Eilends folgend ihrer Spur, (342, 10)
Ein Knappe jeden Tadels frei;
Ein ledig Ross ging nebenbei.
Er führte einen neuen Schild;
Die Sporen stieß er unmild
Dem Ross in die Seiten, (342, 15)
Denn ihn lüstete zu streiten.
Sein Gewand war wohl geschnitten.
Gawan hatt ihn bald erritten
Und frug ihn nach dem Gruß um Märe,
Wes das Ingesinde wäre? (342, 20)

   Der Knapp sprach: "Herr, ihr spottet mein.
Hätt ich solcher Züchtgung Pein
Von euch verwirkt durch mein Betragen,
Lieber wollt ich andre Not ertragen:
Sie beschimpfte mich nicht so wie das. (342, 25)
Um Gott, besänftigt euern Hass.
Ihr wisst hier mein Bescheid als ich:
Warum also fragt ihr mich?
Sicher tausendmal so gut
Kennt ihr dieses Heeres Flut."

   Gawan ihm hoch und teuer schwur, (343, 1)
Alles Volk, das vor ihm fuhr,
Sei ihm unkund völliglich.
Der Degen sprach: "Ich schäme mich;
Doch hab ich alle nie gesehn, (343, 5)
Wie ich in Wahrheit muss gestehn,
Vor dieser Zeit an keinem Ort,
Dient' ich glich blad hier bald dort."
Der Knappe sprach zu Gawan:
"So tat ich Unrecht, Herr, daran, (343, 10)
Dass ich euch nicht Bescheid gesagt:
Da war mein bessrer Sinn verzagt.
Richtet über meine Schuld
Nach eurer eigenen Huld:
Hernach will ich euch alles sagen; (343, 15)
Erst ziemts, mein Unrecht zu beklagen."
"Nun sagt mir, Junker, wer sie sei'n,
Wollt ihr so gefällig sein."

   "Herr, so heißt der vor euch fährt
Und dem die Reise Niemand wehrt: (343, 20)
Roi Poidikonjonz,
Und Dük Astor de Lanveronz.
Mit ihnen fährt ein wüster Mann,
Der Frauenminne nie gewann.
Er trägt der Unsitte Kranz (343, 25)
Und heißt mit Namen Meljakanz.
Ob es Weib war oder Magd,
Von der er Minne je erjagt,
So nahm er sie mit Nöten:
Man sollt' ihn drum ertöten.
Poidikonjonzens Sohn ist er (344, 1)
Und will auch kämpfen mit dem Heer.
Oftmals hat er Ritterschaft
Getan mit unverzagter Kraft.
Was hilft sein mannlicher Brauch? (344, 5)
Ein Mutterschwein wehrt sich auch
Tapfer, wenns dem Ferkel gilt.
Der Mann verdient, dass man ihn schilt,
Der zum Mut nicht Sitte fügt;
Ihr bezeugt mir, dass mein Mund nicht lügt. (344, 10)

   "Herr, noch meld ich Wunder viel:
Merket, was ich sagen will.
Uns folgt mit großer Heeresmacht,
Den Unart hat in Leid gebracht,
Von Li Meljanz der König hehr. (344, 15)
Sich selber schuf er viel Beschwer
Durch Zorn und Hochfahrt ohne Not.
Verschmähte Lieb es ihm gebot."

   Noch sprach der höfsche Knappe da;
"Herr, ich sag euch was ich selber sah: (344, 20)
König Meljanzens Vater,
Auf dem Todesbette zu sich bat er
Die Fürsten all in seinem Land.
Unauslöslich zu Pfand
Stand sein tugendreiches Leben: (344, 25)
Es musste sich dem Tod ergeben.
Da solches Leid ihm widerfuhr
Bei ihrer Treu er sie beschwur
Und befahl Meljanz den klaren
All den Herren, die da waren.
Aus diesen wählt' er einen dann, (345, 1)
Der war sein höchster Lehensmann;
Er hatte stets sich treu bewährt,
Von aller Falschheit abgekehrt.
Den bat er, seinen Sohn zu ziehn. (345, 5)
Er sprach: "Bewähre gegen ihn
Deine Treu aufs Beste.
Lehr ihn, dass er die Gäste
Und die Heimschen halte wert.
Wenn der Dürftige begehrt, (345, 10)
So lehr ihn milde sein mit Gaben."
So befahl er ihm den Knaben.

   "Da tat der Fürst Lippaut
Was sein Herr, der König Schaut,
Ihm befohlen hatt im Sterben. (345, 15)
Er ließ kein Wort verderben,
Richtet' alles treulich aus.
Er nahm den Knaben in sein Haus.
Zwei liebe Kinder hatt er dort,
Er liebt sie wohl noch immerfort: (345, 20)
Eine Tochter, welcher nichts gebräche
Als das Alter, dass man spräche,
Sie möge Minn um Minne leihn.
Obie heißt das Töchterlein;
Ihre Schwester heißet Obilot. (345, 25)
Obie schafft uns diese Not.

   "Eines Tags es sich begeben hat,
Dass sie der junge König bat
Für seinen Dienst um Minne.
Sie verfluchte seine Sinne,
Und fragt' ihn, was er dächte, (346, 1)
Dass er sich von Sinnen brächte?
Sie sprach zu ihm: "Wärt ihr so alt,
Dass ihr gefochten, wo es galt,
Den Helm aufs Haupt gebunden (346, 5)
Unterm Schild in würdgen Stunden,
IN Gefahr und hartem Drang
Fünf volle Jahre lang;
Hättet stets den Preis gewonnen
Und wäret dann zurück gekommen, (346, 10)
Mir zu Gebot gewesen da,
Und ich spräche dann erst Ja
Zu dem was ihr schon heut begehrt,
Noch hätt ichs euch  zu früh gewährt.
Ihr seid mir lieb (wer leugnet des?) (346, 15)
Wie Annoren Galoes,
Die den Tod um ihn erwarb,
Da er in einer Tjost erstarb."

   "Ungern, Frau, ich muss bekennen,
Seh ich euch so in Liebe brennen, (346, 20)
Dass euer Zorn sich auf mich kehrt.
Dienst," sprach er, "ist doch Gnade wert,
So mag man Minne wohl erproben.
Frau, ihr habt euch überhoben,
Als ihr mich von Sinnen schaltet; (346, 25)
Da hat Klugheit nicht gewaltet.
Wenig dachtet ihr daran,
Dass euer Vater ist mein Mann
Und dass er hat von meiner Hand
Burgen viel und all sein Land."

   "Dem ihr was leiht, verdien ers auch," (347, 1)
Sprach sie; "doch höher zielt mein Brauch.
Von niemand nahm ich Lehen an.
Meine Freiheit ist sogetan,
Jeder Krone hoch genug, (347, 5)
Die ein irdisch Haupt noch trug."
Er sprach: "Das hat man euch gelehrt,
Dass ihr so die Hochfahrt mehrt.
Da euer Vater gab den Rat,
So büß er mir die Missetat. (347, 10)
Ich will hier Wappen also tragen,
Gestochen werd und geschlagen.
Ob es Krieg heißt ob Turnei:
Hier bricht noch mancher Speer entzwei."

   "Im Zorne scheid er von der Magd. (347, 15)
Sein Unmut wurde schwer beklagt
Von all der Massenie;
Wohl klagt' auch drum Obie.
Auf des Herrn Beschuldigung
Drang auf Untersuchung (347, 20)
Und erbot zum Eid sich gar
Lippant, der unschuldig war.
Ob es krumm wär oder schlicht,
Von Genossen heisch' er ein Gericht,
Wenn die Fürsten all bei Hofe wären, (347, 25)
Denn er käm zu solchen Mären
Ganz ohn alle seine Schuld.
Er bat um gnädigliche Huld
Inständigst seinen Herrn;
Den hielt der Zorn von Freuden fern.

   "Es wär nicht angegangen, (348, 1)
Dass Lippaut hätt gefangen
Seinen Herrn: Er war sein Wirt;
Das wär von Treue weit verirrt.
Der König ohne Urlaub schied, (348, 5)
Wie sein betörter Sinn ihm riet.
Da weinten mit Gestöhne
Seine Knappen, Fürstensöhne,
Die mit dem König dort gewesen:
Sie ließen Lippaut gern genesen. (348, 10)
Getreulich hatt er sie erzogen,
Um edle Sitte nicht betrogen;
Meinen Herrn nur lockt ehrgeizger Sinn;
Wohl pflegte doch der Fürst auch ihn.
Mein Herr der ist ein Franzais, (348, 15)
Le Schatelier de Beauvais;
Er heißt Lisavander.
Alle Knappen miteinander
Mussten dem Fürsten widersagen;
Sie sollten Schildesamt hier tragen. (348, 20)
Fürsten- und Grafenkinder schlug
Zu Rittern Meljanz heut genug.

   "Des vordern Heeres pflegt ein Mann,
Der scharfen streit wohl kämpfen kann,
König Poidikonjonz von Gross; (348, 25)
Er führt manch wohl gewappnet Ross.
Meljanz ist seines Bruders Sohn.
Hochfahrt verstehen beide schon,
Der Junge wie der Alte.
Dass denn der Unfug walte!

   "So hat der Zorn sich vorgenommen, (349, 1)
Dass die Könige gezogen kommen,
Beide vor Beaurosch: Da muss
Uns Kampf erwerben Frauengruß.
Mancher Speer wird da zerbrochen, (349, 5)
Da wird gerannt und gestochen.
Doch steht Beaurosche wohl zu Wehr:
Wenn wir zwanzigmal das Heer
Hätten, das wir haben,
Wir füllten nicht den Graben. (349, 10)

   "Dem hintern Heer bleibt verhohlen
Meine Fahrt: Ich trug verstohlen
Diesen Schild weg vor den andern Kinden,
Ob mein Herr möge finden
Eine Tjost durch seinen ersten Schild, (349, 15)
Die seinen jungen Ehrgeiz stillt."
Da sah der Knappe hinter sich:
Sein Herre folgt' ihm hurtiglich.
Zwei blanke Speere und drei Rosse
Wurden ihm nachgebracht vom Trosse. (349, 20)
An seiner Hast verriet sich klar,
Er sann, vorauf der ganzen Schar,
Die ersten Tjoste zu erjagen;
Die Aventüre hört ichs sagen.

   Der Knappe sprach zu Gawan hier: (349, 25)
"Herr, euern Urlaub gönnet mir."
Er wandte seinem Herrn sich zu.
Was wollt ihr nun, dass Gawan tu?
Soll er nicht bei dem Tanze sein?
Ein Bedenken schuf ihm scharfe Pein:
Er dachte: "Soll ich Kämpfen sehn, (350, 1)
Und solls von mir nicht auch geschehn,
So ists um meinen Preis getan.
Und fang ich erst zu kämpfen an,
Und versäume meine Stunde, (350, 5)
So muss ich mit Grunde
Auf allen Preis verzichten.
Nein, ich bleibe hier mit Nichten;
Ich folge meinem Kampfgebot."
Verwickelt wurde seine Not: (350, 10)
Zu bleiben bis sein Tag erschien,
Allzu gefährlich däucht' es ihn;
Und doch war hier nicht durchzukommen.
"Nun mag mir Gottes Hilfe frommen,
Dass ich bestehe wie ein Mann." (350, 15)
Gen Beaurosche ritt Gawan.

   So vor ihm lagen Burg und Stadt,
Dass niemand bessern Wohnsitz hat.
Er sah sie glänzend glästen,
Eine Krone aller Vesten, (350, 20)
Mit starken Türmen wohl geziert.
Schon war das äußre Heer quartiert
Vor der Stadt auf den Plan.
Da ersah Herr Gawan
Manch reich geschmückten Zeltbering. (350, 25)
Da war die Hochfahrt nicht gering!
Von Panieren mannigfalt
Sah er einen ganzen Wald,
Und fremden Pöbel aller Art.
Mit Zweifel war sein Mut gepaart;
Der legt' ihm scharfe Foltern an: (351, 1)
Mitten hindurch ritt Gawan.

   Eine Zeltschnur die andre drang
Das weite breite Heer entlang.
Da saher wie sie lagen, (351, 5)
Was der, was jene pflagen.
Wer zu ihm sprach Bien sois venü,
Dem gab er Antwort Grand Merzi.
Dort am andern Ende lag
Eine große Rotte von Semblidag; (351, 10)
Bogenschützen von Kahetei
Stand ein Geschwader nah dabei.
Unbekanntschaft zeugt of Hass,
An König Lotens Sohn bewies sich das:
Da ihn zu bleiben niemand bat, (351, 15)
Gawan wandte sich zur Stadt.

   Er dachte: "Muss ich Schmuggler sein,
So berg ich vor Verlust was Mein
Draußen nicht so gut als drinnen.
Auf Gewinn will ich nicht sinnen, (351, 20)
Nur das Meine zu erhalten,
Will das Glück mir freundlich schalten."

   Zu einer Pforte ritt er hin:
Was er da sah, bekümmert' ihn.
Die Bürger hatt es nicht gedauert, (351, 25)
Ihre Pforten waren all vermauert.
Die Türme stehen wohl verwahrt:
An jeder Zinne gewahrt
Einen Schützen er, die Armbrust
Gerichtet auf der Feinde Brust;
Sie flissen sich zu trotzger Wehr. (352, 1)
Bergauf ritt der Degen hehr.

   War er gleich dort unbekannt,
Er ritt bis er die Veste fand.
Da sollten edler Frauen (352, 5)
Seine Augen viel erschauen.
Gekommen war des Wirts Gemahl
Sich umzuschauen auf den Saal
Mit ihren schönen Töchtern zwein;
Ihre Farbe hatte lichten Schein. (352, 10)

   Wohl hat er ihr Gespräch vernommen:
"Wer mag uns da zu Hilfe kommen?"
Sprach die alte Herzogin:
"Wo will er mit den Säumern hin?"
Da hub die ältre Tochter an: (352, 15)
"Mutter, es ist ein Kaufmann." -
"Er führt doch manchen Schild daher." -
"Das tun der Kaufleute mehr."
Die Jüngere versetzte da:
"Du zeihst ihn was wohl nie geschah, (352, 20)
Schwester, dessen schäme dich:
Er war nie Kaufmann sicherlich.
Er ist so minniglich und hold,
Zum Ritter ich ihn haben wollt.
Er mag um Dienst hier Lohn begehren: (352, 25)
Ich will ihm Lieb und Lohn gewähren."

   Da nahm wahr sein Ingesinde,
Dass ein Ölbaum und eine Linde
Unten bei der Mauer stund:
Das däuchte sie ein lieber Fund.
Was meint ihr, dass geschehen werde? (353, 1)
Herr Gawan schwang sich vom Pferde,
Wo er willkommnen Schatten sah.
Sein Kämmrer säumte nicht, ihm da
Matratz und Kissen hinzulegen: (353, 5)
Drauf setzte sich der stolze Degen;
Ein Heer von Frauen sahs von Oben.
Von den Saumtieren hoben
Die Knappen Rüstzeug und Gewand.
Wo sich sonst ein Baum noch fand, (353, 10)
Da nahmen Herberg im Schatten
Die ihn hieher begleitet hatten.

   Die alte Herzogin begann:
"Tochter, welcher Kaufmann
Wüsste so sich zu gehaben? (353, 15)
Du unterschätzest seine Gaben."
Da sprach die junge Obilot:
"Unart ihr noch mehr gebot:
Durch Hochmut verletzte sie
Den König Meljanz von Li, (353, 20)
Der sie um Minne wollte bitten:
Das sind unfeine Sitten."
Obie sprach dagegen,
Unmut mochte sie bewegen:
"Ich kann so viel nicht an ihm finden: (353, 25)
Ein Wechsler sitzt dort an der Linden;
Er wird ein gut Geschäft hier machen.
Den Goldschrein hütet gleich den Drachen
Dein Ritter, närrsche Schwester mein:
Er will sein Wächter selber sein."

   In Herrn Gawans Ohren (354, 1)
Ging kein Wort verloren.
Nun lassen wir die Rede bleiben
Und sehn was in der Stadt sie treiben.

   Ein schiffbar Wasser floss vorüber; (354, 5)
Von Stein ging eine Brücke drüber:
Dort war noch unverheert das Land,
Da der Feind der Stadt im Rücken stand.
Ein Marschall angeritten kam,
Der vor der Brücke Herberg nahm (354, 10)
auf einem Felde groß und breit.
Sein Herr kam auch zur rechter Zeit
Und die andern, die noch sollten kommen.
Ich sag euch, habt ihrs nicht vernommen,
Wer dem Wirt zu Hilfe ritt, (354, 15)
Und wer für ihn mit Treue stritt:
Ihm kam von Brevigariez
Sein Bruder Dük Marangliez;
Auch folgten ihm zwei Ritter schnell,
Der werte König Schirniel, (354, 20)
Der die Krone trug zu Lirivoin,
Und sein Bruder, Herr zu Avendroin.

   Als die Bürger sahen,
Dass Hilfe sollte nahen,
Was mit aller Willen war geschehn (354, 25)
Schien ihnen da ein groß Versehn.
Da sprach der Herzog Lippaut:
"Weh dass Beaurosch den Tag erschaut,
Wo ihm vermauert sind die Pforten.
Doch wenn ich meinem Herren dorten
Im offnen Feld entgegen stünde, (355, 1)
So würde Tapferkeit zur Sünde.
Mir ziemt' und frommte seine Huld
Mehr als sein Hass ohn alle Schuld.
Eine Tjost steht meinem Schilde schlecht, (355, 5)
Die mein Herr mir stößt im Zwiegefecht;
Ungern auch verletzt mein Schwert
Den Schild ihm, meinem Herren wert!
Wenn ein edles Weib das lobt,
Die hat sich allzulos erprobt. (355, 10)
Gesetzt, ich hätte meinen Herrn
IN meinem Turm: Ich löst' ihn gern
Und ginge mit ihm in den seinen.
Wie er mich martern wollt und peinen,
Ich stünd ihm gänzlich zu Gebot. (355, 15)
Danken gleichwohl muss ich Gott,
Dass ich von ihm noch ungefangen
Bin, da Lieb und Zorn ihn zwangen,
Dass er mich hie rumlagert hat.
Gebt mir einen weisen Rat," (355, 20)
Sprach er zu den Bürgern nun,
"Was in solcher Not zu tun?"

   Wohl sprach da mancher werte Mann:
"Säh der König eure Unschuld an,
So stünd es anders hier zur Stunde." (355, 25)
Sie rieten ihm aus einem Munde,
Dass er die Pforten auftäte,
Und die Besten alle bäte,
Zur Tjost hinaus zu reiten.
"Lasst uns offen streiten,
Statt von den Zinnen uns zu wehren, (356, 1)
Mit Meljanzens beiden Heeren.
Es sind doch meist nur Kinde
In des Königs Heergesinde.
Vielleicht, dass wir ein Pfand uns fangen: (356, 5)
So ist oft schon großer Zorn vergangen.
Wenn er Ritterschaft hier tut,
So legt sich wohl sein Unmut,
Dass er aus dieser Not uns nimmt
Und seinen Zorn herunterstimmt. (356, 10)
Besser in der Feldschlacht sterben
Als vermauert hier verderben.
Es sollt uns wohl gelingen
Vor ihren Zeltberingen,
Wär Poidikonjonz nicht so stark: (356, 15)
Dem folgt des Heeres Kern und Mark.
Da müssen wir zumeist erbangen
Vor den Britten, die er hält gefangen:
Sie führt der Herzog Astor,
Der kämpft im Streit den andern vor. (356, 20)
Dann ist sein Sohn Meljakanz:
Hätte den erzogen Gurnemanz,
So mehrte sich sein Preis erst recht,
Doch sieht man stets ihn in Gefecht.
Doch auch uns ist Hilfe jetzt gekommen." (356, 25)
Nun habt ihr ihren Rat vernommen.

   Der Herzog tat wie man ihm riet:
Die Maur er aus den Pforten schied.
Um Kraft und Mut unbetrogen
Die Bürger aus den Pforten zogen,
Hier eine Tjost, die andre dort. (357, 1)
Auch zog das fremde Heer sofort
Der Stadt zu mit hohem Mut;
Ihr Vesperspiel wurde gut.
Zu beiden Seiten zahllos Heer: (357, 5)
Die Knappen riefen hin und her;
Wälsch und Schottisch her und hin
Und durcheinander ward geschrien.
Von Rittertat wär viel zu melden;
Waidlich versuchten sich die Helden. (357, 10)

   Es waren meistens wohl nur Kinde
In des Königs Heergesinde;
Doch begingen sie viel kühne Tat:
Sie griffen die Bürger auf der Saat.
Der ein Kleinod nie von einem Weibe (357, 15)
Verdiente, mocht an seinem Leibe
Besser Streitgewand nicht tragen.
Von König Meljanz hört' ich sagen,
All seine Rüstung wäre gut;
Er trug auch selber hohen Mut, (357, 20)
Und ritt ein schönes Kastilian,
Das einst Meljakanz gewann,
Als er Kei'n so hoch herunter trieb,
Dass er am Aste hängen bleib.
Das dort Meljakanz erstritt, (357, 25)
Meljanz von Li wars, der es ritt.
Er war voraus schon so bekannt,
Obiens Blick hing unverwandt
Vom Saal an seinem Ritterspiel,
Wo sie zusah mit der Frauen viel.

   Sie sprach zur Schwester: "Sieh doch, Kleine, (358, 1)
Führwahr, mein Ritter und der deine
Begehn hier ungleiche Tat.
Der deine wähnt, dass wir die Stadt
Und die Burg verlieren sollen; (358, 5)
Andre Wehr wir suchen wollen."
Die Junge musst ihr Spotten tragen.
Sie sprach: "Man soll an nichts verzagen:
Ich trau es seiner Kraft noch zu;
Er schafft vor deinem Spott sich Ruh. (358, 10)
Mag er mit seinem Dienst mich ehren,
Ich will dafür ihn Freude lehren:
Da du sagst, dass er ein Kaufmann sei,
Meinen Lohn erhandeln mag er frei."

   Von den Streit der Jungfraun über ihn (358, 15)
Ließ Gawan sich kein Wort entfliehn.
Ohn einen Laut dazu zu sagen
Musst ers geduldig wohl ertragen.
Soll sich ein lauter Herz nicht schämen,
Das muss der Tod von hinnen nehmen. (358, 20)

   Das große Heer noch stille lag,
Dessen Poidikonjonz pflag.
Nur ein werter junger Mann
Nahm teil am Streit mit seinem Bann:
Der Herzog von Lanveronz. (358, 25)
Da kam Poidikonjonz;
Auch nahm der altweise Mann
Sie allzumal mit sich hindann:
Vorüber war das Vesperspiel,
Um werte Fraun gestritten viel.

   Da sprach Poidikonjonz (359, 1)
Zum Herzogen von Lanveronz:
"Was harrt Ihr mein nicht, wie's gebührt,
Wenn Ehrgeiz in den Kampf euch führt?
Wähnt ihr, das sei wohlgetan? (359, 5)
Hier ist der werte Lahduman
Und mein Sohn Meljakanz:
Kommen die zwei in den Tanz,
Und ich, so mögt ihr Streiten sehn,
Wenn ihr Streit könnt prüfen und verstehn. (359, 10)
Ich komme nicht von dieser Statt,
Ich mach euch all noch Kämpfens satt,
Es sei denn, dass sich mir mit Beben
Weib und Mann gefangen geben."

   Da sprach der Herzog Astor: (359, 15)
"Euer Neffe, Herr, stritt vor dem Tor,
Der König, und sein Heer von Li:
Und die Euern, sollten sie
Sich inzwischen schlafen legen?
Wann lehrtet Ihr das eure Degen? (359, 20)
So schlaf ich wo man streiten soll;
Den Streit verschlafen kann ich wohl.
Doch glaubt mir, wär ich nicht gekommen,
Die Bürger hätten Preis und Frommen
Davon getragen bei der Fahrt: (359, 25)
Vor Schanden hab ich euch bewahrt.
Um Gott, besänftigt euern Zorn:
Hier ist mehr gewonnen als verlorn
Von eurer Massenie,
Wills gestehen Frau Obie."

   Wohl musste Meljanz, seinen Neffen, (360, 1)
Poidikonjonzens Zorn auch treffen;
Doch trug der werte junge Mann
Manche Tjost durch seinen Schild hindann.
Sein neuer Preis darfs nicht beklagen. (360, 5)
Nun höret von Obien sagen.

   Die erwies nun Hass genug
Gawanen, der ihn schuldlos trug;
Sie erwürb ihm Schande gern und Hohn.
Sie sandte einen Garzon (360, 10)
Hin zu Gawan unterm Saal.
Sie sprach: "Geh hin und frag einmal,
Ob die Rosse zu verkaufen sei'n,
Und ob er wohl in Kist und Schrein
Führe gutes Kramgewand? (360, 15)
Wir Frauen kaufens allzuhand."

   Der Garzon kam gegangen:
Mit Zorn ward er empfangen.
Kaum hat ihn Gawan angeblickt,
Als sein Herz zusammenschrickt. (360, 20)
Da ward der Garzon so verzagt:
Ungefragt und ungesagt
Bleib was sie ihn bestellen hieß.
Gawan die Rede doch nicht ließ:
Er sprach: "Halunke, packe Dich, (360, 25)
Maulschellen fürchterlich
Sollst du haben kreuz und quer,
Kommst du einmal noch hieher."
Der Garzon lief was er konnte;
Nun höret, was Obie begonnte.

   Einen Junker schickt sie wieder (361, 1)
Zu dem Burggrafen nieder,
Welcher Scherules hieß.
"Bitt ihn," sprach sie, "dass er dies
Tut zu meiner Ehre (361, 5)
Und seine Mannheit so bewähre.
Sieben Rosse dort am Graben
Unterm Ölbaum soll er haben,
Und noch andern Reichtums viel.
Einen Kaufmann, der uns trügen will (361, 10)
Soll er des Gutes pfänden.
Ich getrau es seinen Händen,
Sie werdens nehmen unvergolten;
Auch behält ers unbescholten."

   Der Knappe ging hinab und sagte (361, 15)
Worüber seine Herrin klagte.
"Gilts vor Trug uns zu bewahren,"
Sprach Scherules, "so will ich fahren."
Da ritt er hin wo Gawan saß,
Der selten hohen Muts vergaß. (361, 20)
Da fand er jedes Fehls Verlust,
Lichtes Antlitz, hohe Brust
Und einen Ritter wohlgetan.
Scherules blickt' ihn prüfend an,
Er sah den Arm, jedwede Hand, (361, 25)
Wie alles ihm so adlich stand.
"Herr," sprach er, "unser Gast seid ihr;
Nicht wohl bei Sinnen waren wir,
Dass ihr nicht Herberg längst empfingst;
unsre große Schuld ist unbedingt.
Ich will nun selber Marschall sein; (362, 1)
Leut und Gut, und was nur mein,
Das soll euch ganz zu Diensten stehn.
Keinen Wirt hat je ein Gast gesehn,
Der ihm so gern ist untertan." (362, 5)
"Großen Dank, Herr," sprach Gawan.
"Nicht verdient' ich solches noch;
Gerne folg ich euch jedoch."

   Scherules, den Tadel mied,
Sprach wie ihm die Treue riet: (362, 10)
"Da es mir zu tun verbleiben musste,
Wohlan, ich schütz euch vor Verluste,
Es beraub euch denn das äußere Heer:
Dann steh ich mit euch wohl zu Wehr."
Er sprach mit frohem Munde (362, 15)
Zu den Knappen in der Runde:
"Hebt auf das Rüstzeug allzumal:
Wir wollen nieder in das Tal."

   Gawan fuhr mit seinem Wirt.
Obie, auch hiedurch ungeirrt, (362, 20)
Schickt' ein Gespiel als Gesandte
Zu ihrem Vater, der sie kannte:
"Geh und sag ihm Wort für Wort:
Ein Falschmünzer reite dort
Und führe bei sich großes Gut. (362, 25)
Bitt ihn (da er doch die Flut
Von Knechten habe, deren Sold
Rosse sei'n, Gewand und Gold),
Ihnen diesen Preis zu geben:
Ihrer sieben hätten so zu leben."

   Sie ging und sagt' ihm unverhohlen (363, 1)
Was seine Tochter ihr befohlen.
Wer in Fehden ist befangen,
Kann der reiche Beute fangen,
Die nimmt er ohne Weigern an. (363, 5)
Lippaut, den getreuen Mann,
Die vielen Söldner drängten ihn:
Da dacht er wohl in seinem Sinn:
"Ich muss dies Heil gewinnen,
Er soll mir nicht entrinnen." (363, 10)
Alsbald verfolgt' er den Degen.
Da kam ihm Scherules entgegen
Und frug ihn: "Herr, wohin so jach?"
"Einem Betrüger reit ich nach:
Ich höre von ihm sagen; (363, 15)
Falsch Geld hab er geschlagen."

   Schuldlos war Herr Gawan ganz;
Nur seinen Rossen galt der Tanz,
Seinem Gold und seinen Sachen.
Scherules musste lachen. (363, 20)
Da sprach er: "Herr, ihr seid betrogen,
Wer es euch sagte, hat gelogen,
Ob es Weib sei oder Mann.
Unschuldig ist mein Gast hieran;
Lernet jetzt ihn anders preisen: (363, 25)
Keine Münze hat er aufzuweisen.
Wollt ihr der rechten Märe lauschen,
Er kann nicht wechseln, kann nicht tauschen.
Seht ihn nur an, vernehmt sein Wort;
Er ist in meinem Hause dort.
Kennt ihr ritterliches Wesen, (364, 1)
Ihr mögts in seinen Augen lesen,
Er war auf Falschheit niemals aus.
Wer ihn des zeihen will durchaus,
Und wärs mein Vater, wärs mein Kind, (364, 5)
Und wer ihm sonst wär feindgesinnt,
Mein nächster Blutsfreund selbst, mein Bruder,
Müsste des Kampfes Ruder
Wider mich ziehn: Ich will ihn wehren,
Alle Unbill von ihm kehren, (364, 10)
Wenn Ihr mich, Herr, nicht drum verdammt.
In einen Sack aus Schildesamt
Wollt ich mich lieber ziehen,
In eine Wüste fliehen,
Zu unbekanntem Lande, (364, 15)
Eh ihr eure Schande
Solltet, Herr, an ihm begehn.
Gütlich, würd euch besser stehn
Sie zu empfangen, die da kommen,
Weil sie von eurer Not vernommen, (364, 20)
Als dass ihr sie berauben wollt:
Das meidet, Herr, ich bin euch hold."

   Da sprach der Fürst: "Lass mich ihn sehn.
Ihm soll nichts Arges geschehn."
Sie ritten wo sie Gawan fanden: (364, 25)
Zwei Augen und ein Herz gestanden
(Die kamen Lippaut zugesellt),
Dass der Gast ein edler Held,
Und rechter mannlicher Sinn
Aus seinen Gebärden schien.

   Wen jemals wahrer Liebe Drang (365, 1)
Zu herzlicher Minne zwang -
Herzlieb' ist wohl dafür bekannt,
Dass sie das Herz als Minnepfand
So versetzet und verpfändet, (365, 5)
Kein Mund es je vollendet
Was Minne Wunder wirken kann.
Es sei Weib oder Mann,
Sie schwächt am hohen Sinne
Oft herzliche Minne. (365, 10)
Obie und Meljanz,
Die beiden liebten sich  so ganz
Und gar mit solchen Treuen,
Sein Zorn sollt euch nicht freuen,
Der sie verzürnt hat und entzweit. (365, 15)
Nun gab ihr Trauer solches Leid,
Zum Zorne stimmt' es ihre Huld.
Das büßte Gawan sonder Schuld
Und andre, die es mit ihm litten.
Sie fiel aus weiblichen Sitten, (365, 20)
Ihre Sanftmut trübte sich mit Zorn.
Es war ihr beider Augen Dorn,
Wo sie den werten Mann erblickte.
Ihrem Herzen, das Meljanz entzückte,
Sollt er durchaus der Höchste sein. (365, 25)
Sie dachte: "Bringt er mich in Pein,
Für ihn will ich sie gerne tragen.
Ich kann der ganzen Welt entsagen
Um den werten jungen süßen Mann:
Das hat das Herz mir angetan."
Da oft aus Zorn die Minne spricht, (366, 1)
Sie tadelts an Obien nicht.

   Nun höret ihren Vater an:
Als er den werten Gawan
In seinem Land willkommen hieß, (366, 5)
Zu ihm begann und sprach er dies.
"Herr," sprach er, "euer Kommen
Mag uns zum Heile frommen.
Ich bin gefahren manche Fahrt,
Kein Antlitz hab ich je gewahrt, (366, 10)
Das mir solche Freude bot.
In dieser ängstlichen Not
Soll uns eurer Ankunft Tag
Trösten, der wohl trösten mag."
Er bat ihn: "Tut hier Ritterschaft. (366, 15)
Fehlt euch Harnisch, Schild und Schaft,
Das lass ich euch bereiten,
Herr, wollt ihr für uns streiten."

   Da sprach der werte Gawan:
"Ich wär dazu ein willger Mann; (366, 20)
Ich bin gesund und wohl gerüstet -
Doch streiten darf ich, wie mich lüstet,
Nicht vor bestimmtem Tage.
Sieg oder Niederlage
Wollt ich für euch erleiden; (366, 25)
Doch muss ich es vermeiden,
Herr, bis jener Kampf geschlichtet,
Dem ich hoch und teuer bin verpflichtet,
Wo ich bei aller Werten Gruß
Mich mit dem Schwerte lösen muss
(Mich führt dahin die Straße), (367, 1)
Wenn ich das Leben nicht lasse."

   Das war Lippant ein Herzeleid.
"Herr, bei eurer Würdigkeit,
Eurer höfschen Zucht und Huld, (367, 5)
Vernehmet meine Unschuld.
Zwei Töchter hab ich, sie sind
Mir lieb; wer liebte nicht sein Kind?
Was mir an denen Gott gegeben,
Damit will ich zufrieden leben. (367, 10)
Wohl mir, auch des Kummers wegen,
Den ich jetzt um sie muss hegen!
Den trägt jedoch die eine
Mit mir in engerm Vereine;
Nur sind wir darin entzweit: (367, 15)
Ihr tut mein Herr mit Minnen leid
Und mir mit Unminne.
Wenn ich den Grund ersinne,
So tut mein Herr Gewalt mir an,
Weil ich keinen Sohn gewann. (367, 20)
Mir sollen Töchter lieber sein;
Was tuts, erleid ich diese Pein?
Ich will sie mir zum Heile zählen.
Wer mit der Tochter einst soll wählen,
Ist ihr verboten gleich das Schwert, (367, 25)
Sie weiß schon wie sie sonst sich wehrt:
Sie wird ihm würdiglich erwerben
Einen wackern Sohn zum künftgen Erben.
Darauf ist auch mein Sinn gestellt."
"Das gewähr euch Gott," so sprach der Held.

   Lippaut der Herzog bat ihn sehr: (368, 1)
"Um Gott, Herr, bittet mich nicht mehr,"
Sprach da König Lotens Sohn,
"Bei eurer Zucht, lasst ab davon,
Dass ich nicht Treue müss entbehren. (368, 5)
Eins jedoch will ich gewähren:
Es zu erwägen diese Nacht;
Dann hört ihr, wie ich mich bedacht."

   Der Fürst ihm dankt' und ging zu Hand;
Zu Hof er seine Tochter fand, (368, 10)
Und des Burggrafen Töchterlein;
Die beiden schnellten Ringelein.
Da sprach er Obiloten zu:
"Von wannen, Tochter, kommst du?" -
"Zur Stadt, Vater, will ich. (368, 15)
Er gewährt mirs sicherlich:
Ich will den fremden Ritter bitten,
Dass er mir dient nach Ritterssitten."
"So sei dir, Töchterlein, geklagt:
Er hat mir zu- noch abgesagt; (368, 20)
Doch unterstütze meine Bitte."
Sie lief zum Gast mit schnellem Schritte.

   Da sie in seine Kammer ging,
Aufspringend Gawan sie empfing;
Hin zu der Süßen setzt' er sich, (368, 25)
Und dankt' ihr, dass sie minniglich
Ihm bei der Schwester Beistand bot.
Er sprach: "Litt je ein Ritter Not
Um ein so kleines Fräulein,
So sollt ichs auch gesonnen sein."

   Die junge süße klare Maid (369, 1)
Sprach da ohne Schüchternheit:
"Wie mir Gott bezeugen kann,
So seid ihr, Herr, der erste Mann,
Der je mein Redegeselle ward. (369, 5)
Ist meine Zucht dabei bewahrt
Und auch mein verschämter Sinn,
Das gibt mir freudigen Gewinn,
Denn meine Meisterin sprach,
Die Rede wär des Sinnes Dach. (369, 10)

   "Herr, ich flehe euch und mich;
Wahrer Kummer nötigt mich:
Ich will ihn nennen, wenn ihr wollt.
Seid mir  darum nicht minder hold;
Ich wandle doch des Maßes Pfad, (369, 15)
Da ich zugleich mich selber bat:
Ihr seid in der Wahrheit ich,
Scheiden auch die Namen sich.
Nehmet meinen Namen an,
So seid ihr Maid zugleich und Mann. (369, 20)
Drum hab ich euch und mich begehrt.
Lasst ihr mich, Herr, Nun ungewährt
Und beschämt von hinnen gehn,
So muss dafür zu Rede stehn
Euer Preis war eurer wahren Zucht, (369, 25)
Dass eine Magd umsonst gesucht
Euch zur Hilfe zu bewegen.
Ist euch, Herr, daran gelegen,
Ich will euch geben Minne
Mit Herzen und mit Sinne.

   "Habt ihr mannlichen Brauch, (370, 1)
So weiß ich, Herr, ihr dient mir auch;
Seht, ich bin wohl Dienens wert.
Wohl hat mein Vater schon begehrt,
Dass ihm Freund' und Vettern Hilfe senden: (370, 5)
Das braucht euch doch nicht abzuwenden,
Nein, dienet uns um meinen Lohn."
Er sprach: "Frau, eures Mundes Ton
Will mich von Treue scheiden:
Wollt ihr mir Treu verleiden? (370, 10)
Da ich Treu zum Pfande bot,
Lös ich sie nicht, so bin ich tot.
Doch setzt auch, dass ich Dienst und Sinne
Richten wollt auf eure Minne;
Eh ihr Minne möchtet geben, (370, 15)
Müsstet ihr noch fünf Jahr leben;
Das ist für eure Zeit die Zahl."
Da gedacht er doch, wie Parzival
Sich mehr auf Fraun als Gott verlies.
Ihm war als ob der Freund ihn hieß', (370, 20)
Er soll' ihr zu Gebote sein.
Er versprach dem Fräulein,
Helm und Schild für sie zu tragen.
Scherzend hörte sie ihn sagen:
"In eurer Hand sei mein Schwert; (370, 25)
So jemand Tjost von mir begehrt,
Ihr müsst den Buhurd reiten,
Für mich tjostierend streiten.
Ob mich alle kämpfen sehn,
Doch muss der Kampf von euch geschehn."

   Sie sprach: "Des bin ich gern gewillt: (371, 1)
Ich bin eur Schirm, ich euer Schild,
Ich euer Herz, ich die euch tröstet,
Wie ihr vom Zweifel mich erlöstet.
Ich bin für alle Fälle (371, 5)
Eur Geleit und eur Geselle,
Wider Unglücks Sturm ein Dach,
IM Ungemach ein sanft Gemach.
Meine Minne soll euch Frieden geben,
Vor Sorge sichernd euch umschweben, (371, 10)
Dass eure Kraft nichts stört noch irrt,
Sich zu wehren trotz dem Wirt.
Ich bin Wirt und Wirtin,
Bin euch im Streit Begleiterin.
Bleibt ihr dessen eingedenk, (371, 15)
Wird Heil und Kraft euch zum Geschenk."

   Da sprach der werte Gawan:
"Um beides, Herrin, halt ich an.
Da ich euch soll zu Wunsche leben,
Ihr müsst mir Trost und Minne geben." (371, 20)
Derweil lag ihre kleine Hand
In der seinen fest gebannt.
Da sprach sie: "Herr, ich will nun gehn,
Was meines Amts ist, zu versehn.
Wie zögt ihr ohne meinen Sold? (371, 25)
Dazu wär ich euch allzu hold.
Meine Sorge sei, bei Zeiten,
Euch mein Kleinod zu bereiten:
Wenn ihr das tragt, in keiner Weise
Weicht euer Preis dann anderm Preise."

   Aufbrach die Magd und ihr Gespiel. (372, 1)
Sie erboten sich zu Diensten viel
Ihrem Gaste Gawan.
Dankend sprach der kühne Mann:
"Werdet ihr erst achtzehn alt, (372, 5)
Trüg dann Speere nur der Wald,
Der jetzt viel ander Holz noch hat,
Das ist euch Zwein geringe Saat.
Da so schon eure Jugend zwingt,
Wenn ihrs zu vollen Jahren bringt, (372, 10)
Eure Minne lehrt noch Rittershänden
Schild und Speere viel verschwenden."

   Mit Freuden sonder Leide
Fuhren hin die Mägdlein beide.
Des Burggrafen Töchterlein (372, 15)
Sprach: "Nun sagt mir, Herrin mein,
Womit wollt ihr ihn begaben?
Da wir nichts als Docken (Puppen) haben.
Wenn meine schöner wären,
Gebt sie, ich wills nicht wehren, (372, 20)
Und verschmerze sie auch balde."
Mitten in des Berges Halde
Kam Lippaut der Fürst geritten.
Obiloten und Klauditten
Sah er sich entgegen gehn: (372, 25)
Er bat sie beide, stillzustehn.
Da sprach die junge Obilot:
"Vater, mir war nie so Not
Deiner Hilfe noch; auch gib mir Rat.
Der Ritter tut, wie ich ihn bat."

   "Tochter, was dein Sinn begehrt, (373, 1)
Das ist dir, hab ich es, gewährt.
Heil dem Tag, der dich mir brachte:
Wie da das Glück mir freundlich lachte!"
"So will ich, Vater, dir es sagen, (373, 5)
Dir meinen Kummer heimlich klagen;
So tu an mir dann gnädiglich."
Er hob sie auf sein Pferd zu sich.
Sie sprach: "Wo bleibt dann mein Gespiel?"
Der Ritter hielten bei ihm viel: (373, 10)
Die stritten wer sie nehmen sollte,
Da sie ein jeder haben wollte,
Bis endlich einer sie gewann.
Klauditte war auch wohlgetan.

   Unterwegs ihr Vater sprach zu ihr: (373, 15)
"Obilot, nun sage mir,
Was hast du für große Not?"
Sie sprach: "Ich hab ein Kleinod
Dem fremden Ritter angelobt.
Da hab ich, fürcht ich jetzt, getobt. (373, 20)
Hab ich ihm nichts zu geben,
Was soll mir dann das Leben,
Da er ihr zu dienen sich erbot?
Scham und Schande färbt mich rot,
Wenn ich ihm nichts geben kann; (373, 25)
Einer Magd war nie so lieb ein Mann."

   Da sprach er: "Tochter, zähl auf mich:
Des nicht darben lass ich dich.
Da du Dienst von ihm begehrst,
So sorg ich, dass du ihm gewährst,
Deine Mutter müsst es denn verdrießen. (374, 1)
Möcht uns Heil daraus entsprießen!
O der stolze, werte Mann,
Wie zieht er Herz und Sinn mir an!
Gesprochen hatt ich nie ihn noch; (374, 5)
Da sah ich heut im Schlaf ihn doch."

   Lippaut ging zur Herzogin,
Obiloten führt' er zu ihr hin.
Da sprach er: "Herrin, helft uns zwein.
Laut vor Freude möcht ich schrein, (374, 10)
Dass Gott mich dieser Magd bereit,
Die mich von Sorg und Unmut schied."
Die alte Herzogin begann:
"Was heischt ihr meines Gutes dann?"
"Frau, da ihr uns willfährig seid, (374, 15)
Obilot begehrt ein besser Kleid.
Sie meint auch wohl, sie wär es wert,
Da ein solcher ihrer Minne gehrt;
Da er ihr zu dienen denkt
Und das Kleinod will, das sie ihm schenkt." (374, 20)
Da hob des Mägdleins Mutter an:
"Der gute, herrliche Mann!
Ich weiß, ihr meint den fremden Gast;
Er glänzt wie Maiensonnenglast."

   Samet von Ethneise (374, 25)
Trug da herbei die weise;
Man bracht' auch andre Zeuge mit:
Pfellel von Tabrbonit.
Das Gold vom Kaukasas ist rot,
Daraus die Heiden schön Gewand (375, 1)
Wirken; mit Kunstverstand
Legen sei das Gold in Seiden.
Da musste man das Kleid ihr schneiden
Nach des Herzogs Gebot. (375, 5)
Er misste gern für Obilot
Das beste wie das schlimmste Tuch.
Einen Goldstoff fest genug
Schnitt man an das Fräulein.
Ihr musst ein Arm entblößet sein: (375, 10)
Ein Ärmel ward davon genommen,
Den sollte Gawan bekommen.

   Das war ihr Kleinod, ihr Präsent,
Pfellen von Naurient,
Fern aus der Heidenschaft geführt. (375, 15)
Ihren rechten Arm hatt er berührt;
Doch noch den Rock nicht angenäht:
Nie ein Faden ward dazu gedreht.
Klauditte bracht ihn alsobald
Gawan dem Degen wohlgestalt: (375, 20)
Da ward er aller Sorgen frei.
Seiner Schilde waren drei:
Auf einen schlug er ihn zuhand.
All sein Kummer verschwand;
Auch entbot ihr großen Dank der Degen. (375, 25)
Heil erfleht' er Weg und Stegen
Wo die Jungfraue ging,
Die ihn so gütlich empfing,
Und sein wahrnahm minniglich,
Dass aller Kummer von ihm wich.

   Der Tag war hin, nun kam die Nacht. (376, 1)
Beiderseits stand große Macht,
Manch wohl bewehrter Ritter gut.
Wär des äußern Heers nicht solche Flut,
Die Innern hätten Wehr genug. (376, 5)
Sie steckten ihrer Letzen Zug
Ab bei lichtem Mondenschein.
Sie mochten wohl erledigt sein
Aller Furcht und Zagheit.
Da hatten sie vor Tag bereit (376, 10)
Der Zingeln zwölf, von großer Weite;
Die schützten Gräben vor dem Streite.
Jede Zingel musste haben
Drei Barbigan, hinauszutraben.

   Kartefablets von Jamore (376, 15)
Marschall nahm da vier Tore,
Wo am Morgen dann sein Heer
Kämpfte mit entschlossner Wehr.
Der Herzog bewährte sich
Selber auch gar ritterlich; (376, 20)
Die Wirtin war seine Schwester.
Er war beherzter und fester
Als mancher streitbare Mann,
Der sich im Streit wohl tummeln kann.
Drum litt er gern im Streiten Pein. (376, 25)
Sein Heer zog über Nacht herein.
Er kam aus fernem Land gefahren,
Denn selten' pflegt er sich zu sparen
Wo es Kampfgetümmel galt.
Vier Tore wehrt' er mit Gewalt.

   Was der Brücke jenseits lag, (377, 1)
Die Scharen zogen noch vor Tag
Zu Beaurosch in die Stadt,
Wie Lippaut der Fürst sie bat.
Da ritten die von Jamor (377, 5)
Dagegen über die Brücke vor.
Die  Pforten wurden so bemannt,
Stark genug zum Widerstand
Sah man sie beim Morgenscheine.
Scherules erkor sich eine: (377, 10)
Mit Gawan dem Degen gut
Ließ er die nicht aus der Hut.

   Man hörte da von Gästen
(Das waren traun die Besten)
Beschwerde, dass schon Kampf geschehn (377, 15)
Wär, von dem sie nichts gesehn,
Da man das Vesperspiel gefochten,
Eh sie mit tjostieren mochten.
Gar überflüssig war die Klage:
Ungezählt am selben Tage (377, 20)
Bot man es allen, die Gelüsten
Trugen, sich zum Kampf zu rüsten.

   In den Gatzen sah man groß Gewühl:
Flatternder Paniere viel
Zogen allenthalben ein, (377, 25)
Immer noch bei Mondenschein;
Auch mancher Helm, gar reich verziert
(Am Morgen ward damit tjostiert)
Und mancher Speer von lichtem Stahl.
Ein Regensburger Zindal
Würde nicht sehr gepriesen (378, 1)
Vor Beaurosch auf den Wiesen:
Da sah man Wappenröcke tragen,
Deren Kaufpreis hatte mehr betragen.

   Die Nacht heilt ihren alten Brauch: (378, 5)
Endlich folgt' ein Tag ihr auch.
Man erkannt' ihn nicht am Lerchensang;
Dröhnend scholl hier andrer Klang;
Das kam vom Kampfgetümmel:
Speergekrach, als ob am Himmel (378, 10)
Eine Wolk am Platzen wär.
Da war von Li das junge Heer
Im Kampf mit denen von Lirivoin
Und mit dem König von Avendroin.
Da erscholl so manche laute Tjost, (378, 15)
Als würfe man auf glühnden Rost
Kastanien, dass sie knallend sprängen.
Avoi, wie sich die Scharen mengen!
Wie von den Gästen ward geritten
Und von den Bürgern gestritten! (378, 20)

   Der Burggraf und Gawan,
Der Seele Heil zu empfahn,
Eh sie zum Kampfe gingen,
Ließen eine Messe singen;
Die sang ein Pfaffe Gott und ihnen: (378, 25)
Da mochten sie wohl Preis verdienen,
Denn sie hielten ihre Gesetze.
Sie ritten hinter ihre Letze;
Die Zingeln nahmen wohl in Hut
Viel der werten Ritter gut.
Das waren Scherules Leute; (379, 1)
Wacker stritten die heute.

   Was bericht' ich nun noch mehr?
Poidikonjonz war stolz und her.
Der kam mit solcher Heereskraft, (379, 5)
Wär im Schwarzwald jedes Reis ein Schaft,
Da könnte dichtrer Wald nicht stehn
Als in seiner Schar zu sehn.
Er kam sechs Fähnlein stark geritten:
Von denen wurde blad gestritten. (379, 10)
Posaunen hört man krachend tönen,
So pflegt der Donner zu erdröhnen
Wenn er die Welt in Schrecken setzt.
Wirbelnd stimmten Trommeln jetzt
In der Posaunen Blasen. (379, 15)
Blieb noch ein Halm am Rasen
Unzerstampft, so weiß ichs nicht.
Der Erfurter Wingert spricht
Heute noch von solcher Not,
Dem mancher Huf Verwüstung bot. (379, 20)

   Da kam der Herzog Astor
Im Kampf an die von Jamor.
Da stachen Speere scharf gewetzt;
Da wurde mancher Mann entsetzt
Hinters Ross auf den Acker. (379, 25)
Sie stritten scharf und wacker.
Da scholl viel fremdes Feldgeschrei,
Manch Rösslein lief im Felde frei,
Des Herr auf seinen Füßen stund;
Mich dünkt, dem war Gefälle kund.

   Da ersah mein Herr Gawan (380, 1)
Sich verflechten auf dem Plan
Die Freunde mit der Feinde Reihn:
Da schwang auch er sich mitten drein.
Ihm zu folgen hielt da schwer; (380, 5)
Die Rosse schonten doch nicht sehr
Scherules und die Seinen:
Gawan zwang sie sich zu peinen.
Was er da Ritter niederstach,
Und was er starker Speere brach! (380, 10)

   Dieser werte Tafelrunder,
Lieh' ihm die Kraft nicht Gottes Wunder,
Des höchsten Preises wär er wert;
Da ward erschwungne manches Schwert.
Er fragte nicht, von welchem Heer, (380, 15)
Seine Hand traf beide schwer,
Die von LI und die von Gross.
Man sah ihn manch erbeutet Ross
Von der wie jener Seiten
Zu des Wirts Panier geleiten. (380, 20)
Ob es jemand wolle, frug er da;
Ihrer viele sprachen ja.
Manchem wurde Gut verschafft
Durch seine Kampfgenossenschaft.

   Da kam ein Ritter angefahren, (380, 25)
Der auch nicht Speere konnte sparen:
Von Beauvais der Kastellan
Und der höfische Gawan
Gerieten aneinander,
Dass der junge Lisavander
Hinterm Ross auf Blumen lag: (381, 1)
In der Tjost empfing er solche Schmach.
Das tut mir um den Knappen leid,
Der gestern erst mit Höflichkeit
Gawanen sagte Märe, (381, 5)
Wie der Zwist entsponnen wäre:
Der bog auf seinen Herrn sich nieder.
Ihn erkennend, gab ihm Gawan wieder
Das Ross, das er dem abgejagt.
Dank sprach der Knapp, ward mir gesagt. (381, 10)

   Nun seht wie dort Kardefablet
Selber auf dem Acker steht,
Auf den ihn eine Tjost gerannt;
Die zielte Meljakanzens Hand.
Die Seinen hoben ihn empor.  (381, 15)
Vielstimmig ward da Jamor
Mit hartem Schwertschlag geschrieen.
Enger ward es rings um ihn,
Da Anlauf wieder Anlauf drang
Und mancher Helm betäubend klang. (381, 20)
Zu Hilfe kam ihm Gawan.
Kräftig sprengt' er heran:
Überdeckt hatt er schier
Mit seines Wirtes Panier
Von Jamor den edeln Mann. (381, 25)
Mit ihm wurden auf dem Plan
Kühner Ritter viel gefällt.
Glaubets, wenn es euch gefällt:
Zeugen sind mir gar versagt;
Mir hats die Aventür gesagt.

   Le Komte de Montan ersah (382, 1)
Zum Gegner sich Gawanen da.
Eine schöne Tjost ward getan,
Davon der starke Lahduman
Hinterm Ross lag auf der Flur. (382, 5)
Sicherheit bezwungen schwur
Der stolze Degen auserkannt:
Die gelobt' er in Gawanens Hand.

   Zunächst vor der Zingeln Tor
Stritt der Herzog Astor: (382, 10)
Da gabs Getös und Lanzenstreit.
Nantes ward oft laut geschreit:
Das war Artusens Heerzeichen.
Da sah man stehn und nimmer weichen
Manch vertriebnen Bretaneis; (382, 15)
Die Söldner auch von Destrigleis
Aus König Ereckens Land
Machten sich da wohlbekannt:
Sie führte Dük de Lanveronz.
Auch dürfte wohl Poidikonjonz (382, 20)
Die Freiheit schenken diesen Briten:
So tapfer hatten sie gestritten.
Dem König Artus waren
Sie am Berge Klus vor Jahren
Abgefangen und hergebracht; (382, 25)
Das geschah in heißer Schlacht.
Sie riefen Nantes nach ihren Sitten
Hier und wo sie immer stritten;
Das war ihr Ruf nach altem Brauch.
Schon grauen Bart trug mancher auch.
Dann führte jeder Breton (383, 1)
Zum Kennzeichen ein Gampilon
Auf dem Helm und auf dem Schild,
Ilinotens Wappenbild:
Der war Artusens Sohn gewesen. (383, 5)
Wie sollte Gawan hier genesen?
Er seufzt', als er das Wappen sah,
Weil ihm im Herzen Weh geschah.
Seines Oheims Sohnes Tod
Schuf Gawanen Herzensnot. (383, 10)
Er erkannte wohl der Wappen Schein:
Seine Augen füllten sich vor Pein.
Da ließ er die geleibten Briten
Auf dem Plan unbestritten:
Mit ihnen kämpfen mocht er nicht; (383, 15)
So ehrt ein Held der Freundschaft Pflicht.

   Er ritt zu Meljanzens Heer.
Die Bürger standen dem zur Wehr,
Man sagt' es ihnen billig Dank;
Wiewohl es diesmal nicht gelang (383, 20)
Das Feld der Übermacht zu wehren:
Da sah man sie zum Graben kehren.
Der hier den Bürgern Tjoste bot,
Der Held war allenthalben rot;
Er heiß der Ungenannte, (383, 25)
Weil hier ihn niemand kannte.

   Dies ists was ich vernommen.
Her zu Meljanz gekommen
War er erst vor dreien Tagen.
Die Bürger mochtens wohl beklagen,
Dass er Meljanzen sich versprach. (384, 1)
Der gab ihm da von Semblidag
Zwölf Knappen, die bei der Tjost sein wahr
Nahmen, und in dichter Schar:
Was er Speere mocht aus ihren Händen (384, 5)
Empfahn, die sah man ihn verschwenden.
Seine Tjoste schollen hell,
Als er den König Schirniel
Und seinen Bruder nahm gefangen,
Doch war noch mehr von ihm begangen, (384, 10)
Da er dem Herzog Marangließ
Gefangenschaft auch nicht erließ.
Die fing er alle vor dem Heer;
Noch lange stand ihr Volk zur Wehr.

   Meljanz ritt selber in den Streit. (384, 15)
Ob er Lieb wem oder Leid
Getan, sie mussten all gestehn:
Selten sah man mehr geschehn
Von einem also jungen Mann,
Als von ihm hier ward getan: (384, 20)
Seine Hand manch festen Schild zerklob,
manch starker Speer vor ihm zerstob,
Als Haufen sich in Haufen schloss.
Sein junges Herz war so groß,
Stets musst er Kampf begehren. (384, 25)
Niemand konnt ihm gewähren
Voll und satt, das schuf ihm Not,
Bis ihm Gawan Tjostieren bot.

   Gawan zu seinen Knappen nahm
Eins der zwölf Speere von Angram,
Die er erwarb am Plimizöl. (385, 1)
Meljanzens Ruf war Barbigöl,
Si hieß die werte Hauptstadt Li's.
Gawan seiner Tjost sich fliss;
Da lehrte Meljanzen Pein (385, 5)
Von Oraste-Gentesein
Der starke Schaft, der gerohrte,
Der ihm Schild und Arm durchbohrte.
Eine schöne Tjost geschah da wieder:
Gawan stach ihn flüglings nieder; (385, 10)
Doch brach sein hintrer Sattelbogen,
Dass beide Helden ungelogen
Hinter den Rossen stunden.
Da schlugen sie sich Wunden
MIt den Schwertern, den hellen. (385, 15)
Da ward zwei bäurischen Gesellen
Gedroschen mehr als genug.
Des andern Garbe jeder trug;
Die Stücke wurden hingeschlagen.
Einen Speer auch musste Meljanz tragen: (385, 20)
Der stak dem Helden im Arm;
Ihm war von blutgem Schweiße warm.
Da zog ihn mein Herr Gawan
In der Brevigarier Barbigan
Und zwang ihn, Sicherheit zu geben: (385, 25)
Die gab er, denn er wollte leben.
Wäre der junge Mann nicht wund,
So blad gelobte wohl sein Mund
Sich keinem Helden untertan;
Das stünde länger wohl noch an.

   Lippant, des Landes Fürsten, (386, 1)
Sah man nach Ehre dürsten,
Da er mit dem König focht von Gross.
Da mussten beide, Leut und Ross,
Von Geschütz erleiden Pein, (386, 5)
Als die Söldner von Kahetein
Und von Semblidag die Schergen,
Ihre Kunst nicht wollten bergen.
Die Schützen sah man schnell sich schwenken,
Die Bürger mussten erdenken (386, 10)
Was den Feind von ihren Letzen schied.
Sie hatten Sergen a pied:
Ihre Zingeln schützen die so gut
Als die allerbeste Hut.
Die das Leben dort verlor'n (386, 15)
Entgalten schwer Obiens Zorn:
Ihre junge Thorheit
Brachte manchem Herzeleid.
Wes entgalt der Fürst Lippaut?
Sein Herr, der alte König Schaut, (386, 20)
Hätts ihm erlassen fürwahr.
Müdigkeit befiel die Schar.

   Wacker stritt noch Meljakanz:
War der Schild ihm noch ganz?
Der war ihm handbreit kaum geblieben. (386, 25)
Ihn hatte weit zurückgetrieben
Der Herzog Kardefablet,
Bis jetzt ihr Spiel zur Neige geht
Auf einem blumigen Plan.
Da kam dahin auch Herr Gawan.
Das brachte Meljakanz in Not, (387, 1)
Dass selbst der werte Lanzelot
Ihm schärfer nicht entgegentrat,
Als er von der Schwertbrücke Pfad
Kommend mit ihm hob den Streit. (387, 5)
Dem war die Gefängnis leid,
Die Frau Ginover erlitt,
Der er die Freiheit erstritt.

   Lotens Sohn kam angesprengt:
Da war wohl Meljakanz gedrängt, (387, 10)
Den Gaul entgegen ihm zu führen.
Viel Leute sahn ihr tiostieren.
Wer da hinterm Ross gelegen?
Den der von Norwegen
Geworfen hatte auf die Au. (387, 15)
Der Ritter viel und manche Frau,
Die diese Tjost mit angeschaut,
Priesen Gawan überlaut.
Leicht konnten es die Frauen
Vom Saal hernieder schauen. (387, 20)
Meljakanz ward gestampft:
Den Rock betrat ihm unsanft
Manch Ross, dem nie mehr Hafer schmeckte:
Schweiß und Blut ihn überdeckte.
Heut ist der Rosse Schelmetag, (387, 25)
Der wohl die Geier sättgen mag.
Da nahm der Herzog Astor
Meljakanzen denen von Jamor;
Die hätten ihn gefangne schier.
Vorüber war das Turnier.

   Wer da am Besten hat geritten (388, 1)
Und um der Frauen Lohn gestritten?
Darüber kann ich nicht erkennen:
Sollt ich die Besten alle nennen,
Das wär ein allzuweites Feld. (388, 5)
Im innern Herr stritt ein Held
Für die junge Obilot;
Im äußern ein Ritter rot:
Die Zween errangen da den Preis
Und gönnten niemand nur ein Reis. (388, 10)

   Da der Gast im äußern Heer
Gewahrte, dass er Dank nicht mehr
Von seinem Dienstherrn mocht empfangen
(Die Städter heilten ihn gefangen),
Ritt er, bis er die Seinen sah. (388, 15)
Zu den Gefangnen sprach er da:
"Ihr Herren gabt mir Sicherheit;
Nun widerfuhr mir hier ein Leid:
Von Li der König ist gefangen.
Nun seht, ob ihr es mögt erlangen, (388, 20)
Dass sie für euch ihn befrein;
So kann ich ihm doch nützlich sein,"
Sprach er zum König von Avendroin
Und zu Schirniel von Lirivoin
Und dem Herzogen von Marangließ, (388, 25)
Die er mit dem Gelübde ließ
Zu den Bürgern reiten,
Dass sie Meljanz befreiten,
Wo nicht, ihm hülfen zu dem Gral.
Da konnten sie ihm allzumal
Nicht sagen, wo der wäre, (389, 1)
Doch sei's Anfortas, der ihn wehre.

   Da diese Rede geschah,
Wieder sprach der rote Ritter da:
"Kann nicht geschehen mein Begehr; (389, 5)
So fahrt gegen Pelrapär
Und bringt der Köngin Sicherheit.
Da sagt, der einst für sie den Streit
Focht mit Kingraun und Klamide,
Dem sei nun nach dem Grale weh, (389, 10)
Und zugleich nach ihrer Minne;
Nach beiden tracht ich stets und sinne.
Als meine Boten mögt ihrs melden.
Bewahr euch Gott nun, ihr Helden!"

   Mit Urlaub ritten sie hinein. (389, 15)
Da sprach er zu den Knappen sein:
"Uns blieb Gewinn hier unversagt;
Nehmt was von Rossen ward erjagt
Und lasst mir eines nur zur Stund;
Ihr seht wohl, meins ist übel wund." (389, 20)
Da sprachen die Knappen gut:
"Großen Dank, Herr, ihr tut
An uns mit großer Mildigkeit:
Wir sind nun reich für alle Zeit."
Da wählt' er eins für seine Fahrt, (389, 25)
Mit den kurzen Ohren Ingliart,
Das Gawanen war entgangen
Als er Meljanz gefangen;
Da nahms des roten Ritters Hand:
Das büßte mancher Schildesrand.

   Mit Urlaub schied der Degen hehr; (390, 1)
Fünfzehn Rosse wo nicht mehr
Ließ er den Knappen ohne Wunden:
Sie mochten ihm wohl Dank bekunden.
Zu bleiben baten sie ihn viel; (390, 5)
Doch fern gesteckt war ihm das Ziel.
Hin fuhr der getreue Mann,
Wo er nicht oft Gemach gewann,
Denn er suchte nur zu streiten.
Mich dünkt, zu seinen Zeiten (390, 10)
Stritt kein Mann so viel als er.
Da verteilte sich das äußre Heer

   Wo es Herberg hoffte zu gewinnen.
Lippaut unterdes dort innen
Frug wie alles wär gekommen; (390, 15)
Denn er hatte wohl vernommen,
König Meljanz wär gefangen:
Da war es ihm nach Wunsch ergangen;
Auch sollte jetzt ihm Freude nahn.
Den Ärmel löste Gawan (390, 20)
Von dem Schilde sonder Zerren
(Es blühte neuer Preis dem Herren)
Und gab ihn Klauditten.
Am Rand und in der Mitten
War er durchstochen und durchschlagen: (390, 25)
Sie sollt ihn Obiloten tragen.
Da ward des Mägdleins Freude groß.
Ihr blanker Arm war noch bloß:
Darüber schob sie ihn zuhand.
Sie sprach: "Wer hat mir dies gesandt?"
Wenn sie vor ihre Schwester ging, (391, 1)
Die diesen Scherz mit Zorn empfing.

   Den Rittern war Erholung Not
Nach großer Müdigkeit Gebot.
Scherules nahm Gawan (391, 5)
Und den Grafen Lahduman
Und was er da der Ritter fand,
Die Gawan mit seiner Hand
Des Tags gefangen hatt im Feld,
Wo manchen niederwarf der Held. (391, 10)
Der Burggraf setzte sie zumal
Vor ein ritterliches Mal.
So müd er war, und all sein Lehn,
Man sah sie vor ihm dienend stehn,
Während Meljanz aß, der König; (391, 15)
Seiner Hast entgalt der wenig.

   Das däuchte Gawan allzu viel:
"Wenn der König es gestatten will,
Herr Wirt, so sitzt: Was sollt ihr stehn?"
Sprach der Degen ausersehn, (391, 20)
Wie ihn edle Zucht bewog.
Der Wirt versagt' es ihm jedoch:
"Mein Herr ist des Königs Mann:
Diesen Dienst hätt er getan,
Wenn es dem König beliebte, (391, 25)
Dass er den Dienst wieder übte.
Aus Zucht vermeid mein Herr zu kommen,
Weil ihm des Königs Huld benommen.
Sühn und Freundschaft stifte Gott,
Und alle tun wir sein Gebot."

   Da sprach der junge Meljanz: (392, 1)
"Ihr bewahrtet stets die Zucht so ganz,
Als ich hier den Wohnsitz hatt erwählt:
Nie hat mir euer Rat gefehlt.
Wie ihr mir rietet, tat ich so, (392, 5)
So sähe man mich heute froh.
Helft mir nun, Graf Scherules,
Wohl getrau ich euch des,
Bei dem Herrn, der mich gefangen hat
(Sie tun wohl gern nach Euerm Rat), (392, 10)
Und Lippaut, dem zweiten Vater mein,
Dass sie mir Gnad und Gunst verleihn.
Ich wär in seiner Huld geblieben;
Doch hat Obie mit mir getrieben
Possenhaften Thorenscherz: (392, 15)
Das zeigt unweibliches Herz."

   Da sprach der werte Gawan:
"Eine Sühne wird hier bald getan,
Die niemand scheidet als der Tod."
Da kamen, die der Ritter rot (392, 20)
Den Städtern abgefangen,
Vor den König gegangen.
Sie sagten ihm wie alles kam.
Als dessen Wappenschild vernahm
Gawan, der sie besiegt' im Streit, (392, 25)
Und dem sie gaben Sicherheit,
Und sie ihm sagten von dem Gral,
Da sah er wohl, dass Parzival
Es war, der alles dies getan.
Seine Augen auf zum Himmel sahn
Und dankten Gott, dass er sie heut (393, 1)
Voneinander hielt im Streit.
Es war bescheidner Zucht ein Pfand,
Dass beide bleiben ungenannt.
Sie kannte niemand hier zur Zeit, (393, 5)
Doch kennt die Welt sie weit und breit.

   Zu Meljanz Scherules begann:
"Herr, wenn ich euch erbitten kann,
So geruht ihr, meinen Herrn zu schauen,
Und der Freunde Urteil zu vertrauen (393, 10)
Was beidenthalben gelten soll.
Tragt ihm ferner keinen Groll."
Sie billigten den Rat zumal.
Da ritten zu des Königs Saal
All die Krieger aus der Stadt (393, 15)
Wie sie des Fürsten Marschall bat.
Da sprach mein Herr Gawan
Zu dem Grafen Lahduman
Und den andern, die er heut gefangen
(Sie kamen all dahin gegangen): (393, 20)
"Bringet eure Sicherheit,
Die ihr mir angelobt im Streit,
Meinem Wirte Scherules."
Niemand säumt sich unterdes:
Die Entbotnen eilen allzumal (393, 25)
Gen Beaurosch auf den Saal.
Meljanzen reiche Kleider trug
Die Burggräfin, dazu ein Tuch,
Den rechten Arm hineinzuhangen,
In den er Gawans Tjost empfangen.

   Gawan durch Scherules entbot (394, 1)
Seiner Freundin Obilot,
Dass er wünsche sie zu sehn,
Um ihr mit Wahrheit zu gestehn,
Er sei ihr treulich untertan; (394, 5)
Auch halt' er um den Urlaub an:
"Ich lass' ihr auch den König hie;
Sie möge sich bedenken, wie
Sie also mit ihm schalte,
Dass sie Ruhm davon behalte." (394, 10)

   Die Rede hörte Meljanz:
"Obilot wird recht ein Kranz
Aller weiblichen Güte.
Es leiht mir fröhlich Gemüte,
Dass ich ihr Sicherheit soll geben (394, 15)
Und in ihrem Frieden leben."
"Euch fing hier, seis euch nur bekannt,
Niemand als des Mägdleins Hand,"
Fiel der werte Gawan ein;
"Ihr gehört mein Preis allein." (394, 20)

   Scherules kam vorgeritten.
Man sah zu Hof nach höfschen Sitten
Weder Mann, Magd noch Weib,
Die nicht so geziert den Leib,
Dass man in ärmlichen Gewand (394, 25)
Des Tages selten jemand fand.
Mit Meljanz zu Hofe ritten
Die seine Freiheit zu erbitten
Waren in die Stadt geschickt.
Schon saßen droben wohl geschmückt
Lippaut mit Töchtern und Gemahl. (395, 1)
Die da kamen, traten in den Saal.

   Der Wirt dem Herrn entgegen sprang.
Groß im Saale ward der Drang,
Als er Freund und Feind empfing; (395, 5)
Neben Gawan Meljanz ging.
"Konnte sie's von euch erlangen,
Küssen möcht euch gern empfangen
Eure alte Freundin:
Das ist mein Weib die Herzogin." (395, 10)
Zum Wirte hub da Meljanz an:
"Gern will ich Gruß und Kuss empfahn
Zweier Frauen, die mein Aug ersieht;
Der dritten Sühne nicht geschieht."
Die Eltern weinten bitterlich; (395, 15)
Obilot nur freute sich.

   Mit Kuss der Fürst empfangen ward
Und noch zwei Könge sonder Bart,
Dazu der Herzog Marangließ;
Auch Gawanen man ihn nicht erließ. (395, 20)
Seine Herrin ward ihm vorgeführt:
Er zog das schöne Kind gerührt
Wie eine Dock an seine Brust;
Dazu zwang ihn freundliches Gelust.
Zu Meljanz sprach er von der Maid: (395, 25)
"Eure Hand versprach mir Sicherheit:
Die gebet diesem Mägdlein jetzt.
Alles was mein Herz ergetzt
Sitzet zu der Rechten mein:
Ihr Gefangner sollt ihr sein."

   Als da Meljanz näher kam, (396, 1)
Gawanen bei der Hand sie nahm:
Das sahn viel Ritter kühn im Streit.
"Herr König, Unrecht tatet ihr, (396, 5)
Wenn ein Kaufmann ist mein Ritter hier,
Wie meine Schwester hat gewollt,
Dass Ihr Fianz ihm habt gezollt."
So sprach die junge Obilot.
Meljanzen sie darauf gebot, (396, 10)
Er solle Sicherheit geloben,
Und zwar Hand in Hand geschoben,
Ihrer Schwester Obie.
"Zur Herrin und Amie
Habt sie mit Gottes Segen; (396, 15)
Zum Ami und Herrn dagegen
Soll Sie euch haben immerfort:
Gehorchet beide meinem Wort."

   Gott sprach aus ihrem jungen Munde.
Ihr Gebot geschah zur Stunde. (396, 20)
Da meisterte Frau Minne
(Wohl hat die Kraft und Sinne)
Im Bund mit herzlicher Treu
Der beiden Minne wieder neu.
Obiens Hand dem Kleid entschlüpfte, (396, 25)
Meljanzens Armbinde lüpfte:
Mit Weinen küsst' ihr roter Mund
Ihn, der von der Tjost noch wund.
Manche Zähre seinen Arm begoss,
Die ihr aus lichten Augen floss.
Wer macht sie vor dem Volk so dreist? (397, 1)
Die Lieb ermutigt allermeist.
Lippaut sah seinen Wunsch vollbracht:
Er hatte Liebres nie erdacht,
Da ihm Gott die Ehre zuerkannte, (397, 5)
Dass er die Tochter Herrin nannte.

   Wie man die Hochzeit beging
Fragt den, der Gabe dort empfing,
Und die beim Feste ritten.
Ob sie ruhten oder stritten, (397, 10)
Das ist mehr, als ich berichten kann.
Man sagte mir, dass Gawan
Auf dem Saale Urlaub nahm,
Zu dem er Urlaubs willen kam.
Wohl weinte Obilot da viel. (397, 15)
Sie sprach: "Nun führt mich mit euch hin."
Da ward der jungen süßen Magd
Von Gawan dieser Wunsch versagt.
Die Mutter kaum sie von ihm brach,
As er des Abschieds Worte sprach. (397, 20)
Lippaut, der holdes Herz ihm trug,
Der bot ihm Dienste da genug.
Scherules, sein stolzer Wirt,
Mit den Seinen nicht versäumen wird,
Den Helden zu geleiten (397, 25)
Es ging durch Waldesweiten.
drum sandt' er Jäger vor mit Speise
Ihn zu versorgen auf der Reise.
Urlaub nahm der Degen wert:
Mit Kummer war Gawan beschwert.

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